Der Findling. Zweiter Band.

Part 11

Chapter 113,630 wordsPublic domain

-- Ja, das ist aber drei Monate her, und ich bin inzwischen zweimal in Amerika gewesen. Allemal, wenn ich nach Dublin kam, bin ich in der Hoffnung, Dich zu treffen, in der ganzen Stadt umhergelaufen... doch keine Spur von Findling oder dem Kleinen und Eurem Birk. Darauf hab' ich an Dich geschrieben. Hast Du keinen Brief von mir erhalten?

-- Nein, Grip, jedenfalls, weil wir bei dessen Eintreffen gar nicht mehr in Cork waren. Wir befinden uns schon volle zwei Monate unterwegs.

-- Zwei Monate, rief Grip. Nun sagt mir, welchen Zug habt Ihr denn hierher benützt?

-- Welchen Zug? fragte Bob, den Heizer verwundert anschauend, den Zug mit unsern Beinen.

-- Ihr habt die ganze Strecke zu Fuß zurückgelegt?

-- Natürlich, und auch nicht einmal auf dem nächsten Wege.

-- Zwei volle Monate unterwegs! rief Grip.

-- Die uns aber nichts gekostet haben, versicherte Bob.

-- Sondern die sogar ein hübsches Sümmchen einbrachten!« setzte Findling hinzu.

Sie berichteten Grip nun ausführlich über ihre Fahrt längs der Küste, über den Handel, den sie getrieben, und dabei wurde auch die Speculation Bobs mit dem Einfangen und Freilassen von Vögeln erwähnt.

Natürlich kam dabei der Aufenthalt in Bray, das Zusammentreffen mit dem Erben der Piborne's, dessen tadelnswerthes Auftreten und was darauf folgte, mit zur Sprache.

»Du hast ihn doch ordentlich durchgeprügelt? fragte Grip.

-- Nein, der erbärmliche Ashton war mehr dadurch gestraft, daß er unter meinen Knien auf der Erde lag, als wenn ich ihn geschlagen hätte.

-- Das ist gleichgiltig, ich hätte ihm noch einen Denkzettel obendrein gegeben,« erklärte der erste Heizer des »Vulcan«.

Inzwischen spazierte das fröhliche Kleeblatt am rechten Ufer des Canals hinauf. Grip wollte immer weitere Einzelheiten hören. Seine Bewunderung Findlings suchte er gar nicht zu verbergen. Was der schon alles vom Handel verstand!

Er wußte zu kaufen, zu verkaufen und Buch und Rechnung zu führen... mindestens ebensogut wie O'Bodkins. Und als Findling ihm mitgetheilt hatte, daß er jetzt ein Capital von hundertfünfzig Pfund »in der Casse« hatte, rief er verwundert:

»Alle Wetter, da bist Du ja ebenso reich wie ich, mein Junge!... Nur daß ich sechs Jahre gebraucht habe, diese Summe zu erwerben, und Du nur sechs Monate!... Ich wiederhole Dir, was ich schon damals in Cork sagte, Du wirst Geschäfte machen... wirst ein Vermögen ansammeln...

-- Wo denn? fragte Findling.

-- Ueberall, wohin Du gehst, versicherte Grip mit dem Tone vollster Ueberzeugung. In Dublin, wenn Du hier bleibst... irgendwo, wenn Du wo anders hingehst.

-- Und ich? ließ Bob sich vernehmen.

-- Du auch, Knirps, vorzüglich wenn Du öfters so gute Ideen hast, wie die mit den Vögeln.

-- Daran soll's nicht fehlen, Grip.

-- Und wenn Du nichts unternimmst, ohne Dich mit dem Patron zu besprechen...

-- Mit wem?... Dem Patron?...

-- Natürlich mit Findling! Erscheint er Dir denn etwa nicht wie ein richtiger Patron oder Principal?...

-- Ja, ja, davon plaudern wir noch mehr....

