Part 10
Beide Knaben befanden sich, immer längs der Küste nach Dublin hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa fünfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fuße eines zu der Gruppe der Wicklow-Mounts gehörigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fuß hohen Lugnaquilla überragt wird.
Dank dieser bezaubernden Lage übertrifft es hierin sogar Brighton an der englischen Küste. So urtheilt wenigstens Fräulein de Bovet, die bei ihrer Beschreibung der Schönheiten der Grünen Insel einen sehr feinen, künstlerischen Geschmack erkennen läßt.
Ganz Bray besteht nur aus schönen Hôtels, blendend weißen Villen und zierlichen Landhäusern und zählt im Sommer mit den Badegästen gegen sechstausend Bewohner. Die Straße bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung von hübschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schäumend in die enge, nach Süden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai von Killiney fluthet. Wie überall auf der Smaragdenen Insel finden sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothürme, die im 13. Jahrhundert zur Küstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei günstiger Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieser Aussicht nicht, einmal weil er kein Fernrohr besaß, und dann, weil er Bray unerwartet schnell verlassen mußte.
Auf dem sandigen, von den Wellen weithin überspülten Strande tummeln sich sehr viele Kinder, ebenso wie längs der »Parade«, d. i. des Molos von Bray. Hier treffen die kleinen pausbäckigen und rothwangigen Reichen zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben, die die Ferienzeit genießen, und Mädchen, die sich unter der Aufsicht ihrer Mütter und Erzieherinnen belustigen. Man wäre jedoch nicht in Irland, wenn -- selbst hier in Bray -- nicht das darbende Elend durch eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wäre, die den Tang am Ufer durchwühlten.
Die ersten drei Tage waren -- was den Handel der Knaben betraf -- recht ergiebig, so daß der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergnügen versprachen, aus billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vögeln Bobs wurde ebenfalls hübsches Geld verdient. Von früh vier Uhr beschäftigte sich dieser mit dem Fange, der seinen Käfig meist schnell füllte. Am Nachmittage drängte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf, den »Vulcan« dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip, von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren.
Findling gedachte also am folgenden Tage aufzubrechen, als ein Zwischenfall eintrat, der seine Abreise unerwarteter Weise noch beschleunigte.
Es war am 13. Juli. Gegen acht Uhr des Morgens kam Bob mit dem frischbevölkerten Käfig nach dem Hafen, wo er für den letzten Tag noch eine reiche Ernte zu machen hoffte.
Noch befand sich niemand am Strande oder auf der »Parade«.
Als Bob gerade am Anfang des Molos vorüberkam, begegnete er drei Knaben von zwölf bis fünfzehn Jahren, übermüthigen Bürschchen in feiner Kleidung, mit dem Matrosenhut tief im Nacken und scharlachrothen, goldknöpfigen Jacken, die mit dem vorschriftsmäßigen Anker verziert waren.
Bob wollte womöglich seinen Vorrath gleich bei dieser Gelegenheit abzusetzen suchen, da er ihn bis zur eigentlichen Badestunde wieder erneuern zu können hoffte. Die etwas höhnisch aussehenden und deshalb wenig Vertrauen erweckenden jungen Gentlemen veranlaßten ihn jedoch, davon abzustehen. Er fürchtete sammt seinen Vögeln einen übeln Empfang. Das Dreiblatt schien weit mehr aufgelegt, ihn und seinen Handel zu verspotten, darum ging er an den Knaben stumm vorüber.
Das paßte aber den Bürschchen nicht, deren ältester -- schon ein kleiner Herr mit recht boshaften Augen -- Bob den Weg vertrat und ihn barsch fragte, wohin er gehe.
»Ich will eben wieder nach Hause gehen, antwortete Bob höflich.
-- Und der Käfig da?...
-- Der gehört mir.
-- Die Vögel darin aber?...
-- Die hab' ich heute früh gefangen.
-- Aha, das ist der Junge, der sich immer am Strande umhertreibt! rief da einer der drei Gentlemen. Den hab' ich schon gesehen... ich erkenne ihn wieder.... Für zwei bis drei Pence läßt er allemal einen der Vögel fliegen....
-- Jetzt aber, fiel ihm der größere ins Wort, sollen alle ihre Freiheit umsonst haben... alle!«
Damit entriß er Bob den Käfig, öffnete ihn, und die ganze gefiederte Gesellschaft flog davon.
