Der Findling. Zweiter Band.

Part 13

Chapter 133,704 wordsPublic domain

-- Höre mich an, Grip. Wir brauchen einen Gehilfen, auf den wir uns unbedingt verlassen können. Warum weigerst Du Dich, als solcher einzutreten?

-- Ich verstehe nichts von Eurer Buchführung.

-- Die würdest Du in kurzer Zeit erlernen.

-- Dann hab' ich auch den O'Bodkins, da unten in der Lumpenschule, sich genug damit abmühen sehen. Nein, mein Boy, nein! Auf dem Lande bin ich so unglücklich gewesen, auf dem Meere bin ich so glücklich. Ich fürchte mich ordentlich vor dem Lande. Ach, wenn Du erst ein großer Handelsherr bist und eigne Schiffe hast, dann... dann fahr' ich nur für Dich, das versprech' ich Dir!

-- Wir wollen ernsthaft sprechen, Grip. Bedenk' einmal, daß Du Dich später doch einmal recht vereinsamt fühlen könntest. Wenn Dir's nun einfiele, zu heiraten...

-- Zu hei...raten!... Ich?

-- Ja, Du!

-- Was? Ich, der heimatlose Grip, ich sollte eine Frau haben?... Und Kinder noch obendrein?

-- Natürlich... so wie alle andern Leute, bemerkte Bob mit dem Tone eines Mannes von gereiftester Erfahrung.

-- Wie alle andern?

-- Gewiß, Grip, ich selbst sogar...

-- Nun hör' einer den Knirps... was der davon versteht!

-- Er hat aber Recht, erklärte Findling.

-- Und Du, mein Boy, Du denkst wohl auch daran...

-- Das könnte später wohl der Fall sein.

-- Sehr schön! Da ist der eine dreizehn, der andre kaum neun Jahre alt, und sie sprechen schon vom Heiraten!

-- Von uns ist nicht die Rede, Grip, doch von Dir, der Du bald fünfundzwanzig Jahre alt bist.

-- Nein, mein Junge, überlege Dir doch! Ich... mich verheiraten!... Ein Heizer, der während zwei Dritteln seines Lebens schwarz aussieht wie ein Neger!

-- Aha, rief Bob lachend, Grip fürchtet, seine Kinder könnten auch kleine Negerbuben werden.

-- Das wäre schon möglich, antwortete Grip. Ich dürfte eigentlich nur eine Negerin heiraten oder höchstens eine Rothhaut aus dem Innern von Amerika.

-- Grip, nahm Findling wieder das Wort, Du thust unrecht, zu scherzen. Wir sprechen ja einzig in Deinem Interesse. Die Zeit wird kommen, wo es Dich reuen dürfte....

-- Was willst Du denn, mein Boy... Ich weiß ja, Du bist verständig... es wäre auch so schön, beieinander zu wohnen. Bisher hat mich mein Beruf aber ernährt; er wird mich auch später ernähren, und ich kann's mir gar nicht vorstellen, ihn aufgeben zu sollen.

-- Nun, wie Du willst, Grip. Hier wird immer Raum für Dich sein, und es sollte mich doch sehr wundern, wenn ich Dich nicht eines Tages noch hinter dem Pulte als Geschäftstheilhaber sitzen sähe.

-- Da müßt ich mich erst stark verändert haben....

-- Das wird schon kommen, Grip. Jeder Mensch verändert sich, und das ist auch ganz recht, denn es geschieht, um sich zu verbessern...«

Grip gab jedoch keinem Zureden nach. Er liebte einmal seinen Beruf, stand bei seinen Rhedern gut angeschrieben, der Kapitän des »Vulcan« schätzte und seine Kameraden liebten ihn. Um Findling aber nicht gar so sehr zu betrüben, sagte er:

»Wir werden ja sehen... bei meiner Rückkehr!«

Wenn er dann wiederkam, wiederholte er freilich nur, was er bei der Abreise gesagt hatte:

»Wir werden ja sehen... werden ja sehen!«

Little Boy and Co. mußten also für die schriftlichen Arbeiten einen Commis anstellen. O'Brien sendete ihnen einen alten Buchhalter, Balfour mit Namen, zu, für den er gutsagte und der seine Sache aus dem Grunde verstand. Grip war es aber doch nicht!

