Part 7
Die Herzogin von Kendalle war allein auf der Bühne und sprach in der eine ärmliche Hütte darstellenden Decoration einen Monolog. Bei einem gewissen Stichworte sollte sich die Thür im Hintergrunde öffnen, ein Kind eintreten, auf sie zugehen und bittend die Hand ausstrecken; in diesem Kinde sollte sie das ihrige erkennen.
Hier sei erwähnt, daß der Findling schon bei den Proben immer sehr betrübt darüber war, daß er um ein Almosen betteln sollte, wogegen sich sein natürlicher Stolz ja bereits in der Lumpenschule auflehnte. Miß Anna Walston hatte ihm zwar wiederholt erklärt, daß es sich hier nicht um ein wirkliches Betteln handelte, das beruhigte ihn jedoch noch nicht. In seiner Naivität nahm er die Sachen für Ernst und glaubte schließlich wirklich, daß er der unglückliche kleine Sib sei.
In Erwartung seines Auftretens und während ihn der Regisseur an der Hand hielt, lugte er durch die nur angelehnte Thür. Mit größter Verblüffung durchflogen seine Augen den gefüllten Zuschauerraum, der wie in einem Lichtmeer gebadet erschien, theils von den Girandolen der einzelnen Ränge und theils von dem großen, einem feurigen Ballon ähnlichen Kronleuchter. Das war ein so ganz andres Bild, als er es bei seinen wenigen Theaterbesuchen von der Loge aus gesehen hatte.
Da raunte der Regisseur ihm zu:
»Achtung, Sib!
-- Ja, ja, Herr....
-- Du weißt... Du gehst grade auf Deine Mama zu. Hüte Dich, nicht etwa zu fallen.
-- Ich werde mich vorsehen.
-- Und strecke hübsch die Hand aus...
-- Ja; nicht wahr, so hier?«
Er zeigte dabei eine fest geschlossene Hand.
»Nein, Dummkopf!... Du machst ja eine Faust und mußt doch die Hand offen hinhalten, wenn Du um eine Gabe bittest....
-- Ach ja, Herr....
-- Und vor allem, sprich kein Wort... keine Silbe!
-- Nein, Herr....«
Die Thür der Hütte öffnete sich und der Regisseur schob den Findling genau beim Stichworte hinein.
Der kleine Knabe hatte sein Debüt in der theatralischen Laufbahn. O, wie klopfte ihm das Herz!
Vom Zuschauerraume her tönte ein Gemurmel, ein Ausdruck teilnehmenden Mitleids, während Sib, mit gesenkten Augen und ungewissen Schritten herankommend, gegen die trauernde Dame die Hand ausstreckte. Die Zuschauer glaubten herauszufinden, daß er solche Lumpen gewöhnt gewesen war.
Man bereitete ihm einen »Empfang«, was den Kleinen noch mehr verwirrte.
Plötzlich erhebt sich die Herzogin, sie starrt ihn an, sinkt zurück und öffnet die Arme.
Ein markdurchdringender Schrei nach allen Regeln der Kunst.
»Er ist's!... Er ist's!... Ich erkenne ihn wieder!... Das ist Sib, mein... mein Kind!«
Darauf zieht sie ihn an sich, drückt ihn ans Herz, bedeckt ihn mit Küssen... er läßt sie gewähren. Sie weint -- diesmal leibhaftige Thränen -- und schluchzt:
»Mein Kind... mein Kind ist es, dieser kleine Unglückliche, der mich um ein Almosen anfleht!«
Das ergreift den armen Sib.
»Ihr Kind, Miß Anna? fragte er trotz der Mahnung, kein Wort zu sprechen.
-- Schweig doch!« zischelt ihm die Künstlerin heimlich zu.
Dann fährt sie fort:
»Um mich zu strafen, hatte der Himmel mir ihn genommen, heute giebt er ihn mir wieder!«
Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast mit ihren Küssen, überschüttet sie ihn fast mit ihren Thränen. Niemals, nein, niemals war der kleine Knabe so stürmisch geherzt und gepreßt worden, nie hatte er sich so mütterlich geliebt gefühlt.
Die Herzogin erhebt sich, als höre sie Geräusch von draußen.
»Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!
-- Gewiß nicht, Miß Anna!
-- So schweig doch nur!« ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern gehört zu werden.