-- Doch erst nach dem Frühstück, meinte Grip. Für heute bin ich ganz frei. Ich kenne die Stadt durch und durch und will Euch durch Dublin lootsen. Da wirst Du auch sehen, Findling, was hier am besten zu thun ist.«

Das Frühstück wurde in einer Matrosenschenke am Quai eingenommen und mundete vortrefflich, wenn auch die Leckerbissen des unvergeßlichen Festmahls in Cork dabei nicht wieder auf den Tisch kamen. Grip erzählte von seinen Reisen. Bob lauschte seinen Worten mit Entzücken, Findling immer nachsinnend. -- Der Knabe machte wirklich den Eindruck, als ob er gleich zwanzig Jahre alt geboren wäre und jetzt im dreißigsten Jahre stände.

Hierauf führte Grip seine beiden Freunde nach der Mitte der Stadt, in die Gegend der Liffey. Hier erhob sich das reiche Quartier Dublins, das umsomehr von den andern absticht, als es an einem vermittelnden Uebergang von den Hütten zu den Palästen gänzlich fehlt. Einen Mittelstand giebt es in der Hauptstadt Irlands nicht. Luxus und Armuth stoßen sich mit dem Ellbogen. Das reiche Stadtviertel erstreckt sich vom Flusse aus bis nach dem Stephens-Square, wo die vornehme Bürgerschaft wohnt, die sich zwar durch seine Sitten und Bildung auszeichnet, leider aber durch religiöse und politische Streitfragen in zwei Lager zerfällt.

Eine der schönsten Straßen ist hier die Sackeville-Street. Hier hat auch das Centralcomité der Landliga seinen Sitz, der durch ein Schild mit goldnen Buchstaben gekennzeichnet ist.

In der herrlichen Straße wimmelt es freilich auch von Armen, die überall herumsitzen und am Fuße der Denkmäler stehen. Findling fühlte sich recht sehr davon ergriffen. Was in dem Quartier Saint-Patrick vielleicht natürlich erschien, bildete in der schönen Sackeville-Street einen gar zu schreienden Contrast.

Auffallend war hier auch die erstaunliche Menge von Kindern, die alle Zeitungen, wie die Gazette de Dublin, den Dublin Expreß, die National Preß, Freemann's Journal, die hauptsächlichsten protestantischen und katholischen Blätter und noch manche andre zum Verkauf ausboten.

»Seh' einer, bemerkte Grip, die vielen kleinen Händler auf den Straßen, an den Bahnhöfen und den Quais!

-- Ja freilich, an ein solches Geschäft ist hier gar nicht zu denken, antwortete Findling. In Cork ging das ganz gut, hier dürfte es fehlschlagen.«

In der That machte es die übermäßige Concurrenz sehr wahrscheinlich, daß der früh morgens gefüllte Karren Birks am Abend auch noch voll gewesen wäre. Auf dem weiteren Spaziergange entdeckten sie nun noch andre schöne Straßen mit prächtigen Gebäuden, so die Post-Office, deren Mittelporticus auf einer Reihe jonischer Säulen ruht. Findling dachte beim Anblick derselben an die unendliche Menge von Briefen, die hier zusammenströmen oder von hier ausgehen.

»Dieses Haus hat man auch für Deinen Gebrauch gebaut, mein Boy, sagte Grip, denn hier werden Deine Briefe eingehen mit der Adresse: »Master Findling, Kaufmann in Dublin.«

Der Knabe konnte nicht umhin, über den Enthusiasmus seines alten Gefährten aus der =Ragged-School= zu lachen.

Fernerhin kamen die drei Freunde nach dem Gebäude der vier unter einem Dache vereinigten Gerichtshöfe, mit seiner dreiundsechzig Toisen langen Front und der von zwölf Fenstern unterbrochenen Kuppel, die heute dann und wann von einem Sonnenstrahl erglänzten.

»Ich hoffe, ließ Grip sich vernehmen, daß Du mit dem großen Hause da niemals etwas zu thun hast!

-- Und warum nicht?...

-- Weil das auch ein Heizraum ist, wie der auf dem »Vulcan«, nur daß man hier keine Steinkohlen verbrennt, sondern Verklagte langsam schmoren läßt, wobei Solicitors, Attorneys, Proctors und andre Händler mit Gesetzen einheizen... einheizen....

