Der Fall Otto Weininger: Eine psychiatrische Studie

Part 4

Chapter 43,520 wordsPublic domain

Um hinter den eigentlichen Zweck des weiblichen Seins zu kommen, führt ~Weininger~ in einem Kapitel »das Wesen des Weibes und seine Stellung im Universum« fort, müsse von einem Phänomen ausgegangen werden, das, so alt und bekannt es sei, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden worden sei. Es sei das Phänomen der Kuppelei, welches den eigentlichsten, den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestatte. »Das Bedürfnis selbst k....[3] zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis der Frau, aber es ist nur ein Spezialfall ihres tiefsten, ihres einzigen vitalen Interesses, das nach dem K.... überhaupt geht, des Wunsches, dass möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer k...... werde.« »Mit Verheirateten (Männern) wird darum so selten Ehebruch begangen, weil diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen.« »Es lässt sich absolut nichts anderes als die positive allgemeine weibliche Eigenschaft prädizieren als die Kuppelei, das ist die Thätigkeit im Dienste der Idee des K...... überhaupt.« Das System entwickelt sich, wie man sieht. »Wenn Weiblichkeit Kuppelei ist (und das hat der Philosoph ja eben bewiesen), so ist Weiblichkeit universelle Sexualität. Der Geschlechtsverkehr ist der höchste Wert der Frau; ihn sucht sie immer und überall zu verwirklichen.« Demnach erhält das Weib Existenz und Bedeutung nur, indem der Mann sexuell wird. Damit ist die Stellung des Weibes im Universum fixiert; sie ist lediglich Verkörperung der allgemeinen Sexualität, die nach ~Weininger~ Unsittlichkeit ist. »Einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Geschlechtsverkehr mehr sähe, als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt oder gar in ihm das tiefste heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals geben«, ruft er aus. Dementsprechend kann er z. B. von ~Wilhelm Bölsche~ gar nicht verachtungsvoll genug reden: »Die grosse Vereinigung von natürlicher Zuchtwahl und natürlicher Unzuchtswahl, deren schmählicher Apostel sich ~Wilhelm Bölsche~ nennt« schreibt ~Weininger~ einmal. Mit so absoluter Sicherheit predigt er seine Lehre, dass er sich zu der Behauptung versteigen kann: »Es ist klar, dass wenn auch nur ein einziges, sehr weibliches Wesen innerlich asexuell wäre oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee des sittlichen Eigenwertes stünde, alles was hier von der Frau gesagt wurde, seine allgemeine Gültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unmittelbar verlieren müsste.« »Das absolute Weib, dem Individualität und Wille mangeln, das keinen Teil am Werte und an der Liebe hat, ist vom höheren transscendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen. Die intelligible, hyperempirische Existenz des Mannes ist erhaben über Stoff, Raum und Zeit; in ihm ist Sterbliches genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat die Möglichkeit zwischen beiden zu wählen: zwischen jenem Leben, das mit dem Tode vergeht und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in gänzlicher Reine bedeutet.« »Der Mann birgt in sich die Möglichkeit zum absoluten Etwas (= Gott) und zum absoluten Nichts ... Das Weib sündigt nicht; denn es ist selbst die Sünde als Möglichkeit im Manne. Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: Das ist die Bedeutung des Weibes im Universum und so ergänzen sich Mann und Weib.« »Die Frauen haben keine Existenz und keine Essenz; sie sind nicht, sie sind nichts. Man ist Mann oder man ist Weib, je nachdem man wer ist oder nichts.« »Das Weib ist nicht Mikrokosmos; es ist nicht nach dem Ebenbilde der Gottheit entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es Tier? Oder Pflanze?« Es kann mir natürlich nicht einfallen, mich des Langen über diesen Unsinn zu ergehen; diese Sätze sprechen ja wohl für sich selbst. Ich kann es aber dem Leser nicht ersparen, mit mir weiter durch diese Flut von Unsinn zu waten; denn nur so entwickelt sich das ganze System ~Weiningers~ klar. Ich bin selbst mehrmals daran gewesen, die Feder wegzulegen, weil mir meine Zeit leid that; nur der Gedanke, vielleicht doch etwas zu nützen, liess mich dann weiterfahren. ~Moebius~ sagt, beim 13. Kapitel habe »die Übelkeit über seinen guten Willen gesiegt.« Man wird ihm dies nachfühlen können; wers nicht kann, dem ist wohl nicht zu helfen. Nach dieser kleinen Pause will ich weiter an die Arbeit gehen.

[3] Da sich unsere Sammlung an breitere Schichten wendet, so haben wir auf wörtliche Wiedergabe besonders schamloser Stellen verzichtet. D. H.

