Part 12
Natürlich wurde hier die Kundschaft mit größter Höflichkeit und Zuvorkommenheit behandelt. Findling hatte die Augen überall und Bob mit dem Lockenkopfe sprang hin und her, um jeden nach Wunsch zu bedienen. Sogar Damen aus dem vornehmen Viertel kamen zu Wagen an und machten es sich zum Vergnügen, wenigstens das Spielwaarenlager Findlings bald zu vermindern oder gar zu leeren.
Mit einem Worte, Findling konnte sich eines glänzenden Erfolges rühmen, und um sich diesen auch weiter zu sichern, ließ er sich's an keiner Mühe fehlen.
Als der »Vulcan« in Dublin wieder eingelaufen war, galt der erste Ausgang Grips natürlich seinen Freunden. Ueber den Bazar in der Bedford-Street konnte er seiner Verwunderung gar nicht laut genug Ausdruck verleihen; ja, seiner Meinung nach hatte sich die ganze Straße dadurch so verwandelt, daß sie wenigstens der Sackevillestraße hier in Dublin, womöglich auch gar dem Strand in London, dem Broadway in Newyork, dem Boulevard des Italiens in Paris gleichkam. Bei jedem Besuche hielt er sich für verpflichtet, etwas zu kaufen, »um das Geschäft in Gang zu erhalten«, wie er sagte, obgleich er das gewiß nicht nöthig hatte.
Einmal wählte er eine Brieftasche, um diejenige zu ersetzen, die er... niemals besessen hatte, ein andermal eine hübsche, bunt angestrichene Brigg, die er den Kindern eines seiner Kameraden vom »Vulcan« zum Geschenk machen wollte. Schließlich erwarb er sogar einmal eine ziemlich theure Pfeife aus falschem Meerschaum, deren Mundstück aus gelbem Bernstein geschnitzt war.
Findling mußte von ihm natürlich wie von andern Leuten Bezahlung annehmen.
»Siehst Du, mein Boy, die Sache macht sich!... Das geht ja wie mit hundert Schraubenumdrehungen, nicht wahr? Jetzt bist Du Befehlshaber an Bord des »Kleinen Geldbeutel« und brauchst nur darauf zu achten, daß das Feuer nicht ausgeht. Es ist lange her, daß wir zwei noch in Lumpen durch die Straßen von Galway trabten, oft Hunger und Kälte zu erleiden hatten, damals in der =Ragged-School=. Da fällt mir ein, ist Carker denn gehenkt worden?
-- So viel ich weiß, noch nicht, Grip.
-- Das kann aber nicht mehr lange dauern, und jedenfalls legst Du mir das Journal bei Seite, das darüber ausführlich berichtet!«
Grip fuhr mit dem »Vulcan« wieder hinaus aufs weite Meer, und kaum von der Reise zurückkehrend, erschien er auch aufs neue im Bazar und ruinierte sich durch fortwährende Einkäufe.
Da sagte Findling eines Tags zu ihm:
»Glaubst Du es denn noch immer, Grip, daß ich es einmal zu einem gewissen Vermögen bringe?
-- Natürlich, mein Boy, so sicher, wie ich glaube, daß unser einstiger Kamerad Carker mit einem Strick um den Hals endigen wird!
-- Nun aber Du selbst, mein guter Grip, denkst Du denn niemals an die Zukunft?
-- Ich?... Weshalb sollte ich daran denken?... Hab' ich nicht einen Beruf, den ich doch gegen keinen andern vertauschen möchte.
-- Einen beschwerlichen Beruf, der sich auch nicht besonders lohnt.
-- Wie?... Vier Pfund monatlich, und dazu Nahrung, Wohnung, Heizung, daß man zuweilen fast selbst gebraten wird?
-- Und das in einem Schiffe! fiel Bob ein, dessen größtes Glück es gewesen wäre, einmal auf dem Meere zu schwimmen.
-- Das thut nichts, Grip, fuhr Findling fort. Ein Heizer zu sein, hat noch niemand Vermögen gebracht, und Gott will, daß man auf Erden sein Glück suche....
-- Bist Du dessen so sicher? fragte Grip mit den Achseln zuckend. Steht das mit in seinen Geboten?
