Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen

Part 26

Chapter 262,674 wordsPublic domain

Denn vergessen wir, ihr Christen, vor allen Dingen dieses eine nicht, daß der Europäer der heutigen Zeitläufte, längst ehe er zum Biotiker wurde, er Energetiker gewesen war. Energetiker zwar nicht etwa im Sinn einer besonderen physikalischen Auffassung und Deutung, sondern Energetiker ganz unmittelbar in der Betätigung seiner schaffenden und gestaltenden Kräfte. Aus dieser sehr beachtenswerten Ursache heraus kann er gar nicht umhin, sich nun auch die Tatsache des Lebens selber energetisch zurechtzulegen. Auch das Leben, ja das Leben erst recht offenbart sich ihm als ein energetisches Geschehen, als ein Umsatz von Energie in Energie, und der Lebendigste ist ihm ganz ohne Zweifel der, welcher den ‚größten Umsatz‘ hat. Wer da die meiste Arbeitfähigkeit und Arbeitkraft entwickelt, wer sich mit Energie am unerschöpflichsten geladen zeigt, ist der Lebendigste von allen und als Lebendigster ohne Frage auch der Wirklichste. Unter allen anderen, die gleichzeitig mit ihm leben und mit ihm wirken, hat er am unwiderleglichsten zu Allem recht: erlaubt ist, was da lebt, verboten nur der Tod. So lädt sich denn jeder Einzelne mit einer Menge von Lebenskräften, das ist Arbeitkräften, welche genügen würden, ihn selber samt der Hälfte der Welt in die Luft zu sprengen. Und Gott weiß, ihr Christen, die Luft um uns herum zittert von den Stößen der Sprengungen, die sich ringsherum alle Augenblicke ereignen: irgendwer, irgendwas fliegt in jedem Zeitteil dieser vorgerückten Zeigerstellung in die Luft... Der Einzelmensch ist nur mehr eine Zusammenballung und Zusammenkernung von positiven Kräften, die ihre Umgebung negativ laden und mit furchtbarer Gewalt von sich abstoßen. Eine unheimliche Spannung zwischen den einzelnen Lebensträgern entsteht und steigert sich schnell bei ihnen, ob sie nun im engern Sprachverstand als _individua_ oder im weiteren als _collectiva_ anzusprechen sind, zur wahren Unerträglichkeit: jedes _collectivum_, jedes _individuum_ empfindet das andere schlechthin als unerträglich. Eine schreckliche Einsamkeit zieht sich um jeden Menschen zusammen wie eine schwarze Wolke, die nur noch in flammenden Blitzen redet, wenn sie nicht dann und wann etliche Tropfen auf die verschmachtende Erde fallen läßt, die aussehen wie Blut... Kaum in den wildesten Vergangenheiten mögen sich Einzelmenschen, Stände, Berufe, Klassen, Stämme, Völker, Staaten, Rassen derart indianerhaft bis zum Tod am Marterpfahl gehaßt haben wie heute, wo die frohe Botschaft vom Leben wie ein Fünftes Evangelium ergangen ist. Zu einem Sammelbecken der Energie staut jeder das Gefälle seines Lebens, aber weil er wegen der allzu großen Nähe und Widerstandskraft anderer diese gestauten Energien nirgends abfließen lassen kann, beginnt er sehr bald unter seinem eigenen Zuviel zu leiden. Aus diesem unvermeidlichen Leiden am andern nährt sich ebenso unvermeidlich sein Haß auf den andern. In diesem an sich schon übervölkerten Europa bedeutet jedes einzelne dieser lebendigen Energiezentren, Energiequanten ein Höchstmaß an Störung, Hemmung, Ablenkung für die andern mit lauter magnetischen und elektrischen Gewittern in der Folge. In unglaublichem Ausmaß hat sich ein ahnungvolles Wort Nietzsches aus seinen Niederschriften zu einer Philosophie des Willens zur Macht als ein prophetisches erwiesen: „Die europäische Tatkraft wird zum Massenselbstmord treiben“... Die europäische Tatkraft, will sagen der europäische Energismus und Biologismus, der den Europäer ohne jede Schutzmaßregel dem Leben und seinen Entladungen preisgibt, hat wirklich zum Selbstmord der Massen getrieben. (Was wir aber darunter ungefähr zu verstehen haben, hat der nunmehr sieben Jahre gegen Deutschland geführte Vernichtungkrieg einigermaßen offenbar gemacht)...

