Der Fall Otto Weininger: Eine psychiatrische Studie
Part 2
»In diesen fünf Tagen«, berichtet der Vater, »war seine Stimmung eine ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte, verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde, etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.«
Von seinem Werke »Geschlecht und Charakter« habe ~Weininger~ dem Vater gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat, ihm »hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen, kundzugeben zur Ausbesserung.« Der erste Teil des Buches hatte als Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli 1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des Vaters hat ~Weininger~ an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil wahrscheinlich inbegriffen) »aber mit geradezu furchtbarem Fleisse« gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; »er belächelte und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von ~Moebius~ ärgerte ihn«. ~Moebius~ hatte nämlich in einer Besprechung des ~Weininger~schen Buches (in »~Schmidts~ Jahrbüchern für die gesamte Medizin«. Augustheft 1903) den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles Tatsächliche bereits in seinem »physiologischen Schwachsinn des Weibes« und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das ~Weininger~sche Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und ~Weininger~ hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner Ausführungen mit den »hausbackenen« von ~Moebius~ von vornherein protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901 erschienene Werkchen von ~Moebius~ grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte. Unterm 17. VIII. 03 schrieb ~Weininger~ aus Syrakus an ~Moebius~ einen »langen, etwas formlosen Brief« des Inhaltes, ~Moebius~ müsse entweder beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung gerichtlich belangen. ~Moebius~ nahm den »hingeworfenen Handschuh«, wie sich ~Weininger~ ausdrückte, in seiner Broschüre »Geschlecht und Unbescheidenheit«[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte.
[2] Halle. Bei ~Marhold~ 1904. Zuerst im Druck erschienen November 1903, dann auf die Nachricht vom Tode ~Weiningers~ von ~Moebius~ selbst unterdrückt und erst später doch herausgegeben in der richtigen Erwägung, dass es nun erst recht nötig sei, das schlechte Buch zu bekämpfen. Es ist sehr komisch, zu sehen, wie auf Grund dieser Broschüre die »Freunde« über ~Moebius~ herziehen, während doch aus dem Schriftchen unverkennbar hervorgeht, dass dieser sogar ein gewisses Faible für ~Weininger~ hatte.
In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende Episoden. »Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn) von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt, murmelte er vor sich hin: »Ich habe ein Buch für die Jahrtausende geschrieben, werde aber noch nicht verstanden«. Das sagte er alles in stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je verstünde.« Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde berufen; sie sind treffliche Beweismittel.
Körperlich habe ~Weininger~ nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute Verdauung gehabt. Der Biograph ~Rappaport~ erzählt von epileptischen Anfällen ~Weiningers~; er will selbst solche Anfälle bei ~Weininger~ mit angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles, was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie nichts von solchen Anfällen bei ~Weininger~ bekannt sei. Er ist der Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach ~Weiningers~ Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater schreibt: »Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar, ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal erfährt.« Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die Epilepsie »vortäuschen«.
Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz an; ~Weininger~ habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu zeigen; der Mangel an Familiensinn, den ~Weininger~ gehabt habe, habe das Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen meiner Ansicht nach Unrecht.
Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die Angaben ~Rappaports~ von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln; und dazu sind gerade die Niederschriften ~Weiningers~ aus seiner letzten Epoche, auch wenn es sich nur um »Keime für spätere Ausarbeitung« handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. ~Rappaport~ berichtet über ~Weininger~: »Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!) besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.« Aus dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben) müsste sich ~Rappaport~ wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten; dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem ~Weininger~ das elterliche Haus verlassen?
Mit Bewunderung spricht ~Rappaport~ von der kolossalen Arbeitskraft, den umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: »Er (~Weininger~) hat auch einmal ein Gehirn seziert!«
~Weininger~ war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus von ~Avenarius~. »Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich bald.« Der totale Umschwung sei durch ethische Probleme herbeigeführt worden, die ~Weininger~ zum Anhänger ~Kants~ machten und »im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker vollzogen« (~Jodl~).
