Der Findling. Zweiter Band.

Part 14

Chapter 143,649 wordsPublic domain

»Nein... morgen glaub' ich nicht... ich habe dringende Arbeiten in der Heizkammer.... Es wird unmöglich sein!«

Am nächsten Tage stellte sich der gute Grip aber ebenso ein wie vorher, womöglich noch eine Stunde früher, und -- wunderbar! -- seine Haut wurde von Tag zu Tag weißer.

Grip war jetzt offenbar in der Seelenstimmung, einen Antrag, seinen bisherigen Beruf zu verlassen, gern anzunehmen und als Theilhaber in die Firma Little Boy and Co. einzutreten. Findling hütete sich aber weislich, diese Angelegenheit wieder zu berühren. Besser, Grip käme selbst darauf zu sprechen.

Das war auch zu Anfang des Juni in bescheidenem Maße der Fall.

»Na, das Geschäft geht noch immer nach Wunsch? hatte Grip gefragt.

-- Urtheile selbst, erwiderte Findling. Unsre Läden werden niemals leer....

-- Ja... es sind immer Käufer da.

-- Sogar viele, Grip; vorzüglich seitdem Sissy im Verkauf mit thätig ist.

-- Das ist kein Wunder, mein Boy! Ich begreife überhaupt nicht, wie jemand in Dublin... nein, in ganz Irland bei irgend einem andern noch irgendwas kaufen mag als bei ihr.

-- Thatsächlich könnte man nirgends so bedient werden, wie von diesem liebenswürdigen...

-- O, noch mehr... mehr... fiel Grip ein, ohne das rechte Wort zu finden.

-- Nun ja, von diesem bezaubernden jungen Mädchen! setzte Findling hinzu.

-- Es geht also alles gut?

-- Wie ich Dir gesagt habe.

-- Und der Herr Balfour?...

-- Mit Herrn Balfour ebenso.

-- Ich spreche nicht von seinem Gesundheitszustande, antwortete Grip etwas lebhafter. Was geht mich Herrn Balfour's Gesundheit an?...

-- Wohl aber mich, lieber Grip. Er ist uns sehr nützlich. Er ist ein vorzüglicher Buchhalter....

-- Er versteht also seine Sache?

-- Vollkommen.

-- Mir kommt er schon etwas alt vor.

-- Nein, davon merkt man nichts.

-- Hm!«

Dieses Hm! schien zu sagen, daß der Herr Balfour doch baldigst die Grenze des leistungsfähigen Alters erreichen müsse.

Hiermit brach das Gespräch ab. Als Findling der Kat davon erzählte, konnte diese ein leises Kichern nicht unterdrücken.

Sogar Bob machte sich darüber seine eignen Gedanken, und mehrere Tage später fragte er Grip:

»Der »Vulcan« wird wohl bald wieder abdampfen?

-- Ja... man spricht davon... es scheint so, erwiderte Grip, dessen Stirn sich bewölkte, wie der Himmel bei einem Südwestwinde.

-- Und da wirst Du, fuhr and Co. fort, auch wieder die Kessel bedienen?«

Die Augen des ersten Heizers leuchteten auf, als hätte er die Kohlen auf dem Kesselroste schon durch einen Blick allein haben anzünden können. Das kam jedoch wohl nur daher, daß Sissy gerade lächelnd durch den Laden ging und stehend bleibend sagte:

»Grip, würden Sie mir da den Kasten mit Chocolade herunterholen... ich bin nicht groß genug....«

Der Heizer holte sofort den Schubkasten.

... oder auch:

»Würden Sie mir wohl jenen Laib Zucker heruntergeben... ich bin nicht stark genug dazu.«

Und Grip brachte ihr den schweren Zuckerhut.

»Wird Deine diesmalige Reise lange dauern? fragte Bob, dem es -- man sah es an seinen verschmitzten Blicken -- Spaß machte, den Freund etwas auf die Folter zu spannen.

-- Ich fürchte, sehr lange! antwortete der Heizer, den Kopf schüttelnd. Wenigstens vier bis fünf Wochen.

-- Bah, fünf Wochen! Die sind bald dahin. Ich glaubte, Du wolltest fünf Monate sagen.

