Der Findling. Erster Band.

Part 11

Chapter 113,696 wordsPublic domain

Von Pat war in Folge dessen auf der Farm vielfach die Rede, und Findling sah deutlich genug, welchen Kummer dieses Ausbleiben jeder Nachricht der ganzen Familie bereitete.

Da war wohl die Spannung kein Wunder, mit der man jeden Tag das Eintreffen der Briefpost erwartete. Der kleine Knabe lauerte sie auf der Straße ab, die diesen Theil der Grafschaft mit deren Hauptorte in Verbindung setzt. Sobald er den an seiner blutrothen Farbe leicht erkennbaren Wagen von weitem erblickte, lief er, was er laufen konnte, nicht wie die Straßenbuben, die ein paar Kupfermünzen nachstürzen, sondern nur um zu hören, ob nicht ein Brief an Martin Mac Carthy angekommen wäre.

Der Postdienst ist auch in den entlegensten Grafschaften Irlands ganz vorzüglich eingerichtet. Der Wagen hält auf dem Lande an allen Thüren an, um Briefe zu vertheilen oder anzunehmen. An Mauern und Grenzsteinen befinden sich Kästen mit einer Rothgußplatte, selbst einfache Säcke, die an Baumzweigen hängen und die der Postconducteur im Vorüberkommen ausleert.

Leider traf kein Brief von der Hand Pats, auch keiner von der Firma Marcuart in der Farm ein. Seitdem der »Guardian« zuletzt in den Australischen Meeren gesehen wurde, war und blieb er vorläufig verschollen.

Die Großmutter war tiefbetrübt, denn gerade Pat hatte sie besonders ins Herz geschlossen. Auch jetzt sprach sie unausgesetzt von ihm, den sie bei ihrem hohen Alter nun kaum wiederzusehen fürchtete. Findling suchte sie immer zu beruhigen.

»Er wird schon wiederkommen, sagte er. Noch kenne ich ihn nicht, muß ihn aber doch kennen lernen, da er ja zur Familie gehört.

-- Und er würde Dich ebenso lieb gewinnen, wie wir, antwortete sie.

-- Es muß doch herrlich sein, Großmutter, Seemann zu sein! Wie schade nur, daß man da einander, und immer so lange, verlassen muß. Könnte denn nicht gleich eine ganze Familie zur See gehen?

-- Nein, mein Kind, als Pat fortging, hat das mich tief geschmerzt! Wie glücklich sind die, die sich niemals zu trennen brauchen!... Unser Junge hätte auch auf der Farm bleiben können. An Arbeit würde es ihm nicht gefehlt haben, und wir verzehrten uns jetzt nicht vor Unruhe. Er hat es nicht gewollt... möge Gott ihn uns zurückführen!... Vergiß ja nicht, für ihn mitzubeten!

-- Nein, Großmutter, das vergess' ich nicht, für ihn und für Sie alle!«

In den ersten Apriltagen begann die Arbeit außer dem Hause. Es war eine schwere Aufgabe, die noch frostharte Erde aufzupflügen, sie mit der Walze einzuebnen und oberflächlich mit der Egge wieder zu lockern. Hierzu mußten einige fremde Arbeiter gemiethet werden, da Martin und seine Söhne allein damit nicht hätten fertig werden können. Die Minuten sind kostbar, wenn es sich darum handelt, mit dem einsetzenden Frühling zum Säen bereit zu sein. Außerdem galt es noch Gemüse zu pflanzen und Kartoffeln zu stecken, wobei die Knollen mit den besten »Augen« ausgewählt wurden.

Nun mußten ferner die Thiere aus den Ställen. Die Schweine ließ man einfach im Hofe oder auf der Straße herumlaufen. Die Kühe, die mit Ketten an Pflöcken auf der Weide festgelegt wurden, bedurften keiner großen Ueberwachung, außer daß sie des Morgens aus- und des Abends eingetrieben wurden. Das Melken derselben war Sache der Frauen. Dagegen mußten die Schafe gehütet und, da sie sich den Winter über nur von Häcksel, Kraut und Rüben ernährt hatten, auf die Weide einmal hier-, einmal dorthin geführt werden. Der Findling erschien wie zum Schäfer dieser Heerde geschaffen.

