Der Fall Deruga

Chapter 16

Chapter 163,793 wordsPublic domain

Vorher hatte ich gedacht, ich müsse mir erst Gewißheit über den Charakter und Grad ihrer Krankheit verschaffen, aber ihr Anblick zeigte mir überflüssig, wie fortgeschritten sie war. Sowie ich Ursula die Tür hinter sich schließen und die Treppe hinuntergehen hörte, erhob ich mich, und gleichzeitig rief mich auch die Marmotte. Ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes und sagte, wie ich mich gefreut hätte, daß Ursula noch bei ihr wäre, und wie ich kaum hätte unterlassen können, sie auszulachen, weil sie mich nicht erkannt hätte. 'Ich hätte dich gleich erkannt,' sagte sie, und dann schwatzten wir von der Vergangenheit und tauschten kleine Erinnerungen aus. Auch von ihrer Krankheit, ihren Operationen, und wie sie behandelt wurde, erzählte sie mir auf mein Befragen. Ihre Stimme war unverändert, nur fast süßer als früher. Sie klang so, wie man wohl des Abends im Gebirge ein entferntes Alphorn hört, in dem die rosigen, grünen und grauen Farben des dämmernden Horizontes mitzutönen scheinen. Während wir sprachen, hielt sie eine meiner Hände fest zwischen den ihren, und einmal küßte sie sie und sagte: 'Du liebe, gute, schöne Hand, ich habe oft an dich gedacht, und daß du mich erlösen würdest!'

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich in ihrem Gesicht, daß ein Anfall von Schmerzen im Anzuge war, Und ich dachte, nun sei der Augenblick gekommen. Ich hätte etwas mitgebracht, um ihr die Schmerzen zu vertreiben, sagte ich, und wolle es jetzt in der Küche zurechtmachen, damit wir ungestört weiterplaudern könnten. 'Wird es weh tun?' fragte sie, indem sie mich ängstlich ansah, und ihre Mundwinkel zitterten. Arme, kleine, furchtsame Marmotte! Trotzdem sie den Tod herbeiwünschte, fürchtete sie sich vor ihm. Ich lachte und sagte: 'Was denkst du, so schnell geht es nicht. Erst will ich dich ein wenig beobachten, denn vielleicht kannst du durch verständige Behandlung noch einmal gesund gemacht werden.' Mit den Worten ging ich in die Küche, suchte mir ein Glas und mischte das Gift so mit Limonade und Zucker, daß man seine Bitterkeit nicht schmeckte. Als ich zurückkam, hatte sie starke Schmerzen, und während ich sie aufrichtete, um sie trinken zu lassen, erzählte sie mir, daß sie in der letzten Nacht von unserm Mingo geträumt hatte. 'Wie sehne ich mich danach, sie wiederzusehen,' sagte sie, 'und später, wenn du auch kommst, stehen wir Hand in Hand und warten auf dich.' Ich nickte, stützte sie mit meinem Arm und setzte das Glas an die Lippen. Sie sah mich dankbar an und trank begierig.

Ich wartete, bis sie gestorben war, dann legte ich sie nieder, küßte sie auf die Stirn und sagte: 'Adieu, liebe, süße Marmotte.' Dann stellte ich in den beiden Zimmern alles so, wie es vorher gewesen war, ging in die Küche, reinigte das Glas, vertilgte überhaupt jede Spur meiner Anwesenheit und ging fort. Im Hause begegnete mir niemand, aber auf dem gepflasterten Wege, der zum Gartentor führte, sah ich den Hausmeister stehen. Bis dahin war ich vollkommen ruhig gewesen oder hatte geglaubt, es zu sein. Aber als ich den Hausmeister sah, kam es mir vor, als müsse ich ihm auffallen und müsse irgend etwas tun, um unbefangen zu erscheinen. Unwillkürlich faßte ich in die Tasche und zog eine Zigarette heraus, stellte mich vor ihn hin und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Als ich einen Zug getan hatte, ekelte es mich, und ich warf die Zigarette ins Gebüsch, ohne in dem Augenblick daran zu denken, daß das auffallen könnte.

