Der Findling. Erster Band.

Part 1

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Julius Verne's Reiseromane. Band 64.

Der Findling.

Von Julius Verne.

Rechtmässige Ausgabe.

Erster Band.

Leipzig Bibliographische Anstalt Adolph Schumann.

Inhalt.

Seite

I. Im Innern von Connaught 1

II. Bewegliche Königspuppen 12

III. =Ragged-School= (die Lumpenschule) 26

IV. Das Begräbniß einer Möwe 41

V. Noch einmal die =Ragged-School= 52

VI. Limerick 68

VII. Eine gefährdete »Situation« 82

VIII. Die Farm von Kerwan 102

IX. Die Farm von Kerwan (Fortsetzung) 115

X. Was sich in Donegal zugetragen hatte 131

XI. Ein vortheilhaftes Geschäft 142

XII. Die Heimkehr 155

XIII. Zweifache Taufe 172

XIV. Im Alter von kaum neun Jahren 191

XV. Ein schlechtes Jahr 208

XVI. Die Austreibung 225

Erster Theil.

I.

Im Innern von Connaught.

Irland, das eine Landfläche von zwanzig Millionen Acres -- gegen acht Millionen Hektar -- einnimmt, wird im Namen der Beherrscher Großbritanniens von einem Vicekönig oder Lord-Lieutenant unter Mitwirkung eines »Privat-Rathes« regiert. Es zerfällt in vier Provinzen: Leicester im Osten, Munster im Süden, Connaught im Westen und Ulster im Norden.

Das Vereinigte Königreich soll in der Vorzeit eine einzige Insel gebildet haben. Jetzt sind deren zwei vorhanden, beide noch mehr getrennt durch geistige Verschiedenheit, als durch physikalische Grenzen. Die Irländer sind wie von jeher Freunde der Franzosen, und deshalb den Engländern feindlich gesinnt.

Ein herrliches Land für Touristen, ist Irland ein trauriges Land für seine Bevölkerung. Diese vermag es nicht zu befruchten, jenes sie nicht zu ernähren. Und doch ist es nicht ein unfruchtbares Stück Erde, denn seine Kinder zählen nach Millionen, und obwohl diese Mutter keine Milch für ihre Kinder hat, wird sie von ihnen doch leidenschaftlich geliebt. Die süßesten -- =most sweet= -- Namen (ein Wort, das man dort unendlich häufig hört) werden an sie verschwendet. Das »Grüne Erin«, und grün ist das Land in der That; weiter heißt Irland der »Schöne Smaragd«, ein Smaragd, der freilich statt des Goldes in Granit gefaßt ist; die »Insel der Wälder«, was besser Insel der Felsen heißen sollte; das »Land des Liedes«, nur erklingt dieses Lied von kränklichen Lippen; endlich nennt man es die »Erste Blume des Landes« oder die »Erste Blume des Meeres«, freilich welken diese Blumen schnell im Brausen toller Stürme. Armes Irland! »Insel des Elends« solltest du heißen; jetzt und schon seit Jahrhunderten, du mit deinen drei Millionen Armen unter acht Millionen Bewohnern!

Bei einer Erhebung von etwa hundertfünfundzwanzig Metern trennen in Irland zwei Höhenzüge die Ebenen, Seen und Torfmoore zwischen der Bai von Dublin und der von Galway. Die Insel bildet eine vertiefte Schale, in der es an Wasser nicht fehlt, denn die Seen des Grünen Erin bedecken allein gegen zweitausenddreihundert Quadratkilometer.

Westport, eine kleine Stadt der Provinz Connaught, liegt im Hintergrunde der Bai von Clew, die von dreihundertfünfundsechzig Inseln und Eilanden erfüllt wird, ähnlich wie der Morbihan an den Küsten der Bretagne. Diese Bai mit ihren Vorbergen, ihren Caps und den gleich Haifischzähnen angeordneten Spitzen, welche den Wogenschwall von der hohen See brechen, ist eine der schönsten des ganzen Küstenstriches.

