Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen

Part 23

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Nur Eine Wissenschaft, nur Eine Wahrheit tat hier also wirklich not. Sie aber, und dies ist die hohe Überraschung für den Protestanten des Westens, ist keiner Kritik unterworfen. Das Wissen, ein Verfahren der Verwirklichung und Vollendung des ‚heiligen Zieles‘, erträgt in dieser Eigenschaft schlechterdings keinen Einspruch, keinen Abstrich, keine Verbesserung, keine Erweiterung: weder im großen und ganzen noch im einzelnen und kleinen. Hier steht jeder Buchstab’, jedes Wort und jeder Satz, und weh’ dem eitlen Besserwisser, der sich nach Abendländersitte hier gedreistet, kritische Glossen an den Rand zu schreiben. Der Buddho, unstreitig die edelste Verkörperung menschlicher Duldsamkeit, zeigt sich durchaus unduldsam in Ansehung der Lehre und versteht bezüglich ihrer wahrlich keinen Spaß. Wir Europäer, unduldsam bis ins Mark und aus Unduldsamkeit unsäglich böse, tückisch und rachsüchtig, wir haben die ‚Freiheit der Kritik‘ erfunden, um uns vor uns selbst zu schützen, -- und haben damit kraft ungeschriebenen Gesetzes auch der dreckigsten Nase erlaubt, ja geradewegs geboten, die reinlichsten, heiligsten, göttlichsten Dinge zu beschnüffeln. Aber Gotamo, dessen Muttersprache nicht einmal ein Wort für Ketzerei enthält, geschweige denn einen Begriff, -- wie fertigt er seine Mönche ab, wenn sie sich herausnehmen wollen, eine eigene Meinung hinsichtlich der Lehre zu haben! Mit welch ätzender Schärfe, mit welch schneidender Härte weist er den leisesten Versuch zurück, an der Lehre zu kritteln und zu deuteln: mit einer Härte und Schärfe, welche kein römischer Papst hat jemals übertreffen können. Das Wort sie sollen lassen stahn, dieses Prooimion überschreibt groß und wuchtig die Pforte, durch welche der Mönch Einlaß findet in diesen heiligsten Orden der Welt. Undenkbar, ganz unausdenkbar, daß jeder grünere oder reifere, jeder dümmere oder klügere Mensch ein Recht dazu besäße, die Lehre zu erörtern oder vollends über ihren Wert oder Unwert (der diesseit-jenseit von Wahr und Falsch ist!) die Entscheidung zu treffen. Undenkbar, ganz unausdenkbar, daß ein beliebiger Jemand den lebendig gewachsenen Wunderbau dieser ‚Wissenschaft‘ etwa hätte auf einem neuen Grundriß errichten, daß er hier eine Wand hätte einziehen, dort eine Mauer hätte ausbrechen lassen dürfen. Wohl hat der Buddho nicht verhindern können, daß nach seiner endgültigen Erlöschung manche ‚unechte‘ Rede unter dem Stempel ‚Das hab ich gehört‘ in Umlauf kam, -- manche Rede, die er nie gesprochen oder wenigstens nie in diesen Worten gesprochen hatte. Wohl hat er ferner nicht verhindern können, daß sein Bild im Gedächtnis der Nachlebenden solang aufgehöht und übermalt ward, bis es zuletzt zu jener Völligkeit des erhabenen Reliefs gedieh, welche unerläßlich zu sein scheint, damit unberatene Völker das geistige Walten eines ‚Herrn‘ verspüren. Und am wenigsten hat er verhindern können, daß die Legende, will heißen das zu ‚Sagende‘ und zu ‚Lesende‘, ihn schließlich mit der Aureole von Majestät umspann, die stets das Wahrzeichen einer vollzogenen Göttlichsprechung des Menschen durch die Menschheit gewesen ist. Jedoch was in der Folgezeit auch geschehen sein