So hat das Leben, das Nichts-als-Leben und Nur-noch-Leben die europäische Menschheit dieser Stunde angefallen, wie es dann und wann, anscheinend grund- und ursachlos, eines jener chemischen Elemente anfällt, die der Gruppe von radioaktiven Stoffen zugehören. Das Leben befiel uns und überfiel uns gleichsam, und es leitete mit diesem Überfall anscheinend bei uns denselben Zustand des Zerfalls ein wie bei diesen mehr wie rätselhaften Elementen. Wunderbar zwar, wir alle wissen es, beginnt ein solch’ plötzlich auflebendes Element leuchtende Teilchen von sich selber fort und fort zu schleudern und alle jene märchenhaften Phänomene aufzuweisen, welche zu unserm unermeßlichen Erstaunen ein für alle mal an den Namen Radium klassisch geknüpft sind. Dies wie gesagt wissen wir alle. Aber wir wissen auch das andere, daß eben mit diesen fortgeschleuderten und vergeudeten Teilchen der atomistische Zerfall des ganzen Elementes zum Vollzug gelangt: das Element lebt auf, indem es seine eigene Substanz verausgabt. Zum Leben irgendwie gereizt, verführt, bestimmt, -- das alles ist ja vollkommener Mythos innerhalb der Grenzen strengster Wissenschaft! -- gestaltet das Element sein bisher ausschließlich physikalisch-chemisches Dasein in ein biologisches um, wobei ihm just wiederum diese Umgestaltung Sterblichkeit, Tod und Untergang bringt. Etwas ganz Ähnliches, deucht mich, geschehe nun auch hier, wo wir europäische Menschen, die wir vormals wohl ein wesentlich humanes, ja humanistisches Dasein zu führen wenigstens beflissen waren, vom Leben als solchem nun gereizt, verführt, bestimmt sind, uns einem vorwiegend biologischen Dasein unbedingt hinzugeben, -- und so bringt auch uns diese Umgestaltung Sterblichkeit, Tod und Untergang. Luziferisch glutend wie ein feuerspeiender Berg in der Nacht loht heute Europa in den Bränden seiner Lebenswut und Lebensgeilheit, -- aber wer wäre im ernstlichen Zweifel, was dieses prachtvolle Nachtschauspiel, Machtschauspiel zu bedeuten hätte! Ein oder zweitausend Jahre europäischen Christentums haben endlich auch die verborgensten Voraussetzungen des Christentums zum Reden und das Eis des Schweigens unter weithin vernehmlichem Krachen zum Bersten gebracht. Und sieh’ da, es zeigte sich folgendes: diese Voraussetzungen waren nicht geradezu nachweisbar falsch oder irrig, aber sie mußten irgendwie dennoch lückenhaft und unvollständig gewesen sein, denn ihnen mangelte offenbar etwas zum Schutz gegen des Lebens Un- und Übermaß. Sicherlich hat das Christentum niemals Ja gesagt zu den selbstzerstörerischen Konsequenzen, welche ein nunmehr abgelaufener Äon mit zunehmender Unzweideutigkeit aus dem Christentum selbst gezogen hatte. Aber ebenso sicherlich hilft ihm auch die ehrlichste Verwahrung und Entrüstung nichts, daß es trotz alles Gegenscheins zuletzt doch christliche Voraussetzungen gewesen, oder sagen wir etwas vorsichtiger und gerechter: mit-gewesen sind, welche diesen Konsequenzen zugesteuert haben. Genau diesen nämlichen Konsequenzen würde _homo europaeus_, _homo christianissimus_ unabänderlich noch einmal zusteuern, falls er durch die Vergangenheit noch nicht genug gewitzigt, noch einmal sich entschließen würde oder entschließen könnte, als Christ seine Geschichte von vorne zu beginnen: „Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, Zum Ritt ins alte romantische Land“... Unabänderlich würde der europäische Christ auch bei einer Wiederholung seines weltgeschichtlichen Pensums seine persönliche Selbstverwirklichung, Selbstverlebendigung um jeden Preis zum letztgewollten Ziel seines Daseins machen, nachdem es nun einmal sogar seine Religion nicht besser kennt und weiß, als daß Lebenseinheit und Ichgestalt, Individuität und Personität die letztmögliche und höchstmögliche Ausformung des Wirklichen überhaupt darstellten ... Gegen diese Wucherungen der Individuität, die sich notwendig aus dieser Auffassung ergeben müssen, kann man _post festum_ mancherlei taugliche Maßregeln ergreifen, wie sie der Herr des Evangeliums und die sogenannte christliche Ethik denn auch in der Folge mit größerer oder geringerer Entschiedenheit ergriffen haben. Aber alle diese Maßregeln sind im besten Fall nur dazu geeignet, die Selbstsucht und den Eigentrutz der einzelnen Person etwa ein wenig abzuschwächen oder gelegentlich sogar zu unterdrücken zugunsten der Selbstsucht und des Eigentrutzes einer anderen Person: beides jedoch von innen heraus zu überwinden, vermögen auch diese Maßregeln keineswegs bei der Grundsätzlichkeit der christlichen Gesamteinstellung zu Welt und Wirklichkeit Dasein und Leben...