-- Man kann kein Geschäft machen, ohne einmal in einen Proceß zu gerathen, Grip.

-- Jedenfalls bemühe Dich, deren so wenig wie möglich zu haben. Es kostet einem viel Geld, wenn man sie gewinnt, und ruiniert einen, wenn man sie verliert!«

Es klang, als wenn Grip aus Erfahrung spräche. Wie wechselte er aber den Ton, als alle drei ein rundes Gebäude bewunderten, das durchweg einen dorischen Styl zeigte.

»Die Bank von Irland! rief er grüßend. Da hinein, mein Boy, solltest Du einmal recht häufig zu gehen haben. Da drinnen stehen Geldschränke so groß wie Häuser! Möchtest Du nicht in einem solchen wohnen, Bob?

-- Sind die aus Gold?

-- Nein, doch was darin steckt, ist Gold.... Ich hoffe bestimmt, daß Findling hier einmal seine Gelder anlegen wird!«

Grip übertrieb wie immer, wenn er auch nur seiner festen Ueberzeugung Ausdruck gab. Findling hörte ihm nur halb zu, während er das geräumige Gebäude betrachtete, worin nach Grips Aussage ein Haufe von Millionen auf dem andern liegen sollte.

Weiterhin führte der Weg wiederholt aus den Straßen des Elends in die des prunkenden Luxus; hier die reichen Leute, die zum Vergnügen lustwandelten, dort die Armen, die die Hand ausstreckten, ohne sich gerade Mühe zu geben, die Vorübergehenden zu rühren. Ueberall Polizisten mit dem Skiff in der Hand und zur besseren Sicherheit der Schwesterinsel den Revolver im Gürtel, eine Vorsicht, die bei der leidenschaftlichen politischen Erregung hier allerdings geboten erscheint. Die Irländer vertragen sich untereinander nur, so lange keine religiöse oder eine Home-rule betreffende Frage sie nicht gegeneinander aufhetzt. Dann gerathen sie ganz außer sich, dann fließt nicht mehr das Blut der alten Gaëler in ihren Adern und sie sind so weit unter einander uneinig, daß sie ein Sprichwort ihres Landes bestätigen, welches lautet: Setzt einen Irländer an den Bratspieß, so wird sich stets ein andrer einfinden, um diesen zu drehen.

Bei ihrem Ausfluge zeigte Grip seinen kleinen Freunden auch eine große Menge Statuen. Noch ein halbes Jahrhundert, und es sind ihrer so viele wie Einwohner in der Stadt. Da steht in Bronze oder Marmor eine ganze Bevölkerung von Wellington, O'Connell, O'Brien, Burke, Goldsmith, Grawan, Thomas Moore, Crampton, Nelson, der Wilhelme von Oranien und der Könige Georg, von denen vor der Hand erst vier vorhanden sind. Noch niemals hatte Findling oder Bob eine solche Versammlung berühmter Persönlichkeiten auf ihren Piedestalen gesehen.

Dann unternahmen sie eine Fahrt mit der Trambahn und während der Wagen an verschiedenen Gebäuden, die ihre Aufmerksamkeit erregten, vorüberrollte, fragten sie Grip darüber, der allemal Auskunft zu geben wußte. Einmal war es das Gefängniß, wo man die Leute einsperrt, und dann wieder Workhouses, wo man sie gegen sehr geringe Entschädigung zum Arbeiten zwingt.

»Und das da?... erkundigte sich Bob, auf ein sehr großes Haus in der Coombe-Street zeigend.

-- Das?... antwortete Grip; das ist die =Ragged-School=«.

Das Wort erweckte in Findling manch' trübe Erinnerung. Hatte er unter einem solchen traurigen Dache aber einst auch viel gelitten, so hatte er daselbst doch Grip kennen gelernt... und das hob sich auf. Jene Mauern bargen also eine Schaar verlassner Kinder! Mit ihrem blauen Jersey, dem grauen Beinkleid und derben Schuhen an den Füßen, nebst einem Barret auf dem Kopfe, glichen sie freilich nicht im geringsten den zerlumpten Knaben in Galway, um die sich O'Bodkins so wenig bekümmerte. Hier bemühte sich die »Missionsgesellschaft der Irischen Kirche«, die Eigenthümerin der Schule, ihre Zöglinge nicht nur körperlich und geistig zu erziehen, sondern ihnen auch die Glaubenssätze der anglicanischen Kirche einzupflanzen, und ähnliche Ziele verfolgen mit den gleichen Mitteln auch verschiedne katholische religiöse Vereine.

