Part 3
Er stand außerhalb der Menschheit und blieb doch ein Mensch, nichts als ein Mensch. Er stand außerhalb der Zeit der Menschen und fühlte doch diese Zeit in sich nagen. Er sah überall den Tod und das Leben im Streit, ohne Ende. Er sah Tempel in stinkende Beinhäuser verwandelt, wo am hellen Tag Hyänen heulten; er sah, wo früher die Wüste lag, eine Stadt ihre hohen Mauern und Türme erheben. Er sah neue Völker auftauchen und andere versinken. Er war der gleichgültige und doch leidende Zeuge des sinnlosen Daseins, das auf- und abgeht, stirbt und aufersteht, um wieder zu sterben. Er ging von Land zu Land, unbefriedigt; was ihm auch begegnete, es konnte sein Herz nicht füllen, er wollte weiter, weiter. Und er wußte es wohl, im Tiefsten seines Bewußtseins, daß sein Sehnen ewig war -- daß ewig die Flamme war, die seine Seele versengte.
Er sah in Ägypten die Sphinx: eine Art Krebs fraß an ihrem Gesicht, und sie war schon halb im Sande versunken; sie schien müde vom Schauen in das Nichts. »Deine Zeit ist aus,« dachte der Wanderer, »nun kommt die meine.«
Er sah das Land, wo die Bäume mit den Wipfeln im Boden wachsen und mit den Wurzeln in der Luft. Da laufen die Menschen auf dem Kopfe; sie kriegen Hühneraugen auf dem Schädel und Verdrehtheiten in die Füße; und sie essen mit dem Hintern, was mancher Gelehrte nicht glauben will. Aber Ahasverus hatte schon lange gefunden, daß nichts wahr oder unwahr genannt werden darf.
Er sah auch das Land, wo es eine löbliche Tat ist, seine Eltern umzubringen, ehe sie zu zäh werden, und sie einzupökeln für den Winter. Das schmeckt ganz lecker, sagen sie, wenn mans mal gewohnt ist. Ahasverus tat nicht wie ein unerfahrener Tourist, der sich über alles wundert, denn er hatte schon lange gefunden, daß nichts gut oder böse genannt werden darf.
Er sah Völker, die den Frieden priesen, und andere, die von nichts wissen wollten als von Krieg und Blut. So war jeder auf seine Weise glücklich oder unbefriedigt und hielt alles übrige für Narrheit. Er sah einen Stamm in Afrika, der sich von Waldpavianen regieren ließ. Er sah Menschen, die Weihrauch anzündeten für bekleidete Puppen oder für einen Haubenstock mit einem Hut darauf, und andere wieder, die ihren Dreck anbeteten. Und alle waren überzeugt, daß sie allein die göttlichen Gesetze beim richtigen Zipfel hatten.
Er sah das Land der Läusemenschen: die leben splitternackt in einem Tal, das wie ein Kessel ist, und beten gar nichts an, sondern liegen den lieben langen Tag auf dem Bauch, die Augen halb geschlossen, verloren in einem trägen, gestaltlosen Traum. Mit den Nägeln kratzen sie sich ihre Nahrung aus der Erde und kennen kein festlicheres Mahl, als Würmer und Ungeziefer. Wenn es regnet, verkriechen sie sich in Höhlen. Ahasverus sah von einem steilen Felsen aus gerade unter sich solch ein Faulwams sitzen und spuckte darauf: das plumpe Ding kroch etwas weiter, wie eine Kröte, und als Ahasverus noch einmal spuckte, rührte es sich nicht mehr. Wenn es Abend wurde, suchten sie einander träge und setzten sich dicht zusammen, und dann begann eines von ihnen ein ängstliches, langgezogenes Geheul durch seine heisere Kehle zu jagen, worauf zwei oder drei andere und dann eine ganze Herde da unten in der Dämmerung mitblökten, so traurig und verlassen, daß Ahasverus es niemals wieder vergessen konnte.