Mac Carthy besaß, wie wir wissen, gegen hundert Schafe, und zwar von der schönen schottischen Rasse, mit langer, mehr grauer als weißer Wolle und schwarzen Mäulern und Füßen. Als Findling sie zum ersten Male nach der fast eine halbe Meile entfernten Weidestelle trieb, fühlte er sich ordentlich stolz über das neue Amt. Er empfand seine Verantwortlichkeit für die blökende Heerde, die unter seiner Leitung dahintrabte, während Birk, der Hund, etwaige Nachzügler oder Ausbrechende zusammentrieb, für die Widder, die die Spitze bildeten, und für die Lämmer, die sich um ihre Mütter drängten. Wenn sich nun ein Thier verirrt hätte!... Wenn gar Wölfe in der Nähe hausten! Doch nein, mit Birk und seinem Messer an der Seite fürchtete der junge Schäfer auch Wölfe nicht.

Früh am Morgen brach er auf, ein tüchtiges Stück Brod, ein hartes Ei und eine Schnitte Speck in seinem Sacke, um davon zu Mittag zu essen. Die Schafe zählte er beim Verlassen des Stalles ebenso wie bei der Rückkehr dahin. Dasselbe that er mit den Ziegen, auf die er ein Auge hatte und die die Hunde frei umherspringen lassen.

An den ersten Tagen war die Sonne kaum aufgegangen, als Findling schon hinter seiner Heerde herzog. Im Westen flimmerten noch einzelne Sterne. Er sah sie nach und nach verlöschen, als ob der Morgenwind sie ausgeblasen hätte. Dann schossen die Sonnenstrahlen durch die Landschaft und glitzerten in jedem Thautröpfchen auf den Steinen. Meist lenkten Martin und Murdock auf einem benachbarten Felde den Pflug, der eine gerade und schwärzliche Furche hinter sich zurückließ. Auf einem andern verstreute Sim mit gemessener Armbewegung den Samen, den die Egge dann mit dünner Erdschicht zudeckte.

Trotz seiner Jugend pflegte Findling immer mehr die praktische als die etwa wunderbare Seite aller Dinge zu beobachten. Er fragte sich nicht, wie ein einfaches Körnchen zu einem Halm mit Aehre auswachsen könnte, wohl aber, wie viel Körner die Korn-, Gersten- oder Haferähre bei der Ernte liefern würde. Das wollte er zählen, wie er die Eier im Hühnerhof zählte, und das Ergebniß niederschreiben. Das lag in seiner Natur. Er hätte auch die Sterne eher gezählt als bewundert.

So freute er sich beim Aufgang der Sonne weniger über deren Licht als über die Wärme, die sie der Welt spenden würde. Man sagt, daß die Elephanten Indiens das Tagesgestirn begrüßen, wenn es am Horizonte aufsteigt, und Findling ahmte ihnen nach, höchstens erstaunt, daß nicht auch die Schafe aus Dankbarkeit zu blöken begännen. Schmilzt denn jenes nicht den Schnee, der die Erde bedeckt? Nein, die Schafe zeigten sich entschieden undankbar!

Meistens befand sich Findling während des größten Theiles des Tages auf seiner Weide allein. Zuweilen machten Murdock und Sim jedoch ein Weilchen Halt, nicht um ihn als Schäfer zu beobachten, denn auf den Knaben konnte man sich verlassen, sondern um einige freundliche Worte mit ihm zu wechseln.

»Nun, riefen sie da, wie macht sich's denn mit der Heerde? Ist das Gras hübsch dicht?

-- Sehr dicht und fett, Herr Murdock.

-- Und sind auch die Schafe artig? fragt einer wohl lächelnd.

