Der ewige Mensch: Drama in Christo

Part 2

Chapter 22,843 wordsPublic domain

Bücher schreiben ist eine unsittliche Handlung. Ein Buch ist immer ein unanständig Ding. Das Lesen von Büchern aber ist das Schlimmste, denn das ist eine verkehrte Befleckung. (Er wirft es hinaus.) Da fällt's in die Schlucht. Dort mag's bleiben. Was ich gesprochen habe, das lebt. Man soll's nicht sargen.

DER DICHTER (tritt auf, barhäuptig, achtzigjährig. Tolstoi-Maske):

Es ist gut, daß ich dir begegne auf meinem letzten Wege.

CORDATUS:

Ich habe nichts mit dir zu schaffen, Greis; denn du bist ein Abtrünniger, wenngleich die Armen und Bedrängten dich preisen und das ganze Volk vor deinem Dichtwerk auf den Knien liegt.

DER DICHTER:

Ich weiß, daß ich gefehlt habe, und deshalb gehe ich meinen letzten Weg.

CORDATUS:

Wohin führt es dich?

DER DICHTER:

Fort von den Meinen. Das ist es!

CORDATUS:

Ich will dein Strafer und dein Tröster sein.

DER DICHTER:

Du strafst auch? Ich glaubte, du könntest nur lieben.

CORDATUS:

Die Geistigschwachen und die Hundsköpfigen und die Schweinsohrigen, die Schafsäugigen und die Kotschnäuzigen und die Eselsköpfigen -- ja -- die liebe ich, Greis. Aber die da geistig stark sind und die Mißbrauch mit dem Geiste treiben, die strafe ich.

DER DICHTER:

Ich weiß vor meinem Gott, daß ich nicht Mißbrauch des Geistes getrieben habe.

CORDATUS:

Aber die Kobolde und nächtlichen Herzdrücker gingen doch nicht von deiner Brust, denn du hast den ewigen Menschen verraten.

DER DICHTER:

Verraten habe ich ihn nicht!

CORDATUS:

So nenne mir das oberste Gesetz.

DER DICHTER:

Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen!

CORDATUS:

Das hast du getan?

DER DICHTER:

Ja -- soweit ich nur konnte. Und ich hab keine Schätze gesammelt.

CORDATUS:

Eines aber, reicher Jüngling, hast du mißachtet: »Folge mir nach!« -- Das tatest du nicht. Du bliebst bei den Deinen. Und so ist dein halbes Christentum schlimmer als ein ganzes Heidentum. Denn ein halbes Christentum ist keine Religion, aber ein ganzes Heidentum ist Religion. Das Ganze ist immer die Wahrheit.

DER DICHTER (klagend):

Ich sagte dir: ich gehe meinen letzten Weg. Denn nun habe ich auch die Meinen verlassen.

CORDATUS:

Ja -- es ist dein letzter Weg. Denn du wirst sterben noch in dieser Nacht. Was du von diesem Morgen des Entschlusses bis zu dieser Nacht tust, das allein ist lebendig von dir zu ihm.

DER DICHTER:

Und das Kreutzerwerk, und das Evangelium, und das ganze Werk meiner achtzig Jahre?

CORDATUS:

Das wird vergessen werden, Greis. Denn du hast dies alles gewußt und _bist_ feige gewesen. Die geübte Liebe wird leben, die geschriebene Liebe aber wird zuschanden werden.

DER DICHTER (weint).

CORDATUS:

Du hast gewußt: es kann der Mensch auf dieser Welt gar nicht einsam genug sein. Du glichst bis nun der Jungfrau, die da glaubt, ein Tier im Bauch zu haben.

DER DICHTER:

So sage mir! Kann man auf Erden Christus werden?

CORDATUS:

Man kann es. Und wenn man es kann, dann soll man es.

DER DICHTER:

Bist du Christus?

CORDATUS:

Du sagst es.

DER DICHTER:

So laß mich mit dir beten!

CORDATUS:

Ich bete nie!

DER DICHTER (laut weinend):

Bist du Christus?

CORDATUS:

Ich bin's. Und du gehst jetzt hin, um es sterbend zu werden. Ja -- das sei dein Trost! Du bist einen Tag in deinem Leben Christus gewesen ... Zieh hin ...

DER DICHTER (geht).

TIOMA BETTY:

Du bist hart.

CORDATUS:

Er wird gut schlafen.

TIOMA BETTY:

Mausche Michel kommt über den Berg.