Indessen sei es nochmals hier mit allem Nachdruck bemerkt, daß uns nichts dazu berechtigen würde, diese Gesamteinstellung des Christentums zu Welt und Wirklichkeit eine irrtümliche oder falsche zu nennen. Wahr oder Falsch, Wahr oder irrig, das sind wahrhaftig nicht die Maßstäbe, die an die entscheidenden Einstellungen des Menschen zur Welt und zur Wirklichkeit gelegt werden dürfen, wenn sie nicht zu Weiterungen führen sollen, die handgreiflich unzulässig, weil unsinnig und widersinnig sind. Es geht nicht an zu sagen, zwei Jahrtausende europäischen Christentums seien abwegig, irrig oder falsch gewesen. Das Schicksal ganzer Kontinente ist so wenig wie das Schicksal eines Individuums rückblickend anders vorstellig zu machen, als es eben gewesen ist, und wenn jemals das gewaltige Wort vom _amor fati_ angewendet zu werden verdient, so hier. Ist es aber, ihr Christen, unter keinen Umständen zulässig zu behaupten, zweitausend Jahre christlichen Weltauffassens, Lebensgestaltens seien verkehrt gewesen, -- so dürfte andererseit freilich die Behauptung doch ihren guten Sinn haben, daß diese zwanzig Jahrhunderte ein Verhältnis zur Wirklichkeit für allein möglich, allein wertvoll und allein sälig machend erachtet hätten, dessen Einschichtigkeit, Unvollständigkeit, Halbschlächtigkeit uns unter dem Druck und Eindruck gegenwärtiger Erfahrungen offenbar geworden ist. Die Behauptung ist erlaubt, die Behauptung ist gefordert, daß wir mit dieser christlichen Einstellung allein nicht länger als Menschen zu leben vermögen: nicht länger zu leben mit einer Einstellung, welche just das Dasein europäischer Menschheit und Christenheit, wie es heute geführt werden muß, zum mensch- und tierunwürdigsten aller Zeitalter stempelt. Wer die Europa-Dämmerung dieser Jahre erlebt, wer sie erlitten hat, der wird den Argwohn nimmer in sich unterdrücken können, daß diese ganze christliche Gesittung bei der Veranschlagung des Lebens eine unbekannte Größe, -- es braucht mit nichten ein unbekannter Gott zu sein! -- vergessen haben möchte, welches Vergessen dann in der Folge zu all den unsäglichen Störungen des Lebens führt, die wir heute an uns selbst und am Körper der Gesellschaft beobachten müssen...

Vielleicht wär’ es dabei von etlichem Gewinn, uns an dieser Stelle zuletzt der nicht ganz unähnlichen Krisis zu entsinnen, welche auf wissenschaftlichem Gebiet heute bekanntlich die klassische Mechanik durchzumachen hat. Diese klassische Mechanik, seit langem das verwöhnteste Kind europäischer Wissenschaftlichkeit, wankt heute ja, genau wie der Bau unserer ganzen Gesellschaft, in ihren unterirdischsten Gewölben, und dieser Tatbestand hat seither zur Entdeckung eines Weltgesetzes Anlaß gegeben, welches den Gebildeten unter dem Namen des Satzes von der Relativität, das ist: Verhältniswertigkeit, allgemein bekannt geworden ist. Nun wohl! Was ist dabei im letzten Sinn geschehen? Etwas im Grunde sehr Schlichtes, Einfältiges, Allzumenschliches, wie mir scheinen will. Eine Wissenschaft nämlich, bis vor kurzem die Wissenschaft schlechthin, hat als die sogenannt klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton, Descartes ein Weltbild in Begriffen entworfen und bis in die feingliedrigsten Einzelheiten hinein durchdacht und durcharbeitet, welches gewissermaßen die Wirklichkeit, wie sie an und für sich sei, darzustellen beflissen war: die Wirklichkeit mithin ganz ohne jene erkenntnismäßigen Zutaten, Zusätze, Formungen, mit