Der Fall des Generalstabschefs Redl
Part 2
Oberst Redl geht über den Tiefen Graben und die Heinrichsgasse zum Franz-Josefs-Kai. Von Zeit zu Zeit sieht er sich um; sein Schatten folgt ihm. Am Kai biegt er nach links ein. Er will wohl in die Brigittenau. Dort ist er heute um vier Uhr nachmittags in seinem Kettenwagen, den er im August 1911 bei Daimler um 18000 Kronen gekauft hatte, aus Prag angekommen. Ein schönes Auto, die Initialen A. R. in Goldbuchstaben verschlungen, auf dem Wagenschlag; der Querstrich des A. ist kein wagerechter Strich, sondern besteht aus zwei schrägen Linien: es sieht wie ein »v« aus. Auch ist eine Krone über dem Monogramm, zwar nur die fünfzackige Bürgerkrone, -- aber wer merkt das? Beim Karosserienmacher Zednicek, auf dem Brigittaplatz, hat er das Auto eingestellt, damit der die Seitenwände des Chassis in den unteren Teilen mit Glanzleder bekleide und das ganze Innere mit bordeauxroter Seide neu tapeziere, binnen vier Tagen soll das Ganze fertig sein, der Herr Oberst will schon Dienstag im restaurierten Wagen nach Prag zurück. Dem Chauffeur hat er den Auftrag gegeben, bei Prowodnik zwei neue Pneumatiks zu kaufen, und dann Dienstag morgens zur Abreise gestellt zu sein. Dann ließ er sich vom Wallensteinplatz ein Mietsauto holen, und fuhr ins Hotel Klomser, wo sein Diener Josef Sladek vom Inf.-Reg. Nr. 11 schon mittags mit dem Prager Zug eingetroffen war.
In dem Hotelzimmer war nachmittags Stefan H. zu Besuch erschienen, ein junger Kavallerieoffizier aus Stockerau, der Geliebte Redls. Eine lange Auseinandersetzung hatte stattgefunden, deren Substrat man später in Briefen Redls finden sollte. Redl hatte in dem Hotel den jungen Freund wieder für sich gewonnen. Um halb sechs Uhr war Leutnant Stefan H. fortgegangen. Zehn Minuten später Redl. Eilig. Er mußte aufs Postamt. Das Geld beheben. Monatelang hatte er es aufgeschoben. Jetzt mußte es sein. Er wollte seinem Stefan ein Auto kaufen. Mit ihm über Land fahren.
»Über Land fahren ...« Und jetzt hastet Redl mit unheimlichem Gefolge den Donaukanal entlang, und denkt, wie gut es wäre, in seinem Tourenwagen zu sitzen und -- auch ohne Glanzlederbelag an den unteren Teilen des Chassis und ohne bordeauxrote Tapeten -- schön über Land fahren zu können. Über Land fahren. Er muß jedoch einsehen, daß daran nicht zu denken ist, und kehrt über den Schottenring nach Hause zurück.
Der Leiter des Evidenzbureaus Urbañski von Ostromiecz ist beim Grand-Hotel vorgefahren. Im Speisesaal sitzt »der Chef« in großer Gesellschaft. »Was bringst du mir Schönes?« fragt Conrad von Hötzendorf den Freund. Die Musik spielt ein Potpourri aus dem »Graf von Luxemburg«, der neuen Operette: Bist du's, lachendes Glück ...
»Dürfte ich Ew. Exzellenz gehorsamst um ein Gespräch unter vier Augen bitten?«
»So dringend? Na, alsdann geh'n wir!«
Der Chef des Generalstabes geht mit dem Chef seines Evidenzbureaus durch den Speisesaal.
