Der Fall Deruga

Chapter 8

Chapter 83,899 wordsPublic domain

Gegen Morgen bin ich wirklich eingeschlafen, denn vier Uhr habe ich es schlagen hören, aber fünf nicht mehr, und um sieben weckte mich der Kaminkehrer, der anläutete. Ich war wütend, daß er so laut schellte, und lief an die Tür und sagte, das sei keine Art, so unversehens daherzukommen, er habe sich den Tag vorher anzumelden, und jetzt nähme ich ihn schon gar nicht an; ich mochte den unverschämten Kerl nämlich ohnehin nicht leiden. Ich dachte, meine Gnädige wäre vielleicht auch erst vor kurzem eingeschlafen und nun wieder geweckt, und da klingelte sie mir auch schon und fragte, wer draußen wäre. Ich sagte, der Kaminfeger, und daß ich ihn geschimpft und wieder weggeschickt hätte, und da lachte sie und sagte, es habe nichts zu sagen, sie würde schon wieder einschlafen, es sei ihr jetzt ganz wohl. Aussehen tat sie freilich, als wenn sie Fieber hätte, aber es blieb ganz ruhig bei ihr, und da ich um zehn Uhr wieder hereinschaute, lag sie ganz still da, und die Haare fielen ihr halb übers Gesicht. Ich ging leise heraus und beeilte mich, so gut ich konnte, und wie ich wieder da war, guckte ich wieder leise herein, und da lag sie mit offenen Augen und lächelte so friedlich und sagte: 'Sind Sie da, Urselchen, mir ist ganz wohl, ich habe gar keine Schmerzen mehr.' Sie sah auch wirklich ganz gut aus, obgleich sie tiefe Schatten wie breite, schwarze Bänder unter den Augen hatte, und wie ich sie so betrachtete, kam sie mir sonderbar vor und ich sagte: 'Gnädige Frau sehen so geheimnisvoll aus.' Meine Seele dachte aber nicht daran, daß das Geheimnis der Tod war, denn sonst hätte ich es ja nicht gesagt.«

»Was antwortete sie darauf?« fragte der Vorsitzende.

»Sie lächelte noch glücklicher als vorher und sagte: 'Das Geheimnis ist, daß unser Mingo mich besucht hat.' Mingo hieß unser Kind, das gestorben ist, und wir nannten es _der_ Mingo, weil wir eigentlich bestimmt auf einen Buben gerechnet hatten.«

»Sie hatte also von ihrem verstorbenen Kinde geträumt,« sagte der Vorsitzende. »Erzählte sie Ihnen davon?«

»Natürlich,« sagte Ursula, »wenn sie von unserem Mingo geträumt hatte, sprach sie den ganzen Tag davon. Es war in einem offenen Wagen mit schönen schwarzen Pferden gekommen und hatte auf dem Rücksitz gesessen, so wie es sonst zwischen seinen Eltern saß. Ganz gerade und stolz hatte es dagesessen und ihr mit der kleinen Hand gewinkt, daß sie sich zu ihm setzen sollte, und plötzlich war es dann kein Wagen mehr gewesen, sondern eine Art Karussell oder Schaukel, und war nach einer wunderschönen Musik immer höher und höher geflogen. Es kam ihr so vor, als ob die Schaukel abgerissen wäre, und wie ihr bange wurde, sagte unser Mingo ganz ernsthaft: 'Halte dich nur an mir!' Darüber mußte sie lachen, daß das winzige Geschöpf seiner Mutter eine Stütze sein wollte, und wachte auf.

