Der Fall Deruga

Chapter 17

Chapter 171,745 wordsPublic domain

»Sie sollen ihn als Andenken erhalten,« sagte Deruga, »wenn ich meine Reise antrete. Machen Sie sich aber niemals Gedanken, Baronin, als hätten Sie den Aufbruch verschuldet! Schon oft, lange vor diesem Prozeß, habe ich die Absicht gehabt, diese öde Station zu verlassen, wo ich mich ebenso langweilte wie Sie in Ihrer Ehe. Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich einmal im Anfang der Verhandlungen erzählte, wie ich fortgereist und aufs Geratewohl querfeldein gegangen sei, um irgendwo draußen in der Einsamkeit wie ein Tier zu sterben. Das war keine Erfindung, wenn es auch nicht gerade an dem Tag vorgefallen war.«

Die Baronin war aufgestanden und hielt ihm zögernd die Hand hin. »Lieber Doktor,« sagte sie, »alles, was Sie nur eben sagten, war der Ausdruck einer Stimmung, die nach den vorausgegangenen Eindrücken erklärlich ist, die aber vorübergehen wird. Ihre zahlreichen Freunde werden darauf hinzuwirken suchen, und ich bin überzeugt, schon morgen werden Sie irdischer, menschlicher empfinden. Ich wäre nicht imstande Ihnen Lebewohl zu sagen, wenn ich nicht fest darauf rechnete.«

»Küß die Hand, Baronin, und grüßen Sie Mingo!«

Auf der Treppe zog die Baronin einen Spitzenschleier aus der kleinen Handtasche, die sie in der Hand trug, und band ihn vor ihr Gesicht, über das unaufhaltsame Tränen flossen. Erst nachdem sie eine Zeitlang in den entlegenen, einsamen Straßen dieser Gegend auf und ab gegangen war, versiegten sie und vermochte sie sich zu fassen. Nach Hause zu gehen, fühlte sie sich immerhin noch nicht fähig und beschloß, auf Umwegen in die innere Stadt, wo die eleganten Geschäfte waren, zurückzukehren und einige für die Abreise notwendige Einkäufe zu machen.

Der Gedanke an Paris hatte etwas Befreiendes für sie. Auf der neuen Szene, dachte sie, würden neue Auftritte mit neuen Eindrücken kommen und sie heilen; denn sie bedürfte es doch mehr als Mingo. Ja, für Mingo war es gut so, das fühlte sie mit jedem Augenblick deutlicher. Eine kurze Zeit leidenschaftlicher Wonne hätte sie vermutlich, wenn sie Deruga geheiratet hätte, mit einem Leben voll Enttäuschungen und mannigfacher Bitterkeit erkauft; denn was für Schätze sein Herz auch bergen mochte, ihr gegenüber wäre er bald der alternde, launenhafte, überdrüssige, erloschene Mann geworden. Der Schmerz hingegen, den sie jetzt erfuhr, würde sich bald, wie Deruga vorausgesagt hatte, in eine heilig behütete Erinnerung verwandeln, bei der man gern in Träumen verweilt. Vielleicht war sie infolge der Erregungen, die sie durchgemacht hatte, gerade in der rechten Verfassung, um für Peter Hases Werbung empfänglich zu sein, der sie begleitete, oder es würde einem anderen gelingen, sie zu interessieren. Dies Erlebnis hatte den Boden ihrer Seele erst lockern müssen, der sich bisher vor der Liebe verschlossen hatte. Es lag jetzt nur an ihr, sich eine reiche Ernte für die Zukunft zu sichern.

Sie dagegen, so dachte die Baronin, hatte einen dürren Herbst und einen öden Winter zu erwarten. Es schauderte sie, und sie zog das Pelzgehänge, das sie an den kühlen Frühlingstagen noch trug, dicht um sich zusammen. Gab es denn irgendwo auf Erden die göttliche Zeit, das himmliche Klima, wovon Deruga gefabelt hatte? Ach, mit was für fremdartigen Gedanken hatte er sie gestört! Nein, das Verstiegene und Überschwängliche hatte sie sich immer fern gehalten und wollte es auch ferner tun, das ihrem guten Geschmack widerstrebte. Das Leben war reich an heiteren, reizenden Augenblicken; die Kunst, diese Schmetterlinge einzufangen, sich an ihrem Schmelz zu erfreuen, ohne sie zu betasten, wollte sie sich immer mehr zu eigen machen. Konnte sie dazu eine bessere Gelegenheit finden als in Paris, in Gesellschaft ihrer Tochter und Peter Hasens? War nicht endlich auch ihr Mann ein schätzbarer Begleiter? Ansehnlich, elegant, zuvorkommend, eben durch seine langweilige Farblosigkeit bequem? Ihr Schritt wurde immer elastischer und ihre Mienen heiterer. Als sie im Hotel ankam, strömte ihr Wesen einen so frischen Reisemut aus, daß ein wenig davon auf Mingo überging.

