Der Findling. Erster Band.

Part 12

Chapter 123,657 wordsPublic domain

Mit dem September kam schon die Erntezeit heran. Blieb der Ertrag an Weizen auch wie gewöhnlich recht mittelmäßig, so gab es doch desto mehr Roggen, Gerste und Hafer. Das Jahr 1878 gehörte entschieden zu den sehr fruchtbaren Jahren. Der Pachteinsammler hätte sich noch vor Weihnachten einstellen können, er wäre in blankem Golde bezahlt worden. Auch Mundvorräthe und Futter für den Winter gab es in Hülle und Fülle. Besondere Ersparnisse konnte Martin Mac Carthy freilich immer noch nicht zurücklegen. Er lebte von seiner Hände Arbeit, die ihm wohl die Gegenwart, nicht aber die Zukunft sicherte. Die Zukunft der irischen Pächter hängt ja immer von klimatischen Launen ab. Das lag Murdock immer im Sinne. Derartige sociale Verhältnisse, die nur mit der Abschaffung der Landlordwirthschaft und der Zurückgabe des Bodens an die Bebauer desselben gegen mäßige Abzahlung endigen konnten, steigerten seinen Haß nur weiter.

»Du mußt Vertrauen haben!« redete ihm Kitty zu.

Murdock sah sie an, ohne eine Antwort zu geben.

Am 9. dieses Monats trat das ungeduldig erwartete Ereigniß in der Farm von Kerwan ein: Kitty, die dabei kaum zum Liegen kam, schenkte einem Mädchen das Leben. Das war aber eine Freude! Das Baby wurde begrüßt, wie ein Engel, der ins Haus geflogen wäre. Großmutter und Martine rissen sich darum. Murdock lächelte, wenn er sein Kind in den Arm nahm. Seine beiden Brüder standen voll Bewunderung vor ihrem Nichtchen. Es war ja die erste Frucht am weiblichen Zweige des Familienstammbaumes, des Kitty-Murdock'schen Zweiges, in Erwartung, daß die beiden andern darin in gleicher Weise nachfolgen würden. Alle beglückwünschten und liebkosten die junge Mutter, für die sie sich in zärtlichster Sorge überboten. Wie reichlich flossen dabei die Thränen der Rührung! Es schien fast, als wäre das Haus vor der Geburt des kleinen Wesens noch ganz leer gewesen.

Der Findling hatte sich noch nie so ergriffen gefühlt wie bei dem ersten Kusse, den man ihm der Neugebornen zu geben gestattete.

Daß dieses frohe Ereigniß Veranlassung zu einem besondern Feste geben müsse, sobald erst Kitty daran theilnehmen konnte, daran zweifelte keiner. Das Programm dazu war übrigens sehr einfach. Nach Vollziehung der Taufe in der Kirche von Silton sollten sich der dortige Priester und einige Freunde Martins -- ein halbes Dutzend Pächter aus der Nachbarschaft, die einen Weg von zwei bis drei Meilen nicht scheuten -- in der Farm einfinden. Hier würde sie ein reichliches, nahrhaftes Frühstück erwarten. Gewiß vereinigten sich die genannten alle gern einmal mit der achtungswerthen Pächterfamilie, deren größte Freude es war, daß auch Pat dem kleinen Feste noch beiwohnen konnte, da dessen Abreise erst in den letzten Tagen des Septembers bevorstand.

Nun tauchte zunächst die Frage auf, wie das Kind genannt werden sollte.

Die Großmutter schlug den Namen »Jenny« vor, und hiermit war diese Schwierigkeit ebenso gehoben, wie die wegen einer Taufzeugin; denn ohne Zweifel war es der alten Frau eine herzliche Freude, selbst als solche einzutreten. Wohl trennten Täufling und Pathin drei Generationen und ein kleines Mädchen hätte wohl eine jüngere Pathin gebrauchen können. Hier lag jedoch eine Gefühlssache vor, die alle andern Rücksichten beiseite setzen ließ; es war als wenn die bejahrte Frau sich selbst neuer Mutterschaft erfreute, und ihren Augen entquollen Thränen der Rührung, als ihr jener Antrag mit einiger Feierlichkeit gemacht wurde.

