Part 4
Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Gedanken schienen zu anderen Zaubersprüchen abzuschweifen:
»Ich brauche dich, um ganz glücklich zu sein.
Ich schlummere da unten in kühlen Kammern, wo die Stunden keine Stunden mehr sind. Da wachsen allerlei seltsame Muscheln, und Smaragden so schön wie der Abendhimmel. Ich spiele da in Büschen träge lebender Pflanzen, die schwanken in der sanften Strömung.
Aber ich denke dort an dich, ich kann dort nicht schlafen, ich brauche dich, die Ewigkeit ist nichts ohne dich.
Komm, -- ich weiß mehr, ich will dir mehr zeigen, wovon du nicht träumen kannst:
Ich kenne den Weg zu weiten, weiten Meeren, die ohne Ende sind. Da laß ich mich schaukeln von plätschernden Wellen und schreie vor Lust, wenn ich emporgeschwenkt den flüchtigen Schaum fangen kann in meinen Händen.
Die Wellen und ich, wir verstehen einander so gut! Sie nehmen die Gestalt an meines leichten Körpers, und ich, ich bin vielfältig wie sie.
Meine Augen schon, sieh in meine Augen! das ganze Meer ist darin. O, du weißt nicht, wie schön es ist, das erste Zittern des Morgenrots in den Tiefen der See!
Du weißt nicht, wie schön es ist, sich zu mischen mit dem durchsichtigen Wasser, das wie der Himmel ist und sich greifen läßt und dich greift, das bleiche Wasser, das fließende, lebende Wasser.
Ich streck meine Arme aus, ich fühle das Wunder meines Lebens, mein Blut singt das gleiche wie das singende Wasser.
Im Wasser halte ich den Wind fest und die Sonne, ich trinke das Licht, ich nehme alle Dinge in mich auf, ich bin wie eine einzige Blume, worin die Sonne und alle Dinge leben.
Meine Hände, meine Brust voll jauchzender Begierden, meine Lippen, meine Augen, sie sind nur ein Schrei noch, ein Seufzer, ein Gesang des Wassers und aller Dinge, sie sind der Gesang des brandenden Lebens, das immer neu geboren wird.
Aber dich allein hab ich nicht, dich allein hab ich nötig, denn alles, was in mir ist, verlangt nach dir, meine heimlichste Schönheit drängt zu dir . . .
Alles will ich sein für dich, das Leben alles dessen, was lebt; die Klarheit des Lichtes ist in meinem ewigen Fleisch, all die besonnten Dinge des Tages und die Schatten des köstlichen Abends, und auch die Nacht, die niemand messen kann, in der die Zeit stille steht.
Laß unsre Begierden ineinanderschmelzen, -- wir werden unsre Seelen nicht mehr fühlen.
Die Welt wird in uns vergehn, wir werden das göttliche Meer sein und das göttliche Licht.«
Sie hatte sich bis vor ihn hingewunden, mit der gelassenen Geschmeidigkeit eines prächtigen Tieres, sie hielt seine Lenden umklammert und hob ihr Gesicht zu seinem Gesicht; er hatte mit beiden Händen ihren Kopf ergriffen, ihre Nüstern zitterten, ihre Augen berührten ihn, und er hörte aus ihren feuchten Lippen dies Geflüster, das ihm mächtiger schien als der Donner:
»Ich bin zugleich Rausch und Tod.«
Ahasverus beugte sich wild über ihre Augen, zu ihrem Mund; ein gewaltiger Schrei war in ihm eingeschlossen, der durch seine Kehle herausbrach; er stürzte sich auf sie wie auf eine Beute, und ineinander verschlungen kämpften sie den grausamen Kampf in dumpfer Wollust.
Er sah sie nicht mehr, den Kopf getaucht in die Nacht ihres Haares, gepreßt in ihre Arme; er fühlte nur die keuchende Brust und die lebendige Herrlichkeit dieses Leibes ihn umschwellen, wie wenn ein gewaltiger Seufzer durch das Meer fährt, -- vergebens suchte er diesen sich windenden Leib ganz festzuhalten in _einem_ Griff. Und sie rief:
»Zerbrich mich, umfaß mich, schlürf mich ein in dich . . .«
Und er: »Ich drücke dich an mich, ich drücke dich in mein Fleisch, aber ich hab dich nicht, ich hab dich nicht in mir . . .«
»Fühlst du mein Leben? fühlst du mein Blut? Verzehr mich, verzehr mich, ich will in dir vergehn . . .