Immer unter Leitung ihres Führers verließen Findling und Bob endlich die Trambahn am Eingang eines im Westen der Stadt gelegenen Gartens, der auf jener Seite von der Liffey begrenzt wird.

Ein Garten ist es weniger, vielmehr ein großer Park von eintausendsiebenhundertundfünfzig Acres (709 Hektaren), der Phönix-Park, auf den Dublin mit Recht stolz ist. Dickichte von herrlichen Ulmen, saftige Rasenflächen, auf denen Kühe und Schafe weiden, dichte Gebüsche, in denen sich Ziegen tummeln, große Beete mit prächtigen Blumen, freie Plätze für Paraden, geräumige Flächen für das Fußball- und das Polospiel... nichts fehlt diesem mitten in einer Stadt gelegenen Stück Landschaft. Unfern der großen Mittelallee erhebt sich die Residenz des Lord-Lieutenant, neben der sich eine Schule und ein Krankenhaus für das Militär sowie ein Artilleriehof mit Kaserne befinden.

Der Phönix-Park ist freilich auch der Schauplatz mancher Mordthat gewesen, und Grip zeigte den Knaben zwei Einschnitte in Form eines Kreuzes, wo kaum drei Monate vorher, am 6. Mai und fast unter den Augen des Lord-Lieutenant, der Dolch der Unbezwinglichen den Staatssecretär von Irland und den Untersecretär, Burke und Lord Frederick Cavendish, tödtlich getroffen hatte.

Ein Spaziergang durch den Phönix-Park bis zu dem hier angeschlossenen Zoologischen Garten beendigte diesen Ausflug durch die Stadt. Es war um fünf Uhr, als die Knaben von Grip Abschied nahmen, um nach ihrem Gasthaus in der Saint-Patrick-Street zurückzukehren, nachdem sie übereingekommen waren, sich alle drei jeden Tag bis zur Abfahrt des Dampfers zu treffen.

Als sie sich trennen wollten, sagte Grip noch zu Findling:

»Nun, mein Boy, ist Dir denn im Laufe dieses Nachmittags ein guter Gedanke gekommen?

-- Ein Gedanke, Grip?...

-- Nun ja, hast Du Dich für etwas entschieden, was Du anfangen willst?

-- Was ich anfangen will... nein, das noch nicht, doch was ich nicht anfangen will, ja. Unsern Straßenhandel wie in Cork wieder aufzunehmen, das ist hier aussichtslos. Für den Verkauf von Zeitungen und Broschüren giebt es zu viel Concurrenz.

-- Das mein' ich auch, sagte Grip.

-- Ob wir mit dem Karren durch die Straßen fahren sollen... das weiß ich nicht... welcherlei Waaren sollte man da verkaufen?... Auch solche fahrende Händler giebt es schon sehr viele. Nein, es erscheint mir das rathsamste, gleich einen kleinen Laden zu miethen....

-- Jetzt bist Du auf dem richtigen Wege, mein Boy!

-- Einen Laden in einem Stadttheil mit lebhaftem Verkehr... nicht von reichen Leuten... so etwa in einer Straße der Freiheiten....

-- Ganz vortrefflich! rief Grip.

-- Was sollen wir da aber verkaufen? fragte Bob.

-- Lauter nützliche Dinge, antwortete Findling, alles, was täglich gebraucht wird....

-- Also etwas zum Essen? meinte Bob, zum Beispiel Kuchen, nicht wahr?

-- Das Leckermäulchen! rief Grip. Kuchen gehören doch nicht zu den nützlichen Dingen....

-- O doch, weil sie gut schmecken.

