Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen

Part 6

Chapter 63,365 wordsPublic domain

Mit einem erhabenen Freimut, der in unseren eigenen Heiligen Schriften nirgends seinesgleichen hat, offenbart gerade der Mythos diesen fragwürdigen Sachverhalt. Wo die Bhagavad-Gîtâ einen köstlichen Atemzug lang die exzentrische Stelle einzunehmen imstand ist, von welcher her der Mensch die Welt als göttliches Erlebnis seiner menschlichen Tat anpaßt, verfährt der Mythos umgekehrt sehr menschlich, indem er den Gott schonunglos just dort entblößt, wo diesem die Blöße am peinlichsten sein muß. Gegen Ende des Mythos nämlich hält Krischna-Wischnu seinen Reitvogel Greif vor der Burg des Himmels an, um dort gemäß der guten Sitte der Göttermutter Aditi seine Aufwartung zu machen. Bei diesem Empfang nun geschieht es, daß seltsame Worte von der Göttin zum Gott gesprochen werden, vorwurfsvolle und anklägerische Worte, die den Gott aufs äußerste belasten müssen, wenn anders er hinter ihre Höflichkeit zu horchen feinhörig genug ist, die auch hier eine indisch vollendete ist. „Du bist alle Götter“, mit dieser Gebetformel leitet auch Aditi ihre Ansprache huldigend ein, „du bist alle Götter, alle Genien und Menschen; du bist alle Tiere, Bäume und Gräser: alles Große, Mittlere und Kleine, alles Ungeheure und Winzige, alles Einfache und alles Zusammengesetzte. In Trug hüllst du die ein, die deine wahre Art nicht kennen, die Toren, wenn sie im Wesenlosen das Wesen suchen. Die Vorstellung ‚Ich bin‘ und ‚Das gehört mir‘ sind trügerischer Schein, den die Mutter des Wandeldaseins im Verein mit dir, o Herr, hervorbringt. Die tüchtig sind und dich verehren, gelangen über diesen Trug hinweg und finden Freiheit im Herzen. Brahmâ und alle Götter, Menschen und Tiere sind insgesamt einzeln in das dichte Dunkel des Wahns getaucht, in den Abgrund deiner Täuschungen. Daß einer, der dich verehrt, doch Wünsche hegt und am Leben hängt, auch das, o Herr, ist nur ein Trugbild, von dir geschaffen. Du spielst mit deinem Zauber und verführst die Menschen, daß sie, dich verehrend, Ruhm und Nachkommen und Vernichtung der Feinde begehren statt ewiger Erlösung. Es ist die Folge ihrer falschen Taten, daß Toren dich um solches anflehn, gleichwie als ob man, um seine Blöße zu bedecken, den Wunschbaum, der alles gewährt, um einen Fetzen Tuch anflehte! Sei gnädig, Unvergänglicher, du Urgrund des Irrtums, der die Welt einhüllt! Zerstöre den Trug, der sich aus der Wahrheit erhoben hat“...

