Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 7
Umsonst also sucht, wer hier nach jenen gesalzenen Schmähungen, Schimpfreden, Grobheiten sucht, wie sie die protestantischen Hellenen beliebten, die es unter dem Himmel Homers nicht länger aushalten konnten, zu schweigen von den klobigen und klotzigen Flegeleien, mit welchen der große Rüpel Martinus die Kirche Roms und ihren Papst gleichsam wie mit Kübeln überschüttete. In diesen Schriften wird nirgends geschimpft, es sei denn von einem unbelehrigen Brahmanen; in diesen Schriften wird niemand beschimpft, es sei denn der Erwachte selber von einem blindwütigen Priester. Hier, wo es in vieler Hinsicht keine Gläubigen und weniger noch Recht-Gläubige gibt, hier gibt es erst recht keine Anders-Gläubigen, denen man eins wischen müßte. Die europäischen Propheten des Protestantismus haben an den Anhängern des Katholizismus jeweils gehaßt, was sie in sich selber überwunden (oder auch nicht überwunden) hatten, -- aber der indische Protestant Buddho weiß nichts von diesem Haß gegen die eigenen Überwindungen. Der weltgeschichtliche Kampf zwischen den Urformen der Religiosität wurde und wird in Europa der bösen Beschaffenheit des Europäers entsprechend mit vergifteten Waffen geführt, aber Gotamo führet ihn nicht einmal mit Waffen, geschweige denn mit vergifteten. Der indischen Haupttugend vollendeter Herzenshöflichkeit wie kein zweiter religiöser Stifter mächtig, verliert der Erhabene kein Wort gegen die unendlichen Götterreihen, welche der Brahmanismus wie einen Berg unendlich gestaffelt und gestuft bis zum Himmel und Überhimmel aufgetürmt hatte. Der Berg wuchtet und ruht in ihm selber heilig weiter, aber Gotamo nimmt auf seinem höchsten Gipfel Platz, um dort die Weihe der vier Schauungen (_jhânâni_) zu begehen. So redet der Buddho in jeder Rede ohne Befangenheit von den unzähligen Göttern des Veda, und was etwa noch wichtiger scheinen könnte, so schweigt er ohne jede Befangenheit von ihnen, wo ihm das Schweigen angebracht zu sein deucht. Er redet und er schweigt in seinen Reden von den Göttern mit Takt, mit Wohlwollen, ja mit Großmut, wie ein erzogener Abendländer über abwesende Gäste redet und auch schweigt, deren Menschliches er längst durchschaut hat. Dieser unbedingteste Protestant aller Vergangenheiten, gewissermaßen ein protestantisches Absolutum, verfährt mit göttlicher Milde gegen die Götter, deren schöne Überflüssigkeit in Ansehung dessen, was Not wendet, er als der erste Mensch menschheitlicher Gattung erkannt hat. Für oberflächliche und grobkörnige Beobachter hat sich in den Jahrhunderten zwischen dem Veda, den Upanischaden, den großen Epen und dem Auftritt Gotamos, was die Götter anbetrifft, nichts Besonderes zugetragen. _Ex officio_ bleiben sie in allen Hoheitrechten ungekränkt und unbehelligt, in die sie eine fromme Urzeit einst göttersälig eingesetzt hatte. Noch wimmelt Welt, Unterwelt und Überwelt von den Heerhaufen der Heiligen und Vollendeten und Engel und Genien und Dämonen und sinnlichen und himmlischen Gottheiten bis herauf zum Himmelsjüngling Brahmâ selber, -- erst die Zone des Brahman-Âtman ist es, die ernsthaft in Frage gestellt, ja verneint erscheint, und zwar aus Gründen, die sich gewissermaßen ganz von selbst in eine doppelte Gruppe scheiden und die schließlich an dieser Stelle wo nicht ausführlich entwickelt, doch wenigstens grundsätzlich erwähnt werden müssen.
