Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen

Part 27

Chapter 272,993 wordsPublic domain

Natürlich kann und darf man nun nicht behaupten, daß diese gestalthaft besonderte und ausgeformte Wirklichkeit für Gotamo und den gotamidischen Menschen nicht vorhanden wäre. Auch der östliche Mensch, das versteht sich, schafft sich seine Welt und seine Wirklichkeit ihm zum Bilde, wenn er auch in der Ausformung und Aufteilung dieser Welt, in ihrer Zerlegung und Zerfällung nicht annähernd so weit gegangen ist wie der wissenschaftlich verfahrende Europäer. Im Unterschied zu diesem betrachtet er jedoch diese instinktiv betriebene Vermenschlichung der Welt keinen Augenblick als Endgültigkeit, und zwar eben darum nicht, weil sie der Welt sein menschheitlich geprägtes Selbst zugrunde legt: denn just dieses menschheitlich geprägte Selbst betrachtet er keinen Augenblick lang als Endgültigkeit. Vielmehr wertet er es kühl und besonnen, wie etwa ein scharfer Denker eine wohlgelungene Gleichnisrede bewertet, von der er nur allzu gut weiß, daß sie das Unsägliche zwar immerhin in einer gewissen Sinnfälligkeit verdeutlicht, -- verdeutlicht aber eben doch nur in der Weise einer Gleichnisrede. Allzu treuherzig, allzu leichtgläubig nimmt dagegen der Abendländer sein eigenes Selbst für bare Münze, mit welcher er alle großen und kleinen Forderungen der Welt begleichen zu können wähnt, indes der Buddho, längst nicht mehr treuherzig und noch weniger leichtgläubig, die mehr wie fragwürdige Beschaffenheit auch dieses Selbstes durchschaut hat: er ahnt ein rätselhaftes Sinnbild, wo sich der Abendländer kindisch an die sogenannte Wahrheit klammert. Die Annahme, diese durchgängig menschheitlich gebildete Wirklichkeit, welche den Kosmos als den Makranthropos, Megistanthropos, den Anthropos und Autos zuletzt aber als den Mikrokosmos begreiflich zu machen glaubt, sie könnte die Wirklichkeit schlechthin oder die einzig ‚wahre‘ Wirklichkeit sein, -- diese Annahme hätte der Buddho schwerlich für glaubwürdiger erachtet, als wenn zum Beispiel aus der Schar der Wesenheiten ein Wurzelfüßer, eine Koralle, ein Ringelwurm, eine Schnecke, eine Wespe, ein Sperling vor ihn hingetreten wären mit der geflissentlichen Beteuerung: Diese meine Wurzelfüßerwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Diese meine Korallenwelt, diese meine Ringelwurmwelt, diese meine Schneckenwelt, diese meine Wespenwelt, diese meine Sperlingwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Wähne doch ja nicht, Herr, daß es da neben oder außer oder über oder unter oder zwischen dieser jeweiligen Welt noch eine andere Welt gäbe, etwa eine sogenannte Menschenwelt, oder gar, verzeih’ uns! eine gotamidische Welt, von der wir wahrlich weder etwas zu ertasten noch zu erriechen, zu erschmecken, zu erspähen vermögen!... Ich meine, das Lächeln ist zu erraten, mit welchem der Buddho diesen vielerlei Wesenheiten ihr ungebärdiges Drängeln, ihr unvernünftiges Schwören, ihr lästerliches Pressen beantwortet hätte. Ein begütigendes, ja ein überredendes Lächeln, welches am Ende die klügsten dieser unduldsamen Geschöpfe zu der neuen Einsicht geführt haben möchte, daß ihre jeweilige Welt, eben weil ihre, nur ihre Welt, nun und nimmer mit der Welt überhaupt dem Umfang und Inhalt nach sich decken könne. Und vielleicht, wer weiß, hätte sich der Buddho sogar noch zu der Erläuterung herbeigelassen: Ein jegliches von euch guten Wesen schuf sich seine Welt nach Maßgabe und Bedarf seiner eigenen Gestalt. Wie aber die Gestalt von euch Wurzelfüßern, Korallen, Ringelwürmern, Schnecken, Wespen, Sperlingen sowohl im einzelnen wie der ganzen Gattung nach vergänglich ist, so ist auch euere ganze Welt vergänglich. Unvergänglich, unsterblich, ewig aber ist allein, was nicht und nirgendwo Gestalt annahm nach euerer Gestalt, und darum nirgends auch Gestalt verlieren kann, ihr Wesen... „Weiter sodann, Ânando: nach völliger Überwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem Gedanken ‚Nichts ist da‘ das Reich des Nichtdaseins. Und was dabei noch fühlbar, wahrnehmbar, unterscheidbar, bewußtbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu ewiger Artung hin: ‚Das ist die Ruhe, das ist das Ziel: dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung‘“...