In einem Nebenraum erstattet Urbañski die Meldung. Conrad war schon auf Schlimmes gefaßt. Aber als er hört, um was es sich handelt, wird er kreidebleich. Er spricht kein Wort. Er versucht, sich die Tragweite dieses Verbrechens vorzustellen. Der Fall wird bekannt, -- Empörung braust heran, -- die Truppe haßt den Generalstab ohnedies, »die Auserwählten« -- was wird das Ausland sagen! der Feind! -- welch ein Triumph! Alles schon morsch, sagt man gerne der Monarchie nach -- und im verbündeten Reich, welche Besorgnis, welches Mißtrauen! Und bei den oppositionellen Nationen, was wird geschehen, wenn in dieses Pulverfaß ein Zündstoff fällt! Gerade jetzt, da die Lage mehr als kritisch ist, -- sie fordert höchste Anspannungen --. Der Chef des Generalstabes denkt nach. »Diese alberne Musik, wenn sie doch wenigstens für fünf Minuten aufhören wollte!« Er setzt sich, steht wieder auf. Spricht die Entscheidung aus:
»Der Schuft muß ergriffen werden, man muß aus seinem Munde hören, wie weit der Verrat reicht und -- dann muß er sofort sterben!«
Man muß dem Vaterland, der Wehrmacht und -- vor allem -- dem Generalstab die Erschütterung ersparen, die nicht ausbleiben kann, wenn so etwas bekannt wird.
»Er selbst, Exzellenz ...?«
»Ja. Niemand darf etwas über die Todesursache erfahren! Bin ich verstanden worden, Herr Oberst?«
»Zu Befehl, Exzellenz!«
»Heute nacht muß alles geschehen!«
»Zu Befehl, Exzellenz!«
»Sie werden sofort eine Kommission zusammenstellen, Herr Oberst! Bestehend aus Höfer als Leiter, aus dem Chef des Auditoriats, Ihnen und dem Leiter der Kundschafterstelle. Nur vier Herren. Die Berichte sind direkt an mich zu erstatten.«
»Zu Befehl, Exzellenz.«
Während Oberst Redl, überwacht, in der Richtung zur Brigittenau strebte, und dann diese Absicht aufgab, wartete in der Halle des Hotels Klomser ein alter Bekannter auf ihn, dem er aus Prag sein Kommen telegraphiert hat, um mit ihm den Abend zu verbringen: es ist der Generaladvokat bei der Generalprokuratur des Obersten Gerichts- und Kassationshofes, Erster Staatsanwalt Dr. Viktor Pollak. Redl und Pollak kennen einander von Berufswegen. Wenn Redl als militärischer Gutachter Belastungsmaterial über Belastungsmaterial auf einen spionageverdächtigen Angeklagten gehäuft hatte, war es Dr. Pollak als höchster öffentlicher Ankläger, der in seinem unwiderlegbaren, vehementen Plaidoyer diesem Gutachten die (den Angeklagten) vernichtende Wirkung lieh. Diese Mitarbeit hat diese zwei Menschen auch persönlich, menschlich zusammengeführt. Partner und Freunde sind sie. Sie gehen heute gemeinsam ins Restaurant Riedhof in der Josefstadt. Der Oberstaatsanwalt hat keine Ahnung, daß das Souper überwacht wird. Er weiß nichts davon, daß sein Freund, an dessen Glas er eben seines stößt, ein so schwerer Verbrecher ist, wie er keinem in seiner langjährigen staatsanwaltlichen Praxis begegnet ist. Was aber dem Generalprokurator auffällt, ist die Nervosität, die Aufregung, die Einsilbigkeit des Tischgenossen.
Oberst Redl überlegt. Wie könnte er sich dem Tod entziehen? Soll er sich seinem Freunde, dem Oberstaatsanwalt anvertrauen, seinen Rat einholen, seine Intervention erbitten? Und zu welchem Ende? Um ins Ausland zu flüchten? Um im Sanatorium Schutz zu suchen, sich auf Geistesstörung ausredend oder sich als Opfer seiner Sexualverirrungen hinstellend?
Er schließt Kompromisse zwischen all diesen Möglichkeiten, er vertraut sich dem Freund nicht geradezu an, macht aber doch Andeutungen, er gibt seine Homosexualität nicht zu, spricht aber von moralischen Verwirrungen, er gesteht nicht ein, daß er ein Spion ist, bezichtigt sich aber vague eines schweren Verbrechens, er redet verwirrt, so daß sein Freund daraus eine Geistesstörung folgern könnte, und er verlangt dessen Hilfe zur sofortigen ungehinderten Rückkehr nach Prag, wo er sich seinem Vorgesetzten, dem Korpskommandanten, rückhaltlos anvertrauen möchte.