Das Jahr verlief vortrefflich, und als genannter Balfour aus den Büchern die Lage des Geschäftes feststellte, ergab sich -- an Waaren und an Depositen bei der Bank von Irland -- ein Vermögensstand von tausend Pfund Sterling.

Zu dieser Zeit -- im Januar 1885 -- trat Findling ins vierzehnte Lebensjahr und Bob war nun neuneinhalb Jahre alt. Gesund und kräftig, spürten sie nichts mehr von dem früheren elenden Leben. Es war edles gaëlisches Blut, das in ihren Adern floß, wie der Shannon, die Lee oder die Liffey, die durch Irland strömen, um es immer frisch zu beleben.

Der Bazar blühte immer weiter. Findling war offenbar auf dem Wege zu Glück und Wohlstand. Von gewagten Speculationen hielt er sich fern, obgleich er nicht der »Mann« dazu war, eine sich bietende günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen.

Immerfort beunruhigte ihn jedoch das Schicksal der Mac Carthy's. Auf Erkundigungen, die er von Melbourne in Australien einzog, wurde ihm nur die Antwort zutheil, daß man die Spuren der gesuchten Familie gänzlich verloren habe, was in dem großen, in seinem Innern kaum bekannten Lande ja so häufig vorkommt. Mittellos, wie sie waren, hatten Martin und seine Kinder wahrscheinlich nur auf irgend einer weit entlegenen Schafzüchterei Arbeit finden können, doch wo?... Wer hätte das zu sagen vermocht?

Ueber Pat war seit dem Abgange von der Firma Macuard auch nichts bekannt geworden, und möglicherweise hatte sich dieser zu seinen Eltern nach Australien begeben.

Neben der Sorge um die Mac Carthy's bekümmerte Findling nur noch die um Sissy, seine Leidensgenossin bei der Hard. An die letztere selbst, sowie an den grausamen Thornpipe und an die hochfahrenden Piborne's dachte er gar nicht mehr.

Höchstens bezüglich der Miß Anna Walston wunderte er sich, sie noch niemals auf einem Dubliner Theater wieder haben erscheinen zu sehen, doch war er unschlüssig, ob er, wenn das doch einträte, zu ihr gehen sollte oder nicht.

»Und Carker?... Ist der endlich gehenkt worden?«

So lautete unverändert Grips Frage nach jeder Heimkehr des »Vulcan«, sobald er den Laden »Zum kleinen Geldbeutel« betrat. Auf die Antwort, daß man ihm darüber nichts sagen könne, durchwühlte Grip die alten Zeitungen, ohne etwas zu finden, was sich »auf den vollendetsten Galgenstrick der Lumpenschule« bezogen hätte.

»Nun, wir wollen's abwarten. Nur ein wenig Geduld!

-- Warum sollte denn Carker nicht ein ganz braver Bursche geworden sein können?

-- Er?... rief Grip,... er, der Schlingel?... Nein, dann könnte es einem leid werden, ehrenhaft zu sein.«

Kat, der die Geschichte der Verwahrlosten von Galway bekannt war, stimmte mit Grip darin überein, wie überhaupt in allem, bis auf den einen Punkt, daß Kat den Grip stets drängte, das Seefahren aufzugeben, was dieser wieder hartnäckig verweigerte. Mit Ende des Jahres war denn diese Frage auch um keinen Schritt vorwärts gekommen.

Jetzt war der 25. November; es herrschte schon voller Winter. In großen Flocken fiel der Schnee herab, der leichten Federn gleich auf der Erde hintrieb. Es war einer jener eisigen Tage, an denen man am liebsten in der warmen Stube bleibt.

Findling konnte das heute jedoch nicht. Am Morgen hatte er einen Brief eines seiner Lieferanten in Belfast erhalten. Die Ausgleichung einer Rechnung drohte dort einen Proceß herbeizuführen, und Processe soll man in jedem Falle möglichst zu vermeiden suchen. Das war wenigstens die Ansicht O'Brien's, und dieser drängte den Knaben auch, selbst nach Belfast zu reisen und jene Angelegenheit so gut wie möglich persönlich zu erledigen.

