Part 4
Carker vorzüglich zeichnete sich in dieser Hinsicht vor allen übrigen aus.
»Du willst nicht betteln? fragte er eines Tages.
-- Nein, antwortete der Findling mit fester Stimme.
-- Nun, Du Dummkopf, man bettelt und bettelt auch nicht, man nimmt einfach!
-- Nehmen?
-- Natürlich! Sieht man einen gutgekleideten Herrn mit einem aus der Tasche hervorhängenden Taschentuche, so schleicht man an ihn heran, zieht vorsichtig an dem Taschentuche, und da kommt das ganz allein heraus.
-- Lass' mich in Ruhe, Carker!
-- Manchmal folgt auch noch ein Portemonnaie dem Taschentuche nach....
-- Das nennt man stehlen!
-- Und in den Portemonnaies der reichen Leute findet man keine Coppers, sondern Schillinge, Kronen und auch Goldstücke; die steckt man hübsch ein und theilt sie mit den Kameraden.
-- Ja, fiel ein andrer ein, und während man davon läuft, macht man den Polizisten eine lange Nase.
-- Na, übrigens, fuhr Carker fort, wenn man nun auch eingeschlossen würde, was hätte das zu bedeuten? Da, im Gefängniß ist es ebenso gut wie hier, wenn nicht noch besser. Dort erhält man Brod, Suppe, Kartoffeln und ißt sich ordentlich satt.
-- Ich mag aber nicht, ich mag nicht!« wiederholte der Kleine, der sich der Taugenichtse zu erwehren suchte, die ihn wie einen Ball hin- und herstießen.
Da erschien Grip im Saale und beeilte sich, ihn seinen Peinigern zu entreißen.
»Daß Ihr mir den Kleinen ungeschoren laßt!« rief er, die Hände ballend.
Dieses Mal war Grip wirklich wüthend.
»Du weißt, sagte er zu Carker, ich schlage nicht oft zu, nicht wahr, doch wenn's einmal geschieht, dann auch ordentlich!...«
Die Buben ließen ihr Opfer frei, warfen ihm aber wüthende Blicke, offenbar mit dem Versprechen zu, daß sie wieder über den Kleinen herfallen würden, wenn Grip nicht mehr da wäre, und nur die Gelegenheit abwarteten, womöglich beiden etwas auszuwischen.
»Na, Du wirst ganz gewiß verbrannt, Carker! sagte der Findling mit etwas Theilnahme in den Mienen.
-- Verbrannt?...
-- Ja, in der Hölle, wenn Du Dich nicht besserst!«
Diese Versicherung rief bei dem Taugenichtse freilich nur ein tolles Gelächter hervor, während bei dem Kleinen die Ueberzeugung, daß Carker geröstet werden würde, unerschütterlich feststand.
Das Dazwischentreten Grip's reizte die Rangen selbstverständlich noch mehr, und trieb sie an, sich an Beschützer und Beschützten ordentlich zu rächen.
In den Winkeln des Hauses beriethen die schlimmsten Insassen der =Ragged-School= ihre hinterlistigen Pläne. Grip ließ sie jedoch nicht aus den Augen und blieb, so viel er konnte, in der Nähe des bedrohten Knaben. Für die Nacht nahm er ihn mit nach der Bodenkammer, die er unter den Dachsparren bewohnte. War's hier auch kalt und recht dürftig, so blieb der Findling doch gegen die gemeinen Knaben und die schlechte Behandlung der übrigen Rotte geschützt.
Eines Tages lustwandelten Grip und er auf dem Strande von Salthill, wo sie sich badeten und der ältere, der des Schwimmens kundig war, seinen kleinen Begleiter darin unterrichtete. O, wie glücklich fühlte sich dieser, in die klare Fluth tauchen zu können, auf der die schönen Schiffe dahintrieben... weit, weit weg, bis die weißen Segel am Horizonte verschwanden.
Beide belustigten sich in den langen Wellen, die gegen das Ufer brandeten, wobei Grip das Kind an den Schultern hielt und ihm die zum Schwimmen nöthigen Bewegungen lehrte.
