Der Fall des Generalstabschefs Redl

Part 1

Chapter 13,194 wordsPublic domain

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --

AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT -- DIE VERBRECHEN DER GEGENWART --

HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF LEONHARD

BAND 2

VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN

DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL

VON EGON ERWIN KISCH

VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN

EINBANDENTWURF GEORG SALTER BERLIN

6.-10. TAUSEND

Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

Im Jahre vor Beginn des Weltkrieges hat der erzwungene Selbstmord des Prager Korps-Generalstabschefs Oberst Alfred Redl und die bald darauf bekannt gewordene Tatsache seiner Spionagetätigkeit beispielloses Aufsehen hervorgerufen, was durch die gespannte europäische Lage politisch und durch den Rang und den Wirkungskreis des Täters kriminalistisch begründet war. Gerüchte, Interpellationen, Beschuldigungen, Verdächtigungen und Kombinationen überstürzten sich bis in den Winter 1914, da sich der Aufmarsch der österreichisch-ungarischen Armee als mißglückt entschied.

Allein wie es die Tendenz dieses Befehls zu freiwilligem Hinscheiden gewesen war, den monströsen Vorfall lautlos aus der Welt zu schaffen, so hat man auch nachher, als sich dieser Plan schon längst als undurchführbar erwiesen hatte, kein Wort darüber verlautbart, für welche Großmächte der Generalstabsoberst seine Spionage betrieben, was er verraten, wohin er die militärischen Dokumente geliefert, wieviel Geld er dafür bekommen, und wer schließlich den ungeheuerlichen Auftrag gegeben hatte, daß sich ein Mensch selbst zu entleiben habe, wer dieses Harakiri überwachte, und wie sich die Wirkung dieses Vorfalles auf Hof und Wehrmacht äußerte. Ja, selbst über die Entdeckung der Tat und die Überführung des Täters wurden nur Darstellungen bekannt, die einander widersprachen oder die die Wahrheit verschleiern sollten.

Dem österreichisch-ungarischen Generalstab, d. h. vor allem dem Evidenzbureau des Generalstabs wurde von den verschiedensten Seiten der Vorwurf gemacht, daran schuld zu sein, daß ein so hochgestellter Militär jahrelang ungehindert das Gewerbe eines Spions auszuüben vermocht hatte und daß durch den Befehl, Selbstmord zu verüben, die volle Aufklärung dieser politisch, militärisch und historisch wichtigen Kriminalaffäre verhindert worden sei. Im besonderen wurde der damalige Chef des Evidenzbureaus August Urbañski von Ostromiecz in diesem Zusammenhang viel genannt. Als nun ein Jahr nach der Aufdeckung des Falles die Nachricht von der Versetzung General Urbañskis in den nichtaktiven Stand durch die Presse ging, war es begreiflich, daß man solcher Art zumindest an ein Verschulden des Evidenzbureaus glauben mußte. Feldmarschall-Leutnant Urbañski wohnt jetzt in Graz bei der Großmutter seiner Gattin, der Frau Reinighaus, deren Sohn mit der Gattin des Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf vermählt gewesen ist. Dort habe ich dem Chef des Evidenzbureaus des Generalstabes nahegelegt, durch eine authentische Darstellung an Hand von Aufzeichnungen über den unaufgeklärt gebliebenen Fall Redl, alle Gerüchte zum Verstummen zu bringen, die das Evidenzbureau mit der Affäre in Zusammenhang brachten.

Außerdem habe ich aus Gesprächen, Akten und Äußerungen von Beamten, die damals militärisch oder polizeilich in leitenden Stellungen waren, Material gewonnen; außer den Mitteilungen Urbañskis, liegen den nachfolgenden Darstellungen u. a. Äußerungen vom jetzigen Sektionschef im tschechoslovakischen Ministerium des Innern, Dr. Novak, des jetzigen stellvertretenden Generalauditors der tschechoslovakischen Armee Dr. Vorlicek, des Generalmilitäranwaltes der österreichisch-ungarischen Armee W. Haberditz, des Obersten Emil Seeliger, des emeritierten Auditors Dr. Hans Seliger und des ehemaligen Abgeordneten Adalbert Grafen Sternberg zugrunde.