Tief erschrocken hört Oberstaatsanwalt Dr. Pollak zu. Er hat wohl schon hundertmal wegen kleinerer Andeutungen Leute ins Gefängnis gebracht und schon wegen geringerer Momente sofortige Verhaftung oder Verweigerung des Strafaufschubes beantragt. Hier aber bin ich ein Mensch, in persönlichem Verkehr, denkt er, und Redl ist mein Freund. Er erklärt sich auf dessen Bitten bereit, den Chef der politischen Polizei anzurufen. Zu seiner Überraschung ist Regierungsrat Gayer, mit dessen Wohnung er sich verbinden lassen wollte, zu so später Nachtstunde noch im Amt.
»Ich bin hier mit dem Generalstabsoberst Redl beim Nachtmahl,« beginnt er.
»Ja, im Riedhof, Herr Oberstaatsanwalt.«
»Wieso wissen Sie das, Herr Regierungsrat?«
»Zufällig, Herr Oberstaatsanwalt. Und Sie wünschen?«
»Oberst Redl hat anscheinend eine psychische Störung erlitten. Er spricht von moralischen Verfehlungen und Verbrechen, die er begangen hat. Er bittet mich, ich möchte ihm die ungestörte Fahrt nach Prag ermöglichen. Vielleicht könnten Sie ihm einen Begleitmann mitgeben?«
»Heute abend läßt sich gar nichts mehr machen, Herr Oberstaatsanwalt. Aber beruhigen Sie den Herrn Obersten und sagen Sie ihm, er soll sich morgen direkt an mich wenden -- was in meinen Kräften steht, will ich gerne tun.«
Mehr als diese Zusicherung kann der Herr Oberstaatsanwalt nicht erzielen.
Oberst Urbañski von Ostromiecz und Generalstabshauptmann Ronge sind inzwischen in die Wohnung des Oberstauditors Kunz, des Auditoriatschefs gefahren. Aber der ist nicht in Wien. Sie gehen in ein Caféhaus und suchen in Lehmanns Adreßbuch, welcher Auditor von Stabsoffiziersrang im IX. Bezirk wohnt. Sie finden den Namen »Wenzel Vorlicek, k. u. k. Majorauditor«.
Armer Major Vorlicek! Vor seinem Hause steht eben eine Droschke. In seiner Wohnung sind die Koffer gepackt. Er hat einen ausnahmsweisen Urlaub erhalten, um seine schwerkranke Schwägerin nach Davos zu bringen. Die Schlafwagenplätze waren nur mit Mühe zu beschaffen, für heute hat er sie endlich erhalten, und hat in Davos telegraphisch Zimmer bestellt. Um 11 Uhr 20 geht vom Westbahnhof sein Zug. Jetzt treten der Chef des Evidenzbureaus und der Leiter der Kundschafterstelle in seine Wohnung, und bringen ihm den Befehl, an einer Kommission teilzunehmen, die mit wochenlanger Untersuchung verbunden sein wird. Die Schwägerin ringt verzweifelt die Hände, der Major selbst ist entsetzt. Läßt sich nichts machen? Nein, Eile. Befehl vom Chef des Generalstabs. Vorlicek muß den Zivilanzug vom Körper reißen, die Uniform anlegen, ins Auto steigen.
Die Fahrt geht zum Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: Generalmajor Höfer wird aus dem Bett geholt, er muß Leiter der Kommission sein. Die vier Herren fahren zum Kriegsministerium, erkundigen sich zunächst über den Stand der Angelegenheit. Sie erfahren vom Souper im Riedhof, von der Bitte des Dr. Pollak, die Polizei möge eine überwachte Rückkehr Redls nach Prag ermöglichen. Auch im »Café Kaiserhof« waren die beiden Herren nach dem Souper, und von dort hat der Oberstaatsanwalt von neuem dem Regierungsrat Gayer telephoniert, ob man Redl nicht in einem Sanitätsauto in ein Sanatorium bringen könnte. Aber auch daraufhin hat er nur Vertröstungen auf den nächsten Tag als Antwort bekommen. Um halb 12 Uhr nachts hat sich Oberstaatsanwalt Dr. Pollak vor der Türe des »Hotel Klomser« von Oberst Redl verabschiedet.