Die Thür der Hütte wird hastig aufgestoßen. Zwei Männer erscheinen auf der Schwelle.
Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener, der jenen zur Unterstützung begleitet.
»Ergreifen Sie dieses Kind... es gehört mir!
-- Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein Stück hinwegzieht.
-- Sie sind nicht mein Papa!« erklärt der kleine Junge laut.
Die Fingerspitzen der Miß Anna Walston haben sich so tief in seinen Arm eingebohrt, daß ihm ein Schrei entfährt. Dieser Schrei paßt ja zur Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die ihn an sich preßt... keiner soll ihr das Kind entreißen können. Eine Löwin vertheidigt ihr Junges....
Der kleine sich sträubende Löwe, der den Vorgang für Ernst nimmt, wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bemächtigt; er entschlüpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.
»Ach, Miß Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, daß sie nicht meine Mama sind?
-- Wirst Du schweigen, Unglücksvogel!... Wirst Du endlich schweigen! murmelt sie, während Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.
-- Ja, ja... antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama... ich hatte es Ihnen ja gesagt, Miß Anna... meine richtige Mama.«
Die Zuschauer begreifen allmählich, daß das nicht zum Stücke gehört; sie kichern und lächeln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich hätten sie weinen sollen, denn es war rührend zu sehen, wie das Kind in der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen wähnte.
Die »Situation« blieb aber -- so oder so -- compromittiert. Man fing an zu lachen, wo hätte man weinen sollen, und um den großen Auftritt war es geschehen.
Miß Anna Walston erfaßte die ganze Lächerlichkeit der Lage. Ihre vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.
Außer sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, hätte sie vernichten mögen!... Da schwanden ihr die Kräfte, sie fiel auf die Bühne nieder und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gelächter der Zuschauer.
Noch in derselben Nacht verließ Miß Anna Walston, die man nach dem Royal-George-Hôtel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa Corbett. Sie verzichtete auf die für die folgende Woche angekündigten Vorstellungen und entrichtete deshalb die übliche Conventionalstrafe. Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.
Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekümmert. Sie entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und dessen Anblick ihr verhaßt war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe erstarrt jede andre Neigung.
* * * * *
Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte, daß er ein großes Unglück angerichtet haben müsse, hatte sich unbemerkt geflüchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Straßen von Limerick und verkroch sich endlich in eine Art großen Garten mit da und dort verstreuten Häuschen und steinernen, von Kreuzen überragten Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom Mondschein nicht getroffenen Seite sehr düster aussah.
Dieser Garten war der Friedhof von Limerick -- eine jener englischen Todtenstätten mit Buschwerk, blühenden Pflanzen, besandeten Wegen, mit Rasenflächen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Gräber, die kleinen Häuser Grüfte, das große Bauwerk die Kathedrale der heiligen Maria.
Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Geräusche zitternd vor Furcht... daß der böse Mann, der Herzog von Kendalle, es suchen könnte. Und nun war auch Miß Anna nicht zu seiner Vertheidigung da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegführen in ein unbekanntes Land, wo er seine Mama nicht wiedersähe... und große Thränen perlten ihm aus den Augen.
Mit Tagesanbruch hörte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.
Unfern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen Gattin. Beim Vorübergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben sich nach dem Bureau des öffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen nach dem Süden der Grafschaft abgehen sollte.
»Was machst Du da, Kleiner?« fragte der Mann.
Der Knabe schluchzte, daß er kein Wort hervorbringen konnte.
»Nun, was hast Du denn da vor?« erklang jetzt die sanftere Stimme der Frau.
Der Findling schwieg noch immer.
»Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.
-- Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.
-- Aber Deine Mutter?...
-- Ich habe keine mehr!«
Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.
»Es ist ein verlassnes Kind,« sagte der Mann.
Hätte der Findling noch seine schöne Kleidung getragen, so würde der Farmer ihn für ein verirrtes Kind und sich für verpflichtet gehalten haben, es den Seinigen wieder zuzuführen. In den Lumpen Sibs aber konnte es nur einer jener kleiner Unglücklichen sein, die niemand angehörten.
»So komme mit!« schloß der Farmer.
Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte mit freundlicher Stimme:
»So ein Bübchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr, Martine?
-- Nein Martin!«
Und mit einem herzhaften Kusse löschte die gute Frau die Thränen des kleinen Knaben.
VIII.
Die Farm von Kerwan.