~Weininger~ proklamiert also: Das Weib besitzt keine Seele. »Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen metaphysischen, ausserzeitlichen Akt das Göttliche, die Seele, für sich allein behalten?« Nun kommt das dicke Ende. Das Weib, die Verkörperung des Bösen, ist eine Folge des männlichen Wunsches nach dem K...., folglich eine Schuld des Mannes; das Weib muss also erlöst werden. Alles, was ~Weininger~ bisher gesagt, war nur die Einleitung zur Hauptsache, zur Erlöseridee des Weibes. ~Weininger~ als der Erlöser! »Darum ist dieses Buch die grösste Ehre, welche den Frauen je erwiesen worden ist.« Es ist allerdings recht schwierig, das arme Weib nun zu erlösen, nachdem es so tief gestürzt worden ist; man sollte sogar glauben, als Verkörperung des Nichts, sei es nicht wandlungsfähig; das scheint aber nur so; ein Taschenspielerkunststückchen und dann ein bischen Logik und die Sache ist gemacht; man höre: »Das Weib ist nichts und darum, nur darum, kann es alles werden; während der Mann stets nur werden kann, was er ist.« Und nun zur Erlösung:

»Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des Mannes. Als der Mann sexuell ward, schuf er das Weib. Dass das Weib da ist, heisst also nichts anderes, als dass vom Manne die Geschlechtlichkeit bejaht wurde .... Der Mann hat das Weib geschaffen und schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist .... Indem er auf den Geschlechtsverkehr nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib ist die Schuld des Mannes.« Daraus dann die logische Glanzleistung: »Wenn Weib Schuld ist und Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet.« Der Gipfel des Systems ist nun erstiegen: »Der Mann kann das ethische Problem für seine Person nicht lösen, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer wieder negiert, indem er sie als Genussmittel benützt ... Die Frau muss dem Geschlechtsverkehr innerlich und wahrhaftig aus freien Stücken entsagen. Das bedeutet nun allerdings: das Weib muss als solches untergehen, und es ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden (!), ehe dies nicht geschieht .... Hiermit erst, auf dem höchsten Gesichtspunkt des Frauen- als des Menschheitsproblems ist die Forderung der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich begründet.« Das ist des Pudels Kern. Sollte jemand wagen, die Befürchtung auszusprechen, dass ja bei allgemeiner totaler Abstinenz vom Geschlechtsverkehr die Menschheit aufhören müsste, zu existieren, dem antwortet der Träger des neuen Heils voll Verachtung: »In dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, dass die Gattung aussterben könnte, liegt nicht allein äusserster Unglaube an die individuelle Unsterblichkeit und ein ewiges Leben der sittlichen Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös: man beweist mit ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit ausser der Herde zu leben ...« Wer seine (~Weiningers~) Lehre klar erfasst habe, »der würde den leiblichen Tod nicht fürchten und nicht für den mangelnden Glauben an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewissheit des Weiterbestehens der Gattung suchen.«

Übrigens ist ~Weininger~ nicht so grausam, als es auf den ersten Blick scheinen möchte; der gewöhnliche Mensch könnte meinen, mit dem Aufhören der menschlichen Gattung sei eine unendliche Reihe von kommenden Individuen vernichtet; das ist aber falsch; in Wirklichkeit wird durch allgemeine sexuelle Abstinenz keine einzige Individualität vernichtet. In den »letzten Dingen« offenbart nämlich ~Weininger~ die Existenz der Seele vor der Geburt. Folgende Aussprüche werden genügen: »Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, dass man sie erwählt hat.« »Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man Schutz im Mutterleibe.« »Aus unserem Zustande vor der Geburt ist vielleicht darum keine Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind durch die Geburt: wir haben das Bewusstsein verloren und gänzlich triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluss und ohne Wissen und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.« »Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müsste er sich nicht suchen und wieder finden.«

