Der Fall Otto Weininger: Eine psychiatrische Studie
Part 5
Besonders lehrreich sind auch ~Weiningers~ Anschauungen über die Naturwissenschaften und über die Medizin. Nach seiner Ansicht hat das Judentum die Wissenschaft ruiniert; er predigt die Rückkehr zur Naturheilkunde und enthüllt in seiner letzten Zeit die sonderbarsten Theorien über Entstehung und Wesen von Krankheiten. »Machen, das ist das Wort für den heutigen Fabrikbetrieb des Erkennens, in welchem die Vorsteher der grossen Laboratorien und Seminarien die Funktionen kapitalistischer Industriebarone vortrefflich ausfüllen. »Quellen« heisst es in der Geschichtsforschung, »Versuchsreihen« in der exakten Wissenschaft. Despotisch herrschen die Zahl, die Statistik, die Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. Nicht ohne tiefe Berechtigung hat diese Wissenschaft alle ihre Feststellungen als gleich wichtig verkündet. Die Akademien der Wissenschaften sind die mächtige Gerusia des Staates, die fürchterlichen Grossmütter der europäischen Kultur und sie hüten und mehren das Erbe.« So kann der alte ~Schopenhauer~ reden; im Munde des Jünglings nehmen sich die Worte sonderbar aus; aber man darf eben nie vergessen, dass er von Erfahrung absieht und dass er bei seinem turmhohen Standpunkt anders beurteilt werden muss. »Die Totengräber ~Darwins~ sind schon am Werke«, erklärt er mit Ruhe. »Die biologische Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist nichts anderes als eine utilitaristische; sie erweitert die utilitaristischen Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu einer des Pflanzen-und Tierreiches.« »Wie die Juden am eifrigsten den Darwinismus und die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen aufgriffen, so wurden sie beinahe schöpferisch als Begründer jener ökonomischen Auffassung des menschlichen Geschlechtes, welche den Geist aus der Entwickelung des Menschengeschlechtes am vollständigsten streicht. Früher die enragiertesten Anhänger ~Büchners~, sind sie jetzt die begeistertsten Vorkämpfer ~Ostwalds~.« Erst durch die Juden ist »das unkeusche Anpacken der Dinge in die Naturwissenschaft gekommen.« »Mit dem Einfluss jüdischen Geistes hängt es auch zusammen, dass die Medizin, welcher ja die Juden so scharenweise sich zuwenden, ihre heutige Entwickelung genommen hat. Stets von den Wilden bis zur heutigen Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise gänzlich fern gehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, war der Medizinmann ein Priester. Die bloss chemische Richtung in der Heilkunde, das ist das Judentum.« Und doch ist »mit der Chemie nur den Exkrementen des Lebenden beizukommen.« ~Weininger~ ipse sacerdos medicusque; wir werden gleich sehen:
»Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche und darum erfolglose; sie sucht von aussen nach innen, statt von innen nach aussen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: Dieser verändert sein Äusseres von aussen her, statt durch eine Änderung der Gesinnung. Jede Krankheit hat psychische Ursachen und jede muss vom Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden; er muss sein Inneres selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit, nicht nur die Hysterie, ist nur unbewusst geworden, in den Körper gefahrenes Psychische; so wie dieses in das Bewusstsein hinaufgehoben wird, ist die Krankheit geheilt.« »Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin muss Psychiatrie und Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h. Unbewusstes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist geheilt, sobald sie vom Kranken als innerlich erkannt und verstanden ist. »Krankheiten sind vielleicht alle nur Vergiftungen; der Seele fehlt der Mut, das Gift ins Bewusstsein zu heben und dort im Kampfe unschädlich zu machen. Darum wirkt es im Körper weiter. Eine solche Vergiftung ist wohl sicher die Gicht; sie dürfte stets auf unmoralische Sexualität zurückgehen.« Diese ganze Lehre findet sich in den »Letzten Dingen«; glatter Wahnsinn spricht aus den beiden folgenden Äusserungen, die ~Weininger~ in den letzten Tagen vor seinem Tode geschrieben: »Krankheit ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im Körper.« »Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muss Hautkrankheit bilden.« Wichtig für Psychiater ist auch die Erkenntnis: »Aller Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewusstheit geknüpften Schmerzes.« Auch dass die Engländer »sämtlich Masochisten« seien, dürfte interessieren. »Dass ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene Schuld möglich.« Über die Hysterie stellt ~Weininger~ Behauptungen auf, die umwälzend sein sollen. Ohne Erfahrung weiss er da alles besser. »Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des Weibes ist die Hysterie; sie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.« Dies die Quintessenz; wer den Blödsinn in extenso geniessen will, kann ihn in »Geschlecht und Charakter« S. 357-375 nachlesen.