mochte, damit aus dem urwüchsigen Buddhismus des _Hînayânam_ (das ist ‚Kleines Fahrzeug‘) der Buddhismus des _Mahâyânam_ (das ist ‚Großes Fahrzeug‘) werden konnte und mithin aus der Religion des Buddho die eine Kirche oder die mehreren Kirchen der Âdhibuddhas, Dhyânibuddhas, Dhyânibodhisattvas, -- in keinem Fall verliert sich der Protestantismus Gotamos in den Kritizismus, wie das dem europäischen Protestantismus zugestoßen ist. In keinem Fall beschwört folglich der indische Protestantismus über seine Heimat die Krisis herauf eines Wissens um der Wahrheit an und für sich selbst willen, wie das der Kritizismus des Westens getan hat. Wieviel starke oder schwache Fäden daher auch gezwirnt sein mögen, die zwischen indischem und europäischem Protestantismus hin- und widerschießen, und wie vertraulich nah’ der Buddho bald einem Eckhart, bald einem Kant, bald einem Nietzsche rücke, -- was seine Lehre anlangt, gehört sie mit ihrem Anspruch auf unbedingte Geltung eher den katholisch-dogmatischen Lebensordnungen an als den protestantisch-kritischen. Oder sag’ ich vorsichtiger und richtiger: sie würde eher jenen als diesen zugehörig sein, wenn sie nicht zu guter Letzt weder mit dem Dogma noch mit der Kritik in unserem europäischen Wortverstand im geringsten etwas zu schaffen hätte. Denn faß’ ich jetzt einmal noch alles hier Gesagte zusammen und frage einmal noch: was hat es für eine Bewandtnis mit dieser Lehre, diesem Wissen _sui generis_ diesseit wie jenseit von Dogmatik und Kritik? -- so ist nur eine Antwort darauf möglich: diese Lehre, dieses Wissen ist kein Urteilen mehr und kein Schließen, kein Besondern mehr und kein Verallgemeinern, kein Rechnen mehr und kein Zählen, kein Verbinden mehr und kein Trennen, kein Ergründen mehr und kein Erklären, kein Messen mehr und kein Wägen, kein Unterscheiden mehr und kein Ineinandersichten, kein Voraussetzen mehr und kein Beweisen, kein Zergliedern mehr und kein Verknüpfen, kein Begriffbilden mehr und kein Sinndeuten. Sondern ist recht und schlecht ein Tun und Vollbringen, durch welches der Mönch nach erworbener Meisterschaft sein Verhältnis zur Welt und sein Verhalten zu ihr regelt. Verwinder des Nichtwissens, Verwinder des Wähnens, Verwinder des Leidens, strahlt der Wissende das Licht seines Wissens in alle Richtungen und Winkel des erfüllten Raums. „Liebevollen Gemüts weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemütes -- freudevollen Gemütes -- unbewegten Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem Gemüte, mit freudevollem Gemüte, mit unbewegtem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem“...

Der Mönch der unbeschränkten Gemüterlösung, der Strahlende Mönch, ihr Christen, das also ist der gotamidisch Wissende. Der Strahlende Mönch, das ist der Wissende, der da sein Wissen, indem er’s übt und vollbringt, wider jeden Einwand feit und sichert. Der Strahlende Mönch, das ist der Wissende, der sein Wissen gültig in sich selber und gültig durch sich selber rechtfertigt, erhärtet und bewährt. Europa aber, ihr Christen, das berstende Haupt der Erde, -- es möchte sein, ihr Christen, daß es in dunkelster Stunde seines Mönches harre, der da wissend geworden in die Verfinsterung hinein sein Licht strahlt: erbarmenden Gemütes, freudevollen Gemütes, unbewegten Gemütes...