Damit wäre das System der ~Weininger~schen »Philosophie« dargestellt. Ein Kapitel in dem Hauptwerke habe ich bis jetzt übergangen, das Kapitel über das Judentum. ~Moebius~ sagt, dass es ebenso gut hätte wegbleiben können. Für die Beurteilung des Falles halte ich aber dieses Kapitel für ganz besonders wertvoll; ~Moebius~ kannte zur Zeit, als er über das Buch schrieb, zu wenig Daten und vor allem die »letzten Dinge« und das Ende des Verfassers nicht, sonst würde er wohl in dem Kapitel bedeutsame Fingerzeige gesehen haben. Es ist nämlich eine vollkommene Beweisführung, warum er, ~Weininger~, ein neuer Messias sei, in diesem Kapitel enthalten. Auch kann man an diesem Kapitel so gut wie kaum sonst die ursprüngliche Quelle nachweisen. H. St. ~Chamberlain~ widmet in seinen »Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts« (~Bruckmann~, München 1900) dem Wesen des Juden- und Christentums grosse Beachtung; die betreffenden Kapitel (bes. Bd. I, 206-458) haben ungeheueren Einfluss auf ~Weininger~ ausgeübt; nur hat sich ~Weininger~ die ausgezeichneten Ausführungen ~Chamberlains~ über das Judentum und über Christus für sein eigenes System zurechtgemodelt und entstellt. ~Chamberlain~ sagt, dass Christus der Überwinder des Judentumes sei, dass er Herr des alten Adams geworden sei durch eine mächtige Umkehr des Willens. Es heisst dort z. B. I, 206: »Jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich Gottes, jenes von neuem Geborenwerden, welches die Summe von Christi Beispiel ausmacht, bedingt ohne weiteres eine völlige Umkehr der Empfindungen.« Ferner: »Die Erscheinung Christi auf Erden hat die Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf den wahren Adel und zwar echten Geburtsadel; denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein.« Von grossem Einfluss auf ~Weininger~, als er noch nicht in die herrliche Wandlung eingetreten war, dürften folgende Worte ~Chamberlains~ gewesen sein, die vielleicht sogar direkt den Konvertierungsgedanken bei ~Weininger~ anregten: »Es wäre sinnlos, einen Israeliten echtester Abstammung, dem es gelungen wäre, die Fesseln Esras und Nehemias abzuwerfen, in dessen Kopf die Gesetze Moses und in dessen Herz die Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen« (I. 458). Denn nach Paulus sei nur das ein Jude, das inwendig verborgen sei. ~Chamberlain~ ist aber dafür auch so ziemlich der einzige aller Lebenden, dem ~Weininger~ anscheinend unbedingte Hochachtung zollt, abgesehen von ~Ibsen~ und den Wiener Neurologen ~Freud~ und ~Breuer~. Wenigstens liefert ~Weininger~ einmal eine schauerliche Abhandlung über die Hysterie, wo er in analoger Weise wie beim Judentum die Ansichten ~Freuds~ in wirklich komischer Weise entstellt auftischt und denselben nachsichtig auf einige Irrtümer aufmerksam macht. Doch nun zu ~Weiningers~ Kapitel des Judentums. »Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Dass dem so ist, wird durch nichts anderes bewiesen als durch den Antisemitismus ... Im aggressiven Antisemiten wird man immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften wahrnehmen ... Wie man am anderen nur liebt, was man gerne ganz sein möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer sein will und doch immer zum Teil noch ist. So erklärt es sich, dass die allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind.« Diese grundlegenden Sätze werden als Thatsachen aufgestellt; nimmt man sie als bewiesen, so können die kühnsten Schlüsse erfolgen. Das alte Spiel, das sehr an die Geschichte von den Kretensern und vom Lügen erinnert.

