Der Ewige Jude

Part 5

Chapter 53,781 wordsPublic domain

Auf dem fahlenden Kupferrot und Bernsteingelb der Kronen lag der flüchtige Glanz der Sonne oft so fremd, weil man nicht sah, aus welchem Winkel des Himmels sie scheinen mochte, als wäre sie aus Nebel zu Licht geworden oder ein stilles Leuchten der Dinge selbst.

Aber dann kam der verwesende Herbst, der unaufhörliche, fröstelnde Regen, der die Wälder erschauern macht in einem bleichen und totenstillen Dunst.

Der Eremit wurde krank: sein Leib war so alt! Ahasverus blieb nun fast immer bei ihm; oft schwiegen sie lange, und aus diesem Schweigen erhob sich dann das verzückte Wort des Heiligen wie ein reines Feuer über eine Welt empor, die Ahasverus grauer und elender schien denn je. Weiter zu flüchten ins offene Land, daran dachte er nicht einmal mehr: was konnte das nützen? Es war doch überall dieselbe Erde, dunkel, gebunden in ihrer Verdammnis.

Aber ein kleines Samenkorn von Hoffnung kann so schnell aufschießen, ohne daß man es merkt, da drinnen! Und es schimmerte wohl eine Helligkeit da drinnen, wie das geheimnisvolle Herbstlicht, dessen Ursprung man nicht sieht, -- ein blasser Widerschein jener Schönheit, die in der Seele des Klausners wie in einem hellen Spiegel lag.

»Wie bin ich doch verändert!« mußte Ahasverus bisweilen bekennen: es wunderte ihn selbst, daß er nun still dasitzen konnte und warten -- warten auf das, was er nicht zu ahnen wagte --, stundenlang, beinahe gelassen denkend an alles, was geschehen war. Die wilde Glut verzehrte ihn dann nicht mehr, die lodernde Flamme verblaßte wie in einem matten Morgenrot.

Und an einem Morgen, da alles in einem silbrigen Nebel schwamm, fühlte er auf einmal, ohne Ursache, eine heitere Gewißheit in sich, eine natürliche Aufwallung seines ganzen Wesens, etwas, das von selbst emporstieg wie ein Gesang, wie eine Welle in der Sonne, und in diesem Augenblick wußte er, wußte er in seinem Herzen, daß das Unvergängliche Licht war, es konnte unmöglich sein, daß es _nicht_ war . . .

Aber auch dieser Tag verlief in Armseligkeit und Ohnmacht . . . Wie seltsam war es doch! Selbst das Wort des Klausners schien ihm nun dürr, wie tote Worte in einem Buch. Niemals hatte er sich so hilflos gefühlt, so ganz der Kraft beraubt, so jämmerlich lustlos, und er stahl sich in seine Ecke und dachte einfach: »Mach mit mir, was du willst!«

Wieder wartete er, Tage und Tage.

Mit dem heftigen Eintritt des Frostes war der Alte ganz steif geworden; er aß fast gar nicht, rührte sich fast gar nicht mehr und saß aufgerichtet beim Feuer: so schien er mit dem Winter zu erstarren, die mageren Hände auf den mageren Knieen, und all sein Leben war nun zusammengeschrumpft in den Glanz seiner Augen. Darin las Ahasverus deutlich, was er ihm einst gesagt hatte: »Sterben ist geboren werden.« Je weiter der Traum der Ewigkeit in dem Greise aufblühte, um so strenger wurde seine Stimme, unerbittlich wie die Wahrheit selbst, und in dieser Stimme hörte Ahasverus seinen eigenen Groll gegen all das Halbe, das Laue, das Trübe, das Unvollkommene, sein eigenes stürmisches Begehren nach . . . dem Einzigen, das da mehr war denn alles. In die Klause eingeschlossen, vor dem Eremiten, der still ans Sterben ging, konnte er, ach! an nichts anderes mehr denken. O, hätte er demütig, ganz klein und demütig, jede Stunde zu einem Gebet gemacht zu jenem Licht, das niemand greifen oder denken kann, dann würden Erde und Menschen einst unter ihm versinken wie ein wenig Staub, -- und dann: die einzige Wirklichkeit, in Ruhe ohne Ende! . . . Er betrachtete nur immer gespannt das unbewegliche, gelbe Antlitz des Heiligen, um in seinen Augen den Weg zu ergründen nach diesem Einen, diesem Einen! . . .

