Der Findling. Erster Band.

Part 3

Chapter 33,712 wordsPublic domain

Dieser Knabe hieß Carker. Schon in seinem zwölften Jahre schien er in den verbrecherischen Spuren der Eltern weiter zu wandeln. Daß dieser inmitten des verwahrlosen Gesindels der Lumpenschule eine gewisse Rolle spielte, ist ja nicht zu verwundern. Er, ein Verdorbener, der andre verdarb, genoß eines besondern Ansehens, er hatte seine Schmeichler und Helfershelfer, war der geborne Anführer der Schlimmsten und bereits zu jedem schlechten Streiche bereit, eine Vorübung zu den Verbrechen, die er nach seinem Austritt aus der Schule gewiß beging.

Der »Findling« freilich empfand nur heftigen Widerwillen gegen Carker, wenn er ihn -- den Sohn des Gehenkten! -- zuweilen auch mit großen Augen voller Erstaunen betrachtete.

Im allgemeinen gleichen diese Armenschulen kaum den modernen Unterrichtsanstalten, für die der Cubikmeter Luft nach hygienischen Grundsätzen berechnet und der Raumbedarf nach der Kopfzahl bemessen ist. Zum Lager gab es Stroh, da ist das Bett bald gemacht und bedarf kaum des Aufschüttelns. Von einem Speisesaale war keine Rede, und der erschien auch überflüssig, wo man nur Brodrinden nebst einigen Kartoffeln, und auch das oft nur in unzureichender Menge, zu kauen hatte. Die Last des Unterrichtens der Lumpenschüler lag auf den Schultern des Herrn O'Bodkins. Er sollte ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen lehren, doch ohne Gewähr des Gelingens, und wenn die Kinder zwei bis drei Jahre unter seiner Zuchtruthe gestanden hatten, gab es unter ihnen kaum ein Dutzend, die einen Maueranschlag zu entziffern vermocht hätten. Obgleich einer der Jüngsten unterschied sich der kleine Junge jedoch sehr von seinen Kameraden durch einen regen Lerntrieb, der ihm so manche Spöttelei einbrachte. Es ist doch tief bedauerlich und social unverantwortlich, wenn ein Menschenkind, das nach geistiger Ausbildung trachtet, diese entbehren muß. Niemand vermag ja den zukünftigen Verlust durch die Brachlegung eines jungen Gehirns abzuschätzen, das die Natur vielleicht mit den besten -- jetzt nicht aufgehenden -- Keimen ausgestattet hatte.

Wenn die Zöglinge nun hier kaum mit dem Kopfe arbeiteten, lag das nicht etwa daran, daß sie mit Handarbeit überbürdet gewesen wären. Die tägliche Beschäftigung der Kinder bestand vielmehr nur darin, daß sie etwas Brennmaterial für den Winter aufsammelten, sich bei mitleidigen Seelen abgelegte Kleidungsstücke erbettelten und den Unrath von Pferden und andern Thieren zusammenscharrten, um diesen an die Landleute für wenige Coppers zu verkaufen -- eine Einnahmequelle, für die O'Bodkins eine besondre Rechnung führte -- endlich durchwühlten sie, womöglich vor den Hunden oder im Nothfalle nach Verjagung der Vierfüßler, die Kehrichthaufen an den Straßenecken nach irgendwelchem verwendbaren oder verwerthbaren Abfall. Spiele, Unterhaltungen gab es hier nicht, wenn man es nicht als Vergnügen rechnen will, sich gegenseitig zu zerkratzen, zu kneipen und zu beißen, abgesehen von den übeln Streichen, die Grip gar häufig gespielt wurden. Der brave Bursche machte davon wenig Aufhebens; doch das reizte Carker und die andern Schlingel nur noch mehr an, ihm auf gemeinste und grausamste Weise mitzuspielen.

Das einzige einigermaßen saubere Zimmer der Lumpenschule war das des Directors, das natürlich keiner betreten durfte, denn dann wären seine Bücher unfehlbar zerrissen, seine Schreibereien überallhin verstreut worden. Im Gegentheil gefiel es dem Manne, wenn seine Zöglinge sich draußen umhertrieben und dumme Streiche trieben; ihm kamen sie, die der Hunger und die Müdigkeit in die Lumpenschule heimtrieb, doch immer zu zeitig zurück.