Zwischen dem Kochen ging ich immer wieder herein und schwatzte mit ihr von unserem Mingo, und dann brachte ich ihr das Mittagessen und setzte mich zu ihr und redete ihr zu, ordentlich zu essen, weil sie nämlich immer nur an allem nippte. 'Ach, Urselchen, lassen Sie mich nur, ich habe heute keinen Hunger,' sagte sie, 'gewiß kommt unser Bettler, der wird froh sein, wenn er so viel bekommt.' Es war nämlich Donnerstag, und am Donnerstag kam meistens ein alter Mann, der sagte, in der ganzen Straße gäbe es keine so gute Köchin, wie ich wäre, und so hatten wir immer allerlei Spaß miteinander. Indem sie das sagte, läutete es auch schon an der Tür, es war aber nicht unser Bettler, sondern ein anderer, so wie ein Slowak sah er aus, die Mausefallen verkaufen. Ich hatte ihm kaum aufgemacht, da klingelte meine Gnädige so stark, daß es mir ordentlich durch die Knochen fuhr, und wie ich hinlief, sagte sie, ob es der Doktor sei. 'Bewahre,' sagte ich, 'um die Zeit kommt der Doktor nicht, es ist ein Bettler.' 'Dann ist es gut,' sagte sie, 'ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie den Doktor heute nicht zu mir hereinlassen. Ich bin zu müde, um mich quälen zu lassen. Sie können ihm sagen, ich hätte eine schlechte Nacht gehabt und schliefe.'«

»Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« fragte der Vorsitzende.

»Nein,« sagte Ursula erstaunt, »es ist auch gar nichts Auffallendes daran. Ich mußte manchmal den Doktor unter irgendeinem Vorwand fortschicken, zum Beispiel, wenn ich ihr gerade etwas Spannendes vorlas.«

»Haben Sie ihr auch an diesem Tage vorgelesen?« fragte der Vorsitzende.

Ursula schüttelte traurig den Kopf. »Dazu ist es nicht mehr gekommen,« sagte sie. »Nachdem ich meine Küche gemacht hatte wie alle Tage, fragte ich sie, ob ich ihr vorlesen sollte, oder ob sie möchte, daß Fräulein Schwertfeger käme. 'Nein,' sagte sie, 'Gundel kommt gewiß von selbst, wenn sie Zeit hat, und ich glaube auch, daß ich wieder einschlafen werde. Da können Sie zur Bank gehen und die Miete bezahlen, weil Sie gestern nicht dazu gekommen sind,' -- es war ja der 2. Oktober -- 'und auf dem Rückweg könnten Sie mir eine Flasche griechischen Wein mitbringen, ich habe solche Lust darauf, und der Doktor hat mir Wein erlaubt.' Dann trug sie mir noch auf, dem Hausmeister zu sagen, daß er auf den Abend heizte, damit ich nicht im Kalten säße, weil der Wind so stark auf meinem Fenster stand. Er hätte nämlich eigentlich schon am Ersten heizen müssen, aber der Mensch war ja so faul, daß er kaum die trockenen Blätter im Vorgarten zusammenfegte, und in den Keller gehen und heizen, das paßte ihm erst recht nicht. Wenn man ihn mahnte, hatte er immer einen Vorwand, weswegen er nicht dazu gekommen wäre. Er möchte lieber Heizer in der Hölle sein, als ein Hausmeister mit drei Häusern und achtzehn Parteien, von denen jede verschieden warm haben wollte; das war eine beliebte Redensart von ihm. Ich sagte also zu meiner Gnädigen, lieber wolle ich frieren, als daß ich mich mit dem Mehlwurm von Hausmeister einließe. Da lachte sie und sagte, nein, ich solle es ihm nur recht gefährlich ausmalen, wie kalt ich es hätte und wie böse sie auf ihn wäre. Und das waren die letzten Worte, die ich von ihr gehört habe.«

»Als Sie nach Hause kamen,« sagte der Vorsitzende, »war sie tot. Sie hatten die Tür abgeschlossen und fanden sie geschlossen wieder vor?«

»Abgeschlossen war die Tür nicht, und das kam daher, weil, kurz bevor ich kam, Fräulein Schwertfeger dagewesen war, und die dachte gewöhnlich nicht ans Abschließen.«

Fräulein Schwertfeger wurde gefragt, ob sie die Tür verschlossen gefunden habe, und erklärte, daß sie nicht darauf geachtet habe und deshalb nichts darüber sagen könne. Sie sei auf dem Wege in die Abendschule und in Eile gewesen, habe eben nur fragen wollen, wie es ginge. Da es totenstill in der Wohnung gewesen sei, habe sie angenommen, daß ihre Freundin schliefe, habe leise in das Schlafzimmer hineingeguckt und sei dann wieder gegangen. Die Tür, die vom Schlafzimmer ihrer Freundin ins Wohnzimmer geführt habe, sei wie immer weit offen gewesen. Sie habe beim Fortgehen die Wohnungstür keinesfalls abgeschlossen, denn sie habe das nie getan. Es sei etwa fünf Minuten vor sechs Uhr gewesen.