Oben, auf dem Berg, war die Stadt der Weisen: die pfiffen auf alles zeitliche Gut, und ihr Gesicht schien immer verklärt durch himmlische Gedanken, wie ein stilles Licht, das rötlich durch eine Alabastervase scheint. Sie waren sehr zart von Umgang und fürchteten das Sterben nicht, aber man fühlte etwas wie ein stilles Heimweh in ihrem Lächeln.
Als Ahasverus dort nach einiger Zeit wieder vorbeikam, bemerkte er, daß ein tüchtiges Stück von dem Berg der Weisen nach einer besonders feuchten Jahreszeit allmählich ins Tal niedergesackt war, so daß Heilige und Läusemenschen nun brüderlich vereint lagen, dreihundert Fuß unter der Erde. Ahasverus zertrat noch einige Ameisenhaufen, aber lustig war das eigentlich nicht, und voller Ekel zog er anderswohin.
So fand er, siebzehn Meilen oberhalb des Südwindes und dann rechtsum und quer geradeaus, nahe bei dem Pfannkuchenberg, wo man die Wolken mit einer Mausefalle fängt, das weitberühmte Schlaraffenland voller Vergnügen und Wohlleben. Die Bäume sind dort von Zucker und hängen voller Konfekt, die Häuser werden aus Pfefferkuchen gebaut und mit Honigtörtchen und Eierfladen gedeckt. Da könnt ihr den lieben langen Tag Reisbrei mit silbernen Löffeln essen, und überall säuseln Bächlein von goldenem Schaumwein, süßem Met, Hippokras, Geusenlambik und Oudenaarder Doppelbier. Wenn ihr des Ambrosias überdrüssig seid, streckt ihr die Hand aus nach den gebratenen Küken, die zu eurer Verfügung herumlaufen, oder ihr schneidet eine Scheibe Schinken von den zappeligen Ferkelchen, die immer das Messer parat in der Hinterbacke tragen. Jede Stunde Schlaf bringt einen Groschen ein; ihr braucht nur zu denken: »Herzchen, wonach steht dein Begehr?« und das Appetitlichste, wovon ihr träumen könnt, steht vor euch, und es ist alles ein Prassen und Ludern und Schlampampen, was das Zeug hält.
»Ich spiele mit!« sagte Ahasverus, denn es schien so, als ob diese strahlenden Vielfraße und Faulenzer sich durch keine überflüssige Grübelei den Teufel auf den Hals lüden. Und das war mir ein schönes Leben! und ein Schmausen! und ein Schleckern! und ein Vivatrufen! -- aber es machte ihn übel und krank, sein Magen war bald aus dem Gleis, und da floß kein Wein, der _seinen_ Durst ganz hätte löschen können. »Wir Schlaraffen«, sagte einer von ihnen, »haben Genuß vom Leben, weil wir uns nicht um die Unsterblichkeit der Seele kümmern.« -- »Ob ihr nicht beruhigter sein würdet,« fragte Ahasverus, »wenn die Unsterblichkeit des Leibes euer Teil wäre?« Denn er merkte, wie der Schrecken in ihren Bauch fuhr, wenn unangemeldet Freund Hein zwischen all diese fetten Saufsäcke trat, um einem von ihnen sein Brotgäßlein zuzudrücken; und wenn der Körper dann eiligst unter die Erde gestopft wurde wie ein fauliger Schwamm, der von überreifen Säften geschwollen ist, dann war das »Halleluja« bei den Würmern, aber das »Ach, der Arme!« da oben . . .
Es würde zu weit führen, euch von A bis Z zu erzählen, was Ahasverus auf seinen mannigfachen Reisen noch alles sah. Aber je mehr er sah, um so tiefer wurde die fürchterlich öde Kluft in ihm. Denn _das_ war es nicht, _das_ nicht, was er brauchte; die Dinge, die er sehn und greifen konnte, hatten nichts zu tun mit dem, was er brauchte; Dinge und Menschen standen da wie ein Spiel widerstreitender Kräfte, ein nutzloses Treiben ohne Zusammenhang oder Sinn, mit dem stummen Tod dahinter; und im Grunde konnte ihm das ganze Sammelsurium einer Schöpfung doch gleichgültig sein, da er sich als etwas anderes fühlte: er allein war von seiner Art, der auserwählte Verstoßene, und fand nirgend einen Reim auf die Stimme da drinnen, die ihn weitertrieb.