-- Fünf Monate?... Warum nicht gar gleich fünf Jahre! rief Grip, erschrocken wie ein armer Teufel, der eben zu fünf Jahren Gefängniß verurtheilt wurde.

-- Na... da bist Du also ganz glücklich, Grip?

-- Sapperment... was soll ich denn sein?... Natürlich bin ich's!

-- Nein, Du bist ein rechter... Querkopf!«

Bob lief dabei mit einer bezeichnenden Grimasse davon.

In der That lebte Grip eigentlich gar nicht mehr, denn man kann es nicht leben nennen, wenn einer, in Gedanken versunken, sich überall an den Kopf stößt, wie die Fliege an einer Lampenglocke. So war es für ihn, da er einmal noch nicht zu dem Entschlusse, dazubleiben, kam, ganz gut, daß sein Schiff am 22. Juni wieder abfuhr.

Während seiner jetzigen Abwesenheit ließ sich die Firma Little Boy auf ein auch von O'Brien gern gutgeheißenes Geschäft ein, das reichlichen Gewinn versprach. Es handelte sich um ein neues Spielzeug, von dessen Erfinder Findling das Patent erwarb.

Dieses Spielzeug machte umsomehr Aufsehen, weil es das Haus Little Boy and Co., d. h. weil es zwei Knaben waren, die den Alleinverkauf desselben in die Hand genommen hatten. Zu Beginn der Sommerreisen nach den Seeküsten wollte die ganze kindliche Gentry das Ding haben, das übrigens nicht zu billig war, und Bob, dem der Verkauf zufiel, vermochte oft die Wünsche der Kunden kaum zu befriedigen. Sissy mußte ihm beispringen, und deshalb ging der Handel gewiß nicht schlechter und übertraf in den Einnahmen sogar die der andern Branchen des Geschäfts. Jener besondre Artikel bereicherte die Casse allein um mehrere hundert Guineen. Voraussichtlich betrug das Vermögen des Hauses am Ende des Jahres, den noch regeren Weihnachtsumsatz eingerechnet, gut dreitausend Pfund Sterling.

Das gestattete nun dem jungen Inhaber des »Kleinen Geldbeutels«, Sissy, wenn diese sich verheiraten sollte, eine hübsche Aussteuer mit auf den Weg zu geben. Grip war ja ein recht hübscher junger Mann, der einen vollkommenen Ehemann abgeben mußte und der ihr offenbar gefiel, wenn sie sich auch hütete, das merken zu lassen. Alle im Hause wußten es jedoch ganz gut. Nur Grip schien zu keiner Entscheidung zu kommen; er that, als ob ohne ihn die ganze Maschinerie seines Dampfers in Unordnung kommen müßte, und hatte damals, als Findling von seiner etwaigen späteren Verheiratung sprach, vor Lachen fast bersten wollen.

Natürlich erschien unter diesen Umständen der erste Heizer des am 29. Juli zurückgekehrten »Vulcan« nur noch linkischer, grübelnder, düsterer, kurz, unglücklicher als vorher. Sein Schiff sollte am 15. September wieder auslaufen, und man fragte sich, ob er wohl auch diesmal wieder mitfahren würde.

Das war fast anzunehmen, da Findling -- welche Bosheit! -- fest entschlossen war, die Lösung der in der Luft schwebenden Frage nicht zu beschleunigen, so lange es Grip nicht über sich gewonnen hätte, ausdrücklich davon zu reden und ihn darum zu fragen. Es handelte sich ja um seine große Schwester, die von ihm abhing, für deren Lebensglück er die Verantwortung trug. Die erste Bedingung -- das =sine qua non= -- die er stellte, war aber die, daß Grip seine Seemannslaufbahn aufgab und als Theilhaber in das Handelsgeschäft eintrat.

Einmal wurde nun Grip bezüglich seiner Herzensangelegenheit so sehr an die Mauer gedrückt, daß er sich eigentlich hätte erklären müssen.