Aber der Pathe?... Das war schwieriger. Von einem Fremden konnte nicht die Rede sein, da ja noch zwei Brüder oder Onkels, Sim und Pat, im Hause waren, die dieses Ehrenamt beanspruchen konnten. Die Wahl des einen mußte dem andern aber als Zurücksetzung erscheinen, wenn auch Pat, der ältere, hierin etwas im Vorsprunge war. Dieser befand sich als Seemann aber die meiste Zeit auf dem Meere, so daß er seinen Verpflichtungen als Pathe kaum nachkommen konnte. Das mußte er zu seinem Leidwesen zugeben, und so blieb denn nur Sim übrig.

Da sprach die Großmutter einen Gedanken aus, der zuerst allerdings überraschte. Jedenfalls stand es ihr aber zu, den Gevattersmann zu bestimmen, und ihre Wahl fiel auf Findling.

Obgleich eine Waise und von unbekannter Familie, wußten ja alle, daß er intelligent, arbeitsam und ihnen treu ergeben war, und alle liebten und achteten ihn auf der Farm. Und doch?... Findling?... Er zählte ja kaum siebeneinhalb Jahre, etwas wenig für einen Taufzeugen.

»Thut nichts, erklärte die Großmutter, was er an Jahren zu wenig hat, habe ich wieder zu viel; das hebt sich auf.«

In der That war der Knabe noch nicht acht, die Großmutter aber sechsundsiebzig Jahre alt. Das ergab für beide zusammen vierundachtzig Jahre, zweiundvierzig für jeden, rechnete die Großmutter aus.

»Und kraft meines Alters,«... setzte sie hinzu.

Da sich alle bestrebten, gegen sie zuvorkommend zu sein, fand ihr Vorschlag ohne Widerspruch Annahme. Die junge Mutter, die für Findling eine Art mütterliche Zuneigung hegte, stimmte ebenfalls zu. Nur Martin und Martine waren nicht ohne weiteres schlüssig, da über die Familienverhältnisse des auf dem Friedhofe in Limerick gefundenen Knaben gar keine Auskunft zu erhalten gewesen war.

Da machte Murdock den letzten Zweifeln ein rasches Ende. Er wies darauf hin, daß der Knabe bei seinen vortrefflichen Anlagen und seinem lobenswerthen Verhalten genug Sicherheit biete, daß er auch später seine Pflichten erfüllen werde, und diese Darstellung führte die endliche Entscheidung herbei.

»Willst Du denn? fragte er den Knaben.

-- Ja, Herr Murdock,« erklärte Findling.

Er antwortete mit so bestimmtem Tone, daß es jedem auffiel. Unzweifelhaft war er sich klar über die Verantwortlichkeit, die er für die Zukunft seines Pathenkindes auf sich nahm.

Am Morgen des 26. Septembers waren alle zu der heiligen Handlung bereit. Mit den Sonntagskleidern angethan, begaben sich die Frauen im Wagen, die Männer zu Fuß, und alle in gehobenster Stimmung nach der Pfarrkirche in Silton.

Kaum hatten sie diese aber betreten, als eine Schwierigkeit auftauchte, an die vorher niemand gedacht hatte, bis der Parochialgeistliche darauf hinwies.

Auf seine Frage, wer der Taufzeuge der Neugebornen sei, antwortete Murdock:

»Hier, Findling.

-- Wie alt ist dieser?

-- Siebenundeinhalb Jahr.

-- Siebenundeinhalb?... Das ist zwar etwas jung, doch kein gesetzliches Hinderniß. Er hat doch wohl einen andern Namen als blos Findling?

-- Wir kennen keinen andern, Herr Pfarrer, ließ die Großmutter sich vernehmen.

-- Keinen andern?« versetzte der Geistliche.

Dann wendete er sich an den Knaben.

»Du mußt doch einen Taufnamen haben? fragte er.

-- Ich habe aber keinen, Herr Pfarrer.