Es gibt also eine Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen, diesseit und jenseit aller Besonderungen, diesseit und jenseit aller Gestaltungen, diesseit und jenseit aller Mannigfaltigkeiten. Es gibt eine Welt, von keinem Begriff zu umspannen und von keinem Wort zu treffen, und dennoch eine unumstößliche Gewißheit. So sicher wie es über der Wurzelfüßerwelt eine Korallenwelt gibt, über der Korallenwelt eine Ringelwürmerwelt, über der Ringelwürmerwelt eine Schneckenwelt, über der Schneckenwelt eine Wespenwelt, über der Wespenwelt eine Sperlingwelt, über der Sperlingwelt eine Menschenwelt, so sicher gibt es über der Menschenwelt eine solche, die überhaupt nicht mehr dieser oder jener Art von Lebewesen und ihren leiblich-geistigen Erkenntnismitteln entspricht: ein Welt-Sein nicht für diese oder jene Wesen, sondern ein Welt-Sein schlechtweg, ein Welt-Sein an und für sich, -- ein Welt-Sein mithin, wie es in ihren lichtesten Augenblicken sogar die europäische Philosophie geahnt hat. Von dieser Welt als ‚Ding an sich‘, die von keinem irgendwie beschaffenen Wissen erreicht wird und erreicht werden kann, weil es ein Wissen in unserm menschheitlichen Sinn nur dort gibt, wo unterschieden und besondert und gestaltet und vermannigfacht wird, -- von dieser Welt ist dennoch eine Kunde zu dem Buddho hingedrungen. Es ist eine Kunde zu ihm gedrungen in Form einer schwer erkämpften, schwerer noch bewahrten Seelenverfassung, die eben als solche nicht mehr dieser, sondern jener Wirklichkeit entspricht: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel; dieses Aufgehen aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung...“ Denn in der Tat gesetzt den Fall, diese Allerwelts-Wirklichkeit unserer menschheitlichen Sinneswahrnehmungen entstehe gerade dadurch, daß wir ihr unser vorgefundenes Selbst irgendwie als ihr Vorbild, Urbild, Musterbild zu beliebiger Vervielfältigung unterstellen, -- müßte es denn nicht in genialischer Umkehrung dieses Sachverhaltes grundsätzlich möglich sein, durch planmäßig betriebenen Abbau dieses Selbstes auch die ihm angepaßte, ihm entsprechende Wirklichkeit abzubauen? Dies muß möglich sein und dies ist möglich. Denn just dieser Abbau des Selbstes gelangt zum Vollzug, wenn der Buddho auch das Selbst der Grundformel seiner Heilslehre unterwirft: ‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht!‘ Auch Ich selbst gehöre Mir nicht, auch Ich selbst bin nur eine veränderliche Gestalt, ein gleitendes Werden unter veränderlichen Gestalten und unter gleitendem Werden. Auch Ich selbst habe weder Bestand noch Dauer; auch mein Selbst durchläuft nur die Grade der Wirklichkeit vom Nullwert bis zu einem bestimmten Höchstwert und von diesem Höchstwert wieder zum Nullwert...