Daß dem kleinen Burschen in der Provinz Ulster kein Glücksstern geschienen hatte, war leicht genug zu erkennen, obgleich niemand wußte, wie er seine erste Kindheit in irgend einem Dorfe der Grafschaft zugebracht haben mochte.
Die Provinz Connaught war ihm auch nicht gnädig gewesen, weder als er über die Landstraßen der Grafschaft Mayo unter der Fuchtel des Puppenschaustellers hinwanderte, noch die Grafschaft Galway während der zwei Jahre in der =Ragged-School=.
Nun hätte man wenigstens hoffen können, daß sein Elend in der Provinz Munster, Dank der Laune einer Schauspielerin, ein Ende genommen hätte. Nein... er war wieder verlassen worden, und jetzt sollte ihn der Zufall tief nach Kerry hinein, an das Südwestende Irlands verschlagen. Diesmal nahmen sich sehr wackre Leute seiner an... möchte er bei ihnen bleiben können!
Im Nordosten der Grafschaft Kerry und nahe dem Flusse Cashen liegt die Farm von Kerwan. In der Entfernung von einem Dutzend (englische) Meilen liegt Tralee, der Hauptort, von wo, alter Ueberlieferung nach, im sechsten Jahrhundert Saint-Brandon abgesegelt sein soll, um Amerika lange vor Columbus zu entdecken. Hier laufen die verschiedenen Schienenwege des mittleren Irland zusammen.
Das sehr unebene Gebiet enthält die höchsten Berge der Insel, wie die Clanaraderry- und die Stacksberge. Zahlreiche Wasserläufe verbinden sich mit dem Cashen und bedingen, im Verein mit vielen Sumpfstrecken, auch eine große Unebenheit der Landstraßen. Dreißig Meilen gegen Westen trifft man auf die tiefeingeschnittene Küste, wo sich die Flußmündung des Shannon und die lange Bai von Kerry ausbreiten, deren vielgestaltige Felswände von der Kohlensäure des Meerwassers benagt werden.
Jeder erinnert sich der Worte O'Connell's: »Irland den Irländern!« Im folgenden wird sich zeigen, wie weit das wahr geworden ist.
Man zählt hier dreihunderttausend Farmen, die fremden Besitzern gehören. Unter dieser Zahl umfassen fünfzigtausend mehr als vierundzwanzig Acres (etwa zehn Hektar) und achttausend haben nur acht bis zwölf Acres. Die übrigen sind alle kleiner. Daraus darf man aber nicht auf eine weitgehende Zerstückelung des Eigenthums schließen. Im Gegentheil. Drei dortige Großbesitze übersteigen hunderttausend Acres, z. B. der von Richard Borridge, der hundertsechzigtausend Acres mißt.
Doch was sind diese Complexe gegen die der Landlords von Schottland, eines Grafen von Breadalbane, der vierhundertfünfunddreißigtausend Acres sein eigen nennt, eines J. Matheson, der vierhundertsechstausend, eines Herzogs von Sutherland, der gar zwölfhunderttausend Acres -- das Areal eines ganzen Herzogthums -- besitzt!
Seit der Eroberung durch die Anglo-Normannen im Jahre 1100 ist die »Schwesterinsel« streng feudal regiert worden und ist ihr Boden Feudaleigenthum geblieben.
Der Herzog von Rockingham war jener Zeit einer der großen Landlords der Grafschaft Kerry. Sein Besitzthum von hundertfünfzigtausend Acres enthielt Getreideland, Wiesen, Wald und Teiche mit fünfzehnhundert darüber verstreuten Farmen. Er war ein Fremder, einer derer, die die Irländer mit Recht des Absentismus wegen anklagen. Die Folge dieses Fernbleibens aber ist, daß das durch irischen Fleiß erworbene Geld zum Nachtheil Irlands nach auswärts geht.
Das »Grüne Erin« bildet bekanntlich keinen Bestandtheil Großbritanniens, das nur aus England und Schottland besteht. Der Herzog von Rockingham war ein englischer Lord. Wie so viele andre, die neun Zehntel der Insel besitzen, hatte er es noch nicht für der Mühe werth gehalten, sein Landeigenthum zu besuchen, und so kannten ihn auch seine Pächter nicht. Für eine gewisse jährliche Summe überließ er die Ausbeutung seines Grundbesitzes einigen Generalpächtern oder »Middlemen«, die diesen in kleinen Parcellen an die eigentlichen Landbauern weiter verpachteten. So gehörte die Farm von Kerwan mit vielen andern eigentlich einem gewissen John Eldon, einem Agenten des Herzogs von Rockingham.