Die erste Gruppe dieser Gründe findet sich mit wundervoller Klarheit herausgearbeitet und zusammengestellt in der Ersten Rede aus der Längeren Sammlung Dîghanikâyo, ‚Das Priesternetz‘ betitelt, wo der Buddho auf eine beinah erschöpfende Weise die Trennung zieht zwischen seiner eigenen Lebensführung und Weltauffassung und der Lebensführung und Weltauffassung brahmanischer Priester und Asketen. Eine durchaus kunstgerechte oder gar gelehrtwissenschaftliche Auseinandersetzung à la Çankara mit der Götter-, Welt- und Seelenlehre des Brahmanismus darf freilich niemand hier erwarten, denn weder sind Gotamos Zwecke und Ziele gelehrtwissenschaftliche, noch erhebt er persönlich jemals den geringsten Anspruch auf maßgebliche Kennerschaft vedischer Theo-Kosmologie und Scholastik. Trotzdem werden hier mit einer Dialektik von manchmal glänzender Überlegenheit die wichtigsten Standpunkte der brahmanischen Götterlehre, Weltlehre, Seelenlehre im Zusammenhang aufgezeigt und in ihrer Nichtzulänglichkeit erhärtet. Nicht weil diese Götterlehren, Weltlehren, Seelenlehren falsch wären, sondern im Gegenteil, weil sie richtig sind, richtig nämlich als eine Reihe von einander sich ausschließenden Vernunftaussagen, gleichmäßig zulässig, gleichmäßig ‚wahr‘, -- eben darum sind sie alle zusammen doch nur als bloße Vorläufigkeiten, wenn nicht als Unerheblichkeiten (ἀδιάφορα) zu bewerten und zu verwerfen. Als Standpunkt der Erkenntnis können, ja müssen sie von den Erkennenden eingenommen werden, und wenn sie sich im einzelnen dann kontradiktorisch widersprechen, beweist das nicht, daß sie erkenntnismäßig unzulässig sind: aber es beweist, daß es von Übel sei, wenn sich die Vertreter der einzelnen Standpunkte innerlich gleichsam mit ihnen für verwachsen erklären und so ihr persönliches Heil mit einer jeweiligen Ansicht-Sache, Meinung-Sache verwechseln. Über Götter, Welt und Seele mag jeder denken, was seinen Verständniskräften am besten entspricht und ihn am innigsten befriedigt. Und vielleicht gibt es unter allem, was bisher von menschlichen Wesen über diese Gegenstände ausgeheckt worden ist, gar nichts, das grundsätzlich und in jedem Sinn falsch oder verkehrt wäre. Nur ziemt dem Erwachten ein Standpunkt, unendlich über alle diese Standpunkte erhöht, wofern der Erwachte seinerseit alle einzelnen Standpunkte durchlaufen und in ihrer verhältnismäßigen Berechtigtheit durchschaut hat: nun aber sich selbst die unbedingte Freiheit streng zu wahren entschlossen ist, auf keinem als einem endgültigen auszuruhen und zu beharren und ihn für den einzig richtigen, den einzig angemessenen auszugeben. Sich auf keinen erkenntnismäßigen Standpunkt festzulegen und sich für keinen zu entscheiden, das ist der Standpunkt des Buddho gegenüber allen üblichen Lehren von Gott, Welt und Seele. Der Protestant Gotamo protestiert gegen jedwede dogmatische Bindung zugunsten einer bloßen Ansicht oder Annahme, Meinung oder Auffassung. Er protestiert dagegen nicht wie der Protestant Kant, um die ewigen Rechte der Kritik gegen das Dogma zu vertreten, vielmehr aus der tiefen und religiösen Selbsterfahrung heraus, daß sich mit dem eigenen Wesen und Wesensziel keine sogenannte Wahrheit wirklich deckt: daß hier stets und immer eine Leere bleibt, die nach anderer Erfüllung heischt, als sie die Doktrin gewähren könnte. „Da erkennt denn, ihr Mönche, der Vollendete: ‚Solche Ansichten, also angenommen, also beharrlich erworben, lassen dahin gelangen, lassen eine solche Zukunft erwarten.‘ Das erkennt der Vollendete, und erkennt, was darüber hinausreicht. Bei dieser Erkenntnis beharrt er aber nicht, und weil er dabei nicht beharrt, findet er Einkehr eben in sich“...
