Der Findling. Erster Band.

Part 10

Chapter 103,684 wordsPublic domain

Ein Agent?... dieses Wort machte sie zurücktaumeln; der Mann konnte ja zu der Waisenkinderpflege gehören, obgleich sich ein Inspector im Dorfe Rindok noch so gut wie nie hatte sehen lassen. Vielleicht kam dieser Mann wirklich, um über die aufs Land geschickten Kinder Bericht zu erstatten, und um nach dieser Seite ganz sicher zu gehen, bemühte sich die Hard sofort, ihn durch ihre Redseligkeit zu verblüffen.

»O, verzeihen Sie, mein Herr!... Sie kommen grade, wo ich im Begriff stehe, rein zu machen... diese lieben Kleinen; sehen Sie, wie die sichs wohl sein lassen? Sie haben eben eine tüchtige Schüssel Hafergrützsuppe verzehrt.... Das Mädchen da und der Knabe, versteht sich, denn die andre liegt leider krank... ja... an einem Fieber, dem keiner Einhalt zu thun vermag. Ich wollte schon nach Donegal, einen Doctor zu holen.... Die armen süßen Herzchen, ich hänge so sehr an den Kleinen!«

Mit ihren rohen Gesichtszügen und dem wilden Blicke ähnelte die Hard jetzt einer Tigerin, die das zahme Kätzchen spielen möchte.

»Herr Inspector, fuhr sie fort, wenn das Armenhaus mir einen Beitrag zu den Kosten der Arzneien bewilligen wollte. Man hat ja kaum so viel, daß es zum Essen und Trinken ausreicht.

-- Ich bin kein Inspector, gute Frau, unterbrach sie der Mann mit süßlicher Stimme.

-- Was sind Sie denn?... fragte die Hard schon aufbrausend.

-- Der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft.«

Der Fremde gehörte zu den Agenten, von denen es in Irland ebensoviele giebt, wie Disteln auf Unland. Sie durchstreifen alle Dörfer, um das Leben der Kinder zu versichern, was unter den obwaltenden Umständen so viel bedeutet, wie ihnen den Tod zu sichern. Gegen monatliche Zahlung weniger Pence haben -- so entsetzlich das klingt -- Eltern oder Pflegeeltern, lauter solch verabscheuungswürdige Geschöpfe wie die Hard, die »frohe Hoffnung«, beim Ableben der Kleinen eine »Tröstung« von drei bis vier Pfund Sterling (sechzig bis achtzig Mark) einzureichen. Das ist geradezu eine Verleitung zum Verbrechen und eine so mächtige Triebfeder, daß die ungeheure Kindersterblichkeit zu einer wirklichen nationalen Gefahr geworden ist. Mit Recht hat deshalb Day, der Vorsitzende des Schwurgerichts in Wiltshire die Anstalten, die daran schuld sind, als Landplagen, als Schulen für Mord und Brandstiftung gekennzeichnet.

Seit jener Zeit hat das schon erwähnte Gesetz von 1889 allerdings eine wesentliche Besserung dieser Zustände erzwungen, und so ist es auch nicht zu verwundern, daß die »Gesellschaft zur Ausrottung der Grausamkeit gegen Kinder« heute schon recht gute Erfolge erzielt.

Wer erröthet aber nicht vor zorniger Ueberraschung, daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein solches Gesetz bei einer civilisierten Nation nothwendig war, ein Gesetz, das die Eltern verpflichtet, »die Wesen, die ihrer Obhut unterstehen, auch zu ernähren und, selbst wenn sie diese nur in Pflege genommen hatten, sie zwingt, für die Bedürfnisse der Unmündigen unter ihrem Dache zu sorgen« -- und das unter Androhung schwerer Strafe, die bis zu zwei Jahren Zwangsarbeit gehen kann.

O, der Schande, das es eines Gesetzes bedurfte, wo das natürliche Gefühl hätte ausreichen müssen!

Zur Zeit des Anfangs dieser Erzählung gab es freilich noch keinen Schutz für die, den Armenanstalten anheimgefallenen Kinder.