Ein paar Tage später erhielt sie in Paris ein Paketchen, in dem Derugas Nadel mit dem Mohrenkopf war. Ihre Augen wurden feucht, aber sie verbarg das Kleinod schnell in einer Schatulle, wo sie ihre Kostbarkeiten zu verschließen pflegte, um es erst dann wieder hervorzunehmen, wenn ihr Herz ganz still und sicher geworden wäre.

* * * * *

Die Ankündigungen auf den folgenden Seiten werden freundlicher Beachtung empfohlen

* * * * *

+----------------------------------------------------------+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ | +----------------------------------------------------------+ | Der Stein der Weisen | | | | von Max Geißler | | | | Die letzten fünfundzwanzig Jahre deutschen Lebens | | umfaßt Max Geißlers neuer Roman, der ganz eingesponnen | | ist in den Frieden des Bergwaldes. Durchs Wettertal | | fährt im Juli 1890 der Doktor Valerius Degenhart aus | | Frankfurt am Main, der Träumer, der aus der | | zerrüttenden Berufsarbeit sich nach der großen Stille | | sehnt. Im Wettertal läßt er, als seine unmoderne | | Reisekutsche verunglückt, zu dauernder Rast sich | | nieder. Zwischen Himmel und Erde, vor einer Natur von | | unsagbarer Schönheit baut er sich sein Haus, die | | Streitburg. Wenig Äußeres geschieht in diesem Buch. | | Doch es hat eine Melodie tiefinnerster Seligkeit, die | | im Herzen nachklingt wie der Glanz endloser Sommertage. | | | | | | Die Arche | | | | von Werner Scheff | | | | In diesem utopischen Roman eines neuen Autors ist die | | stolzeste Tat vorhergeahnt, die im Weltkrieg der Geist | | der deutschen Technik verwirklichte, und mit | | schöpferischer Phantasie übertragen auf ferne Zukunft. | | Noch wußten nur die Eingeweihten vom Bau der | | »Deutschland«, als Werner Scheff seine »Arche« schrieb, | | die mit der Taufe des großen Untersee-Passagierbotes, | | der »Gloria«, im August 1947 beginnt. Hammerhart, voll | | nüchternen Zweckbewußtseins, bis in die letzten Dinge | | der Konstruktion durchdacht ist seine Gestaltung des | | kühnen Ingenieurtraums. Mit ungeheuersten Möglichkeiten | | des Weltenschicksals, mit einem Weltuntergang, ist sie | | verbunden. Aber rein und trostvoll in ihrem milden | | Glauben an die Ewigkeit der Kultur ist die Stimmung des | | Schlusses. | +----------------------------------------------------------+ | _Jeder Band 3 Mark_ | +----------------------------------------------------------+