Findling mußte ihm Recht geben und beschloß diesem Rathe sofort zu folgen. Es handelte sich ja nur um eine Eisenbahnfahrt von kaum hundert Meilen. Wenn er um neun Uhr abreiste, traf er noch denselben Vormittag in Belfast ein, der Nachmittag mußte genügen, mit seinem Geschäftsfreunde ins reine zu kommen, und vor Mitternacht hoffte er wieder zu Hause sein zu können.

Bei einer so knapp bemessenen Zeit kann ein Reisender den Einzelheiten der Fahrt keine große Aufmerksamkeit schenken. Dazu flog der Zug sehr schnell dahin, einmal längs der Küste und dann wieder mehr im Innern des Landes. Von der Grafschaft Dublin aus durcheilte er die Grafschaft Meath und hielt nur einige Minuten in Drogheda, einem nicht unbedeutenden Hafen, von dem Findling freilich nichts sah, ebenso wenig wie von dem eine Meile davon entfernten berühmten Schlachtfelde von Boyne, das den schließlichen Sturz der Dynastie der Stuart's sah. Weiter rastete der Zug einmal in der Grafschaft Louth in Dunkalk, einer der ältesten Städte der Grünen Insel, wo der berühmte Robert Bruce einst gekrönt wurde. Hierauf gelangte er nach der Provinz Ulster, wo die Grafschaft Donegal unsern jungen Reisenden an sein früheres Elend erinnerte. Nach Durchschneidung der Grafschaften Armagh und Down überschritt der Zug endlich die Grenze von Antrim.

Antrim, das Land des vulkanischen Bodens und der wilden Höhlen, hat Belfast als Hauptstadt; ihrem Handel und ihrer Flotte von drei Millionen Tonnengehalt nach ist das die zweite Stadt Irlands, ebenso durch ihre Einwohnerzahl von fast zweimalhunderttausend Köpfen, durch ihren intensiven, meist auf Lein gerichteten Feldbau, wie durch ihre Industrie, die sechzigtausend Arbeiter in hundertsechzig Spinnereien beschäftigt, und durch ihre wissenschaftlichen Bestrebungen, von deren Bedeutung das Queen's-College Zeugniß giebt.

Belfast liegt an der engen Ausmündung des Laganflusses, von dem ein Canal durch die vorgelagerten Sandbänke führt. Leichtbegreiflicherweise herrschte an einem so gewerbthätigen Punkte, wo die politische Erregung durch die Berührung, oder besser durch den Zusammenprall persönlicher Interessen wach gehalten wird, immer hitziger Streit zwischen Protestanten und Katholiken. Die ersten sind Feinde der Unabhängigkeit, die die andern erstreben. Die einen mit dem Feldgeschrei »Oranien«, die andern mit einem gelben Bande als Erkennungszeichen, kommen sie oft miteinander ins Handgemenge, regelmäßig aber am 7. Juli, dem Jahrestage der Schlacht von Boyne.

Obwohl heute nicht der 7. Juli war und die Temperatur vier Grad unter Null betrug, herrschte in der Stadt doch der helle Aufruhr. Die Parnelliten und die Parteigänger der »Land League« und des Landlordismus waren in bittern Streit gerathen. Der Sitz der »Gesellschaft zur Verbreitung der Leincultur«, an den sich die meisten Fabriken der Stadt anschließen, hatte sogar ganz besonders geschützt werden müssen.

Findling, der ja nicht im entferntesten um politischer Streitfragen willen hierher gekommen war, begab sich zunächst zu seinem Lieferanten, den er auch glücklicherweise antraf.

Der Mann war nicht wenig erstaunt, als sich ihm ein so junger Knabe in seinem Bureau vorstellte, ebenso aber über den Scharfsinn und die Einsicht, womit dieser seine Interessen vertrat. Bald war alles zu beiderseitiger Zufriedenheit geordnet. Zwei Stunden hatten dazu hingereicht und Findling wollte nun in der Nähe des Bahnhofs zum Essen gehen. Hatte er die heutige Reise schon nicht zu bereuen, da sie ihm einen Proceß ersparte, so sollte der Besuch von Belfast ihm doch noch eine andre Ueberraschung bereiten.