Der Agent, der sich der Hard hier vorstellte, war ein Mann in den hohen Vierzigern, mit lauernder Miene und einschmeichelnder Rede und Haltung -- der richtige Typus jener Unterhändler, denen es nur um ihre Provision zu thun ist und die kein Mittel scheuen, sich diese zu verdienen. Er hoffte auch hier »sein Geschäft zu machen«, indem er der Megäre schmeichelte, sich stellte, als ob er von dem traurigen Zustande ihrer Opfer nichts sehe, und indem er sie im Gegentheil beglückwünschte wegen der herzlichen Zuneigung, die sie für die Kleinen hegte.

»Liebe Frau, fuhr er fort, dürfte ich Sie wohl ersuchen, mit mir einen Augenblick hinauszutreten?

-- Sie haben etwas mit mir zu sprechen? fragte die Hard, noch immer beunruhigt.

-- Ja, beste Frau, über die kleinen Kinder hier... und ich würde mir Vorwürfe machen, die Angelegenheit in deren Beisein zu behandeln, da es ihnen vielleicht schmerzlich sein könnte...«

Beide traten hinaus, schlossen die Thür, und gingen einige Schritte fort.

»Nun, gute Frau, begann der Versicherungsagent, Sie haben also drei Kinder?

-- Ja wohl.

-- Ihre eignen?...

-- Nein.

-- Sind Sie mit denselben verwandt?

-- Nein.

-- Ah so, sie haben jene also wohl aus dem Donegaler Armenhause übernommen?

-- Ganz recht.

-- Dann, beste Frau, konnten sie ja gar nicht in bessere Hände kommen. Und doch kommt es trotz sorgsamster Pflege vor, daß solche kleine Wesen erkranken. Das Leben eines Kindes hängt oft nur an einem Faden, und ich glaube gesehen zu haben, daß die eine Ihrer zarten Pfleglinge...

-- Ich thue, was ich kann, mein Herr, unterbrach ihn die Hard, die ihren Wolfsaugen mit Mühe eine Thräne entpreßte. Ich wache Tag und Nacht über diese Kinder... oft darbe ich selbst, damit es ihnen nicht am Nöthigen fehlt. Das Armenhaus zahlt für die Erziehung der Kleinen gar zu wenig, kaum drei Pfund, bester Herr, drei Pfund Sterling für das Jahr...

-- Das reicht allerdings nicht aus, liebe Frau, und es bedarf einer großen Opferwilligkeit Ihrerseits, um die Bedürfnisse der hübschen Kinder zu decken... Sie haben zur Zeit also zwei kleine Mädchen und einen Knaben?...

-- Ja.

-- Ohne Zweifel Waisen?

-- Jedenfalls.

-- Meine vielfachen Berührungen mit Kindern erlauben mir, das Alter der Mädchen auf vier und sechs Jahre, das des kleinen Knaben auf zwei Jahre abzuschätzen...

-- Wozu alle diese Fragen?

-- Wozu? Das werden Sie gleich hören, gute Frau!«

Die Hard warf ihm einen forschenden Blick zu.

»Gewiß ist die Luft, fuhr er fort, in der Grafschaft Donegal sehr rein... die hygienischen Verhältnisse sind vortrefflich... Und doch, solche Babys sind so zarter Natur, daß es trotz Ihrer liebevollsten Pflege vorkommen kann -- verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das Herz zerreiße! -- daß es vorkommen kann, eines oder das andre der Kleinen zu verlieren.... Sie sollten sie versichern....

-- Sie versichern?...

-- Jawohl, beste Frau; versichern... zu Ihrem Vortheil....

-- Zu meinem Vortheil! rief die Hard, deren Blick sich durch die erwachende Habsucht belebte.

-- Das werden Sie sofort verstehen. Durch monatliche Zahlung von wenigen Pencen an meine Gesellschaft sichern Sie sich eine Summe von zwei bis drei Pfund Sterling, wenn eines der Kinder sterben sollte....

-- Zwei bis drei Pfund!« wiederholte die Hard.

Der Agent konnte schon auf die Annahme seines Vorschlags rechnen.