Aus den vielen Äusserungen, die ~Weininger~ über Epilepsie, besonders in seiner letzten Periode, macht, möchte man annehmen, dass er sich für einen Epileptiker gehalten habe. »Der epileptische Anfall ist an das momentane Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft, und wenn es heisst, dass Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, so sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden gegen den epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird .... Gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in der Epilepsie zum Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord -- oft auch in die Frömmelei und Bigotterie .... Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers? Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könnte?« »Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf (sic). Gefühl des Epileptikers: Wie wenn das Licht erlischt und völlig jeder äussere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: Vielleicht tritt, wenn das Licht fehlt, Schall ein? »Der Epileptiker hat Visionen von roter Farbe: Hölle, Feuer.«
Wie schon früher erwähnt, erschien für ~Weininger~ in seiner letzten Zeit alles Symbol, alles von geheimer Bedeutung durchdrungen. In den »letzten Dingen« befinden sich unter »Tierpsychologie« und »letzten Aphorismen« fast lauter diesbezügliche Gedanken. Aus ihnen leuchtet aber der helle Wahnsinn; der Vater des Armen hält sie für »Keime zu einer späteren Ausarbeitung« und hätte ihre Veröffentlichung am liebsten unterdrückt gesehen. Einige Proben werden genügen:
»Das Auge des Hundes ruft den Eindruck hervor, dass der Hund etwas verloren habe ... Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die Freiheit.« »Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum giebt es keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Es ist die Furcht vor dem Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde folgt (!), ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.« »Die Hundswut ist eine merkwürdige Form; vielleicht der Epilepsie verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum vor den Mund tritt.« Man bemerke den dahinter steckenden Schluss. Der in Depression befindliche Kranke schliesst, da er sich für epileptisch hält: Hund = Symbol des Bösen = Epilepsie = ~Weininger~. »Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim Hund, aber doch als aufklärender Gedanke, kam mir der Einfall, dass das Pferd den Irrsinn repräsentiere. Hierfür spricht das Alogische im Benehmen des Pferdes, das Nervöse und Neurasthenische, das dem Irrsinn verwandt ist ..... Der Hund bellt das Pferd an: weil der Böse das Gute anbellt.« »Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des verschlossenen Menschen, der die Umkehr vollzieht, aber noch immer nicht fliegt).« »Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie? Den Mangel an Bewegungsfähigkeit im Neurastheniker würde das wohl erklären. Der Neurastheniker ist anämisch: mangelnde Centralisation der Pflanze: schliesslich hat die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit beim Neurastheniker).« Nicht minder bezeichnend sind die beiden folgenden Keime: »Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. Sehr tief liegt, dass der Rauch das Auge schmerzt.« »Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der Psyche.« Das ist geradezu haarsträubend. Der Rauch als ein Symbol des Bösen thut natürlich dem Auge, als einem Symbol des Guten, da es mit dem Lichte zusammenhängt, weh!! »Die Malaria ist ein Sinnbild innerer Versumpfung.« »Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers und sein Kreisegoismus.« »Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol die Sternschnuppe.« »Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, Überallsein, scheinbare Treue der Augen.« Das Fliegensymbol dürfte wohl auf eine Reminiscenz aus ~Schopenhauers~ »Gleichnissen, Parabeln und Fabeln« zurückgehen, wo es heisst: »Zum Symbol der Unverschämtheit und Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere den Menschen über alles scheuen ....., setzt sie sich ihm auf die Nase.«
Als Finale:
»Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewusst wird, d. h. ich fliegenartige »Züge« habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei bin: im selben Augenblick ist der Raum da. So zeigt sich das Problem der Externalisation, der Projektion des Raumes als die andere Seite des Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. Der Verbrecher halluciniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch Herzschlag.«
Hoffentlich stirbt kein Leser an dieser letzten Zumutung infolge Entsetzens und Schreckens sowohl über den abgründlichen Blödsinn, der in diesen Citaten aufgespeichert ist, als auch darüber, dass es Leute giebt, die sie als »Goldfunde und Blitzlichter« bezeichnen.
