Der Ewige Jude

Part 2

Chapter 23,690 wordsPublic domain

Er hielt immer noch sein Messer umklammert und stand unbeweglich, mit dem Rücken gegen ein Haus: er sah dahinten die Fackeln und die Lanzen weiterziehen, von Gewühl umdrängt, und das Gewühl trieb langsam mit ihnen fort.

Nahe beim Hause des Kaiphas waren noch einige Wächter um ein Feuer geschart, faul ausgestreckt oder an ihre Partisanen gelehnt; auch ein paar Mädchen und Müßiggänger lungerten dort noch herum, und in dem Feuerschein konnte Ahasverus das Gesicht des Petrus unterscheiden, des einzigen Apostels, der für Jesus auf dem Ölberge den Kampf gewagt hatte. »Von dem werde ich alles erfahren«, dachte er, und die alte Hoffnung spitzte in ihm wieder ein wenig die Ohren: »Vielleicht ist noch etwas zu machen . . .«

Als Ahasverus zum Feuer kam, sagte eines der Mädchen zu Petrus: »Du gehörst auch zu der Bande, tu nur nicht so, als ob du nicht bis dreie zählen könntest, ich hab dich mit dem Nazarener gesehn.«

Und Petrus, mit einem unschuldigen Maul, als fiele er aus den Wolken: »Ich? Was redest du für dummes Zeug? Ich? . . .«

»Ihr hört ja an seiner Sprache, daß er aus Galiläa ist«, sagte ein anderes Mädchen. Und ein Landsknecht trat näher an ihn heran und sah ihm forschend ins Gesicht: »Jüngelchen, halt mal eben . . . hast du nicht dem Malchus das Ohr abgeschlagen? . . .«

Petrus wurde plötzlich frech und rief mit einem unsteten Blick, der zugleich guckte und auswich: »Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ihr seid besoffen! . . .«

Aber Ahasverus packte ihn bei der Kehle und fuhr ihn mit fürchterlicher Bestimmtheit an: »Du bist Petrus, der Fischer aus Galiläa, und Jesus war dein Freund, du Feigling!«

»Ich habe Jesus niemals gesehn! . . .« schrie Petrus, der blau und grün wurde.

Just in diesem Augenblick krähte ein Hahn mit erhobener, gewaltiger Raspelstimme ein heiseres, langgezogenes, endloses Kikiriki, das ganz aus der Tiefe hervorzuröcheln schien wie im Todeskampf und grausig abriß in einer Art teuflischem Lachen. So brach auch ein Lachen der Verzweiflung aus Ahasverus Gurgel hervor, denn: umsonst! dachte er wieder, umsonst! . . . Und Petrus, plötzlich frei, wankte rückwärts hinaus, als hätte der Blitz gerade vor ihm einen Abgrund in die Erde geschlagen. Niemand wagte die Hand nach Ahasverus auszustrecken.

Er ließ sein Messer fallen und irrte weiter.

Eine stille Klarheit hatte den Himmel gebleicht, und der Nacht entwuchs geräuschlos langsam ein bleigrauer Morgen. Auf den Steinen begannen schon die Wagen zu rasseln, die die Bäuerlein zum Freitagsmarkt fuhren. Ahasverus betrachtete das alles nun, als ob es ihn nichts mehr anginge; die Lust, weiter zu leben, war in ihm gebrochen.

Die Bauern gingen mit krummen Rücken in Kellerwirtschaften, um eine Kumme warmen Kaffee zu schlürfen, und Ahasverus hörte, wie sie geladen waren auf diesen Aufrührer, diesen verfluchten Radaumacher; es war seine Schuld, daß der Kram wieder mal aus Rand und Band war, just an einem Markttag.

Nach und nach kam die ganze Stadt auf die Beine, die Läden wurden geöffnet, man trug die Fensterluken hinein, und verschlafene Gesichter besprachen die große Neuigkeit.