Angesichts der latenten Kriegsgefahr, in welcher Österreich-Ungarn seit der Annexion Bosniens schwebte, mußte Urbañski, der 1908 das Evidenzbureau des Generalstabes übernommen hatte, bemüht sein, die Kundschafterstelle auszubauen. Unter seinem Vorgänger General von Giesl hatte der damalige Major Alfred Redl die Leitung der Kundschafterstelle innegehabt, welcher die gesamte aktive und passive Spionage Österreich-Ungarns unterstand, d. h. die Organisation der Auskundschaftung fremder Militärverhältnisse und die Abwehr fremder Spionage im Inlande. Das Bureau war kriminalistisch modern organisiert, jeder geheime Besucher wurde im Profil und en face photographiert, ohne daß er davon wußte, denn in zwei Gemälde, die an der Wand hingen, waren Öffnungen für die Linsen photographischer Apparate eingeschnitten, die vom Nebenzimmer aus bedient wurden.

Ebenso konnten von jedem Besucher Fingerabdrücke hergestellt werden, ohne daß er es ahnte: der Offizier telephonierte und reichte mit der einen Hand dem Besucher oder der Besucherin Zigarrenschachtel oder Bonbonniere hin, die unsichtbar mit Mennige bestreut waren; auch Feuerzeug und Aschenbecher, die der Raucher zu sich heranziehen mußte, waren derart präpariert. Lehnte der Besucher sowohl Bonbons wie Zigarren ab, so ließ sich der amtierende Beamte aus dem Zimmer abberufen, -- neigte der Gast zur Spionage, so nahm er gewiß den Akt zur Hand, der auf dem Tisch vorbereitet lag und mit dem Vermerk »Geheim! Für reservate Einsichtnahme!« versehen war. Auch dieses Dokument war natürlich mit Seidenpulver bestreut.

In einem Kästchen an der Wand, das man wohl für eine Hausapotheke halten mochte, war ein Schallrohr eingebaut, das für den Stenographen im Nebenzimmer als Horchapparat dienen, aber auch den metallenen Stift in Bewegung setzen konnte, der das Gespräch wortgetreu in eine Grammophonplatte einritzte. Jedes reservate Buch oder Aktenfaszikel konnte binnen weniger Sekunden auseinandergeheftet, an die Wand projiziert, seitenweise photographiert und wieder gebunden werden, so daß es in kürzester Zeit wieder -- wie unberührt -- an der Stelle war, von wo es »ausgeborgt« worden. Man hatte hier Alben und Kartotheken mit Lichtbildern, Handschriften und Maschinenschriftproben aller spionageverdächtigen Personen Europas, besonders der Spionagezentren in Brüssel, Zürich und Lausanne.

Von 1900 bis 1905 hatte der Generalstabsoffizier Alfred Redl als Sachverständiger in allen Wiener Spionageprozessen fungiert: unerbittlich keine mildernden Umstände gelten lassend, das Höchstausmaß der gesetzlichen Strafe fordernd. Im Jahre 1902 hatte er durch sein energisches Auftreten die Verurteilung des ehemaligen Offiziers Alexander von Caric zu viereinhalb Jahren schweren Kerkers, die Verurteilung des internationalen Spions Paul Barstmann und des Italieners Ing. Pietro Contin zu je vier Jahren Kerkers erwirkt. Als Redl im Jahre 1904 bei dem wegen Spionage verhafteten Ergänzungsbezirks-Kommandanten von Lemberg, Major von Wienckowsky, eine Hausdurchsuchung vornahm, verwickelte er das sechsjährige Kind des eben Festgenommenen in ein liebevolles Gespräch, und es gelang ihm auf diese Weise herauszubekommen, wo Papa seine geheimen Briefschaften zu verstecken pflegte. Bemerkenswert für die Gefühllosigkeit Redls ist ein Wiener Vorfall aus diesen Jahren: ein Mann namens Jonasch hatte einem Photographen die Zeichnung eines Festungsplans zum photographieren gegeben. Dies wurde der Polizei gemeldet, und als Jonasch die Bilder abholen wollte, verhaftete man ihn. Er hatte wegen Betruges schon neun Jahre im Kerker gesessen. Bei seiner Verhaftung gab er sofort zu, daß er die Photographien als Plan der Festung Trient im Ausland verkaufen wollte, doch sei es das gewöhnliche »Schema einer modernen Festung«, das er aus einem allgemein erhältlichen Buche über Fortifikationswesen von einem Maler hatte abzeichnen lassen. Nachdem sich diese Angabe als richtig erwies, wollte die Polizei den Mann freilassen. Aber Redl, der in allen Spionagesachen vorher befragt werden mußte, protestierte dagegen und beharrte darauf, daß Jonasch dem Strafgericht eingeliefert werde: »Ich bitte Sie, was schadet es ihm, wenn er ein paar Wochen Untersuchungshaft absitzt? Und für uns ist es immer besser, wenn wir auf eine große Zahl von Spionagefällen hinweisen können ...« -- Der Mann mußte auch wirklich fünf Monate im Grauen Hause sitzen, bevor man das Verfahren gegen ihn einstellte.