Diese Farm von mittlerem Umfang enthält nur hundert Acres und dazu besteht sie aus minderwerthigem, vom Oberlauf des Cashen benetztem Culturlande, dem der Bauer nur mit emsiger Arbeit so viel entlocken kann, wie er zur Zahlung des Pachtzinses braucht, vorzüglich, wenn dieser sehr hoch, mit einem Pfund Sterling jährlich für den Acre, angesetzt ist.
Das war der Fall bei der Farm von Kerwan, die der Landmann Mac Carthy bearbeitete.
Es giebt wohl auch gute Grundherren in Irland; die Pächter haben es aber nur mit den Middlemen, meist harten, unerbittlichen Leuten, zu thun. Die Aristokratie, die sich in England und Schottland so liberal zeigt, tritt in Irland dagegen sehr herrisch auf. Statt die Hand zu reichen, zerrt sie an den Zügeln. Eine Katastrophe liegt immer in der Luft. Wer den Haß säet, wird die Empörung ernten.
Martin Mac Carthy, einer der besten Farmer der ganzen Domäne, stand in dem kräftigen Mannesalter von zweiundfünfzig Jahren. Fleißig, gewandt, im Landbau wohlerfahren und unterstützt durch seine streng erzogenen Kinder hatte er trotz aller Steuern und Abgaben, die das Budget eines irischen Bauern belasten, doch noch eine kleine Summe zurücklegen können.
Seine Frau hieß Martine, wie er Martin. Dieses überaus thätige Weib besaß alle Eigenschaften einer guten Haushälterin. Sie arbeitete mit ihren fünfzig Jahren noch, als ob sie deren erst zwanzig zählte. Im Winter aber, wenn die Feldarbeit ruhte, sah man sie beim schnurrenden Spinnrade vor dem Kamin sitzen, wenn keine häusliche Arbeit sie in Anspruch nahm.
Die in guter Luft lebende, durch Thätigkeit im Freien abgehärtete Familie Mac Carthy erfreute sich vortrefflicher Gesundheit und ruinierte sich weder durch Arzneien noch durch Aerzte. Sie gehörte zu der kräftigen Rasse irischer Landleute, die sich ebenso leicht in den Prairien des amerikanischen Far-West acclimatisiert, wie in den Gebieten Australiens oder Neuseelands.
Als Haupt der Familie galt, von allen geliebt und geehrt, die Mutter Martins, eine Greisin von fünfundsiebzig Jahren, deren Mann früher die Farm innehatte. »Großmutter« -- anders nannte man sie nicht -- hatte keine andere Beschäftigung, als mit ihrer Schwiegertochter zu spinnen, da sie, so weit dies an ihr lag, ihren Kindern möglichst wenig zur Last fallen wollte.
Der älteste der Söhne, der siebenundzwanzigjährige, aber besser als sein Vater unterrichtete Murdock, nahm lebhaftesten Antheil an den Fragen, die ganz Irland unablässig bewegten, und alle fürchteten sehr, daß er sich einmal in eine schlimme Geschichte einlassen könne. Er gehörte zu den eifrigsten Anhängern des =home rule=, d. h. der Erkämpfung der Autonomie des Landes, ohne freilich zu bedenken, daß das =home rule= weit mehr auf politische, als auf sociale Reformen abzielt. Gerade der letzteren bedarf aber Irland, da es noch unter der schweren Last der Feudalherrschaft seufzt.
Murdock, ein kräftiger junger Mann von schweigsamem Charakter, hatte unlängst die Tochter eines benachbarten Farmers geheiratet. Die von der Familie Mac Carthy geliebte, vortreffliche junge Frau besaß jene regelmäßige, stolze und ruhige Schönheit und die vornehme Haltung, die man bei Irländerinnen der unteren Classen so häufig findet. Ihr Gesicht wurde von großen blauen Augen belebt und lockig quoll das reiche blonde Haar unter den Kopfbändern hervor. Kitty liebte ihren Gatten herzlich, und Murdock, der sonst niemals lächelte, vergaß sich hierin zuweilen doch, wenn er sie ansah, denn auch er bewahrte ihr die innigste Zuneigung. Sie benützte ihren Einfluß auch, ihn zu mäßigen und zurückzuhalten, wenn ein Sendbote der Nationalisten Propaganda im Lande zu machen und die Leute zu überzeugen suchte, daß von einer Versöhnung zwischen Landlords und Pächtern nie die Rede sein könne.