»Wenn sie ihn kreuzigen, daß sie es dann nur schnell heute noch abmachen,« hörte Ahasverus sagen, »sonst ist das Osterfest zum Teufel!«

»Und die Geschäfte gehn ohnehin schlecht genug!«

»Die Wirte werden nicht zu klagen haben . . .«

»Sie sollten all diese Besserwisser einsperren . . . mit ihrem Gequatsch . . . damit sie die Menschen bei ihren Angelegenheiten nicht stören . . . damit sie die Menschen in Ruhe lassen . . .«

»Diese fremden Ratten . . .«

»Sie wissen nicht mehr, was sie sich ausdenken sollen, heutzutage . . .«

Und dem Wirt der Ausspannung »Zur fröhlichen Einkehr«, der über der Fensterbrüstung lag, erzählte der Barbier von der Ecke, wie Petrus -- »es ist schrecklich!« -- dem Judas den Kopf glatt abgehauen hatte.

Wie lange Ahasverus so umherschweifte, er hätte es nicht sagen können, -- bis er endlich mit dem Haufen wieder mittreibend zum Gerichtshaus zog, vor dem eine große Menge versammelt war. Auf einem Altan stand der Landpfleger Pontius Pilatus, der eine Ansprache hielt, mit seinem behäbig-groben, alltäglichen Gesicht, das nur ein wenig verdrießlicher aussah, weil sie ihn aus seiner feisten Ruhe aufgestört hatten.

Man sah deutlich, daß er sich die Sache am liebsten vom Leibe halten wollte; die Glaubenslehre der Juden war ihm gleichgültig, und die krähenden Priester hingen ihm zum Halse heraus. Er schwatzte mit knappen Gebärden etwas von seiner Liebe zum Volk, und daß in erster Linie Ordnung herrschen müßte im Interesse der ökonomischen Entwicklung der Stadt, daß die Bürger von Jerusalem einander nun endlich einmal verstehen müßten und aufhören mit ihrem ewigen Gehäkel um Bagatellen. Bei diesem Wort begannen die Pharisäer schon wieder sich die Augen aus dem Kopf zu blöken, und das Publikum rumorte nur immer mehr. Kaiphas, der neben Pilatus über dem Geländer des Altans hing, schrie wütend und aufhetzend zu seinen Trabanten hinunter. Und Pontius Pilatus, ein wenig aus dem Konzept gebracht, ließ ihn nun seinerseits reden, um das Gebrodel zu stillen. Kaiphas, den knallroten Kopf stolz über dem Bauch, predigte erst mit salbungsvoller Stimme, legte dann mehr Nachdruck auf seine Worte, als er auf diesen Aufrührer zu sprechen kam, der sich für den König der Juden hielt, und auf die nötige Ehrerbietung vor dem jüdischen sowohl wie vor dem römischen Gesetz, und er schloß seine Rede mit einem gewaltigen Gedonner prasselnder Sätze. Ja, heilig durfte man die Ordnung nennen; aber dieser Fremdling, der gerade war der Störenfried, der weg mußte. »Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!« wurde gerufen.

»Ach, was kann er denn viel Böses anrichten?« sagte Pilatus achselzuckend. »Er ist nur ein Träumer, ein Intellektueller!«

Die Schriftgelehrten, die Küster des Tempels, die Reichen, die Wechsler, die Leute an der Spritze, alle, die Jesus bei ihren Geschäftchen gestört hatte, alle, die einen Augenblick gezittert hatten, sie waren überall eifrig am Werk, tobten, daß es staubte, ließen Bier herumreichen und versprachen goldne Berge, wenn Jesus gekreuzigt würde. Und vor dem Sturm zog sich Pontius Pilatus ins Haus zurück, gereizt mit Kaiphas sich kibbelnd, der ihm mit aufgeregter Geschwätzigkeit folgte.

Rings um Ahasverus sagte nun ein jeder sein Sprüchlein:

»Er predigte doch gegen die Lehre . . .«

»Wenn er mehr ist wie wir, warum hat er sich dann greifen lassen und kein Wunder getan?«

»Ein Gaukler . . .«

»Er hat einen Blinden an einem Sonntag geheilt. Rechtschaffene Leute arbeiten nicht am Sonntag . . .«

»Warum blieb er nicht kusch? Warum kümmerte er sich um anderer Leute Angelegenheiten?«

»Er wollte den Tempel abbrechen . . .«

»Und was für ein Gesindel hatte er um sich herum, Landstreicher und Huren! . . . Dieses Magdalenchen!« . . . Und voller Geilheit erzählten sie zweideutige Geschichten von diesem Magdalenchen.