Das Unglaublichste schien ihm, sobald es das Neusein verloren hatte, gewohnt, und die jämmerliche Alltäglichkeit der ganzen weitgedehnten wunderbaren Welt hielt ihn eingeschlossen, so wie früher die dumpfige Enge seines Kellerchens in Jerusalem. Er fühlte, daß sein Schicksal in ihm lebte, stärker als der Tod, und es war ihm, als ob er eine Ewigkeit in sich trüge; aber er blieb doch unwiderruflich ein Mensch, mit seinem peinvoll sich abquälenden Kopf, mit seinen blutenden Füßen, die er über die Steine schleppte, mit seinen zwei ohnmächtigen Händen, die nichts packen konnten als ein wenig Staub, der sterben mußte. Er war kein Gott -- nicht einmal ein Teufel! -- und selbst eine Ewigkeit, durch die keine andere Klarheit als das wechselnde trübe Licht der Erde hindurchschiene, dünkte ihn ein Gefängnis, worin er sich im Kreise drehen würde mit eintönigem Schritt. Er hatte so ein Vorgefühl, daß er alles erfahren könnte, früher oder später, alles besitzen, was die Welt trägt. Früher oder später würde er alles schmecken, was ein Mensch schmecken kann, Freude, Leid, Liebe, Wollust, alle Genüsse, alle Erfahrungen der fünf Sinne; früher oder später würde er alle Leben kennen und mitleben. Seitdem er wußte, daß nichts das, was in ihm brannte, ersticken konnte, war das Mögliche für ihn vertausendfacht, aber gerade darum wollte er das Unmögliche. Er konnte vom einen Ende der Welt zum anderen laufen, und _darum_ träumte er von dem, . . . was da drüben liegt, darum war ihm nichts begehrenswert als das Unaussprechliche, das ihm verborgen und verschlossen blieb. Was gab er um all diesen zerbröckelten Krimskrams ohne Ziel und Sinn? Und wenn _eine_ herbe Frucht ihn nicht reizte, was war ihm dann eine Million herber Früchte? Die Zeit und alle irdischen Dinge waren sein, aber er verlangte doch, verlangte heftiger denn je nach dem Einzigen, was er nicht sehen konnte.
Er wollte nicht wissen, daß er _darnach_ verlangte, er hätte alles, alles vergessen mögen. Jenen Blick von Christus, der ihn sanft versengte, den vor allem hätte er vergessen müssen. Das glückte ihm wohl einmal, aber niemals, ach! für lange. Denn der Himmel ohne Anfang und Ende mit seinem schweigenden Geflüster unerreichbarer klarer Sterne, -- und das hin und her, ewig hin und her wogende, dumpf donnernde Rauschen des einsamen Meeres, -- oder bisweilen schon der schmetternde Gesang einer Lerche, das feurig helle Schlagen einer Nachtigall in der Dunkelheit, es rief alles in ihm wieder die Glut wach, die Flamme einer Sehnsucht nach etwas, das er ahnte, das er nicht sagen konnte und das er nötig hatte.
Aber er wollte nicht daran denken. Als er einmal finster ein Dorf durchzog, wurde ihm ein Almosen gegeben von einer Frau, die das Gesicht hatte von einer, die viel gelitten hat, und sie schien keine Angst vor ihm zu haben; sie meinte, daß er auf einer Pilgerfahrt sei, und sagte ruhig: »Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .«
»Ich suche den Teufel!« fluchte Ahasverus.
Aber die Stimme säuselte in ihm fort: »Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . .« Er hätte diese Stimme morden mögen, er hätte sich die Augen ausreißen mögen, um diese Augen von Christus nicht mehr zu sehn, er hätte sterben mögen, um dies Verlangen zu ertöten in dem Abgrund seiner Seele.