-- O doch, mein Kind! Oder solltest zufällig überhaupt nicht getauft sein?«

Ob nun zufällig oder nicht, jedenfalls konnte Findling darüber keinerlei Aufschluß geben, da er sich an eine ihn betreffende Tauffeierlichkeit natürlich nicht erinnern konnte. Es erschien wirklich seltsam, daß die so religiöse und gewissenhafte Familie Mac Carthy nicht schon früher auf diese Frage gekommen war. In der That hatte aber niemand daran gedacht.

In der Meinung, nun unmöglich der Taufzeuge der kleinen Jenny werden zu können, stand Findling völlig verblüfft daneben.

»Nun, wenn es noch nicht geschehen ist, Herr Pfarrer, rief da Murdock, so kann er ja getauft werden.

-- Doch, wenn er das schon wäre! bemerkte die Großmutter.

-- O, so wird er einfach ein doppelter Christ, sagte Sim. Taufen Sie ihn nur vor der Kleinen.

-- Nun ja, warum nicht? antwortete der Geistliche.

-- Dann könnte er als Taufzeuge dienen?

-- Gewiß.

-- Und es hindert nichts die Vornahme dieser zwei Taufen gleich nach einander? erkundigte sich Kitty.

-- Das ich nicht wüßte, erklärte der Geistliche, vorausgesetzt, daß sich für Findling ein Taufzeuge und eine Zeugin findet.

-- Dazu erbiete ich mich, sagte Martin.

-- Und ich mich ebenfalls,« setzte Martine hinzu.

Wie glücklich fühlte sich der Knabe, auf diese Weise mit seinen Pflegeeltern noch enger verbunden zu werden.

»O, ich danke... ich danke allen...!« rief er wiederholt, während er der Großmutter, Kitty und Martine lebhaft die Hände drückte.

Da er nun einen Taufnamen erhalten mußte, entschied man sich für »Edit«, den Kalenderheiligen des betreffenden Tages.

Edit!... Recht so! Höchst wahrscheinlich blieb ihm aber doch der Name Findling auch ferner; hatten sich doch alle daran schon so sehr gewöhnt.

Der junge Kirchenzeuge wurde also zuerst getauft; nach dieser Ceremonie hielten die Großmutter und er das Kind über das Taufbecken und die Kleine wurde, entsprechend dem Wunsche ihrer Pathin, »Jenny« getauft.

Sofort verkündeten die Glocken dem Kirchspiele die Vollziehung der feierlichen Handlung, krachten vor der Kirche Kanonenschläge und regnete es Coppers auf die Straßenjugend der Ortschaft. Was hatte sich aber alles vor der Thüre des Gotteshauses versammelt! Es schien, als ob alle Armen der Grafschaft sich hier ein Stelldichein gegeben hätten.

Die Heimkehr nach der Farm erfolgte in fröhlichster Stimmung. Mit dem Geistlichen an der Spitze zogen die Festgäste, ein gutes Dutzend Nachbarn und Nachbarinnen, dahin. Alle nahmen an der im großen Zimmer aufgestellten Tafel Platz, für die die Gerichte von einer ausgezeichneten, eigens aus Tralee geholten Köchin bereitet waren.

Selbstverständlich waren die Speisen bei diesem denkwürdigen Festmahle alle den Vorräthen der Farm entnommen. Von außerhalb rührte gar nichts her, weder die Hammelkeulen mit schmackhaft gewürzter Sauce, noch die Hühnerbraten mit saftiger Beilage, weder die Schinken, noch die Kaninchenröstbraten, nicht einmal die Salme und Hechte, denn diese waren eigenhändig im Cashen gefangen worden.

Findling hatte selbstverständlich alle die schönen Sachen unter die Rubrik »Abgänge« eingetragen und so seine Buchführung auf dem Laufenden erhalten. Nun konnte er mit Gewissensruhe essen und trinken. Hier saßen auch Tischgäste, die mit gutem Beispiele vorangingen, Leute mit Magen, die weniger nach der Herkunft der Speisen, als nach deren Menge fragten. So blieb von dem Frühstück rein nichts übrig, weder von den drei warmen Gerichten, noch von der Nachspeise, obwohl der Plum-pudding aus Reis von gewaltiger Größe war und es für jede Person noch eine Johannisbrodtorte und eine Menge Sellerie gab.