»Er entriß die Kinder ihrer Familie . . .«

»Er säte Haß unter die Menschen . . .«

»Ein Glück, daß ich dabei war! Petrus ging schon ans Hauen und Stechen: er hat einen Kerl in zwei Teile gespalten bis an den Nabel . . . Aber ich habe ihm zum Donnerwetter nochmal eine neingehauen, daß ihm schwummerig wurde . . .«

»Die Apostel hatten selbst genug davon: ihr seht es ja, es ist einer von seinen besten Freunden, der ihm das Spiel verdorben hat.«

»Ha! ha!« fluchte Ahasverus bei sich, »sieh da, das auserwählte Volk des Neuen Reiches!« Die letzten Anhänger Jesu hatten sich auf die Strümpfe gemacht oder standen da, verblüfft und verbaast, und sperrten das Maul auf.

Aber plötzlich erschütterte Lachen, gewaltiges Prusten und Lachen, die dichtgedrängte Menge. Denn Jesus war auf dem Altan erschienen, vorwärts gestoßen, -- und er glich mehr einer Vogelscheuche als einem König: sie hatten ihm zum Zeichen seiner Macht einen zerlumpten Purpurmantel umgehangen, in dem seine Füße strauchelten, und sein Haupt trug eine Krone aus Dornen geflochten, und als Zepter hielt er in seinen gebundenen Händen ein Rohr. Wahrhaftig, ein famoser Ulk! Ahasverus lachte und tobte mit, denn es war ihm, als ob er selbst da oben stünde, es war ihm, als ob er sich selbst verspottete, als ob die Dornen aus seinem eigenen Haupte den roten Schweiß tropfen ließen.

Soldatenvolk umgrinste den schäbigen Herrscher. Ein Lümmel zupfte ihn am Haar und fragte: »Du, der alles weiß, sag, wer hat das getan?« Aber Jesus schwieg.

Und ein anderer gab ihm hinterrücks einen Backenstreich und fragte: »Weissage: wer hat dich geschlagen?« Ahasverus fühlte die Ohrfeige auf seiner eigenen Backe brennen und lachte wild mit dem Volke mit. Jesus schwieg.

Und nun wurde nach seinem Antlitz gespieen: »Weissage! Weissage!« Es schien Ahasverus, als ob er auf seine eigene Seele spiee, und er schrie mit. Ein fürchterliches Gedränge stieß nach vorn, jedermann wollte dabei sein, wollte mitspielen. Frauen und Kinder gellten mitten hinein ins Geheul dieser ungebärdigen, tausendköpfigen Bestie, die sich gegen die Mauer des Gerichtshauses quetschte.

Pilatus, der sich den ganzen Mummenschanz ausgedacht hatte, in der Meinung, daß das Publikum ihn nach solch einem Schauspiel in Frieden lassen würde, trat nun vor, und um zu zeigen, wie unschädlich der arme Schächer doch eigentlich wäre, spöttelte er gutmütig, indem er mit seiner geöffneten molligen Hand auf ihn wies:

»Ist das nun der König der Juden?«

»Hu! hu!« raste das Volk zu dem schweigenden Manne mit der Dornenkrone und dem Rohr, und »Hu!« raste Ahasverus, »hu! der König des Neuen Reiches, der König, der einen Traum hatte und kein Schwert, um eine Wirklichkeit, eine Wirklichkeit daraus zu machen!«

Aber die Hohenpriester fürchteten, daß die Beute ihren Krallen entschlüpfen könnte: »Pilatus höhnt die Juden!« riefen sie von allen Seiten, »der Kaiser in Rom ist unser König! . . . Er lästert den Kaiser! . . .« Und Pilatus war schon wieder aus der Fassung, betäubt durch das Gebrüll, aufgehetzt durch Kaiphas.

»Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!« ging es hier und da hartnäckiger los.

