Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen

Part 22

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Aus dieser verzweifelten Lage versucht sich der europäische Genius noch einmal zu retten, eh’ er sich stumpfsinnig und ergeben in das augenscheinlich Unvermeidliche schickt. Der kritische, ja der protestantische Begriff des Wissens ist es, der jedem Einzelnen die eiserne Pflicht auferlegt, die Aussagen des Verstandes, die Grundsätze der Vernunft, die Entscheidungen der Urteilskraft auf ihr Wahr oder Falsch, Richtig oder Irrig hin zu sichten und sich die Stellungnahme zu ihnen je nach dieser Sichtung vorzubehalten. Aber selbst in diesem Zeitalter der Kritik und des Kritizismus ist dem Abendländer das Bewußtsein noch nicht völlig verloren gegangen, daß die wesentlich menschheitliche Leistung des Wissens unmöglich auf die kritische Schlichtung der Erkenntnisse in gültige und ungültige allein beschränkt sein könnte. Sogar jetzt bleibt eine Ahnung wach, daß alles Wissen, wie es auch beschaffen sei, für den geistig-seelischen Aufbau der Person und für deren Selbstverwirklichung fruchtbar zu machen sei. Gleichzeitig mit der Hochtürmung des kritischen Gedankens in der kantischen Philosophie setzt eine neue humanistische Bewegung ein von ungleich stärkerer und umfänglicherer Artung als jene des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts: und vor allem ist es ihr zu danken, wenn man sich wieder deutlicher besinnt auf das, was ich eben die menschheitliche Leistung des Wissens nannte. Das Wissen kann, nein das Wissen soll der Bildung dienen, die Bildung aber der planmäßigen Selbststeigerung, Selbstbereicherung, Selbstveredelung aller menschlichen Fähigkeiten. Wenn also in Wahrheit die kritische Auffassung des Wissens auf humanistische Ansätze im Zeitalter des Protestantismus zurückgeführt werden darf, dann schreitet sie ihrerseit auch wieder instinktiv zum Humanismus fort. Nur daß jetzt, -- wir sind im achtzehnten Jahrhundert, -- die immerhin schmächtigen und leibarmen Gestalten erfurter oder gothaer _doctores_ zu jenen stattlich ragenden Persönlichkeiten ausgewachsen sind, welche Deutschlands Parnaß damals bevölkerten. Noch einmal geben sich auf deutscher Scholle der sokratisch Weise und der humanistisch Gebildete ein Stelldichein; noch einmal treffen sich beide wenigstens in dem einen Gedanken enge, daß jede menschliche Person die Anwartschaft auf ihre eigene Wahrheit habe, um mit ihr zu leben und zu sterben, -- ja nicht allein auf ihre eigene Wahrheit, sondern etwa auch auf ihren eigenen Irrtum, wie Lessing so herzhaft tapfer erkannt und Goethe so natürlich schön gelebt hat. Dieser humanistische Begriff der Bildung anerkennt zwar also jegliche Pflicht zur Prüfung und Entscheidung über das Wahr-Falsch des Wissens durchaus, aber ordnet dieser grundsätzlich protestantischen Verpflichtung doch sofort die zweite als die höhere über, sich aus dieser schlechten Unendlichkeit von Wahrheiten diejenigen gleichsam auszusuchen, welche geeignet erscheinen, die eigene Persönlichkeit ihrer äußersten Steigerung zuzuführen: und gleichfalls aus der Unendlichkeit aller Irrtümer sogar auch solche Irrtümer, die demselben Zweck dienlich sein möchten. Dem Weisen von ehedem war noch genau das zu wissen nötig, was er in seiner Eigenschaft als Mensch, Mitmensch, Bürger zu tun oder zu lassen habe, um als ein ‚Wohlbeschiedener‘ zu wandeln, -- darüber hinaus durfte getrost alles Wissen überhaupt auf sich beruhen bleiben. Der Gebildete indes nimmt es als sein bestes Vorrecht, alles, wie sich’s eben fügt und schickt und trifft, seinen aneignenden und anpassenden Tätigkeiten zu unterwerfen, womit er freilich den schmalen Rahmen zerbricht, in welchen der Weise sein schlichteres Bildnis von sich selber einzufassen liebte... In dem Maß, als mithin der Zielgedanke der Weisheit den Zielgedanken der Bildung an innerer Standfestigkeit und Unerschütterlichkeit übertrifft, in dem Maß übertrifft auch der