Dennoch ist es aber eben dieses Selbst, ich sagte es schon mehrmals, welches sich gleichsam quer wie eine starke Schwelle vor die Welt des Abendländers legt und nichts in das Erlebnis dringen läßt, was nicht irgendwie diesem Selbst gleich oder ähnlich ist: das _individuum_, von sich und seiner Erstgültigkeit, Letztgültigkeit ein für allemal durchdrungen, stimmt seinen gesamten aufnehmenden und empfangenden Apparat wiederum nur auf das _individuum_ ab und baut sich auf diese Weise seinen Kosmos, der zuletzt nichts anders ist als das, was nach dem Dafürhalten Platons das vollkommene Staatswesen sein sollte und sein wollte, -- nämlich der Mensch im Großen und Größesten, der Makranthropos, der Megistanthropos!... Nun wohl! Setzen wir jetzt einmal, dem Vorgang des Buddho folgend, den Wert dieser Schwelle gleichsam zum Versuch soweit herab, daß er sich der Null annähert: sind wir alsdann in diesem Fall unserer ganzen Voraussetzung gemäß nicht zu der Erwartung berechtigt, wenn nicht sogar verpflichtet, daß diesem veränderten Schwellenwert ein verändertes Erleben von Wirklichkeit und Welt wechselbezüglich entsprechen wird? Dürfen wir jetzt nicht mit Recht und Fug erwarten, daß über diese nunmehr beinah’ eingeebnete Schwelle ausgeformter Eigenheit, Einzelnheit und Besonderheit das Erlebnis einer zwar unausgeformten und darum auch unausdenklichen und unaussprechlichen, dennoch aber bestehenden Weltwirklichkeit auf wunderbare Art vorgelassen, zugelassen wird? Dies nun freilich keineswegs so, als ob diese Gegenwelt zu unserer Welt, unseren Erkenntnismitteln als solchen unzugänglich, trotzdem nachträglicherweis und hinten herum von unserem Verstand noch etwa auf frischer Tat zu ertappen wäre: als ob man doch irgendwie durch allerlei Künste der Verdrehung diese verborgene Welt auf Einen Nenner mit unserer offenbaren Welt zu bringen vermöchte. Davon ist keine Rede. In keinem Augenblick verfällt der Buddho auf den plumpen Irrtum der europäischen, insonderheit aber deutschen Philosophie nach Kant, die sich in totgeborenen Versuchen erschöpft, das verbotene Ding an sich einer Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen doch noch heimlich auszukunden. Mit solchen Bemühungen einer sich in lächerlichen Graden selbst mißverstehenden Wissenschaftlichkeit hat der Buddho im mindesten nichts zu schaffen. Die vollkommen unverbrüchliche, niemals zu entsiegelnde Unerkennbarkeit dieser uns nun einmal abgekehrten Seite der Welt gilt gleichmäßig für die wissenschaftliche Neugier der Philosophen und Kosmologen wie für die nicht mehr wissenschaftliche, aber desto unbezähmtere Neugier der Theosophen und Okkultisten, und sie wird mit solcher Strenge geachtet, daß man umsonst im ganzen Pâli-Kanon nach einem Ausdruck fahnden würde, der diese Gegenwelt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen auch nur durch Verneinungen zu bezeichnen bestimmt wäre. Denn was das gotamidische _nibbânam_ oder _nirvânam_ betrifft, mit welchem wir neuzeitlichen Europäer denselben taktlosen Unfug, um nicht zu sagen dieselbe schamlose Unzucht getrieben haben wie mit dem Tao des großen Lao-Tse, dieses _nibbânam_ oder _nirvânam_ heißt ja doch, entsinnen wir uns, nichts anderes als Wunschversiegung, Wunscherlöschung, Wunschverwindung. Alles, was wir demnach von dieser Gegenwelt wissen können, beschränkt sich auf einen selbsttätig erzeugten Zustand und Urstand des Gemütes und schließt jedes Urteil, jedes Bild, jede Vorstellung von der Wirklichkeit aus, die diesem Zustand oder Urstand entsprechen mag. Was von jener entformten und entstalteten Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen etwa als Ahnung in die Seele des entselbsteten Menschen dringt, das wäre höchstens jenem zarten, falben, feierlichen Abglanz zu vergleichen, der auch in mondlosen Nächten als schwer bestimmbarer Lichtschein von unbekannten Lichtursprüngen, unbenannten Lichtquellen her durch unser irdisches Geräume träuft und flutet...