»Wieviel Uhr war es, als Sie nach Hause kamen?« wendete der Vorsitzende sich wieder an Ursula.

»Als ich um die Ecke von unserer Straße bog,« sagte Ursula, »hörte ich es von der Schloßkirche sechs Uhr schlagen, und von da sind es keine fünf Minuten mehr, besonders weil ich schnell ging. Ich hatte mich nämlich mit dem Warten auf der Bank, und weil ich nach dem Wein hatte laufen müssen, verspätet. Ich ging zuerst in die Küche und legte meine Pakete ab -- ich hatte sonst noch einiges für den Haushalt eingekauft -- und meinen Mantel. Dann ging ich leise ins Schlafzimmer; denn daß meine Gnädige schliefe, nahm ich an, weil sie mich sonst sofort rief, sowie ich die Tür aufmachte. 'Sind Sie's, Urselchen?' rief sie mit ihrer weichen Stimme. Sie hatte so eine helle, unschuldige Stimme wie ein Kind. Durch die offene Türe sah ich, wie sie ganz still dalag, den Kopf auf der Seite und die Arme über der Decke, und kehrte gleich wieder um, froh, daß sie so gut schlief. Aber als ich im Wohnzimmer war, fiel mir auf einmal ein, daß sie sonst ganz anders lag, wenn sie schlief, nämlich nie flach auf dem Rücken, sondern etwas zur Seite geneigt, und die eine Hand hatte sie unter dem Gesicht. Wie mir das plötzlich einfiel, wurde mir so sonderbar zumute, daß mir wahrhaftig die Knie zitterten, und ich mußte mir ordentlich Mut machen, eh ich wieder hineinging. Und wie ich ihr leise, leise die Haare vom Gesicht nahm, sah ich, daß sie tot war, denn so still liegt ja kein lebendiger Mensch.«

»Trug sie die Haare immer offen?« erkundigte sich =Dr.= Zeunemann.

»O nein,« antwortete Ursula, mit einem kurzen, geringschätzigen Lächeln. »Ich frisierte sie jeden Morgen sehr schön und ordentlich, da fehlte gar nichts, aber in der letzten Nacht hatte es sich aufgelöst bei dem Herumwälzen wegen der Schmerzen, und weil sie so müde war, hatte ich sie nicht damit plagen wollen.«

»Wir wissen durch den Arzt, den das Mädchen sofort rufen ließ,« sagte der Vorsitzende, »daß der Tod eine bis zwei Stunden vorher eingetreten war, und zwar, wie der Arzt damals annahm, durch Herzlähmung. Der Zustand der Kranken hatte durchaus mit einer solchen rechnen lassen, weshalb von keiner Seite irgendein Argwohn geschöpft wurde.«

»Zählen Sie, Fräulein Züger, noch einmal im Zusammenhang auf, was für Personen im Laufe des Tages in der Wohnung gewesen waren!«

»In der Wohnung war überhaupt niemand,« sagte Ursula mit nachdrücklicher Mißbilligung. »Angeläutet hatte zuerst in der Frühe der Kaminfeger, den ich wieder fortschickte. Er kam dann noch einmal wieder, der zudringliche Mensch, und da sagte ich ihm, in einem ordentlichen Haushalt ließe man um zehn Uhr keinen Herd mehr putzen, er solle sich das merken. Nachher war der Postbote da; der warf gewöhnlich die Briefe nur herein, aber diesmal läutete er an, weil er einen ungenügend frankierten Brief hatte.«

»Was für ein Brief war das?« fragte der Vorsitzende hastig.