Zielgedanke der Bildung den der Weisheit an innerer Umfänglichkeit und Spannungkraft. Der Weise ist immer auch zugleich ein Geiziger, aber der Gebildete verschwendet, und zwar am meisten sich selbst. Baustoff zum Aufbau seiner selbst, seines Selbst deucht ihn alles, was überhaupt noch in die Grenzen menschlichen Aufnahmevermögens fällt, nicht allein das ihm eigentümliche Wahre, sondern auch das ihm eigentümliche Irrige. Der Gebildete weiß, daß Wahrheit und Wahn aller Völker, Helden und Zeiten bilden können und gebildet haben, und je stärker sich der Gebildete von dieser unumstößlichen Gewißheit durchdrungen fühlt, desto weiter spannen sich die Grenzen dessen, was er zu seiner Selbstverwirklichung verwerten kann. Das Wissen des Weisen trachtet darnach, ein Mindestmaß zu werden; das Wissen des Gebildeten eifert nach dem Höchstmaß schlechterdings, und wenn einen, so lockt ihn der goldene Überfluß der Welt. Was da das Aug’ erblickt, das Ohr vernimmt, die Hand ertastet, der Sinn erdenkt, die Einbildungkraft erträumt, die Sehnsucht erwünscht, der Geist erdichtet, das wird ihn unter günstigen Bedingungen formen und gestalten. Denn Bildung ist Selbstvervielfältigung um alle die Erfahrungstoffe und Erlebnisinhalte der Welt, und in diesem Wortverstand deckt sie sich schon beinah’ mit der Erinnerung, die vorhin gleichermaßen gekennzeichnet ward als eine Art von Selbstvervielfältigung. So spinnt der neue Humanismus seidene Fäden über alle Länder und Erdteile, über alle Zeiten und Gesittungen, über alle Äußerungen und Hervorbringungen, über alle Geschehnisse und Geschichten. Neben das Rom der älteren Humanisten tritt überragend Griechenland, neben Griechenland der Balkan, Judäa, Arabien, Kleinasien, der Jrân, Ägypten, Indien, China... Eine Weltwanderschaft beginnt, eine zweite _conquista_, nur ohne Grausamkeit und Teufelei, ohne Blutvergießen und Verrat, ohne Leibesmord und Seelenvergiftung, vielmehr alleinig mit der göttlichen Waffe des Geistes. Der materiellen Besitzergreifung dieser Erde folgt die spirituelle, und sie tilgt die blutigen Spuren jener mit der Barmherzigkeit eines Engels. Denn diese Bildung -- ich nutze die Gelegenheit, es endlich einmal auszusprechen! -- diese Bildung zeigt ihre ehrwürdigen Träger und Vertreter wundersam begütigt: begütigter vielleicht als die Heiligen der bisher bekannten Religionen in Europa. Fast sieht es aus, als sei der Mensch dieses bösen Kontinentes hier zum erstenmal wirklich Mensch, hier zum erstenmal wirklich gut geworden, jetzt, wo er sich zum erstenmal bildet. Nicht aus Zufall auch wird in diesem Weltalter der Bildung gleichfalls zum erstenmal die Duldung zum Ideal der Zeit erhoben, nachdem sämtliche frühere Zeiten von einer Tugend solchen Namens nicht nur nichts wußten, sondern nichts wissen wollten. Zu dieser Stunde aber konnte, ja mußte die Duldung ernstlich geboten werden, -- obschon diese Duldung natürlich eine vieldeutige Erscheinung von mancherlei verschiedenen Ursachen gewesen ist, die keineswegs alle auf dem Gebiet des Geistes liegen. Die Duldung konnte, ja mußte in dieser Stunde geboten werden, weil der Gebildete endlich begreift, wie gleichmäßig fruchtbar jede Tatsache des Wissens, jede Tatsache des Glaubens sogar vom Menschen gemacht werden kann, unbeschadet seiner protestantisch-kritischen Pflicht zur Prüfung über Wahr und Falsch. Weil aber und wofern es der Gebildete ist, welcher dies begreift, vermag er den kritischen Begriff des Wissens von innen her zu überwinden. Wahr ist zwar nur, was die Vernunft in Übereinstimmung mit ihren eigenen Grundlagen und Voraussetzungen findet: aber in einem freien Sinn ist außerdem alles wahr, was den Menschen bändigt und erzieht, veredelt und aufklärt, läutert und verschönert, barmherzig und liebreich macht wie beispielweis jede der drei bekannten großen Religionen. Und weshalb nur jede der drei großen? weshalb nur jede der sogenannten Religionen? weshalb nicht alle in der Seele empfangenen und aus der