Der Fall Otto Weininger: Eine psychiatrische Studie

Part 3

Chapter 33,088 wordsPublic domain

Es gibt nach ~Weininger~ eine Reihe bestimmter Eigenschaften, die rein männlich sind; das sind alle die grossen, guten, mächtigen Eigenschaften; sind diese vereinigt, so entsteht der ideale, allerdings nur hypothetische Mann (absoluter M), der aus lauter + = Eigenschaften besteht; leider giebt es diesen nicht, weil auch dem höchstpotenzierten Manne immer etwas von Minuseigenschaften beigegeben ist; den Pluseigenschaften steht nämlich eine Reihe gegenüber, die man mit Minuseigenschaften bezeichnen könnte und deren reine Summe das absolute Weib (W) wäre. Da es nach ~Weininger~ die beiden Idealpole nicht giebt, so ist jeder Mensch aus männlichen und weiblichen Eigenschaften zusammengesetzt, das Reich der sexuellen Zwischenstufen somit eigentlich zur Norm erklärt. Je nach dem Überwiegen der M = oder W = Bestandteile ist man, was man unter dem landläufigen Begriffe Mann und Weib versteht. Jedes Individuum hat soviel W, als ihm M gebricht und sucht durch eine Art geheimnisvoller Affinität nach mathematischen Grundsätzen das Fehlende durch ein anderes Wesen zu ergänzen, so dass in der Vereinigung die Summe von 1 M + 1 W entsteht. Die Entdeckung des grossen Gesetzes, nach dem die Geschlechter sich anziehen, ist gefunden, verkündet ~Weininger~. Dass ~Schopenhauer~ schon dies alles kurz und vernünftig ausgesprochen hat, that der Entdeckung keinen Eintrag; ~Schopenhauer~ hat dieses grosse Gesetz nur »geahnt« und der Entdecker will diese Ahnung ~Schopenhauers~ erst zu Gesicht bekommen haben, als sein Buch fertig war. Das ist natürlich, wenn nicht direkt erfunden, zum mindesten eine Erinnerungstäuschung, wie ~Moebius~ ganz richtig annimmt; ~Weininger~ hatte eben eine Menge zusammen gelesen und wusste im besten Fall nicht mehr, ob Erinnerung oder eigener Gedanke vorliege. Ich werde noch auf mehrere solche Dinge bei ~Weininger~ hinweisen können, wo der Ursprung seiner Ideen sich klarlegen lässt trotz der Verzerrung, die den ursprünglichen, fremden Gedanken angethan worden ist.

~Der Hauptfehler des Weiningerschen Systems liegt darin, dass er etwas als Thatsache annimmt, was er erst beweisen sollte, und dann von falschen Prämissen ausgehend, zu den kühnsten Schlüssen kommt; ferner dass er, wie Moebius sagt, »dadurch zu sachlichen Kenntnissen zu kommen sucht, dass er ohne Rücksicht auf die Erfahrung verallgemeinert und das, was bedingungsweise gilt, für bedingungslos erklärt.«~ Was der wissenschaftlich Forschende in mühsamem Streben erst zu erreichen sucht, bildet für ihn den Ausgangspunkt; was erst, wenn überhaupt möglich, zu erhärten gewesen wäre, nimmt er beweislos oder nach einem kurzen Scheinbeweis als etwas Feststehendes an und zwar nicht etwa infolge einer Art Intuition oder Inspiration, sondern weil, wie wir sehen werden, die Annahme von allem früher Angenommenen meilenweit sich entfernt und aus derselben sich eine Fülle auf den ersten Blick verblüffender Folgerungen ziehen lässt. Was ~Weininger~ in seinem Vorwort zur 1. Auflage mitteilt, bestätigt diese aus dem Inhalt der Schrift sich ergebende Auffassung vollkommen. Hier bemerkt er nämlich: »Es sollen nicht möglichst viele einzelne Charakterzüge aneinander gereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern die Zurückführung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein einziges Prinzip versucht werden. Hierdurch unterscheidet es sich von allen anderen Büchern dieser Art ...« Schon hier ist, allerdings unklar, angedeutet, dass eine aprioristische Annahme und zwar eine solche von grösster Tragweite das Leitmotiv der ganzen Arbeit bildet. Es liegt ja nahe, dass das einzige Prinzip, auf welches ~Weininger~ alle Gegensätze von Mann und Weib zurückzuführen unternahm, bei ihm schon feststand, bevor er an die Durchführung der Arbeit ging. Noch deutlicher wird dies durch eine Bemerkung an einer späteren Stelle des Vorwortes, in welcher er sich bemüht, als das Ziel seiner Arbeit etwas weit höheres als die Charakterisierung der Geschlechtsunterschiede hinzustellen. »Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren«, heisst es da, »dass die Behandlung der letzten und höchsten Fragen hier gleichsam in den Dienst eines Spezialproblems von nicht grosser Dignität gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch darf ich sagen, dass durchaus das Einzelproblem des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den ~Ausgangspunkt~ als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.« Das ist wenigstens klar; was »das Ziel des tieferen Eindringens« bildet, wird sich bald zeigen.