Bei seiner ernsteren Natur und seinen besseren Neigungen war der Findling unablässig nicht nur dem rohen Spotte, sondern auch den Gewaltthätigkeiten Carker's und eines halben Dutzend andrer preisgegeben. Er vermied es aber, sich zu beklagen. Wenn er nur stark genug gewesen wäre! Er hätte sich schon Respect verschafft, hätte Schlag für Schlag, Fußtritt für Fußtritt zurückgegeben -- jetzt freilich schwoll ihm das Herz nur vor Ingrimm, zur Selbstvertheidigung zu schwach zu sein.

Gleichzeitig verließ er das Schulhaus am wenigsten, da er sich ja der Ruhe erfreute, wenn die übrigen draußen herumlungerten. Er stand sich dabei freilich schlecht, denn unterwegs hätte er ja etwas zum abnagen finden oder ein altbackenes Brödchen für zwei bis drei als Almosen erhaltene Coppers kaufen können. Ihm widerstrebte es aber, die Hand auszustrecken und hinter den Wagen herzulaufen, um ein verlorenes Geldstückchen aufzulesen, vorzüglich aber, Ladenauslagen und dergleichen zu berauben, was die anderen oft genug leichten Herzens thaten. Nein, er zog es vor, bei Grip zu bleiben.

»Nun, Du willst nicht fortgehen? fragte ihn dieser.

-- Nein, Grip.

-- Carker wird Dich schlagen, wenn Du heut' Abend nichts heimgebracht hast.

-- Da will ich mich lieber schlagen lassen!«

Grip empfand für den kleinen Jungen eine warme, von diesem getheilte Zuneigung. Selbst geistig ziemlich beanlagt und geübt im Lesen und Schreiben, bemühte er sich, dem Kinde zu lehren, was er gelernt hatte. Seit seinem Verweilen in Galway zeigte der Findling auch immer weitere Fortschritte, wenigstens im Lesen, und versprach also, seinem Lehrer Ehre zu machen.

Hier sei auch nicht vergessen, daß Grip einen großen Vorrath unterhaltender Geschichten im Kopfe hatte, die er gern erzählte.

Mit seinem herzlichen Lachen in dieser düsteren Umgebung kam es dem Findling vor, als verbreite der gute Grip einen Lichtstrahl in der traurigen Finsterniß.

Was unsern Helden am meisten wurmte, war, daß die andern sich immer an Grip rieben und ihm ihr Uebelwollen auf jede Weise fühlen ließen, was dieser, wie erwähnt, mit philosophischer Ruhe duldete.

»Aber, Grip!... begann der Findling zuweilen.

-- Was willst Du?

-- Der Carker ist doch recht schlecht!

-- Gewiß, sehr ungezogen. -- Warum klopfst Du ihm nicht den Rücken?

-- Ich? Klopfen?...

-- Ja, und auch den andern?«

Grip zuckte mit den Schultern.

»Bist Du denn nicht stark, Grip?

-- Das weiß ich nicht.

-- Du hast aber doch lange Arme und Beine...«

Ja, groß war Grip wohl, doch auch hager, wie ein Blitzableiter.

»Nun also, Grip, warum prügelst Du sie nicht, die abscheulichen Kerle?

-- Weil sich's nicht der Mühe lohnt.

-- O, wenn ich Deine Arme und Beine hätte...

-- Dann wär's besser, Kleiner, sich ihrer zum Arbeiten zu bedienen.

-- Meinst Du?

-- Ganz gewiß.

-- Nun gut, laß uns zusammen arbeiten. Sprich!... Wir versuchen's. Willst Du?«

Grip wollte das herzlich gern.