Eines Tags, als er sich um die Kat zu thun machte -- und dieser würdigen Frau hätte er sich zuerst vielleicht am liebsten offenbart -- begann die Kat ganz hingeworfen:

»Ist's Ihnen nicht aufgefallen, Grip, daß die Sissy von Tag zu Tag reizender wird?

-- Nein, antwortete Grip, das hab' ich nicht bemerkt. Warum sollte mir's auch aufgefallen sein?... Ich achte doch darauf nicht so besonders...

-- Ah, so, Sie bemerken das also nicht?... Nun, dann machen Sie nur einmal die Augen ordentlich auf, da werden Sie ja sehen, welch wunderhübsches Mädchen wir hier haben. Wissen Sie denn, daß sie bald neunzehn Jahre alt wird?

-- Was?... Schon?... versetzte Grip, der das Alter Sissys auf die Stunde genau kannte. Sie irren sich wohl, Kat!

-- Nein, gewiß nicht... neunzehn Jahre... sie wird nun bald heiraten müssen... Findling wird einen braven Mann für sie suchen, so einen von sechs- bis siebenundzwanzig Jahren... ja, ungefähr wie Sie. Es muß natürlich einer sein, zu dem man volles Vertrauen haben kann... und der nicht der Marine angehört... nicht der Marine... Seemann... Ehemann, das stimmt nicht gut zusammen. Da Sissy außerdem eine hübsche Mitgift bekommt...

-- Die braucht sie gar nicht, warf Grip dazwischen ein.

-- Das ist wahr... eine so liebreizende Person... am letzten Ende ist es aber doch nicht schädlich.... Na, unser junger Herr wird wohl bald den Rechten finden....

-- Er hat wohl schon einen im Auge?

-- Ich glaub' es.

-- Einen, der häufig nach dem Bazar kommt?

-- Sehr häufig.

-- Kenne ich ihn?

-- Nein... mir scheint, Sie kennen ihn nicht, antwortete Kat mit einem Blicke auf Grip, der die Augen niederschlug.

-- Und... der... der gefällt auch Mamsell Sissy? fragte er, wobei ihm die Worte halb in der Kehle stecken blieben.

-- Ja, wer kann das wissen? Bei Leuten, die nicht von der Leber weg reden...

-- Herr Gott, was giebt es doch für Schwachköpfe! rief Grip.

-- Ja, das find' ich allerdings auch!« stimmte die gute Kat ihm zu.

Auch dieser Wink mit dem Zaunpfahle verhinderte den Heizer nicht, acht Tage später mit abzufahren. Als er am 29. October wiederkam, sah man's ihm auf dem Gesicht an, daß er einen großen Entschluß gefaßt hatte, nur gelang es ihm noch nicht, diesen in Worte zu kleiden.

Jetzt hatte er freilich genügende Zeit dazu. Der »Vulcan« sollte zwei Monate lang hier liegen bleiben, um verschiedene nothwendig gewordene Reparaturen daran auszuführen, und zwei Monate reichen doch übrig dazu, ein einziges kleines Wort auszusprechen.

»Mamsell Sissy ist doch noch nicht verheiratet? hatte er die Kat beim ersten Besuche gefragt.

-- Das noch nicht... lange wird's aber nicht mehr dauern... Es brennt schon!« antwortete darauf die gute Frau.

Nach Abtakelung des »Vulcan« hatte Grip an Bord selbstverständlich nichts zu thun, und folglich hielt er sich sehr häufig -- sagen wir lieber immer -- im Bazar von Little Boy auf. Höchstens wenn er hier gleich wohnte, hätte er noch mehr daselbst sein können. Während seiner ganzen Urlaubszeit kamen die Sachen jedoch keinen Schritt weiter.

Als die Reparaturen des »Vulcan« in der dazu bestimmten Frist beendigt waren, sollte er eine Woche später wieder in See gehen. Und dieser Schwachkopf von Grip hatte den Mund noch immer nicht aufgethan -- wenigstens nicht, um das zu sagen, was man von ihm erwartete.

Da ereignete sich in der ersten Decemberwoche ein unerwarteter Zwischenfall.

