Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 21
Ein höchst bedeutungreicher Saldo, ihr Christen, wenn es recht bedacht wird! Denn jetzt löste die junge Kirche dieselbe Aufgabe theologisch und ontologisch, welche der platonische Sokrates pragmatisch und ethisch zu lösen versucht hatte. Die Wahrheit an und für sich, welche seit Platons Auftritt sozusagen frei in der Luft geschwebt hatte, um erst in der Person des Weisen nachträglich einen Haft und Halt zu finden, sie fand hier Haft und Halt von vornherein in der Person Gottes. Seit Platon und Aristoteles ein logischer Begriff, wurde die Wahrheit seit Augustinus, ja seit Plotinos ein ontologischer Begriff: die bloße Eigenschaft gewisser Denkverknüpfungen dort ward zum Sein und Wesen hier. Überraschend buchstäblich nahm die neue Lehre das Wort Platons von dem ‚in Wahrheit Seienden‘ und machte mit ihm Ernst in alle erdenklichen Konsequenzen: Gott selbst ist fortab das in Wahrheit Seiende, Gott selbst ist der in Wahrheit Seiende. Die Wahrheit wissen, hieß darnach Gott wissen auf Grund der Gleichung Wahrheit = Gott, Gott = Wahrheit, -- und damit war in Ansehung des Wissen und seiner wesentlichen Leistung jeder Zweifel vollständig beseitigt. Von dieser theologischen und ontologischen Umdeutung des Begriffes Wahrheit her konnte dann allerdings auch vom Standpunkt des Christentums und seiner Kirche aus Wissen und Wissenschaft um der Wahrheit an und für sich willen zugelassen werden, -- hatten doch jetzt diese nach Heidentum schmeckenden Namen einen vollkommen unheidnischen Sinn unterstellt bekommen. In dieser Wissenschaft, deren einziger Gegenstand und Vorwurf Gott heißt, kann sich der Mensch nicht wie in den Ideen Platons ziel- und richtunglos verlieren, hier muß er sich im Gegenteil erst richtig finden. Wer Gott auf wahrheitgemäße Weise weiß, der ißt gleichsam von Gott, -- _qui mange du pape, en meurt; qui mange de Dieu, en vit!_ -- und es ist fast doch mehr wie ein bloßes Gleichnis, wenn ich zu behaupten wage, die Scholastik des Mittelalters habe wenigstens ihre Haupt- und Grundwissenschaft Theologie in nächste Nachbarschaft der Sakramente gebracht, was Leistung, Erfolg, Bedeutung dieser Wissenschaft für den Ausübenden anbetrifft. Das scholastische Wissen von Gott ist in der Tat etwas wie ein Sakrament, wobei Gott durch die Erkenntniskraft des Menschen geradezu eingenommen, einverleibt, einvergeistet erscheint: _sacramentum_ im Sinn von ‚Heilsmittel‘, weil dieses Wissen von Gott das Heil in Gott vermittelt; χάρισμα im Sinn von ‚Gnadengabe‘, weil dieses Wissen von Gott ohne Beistand der Gnade Gottes nicht zu erlangen ist; μυστήριον im Sinn von Einweihung, weil dieses Wissen von Gott den Wissenden zu Gottes Sohn und Kind weiht. Im Vorgang dieses Wissens geschieht es, daß Gott bei der Gestaltung seines eigenen Gedankens im Geist des Wissenden aus allen seinen Kräften selbsttätig in Mitwirkung, oder wie Luther wahrscheinlich gesagt hätte, in ‚Konkomitanz‘ mit diesem Geiste tritt; im Vorgang dieses Wissens geschieht es, daß der gewußte Gott die Vernunft des menschlich Wissenden seiner eigenen Gottvernunft anähnlicht. Diese sakramentale (und nicht mehr alleinig ‚mentale‘) Auffassung des Wissens wird dann noch, das versteht sich für jeden ungefähren Kenner des Mittelalters ganz von selbst, aufs nachdrücklichste verstärkt durch die realistische Doktrin, wonach