-- Das genügt nicht, vor allem müssen die Dinge nothwendig sein, erwiderte Findling. Doch... das wird sich finden. Erst will ich mir das Quartier da unten noch ansehen. Allem Anscheine nach machen die Händler daselbst gar nicht so schlechte Geschäfte. Ich denke, so eine Art Bazar....

-- Ein Bazar... richtig! jubelte Grip, der schon den großen, reich ausgestatteten Laden Findlings mit glänzender Firma vor sich sah.

-- Ich werde mir's überlegen, Grip. -- Nur nicht überhasten! Ehe man sich entscheidet, muß man alles reiflich erwägen.

-- Und vergiß nicht, mein Boy, daß ich mein ganzes Geld zu Deiner Verfügung stelle. Ich weiß so wie so nicht, was ich damit anfangen soll, und wirklich, es belästigt mich nicht wenig, es immer bei mir zu tragen....

-- Warum legst Du es denn nicht an, Grip...?

-- Ja, gern, bei Dir... Willst Du es?

-- Wir werden sehen, vielleicht später... wenn unser Handel gut geht. Für jetzt fehlt mir ja nur mehr das Haus, in dem ich einen Laden eröffnen könnte, und wo nicht zu viel Risico dabei wäre...

-- Keine Angst, mein Boy! Ich sage Dir, Du erwirbst Dir ein Vermögen, das weiß ich gewiß! Ich sehe Dich schon im Besitz von hunderten, von tausenden Pfund Sterling...

-- Wann fährt denn der »Vulcan« ab, Grip?

-- Etwa in acht Tagen.

-- Und kehrt hierher zurück?

-- Nicht vor Verlauf von zwei Monaten, denn wir wollen nach Boston, Baltimore, ich weiß nicht, wohin, oder vielmehr überall hin, wo Fracht einzunehmen...

-- Und hierher zu bringen ist!« rief Findling mit heimlichem Neide.

Endlich trennten sie sich. Grip wandte sich nach den Docks zu, während Findling mit Bob und Birk die Brücke über die Liffey überschritt, um nach Saint-Patrik zurückzugelangen.

Wie vielen Armen beiderlei Geschlechts begegneten sie da, doch auch wie vielen, die von übermäßig genossenem Whisky und Gin widerwärtig dahinschwankten!

Wozu hatte es genützt, daß der Erzbischof Johann bei einem 1186 in der Hauptstadt Irlands abgehaltenen Concil so wüthend gegen die Trunksucht gedonnert hatte? Sieben Jahrhunderte später trank Paddy noch immer über die maßen und weder ein andrer Erzbischof noch ein andres Concil dürfte jemals im Stande sein, diesen traurigen Erbfehler auszurotten.

XI.

Der Bazar »Zum kleinen Geldbeutel«.

Unser Held zählte jetzt elfeinhalb und Bob acht Jahre, so daß beide zusammen noch nicht einmal das majorenne Alter dargestellt hätten. Findling schon mitten in der Geschäftsthätigkeit, im Begriff, ein Handelshaus zu gründen. Es gehörte wirklich die blinde Vorliebe eines Grip dazu, um zu glauben, daß er damit gleich Glück haben, daß sein Handel nach und nach Umfang genug erreichen werde, um damit ein Vermögen zu erwerben.

Jedenfalls besaß das Quartier Saint Patrik zwei Monate nach dem Eintreffen der beiden Knaben in der Hauptstadt Irlands einen Bazar, der die Aufmerksamkeit der Leute erregte und auch eine große Kundschaft heranlockte.

Dieser Bazar aber war nicht etwa in den ärmlichen Straßen der Freiheiten zu suchen, die sich in der Umgebung der Saint-Patrick-Street kreuzen.

Findling hatte es vorgezogen, sich mehr nach der Liffey zu, in der Bedfort-Street, zu etablieren, wo man nichts überflüssiges, sondern nur Bedarfsgegenstände einzukaufen pflegt. Für die nothwendigsten Gegenstände finden sich ja stets Käufer, wenn jene gut und nicht zu theuer sind. Das hatte die Erfahrung dem jungen Kaufmann schon gelehrt, als er noch mit dem Karren durch die Straßen von Cork zog und dann die Grafschaften von Munster und Leinster durchwanderte.