Ein an O'Brien gerichteter Brief, die Antwort auf dessen letzte Anfrage in Australien, brachte folgende Nachrichten:

Martin und Martine Mac Carthy, Murdock, dessen Frau und Töchterchen, sowie Sim und Pat, die jenen gefolgt waren, hatten sich in Melbourne zur Rückkehr nach Irland wieder eingeschifft. Das Glück war ihnen auch hier nicht günstig gewesen und sie kamen ebenso elend heim, wie sie einst fortgegangen waren. Das Emigrantenschiff, auf dem sie sich befanden, der Segler »Queensland«, konnte vor Ablauf von drei Monaten in Queenstown schwerlich eintreffen.

Unsern Findling betrübten diese Nachrichten recht schmerzlich, meldeten sie ihm doch, daß die Familie Mac Carthy auch heute noch unglücklich, ohne Arbeit und ohne Mittel sei. Er sollte aber wenigstens seine Adoptiveltern wiedersehen, sollte endlich die Genugthuung haben, ihnen beistehen zu können. Ja, wenn er zehnmal so vermögend gewesen wäre, um ihre Lage zehnmal besser gestalten zu können!

Den Brief, den er sich von O'Brien erbeten hatte, verschloß er in seinem Schreibtische, und -- wunderbar! -- von jenem Tage ab erwähnte er desselben mit keiner Silbe und sprach auch überhaupt nicht mehr von den früheren Pächtern von Kerwan.

Jene Nachrichten übten aber einen unerwarteten Einfluß auf Grip aus. Das Menschenherz bleibt ja immer gleich, selbst in der Brust eines ersten Heizers. Da sollten die Mac Carthy's heimkehren, die beiden Brüder Sim und Pat, gewiß jetzt ein paar prächtige Burschen, die Findling fast wie leibliche Brüder liebte... wer konnte wissen, ob er nicht einem von diesen diejenige, die fast seine Schwester war, zugedacht hatte? Kurz, Grip wurde eifersüchtig, entsetzlich eifersüchtig, und am 9. December war er fest entschlossen, der Ungewißheit ein Ende zu machen, als Findling ihn zur Seite nahm und sagte:

»Komm nach meinem Comptoir, Grip, ich habe mit Dir zu sprechen.«

Ganz bleich -- er hatte das Vorgefühl, daß es sich um etwas sehr wichtiges handelte -- folgte Grip der Aufforderung Findlings.

Als sie sich allein gegenüber saßen, begann der Chef des »Kleinen Geldbeutels« trocknen Tones:

»Ich werde mich voraussichtlich auf ein umfänglicheres Geschäft einlassen, und dazu braucht' ich Dein Geld.

-- Na, meinte Grip, das giebt nicht sehr viel. Wie viel brauchst Du denn?

-- Alles, was Du in der Sparcasse liegen hast.

-- Nimm, was Du willst.

-- Hier ist Dein Sparbuch. Du mußt es unterzeichnen, damit ich das Geld erheben kann.«

Grip schlug das Buch auf und unterschrieb.

»Was Deine Zinsen betrifft, fuhr Findling fort, sprech' ich davon jetzt nicht.

-- Das ist auch nicht der Mühe werth....

-- Nein, weil Du von heute an Theilhaber der Firma Little Boy and Co. bist.

-- In welcher Eigenschaft?...

-- Nun, als richtiger Associé.

-- Ja... aber mein Schiff?

-- Du verlangst Deine Entlassung.

-- Und mein Beruf?

-- Den giebst Du auf.

-- Weshalb müßt' ich den aufgeben?

-- Weil Du Sissy heiraten sollst.

-- Heiraten?... Ich?... Die Mamsell Sissy! rief Grip, der das gar nicht fassen zu können schien.

-- Ja, ja, sie will es selbst.

-- Wa...s? Sie selbst wollte...

-- Gewiß; und da es Dein Wunsch auch ist...

-- Mein Wunsch... ich weiß nicht... freilich...«

Grip wußte gar nicht, was er antwortete, und hörte kein Wort mehr von dem, was Findling zu ihm sagte. Er ergriff seinen Hut, stülpte ihn auf den Kopf, nahm ihn wieder ab, legte ihn auf einen Stuhl und setzte sich dann selbst darauf, ohne es zu merken.