-- Ja, antwortete Findling. Er will, daß man etwas erwirbt, nicht um allein glücklich zu sein, sondern um auch die glücklich zu machen, die es nicht sind und doch zu sein verdienten!«
In seinen Gedanken tauchte dabei die Erinnerung an Sissy auf, an seine Leidensgefährtin in der Hütte der Hard, und an die Familie Mac Carthy, deren Spuren er nicht zu entdecken vermocht hatte, sowie an sein Pathenkind Jenny, der es jetzt gewiß recht traurig erging, während er...
»Nun, Grip, nahm er wieder das Wort, überlege Dir wohl, welche Antwort Du giebst. Warum willst Du nicht auf dem Lande bleiben?
-- Ich sollte den »Vulcan« verlassen?...
-- Ja, doch nur, um Dich mit mir zu associieren. Du weißt ja... Little Boy and Co.... ist durch Bob nicht hinreichend vertreten, doch wenn Du mit einträtest...
-- Ach, lieber, bester Grip, fiel Bob ein, das würde für uns beide das größte Vergnügen sein.
-- Für mich auch, meine Kinder, erwiderte Grip sehr gerührt von diesem Vorschlage, doch soll ich Euch etwas sagen?
-- So sprich, Grip.
-- Nun also... ich bin zu groß.
-- Zu groß?
-- Ja, wenn die Leute mich im Laden sähen, so einen langen Bengel, so ginge das Geschäft nicht mehr, da wär es nicht mehr Little Boy and Co.... and Co. muß klein sein, um die Leute heranzuziehen. Ich würde die Handelsgesellschaft stören, würde Euch Unrecht thun. Gerade weil Ihr noch Knaben seid, blüht das Geschäft so ganz besonders.
-- Vielleicht hast Du recht, Grip, antwortete Findling. Doch wir werden auch größer...
-- Natürlich werden wir alle Tage größer, versetzte Bob, sich auf den Zehen aufrichtend.
-- Gewiß, und hütet Euch nur, nicht allzuschnell zu wachsen!
-- Das kann man wohl nicht hindern, bemerkte Bob.
-- Nein, freilich nicht. Darum seht zu, daß Ihr Euer Geschäft gemacht habt, so lange Ihr noch Knaben seid. Zum Kuckuck, ich messe fünf Fuß sechs Zoll, und was über fünf Fuß ist, das paßt nicht in Euer Geschäft. Wenn ich übrigens Dein Geschäftstheilhaber nicht sein kann, Findling, so weißt Du doch, daß mein Geld Dir gehört....
-- Ich bedarf desselben nicht.
-- Na, wie es Dir beliebt. Wenn Du Dich indeß einmal vergrößern willst....
-- Dann könnten wir zwei dem Geschäft nicht gut mehr allein vorstehen....
-- Ei, warum nehmt Ihr nicht wenigstens eine Frau ins Haus, um Euch die Wirthschaft zu besorgen?
-- Daran hab' ich allerdings bereits gedacht, Grip, und der vortreffliche Herr O'Brien hat mir dasselbe angerathen.
-- Er hat ganz recht damit, der brave Mann. Kennst Du denn kein weibliches Wesen, das Dein Vertrauen besäße?
-- Nein, Grip.
-- Das findet sich... wenn man danach sucht....
-- Ah warte... eben denke ich an eine alte Freundin... Kat!«
Bei Erwähnung dieses Namens erscholl ein lustiges Gebell. Birk hatte ihn verstanden und sprang wie toll hin und her.
»Ah, Du erinnerst Dich ihrer, Birk? sagte sein junger Herr. Kat... nicht wahr, der guten Kat?...«
Da scharrte Birk an der Thür und schien nur noch den Auftrag zu erwarten, sofort in der Richtung nach dem Schlosse hinzulaufen.
Grip erhielt nun eine weitere Erklärung. Eine bessere als Kat konnte man gar nicht finden; sie würde dem Haushalt vorstehen und die Küche besorgen, ohne selbst gesehen zu werden, und so konnte sie auch die sociale Lage der Firma Little Boy and Co. nicht durchkreuzen.