CORDATUS:

Ich liebe ihn. Es gibt überall auf der Welt ein paar Gestalten, die jeder kennt, weil sie außerhalb aller bürgerlichen Einrichtungen leben, und die deshalb verlacht werden. Diese Gestalten liebe ich, denn irgendwie verkörpern sie die Sehnsucht der Menschen.

MAUSCHE MICHEL (kommt unglaublich zerrissen. Er trägt einen langen, grauen Bart. In der Hand hält er einen langen Pfahl als Stock. Über der Schulter liegt ein Sack):

A guten Tag.

CORDATUS:

Wohin, Mausche Michel?

MAUSCHE MICHEL:

Nu, lieber Freind, ich komm fragen, ob Ihr eppes bedarft: e Hemed, e Röck oder Schich ...

CORDATUS:

Ich brauche nichts, Mausche. Auch hab ich, wie Ihr wißt, kein Geld.

MAUSCHE:

Ich brauch kein Geld nit vun Eich. Ihr seid a guter Menß ... (Lächelnd:) Aber der Messias seid Ihr doch nit.

CORDATUS:

Was kommt's drauf an? Das Rad muß einen Stoß bekommen, wenn's auszurollen droht!

MAUSCHE MICHEL:

Wos kimmern sich die Menßen ...

CORDATUS:

Wenn's nicht tausend sind, dann sind's hundert, und wenn's nicht hundert sind, dann sind's zehn. Und wenn's einer lernt: der Schmerz ist das Glück und der Sender weiß und leide mit Liebe, dann ist es genug. Es gibt nur ein Himmelsgebirge, Mausche Michel, nur eins!

MAUSCHE MICHEL:

Ihr seid a großer Gelernter. Recht habt Ihr.

(Er geht.)

CORDATUS (zu Tioma Betty):

Vergiß das nicht: auch die größten Christen waren Juden.

TAMARA (kommt wiegenden Schritts):

Ich hab ein Tier im Bauch. Schneid mir doch das Tier aus dem Bauch.

CORDATUS (schweigt).

TAMARA (zögernd):

Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts. (Sie erschrickt).

TIOMA BETTY (erhebt).

TAMARA (geht langsam vorüber):

Es ist nichts, Tamara. Es ist nichts.

CORDATUS (erhebt sich):

Nein -- es ist nichts. -- Laß uns zu Tale steigen. Die Menschen rühren sich in den Niederungen.

TIOMA BETTY:

Ich fürchte mich vor den Tälern der Menschen.

CORDATUS:

Bleibe auf dem Gipfel. (Er geht schnell ab).

TIOMA BETTY (folgt ihm langsam, erstaunt).

STEILZACK (kommt mit mehreren Männern, darunter Saat und der verkettete Mann):

Dort geht er hinunter. Und die Stadthure folgt ihm in der Entfernung.

DER VERKETTETE MANN:

Am Steinbruch können wir ihn erreichen.

SAAT:

Ja -- am Steinbruch.

STEILZACK:

Kommt.

(Sie gehen.)

SAAT (bleibt plötzlich zurück, wankt hin und her, fällt in die Knie und zittert heftig. Dann faltet er die Hände empor und ächzt):

Es haben größere Menschen als ich an Gott geglaubt, größere Menschen! Weshalb gabst du mir, Gott, Eigenschaften, die mich schuldig werden lassen mußten!!!

WACHTLER (kommt angetrippelt):

Ja -- mein Freund, die Reue ist etwas Verspätetes.

SAAT (springt in heftiger Aufwallung hoch):

Stören Sie mich nicht, Mann!

WACHTLER:

Und nun wollen sie den heiligen Cordatus steinigen! Schlecht sind die Menschen, Herr. Schlecht! Die Menschen schämen sich, und aus Scham sind sie schlecht, sage ich Ihnen. Auch Christus wurde getötet, weil sich die Menschen vor ihm schämten. Greulich, au-ßer-or-dent-lich greulich!!! Haben Sie verstanden?!! --

SAAT (weicht zurück):

Ich weiß nicht -- -- --

WACHTLER (mit steigender Erregung):