* * * * *
Um Mitternacht läuten vier Offiziere an der Hoteltüre von Klomser. Der Portier will sie -- den Hotelinstruktionen entsprechend -- nicht ins Zimmer hinauflassen. Aber auf das entschiedene Auftreten der Herren hin muß er jeden Einspruch aufgeben. Man klopft an die Tür von Zimmer Nr. 1. Während ein heiseres »Herein« hörbar wird, öffnen sie. Oberst Redl ist in salopper Toilette beim Tisch gesessen und hat geschrieben.
Er erhebt sich wankend, Leichenfarbe im Gesicht.
»Ich weiß, weshalb die Herren kommen,« bringt er langsam heraus. »Ich habe mein Leben verwirkt, und bin eben im Begriffe, Abschiedsbriefe zu schreiben.«
Ein Brief Redls an seinen Bruder liegt auf dem Tisch, der angefangene Brief war an General v. Giesl, den Kommandanten des Prager Korps adressiert. Auf dem Waschtisch liegen ein Taschenmesser und ein kleines Stück Bindfaden. (»Ein dolchartiges Messer« und eine »Rebschnur«, sagte eine Woche später Landesverteidigungsminister Georgi im Reichsrat, als die Heeresverwaltung beschuldigt wurde, Redl den Selbstmord befohlen zu haben.)
Die Kommission befragt Redl nach seinen Komplizen.
»Ich hatte keine Komplizen,« erwidert er.
Auf die Frage nach dem Umfang seines Verrates, nach dessen Details und Dauer hat er zur Antwort, alle Beweise würden sich in seiner Prager Dienstwohnung im Korpskommandogebäude finden. Die Kommission gibt sich damit zufrieden. Bevor sie das Zimmer verläßt, fragt einer: »Eine Schußwaffe haben Sie, Herr Redl?«
Oberst Redl: »Nein.«
Das Mitglied der Kommission: »Sie dürfen um eine Schußwaffe bitten, Herr Redl.«
Redl (stockend): »Ich bitte -- gehorsamst -- um einen -- Revolver.«
Niemand hat einen bei sich. Aber man sagt ihm zu, daß er ihn bekommen werde. Eines der Kommissionsmitglieder fährt nach Hause, seinen Browning zu holen, um ihn »Herrn Redl« einzuhändigen.
Dann warten vier hohe Offiziere an der Ecke der Herrengasse und der Bankgasse, damit sich der Hochverräter nicht durch Flucht dem Tode entziehe. Sie können die Fenster von Nr. 1 nicht sehen, denn es ist ein Hofzimmer. Sie lösen einander ab, um schwarzen Kaffee zu trinken. Dann wird das Café Central gesperrt. Es vergehen Stunden auf Stunden. Nichts, kein Lärm, keine Aufregung, kein Schuß verrät, daß das Spionagedrama seinen vorläufigen Abschluß gefunden habe. Abwechselnd fährt je eines der Kommissionsmitglieder nach Hause, Zivil anzulegen, denn die vier auf- und abgehenden Stabsoffiziere erregen in der stillen Herrengasse bereits Beachtung. Die Stunden verrinnen. Nichts. Man kann doch nicht hinaufgehen und dem Oberst sagen: »Machen Sie rasch, wir wollen schlafen gehen.«
Wie spät ist es?
Melde gehorsamst: Fünf Uhr.