DIE VIERTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE

DAS HEILIGE JA LASST UNS BEKENNEN DAS HEILIGE JA ÜBER DIE AUF- UND NIEDERGÄNGE -- DAS HEILIGE JA ÜBER GEBURT UND TOD, GESTIRN UND SCHICKSAL -- DAS HEILIGE JA ERSCHAFFE DIESE WESEN UND ERHALTE SIE, DAMIT SIE IN DER FÜLLE STEHN WIE EINE HUNDERTBLÄTTERROSE IN IHRES MITTSOMMERS MITTAGGLÜCK -- DAS HEILIGE JA ZERSCHMELZE DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN FEUERS TIEGEL UND HÄRTE SIE DARIN, BIS SIE GEDIEHEN SIND, BIS SIE GEDIEGEN SIND -- UND ALSO VERLÖSCHE DAS HEILIGE JA DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN WASSERS BORN UND BRING IN IHM DIE WESEN WIEDER EWIGLICH -- WILLKOMMEN DEM JA-SELBST ALLE WESEN UND WILLKOMMEN IHM GLEICHERMASSEN DIE GEGEN- UND WIDERWESEN ALLE -- DIES IST DAS HEILIGE JAWORT UND FROHWORT UND DES FROHWORTES HEILIGE GRUSSSPENDE, ANDACHTSPENDE, OPFERSPENDE -- DIES IST GELÄUTERTEN HERZENS ERSTGEBURT, DARGEBRACHT IM FESTWEIHTEMPEL DER WELT -- WER DU AUCH BIST, O MENSCH, IN VIERTEN VIERTELS EDLER MONDSCHWELLUNG DEINER MENSCHLICHKEIT ODER IN IHRES DRITTEN, ZWEITEN, ERSTEN VIERTELS BEDAUERLICHER SCHWINDUNG:

-- ICH WILL DIR WOHL --

DIES IST DIE LETZTE UNTERWEISUNG

Es ist uns etwas zugestoßen, ihr Christen, während dieser Mitternachtstunde in der Völkergruft Europas. Es ist uns etwas zugestoßen, wofür es noch keinen Namen gibt; es ist uns ein Zeichen geworden, welches noch niemand deuten kann. Mit nichten aber ist es dieser Krieg oder was ihm noch folgen wird auf seiner qualmenden Bahn. Auch der drohende Niedergang ist es nicht einer dreitausendjährigen Gesittung, die ihren Weg einst vom Südosten des Festlands aus genommen hatte, dann den Westen und die Mitte wie mit artenreichem Pflanzenwuchs verschwenderisch berankte, und jetzt im Nordosten des Festlands jählings endigt. Gehört doch derlei jeweils zu dem Leben der Geschichte: daß Siebenjährige, Dreißigjährige Kriege wüten, daß volkreiche Staaten gegründet und zerstört werden, daß rühmliche Gesittungen reifen und entarten. Sogar Umwälzungen von heftigster Gewaltsamkeit, die wir, käme es nur auf uns an, höchstens als grausame Ausnahmen gelten ließen, gehören offenbar zu den gebräuchlicheren Mitteln der Geschichte. Wären wir zum Beispiel genauere Kenner unseres Mittelalters, als wir in der Regel sind, dann wäre uns bewußt, daß in unserer eigenen Vergangenheit ein gesellschaftlicher Umsturz nach dem andern pausenlos eintrat wie das Feuern aus den Geschützen einer Batterie. Erlauchte Rassen und Stämme, eben noch Träger weithin wirkender geschichtlicher Bewegungen, sind schon einen Augenblick später von den Wirbeln des Todes fast spurlos verschlungen. Und wo die Rassen oder Stämme als solche dauern, da schichten sich ihre Stände in desto stärkeren Erschütterungen um und um. Was das für ein Trauerspiel gewesen sein mag, wenn etwa die freien Bauernschaften der taciteischen Germanen unter den fränkischen, sächsischen, salischen Königen unwiderstehlich zu Hintersassen, zu Hörigen erniedrigt wurden, das ahnen wir vielleicht in diesen Tagen, wo ein blühender Mittelstand einem ähnlichen Verhängnis verfallen zu sein scheint. Was damals den freien Bauern der Dorf- und Markgenossenschaft geschah, ist später dem Laienadel nicht erspart geblieben, der seinerseit vom Aufstieg der Städte und von der Ausbreitung der Geldwirtschaft an in fortschreitende Abhängigkeit vom bürgerlichen Geldgeber gerät. Bis dann im Dreißigjährigen Krieg auch diesem Bürger wiederum die Stunde geschlagen hatte und er zu seinem Teil dem _dominus