Der Fall Otto Weininger: Eine psychiatrische Studie

Part 1

Chapter 13,296 wordsPublic domain

GRENZFRAGEN DES NERVEN- UND SEELENLEBENS.

EINZEL-DARSTELLUNGEN FÜR GEBILDETE ALLER STÄNDE.

IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN DES IN- UND AUSLANDES HERAUSGEGEBEN VON

_Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_ IN MÜNCHEN. IN BRESLAU.

XXXI.

DER FALL OTTO WEININGER.

EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE VON DR. FERDINAND PROBST, ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN.

WIESBADEN. VERLAG VON J. F. BERGMANN. 1904.

Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden.

Nunmehr ist vollständig erschienen:

Osmotischer Druck und Ionenlehre in den medizinischen Wissenschaften.

Zugleich _Lehrbuch physikalisch-chemischer Methoden_.

Von Dr. chem. et med. _H. J. Hamburger,_ Professor der Physiologie an der Reichsuniversität Groningen.

~Erster Band~: Physikalisch-Chemisches über osmotischen Druck und elektrolytische Dissociation. -- Bedeutung des osmotischen Drucks und der elektrolytischen Dissociation für die Physiologie und Pathologie des Blutes. Mk. 16.--.

~Zweiter Band~: Zirkulierendes Blut, Lymphbildung. -- Ödem und Hydrops-Resorption. -- Harn und sonstige Sekrete. Elektro-chemische Aciditätsbestimmung. Reaktions-Verlauf. Mk. 16.--.

~Dritter Band~: Isolierte Zellen. Collide und Fermente. Muskel- und Nervenphysiologie. Ophthalmologie. Geschmack. Embryologie. Pharmakologie. Balneologie. Bakteriologie. Histologie. Mk. 18.--.

Die Bedeutung der physikalischen Chemie für die medizinischen Wissenschaften ist in den letzten Jahren gelegentlich von Rezensionen in diesem Blatte öfters hervorgehoben worden. Professor ~Hamburger~ steht in der vordersten Reihe von denjenigen Forschern, welche durch umfassende und kritische Anwendung der physikalisch-chemischen Methoden und Lehren der medizinischen Wissenschaft neue Wege gebahnt haben. Die Erwartung, dass ein solcher Forscher für ein zusammenfassendes Lehrbuch der geeignetste Mann sei, wird durch das vorliegende schöne Werk erfüllt. Die neueren physikalisch-chemischen Lehren sind darin mit grosser Klarheit und in sehr erschöpfender Weise dargestellt. Mit ganz besonderer Sorgfalt sind die mannigfaltigen, zum Teil schwierigen Methoden beschrieben, so dass jeder, der in die Lage kommt, praktisch mit denselben arbeiten zu müssen, alles was nötig ist, vorfindet. Trotz der Klarheit und Leichtfasslichkeit sind aber, was hervorgehoben zu werden verdient, überall eingehend und kritisch, erstens die nicht zu entbehrende strenge Exaktheit, zweitens die etwas tiefer eindringenden theoretischen Fragen berücksichtigt. Soweit die beiden wichtigen Lehren von dem osmotischen Druck und den Ionen in Frage kommen, ist ~Hamburgers~ Buch für den Mediziner, welcher sich gründliche Kenntnisse verschaffen will, wohl zur Zeit das beste Werk.

Der zweite Hauptteil des vorliegenden Bandes behandelt die Bedeutung des osmotischen Drucks und der elektrolytischen Dissoziation für die Physiologie und Pathologie des Blutes, ein Kapitel von Beziehungen, welches recht eigentlich durch ~Hamburger~ zu einem anschaulichen und selbständigen Lehrgebäude gestaltet worden ist. Eine schier erdrückende Fülle von Tatsachen sind hier niedergelegt und die zahlreichen Ausblicke auf wichtige praktische Fragen lehren, dass kein müssiger Ballast von Gelehrsamkeit aufgestapelt wurde. Theorie, Tatsachen und Methoden sind gleichmässig berücksichtigt. Die zahlreichen Tabellen, welche dem Buche beigegeben sind, machen dasselbe zu einem unschätzbaren Nachschlagewerk.

Professor #L. Asher# (Bern) #i. Korrespondenzblatt f. Schweizer Ärzte#.

GRENZFRAGEN DES NERVEN- UND SEELENLEBENS.

EINZEL-DARSTELLUNGEN FÜR GEBILDETE ALLER STÄNDE.

IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN DES IN- UND AUSLANDES HERAUSGEGEBEN VON

_Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_ IN MÜNCHEN IN BRESLAU.

EINUNDDREISSIGSTES HEFT:

DER FALL OTTO WEININGER.

EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE VON DR. FERDINAND PROBST, ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN.

WIESBADEN. VERLAG VON J. F. BERGMANN. 1904.

#Nachdruck verboten.#

#Übersetzungen, auch ins Ungarische, vorbehalten.#

Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von ~H. Stürtz~ in Würzburg.

»Was wird aus dem Gedanken, der unter den Druck der Krankheit gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht, und hier ist das Experiment möglich.«

~Nietzsche~, Vorwort zur II. Auflage der »Fröhlichen Wissenschaft«.

»Wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits verlassen, der ist auf dem Wege zum Irrsinn.«

~Weininger~, »Über die letzten Dinge«.

Einleitung[1].

Am 4. Oktober 1903 erschoss sich zu Wien der dreiundzwanzigjährige ~Otto Weininger~, Doktor der Philosophie. Von ihm stammen zwei Bücher: »Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung«, das kurz vor seinem Tode erschien und »Über die letzten Dinge«, das Ende 1903 von seinem Freunde ~Moriz Rappaport~ als Nachlass herausgegeben wurde, beide im ~Braumüller~schen Verlag zu Wien.

[1] ~Anmerkung des Herausgebers.~ Die Publikationen des verstorbenen Dr. O. ~Weininger~ erregten alsbald nach deren Erscheinen meine Aufmerksamkeit, und ihr Inhalt liess mir keinen Zweifel, dass dieselben unter dem Einflusse eines krankhaften Geisteszustandes entstanden waren. Von welcher Art dieser war, ergab sich jedoch nicht ohne Weiteres, und so beschloss ich, den Fall O. ~Weininger~ eingehender zu studieren und das Ergebnis in den »Grenzfragen« zu veröffentlichen. Dieser Entschluss veranlasste mich zunächst, biographisches Material über den Verstorbenen zu sammeln, und ich fand bei diesem Bemühen bei dem Vater O. ~Weiningers~ das freundlichste und vertrauenvollste Entgegenkommen, wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen Dank ausspreche.

Anderweitige Obliegenheiten verhinderten mich jedoch an der Fortführung der geplanten Arbeit. Als ich in der Folge aus der Münchener medizinischen Wochenschrift ersah, dass mein Münchener Kollege Dr. ~Probst~ für die Jahresversammlung der bayerischen Irrenärzte in Ansbach einen Vortrag über O. ~Weininger~ angekündigt hatte, setzte ich mich mit demselben in Verbindung und überliess ihm das gesamte von mir gesammelte biographische Material, soweit ich über dasselbe zu verfügen berechtigt war, zur Verwertung für die vorliegende Arbeit.

_L. Loewenfeld._

Besonders »Geschlecht und Charakter«, das eine Lösung der Frauenfrage in höherem Sinne darstellen sollte, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen; es hat eine Reihe von begeisterten Lobrednern gefunden; auch an lebhaftem und energischem Widerspruche hat es nicht gefehlt.

~Strindberg~ begrüsste z. B. das Buch mit den Worten: »Ein furchtbares Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste aller Probleme gelöst hat« und ruft aus: »Ich buchstabierte, aber ~Weininger~ setzte zusammen. Voilà un homme!«

Diesem ersten Werke wird »unheimliche Geschlossenheit und funkelnder Geist« nachgerühmt; die Resultate desselben wurden »betäubend, niederschmetternd« genannt. Die »Letzten Dinge« bezeichnete ~Nordhausen~ als das »köstliche Testament des dreiundzwanzigjährigen Grossen« und behauptete »reicher an Anregungen, an Blitzlichtern und kostbaren Goldfunden ist kein Buch unserer Tage.«

In Wien selbst, der Zentrale der modernen Dekadenz, der Vaterstadt des »Philosophen«, scheint ~Weininger~ sogar eine Art von religiöser Gemeinde zu besitzen. Die Vorrede, die sein Freund ~Rappaport~ zu den »Letzten Dingen« geschrieben hat, enthält folgende Stelle: »Es sei hier erwähnt, dass zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine nur in Wien sichtbare partielle Mondfinsternis stattfand, die genau in dem Moment endigte, als sein Leib in die Erde gesenkt wurde.« Nur beim Tode Christi und angeblich auch beim Begräbnis des Philosophen ~Karneades~ haben sich ähnliche Vorgänge in der Natur gezeigt, Äusserungen übernatürlicher Wesen, die auf diese Weise die göttliche Anteilnahme dokumentieren. Die Geschichte mit der weissen Wolke beim Begräbnis ~Kants~, die ~Rappaport~ dabei anführt, ist nichts wie eine pietätvolle Auslegung eines sehr gewöhnlichen Vorkommnisses; sie kann nur von einem Mystiker ernst genommen werden. Immerhin wird ~Weininger~ auch mit ~Kant~ dadurch in Parallele gebracht.