die erfaßten Denkinhalte, je allgemeiner sie nach Inhalt und nach Umfang werden, einen umso höheren Grad von Wirklichkeit gewinnen, bis in dem Denkinhalt von höchster Allgemeinheit zugleich der höchste Grad von Wirklichkeit erreicht ist: und das ist wiederum Gott. An den Graden begrifflicher Allgemeinheit steigt mithin der Wissende von Wirklichkeit zu Wirklichkeit aufwärts bis zur allerallgemeinsten und allerwirklichsten Wirklichkeit. Weit entfernt davon mit den Begriffen zu spielen, wie man mit Gespinsten des Gehirns spielt, bemächtigt man sich im Begriff der höchsten Wirklichkeit der Welt. Hier stoßen hart im Raum sich die Gedanken, wenn leicht beieinander alle Sachen wohnen. Begriffe sind Wirklichkeiten über die Gegebenheiten der Sinneswahrnehmung hinaus und sogar noch die ‚falschen‘ Begriffe sind unter Umständen Wirklichkeit, nur mit dem höllischen Vorzeichen der Widersacherschaft gebrandmarkt. Daher die furchtbare Gefahr der falschen Meinung, irrigen Lehre, verkehrten Ansicht, die dem mittelalterlichen Menschen so etwas ganz anderes bedeuten als dem antiken oder gar modernen Wissenschafter dieser oder jener Denkfehler. Denn wer da nicht das Wahre denkt, schließt sich der Widerwelt des Wahren an und so dem Widersacher Gottes. Wissen, das heißt hier fast die Entscheidung treffen, ob einer gewillt sei, des Lebens Kampf auf seiten der himmlischen Heerscharen oder der höllischen Mächte zu kämpfen, und dieserhalb war es von der scholastischen Auffassung aus nur folgetreu gedacht, dem Irrenden nicht mit dem Holzschlegel zwar, aber mit dem prasselnden Scheiterhaufen ‚seelsorgerisch‘ bedacht zu winken...
Die menschliche Leistung dieses Wissens kann, wie ich schon sagte, nicht gut einem Zweifel unterliegen. Hier verschwimmt die Wahrheit nicht in den rauchenden Horizonten zwischen Himmel und Erde in einer überall gleich fernen Unendlichkeit von Sachverhalten an und für sich, welche das Mißliche an sich haben, daß sie ausnahmlos denselben Anspruch auf Anerkenntnis und Geltung erheben und erheben dürfen. Solange die Wahrheit Gott ist und Gott die Wahrheit, findet sie in Gott Haft und Halt, und mit der Wahrheit findet der Mensch in Gott Haft und Halt, der sich ihre Ergründung angelegen sein läßt. Beklagenswert war nur, daß diese Gleichsetzung von Gott und Wahrheit doch nicht dauernd in Kraft bleiben konnte, sondern daß eben der ontologisch-theologische Charakter des ‚in Wahrheit Seienden‘ bestritten ward. Die Formel Wahrheit = Gott und Gott = Wahrheit hatte seit Augustinus, wir wissen es, den unangetasteten Besitz der Patristik und Scholastik gebildet, und vermutlich ist es ein starkes Gefühl der Unentbehrlichkeit dieser Formel gewesen, welches die Kirche veranlaßt hat, die ersten und ach! so tastend zaghaften Regungen des Nominalismus in der jungen Wissenschaft des mittelalterlichen Abendlandes durch Machtspruch zu unterdrücken und den vielleicht führenden Nominalisten Roscellinus von Armorika auf dem Konzil zu Soissons zum Widerruf zu nötigen: denn in der Tat ist es der aufkommende Nominalismus, der dann die Voraussetzungen dieser Formel aufhebt. Wenn die Begriffe nicht mehr wirklich sind, geschweige denn, daß ihre Wirklichkeit mit wachsender Allgemeinheit selber wächst und vollkommener wird, dann büßt auch der allgemeinste aller Gemeinbegriffe, nämlich das _universale_ ‚Gott‘, seine Wirklichkeit ein