Für Bob war das ein fühlbarer Verlust, und er rief bestürzt:
»Meine Vögel!... Meine Vögel!«
Die frechen Knaben antworteten darauf nur durch ein höhnisches Gelächter.
Erfreut durch ihre garstige Handlung, wollten sie sich schon nach dem Molo begeben, als sie hinter sich eine Stimme vernahmen.
»Das war ein schlechter Streich, den Ihr ausgeführt habt!«
Findling war mit Birk eben auf dem Platze erschienen. Er sah, was sich zugetragen hatte, und rief mit lauter Stimme:
»Ja... das war ein Unrecht, eine Schlechtigkeit von Euch!«
Und als er den größeren Burschen stärker ins Auge gefaßt hatte, setzte er hinzu:
»Uebrigens ist eine solche Bosheit von dem Grafen Ashton nicht zu verwundern!«
Hier stand in der That der Erbe des Marquis vor ihm. Die hochvornehme Familie hatte sich von Trelingar-castle aus nach diesem Seebade begeben und bewohnte seit dem Tage vorher eine der schönsten Villen des Ortes.
»Ah, das ist der Schlingel von Groom! versetzte mit verächtlichem Tone der Graf Ashton.
-- Gewiß!... Ich bins.
-- Und, irre ich nicht, ist da auch der Köter, der meinen Wachtelhund todtgebissen hat?... Er ist also davon gekommen?... Ich glaubte ihm das Lebenslicht ausgeblasen zu haben....
-- Es scheint nicht so, bemerkte Findling, der sich durch das hochmüthige Auftreten seines frühern Herrn nicht irre machen ließ.
-- Nun, da ich Dich erwische, arger Schlingel, will ich gleich heimzahlen, was ich Dir schulde, rief der Graf Ashton, mit geschwungenem Stocke auf ihn eindringend.
-- Oder Sie... Sie werden vielmehr den Preis für Bobs Vögel zahlen, Herr Piborne.
-- Nein... erst Du... dann ich!«
Damit schlug er schon mit seinem Stöckchen auf Findling los.
Dieser, obwohl jünger als sein Gegner, war ihm doch an Körperkraft gleich und an Muth überlegen. Mit einem Satze sprang er auf den Grafen Ashton zu, entriß ihm den Stock und versetzte ihm ein paar schallende Ohrfeigen.
Der Nachkomme der Piborne's wollte Gleiches mit Gleichem vergelten... er kam jedoch gar nicht dazu. Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde und Findling hielt ihn hier mit den Knien fest.
Seine beiden Kameraden wollten ihm zu Hilfe kommen. Da richtete sich jedoch Birk auf und zeigte ihnen knurrend die Zähne. Er würde den Bürschchen wohl übel mitgespielt haben, wenn ihn sein Herr, der wieder aufgestanden war, nicht gehalten hätte.
Dann wandte sich dieser an Bob.
»Komm her!« rief er ihm zu.
Ohne sich weiter um den Grafen Ashton und die beiden andern zu bekümmern, die sich wohl hüteten, mit Birk in Streit zu kommen, kehrten Findling und Bob nach ihrem Gasthofe zurück.
Nach einem für die Eigenliebe des jungen Piborne so unerquicklichen Auftritte schien es das beste, Bray schleunigst zu verlassen. Es mußte immerhin eine unangenehme Geschichte werden, wenn der Geschlagene, obwohl er der Angreifer war, Klage erhob. Bei richtiger Beurtheilung der menschlichen Natur hätte sich Findling freilich sagen müssen, daß der thörichte und eitle junge Mann sich hüten würde, ein Abenteuer, um dessenwillen er erröthen mußte, unter die Leute zu bringen. Da er dessen aber nicht ganz sicher war, beglich er seine Rechnung, spannte Birk vor den jetzt leeren Karren, und bald nach acht Uhr hatten Bob und er Bray schon verlassen.
Sehr spät am Abend desselben Tages kamen unsre jungen Reisenden in Dublin an, nachdem sie binnen drei Monaten von Cork aus eine Strecke von fast zweihundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatten.
X.
In Dublin.
Dublin!... Findling in Dublin!... Jetzt gleicht er dem Thespisjünger, der sich zum ersten Male in großen Rollen versucht oder von einer umherziehenden Gesellschaft an die Bühne der Großstadt übergeht.
Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bevölkerung von dreihundertfünfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor, der gleichzeitig Chef des Militärwesens und damit überhaupt der zweithöchste Beamte der Insel ist, während ihm vierundzwanzig Aldermen, zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig Räthe zur Seite stehen, gehört Dublin mit zu den bedeutendsten Städten des britischen Inselreichs. Handelsthätig mit seinen Docks, gewerbfleißig mit seinen Fabriken, wissenschaftlich hervorragend mit seiner Universität und seinen Schulen, reichen hier dennoch weder die Workhouses für die Armen, noch die =Ragged-Schools= für die Verlassenen und Waisen aus.
Da er auf die letzteren beiden Anstaltsorte keine Ansprüche zu machen gedachte, mußte Findling also ein Gelehrter, ein Kaufmann oder Gewerbtreibender werden, wenn ihn die Zukunft nicht etwa zum Rentier machte.
Cork verlassen zu haben, bedauerte unser junger Held gewiß nicht, und furchtsam machte es ihn nicht, den Vorschlägen Grips, die ja mit seinen geheimen Wünschen so schön übereinstimmten, gefolgt zu sein. Auch der Gedanke, daß der Kampf ums Dasein bei den vielen Mitbewerbern hier weit schwerer werden müsse, vermochte ihn nicht zu ängstigen -- er war mit Vertrauen von Cork abgereist und sein Vertrauen war unterwegs nicht erschüttert worden.
Die Grafschaft Dublin gehört zur Provinz Leinster. Bergig im Süden, eben oder wellenförmig im Norden, erzeugt sie vor allem viel Lein und Hafer. Hierin liegt indeß die Quelle ihres Reichthums nicht. Diesen verdankt sie dem Meere, dem Seehandelsverkehr, der sich auf eine Jahresbewegung von zwölftausend Schiffen mit dreiundeinhalb Millionen Tonnen beziffert. Hiermit nimmt Dublin unter allen Häfen des Vereinigten Königreichs die siebente Rangstufe ein.
Die Bai von Dublin, an der sich die elf Meilen im Umfang messende Stadt erhebt, hält den Vergleich mit den schönsten in Europa aus. Sie erstreckt sich vom Hafen Kingstown im Süden bis zum Hafen Howth im Norden; der von Dublin selbst wird durch die Mündungen der Liffey gebildet. Zwei zur Abhaltung der Versandung bis weit hinaus vorgeschobene »Walls« haben die Barre, die sonst den Zugang zum Hafen erschwerte, beseitigt und gestatten jetzt Schiffen bis zu zwanzig Fuß Tiefgang die Fahrt auf dem Flusse bis zur ersten (der Carlisle-) Brücke hinauf.
Vom Meere aus, bei einem sonnigen Tage mit klarer Luft, muß man nach dieser Hauptstadt kommen, um das prächtige Gesammtbild mit einem Blicke erfassen zu können. Bob und Findling hatten sich dieses Glücks nicht zu erfreuen gehabt. Die Nacht war finster und die Atmosphäre dunsterfüllt, als sie die ersten Häuser einer Vorstadt von Dublin erreichten, nachdem sie der Straße längs der Bahnlinie, auf der man von Kingstown aus die Hauptstadt binnen zwanzig Minuten erreicht, nachgegangen waren.
Der Anblick der unteren Quartiere der Stadt in trübem, nur von wenigen Gasflammen unterbrochenem Dunste war keineswegs einladend zu nennen. Der von Birk gezogene Wagen bewegte sich durch enge, verwickelte Gassen dahin. Ueberall schmutzige Häuser, geschlossene Läden und offne =publics houses=, überall eine Menge obdachloser Armer oder ein Gedränge ganzer Familien in qualmerfüllten Spelunken, und das widerwärtige Bild der Trunkenheit, vor allem der von Whisky, der den schlimmsten Rausch verursacht und so oft Streitigkeiten, Beleidigungen und Gewaltthätigkeiten erzeugt.
Die beiden Knaben hatten so etwas auch anderswo gesehen, darüber erstaunten sie also nicht besonders. Wie zahlreich lungerten hier aber auch Kinder ihres Alters herum, die auf den Stufen und Ecksteinen saßen oder Abfälle durchwühlten -- alle barfuß, ohne Kopfbedeckung und mit jämmerlichen Lumpen umhüllt! Bob und Findling kamen an einer, jetzt schwer zu überblickenden großen Kirche vorbei, einer der beiden phantastischen Kathedralen, die mit den Millionen des großen Brauers Leo Guineß und des großen Branntweinbrenners Roe wieder hergestellt worden war. Von dem gewaltigen Thurme mit seiner achteckigen Spitze, die von den Bewegungen seines achtstimmigen Glockenspiels ins Schwanken kommt, schlug gerade die neunte Stunde.