Der nächste Zug nach Prag ging in der Frühe, und es war erst halb sechs Uhr nachmittags. Ich schlenderte wieder in die äußeren Stadtteile und setzte mich dort in ein Café. Als es Nacht wurde, begab ich mich in die Bahnhofsanlagen. Es schien mir noch zu früh zu sein, um mich umzukleiden. Da ich jedoch nicht mehr gehen mochte, setzte ich mich auf die steinerne Bank, unter der ich meinen Anzug verborgen hatte, um die Dunkelheit zu erwarten. Die himmlischen Gefühle, die mich bei Marmotte gehoben hatten, waren verschwunden, ich war schrecklich ernüchtert, und mich fror. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu mir genommen als etwas schwarzen Kaffee, und ich war so schwach und abgespannt, daß ich kaum wußte, wozu ich eigentlich dasaß. Ich kam mir abgeschmackt und lächerlich vor.

Gegen Mitternacht erhob sich ein starker Wind, der mich bis in die Knochen schaudern machte und die trübe Erstarrung, in die ich versunken war, durchbrach. Da weit und breit Totenstille herrschte, stand ich auf, zog das Paket unter den welken Blättern hervor, mit denen ich es bedeckt hatte, und kleidete mich um. Den Arbeitskittel wollte ich nicht mitnehmen und dachte erst daran, ihn wieder unter die Bank zu legen. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn, um ihn aus der Welt zu schaffen, noch besser in den Kanal werfen könnte.

Ich stand schon auf der Brücke, als ich an mein Geld dachte, das noch in dem Kittel war. Auf dem Wege zum Bahnhof malte ich mir aus, wie verhängnisvoll es für mich hätte werden können, wenn ich ohne Geld geblieben wäre, und dabei fiel mir endlich ein, daß ich auch Mingos Brief bei mir gehabt hatte für den Fall, daß ich ihre Wohnung vergäße. Es tat mir leid, den Brief verloren zu haben, aber ich war zu müde und zu gleichgültig, um umzukehren und einen Versuch zu machen, ob ich das Paket noch aus dem Wasser fischen könnte, was ohnehin unwahrscheinlich war. Auch graute mir, obwohl ich solchen Stimmungen sonst nicht unterworfen bin, vor der verlassenen Stelle, und es war mir zumute, als würde ich mich selbst auf der weißen Bank vor dem schwarzen Wasser sitzen sehen, wenn ich zurückkehrte. Im Eisenbahnwagen schlief ich sofort ein und schlief fest, bis ich zu Hause ankam. Ich hatte den Eindruck, daß niemand mich kommen sah und niemandem meine Abwesenheit aufgefallen war.«

»Warum haben Sie den Sachverhalt nicht sofort der Wahrheit gemäß dargestellt?« fragte der Vorsitzende, der während der langen Erzählung mit seinem Bleistift gespielt hatte und in den Anblick desselben versunken schien. »Das hätte Ihnen von vornherein eine andere Stellung gesichert.«

»Ja, wenn man mir geglaubt hätte!« sagte Deruga. »Den einzigen Beweis, den ich beibringen konnte, den Brief meiner Frau, hatte ich verloren, und ich dachte nicht an die Möglichkeit, ihn wiederzufinden. Freilich war ich überzeugt, selbst wenn sich der Kittel herbeischaffen ließe, würde das Wasser den Brief zerstört haben.«

»Sonderbare Geschichte das!« sagte =Dr.= Zeunemann nach der Sitzung zu den übrigen Herren. »Ich gestehe, der Mensch hat mich beinahe gerührt. Ein derartiges gegenseitiges Wohlwollen findet man selten bei Eheleuten.«

»Die waren ja auch geschieden,« sagte der Staatsanwalt listig.

Alle Herren lachten. »Übrigens,« sagte =Dr.= Zeunemann, »für ein bißchen nervös und empfindsam halte ich unseren Italiener doch. Ich hatte nicht unrecht, wenn ich ihn mit einem Chamäleon verglich.«

Das wurde zugegeben. Aber es sei schließlich kein Verbrechen, ein Chamäleon zu sein. Viele fänden es sogar reizvoll.