-- Sehr artig, Sim. Fragen Sie nur Birk, der hat mit ihnen nicht viel zu thun.«

Der nicht grade schön zu nennende, aber sehr intelligente und muthige Birk war schon ein treuer Gefährte Findlings geworden. Beide unterhielten sich wirklich miteinander. Wenn der Knabe, den Blick auf ihn geheftet, mit dem Thiere sprach, so schien Birk, dessen braune Nasenspitze dabei zitterte, die Worte förmlich aufzusaugen und wedelte verständnißinnig mit dem Schwanze, den man fast hätte einen »tragbaren Zeigertelegraphen« nennen können. Es waren eben zwei ziemlich gleichaltrige gute Freunde, die einander vollkommen verstanden.

Mit dem Mai fing es nun stärker an zu grünen. Die Futterkräuter, wie Esparsette, Rothklee und Luzerne bildeten bereits einen dichten Teppich. Die Getreidefelder zeigten dagegen nur noch recht kurze Halme, so daß sich Findling fast verführt fand, daran zu ziehen, um sie größer zu machen. Als Martin ihn eines Tags aufgesucht hatte, theilte er diesem seine berühmte Idee mit.

»Glaubst Du denn, mein Junge, antwortete der Farmer lächelnd, Deine Haare wüchsen schneller, wenn man daran zupfte?... Nein; das würde Dir nur weh thun, weiter nichts.

-- So darf man das also nicht?

-- Nein; niemals soll man jemand, und wäre das auch nur eine Pflanze, wehe thun. Laß nur den Sommer kommen, die Natur ihr Werk verrichten, dann werden die grünen Sprossen zu schönen Halmen geworden sein, die wir abmähen, um das Stroh und die Körner zu gewinnen.

-- Glauben Sie, Herr Martin, daß die Ernte dieses Jahr gut sein wird?

-- Allen Anzeichen nach, ja. Der Winter ist nicht gar so streng gewesen, und seit dem Frühjahre haben wir mehr sonnige als regnerische Tage gehabt. Gott gebe, daß das noch drei Monate so fortgeht, dann liefert die Ernte reichlich die Abgaben und den Pachtzins.«

Immerhin gab es Feinde, die nicht zu vernachlässigen waren: die gefräßigen Vögel, die auf den Feldern Irlands umherschwärmen. Von den Schwalben, die während ihrer kurzen Anwesenheit hier blos Insecten verzehren, war ja nicht zu reden. Dagegen verursachten die frechen, nimmersatten Sperlinge und auch die Krähen dem Landmann hier sehr fühlbaren Schaden.

Die abscheulichen Vögel versetzten Findling förmlich in Wuth, und dabei schien es noch, als ob sie sich über ihn lustig machten. Wenn er seine Schafe nach der Weide trieb, flatterten sie in schwarzen Schaaren empor und flogen mit scharfem Geschrei, die Füße herabhängend, davon. Es waren Vögel von enormer Spannweite, deren große Flügel sie sehr schnell hinwegtrugen. Findling verfolgte sie hitzig und hetzte auch Birk auf sie, der dann bellte, bis ihm der Athem verging. Was war aber gegen die Räuber, denen man sich nicht nähern konnte, zu beginnen? Sie narren einen noch auf zehn Schritte Entfernung; dann tönt's »Krroa... krroa!« und die Wolke zerstäubt.

Am meisten ärgerte es Findling, daß die inmitten des Getreides aufgestellten Vogelscheuchen offenbar gar nichts nützten. Sim hatte ganz entsetzlich aussehende Männer mit ausgestreckten Armen fabriciert, deren zerrissene Bekleidung sich bei jedem Windhauch bewegte. Kinder hätten sich vielleicht davor gefürchtet... die Krähen?... Nicht im geringsten! Vielleicht konnte man eine noch mehr erschreckende und nicht so stumme Vorrichtung ersinnen; dieser Gedanke kam unserm kleinen Helden nach langer Ueberlegung. Wohl bewegt die Vogelscheuche bei genügendem Winde scheinbar die Arme, doch sie spricht, sie schreit nicht; hierin mußte sie vervollkommnet werden.