Seele geborenen Religionen, Bekenntnisse, Glaubensvorstellungen, Moralen, Weltbilder, Künste, Heil- und Heiligtümer? So aufgefaßt aber machen die geflügelten Worte des Juden Nathan zum Kalifen Salah-ed-Din einen bislang unbekannten Zustand unseres Festlands kenntlich: einen bislang unbekannten Zustand nicht nur unseres Europa, sondern gleichsam eines neuen und eben erst erstehenden Kontinentes, der vielleicht nicht ganz unpassend Europasien zu nennen wäre, wenn anders man mir dieses Wort verzeihen will, welches eines Tages, wer weiß es, ein kaum mehr zu entbehrender Begriff sein wird... Genau diese nathanische Toleranz aber ist es, die jetzt dem europäischen Gebildeten den Zugang, den lang und fest versperrten, zum mütterlichen Festland wiederum entriegelt. Denn daß in diesem Augenblick einer der kritischsten, ja einer der polemischsten Köpfe seines kritischen Jahrhunderts diese durchweg männliche Duldsamkeit verkündigt, -- es gibt auch eine weibische Duldsamkeit, von der hier nicht geredet werden soll! -- daß just der Kritiker zur Toleranz sich bildet und in der Toleranz seine Kritik überwindet: das ist schon ein Stück Asien mitten im Herzen Europas. Das ist die erste Regung asiatischer, ja schon fast gotamidischer Groß- und Langmut, die sich unerschüttert-unerschütterlich genug weiß, alles unter dieser irdischen Sonne Auf- und Niedergehende in seiner Art an seinem Platze gelten zu lassen. Hier spricht die Menschlichkeit Asiens, wenn just der leidenschaftlichste Anti-Dogmatikus, der hitzigste Anti-Theologus das uralte Gleichnis von den drei Ringen wieder aufgreift und es der europäischen Welt, nein der Welt überhaupt als das nie mehr preiszugebende _tertium testamentum_ hinterläßt. Der glänzendste Vertreter mittelalterlicher Bildung, der Fürst, an welchem das glorreiche Deutschland des Mittelalters zugrunde ging, konnte auf die nämliche Frage noch, welche Saladin dem weisen Nathan stellt, die Antwort von den drei Betrügern finden. Lessing jedoch fand darauf die tiefere und schönere Antwort von den drei Wahrheiten: und so fand er auf seine Weise eine Spur von jener Lehre, „deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt“...

Das Zwischenspiel der europäischen Bildung, die endlich wieder einmal wußte, weshalb der Mensch wissen soll und wissen muß, war herrlich aber kurz. Es versprach überschwänglich viel und vieles, und das war mehr, als es halten konnte. Ein Jahrhundert, in wesentlichen Stücken deutsch trotz aller staatlichen Unbedeutung Deutschlands, ein Jahrhundert zwischen den Mannesjahren Herders, Wielands, Lessings und dem Tod der beiden Humboldts, -- und vorbei! Dasselbe Volk aber, welches den Begriff der Bildung in einem ruhmreichen Geschlecht von Denkern, Künstlern, Dichtern und Gelehrten auf seinen europäischen Gipfel getrieben hatte, schändet diese Bildung und schändet sich selber mit einem niemals zu verzeihenden Zynismus. Was seit dem Sieg des schlechteren Deutschland über das bessere in Deutschland selber und folglich auch in Europa Bildung heißt, verhält sich zu der Bildung des achtzehnten Jahrhunderts wie sich ein Mann etwa von der Würde Schillers zu einem einjährig-freiwilligen Prüfling mit ‚erlangter Reife‘ verhält, oder wie sich ein Kunstwerk von dem Wert des Palazzo Pitti zu einem Schweinekoben verhält. Darüber ist längst jedes Wort zuviel; -- genug, daß sich seit jenem schlimmsten Höllensturz, den vielleicht die europäische Geschichte vor dem November 1918 zu verzeichnen hat, die kritisch-protestantische Wissenschaftlichkeit des Abendlandes ohne jede selbst auferlegte Hemmung gehen läßt und austobt wie ein Mönch, der sein Gelübde brach. Jetzt hat ein jeglicher die Pflicht und auch das Recht, nach Möglichkeit alles zu wissen, alles zu begutachten, alles zu beurteilen, alles zu richten, alles zu entscheiden, alles zu erlauben, alles zu verbieten. Wahrheiten, die nicht Wahrheiten jedermanns sind und nicht ‚allgemein und notwendig‘ gelten oder nicht