Die Krankheit.
Nach dem so ausführlich dargelegten Material wird wohl kaum jemand zweifeln können, dass man es bei ~Weininger~ nicht mit einem geistesgesunden philosophischen Phänomen zu thun habe, sondern dass es sich bei ihm lediglich um eine eigenartige geistige Störung handle. Es wäre sicher von hohem Interesse, den Persönlichkeiten nachzugehen, durch deren Blutmischungen eine Gestalt wie die ~Weiningers~ entstehen konnte; leider fehlt gerade hier das Material; selbstverständlich kommt es da nicht so sehr auf geistige Störungen an, die man in der Ascendenz bedeutender Menschen eigentlich relativ selten findet, als vielmehr auf geistige Abnormitäten, prononzierte Individualitäten mit ausgeprägten Talenten und Eigenheiten. Der Vater ~Weiningers~ ist jedenfalls ein ungewöhnlich veranlagter Mann. ~Weininger~ selbst trägt unverkennbar von Hause aus alle Zeichen eines sogenannten Entarteten, eines Dégénéré (Magnans Dégénéré supérieur) und zwar mit einem starken Beigeschmack von Hysterie. Man muss nur nicht glauben, dass das Wort Entarteter in dem Sinne zu verstehen sei, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch es nimmt; ein Degenerierter im psychiatrischen Sinne ist lediglich ein von Geburt an bedeutend von der Norm seiner Art abweichender Mensch, der Idiot wie Genie sein kann; je grösser und abnormer die geistige Begabung, desto grösser natürlich auch die Gefahren, die dieser Entartung entspringen und von denen der Durchschnittspfahlbürger verschont bleibt. So gehört ~Schopenhauer~ »zur Klasse der Deséquilibrés, in der sich bekanntlich die feinen Köpfe zusammenfinden« (~Moebius~).
Als Kind zeigte ~Weininger~ schon seine abnorme Beanlagung; bereits mit vierzehn Monaten »sprach er mit höchster Deutlichkeit sein Deutsch«. Als junger Mensch zeigte er regstes Interesse für alles, eine sehr lebhafte Auffassung, eine intensive Lernbegierde, einen Wissensdrang, der seinen Lehrern oft Verlegenheit bereitete, und ein ganz ausserordentliches Gedächtnis besonders für Sprachen. Von Anbeginn aber ist auch schon ein ungemeines Selbstgefühl ausgeprägt, das ihn sehr frühe vielen Menschen unangenehm machte. Auch war er ziemlich erotisch veranlagt und hat sich allem Anschein nach sehr frühe schon über die einschlägigen Fragen orientiert. Seinen Lehrern scheint er ein Greuel gewesen zu sein durch sein vorlautes, eigenmächtiges Wesen, seine Insubordinationen, seinen Dünkel; über seine Lehrer machte er sich im besten Falle lustig; es kam zu mehreren heftigen Auftritten; dass er z. B. während der Lehrstunden sich mit anderen Dingen beschäftigte, dass er gegebene Aufgaben machte, wie es ihm beliebt, nicht wie vorgeschrieben, beweist deutlich, wie stark er seine eigene Persönlichkeit empfand; den Begriff Pflicht empfand er nicht; nur den der Pflicht gegen sich selbst, wie er sich später ausdrückte. Er hatte daher auch keinen Familiensinn, wie sein eigener Vater hervorhebt. Welch grosse Bedeutung sonst alltägliche Ereignisse für ihn gewinnen konnten, beweist der Eindruck, den der notgedrungene Besuch von ein paar Tanzkränzchen auf ihn machte.