Pilatus wurde ärgerlich. »Wir müssen kurzen Prozeß machen«, dachte er. Und da er nicht wußte, was tun, nahm er seine Zuflucht zum Nazarener selber: der verhielt sich auch allzu stumm und wollte kein Wort zu seiner Rechtfertigung sprechen: er mußte -- zum Teufel! -- doch mal deutlich auseinandersetzen, was er sich eigentlich dachte, dann würde das Urteil vielleicht milder ausfallen; und barsch werdend, platzte Pilatus heraus: »Komm, sei nun endlich mal vernünftig, sei nicht so romantisch, nimm die Dinge, wie sie sind . . . Ich habe dich in meiner Macht, ich kann mit dir machen, was ich will, rede . . .«

»Du vermagst nichts über mich!« sagte Christus, den Blick in sich gekehrt; »ich _bin_ die Wahrheit.«

»Wahrheit . . . Wahrheit . . . was ist Wahrheit?« murmelte Pilatus und betrachtete mit aufrichtigem Mitleid diesen armen Schwärmer, der so jämmerlich seine Sache verdarb. Aber er hatte schon einen anderen Ausweg gefunden, um sich die Geschichte mit einem Schlage vom Halse zu schaffen:

»Werte Mitbürger, es ist ein uralter Brauch, eine ehrwürdige Überlieferung . . . eine Überlieferung, sage ich, der wir also treu anhängen müssen, daß der Statthalter zum Osterfest einen Gefangenen losläßt; -- wollen wir diesen denn nicht laufen lassen?«

»Nein, nicht Jesus, -- Barrabas!« rief eine Stimme. Und »Barrabas! Barrabas!« war der Schrei, der nun von überallher emporstieg. »Barrabas!« schrie auch Ahasverus.

Dieser Barrabas, müßt ihr wissen, war in Jerusalem wohl bekannt und dem Volke teuer, als ein unverbesserlicher Windhund, Lüderjan, Nachtschwärmer, Pflastertreter, Saufaus, Würfelspieler, Hurenbock, Prasser, Zotenreißer und Hans in allen Gassen.

»Wenn du uns die Wahl läßt,« sagte Kaiphas, »dann gibst du zu, daß Jesus schuldig ist!«

Pilatus verlor auf einmal alle Geduld: »Ich hab genug davon,« schloß er wütend, »ich sitze hier schon den ganzen Morgen und rede mir die Zunge aus dem Hals, kreuzigt ihn, wenn ihr ihn nun doch mal kreuzigen wollt, aber dann gleich, damit es ein Ende hat! Und der erste, der sich dann noch muckst, fliegt an . . .«

Es war, als ob eine fürchterliche Welle das ganze wimmelnde Gedränge oben hinauf zum Richthaus tragen wollte mit wildem Gejauchze. Jesus wurde im Tumult fortgeschleppt, und Pontius Pilatus machte sich mit rundem Rücken aus dem Staube.

Für Ahasverus verlief alles nun, als ob es ganz fern von ihm geschähe, als ob er jenseits der Menschheit irrte, jenseits des Lebens. Was sie zu kreuzigen sich anschickten, es war etwas von dem letzten Traum, der ihn aufrechterhalten hatte; aber auch diese Kreuzigung und alles, es geschah in einem Traum. Alle Dinge trugen das Antlitz des Todes.

O, er mußte da heraus, er wollte zurück in die Wirklichkeit, er wollte noch einmal von ganz nahe Jesus anschauen, um deutlich zu fühlen, daß dies alles kein Hirngespinst war, zu fühlen, ob es wahr sei, daß er, Ahasverus, nun ganz allein, ganz allein auf dieser Welt blieb, um all ihre Jämmerlichkeit, all ihre Leere zu schleppen.

Das Fieber brannte in ihm, er war heiser vom Schreien, er mußte heraus aus diesem höllischen Gewühl. Er ging bis an das Stadttor, durch das der Zug zum Kreuzberg hinauf ziehen mußte. In dem Tor war eine kleine Wirtschaft. Ahasverus gab seine letzten Pfennige für ein Glas Bier und blieb draußen auf einer Bank sitzen: dort konnte er alles gut sehen.