Dieser gotamidisch entselbstete, gotamidisch enteignete Mensch, soviel mag uns am Ende sacht umschreibend zu sagen vergönnt sein, weilt fortab in einer entselbsteten und enteigneten Wirklichkeit, wo mindestens er selbst keinen Anspruch mehr erhebt auf den Besitz eines lebendigen Wesens oder eines toten Dinges: wo mindestens er selbst nie mehr die Hand legt auf irgend jemanden oder irgend etwas, um es zu seinem Eigentum zu machen. Mit seiner unvergeßlich einprägsamen Formel ‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht, Ich selber gehöre Mir nicht, das All und Alles gehört Mir nicht‘, -- mit dieser ewigen Formel eines allgemeinen Freispruchs, Losspruchs, Ledigspruchs streicht der Buddho aus dem Schatz unserer Sprache jedes besitzanzeigende Für-Wort und Wort: streicht er über das Wort hinaus jede Tat der Aneignung und Besitzergreifung aus der Vollzahl aller Taten. Mit diesem Handgriff, diesem Geistgriff von beispielloser Entschiedenheit versetzt sich der Buddho mitten hinein in eine vorher nie auch nur geträumte Wirklichkeit, wo jeder Titel des Besitzes selbst im geläutertsten Sprachverstand erloschen und jede Gebärde der Besitzergreifung verboten ist: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel! Das ist die Wendung, Auflösung, Erlöschung.“ An diese ganze hochgebäumte Menschenwelt und Menschenumwelt legt der Buddho seine Axt, indem er einen unübertrefflich genauen und nervigen Hieb durch die Wurzel führt, aus welcher die erstickende Wucherung aller irdischen Individuation und Spezifikation als Geiltrieb in das Kraut schießt. Denn Wille zur Besitzergreifung und Aneignung, Wille zum Nießbrauch und folglich auch zum Mißbrauch fremden Seins und fremden Wesens heißt die Wurzel dieser Menschenwelt: die Axt aber, die sie mitten auseinanderschneidet, ist die erlangte Einsicht, daß jegliches Verhältnis und Verhalten, durch welches ein Wirkliches Hand auf ein Wirkliches legt, zuletzt auf eine Täuschung, auf einen Irrtum hinauslaufen müsse. Ich selber gehöre ja Mir nicht, -- wie sollte oder könnte da Mir anderes gehören? Ich selber gehöre Mir nicht, oder in der Sprache unseres westlichen Evangeliums, welches hier in gewissem Sinn seinen eigenen Voraussetzungen vorübergehend untreu zu werden scheint: Unser keiner lebt ihm selber! Mir selber gehöre Ich nicht, oder abermals in der Sprache dieses Evangeliums: Unser keiner stirbt ihm selber! Wahrhaftig, wer diesen Sachverhalt mit dem Geist erfaßt und mit der Seele angenommen hat, er heiße Jesus oder Gotamo, der Gesalbte oder der Erwachte: wie sollte der noch nach Besitz von Wirklichkeit gieren?

