Part 1
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF LEONHARD
BAND 7
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
DER FALL STRAUSS
VON KARL OTTEN
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
EINBANDENTWURF GEORG SALTER BERLIN
Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin
Schächerbitte.
Du ewiger Richter, den die Priester malen, Gerecht und gnädig dem, der an Dich glaubt – Auf mein verruchtes, schuldbeladnes Haupt Entleere restlos Deines Zornes Schale!
Straf hier und dort mich mit der Hölle Qualen! Hoffnung und Trost bleibt ewig mir geraubt! Nur eine Bitte, Eine sei erlaubt: Erbarmungsreich laß Deine Gnade strahlen
Auf ... ach! mein Opfer, dieses teure Wesen, Das hier erduldet Schmach und Pein und Grauen, Nur, weil es ahnungslos und voll Vertrauen,
Mich, den Verfehmten, zum Gespons erlesen. Rein ist ihr Herz, und schuldlos ihre Seele: Daß sie mich liebte ihre einzige Fehle.
Emil Strauß.
I.
Der Fall der Brüder Strauß ist eigentlich der Sturz nur eines Menschen ... des älteren der beiden Brüder, Emil Strauß, der 1887 geboren, im Jahre 1921 wegen Tötung eines Kriminalwachtmeisters zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
Dieses Urteil war in mehr als einer Hinsicht der Schlußstrich unter ein Leben, das zum größten Teil, über zwölf Jahre hinter Kerkermauern verfaulte und seit den frühesten Tagen der Kindheit im Kampf mit Polizei und Gendarmen lag.
Die kurzen Zwischenakte, hinter denen sich der eiserne Vorhang bald und für immer längere Pausen schloß, waren erfüllt von einer Unzahl der verwegensten Einbrüche, die Berlin je sah.
Seine Taten brachten ihm den Namen eines Ein- und Ausbrecherkönigs ein. Denn mit der gleichen Verwegenheit und Tollkühnheit, mit der er Fassaden erkletterte, über Dächer lief, an Strickleitern abwärts turnte, durchbrach er Ketten, Gitter und Zellenstäbe, um die Freiheit wieder zu erlangen. Drang er in das Allerheiligste der Polizei, das Präsidium und Zuchthaus ein, um seinen Bruder zu befreien. Es gab für seine Energie und kühle Entschlossenheit, in seinem Haß und seiner Liebe keine Hindernisse.
Und immer hatte er auch ein fast unheimliches Glück.
Aus der grenzenlosen Flut der düsteren und traurigen Namen, die die Zeit nach dem Kriege formten und brandmarkten, mit ihren Taten zu der entsetzlichsten machten, die ein Gemeinwesen je erlebte, ragt, von seltsamem Nimbus umflort, dieser „Strauß“ turmhoch und unvergeßlich hervor.
Alle Kaufleute und Juweliere fürchteten ihn wie den Teufel, und die Gewölbe hallten wider vom Schrecken, den er verbreitete.
Die Masse aber nannte ihn voll Respekt und Verehrung, die Bürger lächelten voll verlegener Wut, und die Freigeister verfolgten seine Entwicklung voll Bewunderung.
Trotz allem!
Denn es handelte sich bei seiner Person nicht um einen Verbrecher schlechthin, der eine Funktion ausübt ... als Paradigma bei der Kinderschreckung zu dienen, der Polizei Arbeit und den Besitzenden Schaden zuzufügen. Der aus dem namenlosen, wimmelnden Dunkel der Keller und Kaschemmen im Norden in die goldene Hürde einbricht und dort wie ein Vandale haust. Ein Mensch, der ohne anderes Wissen denn um gute Gelegenheit zum Diebstahl, dahinvegetiert ... arbeitsscheu, frech, gewalttätig und trunksüchtig, wie die meisten dieser Existenzen nur dem Mob angehörig, der giftigen Hefe der großen Städte.
Es handelt sich hier auch nicht um die einzelnen Taten, so kühn und gewaltig sie ... objektiv, der Leistung, nicht der Wirkung nach betrachtet ... sich auch darstellen mögen. Es gab wildere und spannendere, das menschliche Denken und Schaudern mehr aufrüttelnde, erschütternde Verbrechen in dieser dämonischen Zeit, die auch in der eigentlichen Kriminalgeschichte mit Recht eine Sonderstellung einnehmen.
Die Entwicklungsgeschichte seiner Taten fehlt vollkommen.