Und dazu der Ingwerwein, der Stout, der Porter, das Sodawasser und der Usquebaugh (eine Art Whisky), der Brandy und der Gin, nebst dem Grok, hergestellt nach dem berühmten Recepte: »=hot, strong and plenty=« -- »heiß, stark und reichlich« -- genug, um die geübtesten Trinker der Provinz unter den Tisch zu bringen. Gegen Ende der drei Stunden währenden Mahlzeit glänzten denn auch die Augen wie Feuerbrände und glühten die Wangen wie Kohlen im Kamin. In der Familie Mac Carthy huldigte man der Nüchternheit. Kein Glied derselben besuchte die für die Katholiken begehenden »Aether-Schänken«, noch viel weniger die »Alkohol-Schänken«, wo die Protestanten verkehrten. Doch bei einem Taufschmause konnte man sich wohl ein wenig gehen lassen, und dann war ja auch der Geistliche bei der Hand, um die Absolution zu ertheilen.

Martin beobachtete seine Gäste auch sorgsamst und fand dabei unerwartete Unterstützung durch seinen zweiten Sohn Pat, der sich sehr mäßig gehalten hatte, während Sim vielleicht »einen kleinen Spitz« davontrug.

Und als ein dicker Farmer aus der Nachbarschaft sich wunderte, daß ein Seemann ein so zaghafter Trinker sei, erwiderte der junge Mann:

»Das kommt daher, daß ich die Geschichte John Playne's kenne!

-- Die Geschichte John Playne's?

-- Die Geschichte oder die Ballade, wie Sie wollen.

-- Wohlan denn, singen Sie uns die Ballade vor, Pat, sagte der Geistliche, der diese Ablenkung sehr gern sah.

-- Ja, sie ist etwas trauriger Art und etwas sehr lang.

-- Thut nichts, mein Sohn, wir haben Muße genug, sie bis zum Ende zu hören.«

Darauf hin begann Pat das Klagelied mit so machtvoller, ergreifender Stimme, daß Findling das ganze Meer aus seinem Munde tönend glaubte.

Das Klagelied von John Playne.

I.

John Playne, glaubt mir's ruhig, War grau am ganzen Haupt, Doch trinken mußt' er immer Bis ihn der Tod geraubt.

Zwei Stunden in der Schänke... Braucht' es denn wohl noch mehr? Da war sein Kopf gefüllt zwar, Der Beutel aber leer.

Ha! Wenn es draußen fluthet, Winkt' ihm ja neuer Lohn, Und den dann zu vertrinken, Darauf freut' er sich schon.

Das ist nun einmal Sitte Der Fischer von Kromer, Sie haben schwere Arbeit... Nun flott, John Playne, auf's Meer!

»Nun, da ist er ja gleich aus der Schänke heraus, rief Sim.

-- Das ist hart für einen erprobten Trinker! bemerkte der dicke Farmer.

-- Er hat wohl schon genug getrunken, äußerte Martin.

-- Schon zu viel!« meinte der Pfarrer.

Pat fuhr nun fort:

II.

John Playne's kleines Fahrzeug, Sehr spitz gebaut am Bug, Mit Klüverbaum und Fockmast, Den Namen »Cavan« trug.

Doch John muß sich beeilen, Daß er gelangt an Bord, Schon sind die andern Fischer Weit aus dem Hafen fort.

Das Meer ist grausam pünktlich, Hält die Gezeiten ein: Zwei Stunden noch, die Ebbe Wird dann vorüber sein.

Drum wenn sich John nicht sputet, Sofort hinaus zu gehn, Und gar das Wetter umschlägt, Ist's um sein Boot geschehn.

»Er wird schon durch eigne Schuld noch Unglück haben, ließ sich die Großmutter vernehmen.

-- Desto schlimmer für ihn!« versetzte der Pfarrer.

Pat fuhr weiter fort:

III.