»Das geschieht ganz allgemein, liebe Frau, fuhr er mit honigsüßer Stimme fort. Wir haben in den Pachthöfen von Donegal schon mehrere hundert Kinder versichert, und wenn auch nichts über den Tod eines zarten Wesens, das man herzinnig geliebt hat, eigentlich zu trösten vermag, so ist es doch mindestens... eine... eine Art Ersatz, ich gesteh' es zu, ein sehr minderwertiger, einige Guineen in gutem englischen Golde zu erheben, die meine Gesellschaft dann darzubieten so glücklich ist....«

Die Hard faßte die Hand des Agenten.

»Und die erhält man... ohne Schwierigkeiten? fragte sie mit heiserer Stimme und sich scheu rings umsehend.

-- Ganz ohne Schwierigkeiten, gute Frau. Sobald ein Arzt das Ableben eines Kindes beglaubigt hat, braucht man nur zu dem Vertreter der Gesellschaft in Donegal zu gehen.«

Dabei zog er ein Papier aus der Tasche.

»Hier habe ich bereits ausgefüllte Policen, sagte er, und wenn Sie sich entschließen, diese zu unterschreiben, so werden Sie der Zukunft weniger besorgt entgegensehen. Ich bemerke Ihnen noch, daß Sie, wenn eines der Kinder sterben sollte, was ja ach! gar zu häufig vorkommt, die Versicherungssumme ja zum besten der andern verwenden können. Das Armenhaus zahlt wirklich allzuwenig....

-- Und das würde mir kosten?... erkundigte sich die Hard.

-- Den Monat drei Pence für jedes Kind, also neun Pence....

-- Sie würden auch das kleinere Mädchen versichern?...

-- Natürlich, beste Frau, obgleich sie mir sehr krank erschien. Wenn Ihr Bemühen sie nicht rettet, so sind das zwei Pfund -- verstehen Sie recht! -- zwei Pfund Sterling für Sie. Bedenken Sie auch, daß das was unsre Gesellschaft thut, nur zum besten der lieben Babys geschieht... wir haben ein Interesse daran, daß sie leben bleiben, denn ihre Existenz geht uns ja an. Wir sind trostlos, wenn eines oder das andre mit Tode abgeht!«

Trostlos waren die braven Versicherer freilich nicht, so lange die Sterblichkeit eine berechnete Mittelgrenze nicht überschritt. Und wenn der Agent sich auch zur Aufnahme der kleinen Sterbenden bereit erklärte, wußte er, daß das ein vortheilhaftes Geschäft sei, wie aus der Erklärung eines erfahrenen Directors der Gesellschaft hervorging, der da sagte:

»Am Tage nach der Beerdigung eines versicherten Kindes schließen wir stets mehr Versicherungen ab als sonst!«

Das war in der That der Fall, ganz ebenso freilich, daß einzelne -- sagen wir vereinzelte -- Elende auch vor einem Verbrechen nicht zurückschreckten, um die Versicherungssumme zu erlangen.

Es beweist das, wie nothwendig diese Gesellschaften und ihre Kundschaft streng im Auge zu behalten sind. In einem Dorfe wie hier gab es freilich keine Controle. So brauchte auch der Agent gar nicht zu fürchten, mit der widerwärtigen Hard in Verbindung zu treten, obgleich er sich sagen mußte, wessen sie fähig wäre.

»Nun, gute Frau, nahm er eindringlicher werdend das Wort, verstehen Sie denn Ihr eignes Interesse nicht?«

Noch immer zögerte sie, die neun Pence auszugeben, selbst mit der Aussicht, die Versicherungssumme für die kleine Kranke sehr bald zu erheben.

»Wie viel kostet also die Geschichte? fragte sie, als hoffte sie auf eine Preisermäßigung.

-- Drei Pence monatlich für jedes Kind, also neun zusammen.

-- Neun Pence!«

Sie versuchte zu handeln.

»Das ist nutzlos, gute Frau, erwiderte der Agent. Bedenken Sie, daß jene Kleine trotz Ihrer Sorgfalt morgen... schon heute sterben kann, und daß die Gesellschaft Ihnen dann zwei Pfund Sterling auszuzahlen hat. Nun also, unterzeichnen Sie, glauben Sie mir; hier setzen Sie Ihren Namen darunter!«

Feder und Tinte führte er bei sich. Eine Unterzeichnung der Police, und alles war abgemacht.