~Weininger~ ist selbst der schärfste Antisemit. »Der echte Jude wie das echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten. Hieraus erklärt sich, dass die Familie (als biologischer, nicht als rechtlicher Komplex) bei keinem Volk auf der Welt eine so grosse Rolle spielte wie bei den Juden; die Familie in diesem Sinne ist eben weiblichen, mütterlichen Ursprungs[4] und hat mit dem Staate, mit der Gesellschaftsbildung nichts zu thun. Die Zusammengehörigkeit der Familienmitglieder nur als Folge des gemeinsamen Dunstkreises ist am engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Mann, dem begabteren stets mehr als dem mittelmässigen, aber auch dem gewöhnlichsten noch, ist dies eigen, dass er sich mit seinem Vater nie völlig verträgt: weil ein jeder einen, wenn auch noch so leisen, unbewussten oder bewussten Zorn auf denjenigen Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben genötigt ...« Weiter: der Jude steckt also nicht nur am tiefsten in der Familie, sondern er ist auch »stets lüsterner, geiler, wenn auch merkwürdigerweise im Zusammenhang mit seiner nicht eigentlichen antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur Juden sind echte Heiratsvermittler.« Natürlich: Kuppelei = W = Nichts = Jude, woraus die Analogie zum Weib hergestellt ist; »der absolute Jude ist seelenlos.« »Aus ihrem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem Judentum wie dem Weibe die höchste Genialität versagt ist.« »Der Jude ist der unfromme Mensch im weitesten Sinne.« »Das Judentum ist das Böseste überhaupt[5].« Nun wird der Gegensatz intoniert: »Der Jude freilich, der überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden wäre, besässe allerdings auch das volle Recht, vom Arier als Einzelner genommen und nicht nach einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu werden, über die ihn sein moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.« Und weiter: »Jene unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen Wiedergeburt eines Menschen, der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen verwirklicht, welche die grossen Religionen der Menschen gegründet haben. Hierdurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: In diesem überwiegt von Geburt an die Anlage zum Guten. Alle Genialität ist nur höchste Freiheit vom Naturgesetz. Wenn sich dies so verhält, dann ist der Religionsstifter der genialste Mensch. Denn er hat am meisten überwunden.« ~Weininger~, früher der böse Mensch, wird Überwinder und lehrt eine neue Religion. Wers noch nicht glaubt, dem gehen vielleicht bei den nächsten Äusserungen die Augen auf: »Christus ist der Mensch, der die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzte schafft.« ~Weininger~ hat ebenfalls das Judentum überwunden und ausserdem die noch stärkere Negation, das Weib. Dass die Juden eigentlich doch auch Männer sind, bildet den Pferdefuss in der Deduktion; aber sie sind eben eine Ausnahme von W nur dadurch, dass sie »gut begrifflich« veranlagt seien. Natürlich vermag ~Weininger~, wie er sich ausdrückt, nicht mit ~Chamberlain~ zu glauben, dass die Geburt des Heilands in Palästina ein blosser Zufall sein könne (NB. behauptet das aber ~Chamberlain~ gar nicht cf. z. B. Grundlagen I, 249). »Christus war ein Jude«, erklärt ~Weininger~, »aber nur um das Judentum in sich am vollständigsten zu überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist der gläubigste, wer über die ödeste Negation sich erhoben, der positivste Bejaher. Christus ist der grösste Mensch, weil er am grössten Gegner sich gemessen hat. Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, dem dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte, der ganz und gar Christ geworden ist; vielleicht liegt aber auch heute noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen; vielleicht sogar muss auch der nächste Religionsstifter abermals durch das Judentum hindurchgehen.« (!) Ausdrücklich weist ~Weininger~ dann darauf hin, dass »unsere Zeit nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller Zeiten sei,« um dann zu erklären: »Dem neuen Judentum (!) entgegen drängt ein neues Christentum zum Licht; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre Eins.« Kommentar ist überflüssig.

[4] Diese Stelle führe ich, vielleicht irrtümlich, auf ~Chamberlain~ Grundlagen I, 133 zurück, wo von Familie als ursprünglichem Matriarchat die Rede ist.

[5] Letzte Dinge 180.

Mit seiner Erlöseridee hängt es auch zusammen, dass seine Stellung zu ~Wagner~ sich so gründlich änderte; ~Weininger~ erblickte nämlich in ~Wagners~ Parzifal, den er auch deshalb »die tiefste Dichtung der Weltlitteratur« nennt, Christus und seine eigene Person.

Das bis jetzt zusammengestellte Material ist genügend zur Beantwortung der Hauptfrage, ob ~Weininger~ geisteskrank und welcher Art diese geistige Störung gewesen sei. Somit könnte die Exploration in einem gewissen Sinne für abgeschlossen erklärt werden. Trotzdem würde die Untersuchung nicht vollständig sein, wenn sie nicht noch einige andere Gebiete streifte. Ich will daher noch durch Citate aus ~Weiningers~ Schriften den Stand seiner sonstigen Kenntnisse und Anschauungen darlegen und endlich zum Schlusse die Elaborate seiner letzten Lebenstage vorführen, die wohl keinen Vernünftigen zweifeln lassen werden, dass sie von keinem geistig Gesunden stammen.