Da ließ sich plötzlich von den Uferklippen her ein wahrhaft teuflisches Geheul vernehmen und in der Nähe wurde der ganze Auswurf der Lumpenschule sichtbar.
Es waren nur ein Dutzend, aber die schlimmsten und rohesten Burschen und natürlich Carker an der Spitze.
Sie schrien so unbändig, weil sie eine flügellahme Möwe entdeckt hatten, die zu entfliehen suchte, was ihr vielleicht noch gelungen wäre, wenn sie Carker nicht mit einem Stein getroffen hätte.
Der Findling stieß einen Aufschrei hervor, als wäre er von dem Wurfe getroffen worden.
»Die arme Möwe!... Das arme Thier!« rief er klagend.
In Grip's Herzen kochte der Zorn auf und er hätte Carker wahrscheinlich eine Tracht Prügel verabreicht, die dieser nicht so leicht vergessen hätte, als er sah, daß das Kind den Strand hinauf mitten unter die Bande eilte und für den Vogel um Erbarmen bat.
»Carker, ich bitte Dich... wiederholte der Kleine... schlage lieber mich, nicht aber die Möwe... nur die Möwe nicht!«
Ein Hagel von Spottreden war die Antwort darauf, als die andern ihn ganz nackt mit den dünnen Beinchen und den vorspringenden Hüftknochen ans Land laufen sahen, während er noch immer rief:
»Gnade... Gnade... für die arme Möwe!«
Keiner hörte auf sein Flehen, sondern alle lachten ihn aus und verfolgten den Vogel weiter, der sich vergeblich von der Erde zu erheben und dann, mühsam auf den Füßen forthüpfend, zwischen den Felsen Schutz suchte.
Vergeblich.
»Ihr Feiglinge!... Ihr Thierquäler!« rief der Findling ihnen zu. Carker hatte die Möwe an dem einen Flügel gepackt, schwenkte sie herum und warf sie dann in die Luft. Sie fiel wieder zu Boden, wo sie ein andrer ergriff und auf die Strandkiesel schleuderte.
»Grip... Grip!... rief der Findling wiederholt, nimm sie in Schutz, Grip!«
Dieser stürzte sich zwar auf die Rangen, um ihnen den Vogel zu entreißen, er kam jedoch zu spät. Carker hatte der Möwe schon mit dem Absatz den Kopf zertreten.
Ein gellendes Lachen und ein jubelndes Hurrah belohnte diese Heldenthat.
Der kleine Knabe war außer sich. Der Zorn aber übermannte ihn, und in blinder Wuth hob er einen Stein auf und traf damit Carker mitten auf die Brust.
»Ha, das sollst Du mir theuer bezahlen!« brüllte Carker.
Und ehe Grip es verhindern konnte, stürzte er auf den Schwachen zu, zerrte ihn nach dem Strande und schlug nach Kräften auf ihn los.
Während dann die übrigen Grip an Armen und Beinen zurückhielten, drückte jener den Kopf des kleinen Knaben unter das Wasser, daß dieser beinahe erstickt wäre.
Als es Grip endlich gelungen war, sich durch hageldicht ausgetheilte Schläge von den Taugenichtsen, die meist heulend auf den Sand hinkollerten, zu befreien, eilte er Carker nach, der natürlich mit der ganzen Bande davonlief.
Zurückkehrend sah er, wie die Wellen den Findling schon fast mit hinausgezogen hatten, wenn er den halb bewußtlosen Knaben nicht noch im letzten Augenblick erfaßte und emporzog.
Nachdem er ihn tüchtig gerieben, kam der Kleine wieder zu sich. Schnell hüllten sich beide in ihre erbärmliche Kleidung und Grip führte den Kleinen an der Hand mit fort.
Am Ufer lag der muthwillig getödtete Vogel. Da höhlte der Kleine, dem die Thränen in die Augen traten, ein Loch am Uferrande aus und vergrub das arme Thier... er, der selbst ja weiter nichts war, als ein verlassener Vogel... eine arme menschliche Möwe.
V.
Noch einmal die =Ragged-School=.