Es fiel dichter Schnee, der knisternd fror, auf diesen großen lichten Fleck, den der nackte Winterwald ganz schwarz umstand. An dem weißblauen Himmel hing eine Sonne ohne Wärme, die Luft und der Schnee glitzerten von klingend rauher Kälte, die beißend war wie Salz. Alles war tot, nur das starre Licht lebte allmächtig und unbeweglich über der Welt. Und die Tage waren nun immer einander gleich, manchmal kam es Ahasverus vor, als ob es keine Zeit mehr gäbe. Der Eremit und er, sie saßen da allein, mit dem Vorgefühl des Unendlichen in ihrer Brust.

Und einmal, als sie so beisammen waren in ein und demselben Traum, schien der Alte, das Haupt hintenübergebeugt und die Augen weit geöffnet, zu lauschen nach etwas, das nur er allein zu hören vermochte.

»Was siehst du? Was hörst du?« fragte Ahasverus, der hinzusprang.

Aber der Alte sprach kein Wort. Und da geschah es, daß Ahasverus, als er durch das Fenster über den harten, weißen Boden blickte, auf dem die Sonne funkelte, im Winde Gestalten von Licht sah mit schneeigen Flügeln, höher als die Bäume, und eine übernatürliche Musik schwebte und wirbelte mit diesen Gestalten in die Höhe, und dann war nichts mehr als ein ferner Klang dieser Musik im Winde.

Ahasverus schlug seine Hand vor die Augen und lauschte in sich selbst hinein; ihm war, als ob das Leben nun für immer still stünde. Aber dann hörte er wieder das Klopfen seines Herzens und das Knistern des Feuers, wo einige Kartoffeln zum Rösten in der Asche lagen, -- und in der wahrhaften Stille, durch die hindurch die gewohnten Geräusche vernehmbar waren, fühlte er noch die unsagbare Süßigkeit der Erinnerung an jene Musik . . .

»Ist einer meiner undenkbaren Gedanken lebendig geworden? . . . Sollte _mein_ Ende auch nahe sein? . . .« jubelte er innerlich, mit einer Freude, die alles an ihm leichter machte. Es war, als ob seine Seele über ihn selbst hinaus entrückt wäre, so daß sein ungestümes Begehren und das glühende Nagen in seiner Brust eine Winzigkeit wurde, die ihm nichts anhaben konnte, ein Leid, das zufällig _nun_ das seine war, aber einst verschwinden würde mit dem wenigen, das sein Leben ausgefüllt hatte.

»Das Licht! Das Licht! . . .« Es war nichts mehr in ihm als ein Gedanke, der nackt und frei emporstieg zu diesem Licht. Die Klause und der Klausner, sie schienen ihm auch plötzlich so seltsam zufällig, eine Wirklichkeit, die keine war, das Bild eines Augenblicks . . .

Hinaus ins Freie! in die Luft! auf die Höhe! wo er vor nichts anderem mehr stehen würde als vor den durchscheinenden Weiten und dem klaren Abgrund des Himmels, wie inmitten eines großen Kristalls von Licht.

Und seine Seele und dieses Licht waren ein und derselbe Gesang, den er _hörte_.

Gott schien ihm näher als sein eigener Leib.

Zu seinen Füßen waren die hügeligen Wälder und die ganze Welt nichts mehr als das Bild eines Augenblicks.

Nur eine Regung seiner Seele gab dem allen Leben . . .

Aber dann gewahrte er doch plötzlich wieder ein seltsames Unbefriedigtsein, wie eine Schwermut, weil er nicht mehr stieg, weil sein Herz nicht weiter und immer weiter sich öffnete, weil alles nun so blieb, unveränderlich schön; und sobald er das gefühlt hatte, stand er wieder allein da, in der Zeit.