Sehr interessant ist, was ~Rappaport~ über das Verhältnis ~Weiningers~ zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. ~Weininger~ fühlte bei jeder einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien, so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme ..... so empfand ~Weininger~ »in diesem Motiv den spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die Erbsünde u. s. w.« Die A-Dur-Melodie der ~Grieg~schen Peer Gynt-Suite nannte ~Weininger~ »die grösste Luftverdünnung, die jemals erreicht worden ist.«
Das fühle einmal Jemand nach.
Für ~Wagner~ hatte ~Weininger~ ursprünglich keine Zuneigung; es war dies noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar noch ziemlich geringschätzig über ~Wagner~. »Aber in der grossen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte sich auch das gewaltig.« ~Richard Wagner~ wurde nun für ~Weininger~ der Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. »Am allermeisten schätzte er textlich den Parzifal«. Die ungeheuerste Wirkung übte nach ~Rappaport~ das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus (»Du Wecker des Lebens, siegendes Licht«); ~Weininger~ nannte es »die Resorption des Horizontes«.
Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war ~Weininger~ allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; »alles Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen«, »alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst«. »Sein erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!) wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden ist.« Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis ~Weiningers~ zu berichten.
Im persönlichen Umgang machte ~Weininger~, wie ich vernahm, vielen einen unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein über alle Massen grosses Selbstgefühl. ~Rappaport~ schreibt dazu: »Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er niemals >gemütlich< war.«
Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom August 1902 (an ~Arthur Gerber~) Zeugnis: »Ich habe jetzt die Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.«
Wenn man das Wesen ~Weiningers~ verstehen wolle, meint sein Interprete, müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche, das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei ihm. ~Weininger~ verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die »Lehre« ~Weiningers~ lässt sich nach ~Rappaport~ folgendermassen darstellen: »Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für ~Weininger~ das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster Gegensatz.« Da in ~Weininger~ diese Gegensätze äusserst intensiv empfunden wurden, so musste er »einen Kampf bestehen, der an Intensität, an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte«!! ~Weininger~ habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen ~Weiningers~ hervorgeht.
Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein Hauptteil der »Lehre« war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während ~Weininger~ von Hause aus »sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er doch in der letzten Zeit vollkommen keusch«.
Wie bereits erwähnt, hatte ~Weininger~ vor der Verwandlung den Gottesbegriff negiert; später aber war er »fest überzeugt davon, dass die Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.« Nach ~Rappaport~ war ~Weininger~ als dualistisch empfindende Persönlichkeit zugleich Verbrecher und Heiliger; ~Weininger~ selbst hat in seinen Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter, der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu überwinden habe. Als in ~Weininger~ das Böse die Übermacht zu erlangen schien -- in den Tagen der Depression --, da beging er den Selbstmord, in einem »Akt des höchsten Heroismus«, »um nicht dem Bösen zu verfallen, um nicht einen anderen töten zu müssen«. Seine verzweifelte Stimmung trieb ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der Zeit vom VIII.-IX. 1903): »Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit ~Beethoven~ rate ich Dir nur sehr; er ist das absolute Gegenteil ~Shakespeares~ und ~Shakespeare~ oder die ~Shakespeare~-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...«
Der Vater ~Weiningers~ meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund dieser Briefe hätte ein »Alarmsignal« geben müssen. Als ~Weininger~ in den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: »In der letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete Ferne am besten auf ihn.« Über die letzten Tage berichtet ~Rappaport~, dass ~Weininger~ noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den »letzten Aphorismen« geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die herannahende Katastrophe verkündigt. »Völlige Dunkelheit brach über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand, bemächtigte sich seiner.« »Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in Berührung gekommen ist.« Ferner: »Meine Rückkehr nach Wien hätte eine zweite Inkarnation sein sollen.« Am 3. X. 03 mietete ~Weininger~ dann, wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in die Brust. ~Moebius'~ Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an ~Weininger~ in tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt.