und seine Wahrheit im Sinn der realistischen Auffassung wird fragwürdig. Selbst nämlich wenn Gott auch dann noch in Person in irgendeinem Wortverstand ‚wahr‘ bleiben sollte, bleibt er’s doch länger nicht mehr im Wortverstand jenes _ens realissimum, ens generalissimum_. Just die allgemeinsten Begriffe und Vorstellungen verlieren ihre Wirklichkeit und damit auch ihre Bindung an den vollkommenen Inbegriff aller Wirklichkeiten, an die Urwirklichkeit schlechthin oder Gott. Jetzt lösen sich die Wahrheiten von der Einen Wahrheit ab und diese bleibt gleichsam entblättert zurück wie der Stumpf einer Palme, deren Schaft aus den leeren Scheiden längst abgestoßener Blätter besteht... Gibt es aber ‚wahre‘ Begriffe, die abgesondert vom Ursein der höchsten Wahrheit zu bestehen vermögen, ja die sogar nur in dieser Abgesondertheit bestehen, dann gibt es auch wieder (wie einst im Platonismus!) eine Wahrheit, die weder Gott selber noch göttliche Dinge irgendwie betrifft. Dann gibt es auch wieder eine Wissenschaft, die nicht um Gottes willen, sondern eben um der Wahrheit an sich willen betrieben wird. Dann ist das Abendland zum zweitenmal der beklemmenden Gefahr ausgesetzt, die alle Wissenschaft bloß des Wissens wegen und alle Erkenntnis bloß der Wahrheit wegen je und je verfolgt...
Es ist somit die nominalistische Scholastik, welche den Begriff Wahrheit wieder auf seine eigenen Beine zu stellen wagt, nachdem die realistische Scholastik Wahrheit und Gott, nur gleichsam in der Mitte zusammengewachsen, wie siamesische Zwillinge auf den europäischen Jahrmärkten herumgezeigt hatte. Die Anstrengungen aber, wie sie in den folgenden Jahrhunderten des siegreich vordringenden Nominalismus gemacht werden zugunsten einer endgültigen Verselbständigung der abendländischen Wissenschaft, sie werden vervielfältigt durch die entsprechenden Anstrengungen der Reformatoren. Ein Mann wie Luther lernt auf der Universität die Scholastik nur noch in der nominalistischen Ausprägung kennen, und wenn er im Ungestüm der ersten Kämpferjahre geradezu den Fortbestand europäischer Wissenschaftlichkeit als solchen schwer gefährdet und vorübergehend eine massenhafte Entvölkerung von Deutschlands hohen Schulen bewirkt, ist er bei der Weiterführung seines Werkes doch zu sehr auf die Mitarbeit gelehrter Humanisten angewiesen, um nicht zuletzt diesen neu erstandenen Typus Wissenschaft und Wissenschafter seinerseit nach besten Kräften zu fördern. Eine im Humanismus jener Tage schüchtern auflebende Freude an der Gestalt des Weisen -- am anziehendsten vielleicht verkörpert in dem gothaer Humanisten Konrad Mudt, der unter dem Namen Mutianus Rufus einen schier sokratischen Einfluß auf die ihm ergebenen Jünglinge ausübt, mit denen verbunden er innig „nach Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Geduld, Eintracht, Wahrheit und einmütiger Weisheit“ strebt! -- eine solch schüchtern auflebende _rinascènza_ antiker Lebensführung und Wissensbewältigung findet freilich nicht den Beifall des Bruders Martinus und kann sie bei ihm nicht finden, dem der Weise seiner ganzen Veranlagung nach noch mehr gegen den Strich gehen muß wie seinen religiösen Vorkämpfern Paulus und Augustinus. Mit Weisheit war keine Reformation gemacht und ein kochender Geyser ist kein Kristall, nicht einmal ein flüssiger. Aber in der außerordentlichen Bewertung einer kritisch zu betreibenden