gelten, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die vielleicht nach dem strengen Wortgebrauch des Wissenschafters keine sind, vielmehr eher Irrtümer, die aber trotzdem ‚wahr‘ in einem anderen Wortgebrauche sind, weil sie Leben spenden und Entwicklungen fördern und Kräfte entfesseln und Bewegungantriebe übermitteln und Spannungen bewirken und Lösungen vorbereiten, -- sie gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die mit den einzelnen Lebensaltern wachsen und wieder mit ihnen welken und darum stets wieder ihre Zeit haben wie die Gezeiten des Himmels und der Erde, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die furchtbar auszuhalten sind wie eine verlorene Schlacht und dennoch eines Helden persönlichsten Sieg über die Welt und über sich selber darstellen, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die zwar nicht in Hörsälen nachgeschrieben, mit dem Steiß ersessen, mit dem Experiment erhärtet werden, dafür aber etwa mit dem eigenen Leben beglichen und mit dem eigenen Blut bezahlt sind, gibt es von jetzt an nicht mehr: desgleichen nicht mehr Wahrheiten, die zwar nicht in staatlichen Prüfungen öffentlich erprüft, dafür aber in vielerlei heimlichen Proben erprobt sind, nämlich in der Feuerprobe, in der Wasserprobe, in der Wollustprobe, in der Todesprobe, wie ein Adept altägyptischer Mysterien... Fortab verhält sich eine Sache so oder anders, und sobald dies ausgemacht ist, ist dieselbe Sache eigentlich im ersten wie im zweiten Fall erledigt, -- denn ausgemachte Wahrheiten pflegen uns gemeinhin ebenso wenig zu bekümmern wie ausgemachte Unwahrheiten. Die Kriterien aber sind in jedermanns Besitz, wofern ja die Vernunft und ihre Verfahrungweisen wenigstens grundsätzlich in jedermanns Besitz sind. Kritik braucht daher nirgends haltzumachen, soll und darf sogar nirgends haltmachen. Jeder stempelt alles ab, fertigt alles ab, nimmt zu allem Stellung, wahrt zu allem Abstand, behält sich die letzte Entscheidung gegenüber allem vor, unterwirft seinem Recht- und Richterspruche alles. Denn Wissen, das heißt Gerichtstag halten, wie einmal ein Dichter über das Dichten sagte; aber Gerichtstag halten diesmal nicht über sich selber, wahrhaftig nicht! sondern über diese ganze sicht- und unsichtbare Welt. Bis zuletzt keiner mehr woaus woein weiß. Bis zuletzt keiner mehr eine Stätte weiß, wo er sein Haupt zur Ruhe betten kann. Bis zuletzt keiner mehr Ursach’, Grund und Zweck weiß, warum er weiß. Bis zuletzt keiner mehr in Wahrheit weiß, ob er weiß oder ob er nicht weiß...

Europa aber oder die Christenheit, ihr Christen es litt und leidet unbeschreiblich unter dieser verhängnisvollsten Konsequenz des europäischen Protestantismus, die da Kritik heißt: Kritik ohne Einschränkung oder Zügelung, Kritik ohne Pause oder Ruhepunkt, Kritik ohne Grenze oder Maß, Kritik ohne Anstand oder Zucht. Mit dieser Kritik ist der Protestantismus des Westens außer Rand und Band geraten, und außer Rand und Band geraten sind mit ihm die Protestanten und Nichtprotestanten alle, die sich ihm freiwillig oder gezwungen gefügt haben, weil sie nicht das Odium der Unwissenschaftlichkeit auf sich nehmen wollten. Indes dieser Kritizismus am Leib und mehr noch an der Seele und am Geist der westlichen Menschheit frißt und wahrscheinlich alle drei noch einmal auffrißt, zeigt sich der Protestantismus Indiens von dieser Krankheit schlechthin unergriffen. In einer unverhältnismäßig entschiedeneren Art Protestant als irgend wer unter den repräsentativen Protestanten des Abendlandes, -- den einzigen Nietzsche ehrenvoll ausgenommen! -- verbietet eben dieser Protestant κατ’ ἐξοχήν Gotamo seinem Orden alles, was der Westen als die weltgeschichtlich bedeutsamste Errungenschaft des protestantischen Zeitalters immer noch mit vollen Backen auszuposaunen liebt: das uneingeschränkte Recht der Persönlichkeit auf Kritik, die uneingeschränkte Pflicht der Persönlichkeit zur Kritik, die uneingeschränkte Freiheit der Persönlichkeit zur