Eine zweite Gruppe von Einwürfen gegen die Brahman-Âtman-Zone, nicht ohne einen gewissen inneren Zusammenhang mit dieser, erörtert der Buddho vielleicht am durchsichtigsten in der Hundertundneunten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo, die den Titel ‚Vollmond‘ führt. In dieser Rede rechtfertigt und begründet Gotamo eine der umstürzlerischsten Überzeugungen des Buddhismus überhaupt, und zwar überraschenderweise, obwohl es sich unstreitig um einen rein religiösen Sachverhalt handelt, in enger Bezugnahme auf Kants Kritik des ersten Paralogismus in der transzendentalen Dialektik seines ersten Hauptwerkes: die Überzeugung nämlich, daß alles, was wir unser Ich, unsere Persönlichkeit, unser Selbst nennen und was der Brahmanismus als Âtman, Brahman, Lebensurgrund, Weltwesen verehrt, in Wahrheit gar kein ontologisch zu verstehendes _substratum_, _subjectum_, ὐποκείμενον unserer Bewußtseins-Welt sei, sondern im besten Fall ein bloßer Bestandteil, bloßer Inhalt dieser nämlichen Welt, der genau wie jeder andere Bestandteil und jeder andere Inhalt des Bewußtseins über die rein vorstellungmäßige Gegebenheit hinaus immer für fragwürdig gelten müsse. Es gibt kein Ich, es gibt kein Selbst als Träger der Bewußtheit-Mannigfaltigkeit, und vollends gibt es kein Urselbst als Träger der gesamten Weltwirklichkeit und als ihr Urheber und Erhalter, wie es der Brahmanismus unter dem Namen Âtman anruft, bekennt, voraussetzt. Wenn der Brahmanismus das ‚_Eso ’ham asmi_: Das bin Ich‘ und vielleicht mehr noch das gleichsinnige ‚_Tat tvam asi_: Das bist Du‘ zur Weltformel erhoben hat, und wenn er mit dieser Weltformel zuletzt nur das schlechthin unwiderlegliche religiöse Urerlebnis auf eine mitteilbare Aussage bringen will: die Wahrnehmungen bin Ich-Selbst, die Gegenstände bin Ich-Selbst, die Zustände bin Ich-Selbst, die Widerstände bin Ich-Selbst, die Wirklichkeiten bin Ich-Selbst, die Unwirklichkeiten bin Ich-Selbst, die Überwirklichkeiten bin Ich-Selbst, das Ich und das Du und das Nichtich bin Ich-Selbst! -- nun wohl, dann weiß Gotamo dieser aus unwiderleglichem Erleben geschöpften Formel die aus nicht minder unwiderleglichem Erleben geschöpfte Gegenformel mit einer steinernen Wucht entgegenzustemmen, ‚_N’etam mama_: Das gehört Mir nicht‘, die Wahrnehmungen bin Ich nicht, die Gegenstände bin ich nicht, die Zustände bin Ich nicht, die Widerstände bin ich nicht, die Wirklichkeiten bin Ich nicht, die Unwirklichkeiten bin Ich nicht, die Überwirklichkeiten bin Ich nicht, das Ich und das Du und das Nicht-ich bin Ich nicht!... Dem nicht zu entkräftenden Erfahren des Brahmanismus, wonach Alles das Selbst ist, antwortet der Buddho mit dem nicht zu entkräftenden eigenen Erfahren, wonach Nichts das Selbst ist. Dem Abendländer aber, der hier mit seiner Schere Ja-oder-Nein dazwischen fährt und die lediglich wissenschaftliche, nicht jedoch religiöse Frage aufwirft: wer von beiden recht habe? -- ihm antworte