Freilich entstand die Frage, ob sie überhaupt noch in Trelingar-castle war oder nicht.
Findling schickte mit der ersten Post einen Brief an sie. Schon am nächsten Tage erhielt er eine Antwort in etwas grober, aber leserlicher Schrift, und kaum waren achtundvierzig Stunden verflossen, als Kat auf dem Dubliner Bahnhofe anlangte.
Den herzlichen Empfang nach achtzehnmonatlicher Entfernung kann man sich wohl vorstellen. Findling sank ihr in die Arme und Birk sprang an ihr empor. Sie wußte gar nicht, wem sie zuerst antworten sollte. Die Thränen strömten ihr aus den Augen, und als sie in die Küche eingetreten war, wo sie Bob kennen lernte, wiederholte sich der Empfang noch einmal.
An diesem Tage hatte Grip die Ehre und das Glück, mit seinen jungen Freunden das erste, von der guten Kat bereitete Mittagsmahl zu theilen, und als der »Vulcan« am nächsten Tage die Anker lichtete, trug er den zufriedensten Heizer von der Welt mit aufs Meer hinaus.
Die Bedingungen, unter denen die gute Frau ihre neue Stellung übernahm, waren bald und ohne Feilschen verabredet, denn sie empfand es keineswegs als einen Rückschritt, jetzt bei Little Boy statt früher im Trelingar-castle in Dienst zu stehen. Ihren neuen Herrn noch mit Du anzureden, dazu war sie freilich nicht zu bewegen; dieser war ja nicht mehr der Groom des Grafen Ashton, sondern der Chef des Hauses »Zum kleinen Geldbeutel«. Auch Bob wurde von ihr nur Herr Bob genannt, und höchstens Birk erfreute sich der alten vertraulichen Anrede. Bald machte sich die Anwesenheit der braven Frau im Hause bemerkbar. Jetzt blieb die Wirthschaft stets in schönster Ordnung und im Zimmer wie im Laden sah es noch einmal so sauber aus. Nach einem Restaurant zu Tische zu gehen, das mochte wohl für einen Commis passen; für den Principal eines Geschäfts aber schickte es sich ja nicht mehr, dieser mußte sein völlig eingerichtetes »Home« haben und am eigenen Tische speisen.
Das Jahr 1882 brachte für Little Boy and Co. einen sehr vortheilhaften Abschluß. Während der letzten Wochen konnte der Bazar zu Weihnachten und zum neuen Jahre kaum den Ansprüchen der Käufer genügen. Die Spielwaarenabtheilung mußte wohl zwanzigmal erneuert werden und Bob verkaufte mit einem Eifer sondergleichen Schaluppen, Kutter, Goëletten, Briggs, Dreimaster und selbst mechanische Dampfboote. Doch auch die andern Waaren fanden reißenden Absatz. In der feinen Welt gehörte es zum guten Ton, seine Bedürfnisse im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« zu decken. Ein Geschenk galt nicht als »=select=«, wenn ihm die Marke Little Boy and Co. fehlte. Ja, die »Mode« ist etwas werth, wenn die Kinder sie machen und die Eltern diesen, wie es ihre Pflicht ist, gehorchen.
Findling hatte keine Ursache sich zu beklagen, daß er Cork verlassen und seinen Handel mit Zeitungen aufgegeben hatte. Den erweiterten Markt, den er in der Hauptstadt Irlands suchte, hatte er gefunden. O'Brien freute sich aufrichtig über die Zunahme der Geschäftsthätigkeit seines jungen Miethers, die dieser mit eignen Kräften und eignen Hilfsmitteln erzielt hatte. Seine Rathschläge wurden stets gern beachtet, sein Geld aber, das er in die Firma einzuschießen bereit war, lehnte Findling höflich ab.
Kurz nach Abschluß der Inventuraufnahme des ersten Jahres, dessen Verläßlichkeit O'Brien in allen Stücken anerkannte, konnte Findling gewiß höchst zufrieden sein: binnen sechs Monaten, seit dem Eintreffen in Dublin, hatte er sein Capital verdreifacht.
XII.
Das Wiederfinden.