Wissenschaft fühlt sich auch Luther durchaus mit dem Humanismus einig, -- war doch sein ganzer Evangelismus zutiefst nur eine besonders fruchtbare Anwendung des humanistischen Grundsatzes jener zeitgemäß verfahrenden Forschung: Zurück zu den Quellen! Zurück zu den Ursprüngen! Zurück zu den Urkunden!... Diese humanistische Wissenschaft, in ihrer Beschaffenheit ebensosehr nominalistisch und kritisch wie die scholastische Wissenschaft realistisch und dogmatisch, wird mithin seit der deutschen Reformation von dem mächtigen Atem des Protestantismus gebläht und geschwellt. Kritik heißt die Springwurzel, Kritik heißt die Sprengwurzel, welche die Schlösser soviel heimlicher Schatzkammern des Wissens krachend aufsprengt; Kritik heißt die Kunst der Vernunft, die Wahrheit an und für sich selbsttätig auszumitteln, die vormals der Scholastiker gleichsam auf Gnadenwegen als den Geist des Allerheiligsten in seinem Geist empfing. Jetzt besteht ein angeborenes Menschenrecht für jeden, der des Wissens bedürftig ist, die sich darbietenden Sachverhalte der Reihe nach zu prüfen auf ihre Richtigkeit oder Irrigkeit hin, -- jetzt besteht sogar eine angeborene Menschenpflicht, sich dieser selben Prüfung nicht in Feigheit oder Trägheit zu entziehen, sondern sie vorzunehmen nach ‚bestem Wissen und Gewissen‘. Der Kritiker, das ist der Richter über Wahr und Falsch: der Richter, der da Wahr und Falsch erst zu suchen, erst zu finden hat, ehe das Urteil ergehen kann, -- und just dieser Umstand ist von großer Tragweite in der Folgezeit gewesen. Denn von da an heißt ja Wissen nicht mehr einen von vornherein daseienden Besitz an ewigen Wahrheiten, ewigen Denkinhalten, ewigen Gewißheiten einfach anzutreten, wie beispielweis das Mittelalter die ewige Wahrheit ‚Gott‘ angetreten hat. Fortab heißt Wissen in unablässiger Prüfung und Überprüfung die Entscheidung über das, was gilt oder nicht gilt, durch eigenes Tun, eigenes Können herbeiführen und furchtlos die Verantwortung für die eigene Entscheidung auf sich nehmen. Ein gewaltiger Umschwung, der ein paar Jahrhunderte später seinen denkwürdigen Ausdruck in der Lehre Kants gefunden hat, wonach die Gegenstände des Wissens keineswegs schon fertig zum Gebrauch vor dem zugreifenden Verstand des Wissenden ausgebreitet liegen, wie bisher die übliche Meinung war, sondern durch die geregelte Zusammenarbeit sämtlicher Erkenntniskräfte erst erzeugt, hervorgebildet und erschaffen werden. Wenn der Platoniker nur sein geistiges Auge aufzuheben brauchte zu der Feste der ‚in Wahrheit seienden‘ Sinn-Bilder, nachdem er den Blick von dem Schein-Bild der Werdewelt abgewendet hatte: und er alsdann das Wahre an und für sich schaute; wenn der Peripatetiker nur in Übereinstimmung mit den Vorschriften des Vernunftschlusses zu folgern brauchte, nachdem ihm die ersten und grundlegenden Obersätze aller aufwärts und abwärts leitenden Schlüsse durch unmittelbare Kenntnisnahme gegenwärtig geworden waren: und er alsdann die Wahrheit an und für sich ergründete; wenn der Scholastiker nur in Berührung zu gelangen brauchte mit der Vollkommenheit des höchsten Wesens, nachdem er sich der begnadenden Mitwirkung dieses Wesens bei diesem geistigen Mahl geistiger Eucharistie versichert hatte: und er alsdann die Wahrheit als Gott und Gott als die Wahrheit empfing, -- so liegt es jetzt dem Kritiker und Kritizisten ob, sich ein für