Der Findling. Erster Band.

Part 6

Chapter 63,671 wordsPublic domain

Jetzt erfuhr sie erst etwas über Grip. Ohne ihn wäre der kleine Knabe in den Flammen umgekommen. Das war schön, war lobenswerth von diesem Grip. Sein Heroismus aber -- man liebte dieses Wort für seine That -- konnte doch das Verdienst nicht schmälern, das der gefeierten Künstlerin bei diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht an der Brandstelle befunden hätte, was wäre da aus dem kleinen Burschen geworden? In welche Höhle hätte man ihn mit den andern Taugenichtsen der Lumpenschule eingepfercht?

In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekümmert und keiner verlangte danach, etwas von ihm zu hören. Auch der kleine Knabe würde ihn schließlich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der ihn ernährt und beschützt hatte.

Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Miß Anna Walston bei ihren Spazierfahrten und saß neben ihr im Wagen, wenn jene durch die schönsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so daß er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die Stelle eines Schoßhündchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er klein genug gewesen wäre, in ihren Muff gesteckt hätte, um nur dessen krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badeplätzen von Kilkree mit ihren großartigen Uferfelsen an der Küste von Clare und nach Miltow-Malbay mit seinen gefährlichen Klippen, woran einst ein Theil der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glückliche Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den »aus den Flammen geretteten Engel« vor.

Einige Male führte man ihn auch ins Theater, wo er -- mit Handschuhen angethan! -- in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge Elisas thronte, sich kaum zu rühren wagte und bis zum Schluß der Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankämpfte. Natürlich ohne Verständniß für die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah, für die reine Wahrheit. Wenn Miß Anna Walston einmal im Prunke einer Königin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, daß sie es war, die er im Royal-George-Hôtel wiedertraf. Das verwirrte seine kindliche Phantasie; er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er träumte davon in der Nacht, als spänne sich das seltsame Schauspiel weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrücken, wobei der Puppenschausteller, der bösartige Carker und die andern Schlingel aus der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweißdurchnäßt erwachte, wagte er nicht zu rufen....

Die Irländer sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzüglich der Pferderennen. Auch jener Zeit strömte nach Limerick einmal aus gleicher Ursache die ganze »Gentry« der Umgebung zusammen, ihr schlossen sich die Landleute an, die ihre Höfe verließen, und sogar die Aermsten jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.

Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber geschmückt, daß er schon mehr einem Blumenstrauß glich, den Miß Anna Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen ließ.

Die Künstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthätig, wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethätigen konnte. Waren die Zärtlichkeiten, womit sie das Kind überhäufte, sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Küsse nur Bühnenküssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen. Immerhin fühlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewünscht hätte, und vielleicht sagte er sich unbewußt, was Elisa nicht selten wiederholte:

»Wer weiß, wie lange es dauern wird, wenn es überhaupt andauert!«

VII.

Eine gefährdete »Situation«.

Sechs Wochen verflossen unter diesen Verhältnissen, und niemand wird es wundern, daß sich der Findling an dieses angenehme Leben gewöhnte. Wer das Elend erdulden gelernt hat, wird noch leichter das Wohlleben ertragen. Dagegen blieb es fraglich, ob Miß Anna Walston's warme Empfindung für den Knaben sich mit der Zeit nicht abkühlen würde. Gefühle unterliegen ja ebenso dem Gesetze der Trägheit wie greifbare Körper: erhält man die Triebkraft nicht länger, so kommen sie zum Stillstand. Sie war jener Zeit nur einer »Rührung« verfallen, wie sie durch manche Scene auf der Bühne die Zuschauer gefangen nehmen. Und dennoch durfte man nicht glauben, daß das Kind für sie nur den Werth eines Zeitvertreibs, eines Spielzeugs oder einer Reclame hatte, denn sie war von Natur wirklich gutherzig angelegt. Wenn sie auch weiter für den Kleinen sorgte, so wurden ihre Liebkosungen doch kürzer, ihre Aufmerksamkeiten seltner. Dazu kommt die starke Inanspruchnahme einer Schauspielerin, die ihre Rollen zu lernen, viele Proben zu besuchen hat, und der die Vorstellungen kaum einen Abend frei lassen. Das strengt ja schließlich an. In den ersten Tagen hatte sie sich den Cherub früh an ihr Bett bringen lassen, wo sie mit ihm wie ein »Mütterchen« spielte.