terrae_ mehr oder minder schimpflich untertänig ward... Umwälzungen dieser Art, wie bitter sie von den Betroffenen empfunden werden und wie zahlloses Menschenglück ihnen zum Opfer fällt, gehören also dennoch dem unbegreiflichen Leben und Weben der Geschichte an. Wir Gegenwärtigen verwundern uns mutmaßlich über sie nur darum so ungemein, weil wir in vierzig Jahren gleißender Befriedung und Verbürgerung die schicksalhafte Härte und Unabänderlichkeit geschichtlichen Geschehens höchstens noch in den Annalen der Vergangenheit fanden. Welch ein unterschwürig bedrohtes, stets der Bedrängnis seitens des Mächtigeren ausgesetztes Dasein der geschichtliche Mensch bis dahin zu fristen verdammt war, hatten wir gründlich vergessen, -- vielleicht mit alleiniger Ausnahme derer, die sich mit Recht oder Unrecht die Enterbten zu nennen pflegten. Erschüttert und aufgewühlt, ja in tiefster Seele recht eigentlich außer uns gesetzt, erfühlen wir’s erst seit Neunzehnhundertundvierzehn wieder, was es heißt, um Luft und Licht, Freiheit und Leben zu ringen auf jenem fürchterlichen Kampfschauplatz, der Geschichte heißt...

Trotzdem kann es nicht diese mit Blut und Tränen erkaufte Erkenntnis sein, die uns aus jedem wohltätigen Gleichgewicht der Seele gebracht hat. Da es der geschichtlichen Menschheit nur in wunderseltensten Feierstunden besser erging als uns, meist jedoch wesentlich schlechter, müßte sie folgerichtig auch ihrerseit die Merkmale, und zwar die verstärkten Merkmale unserer dermaligen Gemütsverfassung aufweisen, -- weist sie aber dessen unerachtet nicht auf! Im Gegenteil. Je unsicherer, gesetzloser, verbrecherischer die Zeiten waren, je heftiger der Einzelne unter sittlicher und bürgerlicher Willkür zu leiden hatte, je fragwürdiger sich sein ganzes gesellschaftliches Dasein ausnimmt, desto hochwertiger bedünken uns oft die Leistungen unserer geschichtlichen Vorfahren. In einer Chronik des dreizehnten oder sechzehnten Jahrhunderts blätternd, verstehen wir’s schlechterdings nicht, wie es die Menschen unter den geschilderten Verhältnissen hatten überhaupt nur aushalten können. Uns aber dann von diesen Chroniken her den Denkmalen jener Zeiten zuwendend, den Denkmalen in Erz und Stein, in Holz und Glas, auf Leinwand und auf Pergament, -- wie sind wir nicht erstaunt und ergriffen von der Weitatmigkeit des Schwungs, der die Besten ihres Zeitalters zu solchen Werken, solchen Taten hinriß! Und wie wir denn im Leben wohl hie und da einen Mann kennenlernen, der von wilden Leidenschaften hin- und hergetrieben wird und dennoch auf dem Grunde seines Wesens einen tiefen, schönen Frieden göttlich spiegelt, so scheinen just die Zeitalter klassischer Erfüllung nach außen hin zwar stürmischer als alle anderen bewegt, jedoch nach innen in jenem Zustand seelischer Ausgeruhtheit durchaus zu verharren, wie er nach traumlos erquickendem Schlaf das menschliche Gehirn allein zu seinen schöpferischen Eingebungen stärkt und befähigt. Diesen beneidenswerten Anblick indes bieten wir selbst heute in keinerlei Betracht dar, wenigstens nicht für uns selbst als unsere eigenen Beobachter und Beurteiler. Im Unterschied zu so begünstigten Zeitaltern ist das unsrige vielleicht, nach außen gewendet, nicht einmal stürmisch bewegt zu nennen, -- wie ungereimt dies auch klingen mag! -- geschweige, daß es, nach innen gewendet, den Zustand gestärkten Ausgeruhtseins, Ausgeruhthabens nach irgend einer Richtung hin darbieten würde. Die entnervende Unruhe, die uns ergriff, ist nicht die Unruhe des aufbrandenden Lebens, sondern des