Tief dunkel... droh'nder Himmel! Schon schlägt der Wind zurück, Laut braust es in den Lüften, Und John mit Katzenblick

Schaut auf und lauscht verwundert... Was drang da an sein Ohr? Was stößt ans Felsenufer? Er rafft sich schwer empor:

Da sieht sein Boot er schwanken, Bedrängt vom Wogenring, Ein Glück, daß es nicht splitternd Dabei zugrunde ging.

John Playne flucht und wettert: »Das halt' der Teufel aus! Bei solchem Sturmeswüthen Soll man aufs Meer hinaus!«

Doch klettert er ins Fahrzeug, Ins rollende hinein, Und zündet seine Pfeife Mit Schwamm und Feuerstein.

Er stülpt sich den Südwester Zum Schutze über, dann Theerrock und Wasserstiefeln Legt er arg schwankend an.

Mit Mühe richtet Playne Den Mast im Boote auf Und zieht das schwere Segel Mit kräft'gem Ruck hinauf.

Dann zerrt er an der Drisse, Das Klüversegel steigt, Ob auch das kleine Fahrzeug, Sich tief zur Seite neigt.

Er läßt das Sorrtau schießen; Das Steuerruder faßt Die nerv'ge Hand und spannt nun Das Segel aus am Mast.

Doch als am Kruzifixe Des Strands vorbei er fliegt, Macht er des Kreuzes Zeichen, So toll sich's Boot auch wiegt.

»Ein Irländer darf es unter keinen Umständen vergessen, sich zu bekreuzigen, bemerkte Murdock ernst.

-- Selbst wenn er etwas getrunken hat, setzte Martin hinzu.

-- Der Herr sei ihm gnädig!« schloß der Geistliche die Zwischenrede.

Pat nahm das Klagelied wieder auf.

IV.

Die Bai mißt gut zwei Meilen Bis hin zum Fischergrund; Hier führt der Weg im Zickzack, Dort fast im Bogen rund.

Und selbst am hellen Tage, Hat, wer im Herzen zagt, Noch keiner ohne Bangen Die Fahrt hindurch gewagt.

John kennt des Wassers Tiefen, Weiß, wo der Grund sich senkt, Und sichern Aug's und Armes Er ohne Zögern lenkt

Das Fahrzeug nach dem Vorberg Mit altem Hafenlicht, Wo nicht so toll sich's Wasser Wie näh'r am Lande bricht.

John spannt das Segel weiter, Daß voll der Wind es schwellt Und klatschend vorn am Buge Der Wogen Berg zerspellt.

Doch schon ist er am Ende Der Durchfahrt nach Nordost Wo Fluthwell' oder Ebbe Nicht mehr so grimmig tost.

Er kennt die schwanken Zeichen Des Wasserwegs, den Sand Zur linken, wo manch Fahrzeug Sich elend festgerannt.

Er knüpft die Schote fester Am Eisenringe schwer... John ist ein sich'rer Lootse... Er schwimmt auf hohem Meer!

»Auf dem offnen Meere, dachte Findling. O, wie schön muß das sein!«

V.

Vor ihm die Wasserwüste, Die Wüste schwarz und wild, Wenn nicht ein fahles Leuchten Erhellt das düstre Bild.

Am Himmel flieh'n die Wolken Mit Sturmeseile hin, Bald wird das schwere Wetter Die Küste überzieh'n.

Da bricht's schon los, da pfeift es, Da heult es in der Luft Und reißt sie auf die Wogen, Wie eine droh'nde Gruft.

Pat unterbrach seinen Gesang. Diesmal wurde keine Bemerkung laut. Jeder lauschte gespannten Ohres, als ob das Unwetter des Liedes sich über der Farm von Kerwan entladen müßte und diese zum Fahrzeuge John Playne's geworden wäre.

VI.

Doch John kann nichts erschrecken. Ihn macht kein Blitzstrahl blind, Er will, wie oft schon früher, Aufkreuzen in den Wind.

Weit bauschen sich die Segel; Er stellt sie anders ein Und steuert ohne Zagen Scharf in den Sturm hinein.

Was kümmert's ihn, ob schäumend Entgegenbraust das Meer? Er will doch Trotz ihm bieten, Ist auch die Arbeit schwer.