* * * * *

+----------------------------------------------------------+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ | +----------------------------------------------------------+ | Lotte Hagedorn | | | | von Felix Philipp. | | | | In das Erleben einer früheren Generation trägt Felix | | Philipps neues Werk zurück. Mit einem Spaziergang nach | | den Linden, den am Himmelfahrtstag 1869 der | | Kommissionsrat Schlegel unternimmt, setzt die | | Geschichte der Lotte Hagedorn ein. An jenem Junitage | | des Jahres 1871 endet sie, an dem durch das | | Brandenburger Tor die aus Frankreich heimkehrenden, | | kranzgeschmückten Truppen umjubelt einzogen. Stimmungen | | von altväterischem Reiz begleiten diesen zarten und | | rührenden Roman eines Frauenherzens. Den Zusammenbruch | | eines Bankhauses in der Jägerstraße, dessen Inhaber | | elegant und frivol ist wie die Bankiers des | | napoleonischen Paris, schildern die stärksten Kapitel. | | Sie bringen in diese Welt der bürgerlichen Sparsamkeit | | etwas wie eine erste Vorahnung der Gründerjahre. | | | | | | Candida | | | | von Albert von Trentini | | | | Das neue Werk Trentinis hat ein Motiv von großer | | Kühnheit: die Zerstörung einer glühenden Leidenschaft | | durch einen Unfall, der das Antlitz der Geliebten jäh | | entstellt. In einer Sprache voll feierlichen Glanzes | | gibt der junge österreichische Dichter den Kampf zweier | | Menschen wieder, des Mannes, dessen Gefühl erstarrt, | | der Frau, die stolz und einsam dem selbstgewollten | | Schicksal entgegenschreitet, bis über Stolz und | | Einsamkeit die zitternde Liebe der Seelen triumphiert. | | Rom, seine Gärten und Tempel, die nachtdunkle | | Steinwüste des Kolosseums sind der Schauplatz des | | ersten Teils; in der unberührten Natur der Tiroler | | Alpen, in Berlin und München geht die Handlung zu Ende. | +----------------------------------------------------------+ | _Jeder Band 3 Mark_ | +----------------------------------------------------------+

* * * * *

+----------------------------------------------------------+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ | +----------------------------------------------------------+ | Schüsse vor Warschau | | | | von Christian Bouchholtz | | | | Der weiße polnische Winter ist in diesem Roman eines | | jungen Berliner Schriftstellers, der als Kanonier an | | der Bzura lag, einen Tagemarsch vor Warschau, und bei | | Brochow, Chopins Geburtsort. In kecken Skizzen malt er | | die Straßen von Lowicz, die Typen des polnischen | | Bauernvolks, die rohgezimmerten Panjehütten, die | | dumpfen Stuben mit der goldglänzenden, schwarzen | | Madonna von Czenstochau, Bäuerinnen und Burschen, die | | den Krakowiak tanzen, den Brand einer zerschossenen | | Zuckerfabrik. Ein Spionagefall ist das erregende Moment | | der Handlung und trägt in sie die Gegenwart von Verrat | | und Tod. Eine Mädchenfigur, schön, künstlich, | | lasterhaft, steht mitten in dieser romantischen | | Atmosphäre des Werkes. | | | | | | Variété | | | | von Joachim Delbrück | | | | Ein Kenner des Variétés, seines Glanzes und seiner | | Not, seines internationalen Marktes, seiner | | unerbittlich harten Auslese, seiner tragischen und | | seiner grotesken Züge, hat diesen Roman verfaßt. Doch | | nicht die überraschend wahre Darstellung des | | Artistentums ist das Entscheidende, sondern die | | künstlerische Note des Werkes. Ein impressionistisches | | Gemälde von starkem Farbenreiz wird alles, was Joachim | | Delbrück schildert: die lichtstrotzende Rampe der | | Skala, eine goldflimmernde Akrobatentruppe, dänische | | Garde in Scharlachrot, Kopenhagens Freiluftstimmungen | | aus silbergrauer Herbstzeit. Die Seele vieler Städte | | ist in Delbrücks feinem und buntem Roman, mit dem eine | | neue, persönliche Begabung sich durchsetzt. | +----------------------------------------------------------+ | _Jeder Band 3 Mark_ | +----------------------------------------------------------+