Ein vortrefflicher Gedanke, wie jeder zugeben wird, und um ihn auszuführen, hatte Sim am Kopfe der Gestalt nur eine Schnarre anzubringen, die vom Winde mit Geräusch gedreht wurde.

Wenn die Krähen darüber an den beiden ersten Tagen zwar nicht zu erschrecken, doch aber erstaunt zu sein schienen, so achteten sie am dritten Tage schon gar nicht mehr darauf, und Findling sah sie sich ruhig auf den Zappelmann setzen, dessen Schnarre mit ihrem Gekrächz nicht wetteifern konnte.

»Entschieden ist nicht alles vollkommen hienieden!« dachte der Knabe.

Im übrigen ging auf der Farm alles den gewohnten Gang. Findling war so glücklich wie möglich. An den langen Winterabenden hatte er im Schreiben und Rechnen gute Fortschritte gemacht. Wenn er jetzt gegen Abend heimkehrte, brachte er zuerst seine Buchführung in Ordnung. Diese umfaßte neben den Eiern der Hühner auch die Küchlein im Stalle, die am Tage, wo sie ausgekrochen waren, aufgeschrieben und numeriert wurden. Dasselbe galt von den geworfenen Ferkeln und Kaninchen, die in Irland wie anderswo gliederreiche Familien bilden. Dem jungen Buchhalter machte das manche Arbeit. Man wußte ihm aber auch Dank dafür. Er bewies so viel Ordnungssinn, daß man ihn darin eher noch bestärkte, und jeden Abend übergab ihm Martin seinen Kieselstein, der in der Kruke aufbewahrt wurde. Diese Kiesel hatten für den Knaben ebenso viel Werth wie Schillinge. Geld ist ja überhaupt nur eine Sache des Uebereinkommens. Der Steintopf enthielt außerdem auch die goldne Guinee, die er für sein erstes Auftreten in Limerick erhalten und deren er, ohne selbst einen Grund zu wissen, auf der Farm noch gar nicht Erwähnung gethan hatte. Da er dafür hier, wo es ihm an nichts fehlte, keine Verwendung sah, schätzte er sie fast geringer als die kleinen Steine, die seinen Eifer und seine gute Aufführung bezeugten.

Da die Witterung immer günstig geblieben war, begann man schon in der letzten Juliwoche mit der Heuernte, die sehr reichlich ausfiel. Alle Insassen des Pachthofes hatten dabei zu thun. Murdock, Sim und den beiden Lohnarbeitern fiel es zu, gegen fünfzig Acres Gras abzumähen. Die Frauen halfen dann das Gras auszubreiten, um es zu trocknen, ehe es in »Moffles« (etwa »Feimen«) aufgestapelt wurde, von denen aus man es endlich nach den Scheuern schafft. In einem so regenreichen Lande ist natürlich jeder Tag kostbar und man beeilt sich, von jedem guten Wetter Nutzen zu ziehen. Um Martine und Kitty unterstützen zu können, vernachlässigte Findling eine Woche lang sogar seine Heerde ein wenig.

So verfloß das Jahr, eines der glücklichsten, das Martin auf der Farm erlebt hatte. Höchstens beklemmte es ihn, von Pat keine Nachricht erhalten zu haben. Es sah fast aus, als bringe die Anwesenheit Findlings dem Hause Glück und Segen. Als der Abgabeneinsammler und der Pachtzinserheber sich einstellten, wurden sie bei Heller und Pfennig bezahlt. Auf den nächsten milden und feuchten Winter folgte ein zeitiger Frühling, der bei den Landleuten die gehegten Erwartungen erfüllte.

Nun ging die Thätigkeit auf dem Felde wieder an. Findling verbrachte draußen mit Birk und seinen Schafen die gewohnten langen Tage. Er sah die Feldfrucht grünen, er lauschte dem ganz feinen Geräusch, das bei der Entwicklung der Halme vom Roggen und vom Hafer ausgeht; ihn belustigte der Wind, der die langbärtige Gerste zerzauste. Und weiter sprach man zu Hause auch von einer andern, ungeduldig erwarteten Ernte, worüber die Großmutter heimlich lächelte. Wirklich vergingen keine drei Monate, als die Familie Mac Carthy's durch ein ihr von Kitty geschenktes Mitglied vermehrt wurde.