Aber dann kommt das Gesetz, Bursche, hörst du, das Gesetz! Und dann werdet ihr gestraft, nicht weil ihr dies oder jenes getan habt, das tun bessere Menschen auch, sondern weil ihr es verludert habt, das Gute und die Liebe in den Dingen zu suchen. Und du stehst vor einem unbegreifbaren Gericht, schweißig, naß wie ein Lamm, das von hinten gesogen hat! Ja -- die Frucht wollt ihr nicht, aber die Wollust darf euch nicht genommen werden. Dafür schwebt stündlich das Beil des Henkers über euch. Und einmal fällt es ganz plötzlich! Ihr aber könnt nicht mehr den letzten Gang des Menschen zum Topfe machen. Ihr könnt euch nicht verstecken, wie die Tiere und Vögel es tun, wenn sie sterben. Ihr seid verurteilt, mit Kot in den Hosen vor sittsamer Leute Augen zu verrecken! Dann wird euch das Wort fehlen, das jener, den ihr dort mit Steinen totschlagt, gelehrt hat: Leide mit Liebe!! -- Leide mit Liebe!!! -- -- -- Ich bin ein Faun, ja -- aber dann ist im Faun Liebe und natürliche Kraft!

SAAT (steht vernichtet. Nach einer Weile):

Der -- Leichnam ist noch immer nicht gefunden worden.

WACHTLER (unheimlich):

Nein -- hier -- ist er -- Bube!

DER VATER (tritt auf. Die Stirn ist hochgeschwollen, die Haut in der Mitte geplatzt. Das Gesicht ist mit geronnenem Blut bedeckt. Zwei irre Augen stieren umher).

SAAT (steif wie eine Säule, streckt er beide Arme ganz steil aufwärts).

WACHTLER (steht gespannt in schiefster Haltung):

Der Körper lebt. Nur der Geist ist tot.

(Des Vaters Augen bleiben plötzlich auf Saat sitzen und werden immer größer.)

DER VATER (mit ruhiger Verwunderung):

Herr Jesus, das ist er ja ... Herr Jesus, das ist er ja!

(Er zuckt zusammen, streckt beide Hände wie zur Abwehr weit vor sich und schreit):

Das Beil!!!

(Dann läßt er die Arme sinken. Eine Welle Wut rinnt über ihn.)

SAAT (stößt ein unmenschliches Geheul aus, einem Wolfsgeheul ähnlich. So stürzt er schwankend davon).

DER VATER (folgt ihm mit taumelnden Schritten).

WACHTLER (sammelt alle Kräfte und sinnt in die Weite):

Ja -- -- -- immerhin -- -- -- spannend -- -- --

Später. Ein Abend auf dem Berge.

TIOMA BETTY und SANNA (sehr einfach, zum Teil abgetragen, gekleidet. Das Haar tragen sie zu langen Zöpfen geflochten).

TIOMA BETTY:

Es wird feucht in den Tälern. Und die Lichtketten fangen an zu tanzen.

SANNA (auf der Erde sitzend):

Wollen wir hinabgehn nach der Stadt oder hier oben übernachten im leeren Raume?

TIOMA BETTY:

Hier oben im leeren Raume, denke ich ...

SANNA (zögernd):

Das ist so schmerzvoll.

TIOMA BETTY:

Ich glaube, du hegst noch immer eine Furcht.

SANNA:

Was kann man uns tun. Man hat uns schon alles getan.

TAMARA (kommt und bleibt abseits stehn).

TIOMA BETTY:

Man darf das Blut nicht hemmen, wenn es brausen will, Sanna. Wir leben, und das heißt verbrauchen und Beziehungen zum Sender durch den Heiland suchen.

SANNA:

Wenn ich die Sterne sehe und den Sommer atme, dann will ich den Gott unmittelbar.

TIOMA BETTY:

Lebe deinen Tag und lebe deine Nacht. Gott nimmt den Menschen niemals anders als durch den Heiland, den er gesandt hat, und unter dessen Stirn eine Erdperiode steht.

SANNA:

Wer hat dir das alles gesagt?

TIOMA BETTY:

Ich habe mir ein Buch heraufgeholt, das lag dort unten in der Schlucht, und da ist das alles ausgesprochen.

TAMARA (noch immer abseits):

Er hat mich gesund gemacht. Wenn ich ihm danken könnte mit meinem Leben, danken ...

(Tiefes Schweigen.)

TIOMA BETTY:

Ob sie ihn nicht doch noch in den Fluß geworfen haben?

TAMARA:

Die Wellen hätten ihn wie einen König vor sich hergetragen, und die Fische hätten ihn auf den Sand gehoben. Und dann hätten die Vögel geschluchzt und die Tiere geweint, der Mond aber wäre von selber verlöscht in der Nacht.

SANNA (ist aufgestanden):

Es gibt Menschen -- so las ich einmal in einem Buche ohne Orthographie -- es gibt Menschen, deren Leichnam weder Wasser noch Erde verbergen kann. Die Wogen speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn auf den Acker.