Man soll zeitig den Chef des Generalstabes anrufen und die »Beendigung« der Affäre melden. Zwei der Offiziere müssen mit dem ersten Schnellzug, 6 Uhr 15, nach Prag fahren, um die Hausdurchsuchung vorzunehmen. Es wird also ein Detektiv der Staatspolizei telephonisch herbeigerufen -- einer von den beiden, die gestern die Verfolgung Redls unternommen und noch in der Nacht einen Spezialschwur auf Diensteid geleistet hatten, kein Wort über diese Angelegenheit zu sprechen. Die Kenntnis der ganzen Sache sollte auf zehn Personen beschränkt bleiben, unter denen sich die höchsten Persönlichkeiten der Monarchie befanden. Und niemals sollte ein anderer auch nur ein Wort darüber erfahren, daß ein Generalstabschef Spionage getrieben habe.
Der herbeigekommene Detektiv erhielt genaue Weisungen, wie er feststellen solle, was mit Oberst Redl geschehen sei. Falls er ihn tot auffinde, möge er im Hotel nichts verraten, damit nicht die auffallende Tatsache bekannt werde, die Leiche sei von einem Polizeiagenten entdeckt worden. Mit einem Zettel, mittels dessen Oberst Redl zu einem Rendezvous geladen wurde, begab sich der Detektiv in das Hotel Klomser und sagte, er sei vom Herrn Oberst bestellt, um ihm um halb sechs Uhr früh diese Antwort auf einen Brief persönlich zu übergeben. Der Portier, seines vergeblichen Einspruchs gegen den nächtlichen Besuch der vier Offiziere eingedenk, ließ den Boten passieren. Der kam, kaum zwei Minuten später, wieder zurück und trat auf der Straße auf seine Auftraggeber zu.
»Das Zimmer war offen,« meldete er erregt, »ich bin also eingetreten. Neben dem Kanapee liegt der Herr Oberst -- tot.«
Hiermit war der Straßendienst der Stabsoffiziere zu Ende -- genau zwölf Stunden nach der Behebung der postlagernden Briefe. Man rief -- damit die Leiche noch vor Tagesanbruch gefunden werde -- das Hotel unter einem fingierten Namen an: der Herr Oberst möge sofort zum Telephon kommen. Man wartete aber nicht länger am Apparat.
Wenige Minuten später verständigte das Hotel Klomser die Polizei von einem im Hause vorgefallenen Selbstmorde. Oberkommissär Dr. Tauß und Oberbezirksarzt Dr. Schild erschienen, den Lokalaugenschein vorzunehmen. Sie konstatierten Selbstmord. Redl hatte sich, vor dem Spiegel stehend, in den Mund geschossen, das Projektil hatte das Gaumendach durchbohrt und war schief von rechts nach links in das Gehirn gedrungen; im linken Scheitelknochen war das Geschoß stecken geblieben, die Ausblutung war durch die linke Nasenhöhle erfolgt. Neben dem Sofa war er tot zusammengesunken, bei der Leiche lag der Browning. Auf dem Schreibtisch fanden sich zwei verschlossene Briefe, einer an den älteren Bruder des Entleibten und einer an den Prager Korpskommandanten, Baron Giesl v. Gieslingen und ein offener Zettel ohne Adresse. Darauf stand: »Leichtsinn und Leidenschaft haben mich vernichtet. Betet für mich. Ich büße mein Irren mit dem Tode. Alfred.«
Als Nachschrift war hinzugefügt: »Es ist ¾2 Uhr. Ich werde jetzt sterben. Ich bitte, meinen Leichnam nicht zu obduzieren. Betet für mich.«
Es war klar, daß es sich um einen Selbstmord handle, und die Beamten -- jedenfalls mit einer diesbezüglichen Weisung versehen -- wollten die Amtshandlung rasch und ohne Aufsehen schließen. Doch hatten sie die Rechnung ohne den Offiziersdiener gemacht: Josef Sladek vom Inf.-Beg. Nr. 11 (Fahnenspruch: »In alt bewährter Treue«) wollte sich durchaus nicht damit zufrieden geben, daß hier ein Selbstmord konstatiert werde. In schlechtem Deutsch und großer Aufregung erzählte er zuerst den Polizeibeamten und -- als diese ihn beiseite schoben -- dem aufhorchenden Hotelpersonal, der Browning gehöre nicht seinem Herrn, sein Herr habe keinerlei Selbstmordabsichten gehabt, habe gestern Einkäufe gemacht und für heute allerhand Anordnungen getroffen und wollte Dienstag in dem eigens restaurierten Auto nach Prag zurückreisen. Also sei der Herr Oberst erschossen worden, und der Revolver gehöre dem Mörder.