Weder der Vater noch der Freund haben bei ~Weininger~ jemals Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen ~Weiningers~ geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit Feuerscheinen sah. In »Über die letzten Dinge« heisst es Seite 122: »Der Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach die Vision, die ~Goethe~, nach dem Faust zu schliessen, gehabt haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster überhaupt, ganz verstand«.
Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind. ~Weininger~ promovierte mit dem ersten Teil von »Geschlecht und Charakter«, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich ~Weininger~ bei den Professoren ~Jodl~ und ~Müllner~ für das freundliche Interesse, das sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber ~Weininger~ beinahe ein ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe beschrieb die äussere Erscheinung ~Weiningers~ wie folgt: »Ein schlank gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben, nicht erwehren.«
Die Werke.
Die beiden Bücher, die die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage der Beurteilung von ~Weiningers~ Geisteszustand bilden, sind »Geschlecht und Charakter« und »Über die letzten Dinge«. Das erstere besteht aus zwei Teilen, einem kleinen, einleitenden, der Anfang 1902 entstanden ist und als Dissertationsschrift diente, und einem zweiten grossen Teil, der im Herbst 1902 nach Ablauf der ersten Depression begonnen wurde. »Über die letzten Dinge« enthält eine Reihe von Aufsätzen und Fragmenten, die nach ~Weiningers~ Tode nach dessen testamentarischer Anordnung von seinem Freunde ~Moriz Rappaport~ herausgegeben worden sind. Ausser einigen wenigen Stücken wurde der Inhalt des Buches während der italienischen Reise ausgearbeitet. Ich will im folgenden den Inhalt besonders des ersten Werkes systematisch besprechen und lasse, da er als eine Art Exploration gelten soll, ~Weininger~ soviel als möglich in seinen eigenen Worten seine Ideen vorbringen.
Schon der Untertitel des Hauptwerkes, »eine prinzipielle Untersuchung« verrät die hohe Selbsteinschätzung des jungen Autors. Wie er selbst über das Werk dachte, beweist seine Selbstanzeige in der »Zukunft« vom 22. VIII. 1903: »Ich glaube in diesem Buch das psychologische Problem des Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschliessende Antwort auf die sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig phrasenfreie, bis zum letzten Ende menschlichen Wissens (!) geführte Erforschung des Wesens der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein Niveau, auf dem die bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben.« Von Bescheidenheit wird da wohl niemand etwas verspüren.
Der erste Teil, betitelt »Die sexuelle Mannigfaltigkeit«, umfasst nur knapp 93 Seiten des ohne Anmerkungen 461 Seiten dicken Buches; es ist aus der Dissertation zu einer biologisch-psychologischen Einleitung geworden zum zweiten Teil, den »sexuellen Typen.« Dieser erste Teil ist eine Studentenarbeit voll Härten und Extremen, zusammengetragen wie die allermeisten Dissertationen, aber sehr fleissig gearbeitet und grosses Wissen zeigend; der Einfluss der kurz vorher erschienenen Arbeiten von ~Moebius~ ist hier ganz unverkennbar. Ich will mich hier nicht vertiefen in die allgemein bekannten Fragen, zu denen ~Weininger~ mit grosser Belesenheit Ansichten gesammelt und gesichtet hat z. B. wo die Geschlechtlichkeit im Körper stecke; nicht darauf kommt es an, was an Wissen, Ansichten und Schlüssen anderer in dem Buche mitläuft und manche blendet, sondern auf die Schlüsse, die ~Weininger~ selbst zieht; wenn die Schlussfolgerungen, die einer aus seinem Denken zieht, pathologische sind, so hilft einem alles gesammelte Wissen des Autors darüber nicht hinweg. Was herauskommt, wenn man das Eigene ~Weiningers~ herausschält, will ich nun zeigen.