»Was fehlt mir denn noch? Was willst du von mir?« flehte Ahasverus, »was willst du von mir? . . .«

Allerlei Gedanken und Bilder kamen wirr in ihm herauf, und darunter waren solche, die er im stillen fürchtete, und andere, die er nicht greifen konnte, wie eine Erinnerung, die immer entflieht. Aber er wollte sie zwingen: »Ich bin ihr Herr!« rief er und richtete sein Gesicht wieder auf. In dem klaren Licht standen alle Umrisse scharf und deutlich gezeichnet, die Büsche, die alten Bäume mit ihren knorrigen Armen; -- die Luft war eine einzige Leere, die Sonne schien unbeweglich auf den Schnee, alles war erstarrt in einer kristallenen, ewigen Pracht, und das funkelnde Licht war überall, -- schweigend und regungslos wie der Tod.

»Hoffe ich denn nicht? Glaube ich denn nicht? Was fehlt mir denn noch? Gibt es ein irdisches Verlangen, das ich nicht hinuntergewürgt habe, zermalmt, vernichtet?«

Er kratzte sich mit seinen Nägeln das Blut aus der Brust, aus der Stirn, er wollte seinem jämmerlichen Leibe Schmerz zufügen; und während er über der Welt und über sich selbst stand, so nahe bei seinen höchsten Träumen, blieb er unglücklich, bedrückt, mit einer harten Kruste auf dem Herzen, die er nicht sprengen konnte.

»Warum kann ich das gewaltige Leben nicht fühlen, das ich ahne?« grübelte er. »Warum stehe ich in dem grausamen Glanz dieses Winterlichtes wie in dem Tod?«

Und so irrte er wieder durch die Wälder.

Nach einer Weile kam er auf einen Weg, wo eine Zigeunerbande lagerte, fahrendes Volk von Kesselflickern, Korbflechtern, Pferdebändigern, Wahrsagern und was weiß ich nicht alles. Stramme, schwarze Kerle waren es in Schaffellen, Frauen und Kinder in bunten und grau-verschossenen Lumpen und Fetzen, ein ganzer Stamm abgerissener Landstreicher, die aussahen wie Könige; sie lagen da beim Mittagsmahl um die Feuer herum, auf denen das Fleisch briet; etwas weiter entfernt standen ihre großen überdeckten Wagen. Ahasverus fühlte seinen Magen so wässerig von Hunger: seit wie lange hatte er keine Hammelkeule mehr gesehn! Mit scheu lauerndem Blick bat er um etwas Essen, und sie lachten gutmütig, daß die weißen Beißer in ihren verbrannten Gesichtern blitzten, als sie den mageren Schächer so tapfer an den Knochen nagen und knabbern sahen. Von allen Seiten kamen diese wunderlichen Botokuden herbei, neugierig wie die Kinder, um das Wie und Was zu erfahren. Doch Ahasverus gab nur karge Antwort; seit langer, langer Zeit war er nicht mehr unter Menschen gewesen; es kam ihm vor, als ob er allem so fern stünde, eine unsichtbare Wand zwischen sich und diesen Gestalten, zwischen sich und seinem eigenen Herzen. Er guckte sie verwundert an, diese kecken Gesellen mit Augen wie Gold, die alte Hexe, die den Spieß drehte und dabei fortwährend etwas murmelte in ihrem zahnlosen Mund, und all diese Bären von Kindern und diese Frauen mit ihren kleinen Rotznasen auf dem Rücken: das waren auch für ewig Verstoßene, Wanderer ohne Land und ohne Gott; in ihren schmutzigen Lumpen trugen sie den Geruch der Erde, etwas von der wilden Weite und dem Wind vieler Gegenden, und doch bemerkte Ahasverus keine Unrast in ihrem Blick.

»Wohin geht ihr?« fragte er. Sie wiesen es ihm: nach da drüben zu Dörfern und Städten; sie hatten Reisigbündel gekappt und wollten die verkaufen. Damit hatte Ahasverus sich wieder ausgesprochen. Ihnen folgen? Er wollte nicht daran denken: er kannte das Leben doch und die Trübseligkeit dieses Umherschweifens ohne Ziel; es war zu spät, das süße Heimweh nach dem Himmel würde er niemals wieder aus seiner Seele bannen können . . .

Nun machten sie sich fertig zum Aufbruch. Überall gab es eine eifrige Geschäftigkeit in dem schmutzigen Schnee. Das Gerät wurde zusammengepackt und die Reisigbündel auf Karren geladen. Kleine Bürschchen rannten hinter den Pferden her, die sich zu weit verirrt hatten, und hängten sich mit fröhlichem Geschrei an ihre Mähnen. Jeder tat seine Arbeit, die Gefährten halfen einander, und so wurde in das Wirrwarr bald Ordnung gebracht, unter der Aufsicht einer Art von Erzvater, eines Mannes wie ein Baum, mit einer großen Pfeife, den Kopf in ein Tuch eingewickelt, das das eine Auge bedeckte, während das andere scharf beobachtete unter den Stoppeln des knochigen Augenbrauenbogens. Und da war auch ein junges Mädchen, das Ahasverus unaufhörlich betrachten mußte, denn auf ihren bloßen, in Schmutz und Schnee wundgelaufenen Füßen glitt sie halb gehend, halb tanzend bald hierhin, bald dorthin wie ein Sonnenstrahl, und ihr frisches Gesichtchen zwischen dem wirren Haar glich wohl einem schönen Traum bei hellem Tag.

Bei all diesem Treiben stand Ahasverus wie verloren. Er lauschte einem Liede, das hinter einem Wagen erklang:

Durch hoch und tief, durch dünn und dick! Morgen ist morgen, doch der Augenblick Aus deinem Lachen mir strahlt, mein Frauchen!

Durch Sonnenglühen und Sturm, der droht! Das Werk von heute, von heute das Brot Und deines Blickes der Trost, mein Frauchen!

Durch Kampf und Traum, durch Freude und Schmerz! Doch Brüder mitsammen, und o, mein Herz Bei deinem liebenden Herz, mein Frauchen!

Ahasverus ging hinter den Wagen: der Sänger war damit beschäftigt, seine Peitsche frisch zu knüpfen, und als wollte er ein heimliches Glück kundtun, winkte er Ahasverus zu dem hin, was da drinnen in dem wohlüberdeckten Wagen war. Ahasverus schlug ein Stück Segeltuch zurück und sah auf einigen Strohbündeln eine Frau liegen, die eben geboren hatte: ihr unschuldiges Würmchen hing an ihrer Brust und trank; ihr totenbleiches, eingefallenes Gesicht wollte, Mut zusprechend, lachen mit einem matten Lächeln. Aber da ließ Ahasverus das Segeltuch wieder fallen, denn in ihrem Blick hatte er etwas gesehen, das er nicht ertragen konnte, ja wahrhaftig, etwas von . . . jenem anderen . . .

»Warum befällt mich die Furcht nun wieder?« dachte er.

Der Zug begann abzurücken mit Geschrei und Peitschenknallen und Rädergeknarr. Der Erzvater schritt voran wie ein hochbetagter Kain, der seinen umherschweifenden Stamm führte. Und als sie vorbeizogen, waren die Blicke all dieser Menschen auf Ahasverus gerichtet, und in den Adleraugen der jungen Männer, in den blutunterlaufenen und von Tränen herb gewordenen Augen der alten Weiber, in den Augen jenes wundersamen Mädchens, so einfältig wie Blumen, die sich öffnen, in all diesen Augen sah er die unbegreifliche Frage, die er, an jenem Freitag, gelesen hatte in den Augen des Nazareners . . .

»Was muß ich tun?« flehte Ahasverus, »was muß ich tun?« Und er rief nach Gott in seiner Einsamkeit.

Der Abend kam herauf, kalt und blau wie Stahl, und der Wind schwirrte durch den toten Wald.

War die Hoffnung gebrochen in ihm? Er hielt den Kopf in seine beiden Hände gesenkt und wollte nichts mehr sehen, nichts hören als die seraphischen Stimmen des Morgens, die er nie wieder vergessen würde; aber hinein in die unaussprechliche Seligkeit der Erinnerung hörte er nun eine andere Melodie, die er nicht bannen konnte, verschwommen klagen: wie das Rauschen eines Meeres, aus dem bisweilen ein Seufzer sich losreißt, oder der Lärm von vielen Menschen, die ganz in der Ferne schwermütig singen. Waren es die Zigeuner auf ihrem Weg da hinten in der Nacht? Oder der Wind in den Bäumen? Oder quoll es auch in ihm selbst auf wie eine Erinnerung?

Wie lastete ihm das Herz doch schwer in seiner Brust!

War dies alles eine Versuchung gewesen? Warum hatte er die Klause vergessen? Er wußte doch, daß dort die Wahrheit war; dort war er nicht der Raub seiner Unrast. Vielleicht war der Eremit tot? . . . Ahasverus stieg wieder zu der Höhe hinauf, wo das Hüttchen stand, und durch das Laufen nach einem Ziel kam endlich eine gewisse Ruhe in sein Gemüt.

Er betete: »Wärs denn möglich, daß ich noch etwas anderes schmecken könnte als dich, o Gott? Was muß ich tun? Ich werde keinen Willen mehr haben in meinem fleischlichen Leibe, bis er unbeweglich wird wie ein Stein, und werde warten, warten, ohne nur ein einziges Mal nach unten zu blicken, ganz dir zugekehrt, o Unerschaffenes Licht, bis du mich mit Blindheit schlägst und deine blitzende Schönheit mich befreit . . .«

Er erreichte die Rodung, wo die Klause dunkel stand unter dem beschneiten Dach. »Das Feuer ist aus,« dachte Ahasverus; »er ist gestorben . . .« Der Gedanke an den Tod verbreitete in ihm ein süßes Gefühl von Heiterkeit und Heimweh zugleich. Aber einen Augenblick blieb er stehn, so wundersam still war der Schnee und diese ganze funkelnde blaue Nacht voll diamantener Sterne, als wäre da überall das Schweigen von Engeln, die ihre Riesenflügel nicht bewegten und lauschten und warteten.

Ahasverus trat in die Klause: in der Klarheit der frostklingenden Nacht sah er das alte Antlitz noch immer hintenüber gebeugt und die Augen weit offen. Doch der Eremit war nicht tot; seine abgemagerte, kalte Hand suchte die von Ahasverus und packte sie fest mit einer unerwarteten Kraft. Das Herz klopfte noch sehr schwach: war es nicht, als hätte er auf Ahasverus gewartet, um zu sterben? Sollte dieser Tod ihm vielleicht das Rätsel des Lebens offenbaren?

»Was siehst du?« rief Ahasverus, »was hörst du? Sag, sag, siehst du Gott? . . .«

Er beugte sich stammelnd über ihn und forschte in dem Spiegel seiner Augen, ob er dort das Unaussprechliche nicht sehen würde, das der Sterbende sah. »Rette mich! . . . Was muß ich tun? . . . Rette mich! Weise mir den Weg! . . .« -- Nein, nichts! _Einen_ Augenblick noch, und es war zu spät, er blieb da stehn wie vor einer undurchdringlichen Mauer.

»Siehst du das Licht? . . . Weise mir den Weg! . . .«

Die Augen waren gebrochen. Ahasverus wagte nicht mehr zu sprechen. Alles schwieg. Er fiel auf die Kniee nieder, und seiner Seele entquoll ein wortloses Gebet; all die Kräfte seines Wesens wurden leichter, wie ein Gebet, das emporsteigt, und es war, als ob er selbst sterben sollte, so sanft wurde er erlöst von allem, was war.

Er fand es nicht wunderbar: »Ist der Tod denn nichts anderes?« dachte er; »wie natürlich und einfach! . . .« In der schaurigen Öde hielt ihn jemand bei der Hand, und dann schlug er den Blick auf; der ganze Raum, der unsagbar weite Raum zitterte von Flügeln und niedersinkendem Licht. Ein Gefühl seliger Gewißheit überströmte seine Sehnsucht und seine Angst. »Gott! Gott!« Aber sein Atem war aus ihm gesogen, er stieg in schwindelndem Fluge empor, und er sah da oben, wie Windhosen mit ihm zur Höhe wirbelnd, leuchtende Schwärme singender Heerscharen. Aus den Abgründen des Zenits schwebten, schwankten ihm strahlende Antlitze entgegen, triumphierend in Freude ohne Ende, und schossen dann wieder pfeilschnell zu ihren klingenden Sphären. »Licht! Licht!« sangen sie, und dieser Gesang war selbst ein fliegendes Licht, und alle Welten sangen mit in der Reinheit dieses ewigen Morgenrotes, in das sie höher und höher hineinstiegen; und andere Stimmen, höher noch, ganz zart, wie ein Seufzer, und mächtiger doch als die dröhnenden Chöre der himmlischen Heerscharen, sangen unaufhörlich »Gloria! Gloria!« in die blendende Unergründlichkeit.

»Leben, das alles Leben ist! Ewig! Ewig! Ewig!«

Die Cherubim und Seraphim waren wie Millionen schneeiger Blüten, getragen vom Frühlingswind; und über alle Gesänge hin rauschte ein Schweigen, das noch tiefer und schöner war. Alle Himmel blühten auf, und nun wußte Ahasverus, daß er dem Reich des Geheimnisses nahte, wo die Worte keine Bedeutung mehr haben, wo nicht Gut und Böse mehr ist, kein Wille, kein Begehren, sondern alles _ein_ Ozean von einfachem und ewigem Sein im Lichte, und die frohe Regung der Liebe nur eine Form der höchsten Ruhe in der unbegreiflichen Wesenheit.

Er schloß seine Augen vor dem Furchtbaren Licht, in dem es keinen Morgen mehr geben würde.

Und in diesem Augenblick tastete er nach einer Erinnerung, hörte er wieder den fernen Klang einer schwermütigen Melodie, die in seinem Herzen eingeschlossen lag, -- und er wollte sich umschauen, zum letztenmal. Aber sobald dieser Gedanke ihn durchschimmerte, wankte das Weltall, wie zerrissen durch einen gewaltigen Schrei, die Hand hatte ihn losgelassen, -- er war allein, er wußte nicht wo . . .

»Ewig! Ewig! Ewig!« klang der Gesang der Engel aus dem Abgrund über seinem Haupt.

Aber andere Stimmen riefen wirr zu ihm hinauf wie aus vielen erstickten Kehlen. Und stöhnend blickte Ahasverus nach unten, nach einem Dämmer, woraus verschwommene Gestalten aufstiegen, die ihre Arme nach ihm ausstreckten wie aus einem Grab.

»Hosianna! Hosianna! Gloria in alle Ewigkeit!«

Aber ein langgezogenes Jammern stieg von unten herauf, wo verkrüppelte Gestalten im Schmutze krochen oder sich aufrichteten in dem aufgerissenen Leichenkleid, das sie hinter sich herschleppten.

»Gloria! Gloria! Friede in alle Ewigkeit!«

Aber von unten, wo die Krankheit war und der Gestank, der Widerstreit von Hoffnung und Verzweiflung, das Suchen ohne Ende, der Menschen Leid und der Menschen Liebe, schlug ein Heulen auf wie der Lärm eines Festes. In dem wühlenden Dunkel sah Ahasverus Fäuste, die sich fluchend erhoben, und Augen, in denen die düstere Flamme des Aufruhrs brannte. Waren da nicht die Zigeuner und das wundersame Mädchen mit ihrem Traumgesicht und die bleiche Mutter mit dem Kind an ihrer Brust? Aber ein ganzes Heer war da, es kamen immer, immer neue, soweit man schauen konnte, wie Ströme in einem dunklen Tal, über dem große Raubvögel von Nacht und Licht kreisten: ein Meer von Gesichtern, mit tausend und aber tausend Augen, die auf Ahasverus gerichtet waren, und mitten darin stand Einer, den er wohl kannte, der mit beiden Händen das Blut aus seiner offenen Brust aussprengte nach dem Himmel und über alle, so daß seine Arme jedesmal weit geöffnet waren, wie am Kreuze, und auch er betrachtete ihn still, wie an jenem Tag, da er gerufen hatte: »Vater, warum hast Du mich verlassen?« und doch ein unbegreifliches Lächeln aus seinem Antlitz strahlte.

Einen Augenblick noch hörte Ahasverus das orgelnde Dröhnen der Cherubim und Seraphim in dem Licht, -- ein Tropfen vom Blute Christi fiel auf sein Herz wie ein feuriger Tau, und die Kruste brach, sein Herz spaltete sich, und mit ausgestreckten Armen stürzte er niederwärts, hin zum Leide und zur ungewissen Dämmerung, vermaledeit, zerrissen, aber weit offen von Liebe.

Ahasverus unter den Menschen

Als Ahasverus wieder zur Besinnung kam, lief er durch den Wald, der dumpf rauschte. Nach unten, fort aus all diesem Spuk! Nach unten, wo die Menschen riefen! . . .

Wo riefen sie denn? In der Ferne, versunken im Nebel eines Tales? . . . Nirgend ein Lichtstrahl mehr, kein Stern, -- nur der wilde Wind, der wachgerüttelt nun bald hier, bald dort war, voll undeutlicher Stimmen, zu Fetzen zerrissen in der Nacht. Und Ahasverus stürmte nur immer nach unten, die Hände vorgestreckt, strauchelnd durch die kalte Nässe des Gebüsches.

Denn es hatte wahrhaftig zu tauen angefangen: der beißende Winter zerschmolz, eine fröstelnde Feuchtigkeit durchdrang das Herz, und überall sickerte das Getröpfel in dem Dunkel, während eine neue Gewalt, da oben durch die Bäume rasend, brauste wie eine Sturmflut und die alten Riesen ächzten unter dem Wogenschlag der zerstiebenden Luft.

Den lebenden Wind, -- Ahasverus schnob ihn auf mit wilder Lust und spürte bisweilen einen feuchten Atem darin, der die Kälte der Nacht erweichte und ihm entgegengeweht kam wie ein gewaltiger Seufzer.

Sein Fieber ließ mählich nach, als er die seltsamen Gestalten des Waldgewirrs, das ihn umschloß, im Dämmergrau zu unterscheiden begann. Der Wald wuchs heraus aus der Dunkelheit: alles wurde deutlicher nun, vertraut in dem Tag, der sich hellte; die Bäume, mächtig bewurzelt, ihre Arme in der Luft, sangen ernst in der trübseligen Feuchte, während der Weltatem hindurchfuhr mit einem Geruch von Moos und faulen Blättern und lau durchsickerter Erde, einem Geruch von Auflösung und Tod und von nahendem Frühling.

Aber als der Himmel ganz blaß geworden war und das Dunkel sich zwischen den grünschimmernden Stämmen in die Tiefe des Waldes zurückzog, da legte sich auch der Wind nieder, wie ein furchtsames Tier, und kroch brummend in seine Höhle vor dem Dämmern des Morgens. Nur das kurze Geflöt eines Vogels, der von einem Ast zum andern hüpfte und seine Federn plusterte, ertönte noch dann und wann. Der Wald wurde weniger dicht, ausgerodete Stellen unterbrachen die sich herabsenkende und wieder sanft wogende Ferne: dahinter, über fahlrotem Gesträuch, erschienen die Buchen viel größer, nun alles so still blieb.

Und auf einmal sah Ahasverus, hier, und dort, und dort wieder, Spalten von Licht: die Welt! die Weite! Sein Herz klopfte, stammelnd lief er, die Augen gierig voraus gerichtet, und stand bald betäubt am Waldessaum: das Land lag vor ihm, unabsehbar, mit Höhen und Flächen und Dörfern und Wäldern, alles noch im frischen Nebeldunst der Frühe, und am Horizont, in dem stillen Feuerwerk, das durch langgestreckte Wolken aufglühte, stieg die Sonne, wie eine gläserne Kugel, in der eine Flamme glomm.