ich selbst mit aller Entschiedenheit: Beide!... Wiederum gelangt nämlich hier im Buddhismus eine tief protestantische Auffassung zu ihrem weltgeschichtlichen Durchbruch, -- eine Auffassung, der es gemäß ist zu denken und zu sprechen: Es gibt keine Grundlegung und keine Grundfestung, es gibt keine Trägerschaft und keine Verankerung, es gibt keine _substantia_ und kein _principium_, es gibt kein ὐποκείμενον und keine ἀρχή. Sondern es gibt nur einen stätigen Vorstellungablauf, eine stätige Tätigkeitänderung, einen stätigen Erlebniswechsel. Es gibt kein Sein und weniger noch ein Wesen, sondern allein ein Tun und ein Werden, -- es gibt kein _esse_, sondern nur ein _fieri_ oder _operari_; ganz wie dies von den naturforschenden Wissenschaften des Westens und von ihrem kritisch-kritizistischen Protestantismus längst auf die Spitze getrieben und infolgedessen überspitzt ward. Nicht aber auf die Spitze getrieben und infolgedessen auch nicht überspitzt ward dieser Protestantismus vom Buddho, wie man in der erwähnten Rede ‚Vollmond‘ aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo leicht nachlesen kann. Denn kaum ist hier ein Mönch im Begriff, aus dem von Gotamo entwickelten Gedanken der Selbst-Losigkeit und Selbst-Ledigkeit alles Geschehens und Tuns den etwas voreiligen, aber folgerichtigen Schluß zu ziehen: also gibt es auch keines Selbstes Täterschaft getaner Taten und keines Selbstes Verantwortlichkeit für diese! -- da muß sich auch schon der scharfsinnige Fürwitz dieses Mönches, der gleichsam die Rolle unserer hemmunglosen Wissenschaftlichkeit vorwegnimmt, die derbste Zurechtweisung von Gotamo gefallen lassen. Denn dieser Mönch steht auf dem Sprung, den großartigen Protestantismus Gotamos von der Selbst-Losigkeit und Selbst-Ledigkeit des Erlebens dadurch um seine religiöse Geltung zu bringen, daß er ihn allzu gradlinig weiterdenkt bis dahin, wo das Denken nicht mehr mit dem Leben und Erleben in Einklang zu bringen ist. Alles bin Ich nicht und Nichts gehört Mir, -- das ist ganz einfach eine Erfahrung, die umso erschütternder erfahren wird, desto tiefer ein Mensch sich seiner selbst bewußt und inne wird; und völlig vergeblich suchen wir aus irgend einer Erscheinung oder aus irgend einer Gegebenheit das Sein des Selbstes, das Sein der Person, das Sein der Seele herauszuklauben. Aber über diese erschütternde Erfahrung heraus nun um Gottes willen keine weltzersetzenden und selbstzersetzenden Betrachtungen, um Gottes willen keine Angriffe und Eingriffe in solche unumstößlichen Gewißheiten wie die, daß jegliche Tat ihren Täter habe und jeder Täter seine persönliche Beschaffenheit, Eigenheit, Umschriebenheit. Es ist nicht die Sache der Weisheit und noch weniger die Sache der Frömmigkeit und Heiligkeit, die Widersprüche des Daseins fortzudenken, sondern ihre Sache ist es, diese Widersprüche lauter herauszustellen und an ihnen hinauf gütig über sie hinauszuwachsen ‚_dvantvâtîta, nirdvandva_‘...