Von Haus aus gipfelt freilich alles Menschendichten und -trachten wesentlich darin, diese nun einmal angetretene Welt tunlichst mit Wirklichkeiten vollzustopfen, etwa wie ein wohlhabender Mann seine Wohnung tunlichst mit Geräten vollstopft, und diese planmäßige Vermehrung von Wirklichkeiten pflegt im weitesten Ausmaß als Vermehrung des Besitzes empfunden zu werden. In einem höchst eindeutigen, ja einsilbigen Wortverstand ist für uns alle das Gesetz der größten Zahl bestimmend: je mehr Wirklichkeit, desto besser für uns, die wir wirklich sind! Wie der Bauer einen unersättlichen Hunger nach Land verspürt, so hungert uns alle ganz unersättlich nach Wirklichkeiten gleichviel welcher Art, und es verdient bemerkt zu werden, daß wir diesen Hunger als die _sacra auri fames_ schon frühzeitig heilig gesprochen haben. Vermehrte Nachkommenschaft, vermehrte Bevölkerungdichte, vermehrte Arbeitleistung, vermehrte Gütererzeugnis, vermehrte Betriebsmittel, vermehrter Umsatz, vermehrter Verkehr, vermehrter Wissensstoff, vermehrte Weltgeltung, vermehrte Bedürfnisse, vermehrte Beeindruckbarkeit, vermehrte Reizquellen, vermehrte Lustgefühle, -- all das bedeutet grundsätzlich eine unendliche Steigerung dessen, was der Einzelne möglicherweis sich aneignen kann. Je zahlreicher die Wirklichkeiten, desto häufiger und mannigfaltiger die Gelegenheit, von ihnen her Wirkungen zu empfangen, auf sie Wirkungen zu übertragen und schließlich in beiderlei Geschehen die eigene Wirklichkeit zu bereichern. Jede neue Wirklichkeit, sei sie nun ein Gefühlsreiz, eine Erfindung, ein Kunstwerk, eine Gründung, eine Heilquelle, ein Weltbegriff, kann von jedem Mitglied der menschlichen Gesellschaft besessen und eben dadurch dem Zweck von dessen Selbstverwirklichung dienstbar gemacht werden: wird doch sogar das geliebte Weib vom Mann geliebt, damit er ‚von ihr Besitz ergreife‘, -- will doch sogar die Liebe selbst (nach einer großen Aufrichtigkeit der Sprache) besitzen, was sie liebt, und im Besitz der Liebe Wirklichkeit genießen... Womöglich einmal aber in den Besitz aller Wirklichkeiten überhaupt zu gelangen und ihr Inhaber, ihr Herr, ihr Gott zu sein, womöglich einmal alle Wirklichkeit wie ein Weib zu umfangen, -- das ist der brünstige Traum, der vielleicht jeden einmal in einer schwachen oder starken Stunde anfällt. Denn wer mehr besitzt, der ist mehr; wer mehr ist, der ist auch mehr wert, -- diese ebenso naive wie zynische Schätzung, welche ganz unbedenklich Rang und Wert der Wesen nach ihrer Fähigkeit zur Aneignung und Besitzergreifung bemißt, entbehrt trotz aller Einwände, die wider sie erhoben werden können und müssen, dennoch von dieser gewohnheitmäßigen Einstellung her auf die Wirklichkeit nicht einer höheren Berechtigung. An Wirklichkeiten und durch Wirklichkeiten sich staffelweis selbst empor zu erwirklichen: das ist bewußt oder unbewußt das Ziel unbefangener Menschlichkeit. Das ist insonderheit das Ziel, dem unser heutiges Europäertum mitsamt seinen kolonialen Abkömmlingen mit Ausschließlichkeit zustrebt...

Diesem Ziel aller Ziele nun stellt der Buddho Gotamo gleichsam seine reine Umkehrung entgegen, -- und dies ist wohl die weltgeschichtlich entscheidendste Leistung dieses stärksten Exponenten des indischen Kontinents! Was nach der Lehre Gotamos nottut, ist eben nicht diese Erwirklichung des eigenen Selbstes an den Wirklichkeiten der Welt neben und außer ihm. Was hier nottut, ist vielmehr ganz im Gegenteil die Entwirklichung aller Wirklichkeiten auf Grund einer zuerst zu vollziehenden Selbstentwirklichung. Und zwar hat diese notwendige Entwirklichung ganz schlicht zu geschehen durch die Besinnung auf eben jenen Sachverhalt, welchen der Buddho in die Mitte seiner Lehre rückt: Besitz von Dingen, Besitz von Wesenheiten, Besitz von Wirklichkeiten ist unmöglich, -- wo er