Nach Hause gekommen, glaubte Grip den Herrn O'Bodkins auf das Betragen Carkers und der übrigen aufmerksam machen zu sollen. Nicht, daß er sich über ihm selbst gespielte Streiche -- worüber er ja gutmüthig hinwegsah -- Klage führen wolle, nein, nur die üble Behandlung, die dem kleinen Knaben zu Theil geworden war, lag ihm am Herzen. Und diesmal war das sogar so weit gegangen, daß das Kind ohne die Hilfe Grip's jetzt todt gewesen wäre.
Als einzige Antwort zuckte O'Bodkins nur mit den Achseln. Grip mußte das verstehen: es handelte sich um Dinge, für die der Director nicht verantwortlich war und die ihm also nichts angingen. Das Hauptbuch konnte doch unmöglich noch eine Rubrik für Ohrfeigen und eine andre für Fußtritte erhalten. So etwas ließ sich ja ebensowenig nach arithmetischen Regeln zusammenstellen wie drei Kieselsteine und fünf Disteln. Ohne Zweifel war O'Bodkins als Leiter der Anstalt verpflichtet, das Betragen der Zöglinge zu überwachen, die Verantwortung dafür liebte er aber auf den Aufseher der Schule -- als solcher galt eben Grip -- abzuwälzen.
Von diesem Tage ab ließ nun Grip seinen Schützling niemals aus dem Auge, vorzüglich nicht allein in dem großen Saale, und wenn er ausging, schloß er den Kleinen sorgsam in seine Dachkammer ein, wo dieser sich dann wenigstens in Sicherheit befand.
So verflossen die letzten Sommertage; der September kam heran. Für die nördlichen Bezirke des Landes bedeutet das schon den Beginn des Winters, und der Winter besteht für das obere Irland in fast ununterbrochenem Schneegestöber, scharfen Winden und Nebeln, die von den übereisten Ebenen des nördlichen Amerika stammen und von den Meereswinden nach Europa getrieben werden.
Es herrscht unfreundliches, rauhes Wetter an den Ufern der Bai von Galway, die zwischen den umgebenden Bergen wie zwischen den Wänden eines Gletschers liegt. Da giebt es kurze Tage und lange Nächte, peinlich genug für alle, in deren Kamin kein wärmendes Feuer flackert. In der Lumpenschule herrschte natürlich auch eine recht niedrige Temperatur, außer vielleicht im Zimmer des Directors O'Bodkins. Doch wenn der verantwortliche Leiter der Anstalt nicht warm gesessen hätte, wäre ihm ja die Tinte im Schreibzeug eingefroren, und das ging doch nicht wohl an.
Jetzt galt es vor allem, auf Straßen und Landwegen zusammenzuraffen, was irgend brennbar war und einige Wärme liefern könnte. Freilich ergab das nicht viel, wenn man wie hier auf herabgefallene dürre Zweige, auf durch den Rost gefallene Kohlenstückchen, die in den Haufen vor den Häusern lagen, angewiesen war, und etwa auf die längs der Quais verstreut liegend verlornen Kohlenstücke, um die sich die armen Leute fast schlugen.
Die Zöglinge der Lumpenschule mußten sich also dieser Arbeit unterziehen und auch der Findling nahm daran ohne Widerspruch theil, das war doch wenigstens kein Betteln. Dann brannte denn auch ein Feuer im Ofen, so gut es eben zu unterhalten war.
Die ganze, in der zerrissenen Kleidung frierende Schule drängte sich um den Ofen, wobei die Größten natürlich die besten Plätze eroberten, während das Abendbrod im Kessel bereitet wurde. Und welches Abendbrod! Weggeworfene Kartoffeln, Brodrestchen, Knochen, an denen zuweilen noch ein Bissen zähes Fleisch hing.... Das ganze eine jämmerliche Suppe, worauf einige Fettklümpchen die Augen guter Bouillon vertraten.
Nahe dem Feuer gab es für den kleinen Jungen selbstverständlich niemals einen Platz und selten einen Löffel von der Suppe, die die alte Hausverwalterin für die Größeren aufhob. Diese stürzten gleich hungrigen Hunden darüber her und wiesen den andern die Zähne, um ihre magere Mahlzeit zu vertheidigen.