Trotz aller Höflichkeit gegen die alten Götter bedeutet also Gotamos Verkündigung und Auftritt, wir können es jetzt ungefähr ermessen, eine religiöse Katastrophe, die in keinem Göttersturz östlicher oder westlicher Welten ihresgleichen findet. Dieser Gotamo, auf dem Gipfel des unendlich schichtigen Göttertempelberges des Brahmanismus thronend wie der höchste Stûpa auf der Kuppe des Boro-Budur, er behält sich im Unterschied zu allen Heiligen der Vorzeit alle ersten und letzten Entscheidungen der Tat selber vor. Mag immerhin ein Brahmâ oder sonst ein Mahâdeva diese und manche andere Welt geschaffen und geballt haben, -- erlösen wird sie und vor allem erlösen wird sich nicht dieser Brahmâ und nicht ein Mahâdeva, sondern erlösen wird sie und erlösen wird sich Gotamo der Mensch allein. Fortan sind diese Götter zu einer Art von idealischer Zuhörerschaft, Zuschauerschaft bestimmt, uns Europäern vom Chor der attischen Tragödie her nicht ganz unbekannt. Diese Götter sind nunmehr Chor im Drama, dessen Held und Heldentäter der Ewige Mensch ist. Diese Götter schauen und hören nicht ohne Teilnahme zu, was hienieden sich begibt in Magadhâ, was sich begibt im Udener Park, im Garten der Gotamiden, im Siebenmangohain, auf dem Hügel mit dem Vierblätterlaub, am Grabmal an der Sarandadâ, im Pâvâler Baumfrieden und ich weiß nicht wo sonst. Es schaut zu der tausendfache, fünftausendfache, hunderttausendfache Brahmâ, es schauen zu die zwölf Âdityas und die Dreiunddreißig, es schauen zu die Götter Lustig und Nicht-Lustig im Dämmerlicht, es schauen zu die Götter Sinnig im Dämmerlicht, und die Schattengötter. Es schauen zu die Säligen Götter, die Götter der unbeschränkten Freude und Jenseit der unbeschränkten Freude, die glänzenden Götter und die hellerglänzenden Götter, die leuchtenden, die strahlenden und die hellerstrahlenden Götter, die unermeßlich strahlenden und die strahlengewordenen Götter, die gewaltigen und die wonnigen Götter, die herrlichen und die erhabenen Götter... Und das ist die Katastrophe ohnegleichen, welche die Götter seit dem Auftritt Gotamos betroffen, daß sie von Szene und Orchestra hinaus auf die Sitze des Theaters gedrängt worden sind und nicht mehr selber spielen, nicht mehr selber ernsten. In einem erschreckend strengen Wortsinn war der Gott Mensch geworden: im vierten Weltalter erlöst der Mensch sich selber, indessen Gott von ferne zusieht, vielleicht nicht ohne eine Regung von Ergriffenheit in die Erinnerung ans dritte Weltalter brütend verloren, da Er einst Gott und Mensch zumal war...
Wo Gott geglaubt wird, sagte ich vorhin (und sprach dabei in der Sprache unserer westlichen Welthälfte), da sei auch Gott. Jesus, der Christus und Heiland dieser westlichen Welthälfte in ihrem nunmehr vielleicht abgelaufenen Weltalter, er sagte zu dem geheilten Samariter: Steh’ auf, geh’ hin! Dein Glaube hat dir geholfen! Der Glaube also, ihr Christen, hat hier geholfen, denn der Glaube schlägt vom Menschen zum Gott die Brücke und vom Gott zum Menschen, darauf beide in der Mitte hinüber-herüber sich begegnen und durcheinander hindurchgehen. Der Glaube zeuget als Mann Gott und gebiert als Weib Gott, und Gott spendet der Seele, woran sie darben muß, und so bedünkt den Gläubigen alles recht und gut. Es kann jedoch geschehen, ihr Christen, und wie vielmals ist es nicht bereits geschehen, daß der Mensch zwar glaubt und ‚reich ist in Gott‘, aber dennoch arm an der Tat, die einzig Not tut und einzig Not wendet. Es kann geschehen, und wie vielmals ist es nicht bereits