Welch ein Gebet aber ist dies, ihr Christen, an dieser denkwürdigen Stelle von Aditi, der Mutter der zwölf Adityas, der Mutter aller Götter, zum Gott in höchster Person gesprochen; -- ein Gebet, wie es gleich erschütternd vielleicht nur einmal noch in den Heiligen Schriften Indiens emporstieg, und zwar in der Mahâbhâratam-Episode von Nala und Damayantî, wenn Damayantî, die Liebliche, zu den vier Himmlischen fleht, die alle die Gestalt ihres Geliebten Nala angenommen haben, um sie bei der Gattenwahl schmählich zu täuschen: die Götter möchten sie doch länger nicht mit Trug und List umgaukeln und ihr die Wahrheit offenbaren... Welch ein Gebet ist dies aus unerhörter Ratlosigkeit des Herzens und Gewissens, die sich getrieben fühlt, den Gott selber als Urheber jenes tiefsten Mangels anzuklagen, welcher recht eigentlich den Menschen zum Geschöpf des Elends stempelt: des Mangels an zuverlässigen Unterscheidung-Merkmalen zwischen Wissen und Nicht-Wissen, zwischen Wesen und Un-Wesen, zwischen Wahrheit und Wahn, -- des Mangels an einem runden Ja-oder-Nein, an einem klippen Entweder-Oder, an einem lauteren Icht oder Nicht! Welch ein Gebet zum ‚Urgrund des Irrtums‘, der von Aditi auf solch eigene Art gepriesen noch nach dem Wort des Mythos ‚fein lächelt‘ und fein lächelnd dankt! Welch ein Gebet des höchsten Gottes zu ihm selber, des All-Einen, All-Einzigen und Ein-und-Alles zu ihm selber, der diese Dreiwelt selber ist, aber eben darum das menschlich Unentbehrlichste stets schuldig bleibt, das zweifellösende, entscheidungfällende: ‚Wähle dieses und lasse jenes! Bevorzuge vor jenem dieses! Meide solches und vollbringe solches! Verwirf dies eine um des andern willen!‘ Welch ein zermalmendes Eingeständnis der grundsätzlichen Unverrückbarkeit der Grenzen Gottes und des Menschen, der ewigen Geschiedenheit ihrer Beschaffenheiten und Standorte, ihrer Gewichte und Maße, ihrer Wege und Ziele. Welch eine Waberlohe, an des eigenen Lebens, an des Eigenlebens Flamme himmelhoch entzündet, die unüberschreitbar Mensch wie Gott umlodert und umloht wie jenen alten Vorzeitkönig Mutsukundo in der Felsenhöhle, den Krischna der Gott selber nicht zu wecken wagen darf, will er nicht selber stracks zu Asche weiß verbrennen... Gott also ist es selber, der seinen Zauber lügnerisch spielen lässet den Menschen zur Verführung, daß sie törichtste Wünsche hegen und statt ewiger Erlösung entbehrlichste Güter erstreben. Gott selber umgaukelt frevlerisch den Sinn und umbuhlt die Sinne mit den Fratzen der Gestalt, um von den Dummen dort am ehesten ernst genommen zu werden, wo er am mutwilligsten spaßt. Gott selbst pflanzt dem Menschen die blinden Leidenschaften ein und zieht selbst seine Triebe ab von dem Ziele, was ihm hüben wie drüben zum Heil gereicht. Gott selbst flößt dem Menschen die Welt ein wie den Rauschtrank Soma und macht ihn auf den Beinen torkeln und im Haupte schwindlig, so daß er auf ebener Straße stolpert und über seine eigene Zunge stürzt. Gott selbst wertet alle Dinge gleichviel, und das heißt gleichwenig; -- gleichviel, und das heißt gleichwenig, gilt vor ihm der vedische Gesang und ein Gassenhauer. Gott selbst, der alles angleichende und ausgleichende, gleicht einem liebestollen Weibe, dem alle Männer recht sind und alles Mannes-Ähnliche am Weibe, wenn es nur Wollust schafft und dort am heftigsten kitzelt, wo die Wollust ihren Nerv hat. Zu allem aber, was du sagst und nicht sagst, o Aditi, lächelt der ewige Krischna mit jenem ewigen Zynismus, der unstreitig das göttlichste Vorrecht seiner Götterrechte je gewesen ist. Er lächelt fein zum Abschied, und unergründlich eher noch als fein, und küßt dir, menschkundigste Mutter du der Götter, zum Abschied deine liebe Hand und huldigt seinerseit auch dir, in jeder Geste _uomo galante_ und jeder Zoll ein _caballero_ (vergebens schau’ ich hier, ihr Deutschen, nach einem deutschen Worte aus): „Sei gnädig auch du, und gewähre mir deine Gunst“...