Vielleicht hatte diese Taktik Redls den Erfolg, daß die Spionageabwehr noch stärker organisiert wurde -- stärker als selbst Redl ahnen mochte. Denn er war bald darauf als Oberstleutnant zur Truppendienstleistung befohlen worden, wie es für die Laufbahn der Generalstäbler vorgeschrieben war. Nach einem Jahr verlangte General von Giesl, der jetzt als Kommandant des 8. Korps der Prager Garnison vorstand, daß ihm sein ehemaliger Spionagereferent Redl wieder beigegeben werde. Bei den 15 österr.-ungar. Korpskommanden war je eine Generalstabsabteilung etabliert, deren Leiter den Titel eines »Generalstabschefs« führte, während dem Kommandanten des gesamten österreichisch-ungarischen Generalstabskorps der Titel »Chef des k. u. k. Generalstabs« gebührte. Nach langjähriger Dienstleistung in der Residenz wurde nun Redl als Oberst und Generalstabschef nach Prag versetzt. Man brauchte ihn hier, man bedurfte hier des Mannes mit den unterirdischen Konnexionen. Das Böhmische Staatsrecht, das gegen den Wiener Zentralismus gerichtet war, hatte hier tausende von Anhängern, der Antimilitaristenprozeß gegen die Nationalsozialisten hatte manifestiert, wie diese mächtige Partei gegen die Armee zu arbeiten entschlossen war, die Häupter der tschechischen Panslavisten verkehrten offiziell mit den russischen, serbischen und bulgarischen Regierungen, und zum Sokolkongreß, einer offenkundigen Heerschau der zukünftigen tschechischen Armee, waren die Generalstabsquartiere der slawischen Staaten als Gäste angemeldet, jeden Augenblick mußten tschechische Provinzblätter beschlagnahmt werden, weil sie Episoden von der habgierigen Bewirtschaftung und erbarmungslosen Behandlung auf dem Gute Konopischt des Erzherzogs Franz Ferdinand brachten, »Los von Wien«, hieß die offene Parole, hinter der antidynastische Gesinnung und »Hochverrat« arbeiteten.

Während nun Redl hier einen militärischen Spitzeldienst zu organisieren hatte, wurden in Wien die Redlschen Maßnahmen zur Bekämpfung der Spionage in riesenhaften Ausmaßen ausgebaut. So war das Staatsgrundgesetz, mit welchem das Briefgeheimnis gewährleistet war, vom Evidenzbureau im Hinblick auf die immanente Kriegsgefahr via facti aufgehoben worden, die Post wurde überwacht, in einem abgeschlossenen Geheimraum öffnete man täglich an tausend Briefe und leitete dort, wo der Inhalt verdächtig war, Recherchen ein. Die Beamten, die diese ungesetzliche Briefzensur vornahmen, wußten selbst nicht, daß sie in militärischem Auftrage handelten; sie glaubten, ihre Amtshandlung diene vor allem zur Aufdeckung besonderer Zollschwindeleien und des Schmuggels. Von der Überwachung der Privatpost durch dieses »Schwarze Kabinett«, das erst eingerichtet wurde, als Redl schon zur Dienstleistung nach Prag kommandiert worden war, wußte er ebensowenig, wie sonst ein Mensch in Österreich vor dem Kriege. Mit diesen hemmungslosen Ausgestaltungen der Abwehrmaßnahmen gegen feindliche Ausspähung waren die Spionageprozesse ins Unheimliche gestiegen. Unter anderen wurden auch der russische Militärattaché, ein Oberst Martschenko, und dessen Nachfolger der Spionage überführt. Beide wurden daraufhin abberufen, der erste, nachdem er durch das persönliche Verhalten Kaiser Franz Josefs -- dieser brüskierte ihn beim Hofball -- davon erfahren hatte, daß seine Geheimtätigkeit aufgedeckt sei.