-- Ich will in dir vergehn . . .
-- Wir sind wie zwei Flammen, die einander verschlingen . . .
-- Ich kann nicht . . . ich kann nicht . . .
-- Ich will sterben durch dich . . . O, wir sterben zusammen . . .
-- Mein Mund zerquetscht deinen Mund wie eine Frucht, aber ich fühl deine Seele nicht . . .
-- Fühlst du ganz das Leben, das brennt in meinen Brüsten, meinem Mund, in allem, was ich bin? . . . Mehr! mehr! Ich hab dich noch nicht . . .
-- Meine Adern springen, mein ganzes Leben zerspringt in dir . . . O sanfter, bittrer Tod! . . .
-- Fühlst du den Tod steigen, wie ein Wasser? Fühlst du dich verfließen und vergehn, aufgeschlürft von der Wollust? . . .
-- Schweig, schweig still, laß mich los . . . O bitterer Tod, der kein Tod ist! . . . Meine Seele brennt fort in mir . . .
-- Ich laß dich nicht los, ich will deine Seele . . .
-- Meine Seele brennt fort in mir . . . Verzehr mich, oder ich erwürge dich! . . .
-- Mehr! mehr! jedes Stück meines Leibes soll ein neues Fest des Wahnsinns werden!«
Es war, als ob er sie ersticken wollte an seiner Brust, doch ihr Blick forderte ihn noch heraus, in dem Dunkel, und er fühlte, wie sie ihn zur Tiefe zog.
»Ich bin noch, was ich war . . . Der Schaum von Genuß und Schmerz ist wie Salz in meinem Mund . . .
-- Nimm mich, werde eine Flamme in mir, nimm mich . . . ich will dich lehren, was mehr ist denn alle Lüste . . .
-- Ohnmächtige Raserei! . . . Dein Abgrund ist nicht größer als mein Abgrund . . .
-- Ah, du kannst nur beißen, Bestie! . . .
-- Beiß nur, beiß! . . . Du kannst meine Seele nicht austrinken, elende Harpyie! . . .
-- Hinunter, hinunter! . . . wo alles Licht vergessen ist . . .
-- Dein Tod ist Lüge . . . Meine Flamme wird deinen Tod verzehren . . .
-- Ich schlepp dich mit, ich muß dich haben . . . Sieh mich an . . . entschlüpf mir nicht! . . .
-- Ich will dein verblühtes Fleisch zermalmen in deinem Kot . . . Dein Tod ist Lüge . . . deine Augen sind Lüge, deine einfältigen Fleischaugen . . . O, die Deinen, Christus! Christus! . . .«
Ein unmenschlicher Schrei gellte durch den Wald, das Meerweib rang noch einen Augenblick seine blutenden Hände, während es sich wie toll in den Arm biß, und sank zurück in die Nacht.
Ahasverus lag allein, keuchend, in der dunklen Totenstille voll von Gerüchen verwesender Teiche. Sein Herz lastete schwer in ihm, wie eine zu reife Frucht: es blieb ihm nichts als Ekel übrig und Haß. Warum lebte er noch? Warum hatte er jenen Namen ausgestoßen? Warum konnte er den nicht ausspeien für immer? --
Und langsam kam nun, mit sanftem Windessäuseln in den Kronen und erwachendem Vogelgezwitscher, die feuchte Graue des Morgens, und dann der Morgen selbst, grausig in seiner Stille, ein Licht, das ohne Hast, aber unabwendbar wuchs, die Weite des Raumes einnahm und durch das dichteste Laub etwas von seiner Klarheit niedersickern ließ. Und mit diesem Licht wuchs in Ahasverus die Angst.
Tiefer noch, tiefer in den Wald hinein! In die grüne Nacht . . .