Von der langen und schnellen Wanderung von Bray bis hierher ermüdet, hatte Bob im Karren Platz genommen. Findling schob diesen zur Entlastung Birks. Er suchte ein Unterkommen für die Nacht, bereit, es am folgenden Tage, wenn nöthig, umzutauschen. Ohne es zu wissen, durchzog er den Stadttheil, der »die Freiheiten« genannt wird, nahe dem Eingang der Hauptstraße Saint-Patrick, die von der erwähnten Kathedrale bis zur andern, Christ-Church, hin verläuft. Es ist das eine breite, mit Häusern, die früher als comfortabel galten, besetzte Straße, auf die ungesunde Gassen, schmutzige »Lanes« einmünden. Diese sind angefüllt mit erbärmlichen Höhlen, mit Löchern, denen gegenüber man die Hütte der Hard noch vorgezogen hätte. Findling erinnerte sich dieser mit heimlichem Entsetzen. Und doch befand er sich ja nicht in einem Dorfe von Donegal, sondern in Dublin, der Hauptstadt der Smaragdnen Insel, und er besaß jetzt mehr verdiente Guineen, als alle diese Bettelkinder Farthings in der Tasche haben mochten. Er suchte auch nicht nach einem jener verdächtigen Häuser, wo es mit der Sicherheit sehr zweifelhaft bestellt ist, sondern einen bescheidnen Gasthof, in dem Nachtlager und Nahrung für einen bescheidnen Preis zu haben waren.
Das fand er zufällig in der Mitte der Saint-Patrick-Street, ein Gasthaus von bescheidnem, aber ordentlich erscheinendem Aeußern, in dem der Karren in einem Schuppen Platz fand. Nach dem Abendessen stiegen die Knaben nach ihrem engen Kämmerchen hinauf, und in dieser Nacht hätten alle Glockenspiele der Kathedrale, aller Lärm der Freiheiten ihren Schlaf nicht zu stören vermocht.
Am folgenden Tage standen sie frühzeitig auf; sie wollten auf Recognoscierung ausgehen und vorzüglich vielleicht Grip aufsuchen, was ja nicht schwierig sein konnte, wenn der »Vulcan« in seinem Heimathafen wieder zurück war.
»Birk nehmen wir doch mit? fragte Bob.
-- Natürlich, antwortete Findling, er muß doch die Stadt kennen lernen.«
Birk ließ sich darum nicht bitten.
Dublin bildet ein Oval, dessen großer Halbmesser drei Meilen beträgt. Die von Westen nach Osten fließende Liffey scheidet es in zwei fast gleich große Theile. An ihrer Mündung verbindet sich der Strom mit einem, die Stadt umrahmenden doppelten Canal -- im Norden dem Royal-Canal, der sich an der Midland-Great-Western hinzieht, im Süden dem Grand-Canal, der bis Galway reicht und den Atlantischen Ocean mit dem Irischen Meere verbindet.
Die Saint-Patrick-Street zählt unter ihren Bewohnern -- und zwar als den wohlhabensten -- zahlreiche jüdische Trödler. Von diesen Händlern entnehmen die Paddys der untern Volksclassen alles, was zu ihrer sehr primitiven Kleidung gehört, ausgebesserte Leibwäsche, abgetragene Röcke, Hosen mit aufgesetzten andersfarbigen Flicken, unbeschreibbare Männerhüte und Frauenhüte mit unmöglichen Federn. Hier versetzen die Leute auch ihre Lumpen für wenige Pence, die sie dann in den benachbarten »Inns« schnellstens vertrinken, wo Whisky und Gin verschänkt werden. Jene Kramladen erregten schon die Aufmerksamkeit Findlings.
Jetzt zu früher Morgenstunde waren die Straßen fast menschenleer. Man steht spät auf in Dublin, wo es übrigens nicht viel Industrie giebt. Werkstätten findet man fast gar nicht, außer den Etablissements, die Seide, Flachs, Wolle und vor allem Popeline (Halbseidenstoffe) erzeugen, deren Fabrication einst durch Franzosen eingeführt wurde, welche in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes hier eingewandert waren. Brauereien und Brennereien stehen dagegen in hoher Blüthe. Hier erhebt sich die großartige und weitberühmte Whiskybrennerei von Roe, dort die ausgedehnte Stoutbrauerei von Guineß, die einen Werth von hundertzwanzig Millionen Mark haben soll und die durch unterirdische Canäle mit dem Victoria-Dock in Verbindung steht, von wo hunderte von Schiffen ausgehen, die das Bier nach beiden Welten befördern. Ist aber die Industrie dürftig, so nimmt der Handelsverkehr wenigstens immer mehr zu, und was die Ausfuhr von Schweinen und Rindern betrifft, hat sich Dublin unter den Häfen des Vereinigten Königreichs sogar zum ersten Range emporgeschwungen.