Das störte aber ihren gewöhnlich lang ausgedehnten Morgenschlummer und so verlangte sie sehr bald das Kind erst beim Frühstück. Wie freute der Kleine sich, auf einem eigens für ihn beschafften hohen Stuhle zu sitzen, und wie schmauste er mit vortrefflichem Appetit!

»Na, mein Junge, so ist's hübsch, nicht wahr? fragte sie.

-- Ach ja, Miß Anna, erwiderte er eines Tages, so gut wie das, was wir im Hospiz bekamen, wenn wir krank waren.«

Der Findling hatte eine feinere Lebensart eben noch nicht gelernt -- weder Thornpipe noch O'Bodkins hätte ihm diese ja lehren können -- er war sonst zurückhaltender Natur, sanften und liebevollen Charakters und, wie wir wissen, so ganz anders als die verwahrlosen Zöglinge der =Ragged-School=. Wie seinem Alter, war er aber auch nach geistiger Seite weit voraus, und Miß Anna Walston konnte das nicht entgehen. Von seiner Vergangenheit wußte sie freilich nur das, was er ihr darüber seit seiner Befreiung aus den Händen des Marionettenschaustellers erzählen konnte. Jedenfalls war er also ein Findelkind. Seine »angeborne Vornehmheit«, wie sie es nannte, bestärkte in der Künstlerin jedoch den Glauben, daß er der Sohn einer großen Dame sein müsse, wie das in Dramen ja so gewöhnlich ist, ein Sohn, von dem jene sich ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen habe lossagen müssen. Daraufhin dichtete sie sich über ihren Schützling einen ganzen Roman zusammen, der übrigens nicht einmal mehr den Reiz der Neuheit hatte. So ersann sie gewisse »Situationen«, die in dramatischer Bearbeitung einen starken Thräneneffect erzielen würden. Sie wollte in diesem Stücke spielen, sie versprach sich davon einen ungewöhnlichen Erfolg... sie würde sich darin hinreißend... himmlisch zeigen u. s. w. Und als sie in Gedanken so weit gelangt war, da ergriff sie ihren Engel, umarmte ihn stürmisch, ganz wie auf der Bühne, und glaubte schon den jubelnden Beifall der Zuschauer zu hören.

Eines Tages sagte da der Findling, dem die Sache unheimlich zu werden anfing:

»Miß Anna?...

-- Was willst Du, mein Herzchen?

-- Ich möchte Sie etwas fragen.

-- So frage nur, mein Schatz.

-- Sie werden mir darum nicht böse?

-- Ich... Dir böse werden?

-- Jeder hat doch wohl eine Mutter?

-- Natürlich, mein Engel, hat jedes Kind eine Mutter.

-- Warum kenne ich denn dann meine Mutter nicht?

-- Warum?... Ja, weil... antwortete Miß Anna Walston verlegen, weil... das... seine Gründe hat. Später einmal... ja, das glaub' ich bestimmt... wirst Du sie schon zu sehen bekommen....

-- Ich habe Sie doch sagen hören, daß es eine schöne Dame sei, nicht wahr?

-- Ja, ganz gewiß!... Eine schöne Dame!

-- Und warum denn gerade eine schöne Dame?

-- Nun weil... nun ja, Deine Gestalt... Dein Gesichtchen... Ist er doch drollig, der liebe Kleine, mit seinen Fragen!... Uebrigens... die Situation... ja, die Situation in dem Drama erfordert, daß sie schön sei... vornehm... doch, das verstehst Du nicht....

-- Nein, das versteh' ich auch nicht! versicherte der kleine Knabe traurig. Mir kommt es manchmal vor, als wäre meine Mama schon todt....

-- Todt?... O nein!... Mach' Dir nicht solche Gedanken!... Wenn sie todt wäre, dann gäb's ja kein Stück mehr....

-- Was für ein Stück?...«

Miß Anna Walston umarmte den Kleinen, und das war am Ende die beste Antwort, die sie ihm augenblicklich geben konnte.

»Wenn sie aber nicht todt ist, fuhr der kleine Bursche mit der seinem Alter eignen Zähigkeit fort, wenn sie eine schöne Dame ist, warum hat sie mich denn verlassen?...

-- Sie wird dazu gezwungen gewesen sein, mein Babery... gewiß ganz wider Willen... doch... bei der Lösung des Knotens...

-- Miß Anna?...

-- Was willst Du noch?

-- Meine Mama...

-- Nun, weiter!

-- Das sind Sie doch nicht?...

-- Wie... ich... Deine Mama?