In Westport begegnen wir dem »Findling« im Beginn seiner Geschichte; der Leser wird selbst sehen, wo, wann und wie sie endigte.

Die Einwohner des etwa fünftausend Seelen zählenden Städtchens sind zum größten Theile Katholiken. An einem Sonntage, dem 17. Juni 1875, hatten sich die meisten Bewohner zum Morgengottesdienste in die Kirche begeben. Connaught, die Wiege der Familie Mac Mahon's, bringt ausgeprägt keltische Typen hervor, die sich in den alteingesessenen Geschlechtern fortgepflanzt haben. Und doch, wie traurig ist das Land, so traurig, daß es den gebräuchlichen Ausdruck: »Nach Connaught gehen, heißt in die Hölle gehen!« vollständig rechtfertigt.

In den kleinen Orten Irlands herrscht bittere Armuth, doch besitzen die Leute neben ihren für die Werktage benützten Lumpen auch noch solche für die Sonn- und Festtage. Dann trägt man dort die noch am wenigsten zerrissene Kleidung: die Männer erscheinen in geflicktem, unten ausgefranstem Mantel; die Frauen in mehrfach übereinander liegenden Röcken -- lauter Ladenhütern des Trödlers -- und bedecken den Kopf mit Hüten, die mit künstlichen Blumen verziert sind, von welchen freilich meist nicht mehr als die nackten Drahtstiele mit einzelnen Blättchen zu sehen ist.

Alle sind barfüßig bis zur Kirche gegangen zur Schonung des theuern Schuhwerkes -- der Halbstiefeln mit geborstenen Sohlen und der Stiefeln mit zerrissenem Oberleder, ohne die nach Landessitte niemand die Schwelle der Kirche überschreiten würde.

Zur Zeit war kein Mensch auf den Straßen von Westport sichtbar, außer einem Individuum, das einen Karren schob, der mit einem großen mageren, langzottigen Hunde bespannt war.

»Königspuppen! rief der Mann aus vollem Halse, prächtige, bewegliche Königspuppen!«

Der Schausteller war von Castlebar, dem Hauptorte der Grafschaft Mayo, hierhergekommen. Auf seinem Wege nach Westen hatte er den Kamm jener Höhenzüge überschritten, die sich, wie die meisten Berge Irlands, nach der Küste zu senken, so im Norden die Kette des Nephin mit ihrem achthundertdreißig Meter hohen Gipfelpunkte, und im Süden der Croagh-Patrick, auf dem der größte irländische Heilige, der Verbreiter des Christenthums im vierten Jahrhundert, die vierzig Tage der Fastenzeit verweilte. Hierauf war der Mann die gefährlichen Schluchten des Hochlandes von Connemara hinabgestiegen in der Richtung nach den Seen Mask und Corril, die einen Ausfluß nach der Clew-Bai haben. Ihn kümmerte keinen Pfifferling weder die Midland-Great-Westernbahn, das große Verbindungsglied zwischen Westport und Dublin, noch die Post, die ihre »Cars« durch das Land rollen läßt. Er reiste als fahrender Künstler, der überall seine Puppenausstellung ausrief und anpries und den großen Hund von Zeit zu Zeit mit einem derben Peitschenhiebe aufmunterte. Der von kräftiger Hand erlittenen Züchtigung antwortete dann stets ein lautes Schmerzgeheul und aus dem Innern des Karrens zuweilen ein leises Schluchzen.

Dann wetterte der Mann gewöhnlich los.

»Wirst Du laufen lernen, Hundevieh!« rief er, und dann, als wendete er sich an einen andern, der im Karren verborgen sein mußte, klang es weiter: »Wirst Du still sein, Hundejunge!«

Darauf verstummte das Schluchzen und der Karren kam wieder langsam in Bewegung.

Dieser Mann nennt sich Thornpipe. Woher er stammt, ist gleichgiltig; es genügt zu wissen, daß er zu den Angelsachsen gehört, die in den unteren Volksschichten der britannischen Inseln so ungemein häufig vorkommen. Dieser Thornpipe besitzt nicht mehr Gefühl als ein wildes Thier, nicht mehr Herz als ein Felsblock.