welchen sonst (nach philosophischer Auffassung wenigstens) das erkennenwollende und erkennende Ich diese Wirklichkeit ‚subjektiv‘ zu färben und zu tönen pflegt. Auf diese Weise hatte die klassische Mechanik von Masse, Geschwindigkeit, Bewegung, Schwerkraft, Raum und Zeit gesprochen, -- nicht anders, als ob derlei Wesenheiten vollkommen unabhängig von allen Einstellungen und Beeinflussungen jenes erkennenden, beobachtenden und rechnenden Ich an und für sich bestünden. Das ging solang es ging: just nämlich solang, bis zuletzt sogar die Planeten widerspenstig wurden und nicht mehr in den errechneten Zeiten ihre errechneten Bahnen zurücklegten. Die klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton, Descartes hatte so getan, als ob eine wissenschaftliche Darstellung des unbegrenzt großen Körpers ‚Welt‘ zu geben wäre, ohne daß man die Einwirkungen weiter berücksichtigte, welche der kleine und begrenzte Körper ‚Mensch‘ auf jede derartige Darstellung notwendig schon durch seine unumgängliche Gegenwart ausüben mußte. Jetzt endlich unter dem Druck der gedachten Umstände begann man sich dieser Einwirkungen des physiopsychischen Systems Mensch auf das maschinelle System Welt grundsätzlich zu besinnen; jetzt traf man Anstalten, jenes System als den lebendigen und insofern auch abhängig-veränderlichen ‚Bezugknoten‘ in die Maschen des wissenschaftlichen Begriffsgespinstes hinein zu stricken. Die vorher unbedingt gedachte, unbedingt gesetzte Wirklichkeit bewegter Massen im Raum erwies sich jetzo als bedingt, nämlich durchaus als zugeordnet und folglich als verhältniswertig und verhältnismäßig zu diesem lebendigen Bezugknoten Mensch. Dieser Gedanke war kaum in seiner grundsätzlichen Bedeutsamkeit zugelassen worden, als die Störungen zum Verschwinden gebracht werden konnten, welche schließlich die gesamte klassische Mechanik in Frage gestellt hatten. Im wesentlichen handelte es sich nur noch darum, jenen neu aufgefundenen Bezugknoten in seinem veränderlichen Wert irgendwie mathematisch-analytisch in die Rechnung einzufügen, -- ein Vorgang, dessen Wie uns hier begreiflicherweis nichts weiter angeht. Wohl aber gibt uns das Daß desselben, obgleich auch seinerseit in erster Linie eine Angelegenheit der Mechanik, einen schätzbaren Wink, wie man etwa auch außerhalb der strengen Wissenschaft Unstimmigkeiten und Störungen einschneidender Art zu beheben vermöchte: Unstimmigkeiten und Störungen wahrhaftig nicht in den Umlaufbahnen des Merkur oder in der Fortpflanzungrichtung der Lichtstrahlen, sondern Unstimmigkeiten und Störungen in der Gesamtlebensführung eines Zeitalters, -- Unstimmigkeiten und Störungen so schwerster, ausschweifendster, verderblichster Art, daß sie schließlich die allgemeine Tatsache des Lebens selber gefährden müssen. Jene klassische Mechanik euerer Galilei, Kepler, Newton, Descartes, ihr Christen, hatte den wechselnden Bezugknoten Mensch und menschlicher Beobachter bei ihrer mathematischen Substruktion einer dreidimensionalen Weltwirklichkeit in Anschlag zu bringen vergessen: einen veränderlich-abhängigen Wert also je nach der örtlichen Einstellung zu den wahrgenommenen Erscheinungen und Erscheinungabläufen. Das Christentum aber, welches nun einmal euer europäisches Schicksal geworden ist, ihr Christen: dies Christentum hat unzweifelhaft etwas anderes vergessen. Was dieses andere freilich sei, ist schwer zu sagen, schwer zu suchen, schwer zu finden...