Während der Heuernte im August und mitten in der dringlichsten Arbeit bekam einer der Arbeiter das Fieber und konnte seine Arbeit nicht fortsetzen. An seiner Stelle galt es nun einen andern, noch feiernden Mäher zu schaffen, wenn sich ein solcher fand. Das mißlichste dabei war, daß Martin einen halben Tag opfern mußte, um nach Silton zu gehen. Deshalb nahm er es gern an, als Findling sich hierzu anbot.

Man konnte sich schon auf ihn verlassen, daß er einen erhaltenen Auftrag gewissenhaft ausführte. Fünf Meilen auf einer ihm von den sonntäglichen Kirchgängen her bekannten Straße zurückzulegen, war ihm ja ein kleines. Von der Farm frühzeitig aufbrechend, versprach er, noch vor Mittag zurück zu sein.

Findling schlug einen schnellen Schritt ein und trug in seiner Tasche einen Brief des Farmers an den Gasthalter in Silton, in einem kleinen Rucksack aber einige Mundvorräthe für den Weg.

Das Wetter war schön; von Osten her wehte ein erfrischender Wind, und so waren die ersten drei Meilen bald überwunden.

Auf dem Wege und im Innern der vereinzelten Häusern befand sich kein Mensch. Alle waren auf den Feldern beschäftigt. Auf Sehweite hinaus zeigte sich das Land mit Tausenden von Moffles bedeckt, die bald eingefahren werden sollten.

An einer Stelle trifft die Landstraße hier an ein dichtes Gehölz, um das sie etwa eine Meile weit herumführt. Um Zeit zu ersparen, hielt es Findling für angezeigt, den Wald gleich zu durchkreuzen. Er schritt hinein, nicht ganz frei von der angebornen Furcht der Kinder vor dem Walde, in dem sich oft Diebe aufhalten, dem Walde, in dem Wölfe hausen und in dem alle Schauergeschichten spielen, die man in der Dämmerung aufzutischen pflegt. Was den Wolf angeht, so betet Paddy gern zu allen Heiligen, diesen bei guter Gesundheit zu erhalten, und er nennt das Raubthier gar »seinen Gevatter«.

Findling hatte kaum hundert Schritte auf einem schmalen Pfade zurückgelegt, als er angesichts eines Mannes stehen blieb, der am Fuße eines Baumes lag.

War das ein Reisender, den hier die Kräfte verlassen hatten, oder nur ein Fußgänger, der vor der Fortsetzung seines Weges etwas ausruhte?

Findling betrachtete ihn, und da jener sich nicht bewegte, ging er vorwärts.

Die Arme gekreuzt und den Hut über die Augen gezogen, lag der Mann in tiefem Schlafe. Er schien jung zu sein, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt. An seinen beschmutzten Stiefeln und der staubigen Kleidung sah man, daß er, jedenfalls von Tralee her, eine weite Strecke gewandert sein mochte.

Am meisten erregte es aber die Aufmerksamkeit Findlings, daß der Fremde ein Seemann sein mußte, das verrieth seine Tracht und ein großer getheerter Kleidersack. Auf diesem stand eine Adresse, die der Knabe beim Näherkommen lesen konnte.

»Pat, rief er überrascht, das ist Pat!«

Wirklich war es Pat, den man schon an der Aehnlichkeit mit seinen Brüdern erkennen konnte, Pat, von dem so lange jede Nachricht fehlte und dessen Heimkehr so sehnsüchtig erwartet wurde.