Nachdem der Mann die ersten Wohnstätten von Westport erreicht hatte, folgte er der Hauptstraße des Städtchens mit ihren ziemlich wohnlichen Häusern und den mit pomphaften Schildern versehenen Läden, worin freilich nicht viel zu finden ist. In diese Straße münden verschiedene schmutzige Nebengassen ein, wie trübe Bäche, die sich in einen klaren Fluß ergießen. Auf deren spitzen Pflastersteinen poltert und rasselt Thornpipe's Karren dahin, gewiß zum Nachtheil der Puppen, die er zur ergötzlichen Unterhaltung der Bewohner von Connaught hierher brachte.

Wegen Mangels an »geeignetem Publicum« trottete Thornpipe weiter, bis er zur Mail (Alleestraße) gelangte, die die Hauptstraße zwischen doppelter Ulmenreihe kreuzt. Jenseits der Mail dehnt sich ein geräumiger Park aus, dessen sorgsam unterhaltene Sandwege nach dem an der Bai von Clew liegenden Hafen führen.

Selbstverständlich gehören Stadt, Hafen, Park, Straßen, Fluß, Brücken, Kirchen, Häuser und Hütten einem jener reichen Landlords, die fast den ganzen Boden Irlands besitzen. Hier waren sie das Eigenthum des Marquis von Sligo, eines Mannes von reinem, altem Adel, und übrigens beiweitem nicht des schlechtesten Herrn für seine zahlreichen Pächter.

Alle zwanzig Schritte etwa hielt Thornpipe mit seinem Wagen an, blickte um sich und rief mit einer Stimme, die einem mangelhaft geölten Mechanismus zu entschallen schien:

»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«

Doch niemand trat aus den Läden, kein Gesicht erschien an den Fenstern. Nur da und dort tauchten aus den Nebengassen einige bewegliche Lumpen auf und aus diesen glotzten hagere, verhungerte Gesichter hervor mit gerötheten Augen, die so tief lagen, daß man durch sie ins Leere sehen zu können wähnte. Weiter erschienen einzelne halbnackte Kinder, und fünf bis sechs dieser Gassenbuben schlichen endlich an den Wagen heran, als dieser in der großen Mail Halt machte.

»Copper!... Copper!« bettelten alle wie aus einem Munde.

Unter »Copper« ist eine winzige Kupfermünze zu verstehen, ein Theil des Pennys, d. h. des kleinsten im Lande vorkommenden Geldstücks. Und diese Kinder sprachen darum einen Mann an, der mehr Verlangen hatte, Almosen anzunehmen als solche zu vertheilen. Natürlich empfing er mit drohender Hand- und Fußbewegung und mit zornsprühenden Augen die Buben, die sich außerhalb des Bereiches seiner Peitsche halten mußten... und noch sorgsamer fern genug den Spitzzähnen des Hundes, der wegen gewohnter übler Behandlung nie bei guter Laune war.

Thornpipe war schon an sich wüthend. Er schreit ja in die reine Wüste hinaus. Niemand kümmert sich um seine königlichen Marionetten. Paddy -- d. i. der Irländer, wie John Bull der Engländer -- Paddy zeigt keine Spur von Neugier. Er hegt nicht etwa Feindschaft gegen die erhabene königliche Familie. O nein! Was er nicht liebt, was er haßt mit allem durch Jahrhunderte lange Unterdrückung aufgehäuftem Hasse, das ist nur der Landlord, der ihn als ein noch unter den Leibeigenen Rußlands stehendes Geschöpf betrachtet. Wenn der Ire O'Connell zujubelte, so geschah das, weil der große Patriot auf der Erhaltung der Rechte der Grünen Insel durch die Unionsacte der drei Königreiche vom Jahre 1806 bestand, weil die Thatkraft, die Zähigkeit, die kühne Politik dieses Staatsmannes später die Emancipations-Bill von 1829 durchsetzte und damit, Dank seiner unerschütterlichen Haltung, Irland, das Polen Englands, vor Allem das katholische Irland in eine Periode halber Freiheit eintrat. Thornpipe wäre also sicherlich besser dran gewesen, wenn er seinen Mitbürgern O'Connell vor Augen geführt hätte, doch das war ja noch kein Grund, Ihre graziöse Majestät =in effigie= so unbeachtet zu lassen. Freilich hätte Paddy dem Bildniß seiner Souveränin auf hübschen Geldstücken, auf Pfunden, Kronen, Halbkronen und Schillings, ganz entschieden den Vorzug gegeben, denn gerade dieses aus der britannischen Münze hervorgegangene Porträt fehlt der Tasche des Irländers am meisten.