fiebernden Blutes. Unserm Betätigungdrang fehlt bei aller Rastlosigkeit der weit ausholende Pendelschlag organischer Rhythmik. Unserm Übereifer zu Lebenserneuerungen um jeden Preis mangelt die sichere Einstellung in die letzten Welt- und Lebensziele. Unserer Geschwätzigkeit über Gott und Geist gebricht das unbeirrbare Zutrauen zu uns selbst und der von uns gewählten Richtung. Darum überzeugt keiner den andern, traut keiner dem andern, glaubt keiner dem andern. Ein unbestimmbares Etwas, eine Tugend, eine Gnade ist uns offenbar abhanden gekommen, welche unsere Vorfahren in den schlimmsten Zeiten der Vergangenheit nicht zu missen hatten. Irgend ein Gut, dessen der geschichtliche Mensch unerläßlich zum Leben bedarf, wurde uns entwendet; irgend welche Gewichte, die den Uhrgang unserer Zeitlichkeit zu regeln haben, sind ausgehängt worden. Aber es ist wahrhaftig schwer, ein Ding zu suchen und wieder zu finden, von welchem man nicht einmal eine deutliche Vorstellung hat und das man trotzdem verlor...

Vor einem halben Jahrhundert, etwas früher oder etwas später, mag es sich zugetragen haben, daß unsere europäische Gesellschaft allmählich in diese seltsame Schwankunglage hineinglitt, von der hier die Rede ist. Mit einigen ganz unverkennbaren Anzeichen von beängstigender Übereinstimmung setzt ein Zeitalter ein, das mit einigem Fug das Zeitalter der Entblößungen genannt werden dürfte: denn eine Entblößung der Gattung Mensch vor sich selbst beginnt, wie sie mit ähnlicher Unerbittlichkeit, mit ähnlicher Schamlosigkeit von keinem der geschichtlich bekannten Zeitalter geübt worden ist. Das war wie wenn ein vornehm und kostbar gekleidetes Weib sich eines Abends vor dem Stehspiegel auszöge und nun, da sie ein Kleidungstück nach dem andern ablegt, erst mit Befremden, dann mit Mißbehagen, dann mit Kummer, dann mit Abscheu, dann mit Haß auf sich selber die vormals nie beachteten Mängel ihres unvollkommenen Leibes wahrnähme: dies also bin ich, dies ist mein dünnes, ausgekämmtes Haar, dies mein verbrannter Hals und Nacken, dies meine abgeblühte Büste, dies meine wulstig gepolsterten Hüften, dies meine kurzen und gekrümmten Beine, dies mein flach und platt geformter Fuß... Ähnlich einem solchen Weibe, das sich vor ihrem Spiegel peinlich entkleidet und ihre arme Nacktheit nach all ihren Häßlichkeiten streng durchmustert, zornig und traurig zumal, daß sie nur ist wie sie ist, und dennoch außerstand, auf ihre grausame Selbstprüfung zu verzichten, -- ähnlich beginnt der europäische Mensch zu einer ganz bestimmten Zeit im abgelaufenen Jahrhundert sich vor sich selber ohne Schonung zu entblößen und alles, was er bisher tat und schuf, auf seinen Unwert hin zu erforschen. Da ist vor allem sein höchster Stolz und Abgott, der sogenannte Staat: bei Licht besehen nur die Anstalt einer kleinen Anzahl Mächtiger zur dauernden Knechtung und Entrechtung machtloser Massen. Da ist des ferneren die sogenannte Gesellschaft: bei Licht besehen nur die angemaßte Herrschaft einer Kaste, einer Klasse über andere Kasten und Klassen, die herkömmlich als nicht geeignet für die Ausübung der Herrschaft gelten. Da ist die sogenannte Wirtschaft: bei Licht besehen nur die regelrecht betriebene Ausbeutung menschlicher Arbeitkräfte als einer käuflichen Ware durch den einzelnen oder vergenossenschafteten Unternehmer. Da ist die sogenannte bürgerliche Lebensordnung: bei Licht besehen nur die als Ehrbarkeit vermummte Heuchelei und die als Sittenstrenge sich aufspielende Zuchtlosigkeit. Da ist die sogenannte Ehe: bei Licht besehen