Schon wollte Findling ihn durch einen Anruf erwecken... er hielt inne. Er sagte sich, wenn Pat an der Farm erschien, ohne daß jemand darauf vorbereitet war, so würden seine Mutter und seine Großmutter wenigstens dadurch so erregt werden, daß es ihnen schaden könnte. Nein, besser war es, Martin zu benachrichtigen; dieser würde die Frauen dann vorsichtig auf das Eintreffen ihres Sohnes und Enkels vorbereiten. Der Auftrag an den Gasthalter von Silton konnte auch morgen ausgerichtet werden. Und übrigens war Pat, als Kind der Familie, ja auch eine gegebene Hilfskraft, die gewiß jede andre aufwog. Der Wandrer war wirklich ermüdet, denn er hatte Tralee, bis wohin die Eisenbahn führte, schon mitten in der Nacht verlassen. Wenn er sich aber hier erhob, würde er die Farm ganz gewiß schnell erreichen. Vorzüglich kam es Findling also darauf an, vor jenem dort einzutreffen.

Das Bündel wollte er ihn aber doch nicht tragen lassen, das konnte Findling wohl den eignen Schultern aufbürden, und mit um so mehr Vergnügen, als es ja der Reisesack eines Matrosen war, ein Sack, der vom weiten Meere herkam.

So faßte er diesen am Knoten des Strickes, der ihn oben verschloß, warf ihn sich auf den Rücken und trabte in der Richtung nach der Farm ab.

Erst aus dem Walde, hatte er nur der Landstraße zu folgen, die sich von da eine halbe Meile in schnurgrader Linie hinzog.

Findling hatte aber kaum fünfhundert Schritte in dieser Richtung zurückgelegt, als er hinter sich lautes Rufen vernahm. Er wollte jedoch weder stehen bleiben, noch seinen Schritt verlangsamen, im Gegentheil suchte er einen Vorsprung zu gewinnen.

Der freilich, der hinter ihm rief, der lief auch.

Das war Pat.

Beim Erwachen hatte er seinen Sack nicht mehr gefunden. Erzürnt eilte er aus dem Walde und sah das Kind gerade noch bei einer Biegung des Weges.

»He! Dieb! Wirst Du still stehen?«...

Begreiflicher Weise hörte Findling hierauf nicht, sondern lief aus allen Kräften davon. Mit dem Sack auf dem Rücken konnte es freilich nicht fehlen, daß er von dem schnellfüßigen Seemanne eingeholt würde.

»Heda, Dieb Du!... Du entwischt mir nicht... Dir ist Deine Strafe gewiß!«

Da Findling bemerkte, daß Pat kaum noch zweihundert Schritt weit hinter ihm war, ließ er den Sack fallen und stürmte nun erst recht weiter.

Pat nahm seinen Sack auf und setzte die Verfolgung fort.

Kurz, gerade vor der Farm gelang es Pat noch, das Kind am Kragen zu packen.

Martin und seine Söhne waren auf dem Hofe mit dem Abladen von Futter beschäftigt. Da entfuhr ihnen ein Freudenschrei, den sie gar nicht zu unterdrücken suchten.

»Pat... mein Junge!

-- Bruder... Bruder!«

Schon eilten auch Martine mit Kitty und kam selbst die Großmutter herzu, um Pat in die Arme zu schließen.

Mit freudestrahlenden Augen stand Findling dabei und wartete, ob ihm auch eine Begrüßung zutheil würde....

»Ah! Der Kleine, der mich bestohlen hatte!« rief dafür Pat.

Mit einigen Worten war alles erklärt, und auf Pat zustürmend, kletterte Findling diesem an den Hals, als ob er den Mastkorb eines Schiffes hätte erklimmen sollen.

XIII.

Zweifache Taufe.

Das war ein Jubel bei den Mac Carthy's! Pat heimgekehrt, der junge Mann in der Farm von Kerwan, die ganze Familie vereinigt, die drei Brüder an einem Tische, die Großmutter mit ihrem Enkel, Martin und Martine mit allen ihren Kindern!

Das Jahr ließ sich gut an. Futter gab es in Menge und die Ernte versprach auch sehr gut zu werden. Dazu die Kartoffeln, über deren Knollen fast die Furchen anschwollen. Das war fertiges Brod, das nur gekocht zu werden brauchte, und dazu reichte ein wenig Gluth auf dem ärmlichsten Herde.

