Der Ewige Jude

Part 7

Chapter 71,626 wordsPublic domain

Ahasverus begriff nicht, was ihn so peinlich furchtsam und schwach machte; er wurde ärgerlich gegen sich selbst und hätte ihr beinahe zugeschnaubt: »Was ist los, Hurenbalg? . . .« Aber es war, als ob sie es fühlte; sie errötete, und einen Augenblick sahen sie einander an wie zwei Feinde, die sich kampfbereit gegenüberstehen, die ein Geheimnis in des anderen Gesicht zu lesen trachten, -- wie zwei Liebende, die einander Leid zufügen wollen in der Seele, um das Geheimnis herauszubrechen, damit es reden sollte . . . Sie hörten den Trubel nicht mehr, für sie war es da in diesem Augenblick so still wie an dem Nachmittag, als der Gedanke an den Tod da war . . . Doch ihr Blick zauderte dann und wich zurück und schien fast um Verzeihung zu bitten.

»Warum hast du Angst vor mir?« sagte Ahasverus mit gedämpfter Stimme.

»Ich habe keine Angst vor dir«, antwortete sie kurz. Er griff sie bei den Handgelenken, aber sie kehrte ihr Gesicht ab, wollte sich kleinmachen, weg sein.

»Lene . . . Lene . . .«

»Laß mich, wie ich bin! Laß mich, wie ich bin! . . .« Und dann sagte sie leiser, wie jemand, der Furcht hat: »Was könntest du wohl mit mir tun?«

Sie hatte sich sanft losgemacht und blickte dann doch ein wenig zu ihm auf mit einem unbewußten Lächeln, aber es war, als ob sie in diese Welt voll lärmenden Gewühls, das sie umgab, nicht zurückflüchten und auch Ahasverus' Blick nicht ertragen konnte und sich an ihn hätte pressen mögen, daß er sie nicht sähe, daß niemand sie sähe . . .

Sie hörte wieder das Gemurre und Geschrei, das den Saal erfüllte, -- Lene wurde gerufen und lief, die Kerle brüllten immerfort. Einer unter ihnen fuhr sie, gebückt und den Kopf vorgestreckt, an, daß sie Memmen seien:

»Wir gehn hier kaputt! Sie dürfen -- verflucht noch mal! -- uns nicht behandeln wie Tiere! . . .«

»Was sollen wir machen?« schimpfte ein anderer, »mit dem Kopf gegen die Wand rennen? Sie sind doch allemal stärker als wir! . . .«

Und aus ohnmächtiger Wut tranken sie doppelt und hatten Lust, einander zu Leibe zu gehn. Es kam Ahasverus vor, als ob er mit diesen Unglücklichen irgendwo in einem Abgrund läge, aus dem sie verzweifelt die Arme nach oben ausstreckten, er und sie alle, nach einem schöneren Leben rufend, das sie nicht sehen konnten, -- und die ganze Welt schien ihm solch ein Abgrund . . .

Auch sie -- mit ihren ewigen Augen! -- sie war mit ihm in dieser Tiefe. Und er fühlte es nun wohl, mit einer Art herben Genusses, daß er sie lieb hatte, daß er sie noch inniger lieb hatte, so wie sie war, mit all den Küssen, die sie besudelt hatten, mit diesen Fältchen von Schwermut um den jungen Mund, mit diesem stillen, unschuldigen Lächeln, das bisweilen wie eine Wintersonne ihr braunes Gesicht erhellte, -- mit dem Geheimnis ihrer Menschenseele voll Gut und Böse, voll werdender, lebender, unendlicher Schönheit . . .

Was trieb ihn zu ihr, was trieb sie zueinander, durch diese große Welt von Menschen, die alle suchten nach etwas, das sie nicht nennen konnten -- er und sie alle --, ohne zu überlegen, was aus all diesem Verlangen einmal erblühen würde?

War nicht wie das Werk seiner Hände vielleicht auch dieses Begehren seines armen Herzens, die Regung selbst, die seine Seele emporhob, ein Teil eines schönen Traumes, eine der tausend und aber tausend Regungen, durch die _ein_ schöner, unbegreiflicher Traum verwirklicht wird, mit dem Blut, mit dem Geist und der Seele, von Geschlecht zu Geschlecht, ein werdender, lebender, unendlicher Traum? . . .