-- Weil Sie mich »mein Kind« nennen.

-- Das sagt man so, mein Cherub, so nennt man Kinder Deines Alters immer.... Das arme Würmchen, so etwas glauben zu können!... Nein, ich bin Deine Mama nicht!... Wärst Du mein eignes Söhnchen, ich hätte Dich nicht verlassen, Dich nicht dem Elend preisgegeben!... O, gewiß nicht!«

Mit einer neuen Umarmung beendete Miß Anna Walston das Gespräch, nach dem der Findling recht betrübt davonschlich.

Armes Kind! Ob reicher oder armer Herkunft, höchst wahrscheinlich sollte es seine Angehörigen niemals kennen lernen, wie so viele aufgelesene Findlinge.

Als Miß Anna Walston ihn mit sich nahm, hatte sie freilich nicht daran gedacht, welche Pflichten ihr das für die Zukunft auferlegen würde. Ja sie hatte sich nicht einmal vorgestellt, daß dieses Baby wachsen könnte, daß sie für seinen Unterricht, für seine Erziehung zu sorgen haben werde. Es ist ja recht gut und schön, ein kleines Wesen zu liebkosen, besser aber doch noch, auch seinem Geiste die nöthige Nahrung zu gewähren. Ein Kind zu adoptieren, schließt auch die Verpflichtung ein, es zum Menschen zu machen. Diese Pflicht hatte die Schauspielerin gar nicht bedacht. Freilich zählte der Findling jetzt kaum fünfeinhalb Jahre, in diesem Alter beginnt aber das Erwachen der geistigen Fähigkeiten. Was sollte nun aus ihm werden? Er konnte ihr doch nicht bei ihren Gastspielreisen von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt folgen, vorzüglich wenn sie ins Ausland ging... So würde sie sich also genöthigt sehen, ihn einer Pension anzuvertrauen... natürlich nur einer ganz guten. Auf jeden Fall würde sie ihn niemals verlassen.

Eines Tages bemerkte sie gegen Elisa:

»Er entwickelt sich alle Tage besser. Hast Du das nicht beobachtet? Welch' empfindsame Natur! O seine Liebe wird mir lohnen, was ich für ihn that!... Und dann... wie frühreif! Alles will er wissen. Ich finde sogar, er ist überlegter, als er es bei seiner Jugend sein sollte... und er hat sich für meinen Sohn halten können! Der arme Kleine! Ich dürfte doch seiner Mutter schwerlich ähnlich sein!... Das war gewiß eine sinnende, ernste Frau. Sprich doch, Elisa, wir werden ja einmal daran denken müssen....

-- Woran denn?

-- Was aus ihm werden soll.

-- Aus ihm werden?... Jetzt schon?...

-- Nein, jetzt noch nicht, meine Liebe; jetzt mag er noch wie eine Blume freudig aufwachsen... Nein, später... später, wenn er sieben bis acht Jahre zählt. Ist das nicht das Alter, mit dem die Kinder gewöhnlich in eine Pension kommen?«

Elisa wollte ihr schon entgegenhalten, daß der Junge doch an die Lebensweise in einer Pension schon gewöhnt sein müsse -- sie hatte ja Recht, freilich nur in Bezug auf die Lebensweise in der Lumpenschule -- und ihrer Meinung nach wäre es am besten, wenn er baldigst wieder einer, natürlich besseren Anstalt übergeben würde. Miß Anna Walston ließ sie darüber gar nicht zu Worte kommen.

»Sag' einmal Elisa...?

-- Was denn, Miß Anna?

-- Glaubst Du, daß unser Cherub Lust zum Theater haben könnte?

-- Er?...

-- Ja. Betrachte ihn nur genau. Er hat ein hübsches Gesicht, prächtige Augen und tadellose Haltung. Das erkennt man schon, und ich bin überzeugt, daß er einen entzückenden Liebhaber abgeben würde....

-- Halt... halt... halt, Miß Anna! Sie lassen Ihren Gedanken die Zügel schießen!

-- Ei, ich werde ihm Komödie spielen lehren. Der Schüler der Miß Anna Walston!... Ahnst Du den Effect?

-- In fünfzehn Jahren....

-- Zugegeben, Elisa, in fünfzehn Jahren, doch ich sage Dir, in fünfzehn Jahren wird er der reizendste junge Mann sein. Alle Frauen werden...

-- Vor Eifersucht umkommen, fiel Elisa ein. Das kenne ich schon. Doch, Miß Anna, wollen Sie meine aufrichtige Meinung hören?