Zuerst richtete Martine an Pat die Frage:

»Bist Du nun für ein ganzes Jahr zu uns heimgekehrt, mein Kind?

-- Nein, Mutter, nur für sechs Wochen. Ich kann meinen schönen Beruf nicht aufgeben. Nach sechs Wochen muß ich in Liverpool eintreffen, wo ich wieder an Bord des »Guardian« gehe....

-- Schon in sechs Wochen! murmelte die Großmutter.

-- Ja; diesmal aber als Hochbootsmann, und der Hochbootsmann auf einem großen Schiffe hat schon etwas zu bedeuten....

-- Schön, Pat, sehr schön! fiel Murdock ein, der warm die Hand des Bruders drückte.

-- Bis zum Tage der Abreise, fuhr der junge Seemann fort, sollen Euch indeß, wenn Ihr ein Paar gesunde Arme braucht, die meinigen zur Verfügung stehen.

-- Das läßt sich hören,« antwortete Martin.

Heute lernte Pat nun auch seine Schwägerin Kitty kennen, deren Hochzeit erst nach seiner letzten Einschiffung stattgefunden hatte. Er freute sich aufrichtig, in ihr eine so vortreffliche, zu seinem Bruder passende Frau zu finden, doch auch darauf, in der nächsten Zeit... Onkel zu werden, und er umarmte Kitty wie eine in seiner Abwesenheit ins Haus gekommene Schwester.

Findling war diesen Herzensergießungen gegenüber auch nicht unempfindlich geblieben, wenn er sich bisher auch etwas abseits hielt. Jetzt kam indeß an ihn die Reihe, denn er gehörte ja ebenfalls zur Familie. Pat hörte dabei des Knaben Lebens- und Leidensgeschichte, die ihn tief rührte. Von Stund' an wurden die beiden nun die besten Freunde.

»Und ich, wiederholte der junge Seemann lachend, ich konnte ihn für einen Dieb halten, als ich ihn mit meinem Kleidersack davongehen sah! Wahrlich, er lief Gefahr, aus Versehen ein paar Ohrfeigen wegzubekommen....

-- Die hätten mir auch nicht weh gethan, versicherte Findling, denn ich hatte Ihnen ja nichts gestohlen.«

Dabei betrachtete er den kräftigen, breitschultrigen jungen Mann mit so entschlossenem Wesen, ungezwungenem Auftreten und mit von Sonne und Wind gebräuntem Gesicht. Ein Seemann erschien ihm als ein ganz besondres Wesen.... Deshalb begriff er recht gut, daß Pat der Günstling der Großmutter war, die ihn an der Hand hielt, wie um ihn nicht zu zeitig wieder fortgehen zu lassen.

Zunächst erzählte Pat nun seine Geschichte und erklärte, warum er so lange in der weiten Welt gewesen sei, ohne von sich Nachricht zu geben. Ja beinahe wäre er überhaupt nicht zurückgekehrt. Der »Guardian« war an einer der Inseln des Indischen Meeres gestrandet. Die Schiffbrüchigen fanden im Laufe von dreizehn Monaten keine andre Zuflucht, als dieses kleine, außerhalb der Seeverkehrswege gelegene Stückchen Land, wo sie von der übrigen Welt völlig abgeschlossen waren. Mit großer Mühe gelang es ihnen da endlich, den »Guardian« wieder flott zu machen, und neben dem Schiffe auch dessen Ladung zu retten. Pat hatte sich dabei durch seinen Eifer und seine Gewandtheit so vortheilhaft ausgezeichnet, daß die Firma Marcuart ihn auf Vorschlag seines Kapitäns für eine demnächstige Reise nach dem Stillen Ocean als Hochbootsmann anstellte. Alles hatte sich also zum besten gewendet.

Am folgenden Tag gingen alle Insassen von Kerwan an die Arbeit, und da zeigte es sich, durch welch vorzügliche Kraft der erkrankte Lohnarbeiter ersetzt war.