Aber er wußte es nun wohl, daß das, dem er entfloh, in ihm selbst war; wie er seine Brust auch aufreißen mochte, es lebte da, wie das fürchterlich stille Licht von zwei Augen . . .
Und eine folternde Frage war aus seiner gebrochenen Seele aufgestiegen:
»Wenn es _nichts anderes_ gibt, warum dann dein Rasen?«
Verzweifelt suchte er nicht mehr zu denken, aber die Frage war da, und er mußte wohl hassen, er konnte nicht mehr anders, mit einem Haß, der schon das Zeichen des Todes trug. Und er blieb den ganzen Tag irgendwo in einer Höhle verborgen, niedergekauert wie ein Tier, das Angst hat.
Sein Kopf schmerzte ihn, seine Kehle war trocken, das Fieber brannte in ihm; in seinem Munde fühlte er noch etwas wie einen faden Geschmack von Blut, der ihn an das Meerweib erinnerte.
Er jagte ihr Bild fort, er wollte alles, alles vergessen; aber andere Visionen stiegen herauf, bisweilen verschwommen und dann zugleich wieder furchtbar deutlich.
Er sah die Stadt in Feuer und Flammen, wo die Landsknechte beim Morden waren; er sah die Augen eines steinalten Mannes, der nicht mehr schreien konnte und das Messer in die Kehle kriegte; er sah eine Frau auf den Knieen, ihr Kind an der Brust, fast in ihren eingekrampften Leib gedrückt; sie rief: »Gott, o Gott!« dem Wüstling zu, der auf sie eindrang, und das unschuldige Lamm in ihren Armen wurde auf eine Pike gesteckt, das Blut spritzte bis zu Ahasverus' Gesicht . . .
Ja, diese Mutter rief nach . . . _etwas anderem_ . . . Denken wohl die Ameisen, die man tottritt, auch manchmal daran? Dies Kind hatte doch nichts verbrochen, sie marterten es ohne Grund, und es litt sinnlos. So war es überall: blinder Blutdurst, sinnloses Leid! Ahasverus' Gedanken kreisten darum, mit einer heimlichen, tückisch lauernden Zufriedenheit: es war etwas darin, das ihm wohltat. Grausam sein ohne Zweck, war das nicht das Göttliche? Und erstickte das nicht in Blut, was die Ameisen von Menschen Gott nennen?
Es war, als ob er das zuckende Fleisch des Kindleins mit seinen bebenden Fingern berührte. Ein teuflisches Lachen wollte aus ihm heraus, aber er konnte nicht einmal mehr lachen. Und als er aus seiner Höhle gekrochen war, stand er in der Nacht glotzend da, auf Händen und Füßen, und fühlte den Wahnsinn in sich steigen und dachte: »So ist es gut!«
Im Walde war nur noch hier und da ein trübes grünes Licht, wie tief unter dem Wasser, und es schienen träge Gestalten sich darin zu bewegen. Ahasverus hörte Stimmen auf sich zukommen, Stimmen ohne menschlichen Klang, die er aber bisweilen zu verstehen glaubte, wenn sie auch verworren waren und flüchtig. So begann die Nacht seltsam zu leben, mit dem matten Flügelschlag der Eulen und allerlei Lauten von Tieren, die im wilden Gestrüpp einander suchten. Was sie riefen, war ihm zuweilen verständlich, aber er vergaß es sogleich wieder: es war etwas wie Schreie aus ihrem Fleisch, durch andere, ebenso zusammenhanglose Schreie rasch wieder fortgeweht. Das ganze Volk des Waldes begann um ihn herum zu erwachen. Wölfe liefen vorbei auf weichen Pfoten, und er fühlte ihren feuchten Atem; eine Schlange zog langsam ihre kalten Ringe über seine Hand; das Gesträuch knackte unter dem schweren Leib eines Ebers, der, mühsam aus den Nüstern blasend, sich an einem Baume rieb, und Ahasverus roch den warmen Geruch seines Schweißes und dachte: »So ist es gut!« Er spürte zugleich wieder jenen Blutgeschmack in seinem Mund und dachte: »So ist es gut!« Und als der ganze Wald zu rumoren anfing und er ringsum Gestampf und Gebrüll vernahm von Brunst und schmerzendem Genuß, begann er mit zu heulen, ohne zu wissen warum, wie ein Raubtier, das zuviel unerträgliches Leben in sich hat und es voll Schmerzen ausströmen will.