TIOMA BETTY:

Und warum?

SANNA:

Weil dieser taumelnde Ball die erlösende Wucht seiner Seele als Schmerz empfunden hat. Das stand so in diesem alten Buche geschrieben.

TAMARA (tritt unruhig herzu):

Ich fürchte diese einsamen Männer, die immer so steif und einzeln am Abend in der Landschaft stehn. Warum ist es niemals eine Frau ...

TIOMA BETTY (nachdenklich wiederholend):

Die Wogen speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn auf den Acker.

SANNA:

Das stand da so schön geschrieben, Tioma Betty, zum Weinen schön geschrieben.

TIOMA BETTY:

Man kann es immer noch einmal sagen: Die Wogen speien ihn aus, und die Erde bricht auf und wirft ihn auf den Acker.

TAMARA:

Jetzt ist er ganz nah bei uns -- -- der Mann. --

EIN FREMDER MANN (tritt auf, bleibt aber ganz hart an der Seite stehn und blickt teilnahmlos aber unverwandt ins Weite hinaus. Seine Kleidung ist vollkommen zerrissen, sein blonder Vollbart ungepflegt und zerzaust. Sein Antlitz ist hohl und läßt auf große Anstrengungen schließen).

(Die Frauen stehen hart auf der gegenüberliegenden Seite, nicht furchtsam gerade, doch vielleicht ein wenig betreten.)

SANNA (leise):

Laßt uns zur Stadt hinuntergehn.

TIOMA BETTY:

Fürchtet nichts. Ich bin stark. -- Bleibet auf dem Berge, nur hier könnten wir ihn treffen, so er noch einmal zu uns kommen sollte.

SANNA:

Es ist ja so lange her.

DER FREMDE MANN (fern und ruhig):

Wen sucht ihr, Mädchen ...

(Schweigen.)

DER MANN:

Ich kenne alle Pfade auf der Erde, und jeder Fußdruck ist mir flüssig in der Menschheit.

SANNA (leise):

Antworte ihm, Tioma Betty. Er ist arm und bloß.

DER MANN:

Und wenn die schweren Sommerregen durch die Lande streichen und der Boden Schlamm wird und ungewiß, so weiß ich dennoch alle Schritte aller Wesen, denn sie sind durch ihn und mich zu den Dingen.

TAMARA:

Tioma Betty, sage ihm doch ein Wort.

DER MANN:

Armut bindet. Ich bin euer Bruder, wenn ihr arm seid.

TIOMA BETTY:

Und doch birgt ein Wort für verschiedene Menschen immer verschiedene Begriffe. So ist überall immer Babel auf Erden.

DER MANN:

Das ist es. Denn die Menschen haben zuviel Worte erdacht. Dort steigt der Mond, ein Lichtschnitt am Firmament. Hätten die Menschen doch das Rätsel des nächtlichen Feuerzeichens am Himmel ertragen, ohne durch ein Wort zu der Summe der irdischen Begriffe zu drängen, nie wäre der Mensch auf Erden Bürger geworden, sondern Mensch. Vergeßt den irdischen Namen des rätselhaften Gestirns, und es sei Liebe unter dem leuchtenden Bilde und Schweigen, und die unsicheren Dichter werden nicht mehr sein.

SANNA:

Es ist seltsam in dieser Zeit, daß die Menschen alle anfangen, von den wahrhaftigen Dingen zu reden.

DER MANN:

Die Menschen beginnen langsam wieder zu denken. Die auf den Bergen und an den großen Wassern haben schon immer gedacht. Und nun sind die Berge und die großen Wasser auch zu den anderen gekommen.

TIOMA BETTY:

Kennst du Cordatus?

DER MANN:

Ein Name ist ein Begriff, unter dem man sich dieses oder jenes vorstellt. Ab er es gibt nur eine Weltanschauung, denn es gibt nur einen Gott. Und diese eine Weltanschauung hat der Mensch nur dann in voller Reinheit errungen, wenn er in sich gegen alle Dinge keinen Widerstand mehr ausspürt.

SANNA:

Kennst du Cordatus?

TAMARA:

Er lebte wie die Lilien auf dem Felde und wie die Vögel unter dem Himmel, frei, ganz frei und auch so frei den Steinwürfen der Menschen ausgesetzt.

DER MANN:

Wenn ich dem emsigen Treiben der Vöglein zuschaue, ist mir, als müßte ich gleich in ihre Nester kriechen.