»Achtung, rief Findling lachend, nun wirst Du Dir zur Hochzeit einen neuen anschaffen müssen.«

Natürlich kaufte er gern einen andern Hut, doch wie er überhaupt zu dieser Heirat gekommen war, das begriff er nimmermehr. Lange Zeit konnte ihn niemand aus seiner Verwunderung reißen... nicht einmal Sissy. Doch, so etwas geht ja mit der Zeit vorüber.

Jedenfalls legte Grip am frühen Morgen des Weihnachtsheiligabends ganz schwarze Kleidung an, als ob er zu einer Beerdigung -- und Sissy ein ganz weißes Gewand, als ob sie zu einem Balle gehen wollte. Findling, Bob und Kat zogen ebenfalls den Sonntagsstaat an, obwohl es Freitag war. Dann holten zwei Wagen alle an der Thür des »Kleinen Geldbeutels« ab, um sie nach der Kapelle in der Bedford-Street zu bringen. Und als Grip und Sissy eine halbe Stunde später das Gotteshaus wieder verließen, da waren sie plötzlich Mann und Frau geworden.

Außer dieser Kleinigkeit hatte sich nichts verändert, als die fröhliche Gesellschaft nach dem Bazar von Little Boy and Co. zurückkehrte. Sofort wurde der Verkauf wieder aufgenommen, denn am Abend vor Weihnachten konnte man doch der zahlreich herbeiströmenden Kundschaft einen so reichlich ausgestatteten Laden nicht verschließen.

XIV.

Das Meer von drei Seiten.

Am 15. März, etwa drei Monate nach der Hochzeit Grips und Sissys, verließ der Schooner »Doris« den Hafen von Londonderry und stach bei günstigem Nordostwind ins Meer.

Londonderry ist die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, die im Norden Irlands an Donegal grenzt. Die Bewohner von London sagen Londonderry, weil diese Grafschaft fast gänzlich Körperschaften der Hauptstadt der Britischen Inseln gehört -- freilich nur in Folge früherer Confiscationen -- und weil Londoner Capital die Stadt wieder aus ihren Ruinen erstehen ließ. Paddy dagegen sagt, weil er nicht anders zu protestieren vermag, einfach Derry, und es wird ihn niemand darum tadeln wollen.

Der am linken Ufer und nahe der Mündung der Foyle gelegne Hauptort der Grafschaft ist eine bedeutendere Stadt. Ihre breiten, luftigen, gut unterhaltenen Straßen zeigen, trotz einer Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen, nicht viel Verkehr. Man findet hier Spaziergänge an der Stelle der alten Wälle, eine bischöfliche Kathedrale auf einem Hügel und auch einzelne, kaum erkennbare Spuren der Abtei St. Columba und des Tempal More, eines merkwürdigen Gebäudes aus dem zwölften Jahrhundert.

Der belebte Hafen führt eine Menge Erzeugnisse aus, Waaren aller Art, Schiefer, Bier und Vieh, aber auch recht viele Auswandrer. Wie viele dieser von der Noth vertriebenen unglücklichen Irländer kehren aber schließlich in die Heimat zurück!

Es ist kein besondres Ereigniß, daß ein Schooner den Hafen von Londonderry verläßt, wo täglich Hunderte von Fahrzeugen die enge Bai des Lough-Foyle hinauf- und herabsegeln. Warum sollte also die Abfahrt der »Doris« auffallen bei einem Schiffsverkehr, der sich jährlich auf sechsmalhunderttausend Tonnen beläuft?

Das ist ja richtig. Die Goëlette verdient aber unsre besondre Aufmerksamkeit, weil sie »Cäsar und sein Glück« trug. Cäsar war in diesem Falle freilich Findling, und sein Glück (oder Vermögen) war die Ladung, die das Schiff nach Dublin bringen sollte.