»Ich suche den Tod«, dachte er, -- aber ganz aus der Tiefe kam ein Zweifel, den er nicht bannen konnte: es war nicht wahr, er würde nicht zerbrechen . . . Und warum beschlich ihn nun eine sonderbare Angst vor dem Tode, -- als könnte er niemals _ganz_ sterben? . . .
»Was ich suche, ist einfach nicht da«, grinste er dann wieder und verspottete sich selbst, aber er wanderte, er wanderte, ohne Rast.
So traf er einst auf seinen langen Wegen einen Pilgrim; unter dem breiten, mit Muscheln besetzten Filzhut schlotterte der Reisemantel, auf den ein Bettelsack und eine Kürbisflasche drückten. Es war eine knochige Gestalt, die ohne zu hasten weiterschlurfte, und beim Gehen fiel der Leib regelmäßig aufs eine und dann aufs andere Bein; der Kerl schien nicht mehr von seinem Willen getrieben. Als die beiden Schatten nahe beieinander wandelten, blickte er nicht auf. Er murmelte zwischen seinen Zähnen: »Unser Vater, der Du bist im Himmel . . .«, und man hörte die dicken Kugeln seines Rosenkranzes leise klappern.
»Warm!« sagte Ahasverus, der durstig war und nach der bauchigen Flasche schielte.
Unter dem Rand des Hutes blickte das alte Gesicht auf, mit einem toten Blick, der in einer großen Augenhöhle saß, und sagte:
». . . Geheiliget werde Dein Name . . .«
»Ein Schlückchen würde mir gut tun, Mann!«
». . . Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden . . .« antwortete der Pilgrim.
Ahasverus griff nach der Kürbisflasche und tat einen langen Zug, aber der Pilgrim murmelte immer nur und knabberte weiter an seinem Gebet, ohne auf etwas zu achten. Ahasverus wurde es seltsam zumute; das schien ihm wie ein Gespenst, beladen mit einem furchtbaren Geheimnis, und er fragte mit unsicherer Stimme:
»Aber Mann . . . lebst du? . . .«
Doch der Pilgrim sah noch einmal auf, wie ein gutmütiger Tropf:
». . . Erlöse uns von dem Übel,« und mit tiefem Atemholen: »Amen.« Darauf fiel sein Blick wieder auf die Erde, und er begann von vorne mit einer anderen Kugel.
»Nicht viel Abwechselung in seinem Gespräch«, dachte Ahasverus, aber er folgte ihm doch in einem Abstand, angezogen von diesem Trottel, der auch nur immer wanderte, als hätte er kein Ziel, und seit Jahren vielleicht sich ganz und gar blödsinnig gepaternostert hatte; und der wurde ihm wie ein fernes Bild seiner selbst, aus dem der Tod, der unmögliche Tod ihm höhnisch entgegengrinste.
O, könnte er nur, immer und immer dasselbe Gebet wiederholend, langsam und verbissen und zuversichtlich seinen Geist in dem Nichts sich verirren lassen! Der alte Knabe da ging mit einem Schritt »ich werde schon hinkommen«, und als er am Mittag, immer noch vaterunsernd, seine Beine ausstreckte unter einer schattigen Linde, fiel er bald in Schlaf, wie ein unschuldiges Kindchen, und schnarchte ganz leise. Ahasverus betrachtete das totenhafte Gesicht, auf dem Ruhe ohne Falten lag. Neidisch zog er dann weiter, allein.
Aber kein Gebet brachte er über die Lippen, und er zählte seine Schritte, hundert, und wieder hundert, bis tausend und zwei- und dreitausend. Doch dabei waren seine Sinne mit etwas anderem beschäftigt, -- mit dem, was an jenem Freitag geschehen war . . . -- er _konnte_ seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen, er _konnte_ das Bild des Gekreuzigten in sich nicht zermalmen, und wütend begann er dann zu fluchen, immer den selben Fluch, der niederhämmerte im Takt mit dem Schritt seiner Füße, bis dies Geramme seinen Geist betäuben würde.