Es wird also dem nicht gut ergehen, der es wagen wird, diesem Heiland die von seinen Jüngern verlangte Ehrfurcht zu versagen, wie es bereits ~Moebius~ erfahren hat, dem gegenüber sich ~Weiningers~ Freunde gar nicht wegwerfend genug aussprechen können. Ich masse auch mir nicht an mit meinen Auseinandersetzungen sowohl auf jene als auch auf die weitere grosse Masse der Kritikunfähigen einen Einfluss auszuüben, auf jene Menge, die ~Weiningers~ Gedanken anstaunt und zum mindesten mit einer gewissen scheuen Hochachtung von dem grossen Manne redet. Auch haben die wenig zahlreichen Vernünftigen sich bereits ihre Meinung gebildet. (Am besten hat sich Dr. ~Hirth~ in der Jugend ausgesprochen; sehr gut ist auch eine Kritik in der »Beilage zur allgemeinen Zeitung« (Nr. 292, 1903) von Dr. ~Schneider~), der zu dem Urteil kam, »dass ein nicht ganz normales Fühlen in sexueller und vielleicht auch in mancher sonstigen Hinsicht im Verfasser zum mindesten mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden darf.« Was ich im folgenden bieten will, soll lediglich eine psychiatrische Studie sein; denn ich halte ~Weininger~ und seine Bücher für eine hochinteressante Erscheinung, der in den Annalen der Psychiatrie wohl ein dauernder Platz eingeräumt werden wird. Leider bin ich nicht in der Lage, aus dem mir von dem Herrn Herausgeber in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten anamnestischen Material genügende Daten zur Beantwortung der Frage erblicher Belastung zu entnehmen, so dass eine bedauerliche Lücke bleibt, die auszufüllen einer späteren Zeit obliegen wird. Die anamnestischen Angaben stammen grossenteils vom Vater ~Weiningers~, der sie in bereitwilligster und zuvorkommendster Weise gab, ferner von Wiener Bekannten und aus der Biographie ~Weiningers~ von ~Rappaport~. Letztere habe ich mit einer gewissen Vorsicht benutzt, da sie selbst einen exquisit pathologischen Charakter trägt; ich habe ihr das entnommen, was untrüglich mit den eigenen Äusserungen und dem Bilde ~Weiningers~ zusammenstimmt und das ist viel, viel mehr, als der Vater ~Weiningers~ glauben will. Dieser hält seinen Sohn für ein »Phänomen«, ein Genie einzigster Art und bestreitet die Angaben ~Rappaports~ aufs heftigste; er wird auch mit meinen Deduktionen nicht einverstanden sein, da sie ihm Schmerz verursachen müssen. Ich bedauere das tief, denn ich schätze ihn persönlich sehr. Er wünschte eine psychiatrische Betrachtung, weil er überzeugt war, dass kein Nervenarzt im stande sein werde, eine geistige Störung bei seinem Sohne nachzuweisen. Da das Gegenteil der Erwartung folgt, so wird natürlich das psychiatrische Urteil verächtlich behandelt und mir das Recht abgesprochen werden, in so hohen und erhabenen Dingen überhaupt mitzusprechen. »In tyrannos« sagt ~Jentsch~ in solchem Falle. So heisst es von ~Moebius~ (~v. Appel~, Neue Bahnen 1904. IV. 214), es sei psychologisch ja sehr begreiflich, dass der Leipziger Materialist Vogtscher Färbung den Dualisten ~Weininger~ nicht verstehen könnte, und er wird zum »ideellen latenten Sadisten« gestempelt. Da man mir, wollte ich mit philosophischem Wissen kritisch auftreten, als Psychiater doch sofort entgegenhalten würde, dass ich eo ipso nichts von philosophischem Denken verstünde, so will ich in meinen Auseinandersetzungen versuchen, möglichst »hausbacken«, möglichst klar und einfach zu sein; man kann nämlich die Ideen, die speziell ~Weiningers~ Eigenes sind, viel klarer sehen, wenn man das »philosophische Mäntelchen« weglässt, das er ihnen umgehängt hat. Auch habe ich es für gut gehalten, möglichst viele Stellen aus den Büchern ~Weiningers~ wörtlich wiederzugeben, wie ja auch die Krankenjournale die besten sind, in denen sich die Aussprüche der Kranken nach Stenogrammen wörtlich verzeichnet finden.