Die Hard unterschrieb, und von den zehn Schillingen in ihrer Tasche händigte sie dem Agenten die verlangten neun Pence aus.

Dann verabschiedete sich dieser mit den heuchlerischen Worten:

»Jetzt, gute Frau, empfehle ich, wenn es auch unnöthig erscheint, diese Kinder im Namen der Gesellschaft, der Vorsehung der Kleinen, Ihrer besondern Obhut. Wir sind die Stellvertreter Gottes auf Erden, Gottes, der das den Unglücklichen gespendete Almosen hundertfältig wieder zurückgiebt. Leben Sie wohl, gute Frau, leben Sie wohl! Nächsten Monat komme ich, die kleine Prämie einzuziehen, und hoffe da, alle drei Pfleglinge frisch und munter zu finden, auch das kleine Mädchen, die bei Ihrer mütterlichen Sorgfalt schon wieder gesunden wird. Vergessen Sie nicht, daß das menschliche Leben in unserm alten England einen hohen Werth hat, und daß jeder Todesfall ein Verlust an socialem Capital ist. Adieu, gute Frau, adieu!«

Im Vereinigten Königreich berechnet man thatsächlich genau, wie viel Geldwerth ein englisches Leben darstellt, nämlich hundertundfünfzig Pfund oder dreitausendeinhundert Reichsmark; so hoch wird der Menschenschlag geschätzt, in dessen Adern sächsisches, normannisches, kymbrisches und pictisches Blut gemischt ist.

Still stehen bleibend, ließ die Hard den Agenten sich erst von der Hütte entfernen, die zu verlassen die Kinder nicht gewagt hatten. Bisher berechnete sie nur die wenigen Guineen, die deren Leben ihr jährlich einbrachte, und jetzt sollte deren Tod für sie ebenso viel werth sein! Es hing ja doch von ihr ab, die neun Pence nicht noch ein zweites Mal bezahlen zu müssen.

Beim Wiedereintritt heftete sie auf die Unglücklichen einen Blick des Sperbers, der den unter dem Laube verborgnen Vogel belauert. Findling und Sissy schienen das Weib zu verstehen. Instinctmäßig wichen sie vor ihr zurück, als ob die Hände des Ungeheuers sich schon anschickten, sie zu erwürgen.

Einige Klugheit mußte sie aber doch beobachten. Der plötzliche Tod dreier Kinder hätte wohl Verdacht erregen müssen. Von den acht oder neun übrig behaltenen Schillingen wollte sie einen kleinen Theil verwenden, um jene noch einige Zeit zu ernähren... noch vier Wochen... o, nicht länger. Stellte sich der Agent wieder ein, so bekam er noch einmal seine neun Pence, da die Versicherungssumme diese Auslage ja zehnfach deckte. Jetzt fiel es ihr gar nicht mehr ein, die Kinder ins Armenhaus zurückzuschicken.

Fünf Tage nach dem Besuche des Agenten verschied das kleine Mädchen, ohne daß vorher ein Arzt hinzugezogen worden wäre.

Es war am Morgen des 6. Octobers. Die Hard, die auswärts etwas trinken wollte, hatte die Kinder in der verschlossenen Hütte zurückgelassen.

Die Kranke röchelte. Außer etwas Wasser zur Befeuchtung der Lippen, konnte sie keine Erquickung erhalten. Arzneimittel hätten in Donegal geholt und bezahlt werden müssen.... Da wußte die Hard ihre Zeit und ihr Geld besser anzuwenden. Das kleine Opfer hatte nicht mehr die Kraft, sich zu bewegen. Mitten in der Fieberhitze zitterte sie vor Kälte. Noch einmal öffneten sich weit ihre Augen, wie um das Licht zum letzten Male zu sehen, und als ob sie sagen wollte:

»Ach, warum, warum wurd' ich geboren?«

Ueber sie gebeugt, netzte ihr Sissy sanft die Schläfe.

Findling starrte auf die beiden hin, etwa wie auf einen Käfig, der sich öffnen und einen Vogel herausflattern lassen sollte....