-- Nun, und die wäre?...

-- Aus diesem Kinde wird im Leben kein Schauspieler werden.

-- Ja, warum denn nicht?

-- Weil der Junge zu ernsthaft ist.

-- Das ist wohl wahr, gab Miß Anna Walston zu, doch... wir werden ja sehen....

-- Und Zeit genug haben wir dazu, Miß Anna!«

Gewiß war's dazu Zeit genug, und wenn der Findling dann, trotz der Vermuthung Elisas, Neigung für das Theater zeigte, war ja alles gut.

Inzwischen kam der Miß Anna Walston ein herrlicher Gedanke, wie solche ihr ganz ausschließlich eigen zu sein schienen: sie wollte das Kind baldigst auf der Bühne von Limerick einmal auftreten lassen.

Wenn der und jener das auch als eine wahnsinnige Idee verurtheilen mochte, so zeigte sich doch, daß dieses »einzige Auftreten«, wie die Placate ankündigten, von ganz bedeutender Wirkung zu sein versprach.

Miß Anna Walston studierte jetzt aufs neue ein »Rührstück mit Knalleffecten« ein, wie solche im englischen Repertoire gar nicht selten sind. Dieses Drama, richtiger Melodrama, mit dem Titel »Die Reue einer Mutter«, hatte bereits einer ganzen Generation Thränen genug entlockt, um die Flüsse des Vereinigten Königreichs damit speisen zu können.

In diesem Stücke des Dramaturgen Furpill kam, wie allemal, eine Kinderrolle vor -- ein Kind, das die Mutter nicht hatte behalten können, das sie ein Jahr nach seiner Geburt verlassen mußte, während sie es später elend wiederfand und man es ihr aufs neue rauben wollte u. s. w.

Selbstverständlich war das eine stumme Rolle. Der kleine Figurant, der sie spielte, hatte nur alles mit sich geschehen, sich umarmen, küssen, an einen Mutterbusen drücken und sich hierhin und dorthin zerren zu lassen, ohne je ein Wort zu sprechen.

Unser Held schien zu einer solchen Rolle ja wie geschaffen. Er hatte das richtige Alter und die passende Größe, dazu ein bleiches Gesichtchen mit Augen, die gar oft geweint hatten. Welcher Effect, wenn man ihn auf der Bühne sähe und hier gerade mit seiner Adoptivmutter! Mit welcher Begeisterung, welchem Feuer würde diese die fünfte Scene des dritten Actes spielen, die große Scene, in der sie das Kind vertheidigt, das man ihr wieder entreißen will! Hier kamen ja die thatsächlichen Verhältnisse den erdichteten zu Hilfe. Dabei entrang sich der Künstlerin unzweifelhaft ein aufrichtiger Schmerzensschrei und vergoß sie gewiß wirkliche Thränen... kurz, es winkte ihr ein Triumph ohne Gleichen.

Die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang und der kleine Knabe mußte den letzten Proben beiwohnen.

Das erste Mal erstaunte er ungemein über alles, was er da sah und hörte. Miß Anna Walston nannte ihn wohl, gemäß dem Texte der Rolle, »mein Kind«, es schien ihm aber, als ob sie ihn nicht so innig wie sonst umschlänge und keine Thränen vergösse, wenn sie ihn an ihr Herz zog. Wozu auch weinen bei Theaterproben? Wozu die Augen abnutzen? Dazu war's bei der Aufführung Zeit genug.

Auf den kleinen Knaben machte übrigens alles einen tiefen Eindruck... die sperrigen Gestelle der Coulissen; die etwas feuchtmodrige Luft, der große, leere Zuschauerraum, in den nur kleine Fenster über der höchsten Gallerie wenig Licht eindringen ließen, das Ganze sah so traurig aus, wie ein Haus mit einem Todten darin. Immerhin that Sib -- so hieß der Kleine in dem Stücke -- was man von ihm verlangte, und Miß Anna Walston prophezeite ihm schon den schönsten Erfolg... und sich natürlich mit.

Vielleicht wurde diese Zuversicht nicht allgemein getheilt. Der Künstlerin fehlte es ja, vor allem unter den Colleginnen, nicht an Neidern. Sie hatte diese verletzt durch ihre eigenwillige Persönlichkeit, ihre Launen, gewiß ohne Absicht und ohne daß sie es merkte, und wer hätte ihr das auch mittheilen sollen? Jetzt erklärte sie nun, eine Folge der Erregbarkeit ihres Temperaments, gar noch, der Kleine, der jetzt kaum so hoch wie ein Ritterstiefel war, werde noch einen Kean, einen Macready und andre Größen der heimischen Bühne ausstechen. Das ging doch über alles Maß hinaus.