»Ein Spielzeug für Damen,« sagte der Staatsanwalt vergnügt, »und um der Damen willen muß er freigesprochen werden. Ich hoffe, unsere Geschworenen vergessen nicht, daß es die Damen sind, die im öffentlichen wie im privaten Leben den Ausschlag geben.«

»Besonders vergessen Sie hoffentlich nicht,« sagte =Dr.= Zeunemann, »daß es Frauen gibt, die weder im öffentlichen noch im privaten Leben hervortreten und doch tapferer sind als unser starkes Geschlecht.«

Man wollte allerseits an dem Vorsitzenden eine Vorliebe für Fräulein Gundel Schwertfeger bemerkt haben und neckte ihn damit.

Ja, er sähe auf den Kern, rechtfertigte sich =Dr.= Zeunemann, lasse sich nicht durch Schein und Schimmer verblenden wie der ewig junge Staatsanwalt.

»Sie hat gelogen wie eine Heilige,« sagte dieser, »und mir ist es recht, wenn das Gericht ihr eine Aureole statt der Strafe zuerkennt, denn das Martyrium hat sie schon hinter sich. Hernach werde ich aber mit verdoppelter Kraft den Buchstaben des Gesetzes schwingen.«

=XIX.=

Es dämmerte schon, als Mingo ins Hotel kam, wo ihre Mutter am Kamin saß und in einem Buch blätterte.

»Wo warst du denn?« fragte sie mißbilligend, indem sie das Buch in den Schoß legte. »Ich habe mich deinetwegen beunruhigt.«

»Aber Mama,« sagte Mingo erstaunt, »das habe ich nicht vorausgesetzt. Wenn wir getrennt sind, hast du doch keine Ahnung, wann ich nach Hause komme, und sorgst dich nie um mich.«

»Das ist etwas anderes, Mingo,« antwortete die Baronin gereizt. »Ich wäre nicht mehr am Leben, wollte ich mir Gedanken um dich machen, wenn du anderswo bist. Hier mußt du dich nach mir und den herrschenden Sitten richten. Ein junges Mädchen aus guter Familie darf in der Dunkelheit nicht allein durch die Straßen laufen.«

»Daran dachte ich nicht,« entschuldigte sich Mingo kleinlaut, »weil ich es so gewöhnt bin. Ich war so glücklich, Mama.«

»Glücklich? Warum?« fragte die Baronin. »Weil wir nach Paris reisen, oder weil Peter Hase uns begleitet? Oder weil du studieren darfst?«

»Ach nein, Mama,« antwortete Mingo, »weil der schreckliche Prozeß nun bald zu Ende ist, und weil er freigesprochen wird. Er wird doch freigesprochen?«

»Ich glaube bestimmt,« sagte die Baronin.

Mingo, die sich inzwischen auf ein Kissen zu Füßen ihrer Mutter gekauert hatte, rief aus: »Aber seine Unschuld ist doch sonnenklar!«

»Nach dem Buchstaben des Gesetzes ist er doch nicht unschuldig,« sagte die Baronin.

Mingos Gesicht drückte ängstlichen Zweifel aus, allmählich verzog es sich, so daß es kläglich und hilflos wie das eines kleinen Kindes aussah, und in Tränen ausbrechend umklammerte sie mit beiden Armen die Knie ihrer Mutter. »O Mama, das ertrüg' ich nicht, das ertrüg' ich nicht,« schluchzte sie.

Die Baronin schob sie sacht mit den Händen zurück und fragte befremdet, fast tadelnd: »Was ist dir? Was hast du, Kind?« während sie sich eines stechenden Schmerzes zu erwehren suchte, der ihr Herz zusammenzog.

»Stoß' mich doch nicht fort, Mama,« schluchzte Mingo, ihre Mutter fest umklammernd, »ich kann ja nichts dafür, daß es so ist! Hilf mir doch, ich habe ja nur dich! Ich kann nicht ohne ihn leben.«

Die Baronin beugte sich herab, zog die kleine Gestalt auf ihren Schoß und preßte das tränenüberströmte Gesicht an ihres. »Meine kleine Mingo,« sagte sie zärtlich, »so sehr liebst du ihn?«

Noch schluchzend drängte sich das Mädchen dicht an ihre Mutter. »Ich wollte gern sterben, wenn ich ihn damit glücklich machen könnte,« sagte sie leise.