Einen kolossalen Einfluss übte die Lektüre auf ihn aus; er las enorm viel und man kann ganz gut verfolgen, wie ihn ~Nietzsche~, ~Schopenhauer~, ~Tolstoi~, ~Dostojewski~, ~Ibsen~, ~Chamberlain~ jeder eine Zeit lang förmlich erfüllte, bis ~Kant~ und ~Wagner~ kamen. Schon gegen Ende seiner Gymnasialzeit schloss er sich mehr und mehr von gewöhnlicher Geselligkeit ab und arbeitete mit grosser Energie. Während seiner etwa 2-3 Jahre dauernden ersten Studentenzeit lebte er »in der schwülen Treibhausluft des Wiener Lebens« (~Schneider~, Allg. Ztg. Beil. 1903, 292), in der Zentrale der sublimsten Dekadenze, die schon so viele frühreife Litteraturheilande hervorgebracht hat und von der die Rede geht, dass ihre echtesten Söhne bereits mit pessimistischem Stirnrunzeln zur Welt kommen, mit zehn Jahren zur Erkenntnis gelangen, dass ~Michelangelo~ eigentlich ein Troddel gewesen sei, um Anfang der Zwanziger sich dann selbst mikrokosmisch als den Mittelpunkt der Welt zu empfinden. Neben der Eigenart der Persönlichkeit ~Weiningers~, die seiner Psychose das so besondere individuelle Moment verleiht, ist eben dieser Wiener Nährboden von gar nicht zu unterschätzender Bedeutung. In Berührung mit allerlei Elementen dieser Gesellschaft von Mattoiden (Lombroso) scheint dann bei ~Weininger~ auf der Basis der psychopathischen Entartung eine Geistesstörung eingesetzt zu haben, die ganz unzweifelhaft alle Charakteristika der Hysterie[6] trägt und ausgezeichnet ist durch einen exquisit manisch-depressiven Charakter d. h. sie verlief in Perioden abwechselnd von heiterer und gedrückter Gemütsstimmung. ~Kraepelin~ sagt: »Da die Hysterie mit einer Umwandlung der ganzen psychischen Persönlichkeit einhergeht, werden natürlich auch die verschiedenartigsten, nicht eigentlich hysterischen Psychosen auf dieser Grundlage durch Beimischung einzelner besonderer Züge eine eigenartige Färbung annehmen können. Das gilt besonders für das manisch-depressive Irresein, von dem wir ja wissen, dass es sich ebenfalls wesentlich aus krankhafter Veranlagung heraus entwickelt.« Dies scheint mir vollkommen auf den Fall ~Weiningers~ anwendbar zu sein, bei dem ja auch im Vordergrund die vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit steht. In seiner Psychose lassen sich deutlich vier Stadien abgrenzen: ein längeres Einleitungsstadium von mehr hypomanischem Charakter mit der Entstehung der dualistischen Persönlichkeit, etwa von Sommer 1901 bis zur Promotion, Juli 1902; daran anschliessend ein Depressionsstadium, das Mitte Herbst 1902 wieder in ein allmählich fast manisches Stadium überging; endlich die zweite und schwerste Depression, die mit der Katastrophe vom 4. Oktober 1903 endigte. ~Wie bei Hysterie überhaupt häufig zeigten Verstand und Gedächtnis niemals Störungen.~ Dagegen ist geradezu typisch das überall ausgesprochene, unleidliche Selbstgefühl, das ~Weininger~ zeigt (er hat nur in den manischen Stadien eigentlich produziert); stets ist er der Mittelpunkt, fühlt sein Ich am stärksten, urteilt über alles in der schärfsten Weise. Sein Ehrgeiz ist brennend; er will um jeden Preis berühmt werden, Aufsehen erregen, koste es, was es wolle. Früher ausgesprochen erotisch, steht nun im Mittelpunkt der Erkrankung eine vollkommene Sexualabneigung, ein bis zum Fanatismus sich steigernder Hass gegen alles Geschlechtliche; das ist ebenfalls hysterisch. Sehr klar ausgeprägt ist das Symptom der sogenannten Spaltung der Persönlichkeit; ~Weininger~ nannte es ethischen Dualismus. Hysterisch, und nur hysterisch, sind auch jene geradezu einzigartigen Sensationen, die er beim Anhören von Musik empfand. Schöner könnte das moderne degenerative Moment in einer hysterischen Psychose sich nicht offenbaren.