aber möglich scheint, äfft uns ein ungeheuerer Irrtum. Noch eh’ wir uns dazu überredet haben, dies oder jenes zu besitzen, ward es uns auch schon aus der vollen Hand gerissen, und unverlierbar ist allein die Gewißheit, daß dem so ist, und also auch die Folge, die wir dieser Gewißheit geben. Diese Welt, von welcher der Europäer überzeugt ist, daß er sie beherrsche, und nicht allein beherrsche, sondern ganz und gar besitze, diese Welt ist in Wahrheit Niemandens Welt, am wenigsten aber die Welt des Menschen. Eine Niemands-Welt, eine Niemands-Wirklichkeit ist es, die wir arme Narren in verzeihlich-unverzeihlicher Selbsttäuschung die unsrige zu nennen pflegen, und erst jenes gotamidische ‚_N’etam mama_‘ ist es, welches wie ein Donnerkeil die Nebel dieser Selbsttäuschung zerstreut und zerteilt. Als Niemandens-Welt, die Mir nicht gehört und nicht gehören kann, als Niemandens-Wirklichkeit, die Mir nicht gehört und nicht gehören kann, entweltet der Buddho diese Welt und entwirklicht er diese Wirklichkeit. Denn was wir Welt heißen und was Wirklichkeit, ist eben nur die Gesamtheit alles dessen, von dem wir wähnen, daß es als möglicher Besitz von uns besessen, als möglicher Besitz von uns angeeignet, als möglicher Besitz von uns verbraucht werden könne, -- das Verbum ‚besitzen‘ heißt bekanntlich im älterem Deutsch ‚vermögen‘. Wer uns diese Möglichkeit nimmt, der nimmt gewissermaßen auch den Dingen und Erscheinungen um uns her ihre Wirklichkeit, wofern diese Wirklichkeit eben nur der Ausdruck ist für die besitzergreifende Beziehung von uns zu allen Dingen und Erscheinungen. Und das ist wohl der letzte, das der tiefste Sinn dieser vielleicht hier allzuoft benutzten, hoffentlich aber darum doch noch nicht abgenutzten Formel ‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht‘, -- wofern durch sie der Buddho vollkommen deutlich macht, daß es ein Verhältnis des Besitzes zwischen Mensch und Welt nicht gibt, leitet er damit gleichzeitig eine Entwirklichung größten Stiles dieser nie und nimmer zu besitzenden Welt ein! Denn was auch immer wir als Wirklichkeit erleben und als Wirklichkeit setzen, das erleben oder setzen wir im Interesse etwaniger Besitzergreifung als wirklich: indes uns alles zu fernster Unwirklichkeit verdämmert und verdampft, was ein Interesse künftiger Besitzergreifung grundsätzlich nicht zuläßt. Die scheinbar so unerschüttert wirkliche, unverwüstlich wirkliche Welt entwirklicht sich demnach in dem Augenblick, wo sie in des Wortes höchster und tiefster Bedeutung enteignet wird. Diesen paradoxen Zusammenhang von Wirklichkeit und möglicher Besitzergreifung, möglicher Aneignung dürfte von sämtlichen Menschen der Buddho zuerst durchschaut und zuerst -- zerschnitten haben. Wer an die Welt der Dinge, bedeutet der Buddho uns, nicht mehr mit irgendeinem offenkundigen oder versteckten Anspruch des Besitzes herantritt, der erlebt sie auf eine andere Weise wie vorher. Was ihm vorher Wirklichkeit zu sein deuchte, das erscheint ihm jetzt gleichsam als Bild, und was er vorher rund als Körper sah, enttieft sich ihm nunmehr gleichsam zur Fläche. In unbeabsichtigter, aber darum nicht weniger eindrucksvoller Symbolik hat die buddhistische Plastik diesen Tatbestand auf ihre Art dargestellt, wenn sie den vielgestaltigen Schildereien des Menschenlebens, mit welchen sie verschwenderisch die Tempelwände des Boro-Budur schmückt, dennoch in keinem Fall die Tiefe der vollen Körperhaftigkeit zugesteht, sondern ihnen die aufgehöhte Fläche des Reliefs alleinig vorbehält: wogegen rund, körperlich, allseitig im Raum nur der Buddho selber thront, -- freilich abseit vom eigentlichen Leben und seiner hinreißenden Bilderflucht, vollkommen aus- und abgeschieden in der Einsamkeit seiner ihm geweihten Nischen: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel“...