Findling wußte das, da er den volkswirthschaftlichen Theil der Zeitungen und Broschüren, die er verkaufte, stets zu lesen pflegte.
Während sie nach der Liffey wanderten, verloren Bob und er nichts Bemerkenswerthes aus den Augen. Bob schwatzte unterwegs nach alter Gewohnheit.
»O, diese Kirche!... Ah, dieser Platz!... Welch' ungeheures Gebäude!... Welch' schöner Square!«
Das genannte Gebäude war die Börse, die Royal-Exchange. In der Dame-Street lag die City-Hall, die Commercial Building, der Sammelplatz für die Kaufleute der Stadt. Weiterhin erschien das Schloß auf dem Rücken des Cork-Hill, mit seinem großen, zinnengekrönten Thurm und den schwerfälligen Backsteinmauern. Früher ein von Elisabeth ausgebautes Festungswerk, dessen Spuren man kaum noch wiederfindet, dient es jetzt als Amtswohnung des Lord-Lieutenant und als Sitz der Civil-Militärbehörden. Darunter breitet sich Steffen-Square aus mit einer Reiterstatue Georgs I., die von üppigen Rasenplätzen und schönen Bäumen umgeben ist. Die Einfassung des Square aber bilden ebenso traurige wie symmetrische Häuser, unter denen der Palast des protestantischen Erzbischofs und der Boardroom die umfänglichsten sind. Weiter nach rechts liegt dann der Merrion-Square, wo sich die alte Ritterburg von Leinster, das Hôtel der königlichen Gesellschaft, mit korinthischer Façade und dorischem Vestibül erhebt und an dem auch das Geburtshaus O'Connell's liegt.
Findling ließ Bob plaudern und gab sich seinen Gedanken hin. Er bemühte sich, aus dem, was er sah, einen praktischen Nutzen zu ziehen. Noch wußte er ja nicht, was er mit seinem kleinen Vermögen beginnen, welche Art von Handel er mit Aussicht auf Erfolg anfangen sollte.
Auf ihrem Wege durch die ärmlichen Straßen, die die bessern Quartiere umgeben, verliefen sich die Knaben mehr als einmal, so daß sie eine Stunde nach ihrem Aufbruche aus Saint-Patrick-Street noch nicht einmal die Quais der Liffey erreicht hatten.
»Einen Fluß giebt's hier also wohl gar nicht? fragte Bob wiederholt.
-- Doch... einen Fluß, der in den Hafen mündet,« versicherte Findling.
Immer fast blindlings weitergehend, gelangten sie nach einer Gruppe vier Etagen hoher, aus Portland-Cement errichteter Gebäude, mit hundert Meter langer griechischer Façade, einem von vier korinthischen Säulen getragenen Fronton und mit zwei Eckpavillons mit Pilastern und Antiken. Um das Ganze erstreckt sich ein wirklicher Park, worin junge Leute dem Sport aller Art huldigten. Das Ganze war aber nicht etwa eine Art Turnanstalt, sondern die von Elisabeth gegründete Universität, das Trinity-College. Die jungen Leute hier waren irische Studenten, lauter eifrige Sportsmen, die sich an Kühnheit und Feuer mit ihren Kameraden von Oxford und Cambridge messen können. Das Ganze glich freilich nicht der =Ragged-School= von Galway, und der Vorsteher hier mochte wohl eine ganz andre Persönlichkeit sein, als jener O'Bodkins.
Bob und Findling wandten sich von hier aus weiter nach rechts, und sie hatten kaum hundert Schritte gemacht, als der kleine Knabe jubelnd ausrief:
»Dort... dort sehe ich Masten!
-- Also, Bob, muß auch ein Strom dort sein!«
Von den Masten sah man zunächst freilich nur die über die Häuser am Quai hinausragenden Spitzen. Deshalb suchten sie sich also eine nach der Liffey hinabführende Straße, wobei ihnen Birk, mit der Nase an der Erde schnüffelnd, als hätte er eine Spur gewittert, lustig vorauslief.