Doch nun wieder zum Inhalt von »Geschlecht und Charakter«. ~Weininger~ fasst kindlich das ganze Gebiet der Sexualität wie einen Baukasten auf; alles lässt sich auf einfachste Weise konstruieren; jede sexuelle Frage lässt sich mit dem Zauberschlüssel der ~Weininger~schen Lehre lösen: Homosexualität, Genie, Frauenfrage; so einfach wie nur möglich. »In dem Gesetz der sexuellen Anziehung ist zugleich die langgesuchte Theorie der konträren Sexualempfindung enthalten.« Hat nämlich ein Mann geschlechtliche Neigung zu Angehörigen des eigenen Geschlechtes, so hat er eben eine relativ hohe Summe von W in sich; er wird also beim Suchen nach seinem Komplement zu M hingezogen; Homosexualität bei der Frau, Amor lesbicus, ist natürlich »Ausfluss ihrer Männlichkeit«; da diese aber »Bedingung ihres Höherstehens« ist, so kann man sich, aus der falschen Voraussetzung, dass M und gut identisch seien, die Folgerung denken; da kommt schon der erste grosse Unsinn: das homosexuelle Weib steht über dem normalsexuellen: das ist natürlich eine logische Konsequenz.

Periodisch scheint nach ~Weininger~ in gewissen Zeiträumen eine starke Vermehrung jener Zwittergeschöpfe einzutreten, die sich dicht an den Grenzen, wo M und W ineinander überfliessen, herumtreiben; auf diese z. Z. wieder vorhandene Flut wird das Gigerltum und die Frauenemancipation zurückgeführt; beide sind Parallelerscheinungen, derselben Ursache entsprungen! Was das Emancipationsbedürfnis und die Emancipationsfähigkeit einer Frau anbetrifft, so liegen dieselben »nur in dem Anteil an M begründet, den sie hat .... Nur den vorgerückteren sexuellen Zwischenstufen, die gerade noch den Weibern beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der Emancipationsbestrebungen zum Beweis für grosse Leistungen der Frau immer mit Namen angeführt werden.« Was also die emancipierten Frauen betrifft, »nur der Mann in ihnen ist es, der sich emancipieren will.« Die Frauenfrage ist demnach höchst einfach dahin gelöst, dass es überhaupt keine solche Frage giebt; das thatsächliche Weib ist absolut unfähig zu jeder Emancipation; es ist sogar die grösste Feindin derselben.

Damit sind wir schon über den ersten Teil von »Geschlecht und Charakter« hinaus und steuern nun ins wilde Meer der krassesten Behauptungen und des wildesten Unsinns. Es werden zunächst die Unterschiede zwischen M und W gründlich festgestellt; wie W dabei wegkommen muss, ist von vornherein bereits erwiesen.

»Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell.« »Der Mann hat gleichen psychischen Inhalt wie das Weib in artikulierter Form; wo sie mehr oder weniger in Heniden denkt, dort denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich ausgesprochen und stets die Absonderung von den Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind Denken und Fühlen eins (= Henide), ungeschieden, für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse in Henidenform, wenn bei M längst Klärung erfolgt ist. Darum ist W sentimental und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die Erschütterung. Es lebt also der Mann bewusst, das Weib unbewusst.«

Hier dürfte eine kurze Bemerkung am Platze sein. Unter Henide versteht ~Weininger~ das Verschmolzensein von Denken und Fühlen in Eins, im weiteren Sinne aber die unentwickelten, primitiven psychischen Data. Nach ~Weininger~ liegt es im Begriffe der Henide, dass sie sich nicht näher beschreiben lässt; trotzdem giebt er von derselben eine Reihe von Charakteren an. »Sie unterscheidet sich von dem artikulierten Inhalt d. h. der entwickelten Vorstellung durch den geringeren Grad an Bewusstheit, den Mangel an Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache, durch den Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde.« Ich will hier nicht näher auf die Henidentheorie ~Weiningers~ eingehen, auch mich nicht mit einer Prüfung der Frage aufhalten, wieweit die von ihm behaupteten Unterschiede im Vorstellen von Mann und Frau den thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, sondern lediglich das Jongleurkunststück hervorheben, das er am Schlusse seiner Erörterungen über das männliche und weibliche Bewusstsein ausführt. Während der scharfe Logiker zunächst dem Weibe mit dem Denken in Heniden nur ein minder scharfes Denken zuerkennt, spricht er ihm gleich darauf das Bewusstsein überhaupt ab. Wäre ~Weininger~ psychologisch ungebildet, so könnte man diese Behauptung auf Mangel einer richtigen Vorstellung über das Phänomen des Bewusstseins zurückführen. Er war aber genügend psychologisch geschult, um zu wissen, was unter bewusst und unbewusst wissenschaftlich zu verstehen ist, und so charakterisiert sich seine Behauptung als ein Nonsens, vor dem er lediglich deshalb nicht zurückscheute, weil er ihm als Anknüpfungspunkt für weitere ähnliche ungeheuerliche Aufstellungen zu dienen geeignet erschien.

Nachdem also ~Weininger~ bis zu der Erkenntnis der Unbewusstheit des Weibes vorgedrungen, schiebt er ein grosses Kapitel über das Wesen des Genies ein. Er setzt sich sogleich ins gehörige Licht als der endgültige Löser auch dieser schwierigen Frage, indem er mit der ihm nun einmal eigenen Bescheidenheit verkündet: »Alle bisherigen Erörterungen über das Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären mit lächerlicher Anmassung das bischen Wissen auf diesem Gebiete zur Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen für hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen Standpunktes herab, um die Genialität in ihr System aufzunehmen.« ~Weininger~ giebt die Lösung, wie nach dem bisher Entwickelten zu erwarten: »Es ist das geniale Bewusstsein am weitesten vom Henidenstadium entfernt; es hat vielmehr die grösste, grellste Klarheit und Helle. Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höhere Männlichkeit und darum kann W nicht genial sein.« Selbstverständlich ist W auch nicht in der Lage, das Genie auch nur im entferntesten zu verstehen. »Den Frauen gilt der geistreiche als der geniale, Nietzsche als der Typus des Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen jongliert, alles Franzosentum des Geistes mit wahrer geistiger Höhe nicht die entfernteste Verwandtschaft.« Man sieht hier bereits klar, dass ~Weininger~ sich selbst für das Genie par excellence hielt, als er jenes Kapitel schrieb, nach dem logischen Schlusse, der sich auch aus seinen eigenen Worten ergiebt, dass wohl nie ein Weib im stande sein werde, ihn zu verstehen.