* * * * *

Im März 1913 waren zwei Briefe als verdächtig geöffnet worden, die postlagernd unter der Chiffre »Opernball 13« beim Hauptpostamt Wien erlagen. Sie waren aus Eydtkuhnen, und enthielten -- ohne textlichen Kommentar -- Geldbeträge in österreichischer Währung, der eine sechstausend Kronen, der andere achttausend Kronen; keinesfalls war anzunehmen, daß solche Summen poste restante geschickt würden, wenn es sich um rechtmäßiges Gut gehandelt hätte. (Der Gesamtbetrag, der dem Evidenzbureau für Spionagezwecke budgetär zur Verfügung stand, betrug 150000 Kronen jährlich, während der russische Evidenzchef in Warschau jährlich fünf Millionen Rubel für diese Zwecke bekam.) Die Briefadresse war mit Schreibmaschine geschrieben.

Es wurden umgehend Maßnahmen ergriffen, sich des Behebers der Briefe zu bemächtigen. Zwei Detektive wurden zu ständiger Dienstleistung in die Polizeiwachtstube des Postamtes entsendet, die durch eine elektrische Klingel mit dem Postschalter verbunden war: auf das Glockenzeichen des Beamten hin, daß die Briefe behoben werden, sollten sie den Übernehmer sicherstellen. Wochen vergingen, Monate. Der Beamte, der die Überwachung der Briefe angeordnet hatte, Polizeichef Dr. Novak, war ins Ministerium transferiert worden und hatte die Angelegenheit seinem Nachfolger (dem nachmaligen Bundeskanzler Dr. Schober) übergeben. Niemand fragte nach den Briefen, in denen so viel Geld war.

Am Abend des 24. Mai 1913, eines Samstags, gegen Schluß der Amtsstunden, weckte plötzlich das Glockensignal die Agenten aus ihrer wochenlangen Ruhe. Bevor sie durch den Durchgang des Postamts vom Fleischmarkt zur Dominikanerkirche, zum Restanteschalter kamen, wo der Beamte mit Langsamkeit, aber doch auch nicht mit auffallender Langsamkeit, der Partei die Briefe mit der »Opernball«-Chiffre ausgehändigt hatte -- war der Beheber fort. Sie eilten ihm nach, sie erblickten ihn noch, einen stattlich gebauten Herrn, der die Türe des angekurbelt gebliebenen Autos hinter sich zuschlug. Sie sahen auch den Wagen davonfahren. Es war ein Mietsauto.

Ein anderes Auto, das die Verfolgung hätte aufnehmen können, hatten die beiden Detektivs nicht. Was half es ihnen, daß sie die Nummer des Autotaxis hatten lesen können? Was half es ihnen, daß sie am nächsten Tage den Chauffeur würden ausforschen können, woher und wohin der »Ritt« gegangen sei? Der Fremde war doch sicherlich weder von seiner Wohnung gekommen, noch in seine Wohnung gefahren! Ein Verbrecher mit solchen Geldsummen steigt auf der Straße aus oder im Café oder vor einem Durchgang, und nimmt dann einen neuen Wagen. Sicher war den beiden Detektivs nur eines: daß gegen sie eine Disziplinaruntersuchung angestrengt werden würde, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte.

Aber nun begann für sie und die österreichisch-ungarische Wehrmacht eine Kette von unglaublichen Zufällen, »Jägerglück«.

Während die beiden Agenten beraten, ob sie auf eigene Faust den Chauffeur noch heute nacht ausforschen und sich dann im Einvernehmen mit ihm ein Märchen von abenteuerlicher Flucht des Unbekannten ausdenken sollen, oder ob sie nicht doch der Staatspolizei ihr Mißgeschick melden müßten, -- -- fährt auf dem Kolowratring ein Mietsauto an ihnen vorbei. Sie lesen die Nummer, -- es ist der Wagen, der ihnen vor zwanzig Minuten vom Postamt ihre Beute entführt hat. Sie pfeifen, schreien, laufen. Das Auto hält. Es ist leer.