Ein Blinder und ein Lahmer, die früher vor dem Tor zu betteln pflegten und die Christus geheilt hatte, machten laut ihre Späße mit der Wirtin.

»Ihr solltet euch schämen!« sagte diese.

Der eine antwortete: »Was können wir dabei machen? -- Hat er mir meine Augen wiedergegeben, so tat ers doch, damit ich sie brauchen sollte!« Und er sah die Wirtin lauernd mit geilem Blick an.

Und der andere: »Unsere Schuld ist es nicht! -- Hat er meinen Händen wieder Gefühl gegeben, so tat ers doch, daß ich was davon haben sollte . . .!« Und sein Arm umfaßte die Wirtin, die aus vollem Halse mit schuddernder Brust lachte.

Vor der Wirtschaft schlenderten Jerusalemer, ganze Familien, die vor Ungeduld gähnten. Niemand arbeitete an diesem Tage, es war etwas wie eine seltsame Kirmesstimmung in der Luft, wenn das Wetter auch tot und trübe blieb. An dem Stadttor näselte ein Spielmann seine Lieder, angegafft vom Volke, und ein Haufen Rotznasen lief hinter einem roten Lappen, der an eine Stange gebunden war, singend vorbei mit Rumpelkasten und Kesselpauke. Aus allen Fenstern steckten Neugierige ihre Köpfe heraus, und auch auf den Dächern saßen die Menschen dicht gedrängt.

Das Mittagbrot hatten sie schon hinunter, und viele begannen stumpf zu werden vom langen Warten, als endlich Radau und Fanfarengeschmetter in der Ferne hörbar wurde. -- »Da sind sie! Da sind sie!« Und bald erschien die klägliche Prozession an der Biegung der Hochstraße, von wo sie sich langsam zum Stadttor bewegte.

Hinter einem Haufen Straßenjungen und Pflastertreter, die, von Hunden angebellt, dahinliefen oder Arm in Arm in Reihen pfeifend weiterhopsten, kamen zuerst Soldaten mit Helm und wehendem Federbusch, auf bunt-geschabrackten Pferden; die trugen Schilder und Standarten. Und dann etwas Musik und Fußvolk mit Spießen, Landsknechte in schweren Kollern, Hellebardiere, Bogenschützen, Hilfstruppen aus Libyen und Äthiopien, Mohren und Schornsteinfeger, kurzum, der Teufel und seine Großmutter, alles, was sie auf die Beine bringen konnten. Und umschlossen von all dieser rohen Macht schritten höchst befriedigt die Hohenpriester mit Kaiphas, die Schriftgelehrten, die Ältesten des Volks, die Küster und Stuhlsetzer des Tempels, der Statthalter und sein Rat, die Zunftmeister der reichen Tuchgilde, der Bund der Geldwechsler, die Gesellschaft zur Förderung des Fremdenverkehrs, der Verein der Hausbesitzer und Grundeigentümer, all die Mucker, Betbrüder und Schwarzen von Jerusalem, all die konzessionierten Betrüger und Halsabschneider, all die Schacherer, all die Geldhunde, all die Blut- und Hirnsauger, all die Schinder und Auffresser des gemeinen Mannes. Und wieder Soldaten und Soldaten, unaufhörlich . . . Wer konnte dagegen noch an? Wer sollte sich da noch mucksen? -- Aber o! der elende, gebrochene König, der dahinter unter dem großen Kreuz sich fortschleppte! . . .

Die meisten Zuschauer schwiegen nun, die Kehle zugeschnürt, mit einer düsteren Vorahnung im Herzen, oder guckten mit ihren Kuhaugen und dachten: »Er hat es verdient!« oder »Was können wir daran ändern?« oder »Er hat uns betrogen, er hat uns das Glück versprochen«, und diese waren ärgerlich, weil kein Wunder geschah. Aber sie wagten einander nicht mehr anzublicken. Es gab auch solche, die einsahen, daß sie übel getan hatten, und darum ärgerlich wurden: sie riefen Schimpfworte und warfen Dreck nach dem Mann. Die Frauen bedauerten ihn mit leisen Worten des Mitleids und schluchzten. »Er muß doch etwas verbrochen haben . . .« sagte nahe bei Ahasverus eine, die einen Säugling auf dem Arm trug.