Da kein ernstlicher Zuschauer den wiederholten Einladungen des Kunsthausierers Folge gab, setzte sich der von dem großen, knochendürren Hunde geschleppte Karren wieder in Bewegung.

Unter dem herrlichen Ulmenschatten der Allee der Mail zog Thornpipe weiter. Er war allein. Die Kinder hatten ihn endlich verlassen. So erreichte er den von Sandwegen durchschnittenen Park, den der Marquis von Sligo dem öffentlichen Verkehr offen hielt, um einen Zugang zu dem eine gute (englische) Meile von der Stadt entfernten Hafen zu gewähren.

»Königspuppen!... Königspuppen!«

Niemand antwortete. Mit schwachem Schrei flatterten die Vögel von einem Baume zum andern. Der Park war ebenso verödet wie die Mail. Wie konnte auch Jemand einfallen, Katholiken während des Gottesdienstes zu einer solchen Schaustellung einzuladen! Thornpipe konnte unmöglich aus dem Lande selbst sein. Nach dem Mittagessen, zwischen Messe und Vesper, da ließ sich vielleicht eher etwas erzielen. Jedenfalls hinderte den Mann nichts, jetzt bis zum Hafen hinunter zu wandern, und das that er denn auch, indem er, statt im Namen des heiligen Patrick, in dem aller Teufel Irlands weidlich fluchte.

Der Hafen, den der Seenabfluß im Grunde der Bai von Clew bildet, ist nur wenig besucht, obwohl er an Geräumigkeit und Sicherheit alle andern Häfen an der Westküste der Insel übertrifft. Nur vereinzelt kommen Schiffe dahin, weil Großbritannien, d. h. England und Schottland, dem mageren Gelände von Connaught zusenden muß, was dieses dem Erdboden nicht selbst zu entlocken vermag. Irland ist ein Kind, das sich an zwei Brüsten nährt; die Ammen lassen sich ihre Milch aber recht theuer bezahlen.

Einige Matrosen lustwandelten rauchend auf dem Quai umher, denn wegen des Sonntags war die Entlöschung der Fahrzeuge natürlich unterbrochen.

Bekanntlich nimmt es die angelsächsische Rasse mit der Sonntagsheiligung sehr streng. Die Protestanten halten darauf mit aller Unbeugsamkeit ihres Puritanismus, und in Irland wenigstens wetteifern die Katholiken mit jenen in der Ausübung des Cultus. Ihrer sind übrigens zweieinhalb Millionen neben fünfmal-hunderttausend Anhängern verschiedener Secten der anglikanischen Kirche.

In Westport befand sich zur Zeit kein andern Ländern zugehöriges Schiff. Nur Brigg-Goëletten, Schooner und Kutter nebst einigen Fischerbarken, die außerhalb der Bai auf den Fang ausgehen, lagen bei der eben herrschenden Ebbe auf dem Trocknen. Jene von der Westküste Schottlands gekommenen Fahrzeuge segelten, nach Löschung ihrer Ladung von Getreide -- das Connaught vor allem braucht -- sofort wieder nach der Heimat ab. Um eigentliche Hochseeschiffe zu sehen, mußte man nach Dublin, Londonderry, Belfast oder Cork gehen, wo die transatlantischen Packetboote der Londoner und der Liverpooler Dampferlinien anlaufen.