Endlich kam der Tag der ersten Aufführung.

Es war am 19. October, an einem Donnerstage. Miß Anna Walston befand sich natürlich in hochgradiger Aufregung. Einmal ergriff sie Sib, umarmte ihn und schüttelte ihn mit nervöser Gewalt, dann wieder reizte sie seine Gegenwart und sie schob ihn weg, während dieser nichts von allem begriff.

Am Abende der ersten Aufführung strömten die Leute in hellen Haufen nach dem Theater in Limerick. Der Theaterzettel hatte eine ganz außergewöhnliche Zugkraft geübt.

Gastvorstellung _der Miß Anna Walston_, #Die Reue einer Mutter.#

Schauspiel von dem _berühmten Furpil_.

Personen:

Die Herzogin von Kendalle... Miß Anna Walston. Sib, dargestellt von deren Pflegesohne, der »Findling« genannt, z. Z. 5 Jahre 9 Monate alt... u. s. w.

Wie stolz wäre der kleine Bursche gewesen, wenn er vor diesem Anschlage gestanden hätte. Er konnte ja lesen, und hier stand sein Name schwarz auf weiß in großen Buchstaben.

Dieser Stolz wäre freilich bald gedemüthigt worden. In der Garderobe der Miß Anna Walston erwartete ihn ein wirklicher Kummer.

Bis zum heutigen Abend hatte er keine »Costümprobe« gehabt, weil man das für unnöthig erachtete. Er war also stets mit seinen besten Kleidern nach dem Theater gegangen. Jetzt brachte aber Elisa, während sich Miß Anna als Herzogin von Kendalle schmückte, für ihn eine ganz zerfetzte Tracht herbei, die sie ihm anzulegen begann, scheinbar schmutzige, zerrissene Lumpen, die freilich auf der Innenseite völlig sauber waren. In dem rührseligen Stücke ist Sib in der That ein verlassenes Kind, das seine Mutter in den dürftigsten Verhältnissen wiederfindet, seine Mutter eine Herzogin, eine Schönheit in Sammet, Seide und duftigen Spitzen.

Als er den Anzug sah, glaubte der kleine Knabe zuerst, er solle nach der Lumpenschule zurückgeschickt werden.

»Miß Anna... Miß Anna! rief er schluchzend.

-- Was willst Du? fragte die Künstlerin.

-- Schicken Sie mich nicht wieder zurück, bitte, bitte!

-- Dich zurückschicken?... Warum denn?

-- Hier die alten, schlechten Kleider...

-- Nein... was er sich gleich einbildet!

-- Ach was, halte still, kleiner Querkopf! fiel Elisa ein, die ihn mit fester Hand anfaßte.

-- Ach, die Engelsliebe!« sagte Miß Anna tiefgerührt.

Und mit feiner Pinselspitze malte sie sich leicht geschwungne Augenbrauen.

»Das süße Herz... wenn das jemand von den Zuschauern wüßte!«

Sie legte etwas Roth auf die Wangen.

»Die Leute sollen's aber erfahren, Elisa. Morgen schon steht es in den Blättern, daß er hat glauben können...«

Sie warf sich eine kostbare weiße Hülle um die Schultern.

»O über den seltsamen Babish!... Jene schlechten Kleider... ach, es ist zum Lachen...

-- Zum Lachen, Miß Anna?...

-- Ja, weinen darf man ja nicht.«

Sie hätte wohl Thränen vergossen, fürchtete aber ihre künstlische Färbung zu beschädigen.

Elisa bemerkte jedoch kopfschüttelnd:

»Sie sehen, Miß Anna, daß wir aus dem nie einen Komödianten machen werden!«

Der Findling ließ sich indeß, eingeschüchtert und recht schweren Herzens, die Lumpen für die Rolle Sibs anlegen.

Da kam Miß Anna Walston auf den Gedanken, ihm eine glänzende Guinee zu schenken, das sollte ihn beim ersten Auftreten ermuntern. Schnell getröstet, nahm der Kleine das Goldstück hastig an und steckte es, nach gehöriger Besichtigung, tief in seine Tasche.