Die Anamnese.

~Otto Weininger~ ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter, gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt an, dass sich in ~Weiningers Ascendenz~ keine Fälle geistiger Störung befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte; als Jude hat ~Weininger~ jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme angehört, der nach ~Charcot~ »das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu zeigen.«

Die lebenden Geschwister ~Weiningers~, es sind vier, sollen geistig und körperlich gesund sein; zwei starben an Diphtherie resp. Blinddarmentzündung. ~Weininger~ kam ohne Kunsthilfe nach normal verlaufener Schwangerschaft zur Welt. Der Vater giebt an, die körperliche Entwickelung sei eine vollständig normale gewesen; »man konnte ihn eher zu den kräftigeren Kindern zählen. Mit vierzehn Monaten sprach er in höchster Deutlichkeit sein Deutsch, wozu er allerdings im Hause gut angehalten wurde. Er zeichnete sich bald durch geistige Frühreife aus, aber nicht im Sinne der Altklugheit.« »Mit fünfzehn Monaten ging er sicher allein fest auf den Beinen. In der Volksschule machte er sich den Lehrern oft unangenehm durch einen seinem Alter weit vorauseilenden Wissensdrang und sogar schon durch Bethätigung desselben auf Gebieten, die ihm fernab hätten liegen sollen; auch übte er zuweilen Kritik an den Äusserungen seiner Lehrer. Er erhielt gute Noten, meist sehr gut; nur in der Sittennote war er selten der erste, weil er sich in den Unterrichtsgegenständen der Disziplin nicht fügen und seinen eigenen Weg gehen wollte.« In den Jahren 1890-1898 besuchte er das Gymnasium. Auch hier war er stets einer der Besten, in Sprachen stets der Beste, ebenso in Geschichte, Litteratur, Logik und Philosophie. »Und doch machte er sich fast sämtlichen Lehrpersonen missliebig; es gab sogar zwei- bis dreimal heftige Auftritte in der Schule. Er machte die Arbeiten stets wie er, selten wie die Lehrer wollten, kümmerte sich manchmal nicht um den Unterricht, sondern ignorierte ihn und beschäftigte sich mit seinen Büchern, schrieb auch in der Klasse, was gar nicht im Zusammenhang mit dem Gegenstand des Unterrichtes war.« Zum Verdrusse des Vaters bewies der junge Gymnasiast ferner »eine gewisse Geringschätzung für die geistige und wissenschaftliche Kapazität einiger seiner Professoren und das brachte ihm schlechte Sittennoten ein, wiewohl er eigentlich »Sittenloses« sich nie weder in der Schule noch später zu schulden kommen liess. In Französisch, Englisch und Spanisch wusste er enorm viel.« Diese drei Sprachen erlernte ~Weininger~ bei seinem Vater. Er überraschte diesen durch die ungeheuere Leichtigkeit seiner Auffassung und durch sein erstaunliches Gedächtnis, obwohl der Vater ausdrücklich von sich bemerkt, dass er für ziemlich streng und anspruchsvoll gelte. Für Naturwissenschaft und Mathematik hatte ~Weininger~ in seinen Gymnasialjahren wenig Interesse, daher auch weniger gute Noten; erst in den Universitätsjahren erwachte auch für diese Gegenstände grosse Neigung in ihm.

Im Oktober 1898, in einem Alter von 18-1/2 Jahren, bezog er die Universität Wien; er war ausschliesslich in Wien immatrikuliert.