geschehen, daß die Welt in die Vaterhände Gottes fromm gelegt ward, wo sie gar rund und schön und fertig ruht, aber das Werk, das unerläßliche, unterlassen bleibt und diese nach außen schön geballte Welt nach innen ungeformt bleibt. Es ist gewiß, daß der Glaube geholfen hat, hier und da, vor Zeiten und in der Gegenwart, und darüber ist dann freilich nichts weiter zu sagen. Es ist aber nicht weniger gewiß, daß der Glaube auch nicht geholfen hat, hier und da, vor Zeiten und in der Gegenwart, -- und offenbar, um nur eines anzuführen, ihr Christen, hat er dem Christ selber nicht geholfen, als er am Marterholz nach den Elohim schrie und der Sohn vom Vater sich verlassen und verraten fand. Der Christ selber hatte den Vater gerufen und der Vater hatte nicht gehört; der Christ hatte anderen geholfen, aber konnte sich selber nicht helfen. Was aber dann, wenn sich der Glaube selbst nicht hilft? Da möchte einer sein, der glaubt aus ganzem Herzen, Gott sei für ihn ans Kreuz gehangen worden, und er findet sich dabei getröstet und von der Welt frei. Indes ein anderer möchte sein, der sich desselben Glaubens rühmt, aber in bittere Betrübnis fällt ob des Gottes, der für ihn ans Kreuz gehangen ward, und er kann nicht erraten -- warum? Ein solcher spricht dann etwa zu sich (und seufzet dabei viel): Weshalb, mein Gott, mußte Gott am Kreuze sterben und weshalb mußte Er sterben -- für mich? Was taugt es meiner Schmerz- und Sehnsuchtseele, daß Gott am Kreuz gestorben ist? Was frommt mir Lebendem Gottes Tod, gesetzt, dies Leben bleibe doch bis ins Mark hinein ungöttlich oder widergöttlich? So haben die Christen, ihr Christen, viel hinüber und herüber und hinum und herum geglaubt, aber man könnte der Meinung sein, es sei wenig dabei herausgekommen, daran ein rechtschaffener Gott Seine rechtschaffene Freude haben möchte... Ihr Christen habt viel geglaubt, habt viel gehofft, habt viel sogar geliebt, wenn anders eueren Beteuerungen wohl zu trauen ist, -- denn wenigstens habt ihr vieles von der Liebe geschwatzt, das euch wie Speichel von den Lefzen einer alten Vettel geflossen ist und manchmal auch wie Rotz aus den Nüstern eines gelbsüchtigen Gaules... Aber wie schaut es bei euch aus, ihr Christen? Und Greuel über Greuel: wie schaut es in euch aus? Ist euer mildes Christenherz nicht eine Wolfsfalle für grobes Raubzeug geworden, -- und was wäre dem westlichen Menschen, der nun des Menschen Wolf kaltblütig und entschlossen geworden ist, nicht grobes Raubzeug? Ist dieses liebende Christenherz nicht eine Falle, vom Jäger arglistig bestreut mit dem grünen Laub des Glaubens, überblüht mit der braunen Knospe der Hoffnung, goldig und blau umlockt von der Rankenblume der Liebe? Wer aber dies euer leeres Herz betastete, verschlackt von der Feuerkohle ungeläuterten Liebens, zerfressen vom Rost zuchtlosen Hoffens, verdorrt in den Glutbränden und Blutbränden blindwütigen Glaubens, Anders-Glaubens, Aberglaubens, -- wie könnte er länger daran zweifeln, daß es eben der Glaube war, der euch nicht geholfen hat, ihr Christen! Nein, hier hat der Glaube nicht geholfen, und weniger noch hat er dort geholfen, wo heute die Besucher aller Kaffee-Häuser und die Gäste bei allen Fünf-Uhr-Tänzen nach dem Neuen Gott winseln und nach einem netten, runden Glauben an Gott. Dieses hündische Gott-Gewinsel, ihr Christen und Nichtmehr-Christen, dies ist fürwahr das Schändlichste gewesen, was ihr euch leisten konntet. In Kaffeehäusern und Nachtlokalen, in Spielhöllen und Bordellen, in Parteiversammlungen und Literatenzusammenkünften