nur der Lebens- und Todeskampf der ewig feindlichen Geschlechter. Da ist die sogenannte Liebe: bei Licht besehen nur die wilde Gier der gegenseitigen Besitzergreifung. Da ist die sogenannte Sittlichkeit: bei Licht besehen nur die Bemäntelung selbstsüchtiger Leidenschaften durch angeblich selbstlose Beweggründe und Triebfedern. Da ist die sogenannte Religion: bei Licht besehen nur die Übertragung niemals erfüllter und unerfüllbarer Menschenwünsche auf die Gestalten erdichteter Götter. Da sind die sogenannten Ideale: bei Licht besehen nur die bewußten Widerspiegelungen jeweils wirtschaftlicher Vorgänge und Verhältnisse, wenn nicht am Ende gar die aus Angst vor der Wirklichkeit erzeugten Welt- und Selbstbeschönigungen. Da ist die sogenannte Seele: bei Licht besehen nur ein Bündel von unersättlichen Trieben und Begehrungen, von denen niemand wissen kann, welche in der nächsten Sekunde die Oberhand gewinnen werden. Da ist der sogenannte menschliche Verstand, die menschliche Vernunft sogar: bei Licht besehen nur eine Waffe mehr im Kampf ums Dasein, um den Nächsten zu überlisten und womöglich über seine Leiche eine Stufe höher zu turnen hinauf zum Besitz, zur Macht und zum Erfolg. Da ist das sogenannte Recht: bei Licht besehen nur die Verewigung menschlicher Rachsucht und Vergeltungwut, die das Verbrechen ahndet, indem sie’s wiederholt, und den Verbrecher straft, indem sie ihn foltert oder tötet... Dieser Art fühlte sich der _homo europaeus_ jener Jahrzehnte gedrungen, die Summe seiner bisherigen Anstrengungen mit einer gewissen Lust an Selbstzerstörung dämonisch zwangsläufig zu ziehen; -- solchermaßen fand er alles Geleistete verdammungwürdig, verächtlich, schlecht. Nicht wollte und konnte er eher ruhen, bis er sich die letzten Fetzen jener prachtvollen, aber lügenhaften Verhüllungen von seinem Leib gerissen hatte, -- Verhüllungen, die ihm bisher prahlerisch verheimlicht hatten, daß er das böse Tier der Eis- und Steinzeit je und je geblieben war: „säuischer als Schweine, grimmiger als Löwen, geiler als Böcke, neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, listiger als Füchse, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als Schlangen und Krotten,“ wie unser herzhafter Simplizissimus derb und heftig herausgesagt hat... Der Mensch, das Tier der Urzeit: so zweigte ihn ja jetzt die Wissenschaft selber zoologisch, morphologisch ein in den Stammbaum der lebendigen Wesen, die das Tierreich bilden. Aber der Mensch ist nicht nur das Tier der Urzeit, sondern das böse Tier der Jetztzeit, weil er sich trotz seiner Abkunft aus dem Tierreich ein menschliches Wissen um Böse und um Gut erworben hatte. In dieser Jetztzeit ist der Augenblick für ihn gekommen, in dieser Jetztzeit, und keineswegs schon am Anfang, wie es das Alte Testament will, wenn es vom ersten Menschenpaar berichtet: „da wurden ihrer beiden Augen aufgetan, und wurden gewahr, daß sie nacket waren“... In dieser Stunde der gnadenlosen Selbstentblößung und Selbstbeschämung sieht sich der europäische Mensch nacket, -- hier übermannt ihn die Erkenntnis, daß alles, was er aufgewendet hatte in den Jahrtausenden, die seine Erinnerung umspannt und mehr noch in den anderen, die seine Erinnerung nicht umspannt, dem eigenen Urteil nirgends standhalten konnte. Nun er mit unsäglichem Aufgebot dies wilde böse Tier in sich gebändigt hatte, mußt’ er sich überzeugen, daß er von seiner Wildheit zwar manches abgegeben, die Bosheit jedoch bewahrt und gemehrt hatte, und daß verrucht war, was ihm von Herz und Händen ging...