allemal die notwendige Klarheit darüber zu verschaffen, daß es eine an und für sich seiende Wahrheit in der bisher gültigen Auffassung eigentlich nicht gäbe, vielmehr durch die Arbeit des Wissens und Erfahrens und Erkennens erst hervorgebracht werden müsse. Mit dieser Einsicht erst, die der kantischen Kritik verdankt wird, ist die allmähliche Umdeutung des Begriffes Wissen und Wissenschaft zu Ende gebracht, welche im humanistischen Zeitalter mit der Zersetzung des scholastischen und realistischen Dogmatismus beginnt und dann vom Protestantismus so nachdrücklich gefördert wird. Und wie etwa Benvenuto Cellini, der Erzgießer, gelegentlich alle Teller, Schüsseln, Platten eines Geschirrs von Zinn, die er im Drang der Not erraffen kann, einfach in den Sutt seiner eben werdenden Statue hineinwirft, um sie darin für den Guß einzuschmelzen, -- so übergibt Kant, der Kritizist, alle Gegebenheiten, Wahrheiten, Gewißheiten der Erkenntnis, deren er überhaupt habhaft zu werden vermag, gleichsam dem Sutt werdender Vernunfturteile, um derart die spröden Gebilde fertiger Wissenschaft in die Tätigkeit der Wissenserzeugung einzuschmelzen. In einem bis zu den obersten Voraussetzungen des Erkennens rücklaufenden Verfahren hat mithin der Kritiker alles zu prüfen und immer wieder zu prüfen, was mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit und Geltung vor ihn tritt. Nichts in der Welt ist dazu berechtigt, sich unbeanstandet, unbeargwöhnt Wahrheit oder Gewißheit gar anzumaßen. Wofern jede Prüfung aber auf dem Besitz der Maßstäbe, jede Entscheidung auf dem Recht der Zuständigkeit fußt, obliegt dem Kritiker eine andauernde Selbstbesinnung auf diese seine Maßstäbe, eine andauernde Rechtfertigung dieser seiner Zuständigkeit. Die ganze unendliche Welt legt der kritisch Prüfende, kritisch Entscheidende auf die Wage: der kritisch Prüfende und Entscheidende wird sich und der Welt selber zur Wage, die nun niemals mehr zur Ruhe kommt, sondern beständig auf und nieder schaukelt, auf und nieder gaukelt. Jeder Einfall, jede Beobachtung, jede Entdeckung erzwingt eine Verschiebung der Gewichte und infolgedessen zittert und bebt, wankt und schwebt, tanzt und schwankt alles Gewußte und alles Wißbare ohne Aufhören. Nichts mehr in Raum-Zeit und Zahl steht fest, nichts mehr steht: und am wenigsten die Wahrheit. Wie vordem das Radjuwel das Kennzeichen gewesen ist für die Lehre Gotamos oder der Fisch das Kennzeichen für die Zugehörigkeit zum Christentum, so wird jetzt das Fragezeichen zum Kennzeichen des kritischen Wissensbegriffes und des ihm zugehörigen Weltalters, -- das Fragezeichen das Kennzeichen und vielleicht eher noch das Kainszeichen einer zu geistiger Fried- und Heimatlosigkeit verdammten Menschheit. Unausgesprochen oder ausgesprochen, unausgeschrieben oder ausgeschrieben erscheint das Zeichen der Frage hinter allen Urteilen und Deutungen, Annahmen und Voraussetzungen der heutigen Wissenschaft als die _reservatio mentalis_, die jedes erkenntnismäßige Ergebnis zu einem nur einstweiligen, nur uneigentlichen, nur annäherungweisen, nur widerruflichen unrühmlich herabsetzt. Es kann sich alles ungefähr so verhalten, wie sich’s dem kritischen Bewußtsein zu dieser Stunde zu verhalten scheint. Aber es kann sich auch alles völlig anders verhalten, und der Möglichkeiten, wie sich’s verhalten könne, ist nirgendwo kein Ende abzusehen...