schrieet ihr euch die Hälse heiser nach dem Neuen Gott, damit er die Last des Verhängnisses von euch nähme, das ihr über euch gewälzt habt. Wie hungrige Ferkel nach den Zitzen des Mutterschweins schrieet und grunztet ihr nach Gott, damit ihr wie vormals in den Tag (und lieber noch in die Nacht) hinein leben könntet, als ob wenig oder nichts geschehen wäre... Nun ihr die Scham vor euch selber und die Ehrfurcht vor der Welt verloren hattet, die heilig über jede Heiligkeit hinaus ist, da schaltet ihr die Welt gottlos und euch selbst entgöttert. Ach, daß wir doch wieder glauben dürften, möchten, könnten! Ach, daß wir doch wieder in Kindereinfalt die Hände falten lernten und beten: „Lieber Gott, mach’ mich fromm, daß ich zu dir ins Himmelreich komm!“ Ach, daß wir doch wieder würden wie die Kinder, nachdem die Kinder, Gott sei’s geklagt, längst wie wir Erwachsenen geworden waren! Ach, daß wir doch auf allen Vieren füßelnd und etwas Wau! Wau! bellend ins Himmel-Bimmelreich der Nesthäkchen kriechen könnten! Ach, daß wir doch unsere Unschuld so frühzeitig und so gründlich einbüßen mußten und vermeinten, für unsere Schuld keine Buße tun zu müssen! Ach, daß die herrenlose Herde einmal wieder den Herrn verspürte und den Hirten oder zum wenigsten doch den Hund des Hirten! Ach, daß die Führerlosen ihren Führer fänden, die sich selbst nicht zu führen wissen, und alle Schwachen ihren starken Mann! Ach, daß der Herr-Gott doch über Böse und Gute wieder aufginge und insonderheit über die Zahlungunfähigen und Bankerotten, wie der keusche Mond aufgehet über die Gassen der Buhlerinnen und Huren! Ach, daß Gott den Unrat und Unflat von uns fegte, der uns mästete und von dem wir über die Maßen fett wurden!...
Euch allen aber, Christen wie Nicht-mehr-Christen, hat Gott nicht geholfen und wird Gott nicht helfen. Selber habt ihr euch alle nicht geholfen, wie hätte Gott da eingreifen sollen oder helfen wollen? Wer aber glaubt, der soll sich selber helfen, und wer nicht glaubt, der soll erst recht sich selber helfen: so spricht der Gott-Lose zu euch Christen und ist fürwahr der Frömmere von euch Christen. Alleinig trachtsam nach selbstretterischer Tat, wird er der Tat trächtig und wohl auch mächtig und lässet in höchster Ehrerbietung Gott Gott sein, der es wissen muß, was er tun und was er lassen will. Der Gott-Lose lässet Gott Gott sein, sag’ ich, und vollbringt ohne Gott, was dem Menschen not ist. Kann sein, daß er glaubt, kann sein, daß er nicht glaubt, -- beides verrückt ihm nicht die groben und die feinen Gewichte mehr. Er selber hebt die Gewichte; er selber hält den Berg Govardhana über die Welt, wie weiland Krischna der Heiland und Held über die Hirten seiner Heimat, als Indra der Zürnende in der Sintflut sie ersäufen wollte. Nicht ist er begierig und nicht ist er fähig, endgültig den Knoten der Welt zu entknoten, der Gott heißt; nicht gilt ihm der bloße Glaube mehr wie der Nicht-Glaube. Aber den Berg zu halten über die Welt, die unbeschirmte und unbeschützte, und mit dem Berg als Schild die Hagelschauer des Schicksals und die Sonnenstiche des Todes aufzufangen, des ist er begierig, des ist er fähig. Hier ist die Rose, hier tanzt er; hier ist seine Treue, die er eisern hält. Der rechte Gläubige aber, das mögt ihr vorgeblich Gläubigen und vergeblich Gläubigen euch noch gesagt sein lassen: der rechte Gläubige ist ein Meerwunder. Ich glaube nicht an seinen Glauben, er weise mir denn seinen Berg Govardhana, den er von seiner Stelle versetzte und aus seiner Wurzel hob...