Nun war es, als ob alles, was laufen, fliegen oder kriechen konnte, um ihn herum krabbelte und wimmelte. Haufen kleiner Tiere schwärmten wie Bienen, wanden sich wie Würmer, besprangen einander in Paarungswut und bissen einander. Die mageren wurden verschlungen von den fetten, die fetten gestochen von den flinken. Viele waren da wie fliegende Pünktchen, die alles töteten, was sie berührten. Die Liebe sogar war ein Kampf. Ineinanderverschlungen kämpften Einhörner, Schlangen, Greife, riesengroße Spinnen und phantastische Ungeheuer, mächtig gewappnet für die Begattung und den Mord, mit Ruten wie rote Dolche und Greifarmen zu beiden Seiten des Mauls, die mit Zähnen besetzt waren wie Sägen. Alle wurden nun trunken von stummer Begierde und Zerstörungswut, einige zerfleischten sich selbst, mit triefenden Kinnbacken, und das Blut der Geburten vermengte sich mit dem Blute des Todes. Der Schrei jener Mutter und ihres unschuldigen Kindes in der brennenden Stadt schrie nun aus allem. Die Bäume selbst sah Ahasverus leiden, die Knospen sprangen auf mit einem schmerzlichen Seufzer, die Früchte barsten ächzend und streuten ihren Samen ins Weite, der Saft rann wie eine verzehrende Glut unter der Rinde, und überall war das Leben nichts als ein schmerzenvolles Feuer, das neues Wachstum hier entstehen ließ und es dort wieder versengte: verbrennen, um von neuem zu wachsen, wachsen, um von neuem zu verbrennen, -- Leben und Tod waren _ein_ Brand, der auch in Ahasverus' Adern kochte. Aber er konnte nicht mehr aufstehn, er konnte nicht mehr heulen, er ließ sich mit dem Gesicht auf den Boden fallen, ihm war, als ob er in der Erde festwüchse, um sich niemals, niemals wieder zu rühren, und das Leiden dieser Erde fühlte, all dies Leiden ohne Sinn, während unaufhörlich über ihn hin der Lauf der sich paarenden und kämpfenden Tiere ging und der Schrei des brennenden Waldes, der schrie: »Ewig! ewig! ewig! ewig! . . .«
Und das Schrecklichste waren ihm, über der Hölle, die Augen Christi, die um ihn weinten.
Ahasverus auf dem Weg zum Himmel
Auf einer Lichtung hauste in jenem Walde ein alter Eremit: seine Klause war so klein, daß ein Kaninchen mit vier Sprüngen alles davon gesehen hätte. Der heilige Mann schlief dort auf einem Bett von dürren Blättern. Er buk sich selbst sein Roggenbrot, zog etwas Gemüse und hielt eine Ziege und ein Dutzend Küken. Für die schönen Körbchen, die er zu flechten verstand, bekam er dann und wann das wenige, was er sonst noch brauchte, aus einem entlegenen Dorf, und Wallfahrer brachten ihm bisweilen auch Leckerbissen von der Kirmes, etwa weißen und schwarzen Schwartenmagen mit Schnuten und Poten. Aber des Klausners Seele und all sein Tun waren stets Gott allein zugekehrt. Ihn bewundern und loben in all seinen Werken und versinken in die Betrachtung seiner unerschöpflichen Güte, das war seine Beschäftigung, und das war sein Leben.
Und so geschah es einst, als er am frühen Morgen schon still am Wandeln war und mit dankbarem Staunen das Wunder aller Tage beschaute, den Morgensonnenglanz, der durch den feuchten Wald spielte, daß er einen Mann auf dem Bauche liegend fand, mit ausgestreckten Armen, der leise stöhnte. Der Klausner holte etwas Wasser aus einem Bach, wusch dem Fremdling das Gesicht, und endlich schien dieser aus einem Traum zu erwachen, mit irrem Blick. Er begriff nicht, was der Alte zu ihm sprach, und ließ sich schwankend tragen bis zu dem Blätterbett, wo er dann erschöpft wieder zusammensank.