Aus der Hosentasche jener müßigen Seeleute konnte Thornpipe offenbar auch keinen Schilling locken, denn seine Ausrufungen blieben von den Quais des Hafens her ohne Antwort.

Er ließ jedoch den Karren ruhig stehen. Der vor Hunger und Anstrengung erschöpfte Hund streckte sich auf dem Sande aus. Thornpipe holte aus einem Sacke ein Stück Brot, einige Kartoffeln und einen Salzhäring und begann zu essen wie ein Mann, der nach langer Wegstrecke den ersten Bissen zu sich nimmt.

Der Zughund sah ihn an und knackte mit den Kinnladen, aus denen seine brennendrothe Zunge hervorhing. Jetzt schien seine Fütterungsstunde aber noch nicht geschlagen zu haben, denn er legte den Kopf wieder zwischen die Pfoten und schloß die Augen, um besser auszuruhen.

Eine leichte Bewegung im Innern des Karrens erweckte Thornpipe aus seiner Apathie. Er erhob sich und prüfte, ob ihn niemand beobachte. Dann lüftete er ein wenig die Decke, die den Kasten mit Puppen verhüllte, und steckte ein Stück Brot darunter hinein.

»Daß Du nicht plärrst!« rief er drohenden Tones dazu.

Ein Geräusch von hastigem Kauen antwortete ihm, als berge der Kasten ein vor Hunger sterbendes Thier, und er setzte sein Frühstück wieder fort. Bald war dieses aufgezehrt, und nun führte er eine bauchige Flasche an die Lippen, die saure Molken enthielt, ein Getränk, das hier zu Lande viel genossen wird.

Inzwischen schlug die Kirchenglocke in Westport an und verkündete den Schluß des Gottesdienstes.

Es war jetzt elfeinhalb Uhr.

Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche wieder auf, und rückwärts ging es mit dem Karren nach der Mail, in der Hoffnung, unter denen, die aus der Messe kamen, doch einige Zuschauer zu finden. Während der guten halben Stunde bis zum Essen ließ sich vielleicht noch eine Einnahme machen. Nach der Vesper gedachte Thornpipe seine Schaustellung noch einmal zu öffnen, er wollte aber erst am folgenden Tage weiter ziehen, um andre Ortschaften mit seiner Puppensammlung zu beglücken.

Der Gedanke schien ja nicht so übel zu sein. Statt der Schillinge würde er sich auch mit Coppers begnügen und seine beweglichen Puppen arbeiteten dann wenigstens nicht ganz und gar für nichts und wieder nichts.

Von neuem erschallte seine Stimme:

»Königspuppen!... Bewegliche Königspuppen!«

Binnen weniger Minuten hatten sich wohl an zwanzig Personen um Thornpipe gesammelt. Die Elite der westportischen Bevölkerung war es freilich nicht. Die Mehrzahl bestand aus Kindern, dazu kamen einige Frauen und wenige Männer, die meist das Schuhwerk wieder in der Hand trugen, nicht allein, um es zu schonen, sondern weil es ihnen auch bequemer war, barfuß zu gehen.

Immerhin befanden sich auch gewisse Honoratioren des Städtchens unter den Neugierigen, z. B. der Fleischer, der mit Frau und zwei Kindern stehen geblieben war. Freilich datirte sein »Tweed« schon von mehreren Jahren her, die bei dem regenreichen Klima doppelt oder gar dreifach zählen; der würdige Meister konnte sich im Ganzen aber noch sehen lassen. Das ist er schon seinem Laden schuldig, über dessen Thür in leuchtender Schrift die Firma »Central-Schlächterei« prangte. Er hatte sein Geschäft auch so in Schwung, daß es nirgends sonst in Westport Fleischwaaren gab. Neben dem stattlichen Manne zeigte sich auch der Droguist des Ortes, der gern den Titel »Pharmazeut« hörte, obwohl seiner Officin selbst die einfachsten Droguen oft fehlten. Dennoch blendete sein Schaufenster mit dem glänzenden Namen »=Medical Hall=«, so daß, wer die Inschrift nur betrachtete, sich schon geheilt fühlen mußte.