Und Ahasverus sah den Mann mit dem Kreuz heranstraucheln. In seiner Seele saß der Tod. Er hätte alles vergessen mögen, nicht mehr diese feigen Lumpenhunde sehen, nicht mehr dies ohnmächtige Weibergejammer hören. Er dachte: »Da ist der Wortgaukler, der seinen Traum nicht tragen konnte, der Verräter, der meinen Traum gemordet hat. Und nun bleibe ich allein, -- ich -- allein . . .« Er wälzte es wieder in sich herum, gleichgültig gegen seinen eigenen Schmerz; Gleichgültigkeit umschloß ihn überall, als hätte er niemals wieder seine Arme ausstrecken können. Ja, es hätte so schön werden können! Aber alles war unnütz, das Leben war unnütz . . . Und weil er allein, er allein das wußte, sprach etwas in ihm: »Ich werde nicht zerbrechen.«

Aber als der Galiläer das Stadttor erreicht hatte, geschah etwas Wunderbares.

Ahasverus stand kerzengerade mit hohen, breiten Schultern da, seinen harten Blick auf Jesus gerichtet. Jesus fiel auf die Kniee unter der schweren Last des Holzes und sah Ahasverus an mit etwas wie einem flehenden Schrei in seinen Augen. Sein Gesicht war bleich, schweißbedeckt, voll Staub und Blut. Er hatte Ahasverus erkannt, und schweigend schien er zu sagen: »Du, der du mein Bruder bist, hilf . . .«

»Warum?« dachte der Zweifler, und noch einmal »warum?« mit einem höhnischen Lachen über sich selbst und über alles. Und in der schaurigen Öde seines Herzens stand es tief eingegraben: »Ich werde dem nutzlosen Traume treu bleiben. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht zerbrechen.«

Seine Lippen blieben geschlossen, sein Blick blieb hoch und hart. Aber auf einmal sah er nichts mehr als die Augen Christi, Schweiß und Blut verdämmerten, er sah nichts mehr als die stillen, durchdringenden Augen, die reinigend das Antlitz erhellten. Ja, das war sein Bruder; ja, er sah es nun wohl: dieser hatte auch etwas, das dunkel in ihm glühte, etwas, womit er nirgendhin wußte, eine ewige Unrast; er sah es da wie in einem Abgrund, aber über dieser Tiefe zitterte ein unergründliches Licht, wie ein Lächeln, ein Segen . . . Ahasverus fühlte, wie die sanfte Flamme dieser Augen sein Herz versengte.

Und seitdem er das gesehen hatte, brannte es in ihm fort, mitleidslos, unauslöschlich, und er mußte Christus folgen, seinem Bruder. Und die ganze schreckliche Passion mußte er mit leiden: sein Fleisch war es, das durchbohrt und an das Kreuz genagelt, sein Mund, der voll Essig und Galle gestopft, seine Seite, die durchstochen wurde. Als Jesu Mutter in Ohnmacht sank, zerriß auch ihm das Herz, aber nicht einen Sohn nur beweinte er. Und als das Volk, von Furcht und Reue ergriffen, wegflüchtete unter dem trüben, leeren Himmel, ehe Er da oben Seinen letzten Seufzer tat, und nur noch einige Soldaten dablieben, die um seinen Mantel würfelten, und eine Wolke seine Stirn umflorte und Er rief: »O Vater, warum hast Du mich verlassen?« -- da suchte Ahasverus' Blick Seinen geliebten Blick, und sie vergingen zusammen in demselben Meer von Verzweiflung, über dem dann das triumphierende, das unbegreifliche Lächeln Christi wieder glänzte.

Und als alles vollbracht war, eilte Ahasverus fort, wohin, wußte er nicht: er wußte nur, daß er niemals wieder ruhen würde und wandern und wandern würde, ohne Ende -- ohne Ende.