Des weiteren verfügt W »nur über eine Klasse von Erinnerungen: es sind die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.« »Da das Weib ohne Kontinuität ist, kann es auch nicht pietätvoll sein; in der That ist Pietät eine durchaus männliche Tugend«. »Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat oder nicht, hängt es ausserordentlich innig zusammen, ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen, oder ob ihn der Gedanke des Todes gleichgültig lassen wird.« Daraus folgt: »Den Frauen geht das Unsterblichkeitsbedürfnis ab.« Nun geht es bereits über in mystische Gefilde. Man beachte die Art des logischen Konstruierens in den folgenden Sätzen; sie ist durchaus typisch für die ganze Art ~Weininger~schen Denkens; in dem Kapitel »Begabung und Gedächtnis« heisst es: »Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat desto mehr Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur soviel Wert ein, als es zeitlos ist; nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. Dies ist, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung, doch das erste spezielle Gesetz aller Werttheorie.« Nun: »Die Thaten des Genius leben ewig; an ihnen wird durch die Zeit nichts geändert.« Genie ist aber höchst potenzierte Männlichkeit, also ist nachgewiesen, dass M zeitlos, ewig ist. Ganz zwanglos ergiebt sich das; für W natürlich das Gegenteil.

Im nächsten Kapitel »Gedächtnis, Logik, Ethik« steht dann unser Taschenkünstler der Logik nicht an zu erklären: »Die Frau erbittert die Zumutung, ihr Denken von der Logik ausnahmslos abhängig zu machen. Ihr mangelt das intellektuelle Gewissen. Man könnte bei ihr von »logical insanity« sprechen.« Beim Weibe kann man ferner »nicht von antimoralischem, sondern nur von amoralischem Sein sprechen. Das Weib ist amoralisch.« So ähnlich wie das Völkerchaos von H. St. ~Chamberlain~, wo sich diese Gegenüberstellung findet. Im 11. Kapitel »Männliche und weibliche Psychologie« geht ~Weininger~ mit »eherner Geschlossenheit«, wie einer seiner Verehrer schrieb, an die äussersten Konsequenzen. »Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, dass das logische und das ethische Phänomen, beide im Begriff der Wahrheit zum höchsten Werte sich zusammenschliessend, zur Annahme eines intelligiblen Ich oder einer Seele als eines Seienden von höchster hyperempirischer Realität zwingen. Bei einem Wesen, dem wie W das logische und ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme zu machen. Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten klingt. Es ist der Schluss vollkommen berechtigt, dass ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt. Das absolute Weib hat kein Ich, keine Seele!« Nun könnte wohl jemand einwenden, das absolute Weib sei ja nur eine logische Hypothese, während die existierenden Frauen alle nicht absolute Weiber seien, sondern doch zum mindesten ein dürftiges Körnchen M in sich herumtragen; ~Weininger~ macht aber da selbst keinen exakten Unterschied und wirft diese Begriffe immer wieder durcheinander, was u. a. auch aus einem späteren Passus über die rechtliche Gleichstellung beider Geschlechter klar hervorgeht. Es wird feierlich verkündet: »Die Frau kann nie zum Manne werden ... während es anatomisch Männer giebt, die psychologisch Weiber sind, giebt es keine Personen, die körperlich weiblich und doch psychisch Männer sind.« Konsequent nach ~Weiningers~ Theorie gedacht, müsste man glauben, dass es doch so sein müsste; aber hier kann er eben die Mathematik nicht brauchen.

Das Mitleid des Weibes wird ins Reich der Fabel verwiesen. Der Beweis, dass das Mitleid keine weibliche Tugend sei, ist höchst einfach: »Im alten Weib ist nie (!) auch nur ein Funke jener angeblichen Güte mehr und so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller Verschmolzenheit war, selbst wenn es auf ein gleichgeschlechtliches Wesen sich bezog.« Es kommt aber noch besser. »Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen liegt darin, dass Frauen untereinander sich immer ungescheut völlig entblössen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken suchen ... Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets entkleidet und dann hierdurch die allgemeine interindividuelle Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist.« Der zwanzigjährige »Grosse« muss eigentümlichen Verkehr gehabt haben; diese Behauptungen werden ihm doch sicher nur die allerkritiklosesten seiner Verehrer nachbeten können. Aber auch hier zeigt sich auch wieder aufs durchsichtigste die Art, wie ~Weininger~ denkt; um die allgemeine Schamlosigkeit der Frauen (NB.! nicht des absoluten W also) folgern zu können, muss er die Behauptung als bewiesen aufstellen, dass sich die Frauen ungeniert voreinander entblössen, die Männer dagegen nicht.