»Der Brief war für mich,« antwortete Ursula schnippisch triumphierend, »von einer Freundin, die eine Stelle in Frankreich angenommen hatte.«

»Und weiter?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Danach läutete noch einmal die Gemüsefrau, der ich aber nichts abnahm, weil der Spinat letztes Mal bitter gewesen war, und am Mittag der Slowak. Sonst war niemand da, und in der Wohnung ist überhaupt niemand gewesen.«

Der Staatsanwalt bat ums Wort.

»Ich möchte bemerken, daß die Wohnung doch nicht so festungsmäßig verwahrt war, wie das gute Mädchen es darstellen möchte. Sie hat selbst erzählt, daß sie, als sie dem sogenannten Slowaken die Tür aufgemacht hatte, von Frau Swieter durch die Klingel abgerufen wurde. Er hätte also die Gelegenheit benutzen und eindringen können.«

Ursula drehte sich ganz nach dem großen, mageren Angreifer um und stemmte den Arm in die Seite, während sie ihn mit sprühenden Augen von oben bis unten maß.

»Hätte er das?« fragte sie höhnend. »Ja, wenn ich ihm nicht die Tür vor der Nase zugeworfen hätte. Ich schlug die Tür fest zu, ehe ich zu meiner Gnädigen hineinlief, und sie war auch zu, als ich wiederkam. Den Slowaken hörte ich noch auf der untersten Treppe. Ich hatte ihm nämlich einen Teller Suppe gegeben und wollte den leeren Teller wieder hereinnehmen, aber er hatte sie nicht angerührt. Um Suppe ist es diesen Vagabunden ja gewöhnlich gar nicht zu tun. Übrigens war es ein ganz harmloser Mensch und sah auch gar nicht so zerrissen und schmutzig aus wie die richtigen Strolche.«

»Glauben Sie bestimmt,« fragte der Vorsitzende, »daß Sie den Angeklagten in irgendeiner Verkleidung erkannt hätten?«

Ursula brauchte einige Zeit, um den Sinn dieser Frage zu fassen.

»Unseren Herrn Doktor?« fragte sie endlich mit immer größer werdenden Augen. »Meinen Sie, ob unser Herr Doktor der Slowak gewesen sein könnte? Ja, wissen Sie, Herr Präsident, da könnten Sie mich ebensogut fragen, ob Sie unser Herr Doktor sein könnten! Unser Herr Doktor! Und der hätte nicht mit den Augen gezwinkert und gesagt: 'Ursula, kennen Sie mich nicht, dumme Person?' Überhaupt! Ja, so etwas meinen Sie, Herr Präsident, weil Sie die Verhältnisse nicht kennen!«

=Dr.= Zeunemann schnitt die immer schneller strömende Rede durch eine verzweifelte Handbewegung und einen Seufzer ab. »Bleiben wir bei der Sache,« sagte er. »Sie halten es für unmöglich, daß jemand in die Wohnung eindringen konnte?«

»Ausgeschlossen, einfach ausgeschlossen,« antwortete Ursula.

»Außer wenn Frau Swieter selbst es wollte,« sagte =Dr.= Zeunemann.

»Ja, die wird gerade Räuber und Mörder eingelassen haben,« sagte Ursula mit zorniger Verachtung.

»Offensichtliche Räuber und Mörder nicht,« rief der Staatsanwalt dazwischen, »vielleicht aber ihren einstigen Gatten, für den sie leider noch immer, wie das Testament beweist, ein liebevolles Interesse hatte.«

»Und sie wird gerade nach siebzehn Jahren,« sagte Ursula fast schreiend, »am Läuten erkannt haben, daß er es war.«

»Wenn sie ihn erwartete, mein gutes Kind, war das nicht nötig,« sagte der Staatsanwalt mit dem beißenden Tone eines schadenfrohen Teufels.

=Dr.= Zeunemann machte eine warnende Handbewegung gegen Ursula, die aussah, als ob sie ihrem Gegner an die Kehle springen wollte. »Ich glaube,« sagte er, die Stimme erhebend, »wir fangen an, uns im Kreise zu drehen. Der Herr Staatsanwalt geht davon aus, daß eine Verständigung irgendwelcher Art zwischen den geschiedenen Eheleuten bestanden haben könnte, was aber noch ganz unbewiesen ist, ja wovon eher die Unmöglichkeit nachgewiesen ist. Nach meiner Meinung hat die Zeugin nichts Sachdienliches mehr vorzubringen, und wir könnten zur Vernehmung des Hausmeisters übergehen, wenn die Herren Kollegen und die Herren Geschworenen einverstanden sind.«

Den Kopf steif im Nacken und ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, das dem angekündigten Hausmeister galt, begab sich Ursula auf ihren Platz neben Fräulein Schwertfeger.