In dieser Ansprache, unsäglich zart die Andacht zum Gott fädelnd an die Anklage wider Gott, in ihr, wie glatt und anmutig sie auch dahinfließe, gärt und siedet dennoch eines der stärksten unterirdischen Beben, welche die Religiosität der indischen Menschheit je erschüttert haben. Noch ist Krischna Meister, Herr und Mahâdeva, noch ist er Gott aller Götter und Auge der Welt, noch ist er Eins-und-Alles und All-Eines, noch ist er Urselbst und Kern der drei Reiche. Aber schon meldet sich der bedürftige Mensch und mehr noch die menschliche Bedürftigkeit, welche beide der Gott, aller Allmacht unbeschadet, nicht zu stillen weiß. Hinter den vielkantig geschliffenen Worten dieser Andacht-Anklage geistert eine unausgesprochene und unaussprechliche Hinterwelt von schweren Zweifeln und Anfechtungen, wie hinter den Rautenflächen eines vielkantig geschliffenen Diamanten die Urfeuer der Tiefe sprühen. Denn je mehr Gott Er selber ist, desto weniger ist es ihm gegeben, die menschliche Bedrängnis wirklich zu teilen, und je weniger er diese teilt, desto weniger vermag er sie abzustellen. Der vollkommene Gott, vollkommen, weil nichts ihm gebricht und er an jeder Stelle dicht ist und stätig, rund und ausgefüllt, er gleicht fürwahr dem ewigen Sphairos jenes griechischen Xenophanes: wie sollte er da der unvollkommenen Menschlichkeit ‚in ihres dritten, zweiten, ersten Viertels bedauerlicher Schwindung‘ innewerden, -- wie sollte er gewahren, was diesem armen Menschen taugt und frommt. Aus Laune, Zufall, Spielerfreude oder aus Gott weiß für Gründen oder Ungründen schuf der vollkommene Gott diese Welt; aber diese Welt geriet ihm leider minder vollkommen, als er selbst, der Gott, vollkommen ist, und so leidet der Mensch, auf unvollkommener Welt der unvollkommene Nächste seines Gottes, schwer unter der Unvollkommenheit der Welt und am schwersten unter der Unvollkommenheit des Menschen. Die Gürtel, Zonen und Striche dieser Welt füllt Gott mit seinem Atem, aber des Menschen Atem bläst unendlich schwächer als der Atem Gottes, und so bläst er schnell sich leer, und leer geblasen deucht ihn seine Umwelt. Gewiß ist da verkündigt und gewiesen: wer den Erkenntnis-Vertiefungs-Pfad eifrig und treu bis ans Ende wandelt, dem winkt Vergottung, und gleicherweis wer den Verehrung-Andachts-Pfad eifrig und treu bis ans Ende wandelt, dem winkt Vergottung. Wer Brahman-Âtman durchaus kennt und erkennt, wird Brahman-Âtman; wer Brahmâ-Wischnu-Schiva von ganzem Herzen verehrt und liebt, wird Brahmâ-Wischnu-Schiva. Aber das ist es ja eben, daß weder das Brahman jenseit aller Maske und Gestalt noch die heilige Trimûrti oder Gottdreigestalt einen Finger rühren oder auch nur eines Fingers Glied, damit der Gottsucher an seinem Ziel anlange. Das Brahman zu wissen, das ewige Es und Überstaltige, dies ruht ausschließlich auf dem Menschen, der des Brahmans bedürftig ist, nicht aber umgekehrt das Brahman des Menschen, -- und genau so ruht es auf dem Menschen, den höchsten Brahmâ und Brahmâs Trimûrti, das ewige Du aller Götter und in der Eigenschaft des Du der Eingestaltig-Vielgestaltige, in Liebe zu umfangen: _qui deum amat conari non potest, ut deus ipsum contra amet..._ Nicht zieht Gott den Menschen zu sich, und noch viel weniger zieht Gott den Menschen an, vielmehr ziehet der Mensch Gott an, wie es in den paulinischen Schriften auch geschrieben steht, -- der Mensch ist’s, der da in Gott einzugehen, in Gott aufzugehen, in Gott unterzugehen trachtet, aber mit seinem armsäligen Tröpflein den vollen Krug Gottes nimmer überfließen macht. Was also ist es zuletzt, das Heil erwirkt und befördert? Die menschliche Tat ist es, menschlich getätigt und getan, heiße die Tat Wissen oder Liebe, Erkenntnis oder Andacht, Ehrfurcht oder Vertiefung, ja heiße sie Tat selber oder auch Werk. Wer diesen Sachverhalt in seiner Strenge erfährt und erfaßt, wer sich mit allen seinen Seelenkräften mit ihm durchdringt, wer sich mit allen seinen Seelenkräften zu ihm durchringt: der bringt als Protestant den unausgetragenen Widerstreit im Mythos Krischnas klar und bewußt zum Austrag und das Zeitalter einer rein katholischen oder gemischt katholisch-protestantischen Religiosität zum einstweiligen Abschluß. Als Täter der Heilstat löst er den Gott ab, der dem Menschen dauernd das Eine schuldig bleibt, was einzig Not wendet: jene ‚ewige Erlösung‘, um welche die Himmelskönigin und Weltmutter Aditi den blonden Gott vergeblich anfleht. So löst der Mensch Gotamo, gezeugt vom Fürsten Suddhodano, das ist verdeutscht der ‚saubere Milchreis(-Spender)‘, und empfangen von der Fürstin Mâyâ, geboren zu Kapilavatthu auf der königlichen Burg und als Krieger, nicht als Priester auferzogen, -- so löst der Mensch Gotamo den Gottmenschen Krischna auf dem Weltenschauplatz ab, und mit ihm gleichsam der Mensch überhaupt den Gott überhaupt. Und die indische Seele, die wahrhaft allwissend alles weiß, allahnend alles ahnt, allfühlend alles fühlt, was Gott und Götter betrifft oder betreffen könnte, vergegenwärtigt sich auch diesen entwicklunggeschichtlichen, gestaltwandlerischen Sachverhalt auf eine eindruckvolle Weise. Im Wischnu-Mythos nämlich verkörpert sich Wischnu im ersten Weltalter viermal in gewissermaßen organisch aufsteigender Lebensform als Fisch und Schildkröte, als Eber und Mensch-Löwe, um jedesmal die Welt von einer dämonischen Plage oder Zwingherrschaft zu befreien; im zweiten Weltalter einmal als Zwerg; im dritten Weltalter zweimal als Krischna und Râma; im vierten Weltalter aber wiederum einmal als Buddho, ehe er im fünften und eisernen Weltalter, abermals im Tier verleiblicht, als das weiße Pferd Kalki die Welt vernichtet und verjüngt und aller Dinge Wiederherstellung vollbringt: ein Mythos von so unausdenklichen Adspekten auf den Wechsel von Weltzeitaltern und Wiederkunftkreisläufen hin, daß ihn bis heute noch keine Konzeption westlicher Wissenschaft genügend deuten könnte. Auf Krischna-Râma die Gottmenschen folgt Buddho der Mensch als Vorsteher seiner Zeit und als Verrichter dessen, was bisher Gott verrichtet oder auch nicht verrichtet hat, -- dies ist die mythische Umschreibung des historischen Tatbestandes, daß mit Gotamo Buddho der Protestant in Erscheinung trat! (Denn für den indischen Geist gibt es eben historische Tatbestände nur in mythisch-mythologischer Umschreibung und Umdeutung). Mit Gotamo Buddho ist der Protestant als solcher, der Protestant schlechthin in die geschichtliche Erscheinung getreten, zunächst für das mittlere und nördliche Indien. Dann für das indische Festland und Inselland, dann für Südasien, Mittelasien, Ostasien, und am Ende, wer kann es heute wissen, für diese ganze runde Erdenmenschenwelt, die gegenwärtig mehr, als sie selber ahnt und ahnen kann, mit ihrem inneren Gehör nach Magadhâ hinhorcht und dem vernehmlich durch die Jahrtausende hindonnernden Löwenrufe lauscht...

Enthülsen wir dieses aber, ihr westlichen Protestanten, als den überwestlichen, aber wesentlichen Kern des Protestantismus, sofern er in die kosmischen Ordnungen hineingehört, daß nämlich der Mensch, eben durch seine Menschlichkeit zur Tat getrieben, wo sich der Gott keinerlei Tat bedürftig fühlt, -- daß der Mensch eine Melodie in diesem unendlichen Orchester spiele, wenn der Gott gewissermaßen eine Pause macht: alsdann verschiebt der Protestantismus alle Gewichte des religiösen Interesses selbsttätig zugunsten des Menschen. Alsdann leuchtet ein verborgener (und bisher mit einer gewissen Geflissentlichkeit verborgen gehaltener) Zusammenhang auf zwischen Protestantismus und Atheismus; alsdann ist der Protestant kraft seines Protestantismus in irgendwelcher Rücksicht ein Atheist, Atheismus schlecht und recht für Gott-Losigkeit, Gott-Ledigkeit, Gott-Entbehrlichkeit genommen. Diese Gott-Losigkeit, Gott-Ledigkeit, Gott-Entbehrlichkeit ist sozusagen auf der linearen Verlängerung des Protestantismus gelegen, wenngleich auch vermutlich auf einer Verlängerung, die in keinem Endpunkt ihr Ende und Ziel findet, sondern fort und fort ins Unendliche läuft und darin verlaufen muß: weil ja die Vorstellung des verneinten Gottes menschliche Denkkraft offenbar nicht weniger übersteigt und überflügelt wie die Vorstellung des bejahten Gottes. Ändern doch Vorzeichen in dieser Beziehung an den Begriffen nichts und können nichts ändern, und kaum dürfte das Minus-Unendlich minder unendlich sein wie das Plus-Unendlich, o unendlich-ewiges Geheimnis!... So aber ist von vornherein zu erwarten, Buddho der Protestant, in der Zeitreihe indischer Weltalter der Erbe, Vollstrecker und Nachfolger des Gottmenschen Krischna, er werde sich in dieser oder in jener Bezugnahme als Buddho der Atheist erweisen, -- Buddho der Atheist freilich in einem Denk- und Sprachsinn, wie er dem Abendländer bislang kaum zugänglich und jedenfalls alles andere als geläufig gewesen ist. Waren wir Abendländer doch, um der Wahrheit nicht ins Gesicht hineinzulügen, der Regel nach Atheisten aus Frechheit oder Flachheit oder Unfähigkeit oder Überheblichkeit, selten nur aus Ehrfurcht, und bis auf verschwindende (aber doch nicht verschwundene) Ausnahmen niemals in den Jahrtausenden seit den Griechen aus Frömmigkeit und Göttlichkeit. Wo wir die Götter leugneten, da leugneten wir in der übergroßen Mehrzahl der Fälle auch die göttliche Bindung und Treue (_religio_); da leugneten wir mit furchtbarem Erfolg unser eigenes besseres Leben und besseres Bewußtsein mitsamt seinen Niederlagen und Siegen. Nur einmal vielleicht vernahm ich ein Gebet von einem Gottlosen unserer späten Zeit, das die Gebete aller Gläubigen an Innigkeit und wahrer Liebe zu Gott ganz unermeßlich übertroffen hat: „... Nicht wahr, du bist doch nicht? Du würdest nicht so müßig sein mit Allmacht? Du würdest ruhen nimmer wie ein träger Faulpelz, der’s nüchtern ansieht, wie die Untat herrscht? Wie Niedrigkeit erhöht steht, und was hoch ist, niedrig? Du würdest deine Arme nicht so lässig kreuzen, als ginge dich das Weltall, dein Geschöpf, nichts an? Du bist doch nicht, nicht wahr?... Auf, auf, du Gott, der nicht besteht, hilf mir!“... Gottlos und ehrfurchtvoll, gottlos und gläubig, gottlos und fromm, gottlos und heilig, gottlos und göttlich, das in der Tat reimt sich europäischen Ohren, den mit soviel Schmalz und Schmutz und Kot und Seim verklebten, so schlecht wie nur immer möglich, und wer auf diesem Reim zu dichten wagte, dem antwortete entrüstet jedermann: Hab’ ich recht gehört?... Als Sklaven einer unduldsamen Vernunft und engstirnigen Weisheit erblickten wir schlechten Europäer ein herrisches Entweder-Oder, wo die duldsame Vernunft Asiens und die weitstirnige Weisheit des Asiaten ein Sowohl-Als-Auch vernimmt und wahrnimmt mit noch so mancherlei Zwischentönen. Wer Atheist war in unseren mehr mäßigen als gemäßigten Breiten, der strich gar zu gern wie der entlassene Schulmeister im Grünen Heinrich landauf und -ab durch Berg und Tal und lehrte und überredete und beschwor und verkündigte und beschrie als ein echter Schulmeister: Gott ist tot! Und noch Zarathustra, der Gepriesene und Hochpreisliche, glich er fürwahr in diesem Betracht nicht allzusehr noch einem Schulmeister? Wo aber Gott noch ein weniges lebte und heimlich mit den Gliedern zappelte und leisen Atems röchelte, vielleicht von gefährlicher Ohnmacht schon umnachtet, da schlug ihn der Atheist flugs vollends tot und warf ihn ins Dickicht und erregte allenthalben Ärgernis gegen sich, daß er einen Schlafenden zu Tod schlug: Weh’, Macbeth mordete den Schlaf, den heiligen Schlaf!... Denn wie gesagt, wir sind allzu steil auf Nein und Ja gestellt, wir Abendländer. Wir wandeln auf einer Brücke von Rasierklingenschärfe über den offenen Abgründen des Lebens und mehr noch des Todes dahin, und stoßen gnadenlos in den Abgrund, was auf der schmalen Schärfe zwischen Nein und Ja ausruhen will. Und wer da sein Haar um ein Tausendteil einer Haaresbreite dünner oder dicker spaltet wie wir selber und um diese tausendstel Haaresbreite von uns abzuweichen sich gedreistet, den bellen wir hart an mit unseren wütendsten Worten und erdolchen ihn stracks mit unseren giftigsten Blicken: Pack’ dich, Hund, und scher’ dich dem Teufel zu, von welchem du herkamst! Was hab’ ich mit dir zu schaffen? _Apage Satanas! Anathema sis!..._ Also wandeln wir zwischen Ja und Nein auf der Brücke von Rasiermesserschärfe und fluchen lästerlich jedem Begegnenden, dieweil uns der Raum fehlt, um freundlich zur Seite zu weichen. Und jeder Begegnende ist unser besonderer Feind und jeder Erwidernde unser besonderer Widersacher, und unser Leben gleicht einem fort- und fortgesetzten Zweikampf, dessen grausamer Ausfall von Tag zu Tag aufs neue heißt: Du -- oder Ich. Ich -- oder Du...

Gotamo jedoch, der Protestant des südöstlichen Festlandes Indien, er wandelt nicht zwischen Ja und Nein. Er wandelt, auch hier durchaus Erbe und Rechtsnachfolger Krischnas, wie es in der Bhagavad-Gîtâ wörtlich heißt: „über die Paare hinausgegangen oder der Gegen- und Widersätze ledig: _dvantvâtîta, nirdvandva_“... Vor die Frage des Du-oder-Ich, will meinen Gott-oder-Mensch gestellt, würde Gotamo uns mutmaßlich desselbigen Lächelns gar fein zulächeln, mit welchem Gott Krischna, der Blondlockige, der Göttermutter Aditi zuzulächeln geruhte. Denn dieses weiß Gotamo besser als irgend ein Sterblicher und Unsterblicher der östlichen oder westlichen Halbkugel, daß Gott und Göttern nichts so verhaßt ist als zwischen die Schere allzumenschlichen Ja-oder-Neins geklemmt und von ihr entzweigeschnitten zu werden. Wo Gott geglaubt wird, dieses hat wohl Gotamo der Protestant, Gotamo der Atheist tiefer und gewisser erfahren als alle Protestanten und alle Atheisten vor, neben oder nach ihm, da ist Gott auch und da gibt es Gott. Die Frage ist nicht, ob es Gott gäbe oder nicht gäbe, die Frage ist, ob Gott geglaubt oder nicht geglaubt wird. Gott aber, ihr Christen, und dies sei uns das ewig christliche und das überchristliche Faktum aller Religion überhaupt, Gott selber wird ewig sowohl geglaubt wie nicht geglaubt und so ist Gott selbst darum ewig und ist ewig nicht, -- dies sei uns schlechthin die Gewißheit in Ansehung Gottes, in Ansehung der Götter. Dies sei uns die vornehmste und unumstößliche und ‚unpaarige‘ Gewißheit jenseit von Ja und Nein, oder strenger und richtiger noch diesseit von beidem und in diesem Diesseit gegensatzentrückt, _dvantvâtîta, nirdvandva_... Wo Gott also geglaubt wird, da ist auch Gott; wo Gott nicht geglaubt wird, ist Gott nicht. Umsonst sucht daher, wer in den Heiligen Schriften des Pâli-Kanons ein glattes, rundes Urteil sucht, ob es Gott gäbe oder nicht gäbe. Just dieses Ur-Teil deucht einen Weisen wie Gotamo, einen Erwachten wie Gotamo -- „‚der Erwachte, o Keniyo, sagst du?‘ ‚Der Erwachte, o Selo, sag’ ich‘... Da gedachte nun Selo der Priester: ‚Das ist ein Wort, das man gar selten vernimmt in der Welt, der Erwachte!‘“ -- just dieses Ur-Teil, sag’ ich, deucht einen ‚Buddho‘ also wie Gotamo allzusehr ein Nur-Teil, um das Ganze zu umspannen.

In der Neunzigsten Rede zwar aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo frägt der König Pasenadi von Kosalo den Erhabenen geradezu: „Wie aber, o Herr, gibt es Götter?...“ Die Antwort jedoch ist eine Gegenfrage: „Warum denn, großer König, sprichst du also: ‚Wie aber, o Herr, gibt es Götter?‘“ ... Diese Gegenfrage und ihren tiefsten Sinn würde kein westlicher Mensch verstanden haben und vielleicht kann sie auch heute noch kein westlicher Mensch verstehen, denn der Westen hat bisher von der Entscheidung über diese Frage alles abhängig gemacht, nicht allein die Religion, vielmehr jedes höhere Leben des Geistes und der Seele, das aus Religion hervorblüht. Er sagte sich: Wenn schon Gott nicht ist, dann will ich ein Vieh, ein Tiger, ein Haifisch, ein Werwolf, ein Ungeheuer sein, -- dann will ich bei Gott diese ganze Welt mit meinen Zähnen zerreißen und mit meinem Maul verschlingen... Der Buddho aber wirft diese selbe Frage wie einen ihm zugeworfenen Ball anmutig auf den Fragenden zurück und spielt gleichsam ein weniges mit ihr, weil er sie in ihrer Bedeutunglosigkeit durchschaut hat. Ob Götter, ob keine Götter: ihm liegt es unter allen Umständen ob, die Welt zu retten und zu tun, was Gott nicht tun kann. Der leichte Spott, die leise Ungeduld, die aus der Gegenfrage an den König etwa herauszulesen wäre, hat nichts anderes zu besagen als: Sprechen wir von wesentlichen Dingen, o König, und schweifen nicht zu unwesentlichen ab...