[6] ~Moebius~ spricht schon: »Die Geschichte macht den Eindruck einer hysterischen Kontrefaçon« (»Geschlecht und Unbescheidenheit« p. 28).
Die »herrliche Wandlung«, die zwei Jahre vor seinem Tode begann, war nichts als der Beginn der hysterischen Störung. Typisch sind auch die Faxen mit der rührenden Demut, die mit dem masslosesten Grössenwahn vereinbar war. Der Hysterie, der Umwandlung seiner Persönlichkeit, entsprang auch sein Übertritt zum Christentum. Neben den psychischen Erscheinungen der Hysterie scheinen sich auch körperliche Funktionsstörungen eingestellt zu haben; die von ~Rappaport~ angegebenen Herzkrämpfe und epileptischen Anfälle sind nichts anderes als hysterische Krampfanfälle; der Sohn hatte beim ersten Beginn der Erkrankung das Elternhaus verlassen; so erklärt sich auch, dass der Vater von diesen Anfällen nichts wusste, die erst mit dem Ausbruch der Hysterie in die Erscheinung traten. Übrigens sind sie in dem Krankheitsbilde ganz zu entbehren, ohne dass sich an der Auffassung der Psychose das Geringste änderte. Dass es sich nicht um Epilepsie gehandelt hat, ist sicher auszuschliessen, wenn auch der Hysterikus wahrscheinlich Sensationen hatte, die er einer bestehenden Epilepsie zuschrieb. Nach der Promotion und dem Übertritt zum Christentum, welche Handlungen er echt hysterisch an einem Tage vollzog -- folgte auf die Anstrengungen für das Examen und die höchste Erregung nach dem Gelingen die erste Depression, in der bereits Selbstmordgedanken laut werden. Dann aber schloss sich die grosse, manische Periode an, in der ~Weininger~ mit graphomanischem Eifer in etwa acht Monaten ein grosses Buch und eine Reihe kleinerer Aufsätze niederschrieb. In dieser Spanne entwickelte sich bei ihm auch ein richtiges Wahnsystem von durchaus hysterischem Wesen, dessen Grundlage seine Sexualabneigung war (nicht umgekehrt, wie ich vielleicht mit Unrecht annehme; doch ist das nicht wesentlich); er arbeitete eine Weltanschauung aus, deren Anläufe bereits in der ersten Erregungsperiode rudimentär sichtbar sind; er entdeckt, dass alles um ihn herum nur Symbol ist; die veränderte Empfindung der eigenen Persönlichkeit hat sich auch auf die Aussenwelt übertragen, die sich ihm nun anders mitteilt als vordem. Analog Christus, der die stärkste Negation, das Judentum, überwunden, fühlt er sich berufen, selbst auch Überwinder des Judentums, die zweite, noch viel grössere Negation in der Welt, das Weib, zu überwinden; er fühlt sich als Erlöser, predigt das neue Reich Gottes durch vollkommene geschlechtliche Enthaltsamkeit und lehrt die Präexistenz der Seele vor der Geburt. Er hält sich für einen Heiligen, ein Genie, einen Religionsstifter; das alles ist deutlich genug in seinen Worten ausgedrückt; er spricht überall mit absoluter Sicherheit und Erhabenheit, auch wenn es der grösste Unsinn ist, deutet alles in sein System um, lässt echt hysterisch in seinem Buch jeden besonderen Gedanken dick und fett drucken, bildet sich ein, für Jahrtausende geschrieben zu haben u. s. w.