Nachher streichelte ihm die Künstlerin noch einmal die Wangen und begab sich nach der Bühne hinunter, indem sie Elisa beauftragte, ihn in der Garderobe zu behalten, da er erst im dritten Acte aufzutreten hatte.

Heute Abend füllten die feine Welt und die bessern Kreise überhaupt das Theater vom Orchester bis zum Schnürboden, obgleich dieses Stück keine Novität war. Schon seit zwölf bis dreizehn Jahren hatten es alle Bühnen des Vereinigten Königreichs aufgeführt, was effectreichen Stücken selbst untergeordneten Wertes ja nicht selten widerfuhr.

Der erste Act verlief nach Vorschrift. Miß Anna Walston erntete rauschenden Beifall, den sie durch die Leidenschaft ihres Spiels und den Glanz ihres Talents von den hingerissenen Zuschauern gewiß verdiente.

Nach dem ersten Acte begab sich die Herzogin von Kendalle nach ihrer Garderobe zurück und legte hier, zum größten Erstaunen Sibs, ihre Seiden- und Sammetkleidung ab, um diese mit der Tracht einer einfachen Magd zu vertauschen -- wie es die, übrigens recht altersgraue Entwickelung des Dramas verlangte.

Der Findling starrte die Dame in Sammet an, die zu einer Frau in grober Wolle wurde. Ihn beunruhigte das mehr und mehr, denn es schien ihm, als wenn eine Fee jene phantastische Veränderung vor seinen Augen durchführte.

Dann tönte die Stimme des Inspicienten bis zur Garderobe herauf, eine Stentorstimme, die ihn erzittern machte, und die »Magd« gab ihm ein Zeichen mit der Hand und sagte:

»Nun, aufgepaßt, Findling, jetzt kommst Du bald dran.«

Damit stieg auch sie nach der Bühne herunter.

Zweiter Act: Die Magd erntet den gleichen Beifall, wie die Herzogin im ersten, und der Vorhang muß unter dreifachem Applaus ebenso viele Male wieder aufgezogen werden.

Den »guten Freundinnen« und deren getreuen Schildknappen fehlte es demnach an Gelegenheit, sich an Miß Walston zu reiben.

In ihrer Garderobe warf sich diese etwas ermüdet auf ein Sopha, obgleich sie ihren höchsten dramatischen Triumph erst im folgenden Acte ausspielen wollte.

Noch einmal wechselte sie das Costüm; jetzt verwandelt sie sich aus der Magd zur Dame, zu einer etwas weniger jugendlich erscheinenden Dame in Trauer, denn zwischen dem zweiten und dritten Aufzuge liegen fünf Jahre.

Regungslos in seiner Ecke macht der kleine Knabe große Augen, ohne ein Wort zu äußern. Die etwas angegriffene Miß Anna Walston beachtet ihn zunächst nicht weiter.

Nach Beendigung ihrer Toilette beginnt sie:

»Nun, Kleiner, nun kommst Du auf die Bühne.

-- Ich, Miß Anna?...

-- Weißt Du denn noch, daß Dein Name da »Sib« ist?

-- Sib?... Ja wohl.

-- Elisa, schärfe ihm ja noch einmal ein, daß er Sib heißt, bis zum Augenblicke, wo Du ihn dem Regisseur neben der Thür zuführst.

-- Gewiß, Miß Anna.

-- Und daß er nur das Stichwort nicht verfehlt! Du weißt übrigens, wendete die Künstlerin sich, mit den Finger drohend, an den Knaben, Du weißt, daß Dir sonst Deine Guinee wieder genommen wird. Also Achtung vor der Geldbuße....

-- Und vor dem Gefängniß!« setzte Elisa dazu, ihn mit strengem Blicke musternd.

Genannter Sib sah nach, ob die Guinee, die er sich schon nicht wieder abnehmen lassen würde, noch in seiner Tasche war.

Jetzt kam der große Moment. Elisa faßte ihn an der Hand und ging mit ihm nach der Bühne hinunter.

Sib war anfänglich ganz verwirrt durch die vielen Flaschenzüge und Seile, wie über die von allen Seiten strahlenden Gasflammen und das Durcheinander von Figuranten und Schauspielern, die ihn lächelnd betrachteten.

Der arme Kleine schämte sich wirklich in seiner zerfetzten Hülle.

Endlich ertönte das Zeichen zum Anfang.

Sib zitterte, als hätten die Glockenschläge seinen Rücken getroffen.

Der Vorhang rauschte empor.