»Wohin haben Sie den Herrn vom Postamt geführt?«

»Ins Café Kaiserhof.«

»Fahren Sie uns sofort ins Café Kaiserhof.«

Auf der kurzen Fahrt schnüffeln die Detektivs im Innern des Wagens und finden das Futteral eines Taschenmessers, eine Hülse aus hellgrauem Tuch. Im Café Kaiserhof, wohin sie mit dem Chauffeur eintreten, ist der Fahrgast nicht mehr. Sie eilen zum nächsten Autostand. Ja, ein Herr, der so aussieht, ist eben weggefahren. Wohin? Wir sind in Wien, und dort weiß es einer: der Wasserer. Eigentlich ist er kein Wasserer, denn am Autostand sind keine Fiakerpferde, denen man den Tränkeimer servieren kann, aber er putzt die Karosserien und betätigt sich vornehmlich als Wagentüraufmacher. Der hat natürlich gehört, wohin der gnä' Herr befohlen hat: »Ins Hotel Klomser.«

Nach ins Hotel Klomser! Im Foyer wird der Hotelportier ausgeforscht. »Grad' jetzt saan zwaa Herren im Auto ankommen, Kaufleute saans aus Bulgarien.« -- »Und vorher ein Herr allein?« -- »Im Auto? Dös waaß i net. Vor einer Viertelstund' is der Herr Oberst Redl kommen. In Zivil war er, dös waaß i. Aber i waaß net, ob er im Auto vorg'fahren is.«

Oberst Redl? Den Polizeiagenten flößt der Name Scheu ein. Sie kennen ihn gut. Er hat ihnen keine Sekunde Rast gegönnt, die Notwendigkeit einer Nachtruhe nicht anerkannt, wenn sie seine Treiber waren auf der Jagd nach Spionen. Und wie hat er sein Wild zur Strecke gebracht, wenn er im Gerichtssaal als berufenster Sachverständiger, als Leiter des österreichisch-ungarischen Kundschaftsdienstes die Schuld des angeklagten Spions in das grellste Licht rückte! Wie merkwürdig wäre es, wenn der Beheber der Geldsendungen wirklich ein Spion wäre und nun zufällig im selben Haus, ja vielleicht Wand an Wand mit dem Chef der Spionageabwehr wohnte, in der Höhle des Löwen!

Aber zu solchen Kombinationen ist jetzt keine Zeit. Regierungsrat Gayer von der Staatspolizei ist sicherlich durch das Wiener Hauptpostamt bereits davon in Kenntnis gesetzt worden, daß die Briefe behoben sind. Man muß ihm endlich berichten, wie die Verfolgung ausgefallen ist. Auch anfragen, ob der Herr Regierungsrat einverstanden ist, daß Oberst Redl die Untersuchung im Hotel leite -- er wohnt nämlich zufällig gerade hier. Jedenfalls muß das Hotel gleich bewacht werden. Während der eine der beiden Agenten zum Telephon geht, spricht der andere mit dem Portier. Er überreicht ihm das Messerfutteral, damit er seine Gäste frage, wem es gehört.

Eben kommt ein Herr in Uniform die Stufen vom ersten Stock herab und legt dem Portier den Schlüssel von Zimmer Nr. 1 auf den Tisch. »Haben Herr Oberst das Futteral Ihres Taschenmessers verloren?« fragt der Portier.

»Ja,« antwortet Oberst Redl und steckt das hellgraue Tuchsäckchen gedankenlos in die Tasche, »wo habe ich es denn ...«

Plötzlich unterbricht er den Satz. Zuletzt hat er ja sein Taschenmesser benützt, als er auf der Fahrt vom Postamt die Kuverts der Geldbriefe aufgeschnitten hat. Dort hat er die Messerhülse liegen lassen. Er schaut den Mann an, der neben dem Portier steht, und mit anscheinendem Interesse die Briefe durchblättert, die auf dem Tisch liegen.

Oberst Redl hat die Frage, wo er das Futteral liegen gelassen habe, nicht zu Ende gesprochen. Oberst Redl ist ganz blaß. Er weiß: in wenigen Stunden werde ich tot sein.

Er geht auf die Straße. Sieht sich ein wenig um und geht die Herrengasse rechts hinunter. Bevor er an der Ecke beim Café Central ist, schaut er wieder zurück, ob niemand das Hotel verläßt. Niemand. Aber sicherlich kommen ihm die zwei Herren nicht geheuer vor, die aus der Schwemme des Restaurants Klomser treten.