* * * * *

+----------------------------------------------------------+ | _Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien_ | +----------------------------------------------------------+ | Das Reich von morgen | | | | von Karl Figdor | | | | Der Roman von Karl Figdor ist ein farbiges und | | spannendes Werk, das der erzählenden Literatur Neuland | | erobert. Nach Mesopotamien führt er, dem zukunftsvollen | | Gebiet zwischen den beiden Riesenströmen, und an die | | Strecke der deutschen Bagdadbahn. Ein deutscher | | Ingenieur, Sektionsleiter beim Bau der Brücke von | | Dscherablus, und ein blondes deutsches Mädchen, deren | | Schicksal nach einer großen Lebenskrise vereinigt wird, | | stehen im Vordergrund des Romans. Der Höhepunkt des | | ersten Teiles ist die dramatische Schilderung einer | | Meuterei arabischer und kurdischer Arbeiter. Dann trägt | | die Handlung mitten hinein in die Tage des Krieges, | | zurück nach Berlin, zurück in die deutsche Heimat. | | | | | | Die neuen Weiber von Weinsberg | | | | von Karin Michaelis | | | | Aus inniger Liebe zu unserem Volke ist dieses Werk der | | Dänin Karin Michaelis geboren. Deutschlands und | | Österreichs Antlitz im Frieden läßt es uns schauen, in | | den Jahren des Glückes, und zeigt es uns verwandelt in | | schwerer Kriegszeit. Mit einem Wahrheitsmut, der ihr | | tiefe Dankbarkeit sichert, stellt Karin Michaelis | | unsere und unserer Bundesgenossen Leistung dar. Mit | | schwesterlichem Gefühl, jubelnd und klagend, | | verherrlicht sie die Willensmacht, die duldende und | | hoffende Größe der deutschen Frauen. Voll zarter und | | gewaltiger Stimmungen ist dieser Roman, der als ein | | dichterisches Zeugnis für die Reinheit des deutschen | | Wesens über unsere Tage hinaus dauern wird. | +----------------------------------------------------------+ | _Jeder Band 3 Mark_ | +----------------------------------------------------------+

* * * * *

+----------------------------------------------------------+ | Romane aus dem Verlag Ullstein & Co | +----------------------------------------------------------+ | Auf eigener Erde von _Max Dreyer_ | | * | | Die Spur des Ersten von _Fedor von Zobeltitz_ | | * | | Fasching von _Paul Oskar Höcker_ | | * | | Der Eid des Stephan Huller von _Felix Hollaender_ | | * | | Ein Augenblick im Paradies von _Ida Boy-Ed_ | | * | | Die Streiche der schlimmen Paulette | | von _Karl Hans Strobl_ | | * | | Pantherkätzchen von _Marie Madeleine_ | | * | | Das Bataillon Sporck von _Richard Skowronnek_ | | * | | Kleine Mama von _Paul Oskar Höcker_ | | * | | Zu Befehl! von _Heinz Tovote_ | | * | | Eine Frau wie du! von _Ida Boy-Ed_ | | * | | Peter Voß, der Millionendieb | | von _Ewald Gerhard Seeliger_ | | * | | Der Katzentisch von _Viktor von Kohlenegg_ | | * | | Die Glücksfalle von _Fedor von Zobeltitz_ | | * | | Die Meisterin von Europa von _Paul Oskar Höcker_ | | * | | Die Belowsche Ecke von _Georg Hirschfeld_ | +----------------------------------------------------------+ | _Jeder Band 3 Mark_ | +----------------------------------------------------------+

* * * * *

+----------------------------------------------------------+ | Romane aus dem Verlag Ullstein & Co | +----------------------------------------------------------+ | Tschun von _Elisabeth von Heyking_ | | * | | Das Geschlecht der Schelme von _Fedor von Zobeltitz_ | | * | | Die Sieger von _Felix Philippi_ | | * | | Moj von Hans von _Hoffensthal_ | | * | | Der Rächer von _Stefan Zeromski_ | | * | | Vor der Ehe von _Ida Boy-Ed_ | | * | | Der heilige Haß von _Richard Voß_ | | * | | Die klingende Schelle von _Felix Salten_ | | * | | Die junge Exzellenz von _Paul Oskar Höcker_ | | * | | Die Treppe von _Viktor von Kohlenegg_ | | * | | Blockade von _Meta Schoepp_ | | * | | Der gewürzige Hund von _Helene Böhlau_ | | * | | Ein Kriegsurlaub | | von _Friedrich Werner van Destéren_ | | * | | Das Buch der Liebe von _Marie Eugenie delle Grazie_ | | * | | Das Tor der Wünsche von _Friedel Merzenich_ | | * | | Frauenschneider Gutschmidt von _Otto von Gottberg_ | +----------------------------------------------------------+ | _Jeder Band 3 Mark_ | +----------------------------------------------------------+

* * * * *

ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION:

Stellen im Text, die nicht in Fraktur, sonder in Antigua gedruckt sind, sind mit = (=Antigua=) gekennzeichnet.

[ANMERKUNG TN1: Korrektur des Originals, im Original ist hier abwendetete zu finden]