Zuweilen gingen beide aus. Grip nahm das Kind mit, wenn er etwas zu besorgen hatte. Der Findling trug freilich die erbärmlichste Kleidung, die ihm nicht einmal auf den Leib paßte; zerrissene Hosen, eine zerfetzte Jacke, eine Mütze ohne Deckel und an den Füßen Rindslederschuhe, deren Sohlen nur durch Bindfaden noch daran festgehalten wurden. Mit Grip, der auch nur das abgetragenste Zeug besaß, sah es allerdings kaum besser aus. Es waren gleiche Brüder mit gleichen Kappen. Jetzt, in der schönen Jahreszeit, ging das ja noch an. Gute Witterung ist in den nördlichen Grafschaften Irlands aber ebenso selten, wie ein gutes Essen in der Hütte Paddys. Beim Regen aber, beim Schnee erregten die beiden, halb entblößt und erfroren, die Füße vom Schnee fast angeätzt, das Mitleid der ihnen begegnenden Leute, wenn der Große den Kleinen an der Hand führte und beide Trab liefen, um sich etwas zu erwärmen.

So trollten sie durch die Straßen von Galway, das fast einer spanischen Stadt ähnelt, oft unbeachtet von einer gleichgiltigen Menge. Der Findling hätte gar zu gern gewußt, was in den Häusern da drin wäre. Durch die engen, meist mit Gittern verwahrten Fenster mit den herabgelassenen Jalousien war freilich nichts zu entdecken. Für ihn waren diese Häuser mit Silbermünzen angefüllte Geldschränke. Und die Gasthäuser, wohin die Reisenden im Wagen angefahren kamen, wie gern hätte er in deren schöne Zimmer einmal gesehen, vorzüglich in die des Royal-Hôtel! Die Dienerschaft hätte aber sicherlich beide wie Hunde fortgejagt oder, was noch schlimmer ist, wie Bettler, denn ein Hund findet noch eher einmal eine liebkosende Hand.

Und wenn sie vor den, übrigens nur mangelhaft ausgestatteten Läden der Flecken des oberen Irland stehen blieben, schienen diese den beiden unschätzbare Reichthümer zu bergen. Da warfen sie brennende Blicke auf die Auslage eines Kleiderladens, sie, die sich nur in Lappen wickeln konnten, oder durch das Fenster eines Schuhwaarengeschäfts, sie, die nur fast barfuß gingen. Der Genuß, einmal einen neuen Rock auf dem Leibe oder eigens angemessene Stiefeln an den Füßen zu tragen, blieb ihnen voraussichtlich ja für immer versagt, ebenso wie den vielen Elenden, die da verurtheilt sind, sich mit dem, was andre wegwerfen und mit Abfällen aus der Küche zu begnügen.

Auch Schlächterläden gab es da, mit ganzen Rindervierteln am Haken, von denen eines ausgereicht hätte, die Lumpenschule einen vollen Monat hindurch zu sättigen. Als Grip und der Findling das saftige Fleisch betrachteten, da öffneten sie weit den Mund, fühlten aber, wie ihr Magen sich dabei zusammenschnürte.

»Ei was, sagte Grip, bewege nur die Kinnladen, Kleiner, das ist fast ebenso gut, als wenn Du geschmaust hättest!«

Und vor den großen Brodlaiben, die noch einen angenehmen, warmen Duft ausströmten, vor den »Cakes« und andern feineren, den Gaumen reizenden Backwaaren standen sie wohl auch zuweilen mit trockner Zunge und zusammengepreßten Lippen, Hunger, den quälenden Hunger in den Zügen, und dann murmelte der Findling wohl:

»Ach, das muß aber gut schmecken, Grip!

-- Gewiß, Kleiner, bestätigte dieser.

-- Hast Du schon so etwas gegessen?

-- Ja, einmal doch.

-- Ach!« seufzte der kleine Junge.

Er hatte ja nie dergleichen gekostet, weder bei Thornpipe, noch seit die Lumpenschule ihm Obdach gewährte.

Eines Tages fragte ihn eine Frau, die für sein blasses Gesicht Mitleid empfand, ob ihn wohl so ein Kuchen erfreuen würde.

»Da wünscht' ich mir lieber Brod, erwiderte er.

-- Warum denn das, mein Kind?

-- Weil man davon mehr bekommt.«

Eines Tages aber, als Grip für einige Besorgungen ein paar Pence erhalten hatte, kaufte dieser einen kleinen, mindest acht Tage alten Kuchen.