Es wurde bereits dunkel und hatte zu schneien aufgehört, nur herrschte noch eine recht empfindliche Kälte.

Vor einer großen Fabriksanlage der Stadt vorübergehend, wurde Findling durch einen Haufen von Menschen aufgehalten, der die Straße völlig sperrte. Es war grade Zahltag in den Fabriken, und eine für die folgende Woche angekündigte Lohnverkürzung hatte eine große Arbeiterschaar gewaltig in Erregung versetzt.

Die Leinindustrie wurde in Belfast von Emigranten nach Aufhebung des Edicts von Nantes eingeführt, deren Nachkommen noch heute in derselben thätig sind. Die betreffende Fabrik gehörte einer anglicanischen Gesellschaft, deren Arbeiter aber zum größten Theile Katholiken waren, und diese gaben ihrem Unwillen nun in lärmendster und rohester Weise Ausdruck.

Auf das anfängliche Geschrei folgten schwere Drohungen und bald wurden Thüren und Fenster des Etablissements mit Steinen beworfen. Da trabte aber auch schon eine Abtheilung Polizisten in die Straße ein, um die Zusammenrottung zu zerstreuen und die Rädelsführer zu verhaften.

Um den Zug nicht zu versäumen, suchte Findling aus dem Tumulte zu entkommen; vergeblich. Der Gefahr ausgesetzt, umgeworfen, gesteinigt oder durch den Angriff der berittenen Constabler zermalmt zu werden, flüchtete er sich in eine Hausthüröffnung, als gerade fünf oder sechs Arbeiter, von wuchtigen Schlägen getroffen, in der Nähe niederstürzten.

Neben ihm lag ein junges weibliches Wesen, eines jener armen, blassen entkräfteten Fabriksmädchen, die, obwohl achtzehn Jahre zählend, doch kaum zwölf Jahre alt zu sein schien. Zur Erde geworfen, rief sie noch:

»Zu Hilfe!... Zu Hilfe!«

Diese Stimme?... Findling glaubte sie zu kennen; es dämmerte wie eine alte Erinnerung in ihm auf... er konnte kein Wort hervorbringen... sein Herz schlug zum Zerspringen...

Als die zum Theil zurückgetriebene Menge die Straße etwas frei ließ, beugte er sich über das arme Mädchen nieder. Diese war bewußtlos. Er hob ihren Kopf in die Höhe und wendete das Gesicht dem Lichte einer Gasflamme zu....

»Sissy!... Sissy!« murmelte er.

In der That war es Sissy, die ihn aber nicht hören konnte.

Ohne sich über seine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, hob er die Unglückliche, als ob sie ihm angehört hätte, und wie ein Bruder die Schwester, einfach auf und brachte sie, ohne daß das Mädchen noch wußte, was mit ihr geschah, nach dem nahen Bahnhof.

Als der Zug abfuhr, lag Sissy in einem Coupé erster Classe bequem und noch immer halb bewußtlos auf den Polstern und neben ihr kniete Findling, der sie rief... anredete... sie umarmte....

Nun, er hatte ja wohl ein Recht darauf, Sissy, die Gefährtin seiner Leiden, zu entführen, und wenn sie bei jemand ein Anrecht auf Samariterhilfe besaß, dann war es doch bei diesem Knaben, den sie früher so oft gegen die Mißhandlungen durch die abscheuliche Hard geschützt hatte.

XIII.

Farben- und Standeswechsel.

Am 16. November 1885 gab es in ganz Irland -- vielleicht nirgends auf der Erde -- eine so große Summe von Glück, wie im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel«.

Sissy ruhte noch im besten Zimmer des Hauses. Findling stand an ihrem Lager. Jetzt hatte sie in ihm das Kind wiedererkannt, das einst durch ein Mäuseloch aus der Höhle der Hard entwichen und das jetzt zum kräftigen, blühenden Knaben geworden war.