Als Kind und Knabe soll ~Weininger~ keine Abweichungen in seinem Verhalten von dem seiner Altersgenossen gezeigt haben. »Sein Verhalten gegen die Mitschüler wich nicht sonderlich von der allgemeinen Gepflogenheit ab. Mit zweien oder dreien pflegte er in der Klasse intimeren Verkehr zum Gedankenaustausch und diese waren auch seine Freunde. Er nahm als Knabe in ganz normaler Weise an den Spielen seiner Kameraden teil. Nur mit seinen Büchern isolierte er sich gern. Aber er verschmähte in der Schule und besonders im Untergymnasium nie die Teilnahme am Spiel. Im Obergymnasium allerdings wurde das seltener. Bis zu seinem 21. Lebensjahre betrug er sich gegen seinen Vater und seine Geschwister nicht abweichend von anderen Kindern und jungen Menschen seines Alters; doch machte er Unterschiede und fühlte sich mehr angezogen von den strengen, verlässlichen Charakteren seiner Geschwister und abgestossen von den schwächlichen Charakteren unter ihnen.«

Den Verhältnissen seines Vaters, der, wenn auch gut situiert, doch nicht über Reichtümer verfügte, trug der Sohn stets Rechnung; der Vater erzählt, dass er mit Ausnahme seiner Ausgaben für Bücher sehr sparsam gewesen sei. Dem Vater scheint er schwärmerisch zugethan gewesen zu sein. »Ich vernichtete aus seinen letzten Schriften ein Blatt,« schreibt der Vater, »das zu meiner Verherrlichung dienen sollte.« Nach ~Schopenhauer~schem Vorbild. Schade, dass es vernichtet ist. Grosse Verehrung soll ~Weininger~ auch für seine älteste Schwester gehegt haben; erst während der letzten zehn Monate seines Lebens sei eine Abkehr auch von ihr eingetreten. Der Vater schiebt dieselbe auf äussere, fremde Einflüsse; sie wird sich aber wohl folgerichtig erklären aus der geistigen Verfassung ~Weiningers~, wie später gezeigt werden soll.

Im Sommer 1900 äusserte ~Weininger~ seinem Vater gegenüber, dass er zum Christentum übertreten wolle. Der Vater war damals absolut nicht damit einverstanden. »Damals war von christlichem Sinn bei meinem Sohn keine Rede und ich hielt dafür, dass er aus materiellen Interessen Konvertit werden wollte,« sagt der Vater und fährt fort: »hätte ich damals Spuren der herrlichen Wandlung (!) entdeckt, die er später durchmachte, ich wäre dem Gedanken ganz versöhnlich gegenübergestanden, wie es thatsächlich der Fall war, als ich im Sommer 1902 den Religionswechsel erfuhr, also fünfzehn Monate vor seinem Tode, und nie liebten wir einander mehr als diese fünfzehn Monate.« Am 21. VII. 02, dem Tage seiner Promotion, war ~Weininger~ nämlich zum Protestantismus übergetreten. Der Vater erfuhr den Übertritt nachträglich. Im September 1901 bereits hatte ~Weininger~ das elterliche Haus verlassen und in der Stadt ein Zimmer für sich bezogen; er kam von da ab nur zwei- bis dreimal wöchentlich zu den Mahlzeiten nach Hause. Die »herrliche Wandlung« hatte sich also nicht so eigentlich unter den Augen des Vaters abgespielt und sind die Angaben desselben über die letzten zwei Lebensjahre seines Sohnes zwar in gutem Glauben gemacht, aber deutlich einer bestimmten Absicht unterworfen und hypothetisch. Der Vater hält Dinge in den beiden letzten Jahren für unmöglich, nur weil er in den vorhergegangenen keine ähnlichen Wahrnehmungen gemacht hatte.

Für geselligen Verkehr scheint der Student ~Weininger~ keinen Sinn gehabt zu haben; der Vater berichtet darüber: »Etwa ein Jahr, vom 20.-21. Jahre, verschmähte er auch nicht, einen Abend bei einem oder zwei Glas Bier im Gasthaus mit Freunden zuzubringen, begleitete sogar drei- oder viermal Mutter oder Schwester (weil ich für derlei Dinge nicht zu haben war) zu Tanzkränzchen. Er schämte sich dessen später und als ich ihm einige Tage vor seinem Tode eine stilistisch verbesserungsbedürftige Stelle in seinem Werke bezeichnete, sagte er: »Du hast Recht, Vater; ich schrieb dies, als ich tief stand,« mit direktem Hinweis auf jene Epoche.