»Wer irgendwelche Mittheilungen über die Familie Martin Mac Carthy (früheren Pächter der Farm von Kerwan, Grafschaft Kerry, Kirchspiel Silton) zu machen im Stande ist, wird dringend gebeten, diese der Firma Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin, zugehen zu lassen.«
Diese Anzeige in der Nummer vom 3. April 1884 der Gazette de Dublin hatte unser junger Held selbst aufgegeben und mit zwei Schillingen für die Zeile bezahlt. Am nächsten Tage stand derselbe Aufruf auch in den andern Blättern der Hauptstadt. Findling hätte eine halbe Guinee gar nicht besser anzuwenden gewußt, denn wie hätte er, das Adoptivkind der unglücklichen Familie, die ihm so viele Wohlthaten erwiesen hatte, diese jemals vergessen können? Er hielt es für seine Pflicht, alles zu versuchen, um sie wiederzufinden, ihr nach Kräften zu helfen, und er freute sich schon im voraus von ganzem Herzen darauf, der Familie an Lebensglück zurückerstatten zu können, was er an Liebe von ihr empfangen hatte.
Wie konnte er aber wissen, wo die Leute jetzt ein Obdach gefunden hatten, ob sie in Irland geblieben waren und jetzt vielleicht ihr Brod von Tag zu Tag erwerben mußten, ob Murdock, um sich weiteren Verfolgungen zu entziehen, vielleicht ausgewandert war und ob dessen Angehörige etwa gar sein Exil in fernem Lande, in Australien oder Amerika, theilten. Er hatte auch keine Ahnung, ob Pat noch segelte, und der Gedanke, daß die brave Familie wahrscheinlich jetzt noch unter der Last des Unglücks seufzte, verursachte ihm recht schweren Kummer.
Obwohl Findlings Aufruf jeden Sonnabend mehrere Wochen hindurch in allen Dubliner Blättern stand, blieb er doch erfolglos. Wäre Murdock in ein Gefängniß des Landes eingeliefert worden, so hätte er das jedenfalls erfahren. So konnte der Knabe nur annehmen, daß Martin Mac Carthy sich inzwischen mit den Seinigen nach Amerika oder Australien eingeschifft habe, von wo sie vielleicht nie mehr zurückkehrten, wenn sie da eine zweite Heimat gefunden hatten.
Die Hypothese einer Auswanderung nach Australien wurde übrigens durch Nachrichten, die O'Brien von früheren Geschäftsfreunden einzog, bald bestätigt. Ein von Belfast eingetroffener Brief brachte die erste Aufklärung. Nach Angabe der Bücher einer Auswanderungsagentur hatten sich die Mac Carthy's -- drei Männer, zwei Frauen und ein Kind -- vor fast zwei Jahren nach Melbourne eingeschifft. Hier ihre Spuren zu entdecken, war fast unmöglich, und alle Schritte, die O'Brien in dieser Richtung that, blieben ohne jeden Erfolg. Findling rechnete nun blos noch auf den zweiten Sohn Mac Carthy's, vorausgesetzt, daß dieser noch auf einem Schiffe des Hauses Macuard von Liverpool in Diensten stand. Er schrieb also an den Chef dieser Firma, erhielt aber die Antwort, daß Pat vor fünfzehn Monaten aus seiner Stellung bei ihnen geschieden sei und sie nicht wüßten, auf welchem Schiffe er jetzt segelte.
So blieb nur die einzige Hoffnung, daß Pat bei gelegentlicher Rückkehr nach Irland von der seine Familie betreffenden Anzeige Kenntniß erhielt, und an diese, wenn auch schwache Hoffnung wollte Findling sich vorläufig halten.
O'Brien bemühte sich vergeblich, seinem jungen Abmiether mehr Zuversicht einzuflößen, und eines Tages, als sie von der gleichen Angelegenheit sprachen, sagte er:
»Es sollte mich wundern, junger Freund, wenn Du die Familie Mac Carthy nicht früher oder später wiedersähest.
-- Jetzt, wo alle in Australien... Tausende von Meilen von hier weg sind, Herr O'Brien?