Ein wirkliches Magazin war es, treu bewacht von Birk, der jetzt nicht mehr zum Zugthier erniedrigt wurde. Der Laden führte ein in die Augen fallendes Schild mit der Inschrift »Zum kleinen Geldbeutel«, und darunter die Firma »Little Boy and Co.«

Little Boy, das war Findling; and Co., das war Bob... und ohne Zweifel auch Birk.

Das betreffende Haus in der Bedfort-Street bestand aus drei Stockwerken. Eine Treppe hoch wohnte darin der Besitzer O'Brien, ein früherer Colonialwaarenhändler, der sich nach erfolgreicher Thätigkeit vom Geschäft zurückgezogen hatte, übrigens ein rüstiger alter Junggeselle von fünfundsechzig Jahren, der mit Recht im Rufe eines hochachtbaren Mannes stand. O'Brien war natürlich nicht wenig erstaunt, als ein Kind von elfeinhalb Jahren kam, um einen seit einigen Monaten leerstehenden Laden im Erdgeschoß von ihm zu miethen. Die verständigen und praktischen Antworten aber, die er auf seine Fragen von dem Knaben erhielt, nahmen ihn schnell für diesen ein, und so kam ein Miethcontract bald zu Stande, vorzüglich, da der junge Miether sich erbot, den Zins für ein ganzes Jahr gleich im Voraus zu entrichten.

Der freundliche Leser will nicht vergessen, daß der Held unsrer Erzählung wegen seiner Größe und Schulterbreite älter erschien, als er war. Doch wenn man ihn auch für vierzehn oder fünfzehn Jahre schätzte, so erschien er doch jedem Fernstehenden gewiß noch als viel zu jung, um einen selbständigen Ladenhandel anzufangen, wenn dieser auch die bescheidne Bezeichnung »Zum kleinen Geldbeutel« trug.

Jedenfalls handelte O'Brien nicht, wie es vielleicht viele gethan hätten. Als sich der ordentlich gekleidete Knabe mit einer gewissen Sicherheit vorstellte, sein Anliegen klar und deutlich vorbrachte, da führte er ihn nicht ohne Erwiderung hinaus, sondern hörte ihn bis zum Ende ruhig an. Was er da von der Vergangenheit desselben, von seinem Handel in Cork, seiner Wanderung nach der Hauptstadt vernahm, das rief unwillkürlich sein Interesse wach. Er erkannte in Findling einen so gereiften Verstand, eine solche Klarheit der Gedanken, daß er an dessen glücklicher Zukunft gar nicht zweifeln konnte. Der alte Kaufmann versprach daher, Findling mit seinem Rathe beizustehen, indem er sich vornahm, alles, was sein junger Miethsmann thäte, zu beobachten.

Mit Unterzeichnung des Contractes und Zahlung des Miethpreises wurde Findling endgiltig zu einem der Ladeninhaber der Bedfort-Street.

Das an Little Boy and Co. vermiethete Erdgeschoß bestand aus zwei Räumlichkeiten, von denen eine nach der Straße, die andre nach dem Hofe zu lag. Die erste sollte als Geschäftslocal, die andre als Schlafzimmer dienen. Nach dem Hofe schloß sich hieran noch ein Kämmerchen und eine Küche, wo eine Köchin hausen konnte... wenn einmal eine solche da war. Jetzt erschien eine solche für die zwei Knaben noch nicht nöthig. Sie wollten essen, wenn sie dazu Zeit hatten und keine Kunden zu bedienen waren. Zuerst immer die Kundschaft!

Auf Zuspruch konnte Findling ja rechnen, da er in seinem saubern Laden eine große Auswahl von Waaren bot. Mit dem nach Zahlung des Miethzinses übrig gebliebnen Geld hatte der junge Kaufmann alles von den Großhändlern und Fabrikanten gegen baar bezogen, und jetzt war der Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« auf Tischen und Regalen reichlich ausgestattet.