Der Erwartete glich insofern einem Mehlwurm durchaus nicht, als er rot im Gesicht mit einem bläulichen Anflug über der Nase war. Er schlenderte in der bequemen Haltung eines Menschen herein, der dem Leben zu sehr als Liebhaber gegenübersteht, um jemals Eile zu haben, sah sich gemächlich um und unterzog zuletzt den langen, grünen Tisch, vor dem er zu stehen hatte, samt allen darauf befindlichen Gegenständen einer beiläufigen Untersuchung. Der Vorsitzende vereidigte ihn und forderte ihn auf, die an ihn gerichteten Fragen nicht nur der Wahrheit gemäß, sondern auch ohne Zweideutigkeit und Weitschweifigkeit zu beantworten.

»I warum nicht,« sagte der Hausmeister, »da liegt ja gar nichts dran.«

»Wo pflegen Sie sich tagsüber aufzuhalten?« lautete die erste Frage.

»Ja,« sagte der Hausmeister lachend, »da läßt sich freilich nicht so eins, zwei, drei darauf antworten. Das ist nämlich je nachdem, was ich gerade zu tun habe. Aber wenn ich sage, daß ich entweder in einem von meinen drei Häusern bin, weil in einer Wohnung etwas zu richten ist, oder weil eine Partei mit mir dies oder das reden möchte, oder denn im Keller bei der Heizung oder im Garten, wo ich so auf und ab spaziere, so wird das schon ungefähr stimmen. In meiner eigenen Wohnung bin ich am wenigsten und habe da ja auch nichts zu tun, denn für die Familie interessiere ich mich nicht so wie für den Beruf.«

»Sind die Häuser untertags abgeschlossen?« fragte der Vorsitzende.

»Gott bewahre,« sagte der Hausmeister, »da kann jedermann aus und ein gehen, wie er will. Nichts Unrechtes kommt ja bei uns sowieso nicht vor, und für alle Fälle ist vor jeder Wohnung eine besondere Wohnungstür. Nein, von Abschließen ist bei uns keine Rede. Des Morgens um sechs schließe ich alle Türen auf, vielmehr meine Frau tut das, und abends um neun Uhr schließe ich zu, und bei der Methode haben wir uns immer gut gestanden.«

»Aber die Keller sind doch abgeschlossen?« fragte =Dr.= Zeunemann.

»Ja, sehen Sie, Herr Präsident,« antwortete der Hausmeister, »das läßt sich wieder nicht so eins, zwei, drei beantworten. Bei Nacht sollten sie wohl eigentlich geschlossen sein, denn am Tage ginge das ja gar nicht an, schon wegen dem Heizen, und wo die Fräuleins so oft Kohlen und Kartoffeln und dergleichen heraufholen. Das würde ja ein ewiges Auf- und Zuschließen. Es geht sowieso den ganzen Tag: 'Herr Hausmeister, ach helfen Sie mir doch!' 'Herr Hausmeister, bitte, nur einen Augenblick.' Ich sollte immer an hundert Orten zugleich sein. Nein, es ist für alle Teile am besten, wenn die Keller ein für allemal offen sind, und daran hat auch noch niemand etwas auszusetzen gehabt.«

»Sie sollen aber selbst einmal,« erinnerte der Vorsitzende, »einen Mann ertappt haben, der sich im Keller eingeschlichen hatte.«

»So,« sagte der Hausmeister nachdenkend. »Ach so, das hat wohl die Urschel erzählt?« rief er nach einer Pause belustigt aus. »Ja, vor dem brauchte niemand Angst zu haben, der sah so grün im Gesicht aus, als ob er die ganze Nacht unreife Äpfel gegessen hätte. Das war so ein Obdachloser, oder es kann ihn auch eins von den Mädels versteckt haben, denn die Jungfern haben doch alle ihre Liebhaber, wenn sie sich auch noch so zimperlich anstellen.«