Die Baronin streichelte sie und drückte sie fest an sich. »Meine liebe Kleine,« sagte sie besänftigend, »es ist natürlich, daß er in dieser Lage einen starken Eindruck auf dein liebevolles, phantastisches Gemüt gemacht hat. Er übt einen großen Zauber aus, das ist wahr. Aber glaube mir, das ist nicht der Mann, der dich beglücken könnte, ganz abgesehen davon, daß sein Alter und seine Stellung im Leben den Gedanken an eine Heirat mit dir von vornherein ausschließen.«

»Seine Stellung im Leben,« rief Mingo, sich entrüstet aufrichtend. »O Mama, und wenn er ein Straßenkehrer wäre, er stände hoch, hoch über mir und allen Männern, die ich kenne. O Mama, ich kann es nicht ertragen, daß du so kleinlich denkst oder sprichst. Und was frage ich nach seinem Alter? Will ich denn etwas von ihm? Wenn meine Jugend sein Herz einen Augenblick erfreuen könnte, wie man sich an einer Blume erfreut, so wäre ich glücklich, sie ihm hingeben zu dürfen.«

Plötzlich brach sie ab, da sie sah, daß die schönen grauen, schwarzumsäumten Augen ihrer Mutter feucht und daß auf ihren blassen Wangen Tränenspuren waren. Sie nahm das kleine, spitzenbesetzte Taschentuch, das die Baronin in der Hand hielt, trocknete damit behutsam ihr Gesicht und fragte nachdenklich: »Sind das meine Tränen?«

»Wessen wohl sonst?« fragte die Baronin lächelnd.

»Aber du hast ja auch Tränen in den Augen,« fuhr Mingo fort. »Ach Mama, was für ein böses Kind bin ich, dir solchen Kummer zu machen! Aber ich kann ja nichts dafür, es ist ganz gewiß stärker als ich! Alles, alles, was ich habe, wollte ich geben, wenn er mich nur ein bißchen liebhaben könnte! Wenn er mich wenigstens um sich leiden möchte! Ich weiß nicht, was aus mir werden soll ohne ihn.«

»Meine süße, kleine Mingo,« begann die Baronin.

»Sage: mein süßer, kleiner Mingo,« bat Mingo.

»Mein süßer, kleiner Mingo,« wiederholte die Baronin, »kühle vor allen Dingen dein Gesicht, denn du möchtest gewiß nicht gern, daß dein Vater, der jeden Augenblick kommen kann, dich so überraschte. Ich fürchte, er würde wenig Verständnis für deine Gefühle haben. Und dann laß uns zunächst ruhig das Urteil erwarten! Sollte er nicht freigesprochen werden, so kann er weitergehen; wir brauchen also selbst im schlimmsten Falle die Hoffnung nicht aufzugeben. Was dann wird, hängt nicht von uns ab. Dich zu lieben, können wir ihn nicht zwingen, aber ich glaube, daß er schon um seiner verstorbenen Tochter willen Sympathie für dich hat.«

»Glaubst du?« fragte Mingo, während sie sich das erhitzte Gesicht mit einem nassen Tuche betupfen ließ. Die ungewohnte mütterliche Zärtlichkeit hatte etwas lieblich Einwiegendes, und sie hielt unwillkürlich die Mutter fest umarmt, als wolle sie die wohltätige Anwandlung verhindern, einem Traume gleich zu verschwinden.

»Du scheinst plötzlich wieder ein kleines Kind geworden zu sein,« sagte die Baronin, »und zu denken, wie kleine Kinder tun: Mama wird mir Sonne und Mond geben, wenn ich will.«

Mingo sah die Baronin mit großen, wundergläubigen Augen an und nickte. »Das kommt, weil du so gut zu mir bist,« sagte sie.

Erst gegen Morgen schlief die Baronin ein und erwachte mit müdem, unfrohem Herzen. Mingos zärtliche Begrüßung, kleine Aufmerksamkeiten und verstohlene Blicke ermunterten sie doch allmählich.