So unbequem dem Hotelpersonal jedes Aufsehen sein mußte, etwas war da, was dem Verdacht des Dieners Glaubwürdigkeit verlieh: der fremde Mann, der um halb sechs Uhr morgens ins Hotel gekommen war, um dem Obersten eine Mitteilung zu bringen. Wenn er wirklich eine Botschaft übergeben hatte, mußte er doch die Leiche gesehen haben! Warum hatte er davon nichts gesagt?
Und was hatten die vier Offiziere um Mitternacht im Zimmer Nr. 1 getan?
Die Kommission, zu der sich inzwischen auch ein Offizier des Platzkommandos gesellt hatte, bemühte sich vergeblich, die Gerüchte und Vermutungen zum Schweigen zu bringen. Besonders der Josef war nicht zu beruhigen. Da kam einer der Beamten auf den Gedanken, dem unbequemen Diener einzureden, der Herr Oberst habe sich eines Mißbrauchs der Amtsgewalt an Untergebenen schuldig gemacht, und sich umgebracht, als er sich verraten sah. Im selben Augenblick verstummte der Diener. Denn er wußte ja von etwas, was weder die Polizeikommissäre wußten noch die Generalstäbler, die den Selbstmord dirigiert hatten: von der Homosexualität Redls. Dagegen hatten weder die Polizeikommission noch der brave Josef von der wahren Ursache des befohlenen Freitodes eine Ahnung: von der Spionage.
Die Sachen des Erschossenen wurden nun verpackt und versiegelt, die Leiche am Abend in einem Fourgon in die Totenkammer des Garnisonspitals geschafft.
Das k. k. Telegraphenkorrespondenzbureau gab eine Meldung über den Selbstmord des Prager Generalstabschefs aus, in der stand, »der hochbegabte Offizier, dem sicherlich eine große Karriere bevorstand, hat sich in einem Anfall von Sinnesverwirrung ...«, »... in der letzten Zeit an außergewöhnlicher Schlaflosigkeit litt ...«, »... in Wien, wohin ihn dienstliche Aufgaben geführt hatten ...«
Der Chef des Evidenzbureaus Urbañski und Auditor Vorlicek fuhren nach Prag. Die beiden Herren kamen gegen Mittag an. Urbañski speiste mit dem Korpskommandanten Baron Giesl, der bereits telegraphisch davon in Kenntnis gesetzt worden war, daß sein Generalstabschef Selbstmord begangen habe. Erst während des Mittagessens erfuhr Gen. d. Inf. Giesl das Motiv der Tat. Tags vorher hatte er von seinem Bruder, dem österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad einen langen Brief bekommen, in dem mitgeteilt wurde, die serbische Regierung betrachte den Krieg als unvermeidlich; beide Brüder korrespondierten unausgesetzt miteinander, da das 8. Korps für »Fall 3« (Krieg gegen Serbien) zum Vormarsch über die Save zwischen Drinamündung und Savemündung bestimmt war. Um so furchtbarer war die Erschütterung des Generals, als er nun erfahren mußte, daß sein Vertrauensmann und Liebling alles verraten und konterkariert habe. Nach dem Essen begab man sich in die Wohnung Redls, die sich im Hause der Hauptwache, neben den Amtsräumen des Korpskommandos befand. Die Wohnung war verschlossen und mußte erbrochen werden. Ebenso der Schreibtisch und die Schränke.
* * * * *
»Von einem Schlosser?« frage ich den ehemaligen Chef des Evidenzbureaus, der mir von dieser Dienstreise erzählt.