Über das sexuelle Leben seines Sohnes versucht der Vater ebenfalls nach Möglichkeit Aufschluss zu geben; man muss sich aber hier vor Augen halten, dass ~Weininger~ zwei Jahre fern vom Vater lebte und dass es überhaupt wohl wenig Väter geben wird, die von ihren jungen Söhnen zu Vertrauten des sexuellen Empfindens derselben gemacht werden. Der Vater will keinerlei sexuelle Abnormität am Sohne wahrgenommen haben; er sagt: »Ich schreibe, was er mir selbst diesbezüglich sagte und zu einer Zeit, wo er schon von ausserordentlicher Wahrheitsliebe durchdrungen war (!).« Er glaubt, dass sein Sohn erst sehr spät, etwa mit zwanzig Jahren, in geschlechtlichen Verkehr mit Frauen getreten und dabei sehr mässig geblieben sei; auch ist dem Vater nicht bekannt, dass der Sohn je in ein Mädchen verliebt gewesen sei. »Er verkehrte gewiss mit sehr wenigen weiblichen Wesen.« Als ihm der Vater einmal einwandte, wie er bei so geringer Erfahrung zu so vernichtendem Urteil über die Frau habe gelangen können, antwortete der Sohn, es sei ein grosser Irrtum, von der Erfahrung die richtige Erkenntnis zu erwarten. Ich möchte nach dem Inhalt der Werke und den Worten seines Freundes eher glauben, dass ~Weininger~ von Hause aus stark erotisch veranlagt war. Davon später.

~Weininger~ war »früher gegen Untergebene stets sanft, z. B. gegen Dienstboten und Menschen von niederer Lebensstellung; gegen Autoritäten aber zuweilen aufbrausend und zornig.« Hartherzigkeit und Geiz seien ihm fremd gewesen. Sehr interessant ist die Angabe des Vaters, dass ~Weininger~ die letzten zwei Jahre seines Lebens »von einer rührenden Demut gegen alle« gewesen sei. »Ich hiess ihn innerlich einen Heiligen; doch war er gewiss sehr stolz auf seine Fähigkeiten, wie er überhaupt nie gelten liess, dass grosse Menschen, die Grosses geleistet hätten, bescheiden gewesen wären, höchstens nach aussen hin seien sie es gewesen.« Mit dieser Wandlung zur Demut mag wohl die Angabe ~Rappaports~ im Zusammenhang stehen, dass ~Weininger~ keinem Bettler eine Gabe reichte, ohne den Hut zu ziehen und über keine Wiese ging, um keinen Lebenskeim zu zerstören; der Vater bestreitet übrigens die Richtigkeit dieser Angaben; vor den Lebenskeimen hat ja ~Weininger~ thatsächlich in seinen Werken keinerlei Respekt gezeigt; aber es ist wohl möglich, dass er einmal in irgend einem Gefühlsüberschwang Derartiges that.

Über die Stimmungen seines Sohnes berichtet der Vater: »Bei aller Tiefe seines Denkens war er bis zum vollendeten 21. Lebensjahre eher heiter als trübselig und nur beim Studium und Musikgenuss von grossem Ernst. Erst knapp ein Jahr vor seinem Tode verdüsterte sich sein Gemüt, aber auch nicht gerade besorgniserregend, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im November 1902, also elf Monate vor seinem Tode, zu der ich allerdings besorgt war; es ging aber vorüber und wurde wieder viel besser, so dass ich gleichen Verlauf für jene zweite Krise erwartete.« Leider enthält sich der Vater jeder Angabe über die Vorstellungen, die den Sohn während seiner melancholischen Verstimmung beschäftigten. ~Rappaport~, wie ich gleich hier einschieben will, giebt an, dass ~Weininger~ schon im Herbst 1902 vor der Ausarbeitung von »Geschlecht und Charakter« sich eine Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen habe, und dass das Unglück damals nur durch Zureden seiner Freunde verhindert worden sei. Diese Angabe deckt sich so mit der des Vaters, dass wohl auch die anderen bestrittenen Mitteilungen nicht aus der Luft gegriffen sind.

Im Juni 1903 gab ~Weininger~ seine eigene Wohnung auf, brachte sechs Wochen mit seiner Familie in Brunn bei Mödling zu und reiste Ende Juli nach Italien, wo er bis Ende September blieb. Anscheinend war bei Beginn der Reise schon wieder eine Depression im Anzuge; bei seiner Rückkehr am 29. IX. 03 nach Wien war er in düsterster Stimmung. Er verblieb zunächst fünf Tage im Hause des Vaters, das er am Abend des 3. X. verliess, um sich in Beethovens Sterbehaus ein Zimmer zu nehmen, in dem er dann seinem Leben ein Ende machte.