»Nun, Mingo,« sagte sie, »ich nehme dich heute nur mit in die Sitzung, wenn du brav sein willst. Auftritte sind mir verhaßt, besonders in der Öffentlichkeit.« Mingo versprach es und wurde auf keine zu schwere Probe gestellt. Denn die Reden waren kurz, und die Geschworenen lehnten nach kaum halbstündiger Beratung die Schuldfrage ab.

* * * * *

In der allgemeinen Bewegung, die entstand, erschien nur Deruga gleichgültig; einzig als er, nachdem die Baronin ihn beglückwünscht hatte, Mingos Auge voll Sorge und Liebe auf sich gerichtet sah, wurden seine Mienen weich.

»Kleiner Mingo,« sagte er, indem er ihr zunickte, »sind Sie nun zufrieden? Sehen Sie, die Menschen sind gar nicht so böse!«

Im ersten Augenblick überwältigte sie das Glück dieser Anrede; aber als sie neben ihrer Mutter im Wagen saß und alles Erlebte wieder durchträumte, schien es, als habe der bewunderte Mann sie doch recht karg abgespeist. Mit wem mochte er seinen Triumph jetzt so recht ausgiebig feiern? War er überhaupt froh? Es hatte so viel Widerwillen und Verachtung in dem Gesicht gelegen, das doch so innig lächeln konnte. Ob er glücklicher sein würde, wenn er wüßte, wie ganz und gar sie ihm ergeben war?

»Mingo,« sagte die Baronin am Nachmittag, als sie allein miteinander waren, »ich werde jetzt Deruga aufsuchen, um zu erfahren, welches seine Absichten für die nächste Zukunft sind, und ihn bitten, daß er mich als seine Verwandte betrachtet. Dich nehme ich nicht mit, weil du sehr wenig imstande bist, deine Empfindungen zu beherrschen, und es nicht schicklich ist, wie du auch finden wirst, wenn ein Mädchen sich einem Manne anträgt.«

Mingo war nicht der Meinung. Sich diesem einzigen Manne gegenüber hinter Schicklichkeitsregeln zu verschanzen, schien ihr unwürdig, das einzig Natürliche und Richtige vielmehr, ihm zu sagen: Ich bin dein, nimm mich hin. Da sie aber wußte, daß sie ihre Mutter für diese Auffassung nicht würde gewinnen können, und da sie sich außerdem vor einer Begegnung mit Deruga ebensosehr fürchtete, wie sie sie herbeisehnte, erklärte sie sich dankbar einverstanden.

»Aber ich darf ihn doch grüßen lassen,« fragte sie. Die Baronin lächelte und küßte sie. »Geh' inzwischen mit deinem Vater spazieren,« sagte sie, »daß dir die Zeit nicht lang wird.«

=XX.=

Als die Baronin bei Deruga eingetreten war, der an einem Tische saß und schrieb, blieb sie einen Augenblick stehen und sagte dann: »Sie sehen nicht aus wie ein Sieger. Mir entfällt der Mut, Ihnen Glück zu wünschen.«

»Sie irren sich,« antwortete Deruga, »ich habe soeben einen Entschluß gefaßt, um dessentwillen ich zu beglückwünschen bin: Ich will den Schauplatz, der mir nicht gefällt, verlassen.«

»Das habe ich vorausgesetzt,« sagte die Baronin. »Hätten Sie nicht Lust, uns nach Paris zu begleiten?«

»Nein, ich will weiter, viel weiter fort,« sagte Deruga.