Den Kleinen pflegte Grip in sein Loch mitzunehmen, wo er ihm das Beste von dem zuschob, was er von den täglichen Rationen empfing. Da gab es freilich kein wärmendes Feuer. Doch wenn sich beide unter das Stroh versteckten und sich aneinander drängten, dann gelang es ihnen wohl, sich einigermaßen vor der Kälte zu schützen und einzuschlafen. Vielleicht wärmte sie wenigstens der wohlthätige Schlaf!
Eines Tages begünstigte Grip das Glück in ganz besondrer Weise. Er war unterwegs und ging eben auf der Hauptstraße von Galway hin, als ein in das Royal-Hôtel zurückkehrender Reisender ihn beauftragte, noch einen Brief nach der Post zu besorgen. Grip beeilte sich, diesem Wunsche nachzukommen und erhielt einen ganzen Schilling zur Belohnung. Das war nun freilich immer noch kein großes Capital, um dessen Anlegung in Staatspapieren er sich etwa den Kopf zu zerbrechen brauchte, dagegen war er sofort entschlossen, für das Geld etwas Eßbares einzukaufen, was zum größeren Theil dem Findling, zum kleineren ihm selbst zu Gute kommen sollte. So erhandelte er denn einige Fleisch- und Wurstwaaren, die für drei Tage ausreichten und die von Carker und den andern unbemerkt verzehrt wurden, denn Grip hatte begreiflicher Weise keine Ursache, mit den andern Zöglingen zu theilen, die auch niemals mit ihm theilten.
Besonders wichtig wurde das Zusammentreffen Grip's mit dem Fremden noch dadurch, daß dieser angesichts der erbärmlichen Kleidung des Burschen ihm noch eine recht gut erhaltene wollene Weste schenkte.
Grip dachte natürlich gar nicht daran, diese selbst in Gebrauch zu nehmen; nur sein kleiner Schützling lag ihm am Herzen, und dieser sollte sich in der warmen Hülle unter seinen Lumpen gewiß recht wohl fühlen.
»Da steckt er darin wie ein Lamm in der Wolle!« sagte der brave junge Mann für sich.
Das Lamm wollte aber nicht zugeben, daß sich Grip seines Vließes beraubte. Es wurde hin und her verhandelt, und endlich kam man zu einer befriedigenden Entscheidung.
Der Herr, von dem die Weste herrührte, war ziemlich stark und Grip hätte in jene zweimal hinein gesteckt werden können. Er war auch groß, so daß die Weste den kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt hätte. So erschien es also nicht unmöglich, das Kleidungsstück für beide Freunde zurecht zu machen. Die alte trunksüchtige Frau Kriß zum Zertrennen und wieder Zusammennähen desselben aufzufordern, wäre freilich ebenso viel gewesen, wie sie zum Verzicht auf ihre Pfeife zu bestimmen. So machte sich denn Grip in seiner Bodenkammer selbst an die Arbeit. Er nahm dem Kinde Maß und erwies sich so geschickt, daß er eine ganz brauchbare wollene Jacke zu Stande brachte. Er selbst erhielt dann noch eine Weste, freilich ohne Aermel, aber doch eine Weste, und das war auch etwas.
Natürlich bestimmte er den Findling, die Jacke unter seinen Lumpen zu tragen, damit die andern sie nicht sehen sollten. Statt sie ihm zu lassen, hätten diese sie ganz gewiß einfach zerrissen. Der Kleine befolgte den klugen Rath und befand sich denn auch bei strenger Winterkälte ganz erträglich in der weichen warmen Hülle.
Nach ungemein regenreichem October brachte der November recht kalten Wind, der alle Feuchtigkeit der Atmosphäre zu Schnee verwandelte. In den Straßen von Galway lag die weiße Decke zwei Fuß hoch. Das wirkte recht hemmend beim Einsammeln von Brennmaterial ein. In der =Ragged-School= froren alle gehörig, und wie es dem Ofen an Heizmaterial fehlte, so fehlte es dem Magen, der ja auch ein Ofen ist, daran oft nicht minder.