Nach Beschaffung des nothwendigen Mobiliars für Laden und Schlafstube war von den hundertundfünfzig Pfund, die Findling mit nach Dublin gebracht hatte, freilich nur noch der dritte Theil übrig. Weitere Ausgaben vermied er weislich, um sich für den Nothfall eine Reserve zu sichern. Lücken, die in seinen Waarenvorräthen entstanden, hoffte er mit den laufenden Einnahmen wieder füllen zu können.

Selbstverständlich verlangte eine geordnete Geschäftsführung die Anlage eines sogenannten Journals für die täglichen Verkäufe, ferner eines Hauptbuches -- das Hauptbuch Findlings! -- wo Einnahmen und Ausgaben eingetragen werden sollten, um jeden Abend die Richtigkeit der Casse prüfen zu können. Wahrlich, O'Bodkins von der Lumpenschule hätte seine Sache auch nicht besser machen können.

In dem Bazar von Little Boy fand man etwas von allem, was in diesem Stadttheil vorwiegend gebraucht wurde. Was der Papierhändler, der Kurzwaaren-, der Eisenwaaren-, der Buchhändler und andre ihren Kunden einzeln boten, das vereinigte der Laden Findlings an einer Stelle. Im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« konnte man nahezu alles zu festem, aber billigem Preis haben. Neben den eigentlichen Bedarfsgegenständen enthielt der Laden noch eine reiche Auswahl von Spielwaaren aller Art, doch nur solche für Kinder von fünf bis zu zwölf Jahren. Diese Abtheilung besorgte Bob mit besondrer Vorliebe und bemühte sich, sie in bester Ordnung zu halten, wenn er sich auch nicht überwinden konnte, das eine oder das andre Spielzeug einmal selbst zu versuchen. Vorzüglich beschäftigte er sich da mit den Schiffen und Booten -- für wenige Pence, wobei er sich sorglich hütete, dieselben irgendwie zu beschädigen, denn der Principal scherzte damit nicht und ermahnte ihn manchmal.

»Sei doch ernsthaft, Bob! Wenn Du das jetzt nicht bist, könnte man glauben, daß Du es niemals würdest!«

Wir haben nicht nöthig, Tag für Tag die Fortschritte zu verfolgen, die der Bazar von Little Boy and Co. in der Achtung und dem Vertrauen der Leute machte. Auf jeden Fall erfreute er sich des besten Erfolges. O'Brien konnte sich nicht genug wundern über die Gewandtheit und den richtigen Blick seines jungen Miethers, der stets vortheilhaft einzukaufen und wieder zu verkaufen verstand. So hatte es auch der alte Kaufmann gemacht und sich dadurch ein recht schönes Vermögen erworben. Freilich begann er sein Geschäft im Alter von fünfundzwanzig Jahren, nicht in dem von zwölf Jahren. Auch O'Brien theilte bald die Ansicht Grips, daß es Findling gar nicht fehlen könne, bald zu Vermögen zu kommen.

Zur Erklärung des wirklich außergewöhnlichen Erfolges, dessen sich der Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« erfreute, diene die Bemerkung, daß es sich in der ganzen Stadt mit Windeseile verbreitet hatte, daß dieses Geschäft von einem kaum den Schuljahren entwachsenen Knaben begründet worden war, und von ihm nur mit Unterstützung eines noch weit jüngeren Knaben geführt wurde. Das genügte, um Findlings Laden sozusagen in die Mode zu bringen. Dieser hatte auch nicht unterlassen, sich durch einige Annoncen in den Blättern zu empfehlen, die er recht theuer bezahlen mußte. Bald begannen aber die hervorragendsten Blätter der Hauptstadt seines ungewöhnlichen Geschäftes auch aus freien Stücken Erwähnung zu thun, und nun stellten sich viele Reporter ein, die Little Boy and Co. -- ja, auch Bob selbst! -- mit ebenso vieler Sorgfalt interviewten, als wenn es dem Lord Gladstone gegolten hätte. Ueberall sprach man schon von dem jugendlichen Kaufmann der Bedfort-Street und von seinem Unternehmen, dem sich die allgemeine Theilnahme zuwandte. Er wurde der Held des Tages und -- was das Wichtigste ist -- die Leute drängten sich, seinen Bazar zu besuchen.