Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 20
Im Besitz der Erinnerung an frühere Geburten und Verkörperungen weiß sich also der Erinnernde, ich sage es noch einmal, bald auch in den Besitz der Erkenntnis des Gesetzes zu setzen, nach welchem die Geburten und Verkörperungen stattfinden und stattfinden müssen. Der Asket kann „mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen, wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren.“ Solchermaßen hat der Asket das zweite Wissen dann erworben. Die Summe seiner früheren Geburten als Zeitreihe in der Erinnerung sich vergegenwärtigend, erfährt und erfaßt er noch einmal mit geschärftem Sinn das ewige Gesetz dieser Geburten als Ursache-Wirkungreihe, -- jenes Gesetz, das ihm vormals schon die Welt erschloß, das Leben erschloß, das Leiden erschloß. Durchschauend und immer klarsichtiger durchschauend, wie alles gekommen ist und wie alles kommen mußte, fällt ihm auf dieser gehobenen Stufe noch einmal mit dem Gesetz der Welt ihr ganzes Weh und Ach auf die wissend gewordene Seele: noch einmal blickt er auf das Leid zurück, wie man etwa auf eine Landschaft zurückblickt, in der man vieles erlebte und die man sich jetzt zu verlassen anschickt. Und mit dem Leid und Weh und Ach der Welt wird ihm das dritte Wissen, -- „drei Wissen weiß der Asket Gotamo!“ -- das da alles vorige Wissen endgültig krönen wird. Jetzt ist die Bahn durchmessen, jetzt schlingt sich das Ende um den Anfang wieder, jetzt ist der Kreis geründet und der Ring geschlossen. Aus vierfacher Selbstvertiefung ward Erinnerung geboren, aus der Erinnerung ward das Gesetz geboren, aus dem Gesetz aber wird die Freiheit geboren. Also hat nunmehr der Asket drei Wissen nach Vollzug der vier _jhânâni_ gleichsam vollbracht, also hat er drei Wissen gleichsam verwirklicht. „‚Das ist das Leiden‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist die Leidensentwicklung‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist die Leidensauflösung‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist der Wahn‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist die Wahnentwicklung‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist die Wahnauflösung‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend wird da sein Gemüt erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ‚Im Erlösten ist die Erlösung‘, diese Erkenntnis geht auf. ‚Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketentum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‘ versteht er da“...
Drei Wissen weiß der Asket Gotamo. Drei Wissen vollbringt der Asket Gotamo. Drei Wissen verwirklicht der Asket Gotamo.
Wofern es, ihr Christen, Wahrzeichen und Merkmal des Wissens ist, ‚daß den Kummer überwindet, wer den Âtman kennt‘, dann weist kein anderes Wissen so deutlich dies Wahrzeichen und Merkmal auf wie das Wissen des Buddho, -- obschon es schlechterdings kein Âtman- und kein Brahmanwissen ist. Über die vier _jhânâni_ hinweg eigentlich mehr einwärts als aufwärts dringend, erbohrt der gotamidisch Wissende die Schächte des Unbewußtseins; erbohrt er die Erinnerung an die früheren Geburten; erbohrt er die Erkenntnis der Wiederkünfte und ihres ewigen Gesetzes; erbohrt er die heilige Wahrheit selbviert des Leidens, der Leidensentstehung, der Leidensverwindung und des zur Leidensverwindung führenden Weges. Dies Wissen ist ein unteilbares σύστημα, ein unteilbarer Zusammenhang, vollkommen in sich geschlossen, rund und fertig. Mit ihm ist der Wissende instand gesetzt, das heilige Ziel alles Wissens zu erreichen und unbekümmert, kummerlos zu wandeln. Mit ihm hat sich der Wissende alles angeeignet, was nach buddhistischer, aber auch nach brahmanischer Auffassung