Dennoch mußten die Zöglinge, trotz der Schneestürme, dem eisigen Winde, auf Straßen und Wegen sich bemühen, den Bedarf der Schule zu decken. Auf dem Erdboden war nichts mehr zu finden, so blieb denn nichts anders übrig, als von Thür zu Thür zu gehen. Das Kirchspiel that ja für seine Armen, was es konnte; doch ohne von der Lumpenschule zu reden, machten noch recht viele Wohlthätigkeitsanstalten in harten Zeiten Anspruch auf die Mildthätigkeit der Einwohner.
Die Kinder sahen sich also gezwungen, von einem Hause zum andern betteln zu gehen, und wo nicht alles Mitgefühl erstorben war, da wurden sie auch nicht unfreundlich empfangen. Meist freilich wies man sie barsch genug ab und bedrohte sie wohl auch noch für den Fall, wenn sie wiederkämen, so daß sie nicht selten mit leeren Händen zurückkehrten.
Wohl oder übel mußte der Findling dem Beispiele der andern folgen, und doch, wenn er vor einer Thür stehen blieb und den Klopfer in die Höhe gehoben hatte, schien es ihm, als fiele dieser mit schwerem Schlage auf seine eigene Brust nieder. Statt dann die Hand auszustrecken, fragte er an, ob er nicht irgend etwas besorgen könnte. Das ersparte ihm doch die Beschämung zu betteln. Wer wollte aber einem fünfjährigen Knaben einen Auftrag anvertrauen?... So warf man ihm zuweilen lieber ein Stück Brod zu, das er weinend in Empfang nahm. Ja, Hunger thut weh!
Im December wurde die Kälte noch schlimmer. Immer und immer fiel der Schnee in großen Flocken. Kaum konnte man in den Straßen den Weg noch erkennen. Um drei Uhr nachmittags wurde das Gas schon angezündet, doch das gelbliche Licht der Brenner vermochte den dicken Nebel kaum zu durchdringen, so als wenn es alle Leuchtkraft verloren hätte. Wagen und Karren waren jetzt gar nicht mehr unterwegs, nur vereinzelt huschten die Menschen nach ihren Wohnungen. Und mit frostgerötheten Augen, Hände und Gesicht blau von dem schneidenden Winde, irrte der Findling umher, während er sich dicht in seine beschneiten Lumpen hüllte.
Endlich ging der traurige Winter zu Ende. Die ersten Monate des Jahres 1877 waren minder hart. Auch der Sommer trat zeitig ein und im Juni herrschte schon eine recht starke Wärme.
Am 17. August hatte der jetzt fünfeinhalb Jahre zählende Findling das Glück, etwas zu finden, was für ihn unerwartete Folgen haben sollte.
Gegen sieben Uhr ging er durch eine auf die Brücke von Claddagh mündende Straße auf dem Rückwege nach der Anstalt, wo ihm, da er mit leeren Händen kam, gewiß nicht der beste Empfang zutheil wurde. Hatte Grip nicht noch ein Stück alte Brodrinde übrig, so war für beide heut Abend nichts zu essen da. Das war übrigens nicht zum ersten Male der Fall, denn jeden Tag und zwar zur bestimmten Stunde essen zu wollen, das wäre eine Anmaßung gewesen. Solche Gewohnheiten mochten reiche Leute haben, denen ihre Mittel das erlaubten, ein armer Teufel ißt aber, wenn er etwas dazu hat, und wenn's daran mangelt, dann ißt er einfach nicht, so sagte wenigstens Grip, der schon gewöhnt war, sich mit philosophischen Grundsätzen satt zu machen.
Da, kaum zweihundert Schritte von der Schule entfernt, stolperte der kleine Junge und fiel der Länge nach hin. Da er nicht groß war, ging das ohne Schaden für ihn ab. Gleichzeitig rollte aber etwas, woran er mit den Füßen gestoßen hatte, vor ihm her. Es war eine große Weinflasche, die zum Glück nicht entzwei gegangen war, denn der Knabe hätte sich sonst schwer verletzen können.