So wirft er aus die Kette Mit langem Sacknetz dran Und läßt es nach sich schleppen... Bald ist das Werk gethan.

Mit Last am Heck erhält sich Ein Boot schon in der Fahrt Und weicht nicht aus dem Curse, Arbeitet's noch so hart.

Drum greift -- mit schwerem Kopfe, Nach hier und dort den Blick Gewandt -- John nach der Flasche, Dem Trost im Mißgeschick.

Er führt sie an die Lippen Und schlürft den scharfen Trank, Bis auf der Bank am Ruder Er stumpf zusammensank.

Da scheint das weite Meer ihm Ein Teich zu sein voll Gin, Er träumt, er schwämme wohlig Allein darüber hin.

»Der Unbesonnene! rief Martin.

-- Man sagt ja, es gäbe einen Gott für die Trunknen! bemerkte Sim.

-- Da muß dieser aber viel zu thun haben, warf Martin ein.

-- Wir werden's ja sehen! erwiderte der Geistliche. Fahrt nur fort, Pat.«

VII.

Am nächsten Morgen leuchtet Die Sonn' in voller Pracht. Am Himmel leichte Wölkchen -- Nachzügler von der Nacht.

Wenn die Gefahr vorüber, Wer denkt dann noch daran? Schon tummeln sich die Fischer Am Hafen Mann für Mann.

Und jedes Boot beeilt sich; Jetzt zieh'n sie Bord an Bord, gleich fröhlicher Regatta, Zum neuen Fange fort.

»Und John Playne? fragte Findling, sehr besorgt um den Trunknen, der, das Sacknetz nachschleppend, eingeschlafen war.

-- Nur Geduld! mahnte ihn Martin.

-- Ich habe auch Angst um ihn!« setzte die Großmutter hinzu.

VIII.

Da... was ist dort geschehen? Das erste Fahrzeug weicht Aus dem gewohnten Curse, Wo's bald das Ziel erreicht.

Und seiner Fährte schließen Die andern all' sich an; Grundlos wich nicht der Führer Aus der gewohnten Bahn.

Ging wohl ein Boot verloren, Im tollen Sturm der Nacht? Hat einem Fischersmanne Er's nasse Bett gemacht?

Da seht!... Es treibt ein Fahrzeug Gekentert auf dem Meer, Den Kiel nach oben schwankt es Und steuerlos umher.

»Gekentert! rief Findling entsetzt.

-- Gekentert!« wiederholte die Großmutter.

IX.

Geschwind nun an die Arbeit! Erst zieht das Sacknetz ein Und legt es Masch' um Masche Ins nächste Boot hinein.

Schon sieht man nerv'ge Hände Am Tau des Netzes ziehn Und in dem Boot es bergen... Ein Leichnam hing darin.

Und diese düstre Seetrift, Entrissen jetzt dem Meer, Sie war bisher John Playne Der Fischer aus Kromer.

X.

Nicht mehr von ihm gesteuert, Kam quer sein Boot zum Wind Das große Segel drückt' es dann nieder wie ein Kind.

Gott sei der Seele gnädig Des armen, trunknen Narrn!... Hier fing sich ja der Fischer In seinem eig'nen Garn.

O, welch ein graus'ger Anblick. Als man herein ihn zog, Trotz viel verschluckten Wassers, Schien er betrunken noch!

»Der Unglückliche! rief die mitleidige Martine.

-- Wir werden für ihn beten!« erklärte die Großmutter.

XI.

Nun frisch aus Werk, ihr Leute, Wir schaffen ihn ans Land, Dort mag ein Grab er finden, Doch nicht zu nah am Strand.

Legt ihn dahin, wo nicht mehr So viel er trinken kann, Und stellt nur Glas und Flasche Ans Grab als Warnung an....

So endete John Playne, John Playne aus Kromer. Doch schon setzt ein die Ebbe, Ihr Fischer, rasch aufs Meer!