»Schmeckt er gut? fragte er den Knaben.

-- O, herrlich... so süß, als ob er gezuckert wäre!

-- Da ist auch Zucker drin, versicherte Grip, echter, richtiger Zucker!«

Bisweilen lustwandelten die beiden Freunde bis zur Vorstadt Salthill. Von hier aus kann man die ganze Bai überblicken, die zu den schönsten Irlands gehört. Da sieht man die drei Inseln Aran, die sich am Eingange erheben wie die drei Felskegel von Vigo -- eine weitere Aehnlichkeit mit Spanien -- und rückwärts die wilden Bergmassen des Burren und des Clare, sowie die steilen Uferklippen von Moher. Dann gingen sie nach dem Hafen zurück, nach den Quais und längs der Docks hin, deren Anlage begonnen hatte, als einmal die Absicht aufgetaucht war, Galway zum Ausgangspunkte einer transatlantischen Dampferlinie zwischen Europa und Nordamerika zu machen, da von hier aus der Seeweg am kürzesten wäre.

Als beide da verschiedene Schiffe, theils in der Bai vor Anker liegend, theils an der Hafenmauer vertäut, erblickten, fühlten sie sich mächtig davon angezogen, als wenn das Meer gegen arme Leute minder grausam sein könnte als die Erde, da es eine sichrere Existenz verspricht und das Leben in der freien Luft der Oceane jedenfalls dem in den dunstigen, verpesteten Gassen der Städte vorzuziehen ist. Vor allen andern Berufen schien ihnen der des Seemannes ebenso dem Kinde die Gesundheit, wie dem Manne den Lebensunterhalt zu gewährleisten.

»Das muß schön sein, Grip, auf diesen Schiffen mit ihren großen Segeln zu fahren! rief der Findling aufjubelnd aus.

-- Wenn Du wüßtest, wie es mich danach verlangt! antwortete Grip, der den Kopf zurückwarf.

-- Warum bist Du dann nicht Seemann geworden?...

-- Du hast Recht... ich hätte Matrose werden sollen.

-- Du wärst so weit... so weit gefahren....

-- Nun, vielleicht macht sich das noch.« -- Jetzt war es freilich nichts damit.

Der Hafen von Galway wird durch die Mündung eines Flusses gebildet, der aus dem Lough Corrib abströmt und sich in die Bai ergießt. Am andern Ufer, jenseits einer Brücke, erhebt sich das bemerkenswerthe Dorf Claddagh, das viertausend Einwohner zählt, lauter Fischer, die sich seit langer Zeit einer selbstständigen Gemeindeverwaltung erfreuen, und deren Ortsvorsteher in alten Urkunden als »König« aufgeführt ist. Grip und das Kind kamen dann und wann bis nach Claddagh. Der Findling hätte Alles darum gegeben, einer der rüstigen, muthwilligen, wettergebräunten Knaben hier, der Sohn einer kräftigen Mutter zu sein, in deren Adern noch ein Tropfen galicisches Blut rollte, wenn die Frauen gleich ihren Männern auch ein etwas wildes Aussehen haben. Ja, er beneidete diesen lebenslustigen Schwarm, der sich gewiß glücklicher fühlte, als die Kinder in so manchen Städten Irlands. Wie gern hätte er sich zu den Knaben gesellt, die da lachten, kreischten, im Wasser herumplätscherten, wie gern hätte er zu ihnen gehört! Bei seiner zerfetzten Kleidung wagte er's aber nicht, sich ihnen zu nähern, sie hätten ja glauben können, er wolle betteln. So hielt er sich, eine schwere Thräne im Auge, beiseite und schlürfte nur nach dem Marktplatze hin, um sich die schönfarbigen Makrelen und die silbergrauen Häringe, die einzigen Meeresbewohner, auf deren Fang die Fischer von Claddagh ausgehen, etwas anzusehen. Von den Hummern und Taschenkrebsen, die es zwischen den Klippen der Bai ebenfalls in großer Menge gab, konnte er nicht glauben, daß sie gut schmeckten, obgleich ihm Grip, nach dem, was ihm zu Ohren gekommen war, versicherte, »es wäre wie Schaumkuchen, was die Thiere unter ihrer Schale hätten«. Vielleicht sollten sie das einmal selbst erproben.