Wie in allen Dingen, so ist ~Weininger~ auch in Litteratur mit einem sehr scharfen Urteil begabt. Neben dem Text von ~Wagners~ »Parzifal« steht ihm am höchsten ~Ibsens~ »Peer Gynt«. Warum, kann man sich denken. »Es ist ein Erlösungsdrama und zwar der grössten eines, um es nur gleich zu sagen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama ~Shakespeares~, ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an sinnlichem Glanze allen anderen Werken ~Ibsens~ überlegen, steht es an Bedeutung der Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung weit über ~Goethes~ »Faust« und reicht beinahe hinan zu den Höhen des »Tristan« und des »Parzifal« von ~Wagner~.« ~Hanslick~ sagt einmal (»Aus meinem Leben« 1894, II, 234), dass man in fünfzig Jahren die Schriften der Wagnerianer als Monumente einer geistigen Epidemie anstaunen werde. So weit ich mich erinnere, hat sich aber kaum einer zu solcher Höhe verstiegen wie ~Weininger~. Nach ihm ist »~Wagner~ der Mensch mit dem grössten Naturempfinden, das je ein Mensch besessen hat. Gegen sein »Rheingold« gehalten, verblassen selbst ~Goethes~ Lieder von allem Wasser in Nebel, Wolken und Fluss ...« Die ~Wagner~sche Dichtung (NB. nicht die Musik) ist »der Tiefe der Konzeption nach die grösste Dichtung der Welt. Es sind die gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf gewählt hat, bedeutender noch als die Probleme des ~Aischylos~ und ~Dante~, ~Goethes~, ~Ibsens~ und ~Dostojewskis~, um von den Problemen ~Shakespeares~ zu schweigen ... Das alles stellt ~Wagner~ hoch über ~Goethe~, dessen letztes Wort doch nur das vom »Ewig-Weiblichen«, die Erlösung des Mannes durch das Weib ist.« Man wird wohl merken, warum ~Goethe~ und ~Shakespeare~ so wenig bei ~Weininger~ gelten. An anderer Stelle (»Geschlecht und Charakter« 408/409) findet sich noch folgendes über ~Wagner~: »~Richard Wagner~, der tiefste Antisemit, ist von einem Beisatz von Judentum selbst in seiner Kunst nicht freizusprechen, so gewiss er neben ~Michelangelo~ der grösste Künstler aller Zeiten ist, so wahrscheinlich er geradezu den Künstler in der Menschheit überhaupt repräsentiert. Ihm war das Judentum die grosse Hilfe, um zur klaren Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum Siegfried und Parzifal sich durchzuringen und dem Germanentum den höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl je in der Geschichte gefunden hat.«

~Heine~ entbehrt natürlich fast jeder Grösse, aber nur weil er Jude ist. ~Keller~ und ~Storm~ werden ebenfalls »jeder Grösse entbehrende Idylliker« genannt. Ganz unleidlich ist für ~Weininger~ der arme ~Schiller~; er gehört zu den Juden und wird in einem kleinen Aufsatz in den »letzten Dingen« einfach vernichtet: »Was ist es doch, das an jenen Gedichten so beleidigt? Es ist das Verletzende an ~Schiller~ überhaupt; es ist seine Freude am Chor, an der Herde; sein ganz ungeniales Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu leben, in der er lebte ... Er ist auch der eigentliche Schöpfer des Ästhetentums, das unter den modernen Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller Tiefe oder heuchelt Tiefe, um den Schein retten zu können ... Einen Journalisten dürfte ich ihn mit Grund nennen ... Was ihn aber endgültig zum Journalisten stempelt, ist seine Rührseligkeit, die von einem tragischen Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; und es ist vor allem jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein Jahrhundertwechsel vor sich geht. In ~Schiller~ hasst die journalistische Moderne nur sich selbst.« Und ~Moebius~ hatte gewagt, ~Weininger~ den Rat zu geben, Feuilletons zu schreiben! Man begreift der Freunde Ingrimm ob so gänzlicher Verkennung. ~Spinoza~, als Jude, ist ebenfalls »riesig überschätzt«. Die englischen Philosophen sind sämtlich Flachköpfe, natürlich »weil aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist«; »es gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu sein; aber ~Hume~ hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch.«

Sehr niedlich sind auch die Belehrungen, die wir über ~Nietzsche~ empfangen. »~Nietzsche~ war lange Sucher; erst als Zarathustra that er den Priestermantel um und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter, die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen hat.« Man sieht, viel Kritik hat ~Weininger~ eben nicht besessen; hier läuft er mit der von ihm so sehr gehassten Herde. Das Gesamturteil des jungen Mannes über ~Nietzsche~ dürfte auch ein neues Licht auf dessen Todesursache werfen: »~Nietzsche~ war nicht gross genug, um sich selbständig aus eigener Kraft in Reinheit zu ~Kant~ durchzuringen, den er nie gelesen hatte. Darum ist er nie bis zur Religion gelangt: als er das Leben am leidenschaftlichsten bejahte, da verneinte das Leben ihn -- jenes Leben nämlich, das sich nicht belügen lässt. Aus dem Mangel an Religion erklärt sich ~Nietzsches~ Untergang. Ein Mensch kann an nichts anderem zu Grunde gehen als an einem Mangel an Religion ...«

Für die Modernen hat ~Weininger~ übrigens nichts übrig; so spricht er z. B. von ihrer »Schuljungenopposition gegen alle Grössen der Historie.« Alle Sprachkritiker, »von ~Baco~ bis auf ~Fritz Mauthner~« sind nach seiner Ansicht »Flachköpfe«.