In einem grossen Kapitel »Mutterschaft und Prostitution« vernichtet dann ~Weininger~ auch noch das letzte, was ein »hausbackener« Mensch zur Verteidigung der Frau anführen könnte: Mutterschaft und Mutterliebe, und zwar, wie man zugeben muss, ganz konsequent logisch ausgehend von seinen falschen Voraussetzungen, die er sich absolut willkürlich zurecht gelegt, um zu dem mystischen Ziele zu gelangen, das sich nun allmählich enthüllt. Die Frauen zerfallen nach ~Weininger~ in zwei Klassen: Dirnen und Mütter; die Anlage hierzu sei von Geburt an organisch in jeder Frau vorhanden. Ich lasse hier eine Blütenlese der in dem Kapitel, das ~Moebius~ ekelhaft nennt, angesammelten Behauptungen und Schlüsse folgen:

»In der That muss ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, dass das Weib monogam und der Mann polygam sei. Das Umgekehrte ist der Fall.« Besser, es muss der Fall sein, sonst würde es ja nicht zur Rechnung passen. »Für die Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der Sittlichkeit gar nicht, nur die Motive der Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wäre, ohne dass es darum dieses auch schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewusster Gier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat, so erwartungsvoll und gedankenlos, wie es sie geschlossen hat.« »Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System von reflexartigen Verbindungen ..... eine nie unterbrochene Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur mit ihr verbunden war: das ist das Wesen der Mutterschaft, und ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht einstimmen, sondern muss gerade das an ihr verwerflich finden, was an ihr so oft gepriesen wird, ihre Wahllosigkeit.« Das Höchste leistet er dann mit den Worten: »Ihre Stellung ausserhalb des Gattungszweckes stellt die Hetäre in gewisser Beziehung über die Mutter, soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt.« (!) »Nur solche Männer fühlen sich von der Mutter angezogen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität haben. Bedeutende Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt.« In einem späteren Kapitel heisst es auch: »Unendlich viel in der Frauenbewegung ist nur ein Hinüberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution; sie ist als ganzes mehr Dirnenemancipation als Frauenemancipation und sicherlich ihren wirklichen Resultaten nach vor allem ein mutigeres Hervortreten des kokottenhaften Elementes im Weibe.« Weiter: »Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen, als wie sie das Weib sonst kennt; sie zeigen dieselben nur in höchster Intensifikation; das ganze Sein des Weibes offenbart sich im K., aufs höchste potenziert.« »Der lügt oder hat nie gewusst, was Liebe ist, der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht.« »Ich möchte sogar sagen, es gibt nur platonische Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue.« (!) Man wird nun bereits merken, worauf die Sache hinausgeht. In dem »Erotik und Ästhetik« betitelten Kapitel wird zunächst natürlich der Frau auch jedes Gefühl für Ästhetik abgesprochen. »Das Weib besitzt keinen freien Willen und so kann ihm auch nicht die Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. Damit ist aber auch gesagt, dass die Frau nicht lieben kann.«

Trotzdem ~Weininger~ der Frau den freien Willen, jene erste juristische Voraussetzung, genommen hat, betont er drei Seiten später mit rührender Naivität: »Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt und braucht doch der ungeheuerste kosmische Gegensatz und Wesensunterschied nicht verkannt zu werden. Denn der tiefstehendste Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe.« Wo hier wohl die Logik bleibt? Das ~Weininger~sche weibliche Wesen ist ja forensisch absolut unzurechnungsfähig; eine freie Willensbestimmung ist ja total ausgeschlossen; man müsste schleunigst über sämtliche Frauen Kuratel verhängen. Man denke sich nur ein solches Weib nach ~Weininger~ als Zeugin; wie soll man sie denn als gleichberechtigt nehmen, wenn sie, »die abgrundtiefe Verlogenheit« repräsentierend, doch erst weit hinter dem tiefstehendsten Manne kommt? Ein Weib mit starkem W-Gehalt würde einem kompletten Idioten gleichkommen. Wenn ~Weininger~ konsequent gewesen wäre, hätte er das weibliche Geschlecht ausnahmslos aus dem Gerichtssaale verbannen müssen.