-- Wie kannst Du nur so sprechen, mein Kind! Australien gehört doch fast zu unsrer Stadt, es liegt beinahe vor unsrer Hausthür. Entfernungen giebt es heutigen Tages nicht mehr, die hat der Dampf zunichte gemacht. Jener Martin und seine Frau werden schon nach der Heimat zurückkehren. Irländer vergessen ihr Irland niemals, und haben sie da draußen etwas vor sich gebracht....
-- Könnte ich das wirklich erhoffen, Herr O'Brien? fragte Findling kopfschüttelnd.
-- Gewiß, wenn sie so tüchtige Arbeiter sind, wie Du sagst.
-- Muth und Einsicht genügen nicht immer, Herr O'Brien. Man muß auch etwas Glück haben, und das war den Mac Carthy's fast stets versagt geblieben.
-- Was nicht ist, kann noch werden, mein Sohn! Glaubst Du etwa, daß ich selbst immer vom Glück begünstigt gewesen wäre?... Nein, ich habe manche Schwierigkeiten zu überwinden, manche Verluste zu tragen gehabt, bis ich mich als Herrn meiner Lage fühlte. Bist Du nicht selbst ein Beispiel dafür? Hast Du Deine Laufbahn nicht als ein Spielball des Elends begonnen, und jetzt...
-- Ja, Sie haben Recht, Herr O'Brien; ich frage mich auch manchmal, ob nicht alles nur ein Traum ist.
-- Nein, mein liebes Kind, es ist echte, schöne Wirklichkeit! Daß Du ganz anders gehandelt hast, als man es von einem zwölfjährigen Kinde erwarten konnte, ist freilich etwas ganz außergewöhnliches. Doch, die Vernunft ist nicht immer nach dem Alter zu messen, und von ihr hast Du Dich von jeher leiten lassen.
-- Von der Vernunft?... Vielleicht. Und doch, wenn ich mir meine heutige Lage vergegenwärtige, scheint es mir, daß der Zufall daran nicht wenig Antheil hat.
-- Im Leben giebt es weniger Zufall, als Du glaubst, alles geht mit logischer Nothwendigkeit eines aus dem andern hervor. Das wirst Du noch erfahren. Es ist auch selten, daß ein Unglück nicht durch einen Glücksfall wett gemacht würde.
-- Das glauben Sie, Herr O'Brien?
-- Ja, und um so fester, als es, was Dich betrifft, gar nicht zweifelhaft sein kann. Das hab' ich mir schon oft gesagt, wenn ich über Deinen Lebenslauf nachdachte. So bist Du zu der bösen Hard gekommen, das war ein Unglück....
-- Aber auch ein Glück, weil ich dort die gute Sissy kennen lernte, deren Liebe zu mir ich nie vergessen kann. Was mag aus meiner armen, kleinen Leidensgefährtin geworden sein, und ob ich sie wohl jemals wiedersehe?... Ja, das war damals ein Glück....
-- Und auch das war ein solches, daß die Hard eine so abscheuliche Megäre war, sonst wärst Du ja in Rindock bis zu der Zeit geblieben, wo Du in das Armenhaus von Donegal zurück mußtest. Da bist Du entflohen und in die Hände des Puppenschaustellers gefallen....
-- O, das Ungeheuer! rief Findling.
-- Dennoch betrachte ich es als Glück, daß er das war, denn sonst irrtest Du vielleicht noch heute, wenn auch nicht versteckt im Kasten, so doch im Dienste Thornpipe's auf den Landstraßen umher. Von da kamst Du nach der =Ragged-School= in Galway...
-- Ja, und da lernte ich Grip kennen... Grip, der so gut zu mir war, dem ich das Leben verdanke, das er mir rettete, während er das seinige aufs Spiel setzte....
-- Und damit kamst Du zu der launenhaften Schauspielerin. Zugegeben, daß Du bei ihr ein weit schöneres Leben hattest, zu einem ehrenvollen Ziele hätte es Dich aber doch nicht geführt, und ich betrachte es als ein Glück, daß sie, nachdem sie ihr Vergnügen mit Dir gehabt hatte, Dich eines schönen Tages verließ....