Nach ihrem Spaziergange begaben sich beide durch die engen und schmutzigen Straßen in der Richtung nach der Lumpenschule zurück. Dabei gingen sie an Ruinen vorüber, die Galway das Aussehen verleihen, als sei es zur Hälfte durch ein Erdbeben zerstört worden. Und doch haben Ruinen, wenn die Zeit sie geschaffen hat, auch ihren Reiz. Hier freilich, wo sie nur aus Häusern bestanden, die wegen Mangels an Baucapitalien unvollendet blieben, deren kaum dem Erdboden entstiegene Mauern überall Risse zeigten, kurz, hier, wo nur eine Folge der Vernachlässigung und nicht ein Werk der Jahrhunderte vorlag, machte das Ganze eher einen beklemmenden, traurigen Eindruck.

Noch schlimmer als die ärmeren Stadttheile, noch abstoßender als die verwitterten Hütten der Vorstädte Galways, so freilich sah die elende, dumpfige Wohnung, das unzureichende Obdach aus, wo das Elend die Genossen des Findlings zusammenpferchte, und Grip und er beeilten sich auch gar nicht, als die Stunde der Heimkehr geschlagen hatte.

IV.

Das Begräbniß einer Möwe.

Leicht dürfte man sich fragen, ob der Findling im Kreise dieser moralisch tief stehenden Genossen nicht auch mit Rückschritte gemacht habe. Man begreift wohl, daß ein Kind, dem alle Sorgfalt zu Theil wird, das überall Liebe umgiebt, sich ganz dem Glücke des Lebens hingiebt, daß es, ohne nach dem zu fragen, was gewesen ist oder sein wird, seine Jugend genießt. Doch wenn die Vergangenheit nur eine Kette von Trübsal und Leiden gewesen ist, da erscheint die Zukunft wohl in düstrer Färbung, die sich vom Bilde der Vergangenheit auf sie überträgt.

Was konnte aber der Findling, wenn er ein oder zwei Jahre zurückblickte, sehen? Jenen Thornpipe, den rohen, verthierten Menschen, den mitleidslosen Quälgeist, den er noch immer einmal in den Straßen der Stadt oder draußen auf dem Landwege wieder zu treffen fürchtete und der sich dann seiner gewiß zu bemächtigen suchen würde; daneben kam ihm noch die Erinnerung an jene grausame Frau, die ihn mißhandelte, freilich auch das Bild des kleinen Mädchens, die ihn zuweilen auf den Knien schaukelte.

»Ich glaube mich zu erinnern, daß sie Sissy[1] hieß, sagte er eines Tages zu seinem Freunde.

-- Welch' hübscher Name!« antwortete Grip.

Grip war im Grunde der Meinung, daß jene Sissy nur in der Einbildung des Kindes existierte, denn man hatte nie etwas näheres von ihm in Erfahrung bringen können. Wenn er in dieser Hinsicht indessen einen Zweifel durchblicken ließ, war der Findling nahe daran bös zu werden. Da er sie in der Erinnerung noch deutlich vor sich sah, mußte er ihr ja einst wieder begegnen. Doch was mochte aus ihr geworden sein? Trennten sie viele Meilen von einander?... Sie liebte ihn ja und er auch sie.... Das war die erste Neigung, die er vor seinem Bekanntwerden mit Grip empfunden hatte, und er sprach von ihr wie von einem großen Mädchen. Sie war so sanft und gut und liebkoste ihn und trocknete seine Thränen, ja sie küßte ihn und theilte mit ihm ihre Erdäpfel....

»Ich hätte sie so gern schützen mögen, wenn die alte häßliche Frau sie schlug, sagte der kleine Knabe.

-- Ich auch, und ich glaube, ich würde da derb zugepackt haben!« antwortete Grip, um dem Kinde ein Vergnügen zu machen.