Aber endlich mußte er wieder wild über sich selbst lachen. »Ich bin ein Kind,« dachte er, »ein törichtes kleines Kind!«
Das Land verschwamm in den Abendnebeln, die sich mit dem langgezogenen Rauch schwelender Kartoffelfeuer mischten. Es war überall so einsam, so verlassen und voll Abendduft. »Wo werde ich nun landen?« dachte Ahasverus erschöpft. Bald erkannte er die flachen Strohdächer eines Dorfes, mit Ställen und Scheunen; als er zu dem Platze kam, der die Kirche umgab, begann in den geschlossenen Häusern das freundliche Licht zu brennen. Er betrat eine Herberge, wo Bauern bei ein paar Kerzen um eine Tonne herum beim Kartenspiel saßen, und verlangte Bier und trank schweigend, mürrisch, ein Glas nach dem andern. Es war nun nur ein bewußtes Saufen noch, um seinen Geist abzustumpfen, um zu vergessen, um für einige Stunden tot zu sein. Aber es dauerte sehr lange, bis er betrunken wurde; dann kamen einige von den jämmerlichen Saufbrüdern spöttisch grinsend heran, um mit ihm anzustoßen, und sie grölten immer dasselbe schleppende Lied, indem sie ihre angeglühten Visagen einander zuneigten. Da lag ein Kumpan an Ahasverus gelehnt und langweilte ihn lallend und kläglich jammernd mit Geschichten von seiner Frau, die vor zwanzig Jahren am Pips gestorben war. Ahasverus wollte mitbrüllen, sank aber düster wieder in sich zusammen und trank . . . Am andern Tag erwachte er auf einem Misthaufen. Er torkelte weiter, legte sich noch etwas in einen Graben, um zu schnarchen, schob dann wieder in eine Wirtschaft hinein und trank. Sein Kopf schmerzte ihn, er sah alles durch einen Nebel. Frech schmiß er seine Groschen auf den Tisch, goß hinunter, daß seine Eingeweide davon brannten, zerbrach Gläser und wurde hinausgeprügelt. Und so zog er von neuem schwankend die Straße entlang, von Spelunke zu Spelunke, oder zwischendurch schnarchend, mit dem Gesicht auf der Erde.
Bis er, nüchtern geworden, wieder das Licht sah, wieder das Leben in sich fühlte und voller Ekel erkannte, daß sein Trotz nur eine Kinderei war, -- daß es etwas gab, das er nicht vergessen hatte, etwas, das er niemals vergessen würde. Und in ihm lebte das heimliche Feuer, unauslöschlich.
»Wie sollte jemand sterben können,« dachte er, »der so stürmisch nach dem Tode sich _sehnt_?«
Es war wieder einmal gegen Abend, und er war so müde. Was nützte es noch, die Arme auszustrecken? -- und nach wem, nach was sollte er rufen? . . . Er setzte sich gebrochen auf einen Stein, am Rande eines großen, finsteren Waldes, während die Dämmerung grau aus der Ebene stieg; das säuselnde Schweigen der Erde sprach zu dem Schweigen des Himmels, nur in der Ferne schlug eine Glocke an; einmal trottete auch ein Hirte vorbei, der seine folgsamen Schafe zum Stalle trieb, und ihr Getrappel im Staub glich dem sanften Geräusch des Sommerregens. Es war so sonderbar, was in Ahasverus vorging, und dies schien wohl ein anderer Abend zu sein als gewöhnlich. Wie lange war er nun gelaufen? Er wußte es nicht; vielleicht waren die Jahre wie Stunden für ihn gewesen, gleichsam als wäre er in einem Traum gewandelt, der seinen Willen überzogen hatte, aber vor seinem klarer werdenden Heimweh nun langsam fortdämmerte. Sein Herz war zerstückt, aber auch seine lähmende Gleichgültigkeit war wie gebrochen, und aus der Leere seines Geistes richtete sich trauernd etwas auf, das er doch nicht töten konnte und das sein Bewußtsein war. O diese Glut wieder, diese lodernde Glut da drinnen! . . . Das Gefühl, daß das Leben in ihm doch fortwuchs und aus all dem Schutt unerbittlich aufschoß, und dazu die allzu süße Inbrunst dieses Abends, das alles machte seine Pein noch bohrender, als sie jemals gewesen war. Und er dachte:
