Der Fall des Generalstabschefs Redl

Part 4

Chapter 43,157 wordsPublic domain

Ein Mann von den Fähigkeiten und dem Range Redls konnte nicht so zur Spionage verleitet werden, wie es bei militärischen Greenhorns üblich ist. Es war fast immer die gleiche Methode: ein junger Leutnant, der sich auf einem Fort bei Cattaro, Drohobycz oder Rasuljaca langweilte, bekam eines schönen Tages die Aufforderung einer Schweizer oder holländischen Zeitung, doch Stimmungsberichte über das Leben der Ortsbewohner und über die Landschaft zu schreiben. Man habe von seinem schriftstellerischen Talente gehört usw. Er versuchte es, schickte etwas ein, bekam das Belegexemplar der Zeitung, die meist eigens für diese Zwecke gedruckt wurde, sah sich freudestrahlend gedruckt, bekam ein Honorar von 200 Franken und große Komplimente der »entzückten« Redaktion. Dann verlangte man andere Mitteilungen von ihm oder trug ihm einen Redakteurposten mit fürstlichem Gehalt an, -- er möge sich Urlaub nehmen und nach Lausanne oder nach dem Haag kommen. Lehnte er es ab, so hatte man die große Pression bei der Hand: Organe der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft hätten sich bereits nach dem Artikelschreiber dringlich erkundigt, aber man habe das Redaktionsgeheimnis streng gewahrt, »weil man den wertvollen Mitarbeiter doch nicht verlieren wolle«. Dies sagte dem armen Leutnant genug. Wenn er sich nicht weiterhin willfährig zeige, würde er verraten werden. »Unbefugte Mitteilungen an die Presse«, vielleicht gar »Verrat militärischer Geheimnisse«, -- denn was konnte nicht alles als militärisches Geheimnis angesehen werden!

Ranghöhere Offiziere, die strafweise in Grenzstationen kommandiert waren, oder durch die Einöde und die Einförmigkeit zu Alkohol und Hasard getrieben worden waren, wurden gewöhnlich durch Darlehensangebote von Geldleuten, die geheim im Dienste des Nachbarstaates standen, in deren Abhängigkeit gebracht. Eine ganze Bande solcher Lockwucherer haben am Anfang dieses Jahrhunderts in Galizien und der Bukowina ihr Unwesen getrieben und sie waren es auch, die u. a. Hekailo, Wienckowski und Acht zum Spionagedienst zu pressen gewußt hatten.

Eine dritte Art der Spionenwerbung ist die, an Leute heranzutreten, die sich des Schmuggels oder anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, und unter Zusicherung von Straflosigkeit sie in den Kundschafterdienst aufzunehmen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmtesten Spione der Kriegsgeschichte. Friedrich der Große hat den Meisterdieb Andreas Christian Käsebier eigens mit Eilstaffetten aus dem Zuchthause von Stettin holen lassen, damit er vor der Schlacht bei Kolin den Zustand der belagerten Stadt Prag auskundschafte. Auch der König der Spione, Karl Ludwig Schulmeister, vulgo Charles oder Meinau, der grand espion Napoleons I., war 1805 in die Dienste der geheimen französischen Militärpolizei getreten, als sein Straßburger Schmuggelgewerbe verraten war. In gewissem Sinne ist auch Redl als solch ein Opfer seines Vorlebens anzusehen. Zwar ist anzunehmen, daß er als Leiter des Kundschafterdienstes geistig angesteckt wurde. Gibt es eine zwiespältigere Beschäftigung, als Spione anzuwerben und Spione zu entlarven, Spionen Aufträge zu geben und Spione zur Bestrafung zu überantworten! Da -- trotz Lassalle -- die Arbeit stärker auf den Arbeiter abfärbt, als der Arbeiter auf die Arbeit, mußte in ihm der Gedanke auftauchen, um wieviel besser er so etwas tun könne, als die armen Kerle, die er leicht entlarvte und die trotzdem viel Geld verdienten, mehr als er selbst. Trotzdem aber hätte er sich, ehrgeizig wie er war, niemals zu solchen Diensten hergegeben -- wenn er nicht das Opfer einer Erpressung geworden wäre. Als Leiter der Spionage-Anwerbung mußte er natürlich von Agenten fremder Mächte überwacht werden, die wissen wollten, mit wem er verkehre. Diese Überwachungsorgane hatten bald das in Erfahrung gebracht, was Redls Vorgesetzte und Untergebene nicht wußten, -- daß er verbotenen Umgang mit Männern pflege. Verschiedene Umstände weisen sogar darauf hin, daß jener russische Militärattaché, den Kaiser Franz Josef beim Hofball brüskiert hatte, derjenige gewesen war, der Redl -- allerdings lange vorher -- zum Spionagedienst für Rußland gepreßt hat. Als der Russe die Homosexualität seines Gegners erfahren hatte, war Redl verloren, denn der Verrat dieser Anomalie mußte ihn den Kragen kosten, während er als gemeiner Verbrecher von Stufe zu Stufe steigen konnte, bis zum Generalstabschef und vielleicht noch höher.

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Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: »Das Leichenbegängnis des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.«

Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.

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Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem Verrate Redls in Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das photographische Laboratorium mit Zeißapparaten, Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten gesellten.

Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- und Speditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent.

Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.

Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung standen, bewahrt der Konkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch junge Offiziere und Soldaten. »Mit Freude ergreife ich die Feder ...«, -- so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.

Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine »fausse maitresse«, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre Freundschaft mit Redl, »die von Dir immerfort verlangte Wahrung des Dekorums« die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...

Für geistige Betätigungen Redls fanden sich keinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen zu sein.

Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen Freundin addiert.

Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.

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Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, bezieht sich der erste auf den Redl'schen Selbstmord. Es heißt darin: »... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit erhobener Stimme: >Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der Religion, -- auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, ist unchristlich.< Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheit unterbrach mich ungnädig: >Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den Selbstmord nicht verhindert hat.< Auch darüber war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.«

Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:

»Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen, man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.«

Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.

Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:

»Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas auffällt.«

Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indem es den mit der Technik der Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.

FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: »Bei den vielen Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechsel des Thronfolgers, auf die kommenden großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden -- ich war nicht der Älteste unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher Aufwand, speziell sein »Autohalten« auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, >besitzt eigenes Vermögen<. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht verantwortlich machen.

Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes >Kavalleriekorps< auch eine Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das >Attachéquartier<, das ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. Dieser wurde entwickelt und produzierte eine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, >gerichtliche Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen<. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützes vernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur Durchsicht des Nachlasses bestimmt -- und dennoch konnte es geschehen, daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen -- es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.

Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres 1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.