=Dr.= Zeunemann machte ein ernstes Gesicht und fragte streng:

»Entsinnen Sie sich, wer am 2. Oktober des vergangenen Jahres aus und ein gegangen ist?«

»Du lieber Himmel,« seufzte der Hausmeister, »wie soll ich das behalten, was bei uns täglich ein und aus geht! Stellen Sie sich vor, Herr Präsident, drei Häuser mit achtzehn Parteien, wobei ich mich noch gar nicht mal gerechnet habe; in dem einen sind vier Parteien, in den beiden anderen je sieben. Und wie geht es vollends Anfang Oktober zu, wo die eine Partei auszieht und die andere einzieht, und die Handwerker, die das mit sich bringt!«

»Gerade weil es besondere Tage sind,« beharrte der Präsident, »haben Sie sie doch vielleicht im Gedächtnis behalten. Auch der plötzliche Tod der Frau Swieter, die das am meisten zurückliegende Haus bewohnte, hat den Tag unter den anderen hervorgehoben. Als später der Ihnen bekannte Verdacht entstand, haben Sie doch sicher in Ihrem Gedächtnis nachgeforscht, wen Sie an jenem Tag aus und ein gehen gesehen haben.«

»Ich will tun, was ich kann, um Ihnen gefällig zu sein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister. »Der Kaminkehrer, der in der Frühe da war, wird Sie ja wohl nicht interessieren, und der Postbote ebensowenig, und die Handwerker ging das Haus von der Frau Swieter nichts an, weil nämlich in dem Hause kein Umzug stattgefunden hatte. An Bettlern hat es auch nicht gefehlt, und was das betrifft, so war die Frau Swieter selbst schuld daran. Die anderen Parteien beklagten sich über sie, daß sie die Bettler herzöge, weil sie ihnen immer etwas gäbe. Übrigens, mir hat sie auch immer jede Kleinigkeit ordentlich bezahlt, sie gehörte nicht zu denen, die meinen, unsereiner wäre dazu da, allen alles umsonst zu machen. Also konnte sie es mit den Bettlern schließlich auch halten, wie sie wollte. Sie sind ja auch einmal da und müssen in Gottes Namen zu ihrer Sache kommen.«

»Denken Sie gut nach,« sagte der Vorsitzende, »ob Sie zwischen vier und sechs Uhr nachmittags einen Bettler gesehen haben, einen, der Ihnen unbekannt war, der Ihnen auffiel!«

»Zwischen vier und sechs Uhr?« sagte der Hausmeister tiefsinnig. »Da schickte ich gerade meinen Jungen um eine Maß Bier in die Wirtschaft an der Ecke und wartete an der Gartentür, bis er wiederkam, und dann stellte ich die Maß auf die Treppe, um ab und zu einen Schluck zu nehmen. Indem kam gerade die Frau Hofrat im Parterre vom zweiten Hause und schimpfte, was sie wußte, daß ich nicht geheizt hatte, und ich sagte: 'Aber Frau Hofrat, bei dem schönen Wetter! Solches Wetter haben wir ja den ganzen Sommer über nicht gehabt, und das bißchen Wind wird Ihnen doch nichts machen, es ist ja Südwind,' und so weiter, bis sie es denn wahrscheinlich einsah und wieder fortging. Ja, und dann kam einer, der hatte wohl etwas gebracht, einen Hut oder Mantille oder dergleichen, denn er hatte eine Schachtel, wahrscheinlich für die Pension, da war damals so eine Modesüchtige; und dann kam der Ulkige. Der hatte mich erst gar nicht gesehen und wollte an mir vorbeilaufen, als ob ich ein Laternenpfahl wäre, und ich wich ihm absichtlich nicht aus, weil ich dachte, ich wollte doch sehen, ob er gegen mich anrennte. Da blieb er plötzlich dicht vor mir stehen und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' und hielt mir eine Zigarette hin. Ich mußte lachen und zog meine Schwedischen heraus und machte ihm Feuer, und zum Dank nickte er ein bißchen und faßte an die Mütze. Ein Bettler war das aber nicht, er hatte allerlei zu verkaufen, Löffel und Quirle, die trug er an einem Strick an der Hand. Wie er eben aus der Türe gegangen war, warf er die Zigarette in das Fliedergebüsch an der Pforte, ob sie nun nicht brannte oder sonst nicht schmeckte, das weiß ich ja nicht, und ich wollte sie erst auflesen, aber dann dachte ich: Ach laß sie liegen, eine feine wird es doch nicht sein.«