Ahasverus auf dem Weg zur Hölle

Er ging, das Haupt zur aschgrauen Erde gebeugt; der Himmel da oben war nicht mehr für ihn da, er wollte nichts mehr sehen. Aber unauslöschlich brannte in ihm die sanfte Flamme von Christus' Blick.

Und er haßte diesen Blick. O, hätte er ihn vergessen können, seine Brust offenreißen, um die Glut da drinnen totzuwürgen! . . . Umsonst! Er ging mit dieser unsagbaren Pein durch die leere Welt, und in seinem ganzen Wesen war eine Lust, nicht mehr zu sein.

Ja, nicht mehr sein! Aber . . . sterben -- wie ist das Sterben doch mühsam! Er konnte nicht mehr wollen; -- nicht denken, das war das einzige, was er wollte. Und es war doch auch eine versteckte Angst in ihm . . . er wollte nicht mehr denken.

Die Helle der Tage und das Dunkel der Nächte wechselten in ständigem Wandel über ihm. Er ging, schlief einen unruhigen Schlaf von einigen Stunden und ging dann weiter; die eine Hand hielt einen Knotenstock umklammert, die andere wühlte in seiner Brust oder umkrampfte bisweilen seine Stirn, als stäche ihn da eine Dornenkrone. Er mied zuerst die Dörfer, aß Früchte oder Rüben, und ging nur immerzu, unbewußt, verloren.

So wanderte er bergauf und bergab, durch Sonne und Wind, über die unermeßlichen Straßen der Welt. Er irrte wohl einmal tagelang auf Heiden und in Wäldern umher, um dann ausgehungert wieder niederzusteigen in die Täler, wo die Menschen wohnen. Und dort bettelte er, unwillig brummend wie ein Bär, der unter der Peitsche tanzen muß. Mit seinem mageren Gesicht, worin die starren Augen glommen, jagte er den Frauen Schrecken in den Leib; sie gaben ihm ein Butterbrot und zogen schnell ihre Kinder wieder ins Haus. Er dankte nicht und ging weiter und machte vor der Wirtschaft halt, wo die Pächter im Schatten beim Kegeln saßen und ihre Pfeife rauchten, die Hand am schäumenden Krug. Sie hatten Scheu vor seinem langen, unbeweglichen Schatten und rückten vorsichtig zur Seite, damit er sie nicht anrührte. Er sprach kein Wort, aber seine hagere Gestalt prophezeite Krankheit, Hungersnot und vielleicht noch schlimmere Plagen. Und in seinen Augen lag eine stumme Frage, die sie lieber nicht sehen wollten. Vor Ahasverus fühlte man sich beunruhigt, ohne recht zu wissen warum, -- wie beim Sinken der Abendschauer, wenn der Mensch über das kurze Leben nachdenkt und das, was jenseits liegt.

Und er wanderte, wanderte. Bisweilen, als fürchtete er sich selbst, fühlte er wieder den Drang, unter vielen Menschen zu sein, verloren in einer Menge. So lief er einmal tagelang mit einem Heere mit, längs der Wege. Die Kriegsknechte wurden wild von dem endlosen Latschen und trieben allerlei Mutwillen auf dem platten Land, spielten die Herren, stießen mit ihrer Pike die Bauern vor sich her, forderten Speck mit Eiern, altes Bier und junge Mädchen. Zum Schluß, als sie in eine große Stadt kamen, fingen sie an zu meutern und zu plündern. Sie rannten wie wilde Raubtiere brüllend durch die dunklen Gassen, drangen in hellen Haufen in die Läden der Juden ein und warfen dann die Leichen durch die Fenster. Der Boden war rot und schwarz vom Blut, man focht bis in die Kirche, und Ahasverus sah, wie flehende Frauen und Würmlein von Kindern abgestochen wurden, als wäre es zum Spaß. Aber das Schrecklichste schien ihm dabei, daß sein Herz nicht einmal bebte: Geschah das in einem fernen Traum? Waren das Menschen, die da mordeten oder starben? -- Als eine gewaltige Orgie über all dieses Sterben hinwegzulodern begann, flüchtete er wieder weiter, denn mitten im Gewühl noch war er allein -- er war immer mutterseelenallein.