Als das Kind kläglicher seufzte und sich sein Mund dabei verzerrte, fragte er:

»Wird sie etwa gar sterben? -- ein Verständniß dafür hatte er freilich nicht.

-- Ja... antwortete Sissy, sie wird in den Himmel kommen.

-- Ohne zu sterben kann man wohl gar nicht in den Himmel kommen?

-- Nein, das kann man nicht.«

Wenige Augenblicke später erschütterte ein krampfhaftes Zucken das schwache Wesen, dessen Leben nur noch an einem Windhauch hing. Da verdrehten sich die Augen und die kindliche Seele floh unter einem letzten Seufzer aus der zarten Hülle.

Erschrocken sank Sissy in die Knie. Findling ahmte ihr nach und kniete ebenfalls neben der entseelten Gefährtin nieder.

Als die Hard nach einer Stunde heimkehrte, fing sie laut an zu schreien. Dann lief sie wieder hinaus und heulte:

»Todt!... Todt!... Gestorben!«... sie wollte das ganze Dorf zum Zeugen ihres Schmerzes haben.

Doch kaum einige Nachbarsleute ließen sich blicken. Was ging's ihnen, den Armen und Elenden denn an, daß eine Unglückliche weniger war? Gab es auf Erden nicht übrig genug andre?... Es wurden deren ja täglich mehr -- dieses Samenkorn ging allemal auf.

Als sie diese Rolle spielte, dachte die Hard nur an ihr Interesse und bezweckte, sich den Bezug der erwarteten Summe zu sichern.

Jetzt wurde auch nothwendig, von Donegal den Vertrauensarzt der Gesellschaft zu holen. War er zur Behandlung des Kindes nicht gerufen worden, so sollte er wenigstens dessen Ableben bestätigen; das war eine nicht zu umgehende Formalität der Versicherung.

Die Hard machte sich also noch am nämlichen Tage auf und überließ die Todte der Obhut der beiden Kinder. Sie ging aus Rindok um zwei Uhr nachmittag fort, und da der Hin- und Rückweg zwölf (englische) Meilen betrug, konnte sie vor acht oder neun Uhr abends nicht zurück sein.

Sissy und Findling blieben in der verschlossenen Hütte. Der Knabe hielt sich regungslos neben dem Kamine auf, er wagte gar nicht, sich zu rühren. Sissy wendete dem kleinen Mädchen mehr Sorgfalt zu, als dieser vielleicht je im Leben zu Theil geworden war. Sie wusch ihr das Gesicht, ordnete das Haar und zog ihr das zerrissene Hemd ab, daß sie durch ein weißes Tüchlein ersetzte, welches zum Trocknen dahing. Die kleine Todte sollte kein andres Leichenhemd erhalten, und als Grab nur das Loch, in das man sie eilig versenkte....

Als sie fertig war, streichelte Sissy der kleinen Leiche die Wangen. Findling wollte dasselbe thun... er konnte es nicht vor Entsetzen.

»Komm... komm! rief er Sissy.

-- Wohin denn?

-- Hinaus!... Komm!... Bitte, komm!«

Sissy weigerte sich. Sie wollte den todten Körper in der Hütte nicht allein lassen. Uebrigens war ja die Thür verschlossen.

»Komm... komm! wiederholte das Kind.

-- Nein, nein, wir müssen jetzt hier bleiben!

-- Sie ist ja ganz kalt... und ich auch... ich friere, ach, ich friere!... Komm, Sissy, komm mit! Sie könnte uns am Ende mitnehmen, da hinunter, wo sie ist!«

Das Kind war vom Schrecken gepackt. Der Knabe hatte das Gefühl, daß er auch sterben würde, wenn er nicht entwiche. Allmählich wurde es dunkler.

Sissy zündete einen Kerzenstumpf an, den sie in den Spalt eines Stückes Holz klemmte und stellte dieses neben das Todtenlager.

Findling fühlte sich noch mehr entsetzt, als der Lichtglanz die Gegenstände um ihn leicht erzittern zu machen schien. Er liebte ja Sissy, liebte sie, wie eine ältere Schwester. Was er an Liebkosungen erfahren, war von ihr gekommen. Er konnte aber nicht hier bleiben... er konnt' es nicht!