Der jugendliche Chef von Little Boy and Co. befand sich an Bord der »Doris« aber aus folgenden Gründen:

Nach der Verheiratung Sissys und Grips war der »Kleine Geldbeutel« wegen des neuen Jahres sehr stark beschäftigt gewesen. Da galt es, die Inventur aufzustellen, die zahlreichen Käufer zu befriedigen, den Bazar noch mehr zu erweitern u. s. w. Grip war tüchtig ins Zeug gegangen, obgleich er sein eheherrliches Erstaunen noch nicht überwunden hatte. Der Gatte der reizenden Sissy zu sein, das erschien ihm immer noch wie ein Traum, der jeden Augenblick verschwinden könnte.

»Ich versichere Dir aber, daß Du verheiratet bist, sagte ihm Bob wiederholt.

-- Ja, ja, Bob, es scheint mir auch so, und doch... manchmal kann ich's gar nicht glauben.«

Das Jahr 1887 begann also unter den günstigsten Verhältnissen. Findling konnte nur wünschen, daß alles in gleicher Weise fortginge; nur eine schwere Sorge drückte ihn: das Los der Mac Carthy's sicherzustellen, wenn die armen Leute den Fuß wieder auf irischen Boden setzen würden.

Ueber den »Queensland«, auf dem sie sich befanden, war bisher nichts zu hören gewesen, obwohl Findling alle Seeberichte aufmerksam verfolgte. Erst am 14. März fand er in der »Shipping-Gazette« folgende Zeilen:

»Der Dampfer »Burnside« hat am 3. laufenden Monats den Segler »Queensland« bei Assuncion getroffen.«

Segelschiffe, die von Süden her kommen, können ihre Fahrt nicht durch Benützung des Suezcanales abkürzen, denn es ist schwierig, ohne Maschinenkraft das Rothe Meer hinauf zu fahren. Der »Queensland« mußte also von Australien nach Europa den Weg ums Cap der Guten Hoffnung einschlagen und befand sich demnach jetzt noch auf hoher See. Bei günstigem Winde konnte er nach zwei bis drei Wochen in Queenstown eintreffen. Bis dahin hieß es also sich zu gedulden.

Die Begegnung der beiden Schiffe gab doch wenigstens einen Fingerzeig. Jedenfalls hatte Findling gut daran gethan, jene Nummer der »Shipping-Gazette« zu lesen, schon weil er dabei folgende Anzeige fand:

»Londonderry, den 13. März. -- Uebermorgen, am 15. d., kommt die Ladung des Schooners »Doris« von Hamburg zur öffentlichen Versteigerung. Diese beträgt hundertfünfzig Tonnen und umfaßt Alkohol und Wein in Fässern, Kisten mit Seife, Ballen mit Kaffee, Säcke mit Gewürzen u. s. w. -- Der Verkauf findet statt auf Antrag der Gläubiger, der Herren Gebrüder Harrington u. s. w.«

Findling kam beim Lesen dieser Annonce der Gedanke, daß hier vielleicht etwas zu verdienen sei, da die Fracht der »Doris« bei einer Auction voraussichtlich zu billigem Preise wegging. Die Art der Waaren paßte ja für sein eignes Geschäft, und so ging ihm die Sache so sehr im Kopfe herum, daß er O'Brien deshalb um Rath fragte.

Der Ex-Kaufmann durchlas die Anzeige, hörte die Erwägungen des Knaben an und antwortete nach einiger Ueberlegung:

»Ja, hier wäre wohl ein Geschäft zu machen. Alle diese Waaren ließen sich, wenn man sie billig ersteht, mit hübschem Nutzen verwerthen... doch unter zwei Bedingungen: erstens, daß sie tadelloser Qualität sind, und zweitens, daß man sie fünfzig bis sechzig Procent unter dem Marktpreise erhält.

-- Das ist auch meine Meinung, Herr O'Brien, antwortete Findling; es läßt sich etwas bestimmtes über die Sache nicht eher sagen, als bis man die Ladung der »Doris« selbst besichtigt hat. Ich denke noch heute Abend nach Londonderry zu fahren.

-- Du hast Recht... ich werde Dich begleiten, mein Sohn. Ich verstehe mich auf derlei Waaren, mit denen ich mein Leben lang zu thun gehabt habe.

-- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, nur weiß ich nicht, wie ich Ihnen meine Erkenntlichkeit beweisen kann....

-- Versuchen wir, aus der Sache ein gutes Geschäft zu machen, mehr verlange ich nicht.