Ihm schnell folgend, schenkten sie der Christ-Church-Kathedrale nur einen flüchtigen Blick. Diese liegt aber von der ersten Kathedrale nur durch die Länge der Saint-Patrick-Street getrennt -- ein Beweis für die weiten Umwege, die die Knaben gemacht hatten. Letztere ist übrigens eine recht bemerkenswerthe Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert in Form eines lateinischen Kreuzes, mit Nebenthurm und spitzen Dachreitern u. s. w. Doch sie näher zu betrachten, dazu fand sich wohl immer noch einmal Zeit.
Endlich erreichten Findling und Bob das rechte Ufer der Liffey.
»O, wie schön das ist, rief der eine.
-- Etwas so Schönes haben wir noch nie gesehen!« meinte der andre.
In Limerick wie in Cork, am Shannon wie an der Lee würde man freilich das herrliche Bild granitner Quais, die mit prächtigen Gebäuden besetzt sind, vergeblich suchen -- zur Rechten die von Ushers-Aleschants, von Word und von Essex, zur Linken die von Ellis, Avan, von Kings-Inn und andre.
Hier gingen die Seeschiffe indeß nicht vor Anker. Ihr Mastenwald erhob sich weiter stromabwärts in einem tiefen Einschnitt des linken Ufers der Liffey.
»Das sind dort jedenfalls die Docks? sagte Findling.
-- Ei, komm, dahin gehen wir sofort!« antwortete Bob, dessen Neugier das Wort »Dock« erregte.
Die beiden Hälften von Dublin stehen durch neun Strombrücken in bequemer Verbindung, und die östlichste davon, die Carlisle-bridge -- gleichzeitig die bedeutendste -- führt unmittelbar von der Westmoreland-Street auf der einen, nach der Sackeville-Street auf der andern Seite.
In die letztere bogen die Knaben nicht ein, denn das hätte sie zu weit von den Docks weggeführt. Dagegen musterten sie aufmerksam alle Schiffe, die unterhalb der Carlisle-bridge auf der Liffey lagen. Vielleicht fanden sie den »Vulcan« darunter. Den Dampfer Grips hätten sie ja unter Tausenden erkannt.
Der »Vulcan« lag aber nicht an den Quais der Liffey. Vielleicht war er noch gar nicht zurückgekehrt, vielleicht ankerte er inmitten der Docks oder war wegen nothwendiger Ausbesserungen ins Trockendock gegangen.
Findling und Bob folgten dem Quai am linken Stromufer. In Gedanken an den »Vulcan« bemerkte der eine vielleicht gar nicht das Custom-house (Zollgebäude), ein mächtiges, viereckiges Bauwerk mit hundert Fuß hoher, von einer Statue der Hoffnung bekrönter Kuppel. Der andre dagegen blieb einen Augenblick in Betrachtung verloren stehen. Er dachte daran, ob wohl jemals auch Waaren von ihm hier der Zollbehandlung unterliegen würden. Ein erhebendes Gefühl mußte es sein, hier Frachtgüter, die aus fremdem Lande für ihn eingetroffen wären, in Empfang zu nehmen. Doch sollte ihm das jemals beschieden sein?
Die Knaben gelangten nach den Victoria-Docks. In dem Bassin, dem Herzen der Handelsstadt, dessen Venen nach allen Meeren hin ausstrahlen, lagen eine Menge Schiffe, die entweder ihre Ladung löschten oder aufs neue befrachtet wurden.
Da entfuhr Bob ein Schrei.
»Der »Vulcan«! Da... da!«
Wirklich lag der »Vulcan« an einem der Quais und nahm eben Fracht ein.
Bald darauf hatte Grip, der an Bord unbeschäftigt war, seine beiden Freunde gefunden.
»Endlich... seid Ihr da!« rief er, sie an sich drückend, als sollte er sie ersticken.
Alle drei gingen nun, um ungestörter plaudern zu können, am Quai wieder zurück nach dem Ufer des Royal-Canal zu, wo dieser in die Liffey einmündet.
Hier war es hübsch still.
»Seit wann seid Ihr denn in Dublin? fragte Grip, der beide Knaben an den Armen führte.
-- Seit gestern Abend, erwiderte Findling.
-- Erst?... Ich sehe, mein Boy, Du hast Dir Zeit genommen zu einem Entschlusse....
-- Nein, das nicht, Grip; nach Deiner Abfahrt zögerte ich gar nicht mehr, Cork zu verlassen.