Wenn der wackre Bursche sich übrigens nicht selbst vertheidigte, wenn man ihm zu nahe kam, so wußte er doch recht gut, andre zu vertheidigen und hatte davon schon manchen Beweis geliefert, sobald es darauf ankam, seinen Schützling vor den böswilligen Angriffen der Rotte zu decken.

Einmal schon, in den ersten Monaten seines Aufenthaltes in der Lumpenschule, war der Findling, verlockt durch den Ton der Kirchenglocke, eines Sonntags in die Kathedrale von Galway eingetreten. Nur ein glücklicher Zufall hatte ihn dahin führen können, denn selbst die Touristen haben Mühe, das Bauwerk zu entdecken, das in einem Labyrinth von unsauberen, engen Straßen verloren ist.

Da stand nun das Kind verschämt und furchtsam. Der unerbittliche Küster hätte den Knaben, wenn er diesen erblickte, wie er halb entblößt sich in die Ecke drückte, gewiß nicht in der Kirche gelitten. Der Kleine war ganz erstaunt und entzückt von dem, was er hörte, von den geistlichen Liedern in Begleitung der Orgel, und von dem, was er sah, dem Priester am Altar im goldgestickten Ornate, und den großen Kerzen, die am hellen Tage brannten.

Der Findling hatte nicht vergessen, daß der Pfarrer von Westport manchmal von Gott zu ihm gesprochen hatte, von Gott, der unser aller Vater ist. Er erinnerte sich auch, daß sogar der Puppenschausteller den Namen Gottes in den Mund nahm, freilich nur, wenn er schreckliche Verwünschungen ausstieß, und das verwirrte jetzt seine Gedanken inmitten der religiösen Handlung. Dennoch empfand er, unter der hohen Wölbung hinter einem Pfeiler versteckt, eine Art Neugier, indem er den Geistlichen betrachtete, wie er Soldaten angestaunt hätte. Und während sich die ganze Versammlung beim Aufheben der Monstranz und den Tönen des Glöckchens tief verneigte, da verschwand er wieder ohne bemerkt worden zu sein und glitt über die Steinplatten so leise hinweg, wie eine Maus, die in ihr Loch huscht.

Aus der Kirche nach Hause gekommen, erwähnte er davon gegen niemand etwas, nicht einmal gegen Grip, der übrigens nur eine unklare Vorstellung von der Bedeutung der Messe und der Vesper hatte. Nach einem zweiten Besuche aber, als er sich gerade mit der alten Kriß allein befand, wagte er die Frage, was denn Gott eigentlich sei.

»Gott?... antwortete die alte Frau, deren schreckliche Augen durch die dicken, ihrer Pfeife entströmenden Wolken blitzten.

-- Ja, Gott?...

-- Das ist der Bruder des Teufels, dem er die unartigen, vormäuligen Kinder zuschickt, um sie in dessen höllischem Feuer verbrennen zu lassen.«

Auf diese Antwort erblaßte der Findling, und obwohl er gern gewußt hätte, wo sich diese glühende Hölle befinde, wagte er es doch nicht, die alte Frau Kriß danach zu fragen.

Fortwährend aber dachte er an diesen Gott, der nur die Aufgabe zu haben schien, kleine Kinder zu bestrafen, und wie schrecklich zu bestrafen, wenn er die Worte der Kriß für Wahrheit halten konnte.

Die Sache drückte ihn dermaßen, daß er darüber eines Tages mit seinem Freunde Grip reden wollte.

»Sage mir einmal, Grip, hast Du schon zuweilen von der Hölle reden hören?

-- Ja, dann und wann, Kleiner.

-- Und wo ist denn die Hölle?

-- Das weiß ich freilich nicht.

-- Sage mir... wenn man dort die bösen Kinder verbrennt, wird da auch Carker verbrannt werden?

-- Gewiß, im lichterlohen Feuer!

-- Ich, Grip, ich bin wohl nicht so schlecht, nicht wahr?

-- Du?... Schlecht?... Nein, das glaub' ich nicht.

-- Dann werd' ich also nicht verbrannt?...

-- Kein Härchen wird Dir versengt!

-- Und Dir auch nicht, Grip?