Selbstverständlich waren die Mac Carthy's gute Katholiken, es kann also nicht auffallen, daß sie die Protestanten als ihre Feinde betrachteten.[2]
Murdock besuchte eifrig alle solche Versammlungen und Kittys Herz klopfte immer recht ängstlich, wenn sie ihn so nach Tralee oder einem andern Orte in der Nachbarschaft gehen sah. Bei diesen Gelegenheiten sprach er auch öffentlich mit der den Irländern angebornen Beredtsamkeit und Kitty mußte ihn bei der Heimkehr immer erst zu beruhigen suchen, wenn sie die Erregung noch in seinen Zügen las und er unter einem gemurmelten Aufrufe zur agrarischen Erhebung wohl gar noch mit dem Fuße stampfte.
»Mein guter Murdock, sagte sie dann bittend, wir müssen Geduld haben... uns vorläufig ins Unabänderliche fügen...
-- Geduld! unterbrach er sie grollend, wenn Jahre dahingehen und nichts sich bessert! Ergebung, wenn man thätige Leute wie unsre Großmutter nach langem Leben voller Arbeit noch immer im Elend schmachten sieht! Geduldig sein und sich fügen, arme Kitty, bedeutet, alles ruhig hinnehmen, das Gefühl eignen Rechtes verlieren, sich unters Joch ducken und das... das thu' ich niemals... niemals!«
Martin Mac Carthy hatte noch zwei andre Söhne, Pat oder Patrick, und Sim oder Simeon, im Alter von fünfundzwanzig und von neunzehn Jahren.
Pat segelte meist als Matrose auf einem Handelsschiffe des angesehenen Hauses Marcuart in Liverpool. Sim hatte, wie Murdock, die Farm niemals verlassen, und ihr Vater fand an beiden wichtige Helfer für die Feldarbeit und die Pflege der Thiere. Sim gehorchte ohne Widerspruch seinem älteren Bruder, dessen Ueberlegenheit er neidlos anerkannte. Er bezeugte ihm so viel Achtung, als ob jener das Haupt der Familie wäre. Als letzter Sohn, als »Nesthäkchen« mit besondrer Liebe aufgezogen, neigte er zu der harmlosen Lustigkeit, die allgemein im Charakter des Irländers liegt. Er liebte es, zu scherzen, zu lachen und verbreitete Sonnenschein in dem sonst etwas düstern Hause. Sehr muthwilliger Natur, unterschied er sich auffallend von dem gesetzten, ernsthaften Wesen seines Bruders Murdock.
Das war also die fleißige Familie, in deren Mitte der Findling durch Zufall gekommen war. Seinem lebhaften Geiste konnte der Unterschied zwischen dem erbärmlichen Leben in der Lumpenschule und dem gesunden Aufenthalt in einer irländischen Farm nicht unbemerkt bleiben. Wohl hatte unser Held mehrere Wochen behaglichen Wohlbefindens bei der launenhaften Miß Anna Walston verlebt, dort aber nicht die wahre herzliche Zuneigung gefunden, die das Leben am Theater überhaupt mehr oder weniger am Aufkeimen zu hindern pflegt.
Die gesammten Baulichkeiten des Mac Carthyschen Pachtgutes beschränkten sich nur auf das unbedingt notwendige. Viele Güter in den reichen Grafschaften des Vereinigten Königreichs sind in ganz andrer und luxuriöserer Weise ausgestattet. Uebrigens verleiht ja der Farmer erst der Farm den Werth, und deren Umfang ist nicht von so entscheidender Bedeutung, wenn sie nur einsichtig bewirthschaftet wird. Martin Mac Carthy gehörte also nicht zu der begünstigteren Classe der »Yeomen«, die kleine Bodeneigenthümer sind, sondern nur zu den zahlreichen Pächtern des Herzogs von Rockingham, so zu sagen: zu den Hunderten von landwirthschaftlichen Maschinen, die auf dem ausgedehnten Grundbesitz der reichen Landlords in Thätigkeit sind.