Und all diese Stimmen, die da grölten und fluchten aus finsteren Mündern in dem halberleuchteten Loch, sie drangen nun zu ihm beinah wie Flammen, die aus dem Schweigen geweckt waren und die immer wieder herausschlagen würden.

»Jungens,« rief er plötzlich, die beiden Fäuste hoch erhoben, »so gehts nicht! so gehts nicht! Wir müssen wissen, was wir wollen! Und dann alle zugleich, wie _ein_ Mann! . . .« Es ging wie eine Glocke durch das Geschrei.

»Ja! Ja! Wir können doch nicht länger liegen bleiben wie Hunde! . . .«

Hartnäckig hämmerte er weiter:

»Alle gleich! Und so wollen wirs ihnen morgen sagen, wie wir behandelt werden wollen! Und hören sie nicht darauf, dann zeigen wir, was wir sind! . . .«

»Ja! Ja! Hand in Hand!«

»Und ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn! . . .«

Die Genossen hatten sich dichter zueinander gedrängt, _ein_ Wille begann zu sprechen aus diesen wüsten Gesichtern, die das flackernde Licht der qualmenden Lampe scharf umriß.

Ja! so brannte da auch ein Verlangen, das Geschlecht auf Geschlecht die Menschen durchbrannt hatte . . . Nutzlos vielleicht, ohnmächtig? . . . Wie viel solcher Aufwallungen, worüber die Zeit wie Wasser hinweggegangen war! Wie viel Herzen gleich diesen, die Blut geweint hatten und nun etwas geworden waren von jenem Staube, wovon _ein_ Körnchen all den anderen gleicht! Aber wer weiß -- Ahasverus blickte auf Lene, die still lächelte --, wer weiß, was aus _einem_ Tropfen Blut einst erblühen kann? Und wer weiß, wie viel Tropfen Blut nötig sind, ehe die geduldig, geduldig wachsende Ernte einst blond von Reife die Menschen erfreut?

»Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!« So sprach das Leben, das, kampfbereit vorwärtsblickend, -- auf den Tod vielleicht! darauf kam es nicht an! -- doch lächelt, weil es das Leben ist, weil es dem Traume nicht widerstehen kann, der es immer reifer machen will.

»Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!« Sie fühlten es alle nun, bis zu denen, die unbeweglich stierten in ihrem Geneverrausch; und viele Blicke, die lange mutlos in sich selbst gekehrt gewesen waren, lachten einander zu, mit dem frohen Bewußtsein ihrer vereinten Macht, -- so wie Ahasverus und Lene einander betrachtend ihre eigene Winzigkeit erkannten und zugleich eines in des anderen Blick das Vorgefühl lasen ihrer beider Göttlichkeit.

Aus einer Ecke stieg ein Lied auf, -- es verlor sich in wirrem Gebrüll. Ja, singen, singen mußten sie nun! An einer anderen Stelle wurde von neuem eingesetzt, aber dann hob plötzlich eine alte Stimme an, vor der alle Stimmen schwiegen, denn wie alt sie auch war, beinahe furchtbar klang sie von Ernst und verhaltener Willenskraft: Hein war es, den weißen Strubelkopf kerzengerade aufgerichtet, die eine Faust geballt auf dem Tisch, unbeweglich, mit demselben festen, herausfordernden Blick wie damals, als er die Arbeit wieder aufgenommen hatte. Und es war eine seltsame Weise, die er sang, ein Lied von den alten Wassergeusen, er sang es feierlich und langsam, wie einen Psalm, -- wo hatte er es hervorgeholt? Wie lange hatte es schlummernd in ihm gelegen, um nun auf einmal herauszubrechen? -- Sie fragten nach dem Sinne nicht: es handelte von Aufruhr und Vertrauen, von Kampf und Glauben, und sie lauschten ergriffen und suchten halblaut den Kehrreim mitzusingen sie fühlten einander in dem alten Lied.

Ahasverus hatte Lene beim Arm gefaßt, und er flüsterte mit einer sonderbaren Betonung: »Ich halte dich fest! ich lasse dich nicht mehr los! . . .« Sie ließ ihn gewähren und sah nach ihm auf, aber seine Züge waren wie gespannt in einer wilden, tollen Begierde, und in ihren flehenden Augen stieg da solch eine Angst auf, daß all seine Macht bezwungen hinfiel, und er konnte nicht anders, als das Mädchen, wie ein zartes Ding nun, an sich drücken, innig sanft, bis ihre Blicke ineinanderlächelten, mit der stummen Bewunderung, die in dem Blick eines Kindes sein kann.

Am anderen Tage brach der Ausstand aus, ungestüm und fröhlich; Ahasverus und andere wurden fortgejagt, aber sie lachten, denn sie sahen den Aufruhr hinter sich aufflammen. Ein und dieselbe Hoffnung pochte in aller Herzen.

Und in der Nacht flüchtete Ahasverus mit Lene.

Als die Luft allmählich durchsichtig wurde, lagen sie am Saum eines Wäldchens; sie schlief noch in seinem Arm, gehüllt in ihre grauen Lumpen, und er, auf den Ellbogen gestützt, wachte und träumte und betrachtete ihr schlafendes Gesicht im Morgenlicht.

Er dachte an alles, was geschehen war, -- an den Gesang der Engel in dem ewigen Morgenrot, an den Gesang des Meerweibes im feurigen Dunkel, -- aber ohne Vorwurf, ohne Reue, -- es waren alles Stimmen, die nachklangen in den Stimmen des großen Traumes, den er vorfühlte, unaufhörlich reifend, und der kein Traum war.

Er dachte an Christus, -- an die Sehnsucht seiner Augen, an den Segen seines Lächelns, -- und diese Augen und dieses Lächeln brannten noch tief in seinem Herzen; aber ein Schmerz war diese Glut nicht mehr, -- er war etwas Besseres und Volleres geworden, als Freude selbst.

Als der Tag in der Stille des Taues gekommen war, wurde Lene wach, und Ahasverus sah Erde und Himmel in ihren vertrauenden Augen sich spiegeln.

Dann zogen sie zusammen in die Welt: denn der Wanderer wußte, daß er wandern mußte, frohgemut, und daß nichts gesünder war als solch ein Wandern . . .

Unter der Sonne, die in feuchtem Dunst die sprießende Schöpfung bestrahlte, glänzten die Weiden wie Weiher, in denen Perlengefunkel versunken lag; der Frühling begann vom Saft zu schwellen; die ersten zarten Blätter an den alten Bäumen längs des Weges erschienen wie ein hellgrüner Regenschauer, der da oben hängen geblieben war mit dem Zittern des hohen silbrigen Lichtes; und da hinten, weit, weit, war die Luft offen und klar, wie über dem Meer.

So gingen sie an Obstgärten mit Apfelbäumen entlang, die blühten voller Gezwitscher und Geflöte, an Dörfern und Feldern vorbei, wo die Menschen überall bei der Arbeit waren; und die erhoben den Kopf, als Ahasverus und Lene vorüberzogen, und grüßten: »Gott segne euch!«

»'s ist heute ja Karfreitag!« sagte Lene.

So gingen sie, ihr Brot verdienend auf die eine oder andere Weise, neuen Sommern und Wintern entgegen, neuem Lebenskampf, neuem Leiden und neuen Höhen, -- so gehen sie noch, und was einst die letzte Höhe und das Ende des Weges sein wird, kann zum Glück niemand verkünden.

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Der »Ewige Jude« wurde 1897--1906 geschrieben. Die Übertragung folgt der veränderten zweiten flämischen Auflage; die vom Dichter veranlaßte französische Übertragung wurde zum Vergleich herangezogen. Den Druck dieser Ausgabe besorgten Poeschel & Trepte in Leipzig. Zweihundertundsechzehn Exemplare wurden auf echtem Büttenpapier abgezogen; zweihundert davon wurden numeriert, und sechzehn nicht für den Handel bestimmte Exemplare mit Nameneindruck versehen.

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