Der Findling erhob sich und umhersuchend, fand er die Flasche, die zwei bis drei Gallonen fassen mochte. Ein Pfropfen verschloß deren Hals und diesen brauchte er nur herauszuziehen, um zu sehen, was sie enthielt.
Der Knabe erkannte, daß sie voller Gin war.
Damit hätten sich alle Insassen der Lumpenschule befriedigen können, und der Findling durfte gewiß sein, mit dieser Bürde bestens empfangen zu werden.
In der menschenleeren Straße hatte ihn niemand gesehen und die Anstalt lag ganz nahe.
Da kam ihm aber ein Gedanke, der Carker und dessen Genossen gewiß nie eingefallen wäre. Diese Flasche gehörte ihm doch nicht. Sie war kein Geschenk, war nicht auf den Kehricht geworfen, sondern offenbar ein verlorner Werthgegenstand. Den Eigenthümer zu finden, mochte freilich etwas schwierig sein. Immerhin sagte ihm sein Gewissen, daß er über den Fundgegenstand nicht nach Gutdünken verfügen dürfe. Es war der natürliche Instinct, der ihm das sagte, denn weder Thornpipe noch O'Bodkins hatte ihm je gelehrt, ehrlich zu sein. Zum Glück giebt es auch Kinderherzen, in die dieses Gebot schon allein eingeschrieben ist.
Sehr in Verlegenheit wegen seines Fundes, beschloß der Findling Grip darum zu fragen; dieser würde die Wiedereinhändigung desselben an den rechtmäßigen Eigenthümer schon veranlassen. Jetzt kam es vorzüglich darauf an, die Flasche vor den Taugenichtsen unbemerkt nach der Dachkammer zu schaffen, denn jene hätten sich gewiß nicht darum gekümmert, wem sie gehörte. Zwei bis drei Gallonen Gin! Welcher Ueberfluß!... Mit Anbruch der Nacht wäre aber doch kein Tropfen davon mehr dagewesen. Bei Grip dagegen stand der Branntwein sicher; dieser rührte die Flasche gewiß nicht an, sondern hätte sie unter das Stroh versteckt, bis er am folgenden Morgen in der Nachbarschaft Umfrage hielt. Wenn nöthig, wollten beide dazu von Haus zu Haus gehen... sie bettelten ja nicht.
Der Findling schritt also mit seiner Last der Schule zu, und bemühte sich, die Flasche unter seiner Kleidung zu verbergen.
Eben als er vor die Thür kam, stürmte aber zum Unglück Carker daraus hervor, so daß er einen Zusammenstoß mit diesem nicht vermeiden konnte. Da Carker ihn erkannte und allein vor sich sah, hielt er es für die beste Gelegenheit, dem Knaben zurückzuzahlen, was er ihm von dem Zusammentreffen an dem Strande von Salthill her schon zugedacht hatte.
Er warf sich also über den Findling und entriß diesem die Flasche, die er bald unter dessen Lumpen gefühlt hatte.
»Eh, was ist denn das? rief er.
-- Das?... Das gehört nicht Dir!
-- Also wohl Dir?
-- Nein, mir auch nicht!«
Der Knirps wollte Carker zurückdrängen, dieser versetzte ihm aber einen Stoß, daß er selbst drei Schritte weit zurücktaumelte.
Sofort ergriff Carker die Flasche und eilte damit nach dem Saal zurück, während der kleine Knabe ihm weinend folgte.
Er versuchte noch Einspruch zu erheben, da aber Grip nicht da war der ihn unterstützt hätte, so erhielt er nur tüchtige Prügel, bis die alte Kriß sich einmengte sobald sie die Flasche bemerkt hatte.
»Gin, rief sie, guter Gin! O, das ist ja für alle genug!«
Der Findling hätte gewiß besser gethan, die Flasche in der Straße liegen zu lassen, wo sie deren Eigenthümer jetzt wahrscheinlich suchte, denn zwei bis drei Gallonen Gin kosten schon verschiedene Schillinge, ja sogar mehr als eine halbe Krone. Er hätte sich sagen müssen, daß es unmöglich sein würde, ungesehen bis zur Dachkammer Grip's zu gelangen. Jetzt war es freilich zu spät.