»Ach! warum habe ich den Gekreuzigten angesehen? Gerade an jenem Mittag, bevor ich ihn ansah, hätte ich so leicht sterben können!«
Er wußte wohl, daß das nun nicht mehr möglich war, daß der gemeine Tod der Menschen den Hunger seiner schwellenden, seiner wollenden Seele, ach! fortan nicht mehr stillen konnte. Er träumte von einem übermenschlichen Vergehn, das zugleich die Welt selbst vernichten würde, einem Tod, der wie ein Fluch sein würde auf . . . auf jenes _andere_, Namenlose, wonach er begehrte, das er nicht erlangen konnte und das er haßte, das er nicht kennen wollte, -- einem Tod, der sein würde wie ein Speien auf das Geheimnis, das ihn leiden machte. Er hätte mit beiden Händen den Himmel auf sein Haupt und auf alles mögen einstürzen lassen . . . Nein, es war zu albern! Er wollte nicht wissen, daß es einen Himmel gab, er klebte doch für immer an dieser harten Scholle . . . Und er fiel verzweifelt auf die Kniee, mit seinen Krallen in die Erde greifend; er wollte diese Erde sein, er wollte der Urstoff selber sein, er hätte sich in Millionen und Millionen Stücken verteilen lassen mögen, um in allen Dingen zu leben, -- und seine Seele nicht mehr zu fühlen! -- um der Saft der Bäume zu sein, das Blut des warmen Tieres, das Wasser der Ströme, der Fels und die Luft, das ewige Gären der Erde.
Die stille Flut der Nacht hatte sich über das ganze Land gebreitet, aber die Tiefen des Himmels blieben wie eine spiegelklare See. Und Ahasverus, erdrückt von der Verdammnis dieser Unendlichkeit, flüchtete in den Wald, -- in das grüne Dunkel.
Der Wald war voller Flüsterstimmen und seltsamem Gezitter; tastend ging Ahasverus hindurch. Die größten Bäume standen da wie Riesen, bemoost und so viel Jahrhunderte alt, daß sie das überflüssige Sprechen verlernt hatten. Über den durchsichtigen Laubgewölben ahnte man überall andere Laubgewölbe, als wären da zwei, drei Wälder übereinander, und ringsum, zwischen den Ästen von blasserem Grün, die leise zitterten wie mit vielen fast regungslosen Flügeln, verirrte sich der Blick durch ein geheimnisvolles Spiel von Schatten bis in schwarze Höhlen von wirrem Gewächs.
Von dort quoll nun überall die volle Nacht heraus, während alle Dinge ihren Atem anhielten, um keinen Laut zu wecken. Nur ganz ganz hoch rauschten Blätter, die der Mond vielleicht beschien; bisweilen piepte ein Vogel, der halb im Schlaf etwas erzählte. Das Dunkel tat Ahasverus wohl, und auch, daß alles wieder einem Traume glich.
Vorsichtig schritt er weiter; der Boden senkte sich immer mehr zu tieferen Mulden, wo die Luft schwül war von wilden, feuchten, brütenden Gerüchen, und die Stille voller Unrast, als wäre sie _ein_ großer Seufzer, der herauswollte und nicht konnte. Viele kaum hörbare Laute bullerten und knisterten in der dunklen Wärme, -- Tiere lebten da und waren gewiß bei der Paarung. Einige sprangen weg neben ihm, und das Gestrüpp knackte unter ihrem Lauf. Dann begann auf einmal ein Hirsch vor Brunst zu schreien, irgendwo in der Einsamkeit einer Tiefe. Ahasverus lauschte gespannt: -- nichts mehr, nur das Klopfen seines Blutes fast bis in die Kehle hinein, -- wieder das klägliche Rufen, -- andere Hirsche antworteten im Dunkel, -- dann ein Galopp, der in der Ferne immer undeutlicher wurde, -- dann nichts mehr . . .