TIOMA BETTY (nachdenklich wiederholend):

... so er in sich gegen alle Dinge keinen Widerstand mehr ausspürt.

SANNA:

Lebst auch du den letzten Heiland Christus?

DER MANN (tritt näher):

Lasset uns von Christo reden.

TIOMA BETTY:

Um die christlichen Dinge ist es schlecht auf Erden bestellt, denn es rufen _alle_ Priesterlichen zu dem Heiland: Salbater, Salbater, Salbater ...

SANNA:

Sprich, was du glaubst ...

(Die Mädchen treten näher.)

DER MANN:

Christus sprach: Ich will den Vater bitten, daß er euch einen anderen Tröster gebe, der bei euch bleibe ewig. Und der Tröster, das ist der heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, wird euch alles lehren und euch erinnern alles dessen, das ich euch gesagt habe. Wenn dieser Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von ihm selber reden, sondern was er hören wird, das wird er sagen, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Derselbe wird mich verklären ...

TIOMA BETTY:

Und du glaubst -- -- --

DER MANN:

-- -- -- daß ein Heiland diese Welt bis in alle Ewigkeit erkannt hat! Seht -- der Tröster ist noch nicht gekommen in die Menschheit. Denn das Feuer, das der Heiland Christ entzündet hat, brennt noch immer. Doch es wachsen die wahrhaftigen Streiter ringsher und verkünden, daß auch Christi Wunder nur Gleichnisse sind. Und die Verkünder sind nicht Schriftner mehr, sondern Dichter, die ihr Leben als ein Dichtwerk leben! Das sind die Großen, die den Wind bewegen und auf Erden himmlisch sind.

TIOMA BETTY:

Und die Stadt Jerusalem, die vorerst zerstürzen soll?

DER MANN:

Jede Stadt ist Jerusalem! Zu den Menschen darf man nur in Bildern reden, denn der Worte Sinn ist vielfach und verändert sich im Lauf der Zeit.

TAMARA (ängstlich):

Und so ist nichts vollendet, und wir stehen mitten drin -- -- --

DER MANN:

Dein Hirn schreit -- und du weißt keinen Ausweg. Du aufheulst in Nacht aus dem Leibe! Doch der Geist der Wahrheit wird die Schlacht gewinnen. Jetzt ist die Zeit, da der heilige Geist über alle kommt.

(Er wendet sich zum Gehen.)

TIOMA BETTY:

Bleibe bei uns diese Nacht bis zum Morgen.

DER MANN:

Ich muß wandern. Ich muß wandern. Freundlich sind die Straßen in der Nacht. Ich muß wandern, immer weiter, weiter wandern ... Wachst, Kindlein, wachst! Der Fürst der Welt braucht Kämpfer für sein Reich!

(Er geht.)

(Schweigen.)

SANNA:

Wie es plötzlich dunkel um uns ist.

TAMARA:

Alles Licht von außen hat er mitgenommen.

TIOMA BETTY:

Innen brennt's ... Und die Wärme wird den Wind bewegen. Und Jerusalem wird zerbrechen. Und ich seh die Menschen auf den Fluren wie die Bäume und die Blumen leben: lächeln, atmen, lieben und bewegungslos schauern oder auch in den erschütternden Welt- und Schicksalswinden eine ergreifende Erhabenheit in das helle All rauschen.

SANNA (in unverhoffter Starre):

Tioma! Tioma Betty!! Halte mich fest, halte mich ganz, ganz fest!!!

(Sie hängt an ihrem Arme.)

TIOMA BETTY (groß und ruhig):

Du weißt es! --

SANNA (am ganzen Körper fliegend):

Tamara -- geh -- geh -- fasse ihn -- Cordatus! -- (Sie ruft hinaus): Cordatus!!! Eile! O Gott -- eile doch. Ich kann nicht! Weshalb habt ihr nicht erkannt! Weshalb wart ihr blind! blind!! blind!!! Fasse ihn -- fasse ihn in der Nacht!!

(Sie springt hinaus.)

TAMARA (mit großen Augen schwankend hinterher):

Dank, Dank, Dank, Dank -- -- --

TIOMA BETTY (leuchtet):

Und sie erkannten ihn nicht! -- Nun greifen wir ihn nicht mehr mit den Händen ...

ENDE

Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 47]: ... sind die Großen, die den Wind bewegen nnd auf Erden ... ... sind die Großen, die den Wind bewegen und auf Erden ...