Der Eine hat dem Portier nachträglich aufgetragen, die Nummer 12348 aufzurufen, die Geheimnummer der politischen Staatspolizei: »Sagen Sie, daß alles in Ordnung ist, -- das Futteral hat dem Herrn Oberst Redl gehört.«

Da die beiden Agenten an die Ecke der Strauchgasse kommen, -- ist Oberst Redl verschwunden. Weder in der Strauchgasse, noch in der Wallnerstraße ist er zu sehen. Kann er inzwischen den Haarhof erreicht haben, der zur Naglergasse führt? Nein, selbst laufend nicht. Also ist er im Haus der alten Börse verschwunden, das drei Ausgänge hat, zwei durch das Café Central und einen gegen die Freyung zu. Alle Achtung vor einem Manne, der vor zwei Minuten unvermutet entlarvt wurde, der seit zwei Minuten sein Leben verwirkt weiß, und schon die Möglichkeit des Entkommens kaltblütig versucht!

Inzwischen spielt das Telephon vom Hotel Klomser zur Staatspolizei, vom Schottenring zum Stubenring. Dort ist das Evidenzbureau des k. u. k. Generalstabs. Oberst Redl! Die Offiziere der Kundschaftergruppe sind in beispielloser Erregung. Ihr Vorgesetzter, ihr Lehrer, ihr Vorbild, ihr Ratgeber ist es, um den es sich handelt. Hauptmann Ronge, der Nachfolger Redls in der Leitung der Kundschafterstelle, fährt selbst sogleich zur Hauptpost, um den Schalterbeamten zu fragen, wie der Beheber der Briefe ausgesehen habe. Auch ein Zettel ist dort, auf dem die Partei die Chiffre ihres Restante-Briefes aufgeschrieben hat. Inzwischen suchen die anderen Herren im Evidenzbureau die Handschriften Redls hervor. Es ist kein Mangel daran: eine »Anweisung zur Anwerbung und Überprüfung von Kundschaftern, verfaßt von Alfred Redl, k. u. k. Hauptmann im Generalstab« ist da, fünfzig Paragraphen lang, ein »Schema für die Beschaffung von Kundschaftermaterial«, »Normen zur Aufdeckung von Spionen im In- und Ausland«, ein dickes Faszikel »Gutachten in den Jahren 1900 bis 1905«. Man bereitet all das auf dem Tische vor. Aber als Hauptmann Ronge vom Postamt kommt, den Zettel in der Hand, »Opernball 13«, bedarf es keiner Schriftvergleichung. Zwar ist das Wort leicht und dünn hingeschrieben, aber von einer ausgesprochenen Verstellung kann keine Rede sein. Es ist die Schrift des Obersten Redl.

Die Detektive verfolgen indessen ihr Opfer. In der Passage zur Freyung haben sie den Verschwundenen wieder ausgespäht. Aber auch er hat sie gesehen. Und weiß: daß er zweien nicht entwischen kann. Er zieht Papiere aus der Tasche (wie sich später herausstellte: sehr belastende Papiere, deren er sich ohnedies entledigen muß, wenn er sich verteidigen will) und zerreißt sie. Die Papierschnitzel wirft er in der Passage auf die Erde. Einer der Detektive, nimmt er an, wird sich mit dem Aufklauben der Fetzen aufhalten, und dem anderen kann er vielleicht entkommen. Aber die Beiden gehen ihm weiter nach. Auf der Freyung halten sie ein Auto an, und geben dem Chauffeur die Weisung, langsam nachzufahren. Dann erst kehrt der eine Agent in die Passage zurück, sammelt die Schnitzel und bringt sie zur Polizei. Von dort fahren die Papierchen sofort im Auto ins Evidenzbureau, wo sie zusammengestellt werden. Es sind Postbestätigungen, ein Rezepiß über eine Geldsendung an einen Ulanenleutnant Stefan H. und drei Rezepisse über eingeschriebene Briefe nach Brüssel, Warschau und Lausanne -- alle drei Adressen sind dem Evidenzbureau als Spionageadressen bekannt. Daß es Spionage für Rußland war, die der Adressat der Briefe betrieben hatte, war seit Monaten sicher; denn Eydtkuhnen ist ja deutsch-russische Grenzstation. Da Rußland seinen Spionagedienst mit Frankreich gekoppelt betrieb, war die Brüsseler Adresse (eine Expositur französischer Spionage) nicht weiter überraschend. Aber die Lausanner Adresse war die der dortigen italienischen Spionagezentrale.

Es muß gehandelt werden. Soll man sofort mit Verhaftung vorgehen? Mit militärischer oder mit polizeilicher Verhaftung? Soll man sofort den Kaiser benachrichtigen? Oder den weiteren Verlauf der Untersuchung abwarten? Dem Verbrecher ermöglichen, daß er sich der irdischen Gerechtigkeit entziehe?