Zur Zeit ihrer Trennung von einander zählte sie kaum sieben Jahre, heute war sie achtzehn Jahre alt, doch schien es fraglich, ob sie nach so vielen Anstrengungen und Entbehrungen sich zu dem schönen jungen Mädchen entwickeln würde, das sie zu werden versprach, wenn sie unter günstigeren Verhältnissen gelebt hätte. Seit fast elf Jahren hatten die beiden sich nicht gesehen, und doch erkannte Findling Sissy sofort schon an der Stimme, und auch das junge Mädchen erinnerte sich genau an alles, was den kleinen schwächlichen Knaben von früher betraf.

Von diesen Dingen sprachen sie, sich an den Händen haltend, und blickten in die Vergangenheit wie in einen Spiegel ihres Elends zurück.

Kat, die dabei war, konnte ihre zärtliche Theilnahme nicht verhehlen. Bob gab seiner Freude in lauten Jubelrufen Ausdruck, denen Birk mit verhaltenem Bellen antwortete. Auch O'Brien fehlte als Zeuge dieser Scene nicht. Selbst der Commis Balfour würde die allgemeine Aufregung getheilt haben, wäre er nicht im Comptoir mit dem Rechnungswesen des Hauses Little Boy and Co. angestrengt gewesen. Alle hatten von Sissy -- wie von der Familie Mac Carthy -- so häufig sprechen hören, daß sie nur noch deren persönliche Bekanntschaft zu machen brauchten. Für alle war sie eine ältere Schwester Findlings, die ins Haus zurückkehrte, als hätte sie es erst gestern verlassen.

Nur Grip fehlte in dem Kreise; man darf aber glauben, daß er das junge Mädchen seines Boy, obwohl er diese nie gesehen hatte, auf den ersten Blick erkannt hätte. Der »Vulcan« konnte übrigens nicht mehr lange ausbleiben, und dann erst würde die Familie vollzählig sein.

Das Leben des jungen Mädchens war bisher das aller armen Kinder in Irland gewesen. Sechs Monate nach Findlings Flucht starb die Hard in einem Tobsuchtsanfalle und Sissy war in das Armenhaus von Donegal zurückgebracht worden, wo sie noch zwei Jahre blieb. Dann mußte sie hier andern Unglücklichen Platz machen. Sie zählte damals neun Jahre, und mit diesem Alter muß man schon selbst für sich sorgen können. Kann ein Mädchen dann nicht in Dienst gehen, eine »Maid« werden, als welche sie ohne Lohn nur für Wohnung und Beköstigung arbeitet, so findet sie wohl Beschäftigung in einer Fabrik. Deshalb sandte man Sissy nach Belfast, wo die Spinnereien ein ganzes Heer von Arbeitern brauchen. Da lebte sie von einem Tagesverdienst von einigen Pence inmitten einer ungesunden Atmosphäre, hier- und dorthin gestoßen und hart angefahren, ohne jemand zur Vertheidigung zu haben, doch immer gut, sanft, dienstbereit, und übrigens an Widerwärtigkeiten des Lebens schon lange Zeit gewöhnt.

Jener Zeit hielt Sissy eine Besserung ihrer Lage für ganz unmöglich; doch gerade, als sie verzweifelte, daß irgend jemand sie dieser entreißen könnte -- da ergriff sie eine rettende Hand, die Hand des Kleinen, dem ihre ersten Liebkosungen gegolten hatten und der jetzt der Chef eines Handelshauses war. Ja, er hatte sie aus der Hölle in Belfast befreit, und jetzt befand sie sich bei ihm, wo sie Geschäftsdame werden sollte, nicht etwa Dienerin....

Sie?... Eine Dienerin?... Das hätte die Kat nicht gelitten und Bob ebensowenig, wie Findling es erlaubt hätte.

»Da willst mich also bei Dir behalten? fragte sie.

-- Ob ich das will, Sissy!

-- Ich werde aber wenigstens arbeiten, um Dir keine Last zu sein.

-- Jawohl, liebe Sissy.

-- Und was werd' ich zu thun haben?