»Können Sie eine genaue, zuverlässige Beschreibung dieses Mannes geben?« fragte der Vorsitzende.

»Nein, Herr Präsident,« sagte der Hausmeister, indem er lächelnd den Kopf schüttelte, als wollte er sagen, um in die Falle zu gehen, dazu wäre er doch zu schlau. »So gern ich Ihnen den Gefallen täte, damit will ich nichts zu tun haben. Ich glaube, daß er ziemlich lange, schwarze Haare hatte, und daß er sozusagen träumerisch dahergeschlendert kam. Und wenn Sie ihn da vor mich hinstellen würden, würde ich ihn ja auch wohl wiedererkennen. Aber ob nun sein Kittel grau oder grün oder braun war, und was er für Stiefel anhatte, und ob er Löcher in den Strümpfen hatte, und was dergleichen mehr ist, das könnte ich wahrhaftig nicht sagen.«

»Haben Sie gar nicht darüber nachgedacht, was für ein Mann das sein könnte?« fragte der Vorsitzende.

»Na, das sah ich ja, Herr Präsident, daß er Löffel verkaufte,« sagte der Hausmeister, »dabei war nichts nachzudenken. Das nähme meine Zeit doch viel zu sehr in Anspruch, wenn ich mir über jeden Hausierer Gedanken machen wollte. Sie müssen sich nur vorstellen, was für Leute bei uns aus und ein gehen! Da ist zum Beispiel im dritten Hause im zweiten Stock der Herr Rübsamen, Komponist und Musikschriftsteller, ein schrecklich nervöser Mensch, und wenn ich nicht so viel Geduld mit ihm hätte, wäre er längst ausgezogen. Sie müssen nur sehen, was für Leute zu dem kommen, da stößt man sich nachher an nichts mehr. Herren und Damen kommen, die ihm was vorsingen oder vorspielen, die reine Zigeunerbande, und nachher sind es Künstler und feine Leute gewesen. An dem Tage ist übrigens auch der Klavierstimmer bei ihm gewesen, den hat er weggeschickt, weil er von der Ursula, dem Mädel, gewußt hat, daß ihre Gnädige eine schlechte Nacht gehabt hatte und schlafen sollte. Gutmütig ist er ja, der Herr Rübsamen. Der Klavierstimmer ist aber der mit der Zigarette nicht gewesen. Denn der hat ein rotes Gesicht und blonde Haare, den kenne ich, weil er alle Vierteljahre zum Herrn Rübsamen kommt.«

»Der Mann ist also aus dem dritten Hause gekommen,« fragte der Präsident.

»Aus dem zweiten könnte er auch gekommen sein, wo die Pension drin ist,« sagte der Hausmeister, »ich sah ihn erst, als er an das vordere herankam, wo ich stand.«

»Ich bitte den Hausmeister zu fragen, ob der Angeklagte dem Mann mit der Zigarette ähnlich sieht,« sagte der Staatsanwalt, indem er mit imperatorischer Gebärde den Arm ausstreckte.

»Wollen Sie den Angeklagten daraufhin ansehen!« forderte =Dr.= Zeunemann den Hausmeister auf.

Der Hausmeister drehte sich langsam um und betrachtete Deruga, den die Untersuchung zu belustigen schien, aufmerksam und erstaunt.

»Da bin ich überfragt, Herr Präsident,« sagte er endlich. »Ich möchte schwören, daß ich den Herrn da noch nie gesehen habe.«

»Sie müssen sich ihn mit schwarzer Perücke und mit falschem Bart vorstellen,« sagte der Vorsitzende.