»Nun, das ist auch gut,« meinte die Baronin. »In der Ferne werden Sie die häßlichen Eindrücke, die Sie hier gehabt haben, vergessen, und wenn Sie wissen, daß Sie in dem trüben Wust einen kostbaren Schatz gewonnen haben, nämlich ein reines, warmes, treues Herz, so wird Sie das allmählich zurückziehen.«

»Ich bin nicht so verwegen, mir einzubilden, ich hätte Ihr Herz gewonnen, Frau Baronin,« sagte Deruga, gutmütig spottend, »auf das Ihre Schilderung auch wohl so ganz nicht paßt.«

»Nein, nicht so ganz,« sagte die Baronin, indem sie mit wehmütiger Koketterie den Kopf wiegte, »immerhin dachte ich an eines, das dem meinigen nah, sehr nah verwandt ist.«

»Kleiner Mingo,« sagte Deruga träumerisch, und dann rascher, zu seinem Gast gewendet: »Ach, glauben Sie denn, Baronin, ich könnte es ertragen, ein Wesen an meiner Seite zu haben, das mich immer an meinen kleinen Mingo erinnerte, den ich verloren habe? Wenn Sie das für möglich halten, so wissen Sie nicht, was Elternliebe ist.«

»O doch, ich habe es erfahren,« sagte die Baronin, indem sie langsam den verschleierten Blick auf ihn richtete.

»Ich glaube Ihnen,« sagte Deruga, »aber vielleicht können Sie sich nicht in meine Lage denken.«

»Es ist natürlich,« sagte die Baronin, »daß ich zunächst die meine und die meines Kindes empfinde. Daß eine Mutter ihre Tochter nicht gern einem um so viel älteren Manne gibt, das versteht sich doch wohl von selbst. Wenn ich trotzdem mich entschlossen habe, Ihnen von dieser Neigung zu sprechen, so geschah es, weil ihre Stärke und unschuldige Zuversicht mich rührten und mir den Glauben erweckten, es könne doch vielleicht -- wie man so sagt -- Gottes Wille sein. Dazu kommt freilich, daß ich mich davor fürchte, das Kind leiden zu sehen.«

»Wirkliches Leiden,« sagte Deruga, »würde ihr die Erfüllung ihres Wunsches bringen. Sie kennt mich nicht. Und auch Sie, Baronin, kennen mich offenbar nicht genügend.«

»Die Natur will nicht, daß wir Frauen die Männer ganz kennen,« sagte die Baronin leicht errötend. »Hat sie uns nicht blind gemacht, so müssen wir uns wohl oder übel die Augen verbinden. Aber von Ihnen, gerade von Ihnen glaubte ich, daß es nur von Ihrem Willen abhinge, wenn nicht ein großer, so doch ein sehr guter Mensch zu sein.«

»Wenn das wahr wäre,« sagte Deruga, »so wäre ich es ja. Mein Wille hängt aber nicht von mir ab, sondern von meinem Blut, von meinen Nerven, von den Eindrücken, die ich empfange, von tausenderlei Strömungen und Stockungen, über die ich nicht Herr bin. Ich habe Augenblicke gehabt, wo es mir vor mir selbst ekelte, und ich will verhindern, daß sie wiederkommen, nachdem ich einmal hoch über allen irdischen Niedrigkeiten war.«

»Und könnten Sie das nicht am besten dadurch verhindern,« sagte die Baronin, liebevoll dringend, »daß Sie Ihr Leben mit einem jungen, reinen, vertrauenden verbänden?«

»Wenn ich stark wäre, ja,« sagte Deruga. »Aber da ich schwach bin, bleibt mir doch nur der andere Weg, daß ich fortgehe.«

Etwas in seinen Mienen oder im Ton seiner Worte machte, daß die Baronin ihn plötzlich richtig verstand. Ihre Hand, die auf der Lehne seines Stuhles lag, zitterte, und sie wurde bleich. Eine schreckliche Angst, er könne jetzt gleich, ihr gegenüber Hand an sich legen, befiel sie, und zugleich durchzitterte sie der Gedanke, daß dies die beste Lösung für sie wäre.

»Es ist entsetzlich, mir das zu sagen,« stöhnte sie, die Augen schließend und den Kopf zurücklehnend.