-- Nein, nein, mir auch nicht!«

Grip hielt es aber für angezeigt, hinzuzufügen, bei ihm lohne es gar nicht der Mühe, da er so mager sei.

Das war also alles, was der kleine Junge bis jetzt von Gott wußte und was er vom Katechismus gelernt hatte. Dennoch verrieth ihm trotz seiner Jugend eine innere Stimme, was Recht und was Unrecht war. Wenn er auch nicht nach den Vorschriften der alten Hausverwalterin der Lumpenschule bestraft zu werden fürchtete, so drohte ihm das um so mehr von seiten O'Bodkins'!

Dieser war nämlich gar nicht zufrieden mit ihm. Der Findling figurierte noch nicht auf dem Conto der Einnahmen, wohl aber auf dem der Ausgaben. Das Bürschchen verursachte nur Unkosten (wenn diese auch gering waren) und erwarb nichts. Die andern, welche bettelten und gelegentlich wohl Kleinigkeiten stahlen, trugen doch in etwas zu den Kosten der Wohnung und der Nahrung bei, während dieses Kind gar nichts heimbrachte.

Eines Tages machte ihm O'Bodkins darüber die bittersten Vorwürfe, wobei er ihn durch die Brille mit strengem Blicke maß.

Der kleine Knabe hatte Selbstbeherrschung genug, nicht zu weinen, als er von O'Bodkins als verantwortlichem Leiter und Director der Schule diese Predigt erhielt.

»Du willst wohl gar nichts thun? herrschte er ihn an.

-- Doch, Herr Director, erwiderte das Kind. Sagen Sie mir nur, was ich thun soll.

-- Nun irgend etwas, was so viel einbringt, wie Du hier kostest.

-- Das möcht' ich gerne, ich weiß es aber nicht anzufangen.

-- Ei, da läuft man den Leuten auf der Straße nach, spricht sie an, ob sie etwas zu besorgen haben....

-- Ich bin zu klein, niemand will mich dazu haben.

-- So durchwühlst Du die Abraumhaufen an den Ecksteinen, darin ist immer noch etwas zu finden.

-- Ja, mich beißen aber die Hunde, und ich bin nicht stark genug, ich kann sie nicht fortjagen.

-- Wirklich? Hast Du denn Hände?

-- Ja.

-- Und hast Du auch Beine?

-- Ja.

-- Nun also, so laufe den Wagen nach und bettle einige Coppers, da Du nichts andres machen kannst.

-- Ich soll Coppers betteln!«

Der Findling fühlte einen Stich im Herzen, so empörte sich sein natürlicher Stolz, und er erröthete bei dem Gedanken, die Hand ausstrecken zu sollen.

»Das bin ich nicht im Stande, Herr O'Bodkins! sagte er.

-- Ach, das könntest Du nicht? --

-- Nein!

-- Doch könntest Du denn leben ohne zu essen?... Nein, nicht wahr? Ich sage Dir aber, daß ich nächstens mit Dir doch eine solche Probe anstellen werde, wenn Du nicht etwas ersinnst, Deinen Unterhalt zu verdienen! Jetzt trolle Dich weg!«

Seinen Unterhalt verdienen, und das im Alter von vier Jahren und wenigen Monaten! Freilich verdiente er ja schon etwas bei dem Puppenschausteller, doch auf welche Weise! Der Kleine trollte sehr bestürzt davon. Wer ihn dann in seinem Winkel gesehen hätte, wie er mit gekreuzten Armen und hängendem Kopfe dasaß, der hätte Mitleid mit ihm haben müssen. Das Leben war für das arme kleine Geschöpf eine recht schwere Last!

Sind solche verlassene kleine Wesen nicht schon von allerfrühester Zeit durch das Elend abgestumpft, so mag sich selten jemand vorstellen können, was sie leiden, und jeder würde ihnen gewiß seine Theilnahme nicht versagen.

Nach den Vorwürfen des Directors kamen dann noch die Schmähungen der Schlingel aus der Schule.

Diese ärgerte es, daß der Junge ehrbarer war als sie. Alle strebten danach, ihn zum Schlechten zu verleiten, und an schlimmen Rathschlägen und... Hieben ließen sie es dazu nicht fehlen.