Aber im Sommer 1903, nachdem das Buch geboren war, begann die Erregung abzuklingen; immer lebhaftere Stimmungsschwankungen traten ein; zeitweise erschienen direkte Hallucinationen, so die Hunde mit dem roten Feuerschein, das dreimalige Bellen des Hundes in jener entsetzlichen Nacht; höchst sonderbar ist auch das Gefühl vom Sterben eines Menschen, das durch das Bellen eines Hundes angezeigt wurde[7]. Das lebhafte Reisebedürfnis, das ihn im August (!) nach Sizilien trieb, zeigt genügend, wie es in ihm aussah; wie krankhaft seine Verfassung war, beweisen z. B. auch die unangenehmen Empfindungen, die ihm der Untergang der Sonne bereitete, der für ihn eine mystisch-symbolische Bedeutung schmerzlichster Art bekam. Das Erlösergefühl verschwand immer mehr und machte dem Gefühl von Schuld, Sünde, Angst, Verbrechen Platz; zuletzt empfand er alle Schuld der Welt als die eigene, meinte, alles was mit ihm in Berührung gekommen sei, sei verflucht. Was er in diesen letzten Tagen niederschrieb, macht fast den Eindruck, als ob ein deliranter Zustand über ihn gekommen gewesen sei. In der Verzweiflung, über die furchtbaren Gedanken, die ihn peinigten, beging er dann Selbstmord. Und dieser Selbstmord in der ganzen Art seiner Ausführung bezeugt nur wieder die Hysterie. Mit einem Knalleffekt ging er aus dem Leben; er schlich sich nicht wie gewöhnliche Selbstmörder zur Seite, um allein zu sterben und ohne Aufsehen, da ihnen der Tod nur Selbstzweck ist, sondern er wollte noch im Tode die Augen der Welt auf sich ziehen; darum führte er die Tragödie in Beethovens Sterbehaus auf; das konnte nur ein Hysterischer thun.
[7] Eigentlich ist das dreimalige Bellen das Auffallende; bei dem so fein organisierten Geruchsinn der Hunde wäre es nicht unmöglich, dass sie den Todeskampf z. B. ihres Herren witterten und diesem Gefühl durch jämmerliches Geheul Ausdruck gäben.
Wir haben also gesehen, dass es sich bei ~Weininger~ um eine angeborene degenerative Veranlagung handelte und dass auf dieser Basis sich Mitte oder Ende 1901 eine hysterische Geistesstörung mit manisch-depressivem Charakter entwickelte, die vor allem ausgezeichnet war durch vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit, ungeheures Selbstgefühl, völlige geschlechtliche Unempfindlichkeit, Krampfanfälle, abnorme Sensationen, Gesichtshallucinationen, periodisch wechselnden Wahnideen der Grösse und der Verschuldung. Was den Fall so interessant macht, ist die Reinheit der Symptome und die eigenartige, entschieden hochbegabte Persönlichkeit des Kranken; man darf nicht vergessen, dass er wenig über 23 Jahre alt war, als er starb; es wird wohl wenige in seinem Alter geben, die über gleiches Gedächtnis, gleichen Fleiss, gleiche Arbeitskraft, gleiches Wissen verfügen wie ~Weininger~. Darum konnte sich auch ~Moebius~ trotz alles Abscheus vor dem Buche doch des Bedauerns nicht erwehren. Traurig ist nur, dass der Fall ~Weininger~ wieder bewiesen hat, dass alles, was geschrieben wird, wenn es nur mit dem nötigen Applomb in die Welt gesetzt wird, seine Bewunderer findet. Dazu bedarf es nichts als einiger kräftiger Trommler, »den Ruhm des Schlechten zu intonieren und ihre Stimme findet an der leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.« (~Schopenhauer~ über ~Hegel~, Satz vom zureichenden Grunde.)