Sich die Hände aufscheuernd und die Nägel verletzend, gelang es ihm, die Erde vor der Thür aufzuwühlen, die Steinschicht wegzuschaffen, die deren Pfosten trugen, und ein Loch auszuweiten, durch das er sich zwängen konnte.

»Komm... komm! rief er zum letzten Male.

-- Nein, ich will nicht! erklärte Sissy. Sie würde verlassen sein; ich will nicht!«

Findling warf sich ihr an den Hals und herzte und küßte sie. Dann kroch er durch die Oeffnung, verschwand und ließ Sissy allein bei der Todten zurück.

Einige Tage nachher fiel das umherirrende Kind dem Puppenschausteller in die Hände, und der Leser weiß, was da aus ihm wurde.

XII.

Die Heimkehr.

Zur Zeit fühlte sich Findling glücklich und hielt es für unmöglich, das je noch mehr sein zu können. Er ging völlig in der Gegenwart auf, ohne an die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist ja schließlich auch weiter nichts als eine Gegenwart, die sich von einem Tage zum andern erneut.

Manchmal tauchten wohl die Bilder der Vergangenheit in ihm auf. Da gedachte er des kleinen Mädchens, die mit ihm bei der garstigen Frau gewohnt hatte. Sissy mußte jetzt etwa elf Jahre zählen. Doch was aus ihr geworden oder ob sie gar gestorben war, das wußte er nicht. Jedenfalls hoffte er, sie einst noch wiederzusehen. Er war ihr ja so viel Dank für ihre Liebe schuldig, und bei seinem Bedürfnisse, sich an die, die ihn geliebt hatten, anzuschließen, sah er im Geiste in ihr nur eine Schwester.

Doch auch den guten Grip umfaßte er mit derselben Dankbarkeit. Seit dem Brande der =Ragged-School= von Galway waren jetzt sechs Monate verflossen, während der Findling so vielfach der Spielball des Zufalls gewesen war. Grip würde doch nicht etwa gestorben sein? O nein, so brave Herzen hören nicht auf zu schlagen. Leute wie Thornpipe und die Hard, diese könnten ohne Bedauern zu erregen von der Erde scheiden, leider aber verdirbt Unkraut so leicht nicht.

Natürlich hatte der Findling auf der Farm zuweilen von seinen ehemaligen Freunden gesprochen und hier in allen ein gewisses Interesse für jene geweckt.

Martin Mac Carthy veranlaßte Nachforschungen über jene, die leider keinen weiteren Aufschluß über Sissy lieferten, als daß auch diese aus dem Dorfe Rindok verschwunden war.

Bezüglich Grips hatte man von Galway eine Antwort erhalten. Der arme Bursche hatte, nachdem seine Wunden kaum geheilt waren, aus Mangel an Beschäftigung die Stadt verlassen und irrte jetzt wahrscheinlich Arbeit suchend im Lande umher. Findling empfand es recht schmerzlich, so glücklich zu sein, während es Grip jedenfalls nicht war. Martin selbst nahm regen Antheil an Grip und hätte diesen so gern im Pachthofe als nützlichen Helfer mit aufgenommen, wenn er nur wußte, wo jener zu finden wäre. Sein Schicksal blieb zunächst aber unenthüllt, und vorläufig mußten sich die beiden früheren Insassen der Lumpenschule mit der Hoffnung auf ein zufälliges, späteres Wiedersehen trösten.

In Kerwan führte die Familie Mac Carthy's ein regelmäßiges arbeitsvolles Leben. Die nächsten Pachtgüter lagen zwei bis drei Meilen von hier entfernt. Unter den Pächtern inmitten dieser bevölkerten Gebiete des unteren Irlands kann von einer Nachbarschaft kaum die Rede sein. Tralee, der Hauptort der Grafschaft, lag auch ein Dutzend Meilen weit entfernt, und Martin und Murdock begaben sich nur dahin, wenn ihre Geschäfte an Jahrmarktstagen sie dazu nöthigten.