Wir dürfen auch einen Geistlichen nicht vergessen, der vor dem Karren Thornpipe's stehen geblieben war. Dieser Diener der Kirche trug ein recht sauberes Gewand: einen Halskragen von Seide, eine lange Weste mit so dicht wie an einer Soutane stehenden Knöpfen, und einen weiten Ueberrock aus schwarzem Stoffe. Er bildet das Oberhaupt der Parochie, in der ihm vielfache Functionen zufallen. So begnügt er sich nicht damit, zu taufen, zu predigen, zu verehelichen und seine Getreuen beim letzten Gange zu begleiten, er berathet sie auch in geschäftlichen Angelegenheiten, behandelt die Kranken, und das alles in voller Unabhängigkeit, denn er bezieht vom Staate gar keine Einkünfte. Die Gaben von Naturerzeugnissen und die Gebühren für Amtshandlungen, die sogenannten »Accidenzien« der geistlichen Stellen, sichern ihm ein anständiges und bequemes Leben. Er ist der natürliche Verwalter der Schulen und Wohlthätigkeitsanstalten, was ihn aber nicht hindert, auch bei sportlichen -- Ruder- oder Pferde- -- Wettkämpfen den Vorsitz zu führen, wenn Regattas oder Steeple-chases in seinem Bezirke abgehalten werden. Innig vertraut mit den Familienverhältnissen seiner Beichtkinder, wird er nach Verdienst allgemein geachtet, selbst wenn er es nicht unter seiner Würde hält, in einem Laden einen ihm angebotenen Schoppen Bier anzunehmen. Die Reinheit seiner Sitten ist jedenfalls nie angefochten worden. Ueber seinen allgewaltigen Einfluß braucht man sich in jenen streng katholischen Gegenden auch gar nicht zu wundern, hier, wo nach dem bekannten Reisewerke Anna von Bovet's, das unter dem Titel »Drei Monate in Irland« erschienen ist, »schon die Bedrohung mit dem Ausschluß vom Abendmahle den Bauer durch ein Nadelöhr jagt«.

Den Karren umgab jetzt also ein Publicum, ein etwas productiveres, wenn man so sagen darf, als Thornpipe erhofft hatte. Wahrscheinlich winkte seiner Ausstellung nun einiger Erfolg, denn Westport war noch niemals mit einem Schauspiele dieser Art beehrt worden.

So ließ denn der fahrende Künstler noch einmal seinen Ausruf als »=great attraction=« ertönen:

»Königspuppen!... Prächtige, bewegliche Königspuppen!«

II.

Bewegliche Königspuppen.

Der Karren Thornpipe's ist in einfachster Weise eingerichtet: eine Deichsel, an der der wilde zottige Köter angespannt ist; ein viereckiger, auf nur zwei Rädern ruhender Kasten, der deshalb auf den hügeligen Wegen der Grafschaft leichter fortzuziehen ist; zwei Griffe an der Rückseite, um das Ganze, gleich den Wagen hausierender Händler, auch schieben zu können; über dem Kasten ein leichtes Leinenzeltdach auf vier Eisenstäben, das, wenn es auch nicht ganz gegen die hier kaum jemals brennende Sonne, so doch gegen den endlosen Regen des höheren Irlands schützt. Das Ganze ähnelt also den leichten Wägelchen, die die Drehorgeln durch Stadt und Land tragen, jene Instrumente mit kreischenden Pfeifentönen, denen sich noch eine Art Trompetengeschmetter zugesellt. Eine Drehorgel ist es freilich nicht, womit Thornpipe von Stadt zu Stadt zieht, oder in der complicierteren Maschinerie ist die Orgel wenigstens zum einfachen Pfeifchen zusammengeschmolzen, wie sich das sogleich zeigen wird.