Sich an O'Bodkins zu wenden, diesem den Vorfall zu erzählen, würde auch nichts genutzt haben, und dem wäre ein schlechter Empfang zu Theil geworden, der die Thür zu des Directors Zimmer öffnete und den Insassen vielleicht bei seinen verwickeltsten Rechnungen störte. Im besten Falle hätte O'Bodkins die Flasche nach seinem Zimmer bringen lassen, und was da hinein kam, kam gewiß nicht wieder heraus.
Der kleine Knabe konnte also nichts thun und beeilte sich nur, Grip aufzusuchen, um diesem seine Noth zu klagen.
»Grip, eine Flasche, die man findet, gehört einem doch nicht?
-- Nein, ich glaube nicht, antwortete Grip. Hast Du denn eine Flasche gefunden?
-- Ja, und ich wollte sie Dir geben, und morgen hätten wir in der Nachbarschaft zu erfahren gesucht...
-- Wem sie gehörte?... fiel Grip ein.
-- Ja, und wenn wir uns erkundigten...
-- Sie haben Dir wohl die Flasche weggenommen? unterbrach ihn Grip.
-- Ja; Carker! Ich versuchte, sie ihm zu entwinden... und da waren die andern da... Ach, wenn Du hinunter gingst, Grip!
-- Ich werde hinuntergehen, und da werden wir schon sehen, wer die Flasche behält!«
Als Grip aber die Kammer verlassen wollte, konnte er das nicht; die Thür war von außen verschlossen.
Trotz seiner Bemühungen gab die Thür nicht nach, zur großen Freude der rohen Gesellen draußen, die von unten her riefen:
»He, Grip!...
-- He, Findling!...
-- Auf Eure Gesundheit!«
Da Grip die Thür nicht zu sprengen vermochte, fügte er sich wie gewöhnlich der Notwendigkeit und bemühte sich nur, seinen erzürnten kleinen Freund zu beruhigen.
»Lassen wir sie tollen, die ungezogenen Burschen! sagte er.
-- Oh, daß man nicht stark ist!
-- Wozu das?... Hier, Kleiner, hier sind noch Kartoffeln, die ich für Dich aufgehoben habe. Komm her, iß lieber...
-- Ich habe keinen Hunger, Grip!
-- Iß trotzdem, nachher wickeln wir uns ins Stroh, um zu schlafen.«
Wenn Carker die Thür der Dachkammer versperrt hatte, so geschah das, um heute Abend jedenfalls nicht gestört zu werden. War Grip eingeriegelt, so konnte man beliebig sich dem Genusse des starken Getränkes hingeben, denn die alte Kriß, die ja auch ihren Theil davon erhielt, hatte gewiß nichts dagegen einzuwenden.
Nun kreiste der Branntwein in allerlei Gefäßen. Alle heulten und schrien, denn es dauerte nicht lange, bis alle berauscht waren, mit Ausnahme Carker's, der an starke Getränke schon gewöhnt war.
Noch war die Flasche kaum halb leer, obwohl die Kriß tüchtig dazu mitgeholfen hatte, als die ganze Bande kaum noch ihrer Sinne mächtig war. Das Geschrei, das Lärmen und Toben vermochte aber doch nicht, O'Bodkins aus seiner gewohnten Gleichgiltigkeit aufzurütteln. Was ging's auch ihn an, was da unten vorging, wenn er oben vor seinen Büchern saß! Davon hätte die Trompete des Jüngsten Gerichtes ihn nicht fortlocken können.
Und doch sollte er heute sehr schnell aus seinem Zimmer getrieben werden -- nicht ohne großen Nachtheil für seine Verantwortlichkeit.
Nachdem etwa einundeinhalb Gallonen verzehrt waren, lagen die meisten Theilnehmer an der Orgie schon auf dem Stroh, und hier wären sie ohne Zweifel bald eingeschlafen, wenn Carker nicht auf den Gedanken gekommen wäre, noch einen »Brander« zu brauen.