Kritik. Wir Europäer, die wir seit Platons Tagen gelernt haben, das Wissen um der Wahrheit willen zu betreiben und bestenfalls in den Hoch- und Glanzzeiten unserer drei oder vier klassischen Kulturen den zersetzenden Wirkungen des _l’art pour l’art_ ausgewichen sind, -- wir Europäer wurden durch eben dieses _l’art pour l’art_ die frechen _libertins_ des Wissens und der Wahrheit, mit nur geringer Hoffnung, uns diese _libertinage_ noch einmal selber zu verbieten, selber zu verbitten: ganz einfach aus der Erkenntnis ihrer Gefährlichkeit heraus. Der indische Mensch hingegen, von allem Anfang an das Wissen als eine Leistung von ganz anderem Sinn bewertend, bedient sich auch nirgends der Kritik, um von ihr aus das Wissen zu rechtfertigen, zu erhärten, zu bewähren. Vielmehr liegt es durchaus in der Machtvollkommenheit des Wissenden, das Wissen über jede Möglichkeit der Anzweiflung hinaus zu rechtfertigen, zu erhärten, zu bewähren. Dadurch nämlich, daß er mit Hülfe des Wissens jenen menschlichen Zustand verwirklicht, welchen das denkwürdige Gespräch der Chândogya-Upanischad zwischen Nârada und Sanatkumâra als die Überwindung des Kummers bezeichnet: „Ich aber, o Ehrwürdiger, bin bekümmert...“ -- „Ich aber, o Ehrwürdiger, bin nicht mehr bekümmert!“... Wo der Wissende denen, die um ihm sind oder die sich ihm nähern, zu erkennen gibt, daß er diesen Zustand wirklich in sich verkörpert, da hat der Wissende nicht allein sich selber, sondern außerdem auch sein Wissen über jeden Einwand gewiß gemacht. An seinem persönlichen Zustand und Urstand liest man die Stufe erlangter Wissenschaft unmittelbar ab, wie man an den Zahlen eines Wärmemessers die Grade der Wärme oder Kälte unmittelbar abliest. So wird die Fragestellung nach Wahr oder Falsch nicht geradezu abgewiesen, denn dazu ist sie für die Lebensführung in jedem Sinn viel zu unentbehrlich. Wären wir nämlich außer stand, Wahr und Falsch zu unterscheiden, dann könnten wir wohl auch Wahrheit von Lüge nicht unterscheiden, und dieser Mangel an notwendigstem Wissen würde sofort in den Mangel an notwendigstem Gewissen umschlagen. Gehört doch gerade nach der Lehre des Buddho die Lüge zu den fünf gröbsten Hemmungen, die unbedingt beseitigt werden müssen, ehe die feinere Arbeit der Selbstläuterung und Selbstheiligung von statten gehen kann. Schon also um nicht lügen zu müssen, muß man Wahrheit von Wahn zu unterscheiden vermögen, und in diesem Betracht läßt freilich auch die buddhistische Heilslehre Kritik nicht nur zu, sondern fordert sie mit aller Strenge. Auf der Erkenntnis der Wahrheit im Gegensatz zur Lüge beruht auch hier jede höhere Menschlichkeit, und nur, was Wahrheit im Gegensatz zu Irrtum, Irrtum im Gegensatz zu Wahrheit betrifft, trennt sich die Auffassung Indiens, insonderheit die Auffassung Gotamos mit Bestimmtheit von der unseren. Indes Wert oder Unwert des Wissens bei uns ausschließlich davon abhängig gemacht wird, ob es Wahrheit, ob es Irrtum mitteilt, entscheiden dort Wahrheit und Irrtum von sich aus nicht über Wert oder Unwert des Wissens. Wesentlich für das Wissen ist ausschließlich das eine, daß es den Wissenden emporstufe und empormensche gemäß der Lehre, gemäß der Regel. Ein Wissen jedoch, nur dazu erworben, um Wahres von Verkehrtem, Falschem, Irrigem zu sondern, ist in den Augen Gotamos wofern nicht wertlos, so doch vollkommen belanglos: Adiaphoron! In dem berühmten Gleichnis vom vergifteten Pfeil in der Dreiundsechzigsten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo fertigt der Buddho alle diesbezügliche Neubegier mit einem unübertrefflich feinen und geistreichen Spott ab, und wer hier zwischen den Zeilen und nicht allein auf ihnen zu lesen verstünde, der würde vielleicht gewahr, daß für Gotamo unter den Inbegriff ‚wissenschaftlicher‘ Neubegier so ziemlich alle die ‚ewigen‘ Fragen unserer Europäerwelt mit ihren Disjunktionen, Alternativen, Paralogismen, Subreptionen, Antinomien fallen, -- tausendunddrei und ihr seid auch dabei!...