Der Kasten ist nach unten nämlich durch einen bis zu einem Viertel seiner Höhe aufragenden Deckel geschlossen. Wird dieser zurückgeschlagen, so bietet sich den Zuschauern ein für diese meist verblüffender Anblick.

Zur Vermeidung von Wiederholungen empfehlen wir, Thornpipe's gewohnte Erläuterungen achtsam anzuhören. Jedenfalls hat sich der wandernde Schausteller mit der unermüdlichen Beredsamkeit den berühmten Brioché, den Schöpfer der Marionettentheater auf den Messen und Märkten Frankreichs, zum Muster genommen.

»Ladies und Gentlemen....«, so beginnt er unabänderlich, um sich das Wohlwollen der Zuschauer zu sichern, selbst wenn er das jämmerlichst zerlumpte Dorfpublicum anredet.

»Ladies und Gentlemen! Hier erblicken Sie den großen Festsaal des königlichen Schlosses zu Osborne auf der Insel Wight.«

Das Kasteninnere stellt in der That einen Salon im Kleinen vor; vier Planken bilden seine Wände, worauf Thüren und drapierte Fenster gemalt sind; da und dort stehen hochmoderne Möbel aus Pappe, die mit Stiften auf einem farbigen Teppich festgehalten sind, Tische, Armstühle und Sessel, so angeordnet, daß sie die Bewegungen der Personen, der Prinzen, Prinzessinnen, Herzöge, Marquis, Grafen und Baronets nicht hindern können, die mit ihren vornehmen Gemahlinnen inmitten dieser officiellen Empfangscour einherstolzieren.

»Im Hintergrunde, so fährt Thornpipe fort, bemerken Sie den Thron der Königin Victoria, überragt von dem carmoisinrothen Sammtbaldachin mit goldenen Fransen und haargenau dem Throne nachgebildet, auf dem Ihre graziöse Majestät bei den Hoffestlichkeiten Platz nimmt.«

Der betreffende Thron mißt hier acht bis zehn Centimeter in der Höhe, und obgleich der Sammt nur durch wollebestäubtes Papier vertreten ist und die Goldfransen aus einfacher gelber Schnur bestehen, so verschlägt das nicht das mindeste bei den Wackeren, die noch niemals ein solches ausgesprochen monarchisches Möbelstück zu Gesicht bekommen haben.

»Auf dem Throne, belehrt Thornpipe weiter, erblicken Sie die Königin -- die Aehnlichkeit derselben wird garantiert! -- in ihrer Galatracht; den an den Schultern gehaltenen Königsmantel, die Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand.«

Wir, die wir niemals die Ehre genossen, die Beherrscherin des Vereinigten Königreiches und Kaiserin von Indien in ihren Staatsgemächern zu erblicken, können für die zweifellose Aehnlichkeit der hohen Dame mit der sie darstellenden Puppe natürlich nicht gutsagen. Doch zugegeben, daß sie sich bei großen Hoffestlichkeiten mit der Krone schmückt, so wird sie in der Hand doch schwerlich ein Scepter führen, das, wie sein Ersatzstück hier, mehr dem Dreizack Neptuns gleicht. Das einfachste bleibt es freilich, Thornpipe aufs Wort zu glauben, und das thaten kluger Weise auch die Zuschauer.

»Zur Rechten der Königin, erläutert Thornpipe ferner, mache ich das geehrte Publicum aufmerksam auf Ihre königlichen Hoheiten den Prinzen und die Prinzessin von Wales, wie Sie die Herrschaften gelegentlich ihrer letzten Reise durch Irland gewiß selbst gesehen haben.«

Kein Zweifel, da steht der Prinz von Wales als britischer Feldmarschall, und die Tochter des Königs von Dänemark, angethan mit kostbarem Spitzenkleide, das hier freilich kunstvoll aus Silberpapier geschnitten ist, wie solches zum Schmucke von Bonbonschachteln verwendet wird.