»Ja, ich glaube. Es war Sonntag nachmittags, und kein Soldat anwesend, kein Professionist.«
»Exzellenz wissen nicht mehr, woher man den Schlosser holte?«
»Nein. Natürlich irgendeinen Schlosser aus der Nachbarschaft.«
FML. von Urbañski hat bisher mit bewunderungswürdiger Geduld und bereitwilliger Liebenswürdigkeit auf alle Fragen des Interviewers Antwort gegeben -- zum ersten Male scheint er jetzt unwillig. Der Interviewer bemüht sich, seine dumme Frage zu entschuldigen.
»Der Schlosser hätte doch die gewaltsame Eröffnung der Wohnung und der Schubfächer verraten können?«
»Sie meinen?« sagt Urbañski ironisch.
»Gewiß, Exzellenz. Ich glaube, er hat es sogar der Presse mitgeteilt.«
»So?« FML. Urbañski lächelt ungläubig.
Und deshalb schaltet der Interviewer hier ein persönliches Erlebnis ein: am Sonntag, den 25. Mai 1913 spielte in Prag der Deutsche Ballspielklub »Sturm« ein Fußballmatch gegen »S. K. Union-Holeschovice«. Die Notiz des »Prager Tagblatt« lautete am nächsten Tage:
DBC Sturm I gegen SK Union V (Holeschowitz) 5:7 (Halbzeit 3:3). Sturm war von Anfang an überlegen, was sich auch in der großen Zahl seines Scores ausdrückt. Doch war seine Verteidigung durch das Fehlen Mareceks und Wagners derart geschwächt, daß Atja allein nicht imstande war, alle Durchbrüche Unions zu vereiteln.
Kurzum, ein ungünstiges Resultat. Am meisten ärgerte sich wohl der Obmann »Sturms« über das unangesagte Fernbleiben Wagners, dem er knapp vorher eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wie sie Obmänner den Koryphäen der ersten Mannschaft manchmal zu erweisen pflegen. Dafür hatte Wagner pünktliches Antreten versprochen -- und schon am Sonntag blieb Wagner aus. Deshalb schaute besagter Obmann (der im Privatberuf Redakteur eines Prager Blattes und Prager Korrespondent einer Berliner Zeitung war) gar nicht freundlich auf, als ihn Wagner am Montag ins Bureau besuchen kam.
»Ich konnte wirklich nicht kommen,« versuchte sich der saumselige Endback zu entschuldigen.
»Das ist mir egal.« Der Obmann blieb ablehnend.
»Ich war schon angezogen, da kommt eine Ordonnanz in unsere Werkstatt und sagt, es soll ein Gehilfe ins Korpskommando kommen, ein Schloß aufbrechen.«
»Erzähl' mir keine Geschichten! So etwas dauert fünf Minuten. Und wir haben eine geschlagene Stunde mit dem Anstoß gewartet.«
»Aber ich mußte doch die Wohnung eines Offiziers aufbrechen, und dann alle Schubfächer und alle Schränke ... es war nämlich eine Kommission aus Wien da, die hat nach russischen Papieren gesucht. Und nach Photographien von Plänen.«
»So? Und wem gehört die Wohnung?«
»Ich glaube, einem General. Eine sehr nobel eingerichtete Wohnung.«
»Und der General war nicht da?«
»Nein, der ist gestern in Wien gestorben.«
Gestern in Wien gestorben? Der Obmann, der im Privatberuf Redakteur ist, ist dem unentschuldbaren Endback und pflichttreuen Schlossergehilfen gar nicht mehr böse. Er sagt ihm nicht mehr: »Erzähl' mir >keine Geschichten<«, sondern läßt sich die Geschichte ganz genau erzählen, wie der Wiener Oberst jede Photographie dem Korpskommandanten gereicht hat und wie der jedesmal verzweifelt den Kopf geschüttelt und gesagt hat: »Schrecklich, schrecklich! Wer hätte das für möglich gehalten!« Auch, daß die Wohnung ganz merkwürdig ausgesehen hat, wie von einer Dame, lauter Toilettegegenstände und Parfüms und Brennscheren, aber die parfümiertesten Briefe seien von lauter Männern gewesen, deren Namen sich die Wiener Herren notiert haben.