-- Darum zürne ich ihr nicht, Herr O'Brien. Sie hatte mich aufgenommen, war liebreich gegen mich... und seit jener Zeit... ist mir manches klar geworden. Ihrem Gedankengang nach wurde ich in Folge dessen von der Familie Mac Carthy in der Farm von Kerwan aufgenommen....
-- Richtig, mein Sohn. Und auch da...
-- O, Herr O'Brien, Sie werden mich schwerlich überzeugen, daß das Unglück dieser braven Leute auch ein Glück für mich gewesen wäre.
-- Ja und nein, antwortete O'Brien.
-- Nein, Herr O'Brien, nein! versicherte Findling energisch. Und wenn ich mir etwas erwerbe, wird mir immer das schmerzliche Gefühl bleiben, daß der Grund dieses Vermögens nach dem Untergange der Mac Carthy's gelegt wurde. Wie gern hätt' ich als Kind des Hauses mein Leben auf jener Farm verbracht! Da hätt' ich mein Pathenkind Jenny aufwachsen sehen, und ein größeres Glück, als das meiner Adoptivfamilie zu betrachten, könnt' ich mir gar nicht denken.
-- Ich verstehe Dich, mein Kind. Es ist aber nicht minder richtig, daß grade dieser Verlauf der Dinge Dir einmal gestatten wird, Dich für das, was jene an Dir gethan, erkenntlich zu zeigen.
-- Besser wär' es doch, Herr O'Brien, wenn sie nicht nöthig hätten, von irgend jemand Hilfe anzunehmen.
-- Ich erkenne gern diese Empfindungen an, die Dir alle Ehre machen. Doch setzen wir unsre Betrachtungen fort. Du kamst nach Trelingar-castle....
-- O, diese widerwärtigen Leute, der Marquis, die Marquise und ihr Sohn Ashton!... Welche Kränkungen hab' ich da erdulden müssen!... Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.
-- Und doch ein Glück, daß es so war. Bei guter Behandlung wärst Du vielleicht in Trelingar-castle geblieben....
-- Nein, Herr O'Brien, im Dienste als Groom?... Nein, gewiß nicht!... Ich blieb nur da, um auf ein besseres Unterkommen zu warten und bis ich mir etwas erspart hätte.
-- Nun, bemerkte O'Brien, eine Person muß doch sehr befriedigt davon sein, daß Du überhaupt in jenes Schloß gekommen warst; ich meine die Kat.
-- O, die vortreffliche Frau!
-- Und einer, der sehr zufrieden sein muß, daß Du von dort weggegangen bist, ich meine Bob, denn sonst konntest Du den nicht auf der Landstraße finden,... nicht ihn retten und mit nach Cork nehmen, wo Ihr beide so tüchtig gearbeitet, wo Ihr Grip wiedergefunden habt, und heute wärst Du nicht in Dublin...
-- Und im vertraulichen Gespräch mit dem besten aller Menschen, der uns so freundlich entgegenkam! antwortete Findling, die Hand des Exkaufmanns ergreifend.
-- Der Dir auch später, wenn nöthig, mit Rath und That beistehen wird.
-- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, ich danke! Ja, Sie haben recht; Ihre Erfahrungen können Sie nicht trügen. Im Leben ist alles miteinander verkettet. Gebe Gott, daß auch ich allen nützlich sein könnte, die ich liebe und die mich geliebt haben!«
Das Geschäft des Knaben blühte immer weiter, der Zudrang von Käufern verminderte sich nicht. Der Bazar erhielt vielmehr noch eine neue Einnahmequelle.
Auf Anrathen O'Brien's legte sich Findling noch den Einzelverkauf von Specereien zu und zu diesen wird jetzt ja vielerlei gerechnet. Der Laden wurde bald zu beschränkt, so daß noch der andre Theil des Erdgeschosses gemiethet werden mußte, und es währte nicht lange, da wollte sich das ganze Stadtviertel mit derlei Waaren nur im »Kleinen Geldbeutel« versorgen. Diese Abtheilung fiel Kat zu, und sie entledigte sich ihrer Aufgabe auch mit rühmlichstem Eifer. Nun gab's freilich vom Morgen bis zum späten Abend sehr viel zu thun und Findling wäre mit seiner Buchführung und dem täglichen Cassenabschluß manchmal nicht fertig geworden, wenn ihm nicht der alte Kaufmann hilfreich beigesprungen wäre.