Sichten wir noch einmal alles ineinander, was hier gesagt ward über das Verhältnis des europäischen und mithin doch wohl auch des christlichen Menschen zu seiner Welt, so wäre etwa als grundsätzlicher Ertrag das Urteil festzuhalten: der Abendländer formt diese Welt aus seinen Sinnen und mit seinem Sinn restlos in eine Unendlichkeit gestaltartiger Gebilde aus. Das All zerlegt sich ihm in wechselnd wechselseitige Beziehung solch wohl ausgeformter, festabgegrenzter Gegenständlichkeiten zueinander, und vollends das Leben erscheint ihm lediglich unter dem Gesichtswinkel ewig bewegter und veränderlicher Grundgestalt. Die Wirklichkeit des Europäers ist durchgängig aufgeteilt in letzte Einzelnheiten, letzte Einheiten, die er schon früh in seiner dreitausendjährigen Geschichte die Unteilbarkeiten, ἄτομοι, _individua_ zu nennen liebte. Nichts liegt seiner Gewohnheit ferner als der Argwohn, diese vielfach gegliederte Wirklichkeit könne am Ende doch nicht das Wirkliche schlechthin sein, und buchstäblich hat er sein Sach’ auf Sich gestellt, wofern er sich die ganze wahrnehmbare und unwahrnehmbare Welt so deutet, als ob sie sich zusammensetze aus lauter mehr oder weniger ähnlichen Wiederholungen seiner eigenen Individuation. Im fließenden Wandel der Gestaltungen deucht ihn die Gestalt allein das Dauernde und Beharrliche, und sein Blick erlischt, sein Auge erblindet jäh, wo man es abzuziehen trachtet von den streng ausgeprägten Gegenständen und genau abgegrenzten Besonderungen seiner vielgegliederten Wirklichkeit. Die Welt unterworfen dem Gesetz fortschreitender Besonderung, das ist die vorzugweis abendländische Welt, und wo das Gesetz nicht mehr gilt, wird mit naiver Selbstverständlichkeit angenommen, daß auch die Welt selber nicht mehr gelte. Diesseit und jenseit der Unterscheidung beginnt das Nichts und Abernichts, -- das ist europäische Einstellung und Überzeugung, und wir hier vermögen jetzt sogar zu begreifen, inwiefern dies christliche Einstellung, evangelische Überzeugung gewesen ist. Wie der mathematische Dividendus einer rationellen Zahl durch Teilung restlos aufgeht in seine Divisoren, so geht die abendländische Wirklichkeit restlos in ihre Besonderungen auf. In dieser Auffassungweise verrät sich ein gar nicht auszurottender Rationalismus europäischen Weltdenkens und Weltwissens, auch wenn dieses Weltdenken und Weltwissen seit der Mathematik der Griechen aufs tiefste sich beunruhigt zeigt von dem Problem des Irrationalismus, bis dieser Irrationalismus schließlich in der gegenwärtigen Philosophie Deutschlands, Frankreichs, Amerikas Trumpf geworden ist. Die Welt ein aufteilbares Ursein, die Welt grundsätzlich ein _Dividuum_, und nur die letzten Einheiten ihres Bestands unteilbares Dasein oder _Individuum_: in dieser Deutung krönt die Abendlandsmenschheit ihr höchstes Wissen von der Wirklichkeit.

Nicht aber krönt in derselben Deutung die indische Menschheit dieses ihr Wissen, und am wenigsten der Buddho mit Namen Gotamo. Wer die unermeßliche Paradoxie, welche für abendländischen Geschmack der Lehre und Tat des Buddho immer anhaften wird, mit ihrer ungeminderten Wucht auf sich prallen lassen will, braucht sich nur diesen nämlichen Umstand zu vergegenwärtigen: denn die Erfahrung einer vollkommen entstalteten und entformten Wirklichkeit diesseit und jenseit aller Besonderungen und Unterscheidungen, diese Erfahrung aller Erfahrungen macht geradezu das religiöse Erlebnis des Buddho aus: namentlich aber besteht das gotamidische Mysterium der Erlösung einzig und ausschließlich in der vollbrachten Ablösung von eben dieser Wirklichkeit restloser Ausformung und Ausgestaltetheit. Wo Sinn und Sinne des europäischen Menschen unermüdlich in eine gestalthafte Welt schweifen und mit der Schärfe astronomischer Refraktoren sogar noch jede nebelungewisse Milchstraße am Himmel in ein Gewimmel von lauter einzelnen Sternen optisch zerbrechen, da sammelt sich der Geist des gotamidischen Menschen in stiller Einfaltung auf das versiegelte Geheimnis einer Gegen-Welt, für welche jeder Begriff von Gestalt, Form, Mannigfaltigkeit, Unterschied, Einzelheit, Größe oder Zahl seine Gültigkeit einbüßt. Diese Wirklichkeit des Abendländers ist mehr oder weniger eine Vervielfältigung seiner selbst, eine Vervielfältigung seines Selbstes. Jede Erscheinung seiner Umwelt dünkt ihn gleichsam ein Doppelgänger seines Ich, wie er denn unbefangen genug eben sein Ich der gesamten Wirklichkeit als ihr individuelles Modell philosophisch unterstellen zu dürfen wähnt. Das Ich setzt Sich und das Ich setzt das Nicht-Ich, sagt Fichte bekanntlich mit einer verräterischen Offenherzigkeit, und er hätte vielleicht gut getan hinzuzufügen: das Ich setzt das Nicht-Ich als das Spiegelbild und Ebenbild des Ich...