Jahraus jahrein hatte so der europäische Mensch durch die Zunge solch unentwegter Selbstankläger zu sich selbst gesprochen. Jahraus jahrein hatte er sich mit eigener Zunge selbst gestochen und zerstochen, bis er zuletzt noch einmal durch die Stimme dreier Propheten sprach, die am Werk der Selbstentblößung ihrerseit am eifrigsten beteiligt waren. Und was sie lautbar machten, hörte sich freilich schon wie der zerberstende Hornstoß Heimdalls, des Zeichengebers an, als er von der Zinne Walhalls Schiff Naglfar draußen am Rand des brüllenden Nordmeers kreuzen sah... Von diesen denkwürdigen Dreien durchlitt der Erste zum voraus in eigener Person alles Leid, welches in Bälde eine Menschheit würde überkommen müssen, wenn sie wirklich die letzte Scham von sich geworfen hatte und mit der eigenen Nacktheit Unzucht trieb. Wie er indes in Wahrheit keines Rats sich wußte, und sogar nicht einmal ein Wort, ein trostspendendes oder aufrichtendes, finden konnte, verbeugte er sich nur tief bis auf die Erde, etwa wie sich der Staretz Sossima vor Mitjä Karamassoff verbeugt hat, -- und ging vorüber. Der Zweite dieser Drei aber tat sich in eigener Person alle Qualen an, mit welchen binnen kurzem der arme Teufel Mensch seinen Mitmenschen foltern würde: er weiß es selber nicht, warum und zu wessen größerer Ehre. Zwar fand auch dieser Zweite nicht eigentlich einen Rat, aber immerhin doch ein Wort der Klage. Und legte sein Wort, seltsam genug! der Tochter des indischen Himmelskönigs in den Mund, welche wie weiland der blonde Held Krischna auf die Erde herabgefahren war, damit ihr des Menschlichen ferner nichts fremd bleiben möchte. Mit innigem Erbarmen sagt Indras Tochter immer nur das eine, was allerdings wenig helfen oder bessern konnte: Es ist schade um die Menschen, es ist schade... und also wehklagend ging auch der zweite Prophet vorüber. Der Dritte jedoch, höheren, helleren Geistes als die beiden andern und von dem Merkmal auf des Merkmals Ursache schließend, erkannte die elende Unzulänglichkeit der bisherigen Gattung Mensch, die soviel schwerer zieht und wiegt als sogar ihre Bosheit. Dieser erschütternden Unzulänglichkeit gewahr werdend, leuchtet ihm eine Botschaft auf, die Rat zu schaffen scheint, wenn nicht schon für den Augenblick, so doch für die Zukunft: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß. Diese Botschaft ging nicht vorüber, auch wenn ihr Künder vorüberging, und haftete zitternd wie der Schuß eines befiederten Pfeiles in den Herzen...