-- Vorläufig gar nichts, Sissy.«

Weiter war jetzt nicht zu kommen, in der That wurde Sissy aber acht Tage später -- auf ihren bestimmten Wunsch -- im Laden angestellt, nachdem sie sich mit dem Verkauf vertraut gemacht hatte, und hier bildete das zierliche junge Mädchen, die schon wieder merkwürdig aufgeblüht war, ein neues Zugmittel für die Kundschaft.

Ein lebhafter Wunsch Sissys war es da, den ersten Heizer des »Vulcan« einmal die Schwelle des Hauses überschreiten zu sehen. Sie kannte das Verhalten Grips in der =Ragged-School= und wußte, daß er ihre Schützerrolle gegenüber dem Kinde, nachdem sich dieses der rohen Hard entzogen, übernommen hatte. Wie sie ihn einst gegen die Hard schützte, so hatte er den Knaben später gegen Carker und dessen Spießgesellen in Schutz genommen. Ohne die Aufopferung des wackern Burschen wäre der Kleine ja gar in den Flammen umgekommen. Der erste Heizer konnte bei seiner Rückkehr also auf den besten Empfang rechnen. Besondre Umstände verzögerten die Heimkehr des Schiffes diesmal aber bis zum Ende des laufenden Jahres.

Die am 31. December 1886 gezogene Bilanz ergab ein noch günstigeres Resultat als die früheren. Mehr als zweitausend Pfund Sterling betrug schon das reine Vermögen des Hauses »Zum kleinen Geldbeutel«. O'Brien hatte das nach Durchsicht der Bücher bestätigt. Der ehrliche Kaufmann konnte den jungen Chef zu diesem Erfolge nur beglückwünschen, legte ihm dabei aber ans Herz, immer mit so weiser Vorsicht wie bisher zu Werke zu gehen.

»Schwerer ist es oft, sich sein Vermögen zu erhalten, als es zu erwerben, sagte er zu Findling bei Zurückgabe der Geschäftsbücher.

-- Sie haben Recht, erwiderte dieser, doch glauben Sie mir, Herr O'Brien, daß ich mich nie auf Irrwege locken lassen werde. Immerhin bedaure ich, daß die in der Bank von Irland liegenden Summen keine lohnendere Verwendung finden sollen. Das ist Geld im Schlaf, und wenn man schläft, arbeitet man nicht.

-- Nein, mein Sohn, man ruht aber aus, und Ruhe ist dem Gelde ebenso nothwendig, wie dem Menschen.

-- Und doch, Herr O'Brien, wenn sich eine gute Gelegenheit böte...

-- Die dürfte nicht nur gut, sie müßte ausgezeichnet sein.

-- Zugegeben, in einem solchen Falle aber weiß ich, würden Sie mir selbst rathen...

-- Davon Nutzen zu ziehen?... Natürlich, mein Sohn, wenigstens wenn die Sache zu Deinem jetzigen Geschäftsbetriebe paßt.

-- Das ist auch für mich Bedingung, Herr O'Brien, und es wird mir nie einfallen, mich auf Speculationen einzulassen, die auf mir unbekanntem Gebiete liegen. Wenn man jedoch mit Klugheit vorgeht, kann man wohl versuchen, sein Geschäft zu erweitern.

-- Es wäre unrecht von mir, Dich davon abzuhalten, mein Sohn, und wenn ich ein ganz sicheres Geschäft aufspüre... nun ja... vielleicht... doch, das wird sich finden.«

Aus kluger Vorsicht wollte sich der Exkaufmann nicht zu sehr binden.

Ein Tag, der im Kalender des »Kleinen Geldbeutels« roth angestrichen zu werden verdient hätte, war der 23. Februar.

Auf einer hohen Leiter stehend, wäre Bob beinahe heruntergepurzelt, als er sich anrufen hörte mit den Worten:

»He, da sitzt einer auf der Bramstenge!... Heda!

-- Grip! rief Bob, der herunterglitt, wie die Jungen auf einem Treppengeländer.

-- Ja, ich bin's, and Co!... Findling geht es doch gut, Knirps?... Kat ebenfalls?... Und Herrn O'Brien auch?... Ich habe doch keinen vergessen?