»Nicht so sehr,« sagte Deruga, »ich hätte es nicht gesagt, wenn ich nicht wüßte, wie verständig Sie sind. Ich will Ihnen gestehen, als mich Ihre Augen zum ersten Male mit einem Blick trafen, der aus Abneigung und plötzlich erregter Zuneigung gemischt war, wurde eine starke Begierde zu leben in mir wach, wie ich sie jahrelang nicht empfunden hatte. Denn eigentlich lebte ich nur so hin, weil ich einmal da war, ohne daß etwas mich sonderlich reizte. Der Trieb, den Sie in mir entzündeten, war nichts Hohes oder Schönes, es war ein Durcheinander von Genußsucht, Eitelkeit und Selbstliebe, was eben bei uns Männern der Leidenschaft hauptsächlich zugrunde liegt. Der Reichtum, der mir in den Schoß gefallen war, bekam plötzlich doppelten Wert für mich. Von ihm getragen, wollte ich leben um jeden Preis, was für Opfer es auch kosten möchte, leben, um ungeschränkt zu genießen. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn der gute =Dr.= Bernburger nicht den Brief von meiner armen Marmotte gefunden hätte!«

»Da verblaßte die neue vor der alten Liebe,« sagte die Baronin leise.

»Sie mögen es immerhin so ausdrücken,« sagte Deruga. »Vom Finger der Erinnerung berührt, stieg die göttliche Zeit vor mir auf, die mir einmal geschenkt war. Ich sah, wie flach, zerbrechlich, alltäglich und ekelhaft alles das war, was mich glänzend und genußreich umgaukelt hatte, verglichen mit der Seligkeit, die ich empfand, als ich meiner armen, kranken Marmotte den Tod gab. Ja, ich würde reicher und angesehener sein, es würden mir feinere, höher gestellte Frauen zu Verfügung stehen als früher, aber ich würde mit jedem Schritt tiefer in den Schlamm der Alltäglichkeit versinken und mich weiter von jenem Götterglück entfernen, bis ich meine Fähigkeit dazu endlich vergessen und verloren hätte.«

»Man kann nicht immer auf den Höhen verweilen,« wandte die Baronin zaghaft ein.

»Ich wenigstens kann es nicht,« sagte Deruga. »Aber ich war doch einmal begnadet, in ätherischer Luft zu atmen. Mir schmeckt eure Zeit nicht mehr nach jenen ewigen Augenblicken.«

»Vielleicht,« sagte die Baronin zögernd, »könnte Mingo Sie umstimmen, wenn sie zu Ihnen käme.«

»Das wäre zum Unglück für uns beide,« sagte Deruga. »Lassen Sie dem Kinde eine schöne, heilige Erinnerung, die vielleicht einmal dunkle Stellen des Lebens verklären kann. Mich beglückt der Gedanke, daß sie ein unbeflecktes Bild von mir in liebevollem Herzen festhält. Versprechen Sie mir, es nicht zu zerstören, Baronin!«

»Es ist ja mir so teuer wie ihr,« sagte sie mit erstickter Stimme. Sie drückte das Taschentuch an die Augen und saß ihm lange stumm gegenüber. Plötzlich kam ihr inmitten verworrener Gefühle und Gedanken ein Einfall, dem nachgebend sie sich schnell aufrichtete und fragte: »Und die verhängnisvolle Erbschaft? Was wird aus der, wenn Sie -- fortgehen?«

Deruga lachte. »Wahrhaftig, Baronin,« sagte er, »wenn Gundel Schwertfeger nicht wäre, würde ich sie Ihnen von Herzen gönnen. Aber, sehen Sie, Gundel Schwertfeger kommt das Geld eigentlich zu, weil die Marmotte es ihr zugedacht hatte, und weil sie es in ihrem Sinne anwenden wird. Und um mich hat sie es verdient, das treue, tapfere Herz, obwohl ich ihr einmal böse war, weil sie mich zu hart beurteilte. Im Grunde galt mein Zorn nur ihrer Unbestechlichkeit.«

»Ach,« sagte die Baronin schmollend, »Sie und das Fräulein Schwertfeger gehören zu den Leuten, die nur ein Herz für die Leiden der Armen haben. Glauben Sie mir, verhältnismäßig bin ich ärmer als die ärmste Taglöhnersfrau.«

»Ja, aber nur verhältnismäßig,« lachte Deruga.

»Nun, lassen wir das,« sagte die Baronin, »nur um eines bitte ich Sie: Lassen Sie die Nadel, den Mohrenkopf, den Sie in der Krawatte tragen, nicht in fremde Hände fallen!«