Ahasverus brannte von dem Fieber, und Visionen durchdüsterten sein Erinnern; die Hölle rief noch hinter ihm, und er klammerte sich fest an den Arm des Klausners, um nicht in jene grausige Tiefe zu fallen, wie ein Stein in einen Abgrund. Und der Alte, um ihn zu beruhigen, klopfte ihm dann leise in die Hände, wie man einem Kinde tut, und dankte im Innersten Gott, der ihn vielleicht als Werkzeug erwählt hatte, um einen armen Sünder zu retten.
Und jedesmal, wenn Ahasverus seine Augen öffnete, sah er den guten Graubart sogleich herbeikommen, und das Lächeln in diesem runzligen Gesicht war so natürlich, daß Ahasverus dann auch matt lächelte, -- er fühlte sich so völlig erschöpft . . .
An diesem Tage sprachen sie beinahe nichts. Von Zeit zu Zeit bat Ahasverus um einen Trunk; das kühle Quellwasser erfrischte sein Herz für einen Augenblick. Als das Fieber ihn ein wenig losließ, blickte er halb bewußtlos auf das ruhige Treiben des Eremiten, der Kräuter für den Kranken ziehen ließ oder ihm seinen Brei kochte oder still dasaß über den dicken Kugeln seines Rosenkranzes und betete.
Aber als der Abend kam, wurde Ahasverus todesbang: das geheimnisvolle Leben des Waldesdunkels begann wieder zu spuken und über ihn hin zu heulen. Erst als er fühlte, daß der Klausner ihn bei der Hand hielt, konnte er die Nachtmahr von sich abschütteln, und als er das klare Gesicht über sich gebeugt sah, war es ihm auf einmal, als ob seine Mutter vor ihm stünde. So schlief er denn sanft ein.
Als der Hahn ihn wach krähte, war der Wald, den er durch die offene Türe sah, schon blauig von der Frühe des Morgens; ein rosiger Strahl glitt durch das Fensterchen in die Klause, und draußen war ein Gezwitscher und Geflöte von Meisen und Amseln in der Kühle; sogar den alten Eremiten hörte Ahasverus irgendwo singen, etwas wie ein Gebet, auf eine verhaltene und eintönige Weise, die kindlich klang.
So duselte Ahasverus noch einen Augenblick vor sich hin, und Erinnerungen von einst, da er ganz klein war, stiegen ungerufen in ihm auf; seine Mutter nahm ihn wieder mit zur Kirche, und er durfte da mitsingen; in der Kirche waren duftende Weihrauchwolken und schöne Lichter, die den ganzen Tag brannten, und goldene Dinge, die im Halbdunkel glommen. Seine Mutter war früh gestorben, sie sah immer so traurig aus . . . Er schloß von neuem die Augen und träumte von diesem Weihrauch und diesem Gesang, bis der Klausner wieder behutsam hereinkam; er plauderte mit friedvoller Stimme und brachte Ahasverus Milch und Brot und Eier, was ihm sehr gut tat, denn er fühlte wieder das gierige Leben seines Leibes.
»Ich will leben . . .« -- er sagte es mit einer Frage in seinem Blick, und »Gott wird Euch heilen«, sprach der Alte.
Es befremdete Ahasverus selbst, daß seine Stimme so ohne Kraft war. »Gott . . .« lispelte er, schwieg aber wieder, sobald er dies Wort aus seinem eigenen Munde gehört hatte.
Und als er nun aufrecht saß und umherblickte, sah er dicht beim Fensterchen einen Holzblock, worauf ein gekreuzigter Heiland seine Arme ausstreckte, neben einem schweren Buch und einem Totenschädel. Ahasverus betrachtete das lange und mit schmerzlicher Andacht. Er begriff nicht mehr, was in ihm vorging, es war wie eine geheimnisvolle Scheu, die zauderte: er fühlte es wohl, daß er wie ein Kind dalag, daß er nicht mehr hassen konnte, daß sein Hochmut gebrochen war, und er fühlte das wie den süßen, süßen Schmerz von einer Wunde, aus der sein Blut unsichtbar wegtropfte.
»Frag mich nicht, wer ich bin . . . Du darfst mich nichts fragen . . .«
Er ließ sich wieder hintenüberfallen, und seine mageren Hände lagen ohnmächtig da, und in seiner Brust brannte der süße Schmerz.
»Gott hat Euch zu mir gesandt«, sagte der Alte ruhig und ernst.
Ahasverus lächelte wehmütig und schwieg.
An diesem Tage wandelte er mit dem Eremiten durch den Wald. Die Milde des Herbstes lag schon in der Luft; feiner Nebel glitzerte auf den Spinneweben, und der Sonnenschein war eine blonde Röte, die alle Dinge so schön machte wie eine schöne Erinnerung. »Ich lebe!« dachte Ahasverus immer nur, mit einer Art von Verwunderung und einfältiger Freude. Er fühlte den Boden unter seinen Füßen, sah das Schauern des reinen Lichtes durch die Bäume, die voller Vögel waren, sog den Duft der Himbeeren ein, und das alles war Leben, Leben, -- aber durfte er dieses Leben wohl anrühren? Würde es nicht auf einmal verschwinden in einem Traum? Und er lauschte nach der ruhigen, innigen Stimme des Alten so wie früher nach den Märchen seiner Mutter. Wieviel Jahre war das her? War sein Leben eine einzige lange Krankheit gewesen, aus der er nun erst langsam genas?
Als es Abend wurde, saßen sie zusammen auf einer kahlen Höhe, von wo man, über die Kronen der Bäume blickend, all die Wälder sich dehnen sah wie große Wellen, die endlich ineinanderliefen und immer blauer wurden bis hin zur purpurnen Ferne, wo die Sonne sterben ging. Die letzten Strahlen schienen noch da drüben auf dem strengen Antlitz des Waldes, der die Stille umsäumte. Als Ahasverus so neben dem Eremiten saß, war all das böse Grauen verbannt; aber je mehr Friede aus der Welt heraus flüsterte, und je zarter der Himmel über ihm wurde, um so mehr fühlte Ahasverus die alte Unrast wieder in seinem Herzen, fühlte er die Wunde seines Herzens brennen, unerträglich sanft, in dem verlöschenden Lichte des Abends.
Sie schwiegen lange. Das Antlitz des Eremiten war ein unbewegliches Leuchten in der lichten Dämmerung. Er schloß seine Augen, um tiefer in sich selbst die währende Schönheit anzuschauen alles dessen, was er gesehen hatte, und sagte halblaut: »Gott!«
Dies _eine_ Wort war wie die Stimme des großen Schweigens, worin sie da irgendwo saßen, verloren wie in einem Meer.
»Ich habe ihn so lange gesucht . . .« sagte Ahasverus kurz und dumpf, den Kopf zum Boden gewendet.
»Was _könntet_ Ihr wohl anders auch suchen?« fragte ruhig der Greis. »Alles, was die Menschen tun, sind Bewegungen hin zu Gott. Aber sie wissen es nicht und liegen im Schlamm.«
»Ich habe ihn niemals gefunden . . .«
»Wenn Ihr nun ahnt, daß Gott _ist_, dann könnt Ihr nichts anderes finden. Er ist das Unbegreifliche Licht. So wie alle Flammen nach oben schlagen, so kann Eure Seele nicht anders, als steigen zum Licht.«
»Aber wenn alles nur ein Traum wäre . . .«
»Alles ist ein Traum, nur nicht dies _eine_.«
Die unhörbare Flut der Dunkelheit kam langsam herauf: die Wälder standen tiefschwarz gegen den opalglänzenden Himmel. Und Ahasverus fühlte schmerzlicher denn je, daß, was da in ihm brannte und ewig brennen würde, ach! kein Traum war.
Die folgenden Tage schweifte er wieder umher, von seiner Unrast gejagt. Das Bild jenes Abends lebte in ihm fort, eins geworden mit den Worten des Klausners: die schwarzen Wälder und der leuchtende Himmel, der die Welt überwölbte . . . Da hatte er auf einmal so deutlich begriffen, was er war; -- das Unergründliche Licht! dies Wort war bis in sein tiefstes Innere gefallen, und . . . er fand es so einfach, nun, da es ausgesprochen war, wie wenn es schon lange in ihm läge, unbewußt. War es also doch _dieses_, wonach er verlangt hatte? Wonach er noch verlangte, -- denn die Flamme schlug wieder empor, er hatte sie in den Abgründen des Erdenstaubes nicht auslöschen können . . . O, diese Abgründe! . . . Seit er _dort_ gewesen war, fühlte er mehr denn je seine Ohnmacht, und daß er ein armseliges Pünktchen war, verloren im Ewig-Unbegreiflichen: sein ganzes früheres Leben schien ihm zusammengeschrumpft zu einem Nichts -- zum Rascheln dürrer Blätter von einem Schritt, der vorübergeht -- vor diesem _einen_, wovon der Eremit gesprochen hatte. Warum sollte er es noch leugnen, sich verkriechen hinter einem Stein? Er suchte dies _eine_, ach, er suchte dies _eine_!
Aber . . . wenn es gar nicht vorhanden wäre? . . .
Zerrissen von diesem Zweifel, blieb er lange, den Kopf zwischen den Händen, versunken in grausige Nacht, bis endlich wieder eine Klarheit in ihm tagte, und diese Klarheit war wie ein Blick, den er so wohl kannte:
»Etwas von diesem Licht war in den Augen Christi . . .« grübelte er.
Er lief durch den Wald, strauchelnd, und rief: »Gott! Gott!« als ob das hätte helfen können! Erschöpft lag er dann wieder, die Hände ringend, im Grase und rief: »Gott! Gott!« und auf der freien Höhe blieb er hochaufgerichtet stehen, den Kopf hintenüber gebeugt und die Augen geschlossen, und rief: »Gott! Gott!« -- aber er war unabänderlich und ewig allein.
Sein Blick folgte einer Lerche, die singend stieg und stieg, in die Luft, so hoch, daß sie in dem strahlenden Raum verschwand. »Sie wird bald doch wieder hinunter auf die Erde müssen!« lachte Ahasverus. So flogen auch seine Gedanken, aber sie waren wie blinde Vögel, die zum Licht emporstiegen, um dann, vom Blitzstrahl der eigenen Verzweiflung getroffen, auf verbrannten Flügeln wirbelnd wieder in die Finsternis hinabzutaumeln.
Und selbst in der Helle des Tages erschienen alle Dinge der Erde ihm dunkel, wie an jenem Abend; im Walde war es ihm, als ob kaum ein wenig Kellerlicht durch die alten Bäume herabsickerte.
Bisweilen dachte er: »Meine Füße haben in dem Tod gestanden, meine Hände haben den Tod gefühlt, ich kann nichts, ich bin nichts, nimm mich in deine Unendlichkeit, o Gott!«
Und bisweilen, wenn das Blut wieder in ihm stark geworden war, erhob sich auch die Stimme von früher: »Ich werde nicht zerbrechen«, und verbissen irrte er dann durch die Verlassenheit der Wälder, bis er am Abend, hungrig und erschöpft, wieder in der Klause ankam und still sitzen blieb bei dem Eremiten. Sie sprachen wenig; aber Ahasverus fühlte sich dort wohler und sicherer. Denn wenn er auf das friedvolle Gesicht des alten Mannes blickte, sah er, daß dort eine Zuversicht war, die er nicht begriff, aber doch fühlte.
Und Ahasverus glaubte nicht, aber etwas war in ihn hineingeschlüpft, wenn er es auch selbst nicht deutlich wußte, das immer heller brennen würde in der Glut seiner dunkel-öden Seele: die Hoffnung, -- die Hoffnung, daß auch er einst seine Ruhe finden würde, -- vielleicht . . .
Der Wald begann allmählich zu rosten, ein großer Palast voll trüben Glanzes.