-- Keinen?... Und mich, Grip?«

Diese Worte kamen von einem jungen Mädchen, die freudestrahlend auf den ersten Heizer des »Vulcan« zutrat und ihm ohne Umstände einen Kuß auf jede Wange drückte.

»Wa... was? rief Grip ganz verdutzt. Mein Fräulein... ich kenne Sie ja gar nicht... Umarmt und küßt man denn hier die Leute, ohne sie zu kennen?

-- Nun so fange ich erst wieder an, wenn wir mit einander bekannt geworden sind....

-- Das ist ja Sissy, Grip!... Sissy!... Sissy!« wiederholte Bob laut auflachend.

Eben traten Findling und die Kat ein. Der Teufelskerl, der Grip, wollte jetzt aber nichts von einer weiteren Erklärung hören, als bis er dem Mägdlein die erhaltenen Küsse richtig heimgezahlt hätte. Bei Sanct Patrick! Sissy erschien ihm doch gar zu reizend und thaufrisch! Und da er von Amerika ein kostbares Herren-Reisenecessaire mit Stiefelknecht, Rasiermesser und Seifenbecken -- für die spätere Zeit seines Boy bestimmt -- mitgebracht hatte, behauptete er flottweg, dieses für Sissy gekauft zu haben, deren Anwesenheit im Bazar des Little Boy er geahnt hätte -- und Sissy mußte sich schon drein fügen, sein Geschenk anzunehmen, was der eigentliche Empfänger desselben auch ohne Murren geschehen ließ.

Jetzt gab es in dem Magazin der Bedford-Street herrliche Tage. War er nicht an Bord zurückgehalten, so »lichtete« Grip »hier gar nicht mehr die Anker«. Im Comptoir des »Kleinen Geldbeutels« befand sich offenbar ein Magnet, dessen Anziehungskraft bis zu den Docks reichte und der ihn bei Sissy festhielt. Den Naturgesetzen kann einmal keiner widerstehen. Findling hatte es sehr bald bemerkt.

»Nicht wahr, sie ist nett, meine große Schwester? fragte er eines Tages Grip.

-- Deine große Schwester, mein Boy?... O, es wäre gar nicht hübsch, es wäre häßlich von ihr, wenn sie das nicht ganz von selbst wäre!... Es wäre garstig von ihr!

-- Garstig... Sissy?... Ich bitte Dich, Grip!...

-- Ja, ja, ich spreche dummes Zeug... das heißt, weil ich's nicht besser von mir geben kann. Ja, wenn ich mich auszudrücken verstände...«

Er drückte sich ja ganz gut aus, mindestens nach Ansicht der Kat, und seit der Rückkehr Grips waren kaum drei Wochen verstrichen, als sie zu Findling sagte:

»Unser Grip gleicht jetzt den Thieren in der Mauser. Erst ganz schwarz, bekommt er schon langsam die natürliche Farbe wieder, die weiße Farbe, und mir ahnt, er wird nicht mehr lange auf dem »Vulcan« bleiben.«

Das war auch die Meinung O'Brien's.

Und doch war, als der »Vulcan« am 15. März nach Amerika abdampfte, dessen erster Heizer, den die ganze Familie nach dem Hafen begleitet hatte, wieder auf seinem Posten, als hätte der Dampfer gerade seiner Dienste nicht entrathen können.

Als er am 13. Mai nach achtwöchentlicher Abwesenheit zurückkehrte, erschien seine »Farbenveränderung« noch bemerkbarer als früher. Natürlich wurde ihm der herzlichste Empfang zu Theil. Findling, die Kat und Bob drückten ihn an sich. Er selbst blieb aber etwas zurückhaltender und begnügte sich, Sissy einen Kuß auf die linke Wange zu geben, so wie diese ihn nur mit einem einzigen auf die rechte Wange begrüßt hatte. Grip wurde nachdenklicher und Sissy immer ernsthafter, wenn sie bei einander waren, und das drückte sich auch durch eine gewisse Geniertheit bei dem abendlichen Zusammensein aller aus. Sagte dann Findling, wenn die Abschiedsstunde Grips gekommen war, zu diesem:

»Nun, also auf Wiedersehen morgen!«

... so antwortete dieser wohl: