Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 5
Noch hat es aber damit für den Aufmerkenden eine andere Bewandtnis. Die abendländische Vernunft, Jahrtausende um dieses Rätsels Enträtselung sich befleißigend, sie hat sich bekanntermaßen zu ihrem eigenen Gebrauch etliche Hand- und Fußschellen angelegt, oder richtiger eigentlich Haupt- und Geistschellen, die sie an jeder freieren Beweglichkeit behindern müssen. Mit diesen Haupt- und Geistschellen fesselte die Vernunft des Abendlandes sich selber und nannte ihre Fesseln die Grundsätze der Logik, als da ist die Grundregel von der sogenannten Identität, Einerleiheit oder Dieselbigkeit, wonach jeder Denkinhalt mit sich selber einerlei, und zwar lediglich mit sich selber einerlei sei; -- die Grundregel ferner vom Widerspruch, wonach von zwei einander ausschließend widersprechenden Urteilen nur eins wahr sein könne. Der Grundsatz von der Einerleiheit und der Grundsatz vom Widerspruch, das war der Bleikiel, der die schwanke Jacht des europäischen Denkens vor dem Kentern wahren sollte, wenn sie auslief. Denn offenbar erschien sich dieses Denken selber mit allzuwenig Gewicht beschwert, um die Gefahr des Kippens und Kenterns nicht vor allen Gefahren zu fürchten. Was nun allerdings die zweite dieser Vernunftregeln betrifft, die angeblich zeitlos gültig und allgemein sind, so kann es dem halbwegs vorurteilfreien Beobachter der europäischen Wissenschaften auf die Dauer ganz unmöglich ein Geheimnis bleiben, daß sämtliche Systeme der großen Dialektik den Satz vom Widerspruch entweder ausdrücklich mit Worten oder aber tatsächlich außer Kraft gesetzt haben. Von Herakleitos dem Hellen bis auf Nietzsche und von dem Stagiriten bis auf Kant, Hegel, Marx ist die abendländische Philosophie zuletzt nichts anderes gewesen als das mit mehr oder minder tauglichen Mitteln unternommene Wagnis, wenigstens diese hinderlichste aller Fesseln einer unbefangenen Erkenntnis zu sprengen: mit immer größerer Rücksichtlosigkeit ward der Vernunftwiderspruch, die Kontradiktion und Kontraposition, die Antithesis und Antinomie wie ein Sporn in die Flanke der Welt gebohrt, der sie vorwärts zu rasender Bewegung stachelt. In ihrer sogenannten Logik scheint mithin die Abendlandwissenschaft den Satz vom Widerspruch nur aufgestellt zu haben, damit sie ihn in ihrer sogenannten Dialektik wieder aufzuheben vermöchte, und gleichsam um sich für diese freche Verwegenheit selbst zu strafen, hat dann die Vernunft des _homo europaeus_ an dem anderen Grundsatz von der Dieselbigkeit und Einerleiheit mit desto strengerer Treue festgehalten. Jedweder Denkinhalt ist mit sich selber einerlei und lediglich mit sich selber, so urteilt die westländische Vernunft in der unerschütterlichen Überzeugung, hier als ‚Vernunft überhaupt‘ zu urteilen, -- und noch hat sich keine Dialektik und noch nicht einmal eine Sophistik erdreistet, das Zeichen der Frage auch hinter diese Denkfessel und Denkhemmung zu setzen. Jeder Denkinhalt ist mit sich selber einerlei, urteilt nun freilich auch die Vernunft jener indischen Rasse, welcher wir Veda, Upanischaden und die großen Epen zu danken haben, -- aber der Denkinhalt Gott, fügt dieselbe Vernunft eilends berichtigend hinzu (und eilends beschwichtigend), der Denkinhalt Gott ist einerlei mit sich selber und zugleich einerlei mit allen Denkinhalten und Weltinhalten sonst. Gott ist er selber, und hinsichtlich dieser Unumstößlichkeit bleibt der Satz von der Identität durchaus gültig. Aber Gott ist außerdem alles, was ist und doch nicht Gott ist, und hinsichtlich dieser Unumstößlichkeit gilt der Satz von der Identität für Gott nicht. Alles was ist und Gott nicht ist, ist letzthin doch Gott, ist letzthin doch Gott-Selbst; Gott als dem Urselbst ist es gemäß, Er-selbst und Es-selbst zu sein und daneben noch sämtliche Wesenheiten und Dinge, benennbare und unbenennbare, wahrnehmbare und unwahrnehmbare. Gott ist es gemäß, sich in das Doppel- und Wider-Sein des Ich-Nichtich zu spalten und jedwede Gestalt des Leibes, jedwede Gestalt des Geistes gütig anzunehmen und alle aneinander zu reihen, ohne sich mit einer einzelnen Gestalt der Reihe oder auch mit allen zusammen seinem Begriff nach zu decken. Gott ist Gott und Gott ist nicht Gott und Nicht-Gott, beides auf seine göttliche Weise. Gott ist Gott, aber Gott ist auch Ich-Nichtich, Gott ist auch Subjekt-Objekt, Gott ist auch Puruscha und Prakriti, Gott ist auch ‚Feldkenner‘ und ‚Feld‘, Gott ist auch Prajâpati und Mahâmâyâ, Gott ist auch Sein und Nicht-Sein, Gott ist auch die fünf Elemente und die Qualitäten, Gott ist auch das Wesen und die Wesen zumal. Wohl sagt Gott: Ich bin Ich. Aber Gott sagt imgleichen: Ich bin Du und Du bist Ich, und Ich bin Es und Es ist Ich. In der Kauschîtaki-Upanischad wird der abgeschiedenen Seele die nie zu vergessende Antwort, das nie zu vergessende Urwort gleichsam als Lösewort in den Mund gelegt, wenn ihr der Himmelspförtner Mond die Frage aller Fragen vorlegt: Wer bist Du? -- Du bin Ich! Mit diesem ‚Du bin Ich‘ kann die abgeschiedene Seele in den Himmel eingehn, von welchem sie herkommt, und mit dieser Antwort ist Indiens unsterbliche Seele wahrlich in den Himmel eingegangen. Du bin Ich, Mond bin Ich, Himmelspförtner bin Ich, alle Himmel selber bin Ich und aller Dinge Himmel und Überhimmel. Also vollendet sich die indische Schauung der Identität, indem sie alle Identitäten sprengt; also erfüllt die indische Selbst- und Gotterfahrung den Satz von der Einerleiheit und Dieselbigkeit, indem sie ihn aufhebt. Alles Seiende ist eins mit sich und eins mit allem anderen Seienden: Nichts ist eins mit sich allein und Nichts ist nicht eins mit allem anderen. Und nicht empedokleisch, ihr Christen, dürfen wir dies verstehen, als ob der indische Mahâdeva zu sich selber spräche: Einst war Ich Knabe und Mädchen und Busch und Vogel und flutenttauchender stummer Fisch. Sondern vedisch und upanischadisch und episch sollen wir es verstehen: Stets bin Ich Knabe und Mädchen und Busch und Vogel und flutenttauchender stummer Fisch: stets bin Ich alles, was ist und nicht ist zumal und jetzt und immerdar, und nicht etwa nach der Reihe im Nacheinander der Zeit. Dieweil der indische Gott Er selber und darüber hinaus das ist, was nicht Er selber ist, erweist er sich in der Sprache der Vernunft als einerlei und vielerlei in einem, als dieselbig und unterschieden in einem. Seine Identität aber beruht darauf, daß in bezug auf ihn alles die eigene Identität verliert, um die Identität Gottes zu gewinnen, die offenbar höher und tiefer ist als alle Vernunft. Daß ein Denkinhalt er selber ist und zugleich noch anderer, -- das ist mithin in Rücksicht auf Gott die indische Fassung des Grundsatzes von der Einerleiheit und Dieselbigkeit, auf das Bedeutsamste unsere abendländische Fassung ergänzend und vervollständigend, aufhebend und überwindend.
Und dennoch ist diese tiefste und fruchtbarste aller Paradoxien, Paralogien irgendwie eingedrungen auch in unsere westliche Welt, wenn nicht in die Wissenschaften und wenn nicht in die Religionen, so doch wenigstens in unsere Märchen, und zwar am duftigsten, ahnungreichsten, erinnerndsten, ihr Deutschen, in unser deutsches Märchen. Im deutschen Märchen, welches sich selbstherrlich seine eigenen Gesetze und seine eigene Vernunft zu schaffen wußte, im deutschen Märchen säuselt und wispert ein Hauch dieses indisch-unnennbaren Fühlens und hebt sehnsüchtig an zu singen und zu klingen, wie eine Quelle in der Nacht zu singen und zu klingen anhebt, da untertags der Tag dem Tag allein Gehör gab. Erinnerungen, köstliche und nie versiegte sind es, wenn beispielweise in den Volksmärchen des Musäus der Berg- und Erdgeist Rübezahl brahmanisch hinüber- und herüberwechselt in Gestalt und Person eines Riesen, eines Köhlers, eines Ritters, eines Handwerksburschen, eines Prinzen, eines Ratsherrn, und sich bald wischnuhaft als Erhalter und Beschützer, bald schivahaft als Verderber und Zerstörer kundgibt. Und lebhaftere, stärker glühende Erinnerungen an Indien sind es, vielfach schon am Bewußtsein der eigenen Sehnsucht bewußtgenährt und gekräftigt, wenn etwa in Hoffmanns romantisch-klassischem Kunst- und Künstlermärchen vom Goldenen Topf der Geheime Archivarius Lindhorst gar wundersam proteisch behaust ist in seinem Bücher- und Handschriftenzimmer zu Dresden, jetzt Archivarius und Beamter in Königlich Sächsischen Diensten, jetzt Element, jetzt Feuergeist, jetzt Geisterfürst, jetzt Salamander, jetzt Feuerlilienbusch, jetzt brennender Arrak; wenn ferner (und wer weiß wie ferne schon?) dieses Gemaches azurne Schimmerwände von goldenen Pilastern brauner Palmbaumschäfte edel aufgeteilt erscheinen, die Blattrippen aber der Palmbaumkronen sich zur runden Kuppel wölben aus Smaragd und Schaft wie Blatt und Krone in einem sanften Mittagwind sich wiegen; wenn unter dieser Kuppel dann von Smaragd Student Anselmus manch magisch Pergament mit Fleiß kopieret (als welches Lindhorst in Gestalt von Blättersprossen aus dem Schaft der Palmen zog), um sich das Schlänglein Serpentina, des Salamanders Tochter, durch peinlichst saubere, peinlichst genaue Nach- und Abschrift der unleserlichen Hieroglyphe ‚Schöpfung‘ gleichsam zu erschreiben... Wenn irgendwo, so steigt es hier, ihr Abendländer, wahrhaftig in uns Abendländern purpurn auf mit einer Melodie, die Herz und Seele wie eine Traube herbstlich schwellen macht vom Saft des eigenen Bluts: Kennst du das Land?...
Als Krischna der Hirtenjüngling, als Krischna der Held, als Krischna der Wohl- und Wundertäter abenteuert also, verstehen wir endlich diesen Sachverhalt in seiner unermessenen Wichtigkeit richtig, der ewige Gott Wischnu in der Welt umher, -- gleichsam einem tiefsinnigen Wort zur vollkommenen Erläuterung, welches Hegel zur Kennzeichnung des indischen Geistes nutzte: „Es ist Gott im Taumel seines Träumens, was wir hier vorgestellt sehen.“ Es ist Gott im Taumel seines Träumens, ihr Christen, der hier als Krischna-Wischnu gottmenschlich die Welt durchstreift. Und eben weil dieses sich so verhält, wird nicht nur jedes Abenteuer des Helden Krischna zugleich als Heilswerk und Heilstat Gottes selbst gewerkt, sondern muß außerdem auch von der nachträglichen Betrachtung in solcher Doppelsinnigkeit durchaus gewürdigt werden. Unmöglich zu sagen, ob der Mensch als Mensch oder ob der Gott als Gott Urheber dieser Werke und Vollbringer dieser Taten sei. Entscheiden wir uns für Gott, so ist es Gott doch nur in der Gestalt des Hirtenjünglings Krischna, welchem kraft dieser angenommenen Gestalt des Menschlichen nichts fremd geblieben ist. Entscheiden wir uns aber für den Menschen, so ist es der Hirtenjüngling Krischna nur im Vollbesitz der göttlich in ihm angehäuften, angestauten Weltenkräfte, der soviel Wunderbares tut. Darin besteht eben nach indischem Erleben das Mysterium der Gottmenschheit, daß es in keinem Augenblick gottmenschlichen Daseins möglich ist, den Nachdruck allein aufs Göttliche oder allein aufs Menschliche zu legen: Gott ist Mensch, und Mensch ist Gott auf Grund einer nichtidentischen Identität beider, indes der abendländische Mythos den Heiland Mensch geworden sein läßt vermöge einer mehr wie fragwürdigen geschichtlichen und einmaligen Vaterschaft des Heiligen Geistes, der gewissermaßen in Stellvertretung des Jahve-Hypsistos den Schoß der Jungfrau Maria in übergeschlechtlicher Begattung schwängert. Derart ist Jesus bei Lebzeiten eigentlich nur Mensch, Gott aber wesentlich nur vor der Empfängnis im Fleische der Mutter Maria und abermals nach seiner Himmelfahrt, wohingegen Krischna just bei Lebzeiten und während des irdischen Wandels Gott ist. Mangels einer zureichenden Metaphysik bleibt Jesus im Weltbild des Abendländers eine einmalige Ausnahme-Erscheinung der Zeit, die wenigstens für den verständigen Christen etwas Anstößiges, ja Unheimliches nie ganz abzustreifen vermag: jedoch in Indien kann sich der Vorgang Krischnas unendlich und grundsätzlich wiederholen und hat sich wirklich auch wiederholt. In unterschiedlosem Durchdrungensein ist Krischna durchaus Mensch und durchaus Gott, dieweil es Gottes tiefste und höchste Eigenheit bedeutet, Er selbst und ein anderer zumal zu sein. Ob er aber für den Zuschauer von außen im Augenblick mehr dieser oder im Augenblick mehr jener sei, das hängt vom Zuschauer ab und des Zuschauers Stellungnahme, -- das hängt von des Zuschauers Kraft der Zusammensichtung ab und von seiner Gabe der Ineinanderschau. In der religiösen Geographie und Kosmographie jedenfalls bedeutet Krischna die Mittaglinie oder den Gleicher, wo die Weltkugelhälfte Gott mit der Weltkugelhälfte Mensch in ihrem größten Kreis Berührung und Gemeinsamkeit findet, also daß eine bessere Ausgleichung zwischen Gott und Mensch schlechterdings nicht mehr vorstellbar ist. Dieser Mythos gibt mit unübertrefflicher Gerechtigkeit Gott, was Gottes ist, und dem Menschen, was des Menschen ist. Und wenn jemals auf dieser Erde die katholischen und die protestantischen Grundmächte der Religion in ihrer _balance of power_ verharren, so geschieht es hier im Indien des epischen Weltalters und jener epischen Weltfrömmigkeit, von der uns die Bhagavad-Gîtâ eine Probe kosten läßt. Wäre ein menschlicher Zustand denkbar, in welchem alle geistleiblichen Spannungen gelöst erscheinen und wo kein innerlich-äußerliches Gefälle mehr zu bemerken ist, dann wäre kein Absehn, warum mindestens die führenden Religionen des Südostens diesen in seiner Art vollkommenen Urstand erworbenen Gleichgewichts der beiden Hauptgewichte des religiösen Daseins hätten aus freier Entschließung je preisgeben sollen. Gesetzt, ein solch vollkommener Urstand wäre auf die Dauer möglich oder könnte selber Dauer werden, -- der Mythos vom Gottmenschen Krischna wäre als höchstgültige, ja endgültige Stufe menschlicher _religio_ überhaupt zu werten, als schlechthin reifste Kristallisation religiöser Lebens- und Seelenmächte: ein für allemal dadurch ausgezeichnet, daß er katholische und protestantische Strebungen noch auf ganz andere Weise miteinander zu versöhnen weiß als der Mythos vom Christus. In diesem Fall verkörperte der Mythos vom Krischna die Religion als solche, die einzige, die uns Menschen völlig gemäß wäre und frömmstes Hingegebensein an Gott mit innigstem Hingegebensein an den Menschen für immer verschmölze zu einer Formung, Bindung und Verpflichtung ohne Vorgang und Vergleich. Hier gattete sich höchstes Schöpferglück über ein welthaft irdisches Gestalten ohne Maß und Schranke mit tiefster Erlöserlust an weltlich-irdischer Entstaltung und Verlöschung. Hier brauchte sich nicht länger schmerzlich mehr der Gott des Menschen oder der Mensch des Gottes zu schämen und einer den anderen dreimal verleugnen, ehe daß es Tag wird...
Inzwischen gibt es nirgendwo ein Leben, seines Namens würdig, das auf die Dauer ohne Unterschiede der inneren und äußeren Spannung, des leiblichen und seelischen Gefälles bestehen könnte. Nirgendwo gibt es ein solches Leben, weder im Umkreis des bloß gelebten, recht eigentlich noch pflanzenhaft-tierhaften Lebens, noch im Umkreis des schon vollbringenden und wirkenden, recht eigentlich menschlichen Lebens, -- so wenig wie es eine Musik aus lauter Pausen gibt. Wer näher an den Krischna-Mythos herantritt und die Goldworte dieses himmelschönen Gedichtes auf der Goldwage des Geistes prüfend wägt, der gewahrt denn auch bald in ihm die Kräfte schon heimlich am Werk, welche die Gewichte früher oder später nach der einen, nach der anderen Richtung hin verschieben müssen. Es mag vielleicht der seltensten, reichsten, reinsten Ahnung da oder dort enttagen, daß Gott und Mensch, Wesen und Wirklichkeit, Selbst und Dasein in Wahrheit Eins-und-Alles sind. Derartiger Ahnung mag es in gnädiger Geberstunde wohl enttagen, daß Gottes Urselbst gewissermaßen drei Gürtel, drei Zonen, drei Lagen mit sich selber fülle: nämlich die Zone der gestaltlosen Gottheit oder auch die Brahman-Âtman-Zone; die Zone ferner der gestalthaften Götter oder auch die Brahmâ-Wischnu-Schiva-Zone oder schlechtweg die Krischna-Zone; die Zone endlich der Weltwirklichkeit-Menschwirklichkeit oder auch die Prakriti-Zone, das ist die Zone der natürlichen Schöpfung oder _natura naturata_. Diese drei Zonen, Gürtel oder Lagen des Seins, sag’ ich, fülle das göttliche Urselbst mit seines Urselbstes Götterkräften, und daß sich dieses also verhält, werde der Erkenntnis in Offenbarungstunden offenbar. Ob aber indes Gottes Urselbst auch diese Lagen der Dreiwelt zu seinem Teil stätig fülle, wie etwa ein und derselbe Wind das Segel der oberen, das Segel der mittleren, das Segel der unteren Ra füllt, -- der Mensch ist zu seinem Teil doch zu wenig Gott, um die Dreiwelt gleichmäßig und stätig zu seinem Teil zu füllen. Sicherlich! Für Gott und von Gott her schließen sich mitnichten aus: Krischna das ewige Selbst der Welt, Krischna-Brahmâ Krischna-Wischnu Krischna-Schiva jenseit hiesiger Menschenwelt, und Krischna der blonde Hirtenjüngling auf den Gefilden der Yamunâ. Für Gott und von Gott her schließen sich diese drei nicht aus und vielleicht auch nicht für den Brahman-Kenner und vom Brahman-Kenner her, wenn sich auch freilich hier schon Schwierigkeit auf Schwierigkeit türmt. Jedoch der tätige Erdensohn, der es im Wissen allein und ununterbrochen nicht aushält, ja der nicht einmal als Brahman-Kenner und -erkenner den Zustand Brahman-Âtman dauernd aushält: er drängt zu eindeutiger Entscheidung, welch einer der Dreiwelten Gottes er sich nun seinerseit heilstätig und werksälig zu widmen habe. Zwar gibt es der Zugänge zu dieser ummauerten Feste der göttlichen Dreiwelt gleichfalls drei, sämtliche ins Herz der Feste führend. Zum Âtman-Brahman führt der Erkenntnis-Vertiefungs-Pfad empor oder sonst _jñâna-mârga_ geheißen; zum Brahmâ-Wischnu-Schiva-Krischna führt der Verehrung-Andacht-Pfad empor, sonst etwa Minne-Liebes-Pfad oder _bhakti-mârga_ geheißen; und wo Gott nicht ist, vielmehr Prakriti die Natur alleinig waltet und neben, außer, mit ihr vielleicht Puruscha, der Geist, das Ich noch, da führt am ehesten der Taten-Werke-Pfad zum Heil, sonst wohl auch _karma-mârga_ geheißen. Von diesen drei Pfaden bewirkt nun freilich jeder einzelne auf völlig gleiche Weise das, was Not tut und Not wendet, und kein Suchender geht fehl, der einen von ihnen auswählt und diesem in Treuen folgt. Aber das ist es ja eben, daß von diesen dreien ein einziger erwählt sein muß, da unmöglich alle drei von ein und demselben Menschen zugleich: mit einiger Hoffnung auf Erfolg nicht einmal nacheinander beschritten werden können. Keineswegs gedeiht ja jedes Wesen in jeglicher Umwelt; keineswegs bewegt sich ja dasselbe Lebendige im Wasser, auf der Erde, in der Luft mit ähnlicher Leichtigkeit und Behendigkeit; keineswegs wohnt ja ein und derselbe Mensch in jedem Gürtel der göttlichen Dreiwelt mit demselben Behagen, mit derselben Angemessenheit. Die Bhagavad-Gîtâ zwar, ihr Christen, sie finden wir mit übermenschlicher Gerechtigkeit beflissen, allen drei Pfaden die nämliche Wahrheit, Zuverlässigkeit, Richtigkeit zuzugestehen, und wenig indische Fragen haben der europäischen Gelehrsamkeit so viel fruchtlos scharfsinniges Kopfzerbrechen verursacht wie diese großmütige Unbefangenheit, mit welcher hier das Geheimnis menschlicher Erlösung _sub specie_ Gottes und göttlicher Allgerechtigkeit durchaus erörtert und gewiesen wird. Nur dürfen wir nie vergessen, daß hier Gott Krischna von seinem göttlichen Adspekt aus spricht, und wem würde es entgehen, wie unermeßlich hoch und fern dies göttlich Lied über das Menschengehör Arjunas hinaustönt! In unausschöpflicher Symbolik ist es gerade hier der Gott, der Erkenntnis-Vertiefung, Verehrungs-Andacht, Taten-Werke gleichmäßig gelten läßt, indes schon Arjuna dies übermäßige Gleich-Maß Gottes nicht fassen und noch weniger zum Muster nehmen kann und kann, -- und dieser sehr fromme Prinz Arjuna ist doch wahrhaftig nicht jeder Beliebige, wahrhaft noch nicht ‚Mensch schlecht-weg‘ oder ‚Mensch schlecht-hin‘... Wie wahr und richtig, -- der Herr der drei Reiche wählet nicht: denn seiner sind ja die drei Reiche! Wie wahr und richtig, -- vor Gott ist alles gleich, denn schon wofern es ‚ist‘, wird es von Gott mit gleicher Kraft gesetzt, mit gleicher Kraft erhalten! Aber den Menschen schielt alles aus einer Ecken an und wird darum schief und verkürzt sich und verwinkelt sich, -- ewig bleibt dem Menschen die Welt als Gleichung unausrechenbar mit ihrer Einen und Ewigen Unbekannten. So hat denn in der Folge geschichtlich die Religion des Vedânta die Heilsübung Erkenntnis-Vertiefung vorwiegend geübt und die Heilsübung Verehrung-Andacht oder Taten-Werke vernachlässigt. So hat die Religion der Bhagavatas die Heilsübung Verehrung-Andacht oder Minne-Liebe vorzüglich geübt und die Heilsübung Erkenntnis-Vertiefung und Taten-Werke vernachlässigt. So hat die Religion des Sânkhyam die Heilsübung Taten-Werke mit Vorliebe geübt und die Heilsübung Andacht-Verehrung und Erkenntnis-Vertiefung vernachlässigt. Was hilft es uns Heils-Wählern und Heils-Wägern also, das göttliche Urselbst der Welt Krischna als den Herrn der drei Reiche zu preisen, indes wir uns gezwungen sehen, die eindeutige Auswahl unter den drei Reichen ohne Schwanken zu treffen? Was hilft uns der göttliche Adspekt des göttlichen Lieds, indes wir sehr menschlich eins dem andern vorzuziehen haben und eins vor dem andern zu bewerten, indes wir die Rangordnung zu wahren, die Gewichte zu verteilen, das Wichtigere hervorzuheben und auszuzeichnen, die Stelle zu beziffern, die Stufe zu zählen, das Wahre vom Falschen zu sondern und die Gewißheit vom Wahn, das Seiende am Nicht-Seienden zu prüfen und den Schein vom Wesen abzuschäumen haben, und dies alles, wir mögen uns drehn und wenden wie wir wollen, so menschlich als irgend nur möglich? Was nützt und hilft es uns Heils-Wählern und Heils-Wägern, Krischna das hohe Selbst der Welt als Wissen zu verehren, wenn sich das Wissen sofort im Geist dem Nicht-Wissen paart und widerpaart; -- was nützt und hilft es, Krischna als die Wahrheit anzubeten und zu verkünden: Gott ist die Wahrheit, wenn sich der Wahrheit unverzüglich im Geist die Täuschung zugesellt und widergesellt: also daß Krischna der Gott Wissen und Nicht-Wissen, Wahrheit und Irrtum zumal ist! Dem Diener Gottes obliegt es, zwischen diesen leidigen Gegenwelten genau zu scheiden und was der Gott göttlich zusammensichtet, menschlich zu entzweien. Krischna, ja Krischna ist alles. Aber welcher Mensch wäre Krischna und welcher Mensch wäre -- alles? Im Ozean von Krischnas Dreiwelt treibt der Mensch als Wrack und sucht mühsälig ein Steuer, um etwas wie einen Kurs einzuschlagen und eine Richtung zu halten auf seiner Fahrt, die wahrlich nicht gefahrlos ist...