Jetzt hätte sich unbedingt die Einstellung eines Gehilfen nöthig gemacht, und doch wollte der jugendliche Principal sich nicht entschließen, einen ganz Fremden bei sich aufzunehmen. Ja, wenn Grip dazu zu bewegen gewesen wäre! Doch daran war vorläufig nicht zu denken, obwohl dieser wie ausersehen schien, auf hohem Sessel hinter dem Pulte zu sitzen und die Conti für alle Lieferanten in Ordnung zu halten. Das war doch jedenfalls angenehmer, als sich vor den Dampfkesseln des »Vulcan« den Magen ausbraten zu lassen. Vergeblich wurde ihm das vorgestellt. Beim jedesmaligen Aufenthalt in Dublin widmete der erste Heizer zwar alle freien Stunden dem Bazar seines Freundes und unterzog sich hier gern jeder Arbeit; doch das dauerte nur eine Woche, dann fuhr der »Vulcan« wieder ab, und achtundvierzig Stunden später befand sich Grip schon Hunderte von Meilen weit entfernt von der Smaragdenen Insel. Seine Abfahrt war allemal ein Schmerz, seine Rückkehr eine Freude, so als ob ein älterer Bruder fortgegangen und wieder gekommen wäre.
Der ältere Bruder machte nach wie vor seine Einkäufe bei Little Boy and Co. Immer kam er mit seinem ganzen Vermögen im Gürtel dahin, doch ließ er sich schließlich bestimmen, sich dieser Last und Sorge zu entledigen. Findling nahm die Ersparnisse des Freundes, aber nicht etwa für sein Geschäft, an; er brauchte das nicht, denn er besaß schon eine hübsche Einzahlung bei der Bank von Irland und ein Chequebuch, womit er alle vorkommenden Bedürfnisse bequem decken konnte. Grips Capital wurde in der Sparcasse angelegt, die mit ihrem Capital von fast vier Millionen mehr als genügend Sicherheit bot. Nun konnte Grip ruhig schlafen und dazu vermehrten sich seine Ersparnisse noch durch die auflaufenden Zinsen, die zum Capital geschlagen wurden.
Wenn Grip sich auch weigerte, die Seemannsjacke mit dem eleganten Comptoirrocke zu vertauschen, so hatte er doch geholfen, die Kundschaft von Little Boy zu vermehren. Alle seine Kameraden vom »Vulcan« und deren Familien kauften alles mögliche in dem billigen Bazar, und Grip hatte diesen überhaupt allen Matrosen im Hafen so warm empfohlen, als wenn er der Reisende des Hauses »Zum kleinen Geldbeutel« gewesen wäre.
»Du wirst sehen, sagte er eines Tages, daß sich später auch noch die Rheder selbst bei Dir versorgen werden. Dann mußt Du freilich für lange Seereisen Vorräthe an Specereien und Conserven halten. Du wirst dann Großhändler....
-- Großhändler? fragte Bob dazwischen.
-- Ja freilich... mit Läden, Kellern und Speichern; wie die Herren Roe und Guineß.
-- Oho! stieß Bob hervor.
-- Gewiß, and Co., erwiderte Grip, der für Bob gern diesen Spitznamen gebrauchte, und denkt daran, was ich Euch sage....
-- Bei jeder Reise, fiel ihm Findling ins Wort.
-- Ja... bei jeder Reise, wiederholte Grip. Du wirst noch ein Vermögen erwerben, ein sehr großes Vermögen....
-- Warum willst Du dann in das Geschäft nicht als Theilhaber eintreten, Grip?
-- Ich?... Ich soll meinen Beruf aufgeben?
-- Denkst Du darin etwa vorwärts zu kommen und vielleicht noch Maschinist zu werden?
-- O nein... das nicht. So ehrgeizig bin ich nicht. Dazu muß man auch studiert haben und dazu ist's jetzt zu spät. Nein, ich bin ja zufrieden mit dem, was ich bin!