Aber rieselnd sank da unten ein Gewimmel von Mondschein herab auf das silberne Zittern eines Sees, und am Rande, in der niederstäubenden Bläue, gewahrte Ahasverus eine nackte Frau, die halb ausgestreckt ihr Gesicht in dem flachen Wasser spiegelte, und sie sang ein schleppendes Lied, ein Dideldumdei, bei dem man sich nichts denken konnte.
Ahasverus schlich näher, um es zu verstehn. Der Gesang brach ab, die Frau sah sich flüchtig um, aber sie schien Ahasverus nicht zu bemerken. Sie wiegte sich langsam hin und her; spielend wie ein Kind erhob sie die Hände, gefüllt mit Wasser, das ins Licht niederrieselte wie perlende Blasen, -- es war, als wollte sie die dem Monde weihen, -- und dabei hielt sie ihr Köpfchen hintenübergebeugt und schwatzte allerhand Unsinn in der Vogelsprache. Und dann kein Laut mehr, nur noch das Glimmern des Mondlichts auf dem dunklen Wasser.
Die Stille lastete auf Ahasverus, und er rief gezwungen lachend nach dem artigen Ding, ohne selbst zu wissen warum. Sie blickte von der Seite mit schrägem Kopf auf, wie ein scheuer Vogel, der fortfliegen will.
Ahasverus kroch vorsichtig durch die Sträucher hinzu und blieb in einem kleinen Abstand auf der Lauer. Nach einer Weile schien das Meerweibchen ihn wieder vergessen zu haben, das Zittern eines Pfeilkrautes oder einer Wasserlilie hatte sie zerstreut, und sie träumte nun, lauschend in die Nacht und den Mondenschein, die junge Brust vorgestreckt, die leise atmete. Das Licht, das ihre reinen Glieder umzitterte, ohne Strahlen, war ein unbeschreiblicher Flaum, ein Tau, ein dunstiges Etwas, -- wie eine gedämpfte Musik, die heimlich durch eine andere hindurchspielt, -- zwei Gesäusel von Musik, die einander suchen und doch nicht zu berühren wagen.
Ahasverus erhob mit einem Ruck den Kopf, seine Augen triumphierten: »Ich hab sie!« und er sprang hinzu. Aber fft -- war sie unterm Wasser und weg . . . Von viel weiterher hörte er ihr helles Gelächter, daß der ganze Wald davon erklang.
Und Ahasverus stand da mit leeren Händen. Die Nacht wurde unendlich groß von peinvoller Stille.
»Uh! . . . Uh!« rief endlich die Lockstimme, mit einem schelmischen Trällern.
Ahasverus rührte sich nicht, obgleich die Lust in seinem Leibe brannte; mürrisch in sich selbst verschlossen, tat er, als hätte er niemals von Meerweibchen gehört; nur sein Blick lebte in seinem düsteren Gesicht, denn er sah die göttliche Weichheit dieses schneeweißen Wunders langsam auf sich zuschwimmen, nachlässig und faul sich räkelnd; um ihre Hände und den gewellten Rücken glitt bisweilen ein Phosphorglanz; sie blickte zu Ahasverus hin wie ein schmollendes Kind, das doch lächeln möchte.
Als sie dicht vor ihm wiegelte, erschien sie wieder anders: ihr Fleisch hatte die Farbe sonnenvergoldeter weißer Trauben, ihr schwarzes Haar stand wie ein Helm und fiel nieder in wilden Ringeln, ihre Augen waren harte Steine voll dunklem Wechselglanz; und diese Augen riefen ihn, riefen ihn, aber Ahasverus rührte sich nicht.
Da sang sie für ihn dieses Lied:
»Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, es konnte ja nicht anders sein. Und willst du es auch nicht wissen, -- mich hast du begehrt, mich begehrst du.
Denn ich bin das Göttliche, das man besitzen _kann_.
Ich bin der Baum des Lebens. _Meine_ Früchte schmecken nicht nach Gut oder Böse, sie haben den Schmack des Göttlichen.«