Die Farm gehört zur Kirche von dem fünf Meilen entfernten Silton, einem Dorfe mit etwa vierzig Häusern und kaum hundert rund um die Kirche angesiedelten Bewohnern. Des Sonntags begaben sich die Frauen zu Wagen, die Männer von der Farm zu Fuß nach der Frühmesse. Ihres Alters wegen vom dortigen Geistlichen vom Kirchenbesuch dispensiert, blieb die Großmutter, außer an den hohen Festen, zu Weihnachten, zu Ostern und zu Mariä Himmelfahrt, meist im Hause zurück.

In der Kirche von Silton erschien der Findling jetzt in höchst anständiger Tracht. Das war nicht mehr das Kind in Lumpen, das durch die Thür der Hauptkirche von Galway schlüpfend sich hinter den Pfeilern versteckte. Jetzt fürchtete der Knabe nicht mehr hinausgejagt zu werden, er zitterte nicht mehr vor dem strengen langen Schwarzrock, den weißen Lätzchen und dem langen Stabe -- deren Vereinigung den Kirchendiener der Parochie bildete. Jetzt hatte er seinen Platz auf der Bank neben Martine und Kitty, er lauschte dem frommen Gesange und wohnte voll Andacht dem ganzen Gottesdienste bei. Das war ein Knabe, den man mit einigem Stolz sehen lassen konnte, wenn er so in seinem saubern, sorgsam gehaltenen Tweed aus gutem Stoffe einherging.

Nach Schluß der Messe fuhren die Kirchenbesucher sogleich nach Kerwan zurück. In diesem Winter herrschte vielfach starkes Schneetreiben bei schneidendem Winde. Alle hatten davon geröthete Augenlider und aufgesprungene Gesichter. Am Barte Martins und seiner Söhne hingen lange Eiskrystalle, was ihnen fast das Aussehen von Gipsfiguren verlieh.

Im großen Kamin prasselte inzwischen ein von der Großmutter unterhaltenes tüchtiges Wurzelholz- und Torffeuer. Hier wärmte sich die kleine Gesellschaft wieder auf und setzte sich dann an den Tisch, worauf ein duftendes Stück Pökelfleisch mit Kohl dampfte, daneben eine Schüssel mit Kartoffeln in der Schale, und endlich eine Omelette -- zu der die Eier natürlich nach der richtigen Nummernfolge gewählt waren.

Verbot die Witterung einen Spaziergang, so vertrieb man sich den Tag mit Lesen und Plaudern, und Findling bereicherte seine Kenntnisse aus allem, was er hörte.

Die Monate verstrichen. Der Februar war sehr kalt und der März sehr regnerisch. Schon nahte die Zeit zur Wiederaufnahme der Feldarbeiten. Der im ganzen nicht allzustrenge Winter schien nicht lange mehr anhalten zu sollen, so daß die Einsaat voraussichtlich unter günstigen Verhältnissen erfolgen konnte. Dann waren die Pächter wohl auch in der Lage, für Weihnachten den dann abzuführenden Pachtschilling bereit zu halten und nicht von den in vielen Gegenden so häufigen Austreibungen bedroht zu sein, wenn die Ernte fehlschlägt, Austreibungen, durch die zuweilen ganze Kirchspiele entvölkert werden.[5]

Immerhin hing eine schwarze Wolke, wie man zu sagen pflegt, am Horizonte der Farm.

Vor zwei Jahren war der zweite Sohn, Pat, mit einem dem Hause Marcuart in Liverpool gehörigen Handelsschiffe, dem »Guardian«, ausgesegelt. Zwei Briefe waren von ihm, nach Durchkreuzung der Südsee, eingetroffen, der letzte vor neun oder zehn Monaten, seitdem fehlte es aber ganz an Nachricht von ihm. Selbstverständlich hatte Martin darum nach Liverpool geschrieben. Die erhaltene Antwort lautete aber nicht besonders beruhigend. Man hatte weder durch Zeitungen, noch durch die auswärtigen Correspondenten etwas über das Schicksal des Schiffes gehört, und die Herren Marcuart machten über ihre Befürchtungen wegen des »Guardian« kein Hehl.