-- Dann ist aber keine Zeit zu verlieren, erwiderte Findling, die Versteigerung ist schon für übermorgen angesetzt....

-- Ich bin bereit, mein Sohn; ich brauche nur meine Reisetasche zu holen. Morgen sehen wir uns die Ladung der »Doris« ganz genau an. Uebermorgen kaufen wir sie oder kaufen sie nicht, je nach ihrer Güte und ihrem Preis, und am Abend geht's zurück nach Dublin.«

Findling benachrichtigte Grip und Sissy sofort von seiner Absicht, ein Geschäft zu wagen, das fast seine gesammten Geldmittel in Anspruch nehmen würde. Er vertraute ihnen also für achtundvierzig Stunden die Oberleitung des Bazars »Zum kleinen Geldbeutel« an.

So kurz die Trennung auch war, konnten sich Grip und Bob doch gar nicht darein finden... vorzüglich der kleine Knabe nicht. Seit viereinhalb Jahren war es das erste Mal, daß Findling und er nicht bei einander sein sollten. Auch zwei leibliche Brüder hätte kein innigeres Band verknüpfen können. Sissy sah »ihr liebes Kind« nicht ohne Beunruhigung fortgehen. Eine Abwesenheit von wenigen Tagen hatte am Ende aber doch nicht viel zu bedeuten. Was das Vorgehen Findlings selbst betraf, das auch O'Brien gebilligt hatte, wußte sie ja, daß jener nichts unternehmen würde, was seine Lage erschüttern und einer halsbrecherischen Speculation ähnlich sein könnte. Mit dem Zuge zehn Uhr abends fuhren die beiden Kaufleute, der alte und der junge, ab. Diesmal kam Findling über Belfast, die Hauptstadt der Grafschaft Down hinaus... Belfast, wo er seine liebe Sissy wiedergefunden hatte. Am folgenden Morgen um acht Uhr langten die beiden Reisenden am Bahnhofe in Londonderry glücklich an.

Wie seltsam doch das Schicksal spielt! In Londonderry, wo er jetzt ein bedeutendes Handelsgeschäft abschließen wollte, befand sich Findling nur dreißig Meilen weit von dem Weiler Rindock, im Herzen von Donegal, wo sein Leben unter so elenden Verhältnissen begonnen hatte. Ein Dutzend Jahre waren vergangen, er hatte inzwischen ganz Irland durchstreift und wie viel Glückswechsel erlitten, wie viele Widerwärtigkeiten zu besiegen gehabt! Mußte er nicht unwillkürlich an die jetzige Veränderung seiner Lage denken?

O'Brien unterwarf die Ladung der »Doris« einer sehr eingehenden Prüfung. Der Qualität und der Art nach entsprachen die Waaren vollständig den Ansprüchen des Hauses zum »Kleinen Geldbeutel«. Konnte er sie billig erstehen, so erzielte er damit einen großen Gewinn, der sein Capital mindestens vervierfachte. Der alte Kaufmann hätte auch nicht gezögert, dieses Geschäft für eigne Rechnung zu unternehmen. Er rieth Findling sogar, den Gebrüdern Harrington noch vor der Auction einen annehmbaren Preis zu bieten.

Der Rath erwies sich gut. Findling traf mit den Gläubigern der »Doris« ein Uebereinkommen und erhielt die ganze Ladung zu einem desto annehmbareren Preise, als er sofortige Bezahlung dafür leistete. Wenn schon die Jugend des Käufers die Verwunderung der Herren Harrington erweckte, so that das der Scharfsinn, womit dieser sein Interesse wahrnahm, nur noch viel mehr. Da sich auch O'Brien persönlich verbürgte, wickelte sich die Angelegenheit ganz allein ab und wurde bei der ersten Verhandlung darüber mittelst eines Checks auf die Bank von Irland geregelt.

Für dreitausendfünfhundert Pfund -- fast das ganze Vermögen Findlings -- erhielt dieser die ganze Ladung der »Doris«, nach Abschluß des Geschäfts aber konnte er sich einer gewissen Erregung doch nicht ganz erwehren.