Die Stimme Pats klang wie eine Trompete, als er den letzten Vers des traurigen Liedes sang. Auf die Tischgäste hatte dieses einen so mächtigen Eindruck gemacht, daß sie sich -- als Zugabe auf zehn tüchtige Gläser -- begnügten, nur noch einen Schluck auf die Gesundheit eines jeden zu trinken. Dann trennte sich die Gesellschaft mit dem Vorsatze, es John Playne nie gleich zu thun... nicht einmal auf dem festen Lande.

XIV.

Im Alter von kaum neun Jahren.

Als der große Festtag vorüber war, ging man auf der Farm wieder an die gewohnte Feldarbeit. Pat merkte gewiß nichts davon, daß er einen Urlaub zur Erholung angetreten hatte. Die Seeleute sind ja immer tüchtige Arbeiter, auch wenn sie nicht draußen schwimmen. Pat war gerade zur Erntezeit eingetroffen, und nach dem Getreide war jetzt noch das Gemüse einzufahren. Findling wich fast niemals von der Seite Pats, der jenem eine aufrichtige Freundschaft entgegenbrachte... die Freundschaft des Matrosen für den Schiffsjungen. Nach beendetem Tagewerke und wenn sich alle zum Abendbrode versammelt hatten, war es für Findling die größte Freude, den jungen Seemann erzählen zu hören, wenn dieser über seine Reisen, über allerlei Ereignisse, über die Stürme, die der »Guardian« bestanden, und über so manche schnelle und herrliche Fahrt berichtete. Am meisten interessierte er sich aber für die reiche, der Firma Marcuart zugeführte Fracht, für die Schätze, die der Dreimaster nach Europa heimgebracht hatte. Die Handelsangelegenheiten ließen in seinem praktischen Geiste eine darauf abgestimmte Saite erklingen. Seiner Ansicht nach stand der Rheder weit höher als der Capitän.

»Also das nennt man wohl Handelsgeschäfte treiben, Pat? fragte er.

-- Ja; man holt die Erzeugnisse aus den Ländern, wo Natur oder Menschenhand sie hervorbringt, und verkauft sie da, wo das nicht der Fall ist.

-- Und theurer, als man sie eingekauft hatte?...

-- Natürlich... man muß doch etwas erübrigen. Dann führt man wieder die Erzeugnisse der andern Länder aus, um sie in der weiten Welt abzusetzen.

-- Auch wieder theurer, Pat?

-- Allemal etwas theurer, wenn das zu ermöglichen ist.«

Derartige Fragen des Knaben mußte Pat nun immer beantworten. Leider und zur großen Betrübniß aller nahte jetzt die Zeit heran, wo er in Liverpool wieder eintreffen mußte.

Am 30. September nahm er Abschied und als er sich von allen, die er liebte, trennte, wußte ja keiner, wie lange man ihn nicht wiedersehen würde. Er versprach jedoch, oft zu schreiben. Alle drückten ihn herzlich in die Arme. Der Großmutter standen die Augen voll Thränen, sie fürchtete ja bei ihrem hohen Alter, daß sie ihn vielleicht nicht mehr vor dem Spinnrade am Kamin und in der Mitte ihrer Kinder wiederfinden werde, wenn sie auch jetzt, ebenso wie die ganze Familie, gesund und wohlauf war. Für den Winter, dessen Vorboten sich bereits einstellten, war nach diesem sehr fruchtbaren Jahre auch nichts zu fürchten. Zu seinem älteren Bruder wendete sich Pat mit den Worten:

»Sei doch nicht immer so sorgenvoll und nachsinnend, Murdock! Mit Muth und gutem Willen ist alles zu überwinden....

-- Gewiß, Pat, wenn man nur etwas Glück hat. Dem Glücke aber kann keiner befehlen. Sieh, Bruder, immerfort einen Boden zu bearbeiten, der nicht Dir eigen ist und es nie sein wird, und überdies sich gar so sehr vom Ausfall der Ernte abhängig zu wissen... daran werden Muth und guter Wille zuschanden!«

Pat hätte nicht gewußt, was er dagegen anführen sollte, doch als er dem älteren Bruder zum letzten Male die Hand reichte, flüsterte er ihm noch zu:

»Verliere nur das Vertrauen nicht!«