Einzig das Technische der Einbrüche wirkt durch die sachliche und nüchterne Zweckmäßigkeit. Durch den Mut und das Objekt. Es sind nämlich nie einzelne, mehr oder minder wohlhabende Personen, die er heimsucht, sondern Verbände, Gesellschaften, Warenhäuser, bei denen sich der Verlust auf eine große Anzahl von Besitzern verteilt.
Dann sein Mut! Körperlicher zumeist. Waghalsigkeit.
Aber das wiederholt sich und findet sich auch bei anderen.
Zu anderen Zwecken.
Das Letzte, das schwere Ende, die Tötung des Gegners, war eine Verzweiflungstat der Furcht ... weder Mord noch tiefer verstrickte oder überlegte Triebentladung.
Ohne jede Komplikation in sich reihen sich seine Taten, die Ursachen seiner Berühmtheit, aneinander.
Etwas ganz Anderes und vielleicht Erstmaliges tritt hier klar in Erscheinung: der Typus des bewußten und überlegenen Außenseiters der Gesellschaft.
Die bittere Wahrheit, daß in unserer Mitte ein hochbegabter und gutmütiger, anhänglicher Mensch einem Schicksal unterliegt, das ihm durch unsere Schuld, eben der Gesellschaft, die ihn verstieß und dann verurteilte, aufgezwungen wurde.
Emil Strauß ist der Gentleman-Verbrecher ... durch seine untadeligen Manieren ebenso wie durch seine den gebildeten Durchschnitt bei weitem überragende, fast erschreckende Intelligenz und künstlerische Empfindsamkeit.
Seine Klarheit über die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung in seinem Leben muß jeden modernen Psychologen fortreißen und überzeugen.
Seine Feinde stellen ihm das beste Zeugnis aus.
Die Öffentlichkeit macht aus ihrer Sympathie für ihn kein Hehl.
Und doch ist dieser Mann vor dem Gesetz und der Gesellschaft schuldig!
Da klafft ein großer Riß zwischen Gefühl und Einsicht.
Ein Rätsel starrt uns an.
Das Geheimnis, das diesen Namen umwittert, stammt nicht aus den Verbrechen, mit denen er befleckt ist. Nicht aus den Legenden, die ihn umdichten.
Es ist lediglich das schmerzvolle Leben, der Werde- und Sterbegang dieses einsamen und abseitigen Menschen, das, im Zusammenhang gesehen, wie tragische Energie wirkt, die sich entladen muß, unheilvoll, den Träger selbst langsam, aber unaufhaltsam zerstörend.
Der Sinn ist wohl der Kampf Eines, der sich entrechtet und getreten fühlt und nun kämpft gegen das fürchterliche Schemen Gesellschaft, das ihn unglücklich und ungläubig werden ließ.
II.
Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn.
Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung, Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht. Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern auch der Zeit herbeiführen.
Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten, vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen.
Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe, Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei, sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ... wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie. Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen.
Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen.
Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche, dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht.
Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal mit der Polizei in Konflikt geriet!
Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben, aber sie existieren.
Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den tausendmal reuigen Sünder als die Tat.
Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt. Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen, des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung einen Sprung zeigt.
Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle Bedenken zerstreut.
Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn unmöglich macht.
Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme, entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit. Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren.
Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die Ausgeschlossenen.
Die Macht der Gruppe ist _Tabu_.
Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine kontinuierliche soziale Kraft.
Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen Gesellschaft?
Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist wiederum der Schrecken der Oberen.
Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt.
Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen, Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß, Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand.
Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit.
Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in der Seele des Nachdrängenden.
III.
Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten, liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt erschien.
Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater, Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen müssen.
Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher, gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am fremden Leben bedeuten.
Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen, Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen gelangte?
Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener, stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu können, wer man in Wahrheit ist!
Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren.
Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft.
Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben, nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen Jugend, unwiderruflich vorüber war.
Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner, menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen Leibe verspürt werden.
Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte, Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit verneint.
Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen, verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen. Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und wiederum drei Jahre Kerker.
Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen Haß zu knien.
Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen, ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem blutet.
Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit, andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte.
Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.
Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der Rache doch einen Sinn hatte.
Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht leben kann.
Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz. Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen, Hilflosen stecken.
Er kennt keine Menschen.
Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war, unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer Jungen zu.
Unzugänglich.
Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt.
Angebetet von dem jüngeren Bruder.
Finster. Verschlossen.
Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn für ihn durchs Feuer.
Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch geborenen und unerzogenen auszeichnet.
IV.