Das Hauptgebäude, das aus Mauerwerk mit Strohdach bestand, enthielt nur ein Erdgeschoß, worin die Großmutter, Martin und Martine Mac Carthy und Murdock mit seiner Frau je ein Zimmerchen bewohnten. Dazu kam ein größerer Raum mit weitem Kamin, der die Insassen des Hauses bei den Mahlzeiten vereinigte. Darüber lag, zwischen Kornböden, eine von zwei Fensterchen erhellte Mansarde, wo Sim und auch Pat, wenn dieser einmal da war, Unterkunft fanden.
An der einen Seite der Rückwand des Wohnhauses folgten die Tenne, die Scheuern und Schuppen zur Unterbringung der Acker- und Wirthschaftsgeräthe; an der andern der Kuh- und der Schafstall, die Milchkammer, der Schweinestall und der Geflügelhof.
Infolge nicht rechtzeitig vorgenommener Verbesserungen zeigte freilich alles ein recht klägliches Aussehen. Da und dort verdeckten einzelne Bretter verschiedener Herkunft, Thürflügel, überflüssige Fensterläden, Planken von alten Schiffen, von deren Abbruch herrührende kleine Balken oder Zinkblechstücke die Lücken und Löcher der Mauern, und auf dem Strohdache lagen schwere Feldsteine, um dieses gegen den Anprall der Stürme zu sichern.
Zwischen den drei Gebäudecomplexen dehnte sich der Hof mit zweiflügligem Thorweg aus. Eine lebende, reich mit leuchtenden Fuchsien geschmückte Hecke bildete dessen Abschluß. Im Innern des Hofes grünte ein Rasenplatz mit üppigen Gräsern, auf dem sich die Hühner tummelten, und in dessen Mitte glänzte eine kleine Wasserfläche, deren Rand Azaleen, goldgelbe Margueriten und halb verwilderte Asphodelen zierten.
Auf den Strohdächern grünte und blühte es übrigens rings um die Feldsteine nicht weniger als auf dem Rasen und der Hecke, vorzüglich gediehen hier unzählige Fuchsien mit ihren vom Winde immer bewegten Glöckchen. Selbst die zersprungenen Mauern des Wohnhauses entbehrten des Pflanzenschmuckes nicht, denn diese verhüllte ein so starkstämmiges Epheugerank, daß letzteres das Dach desselben allein getragen hätte.
Zwischen dem eigentlichen Ackerland und dem Pachthofe lag noch ein Küchengarten, worin Martin den Hausbedarf an Gemüsen anbaute, vorzüglich Kohl, Rüben und Kartoffeln, und das Gartenland umsäumte wieder ein Kranz von Bäumen und Buschwerk aller Art.
Hier wucherten kräftige Stechpalmen mit ihren stachligen, leuchtend grünen Blättern, die seltsam geformten Muscheln ähneln; dort erhoben sich wild wachsende Taxusbäume, denen keine unnütze Scheere die Gestalt von Weinflaschen oder Lampenträgern gegeben hatte. In Flintenschußweite zur Linken stand ein Wald von Eschen, und die Esche bildet einen der schönsten Bäume dieser Gegenden. Weiterhin mischen sich tiefgrüne Buchen ein, stellenweise unterbrochen von der Purpurfarbe hoher Büsche, der Ebereschen, die von ferne Weinstöcken gleichen, an deren Reben korallene Trauben hingen. Kaum drei Meilen von hier erhebt sich schon der Erdboden unter den letzten Ausläufern der Clanaraderrykette, mit harzreichem Fichtenbestand, deren Zapfen an den Gaisblattranken zu hängen scheinen, die sich überall durch das Geäst der Bäume schlingen.
Der Betrieb der Farm von Kerwan erfordert ziemlich verschiedene Culturen, giebt im ganzen aber nur einen mittelmäßigen Ertrag. Die Weizenfrucht, die in der Hauptsache zu Grütze vermahlen wird, zeichnet sich weder durch Länge der Halme, noch durch Ergiebigkeit der Aehren aus. Der Hafer ist mager und schwächlich, was hier um so schlimmer erscheint, als das Hafermehl fortwährend verwendet wird. Besser gedeihen noch Gerste und Roggen, welch letzterer den größten Theil des Brodes liefert. Bei der Rauhigkeit des Klimas können aber auch diese Feldfrüchte vor October oder November selten geerntet werden.