allein zu wissen not tut und was der verpflichtenden Bezeichnung ‚Wissen‘ alleinig wert erscheint. Keine Zweifel, daß auch dieses indisch-buddhistische Wissen hin und wieder enger sich berührt mit der Errungenschaft, die wir Abendländer unsererseit mit diesem Ausdruck zu benennen pflegen, und namentlich trifft diese engere Berührung zu bei der Erinnerung, die uns in vielem an die bis heut noch nicht außer Kraft gesetzte Wissenschaftlehre Platons wie an das liebe Gesicht eines alten Bekannten mahnt. Aber im ganzen und großen bleibt dieses Büßer- und Erlöserwissen doch so fern von unserem Forscher- und Gelehrtenwissen, daß wir hier auf hohe Schwierigkeiten stießen, uns von diesem gotamidischen Wissen an manchen Stellen ein zulängliches Verständnis zu verschaffen, -- gesetzt den sehr günstigen Fall, es gäbe von solch fremden Dingen überhaupt ein zulängliches Verständnis oder könne wenigstens grundsätzlich ein solches geben. Denn was hat es doch, besinnen wir uns gefälligst, mit unserem eigenen Wissen und mit unserer eigenen Wissenschaft für eine Bewandtnis? Und was ist nach unserer eigenen landläufigen Auffassung Wissen und Wissenschaft? Doch offenbar in einem beides: erstens sowohl nämlich eine nach Regeln verfahrende Tätigkeit des Verstandes, der Vernunft, der Urteilskraft, die sogenannte Wahrheit zu vermitteln, -- zweitens aber auch das Ergebnis dieser Tätigkeit, der geordnete Besitz oder ‚Schatz‘ aller dieser Wahrheiten. Was wir Europäer zu wissen glauben, glauben wir als die Wahrheit zu wissen, wie schon der heilige Thomas von Aquino uns bedeutet, wenn er gelegentlich den Begriff des Wissens folgendermaßen umschreibt: „_Scire aliquid est perfecte cognoscere ipsum; hoc autem est perfecte apprehendere ejus veritatem_“... Wissen und die Wahrheit an und für sich wissen, das deucht uns Europäern mithin ohne weiteres ein und dasselbe. Daß es eine solche Wahrheit an und für sich irgendwie gäbe und geben müsse als die maßgebliche Voraussetzung jeder Erkenntnisarbeit, die nicht schimärisch ins Blaue hinein spinnen und schwindeln, faseln und schwafeln will: dieser Satz steht seit dem weltgeschichtlichen Kampf des Pythagoreers Platon gegen den antiken Relativismus nicht nur unerschüttert fest, sondern er steht: steht als der _rocher de bronce_ aller Wissenschaft- und Erkenntnislehren, auch wenn die unsterbliche Sophistik unsterblicher Sophisten immer wieder dagegen Sturm gelaufen ist und eben heuer wieder aufs heftigste dagegen Sturm läuft. Es muß eine Wahrheit geben an und für sich (oder wie der Pythagoreer Platon gesagt hat ‚αὐτὸ καθ’ἁυτό‘), es muß einen überhimmlischen Ort, τόπος ὑπερουρανιός geben von gültigen Sachverhalten an und für sich, wenn anders ein Wissen und eine Wissenschaft im europäischen Wortsinn möglich sein sollen. Auch wer da behauptete ‚Es gibt keine Wahrheit‘ beriefe sich bei dieser seiner Behauptung auf die Wahrheit und beanspruchte für sie allgemeine Geltung, überpersönliche Verbindlichkeit, notwendige Verpflichtung. Im Zeichen dieser stehenden und standhaften Wahrheit an und für sich ist die europäische Wissenschaft tatsächlich seit den Griechen von Sieg zu Sieg geschritten, welterobernd und weltherrschend wie kaum je eine zweite Macht der Menschheit; ein unermeßlicher Schatz gesicherter und gesichteter Erkenntnis ward als ein hoffentlich nicht mehr zu verlierender Besitz des _homo sapiens_ angehäuft und auch wiederum verschwendet, gesammelt und auch wiederum verausgabt. Wer wollte angesichts solch überwältigenden Erfolges so kleinlich sein und an die Opfer denken, die er gekostet hat. Wie selten denken Menschen an ihre Opfer, solange ihnen der Erfolg winkt, -- frühestens dann, wenn der Erfolg zur Frage wird, fällt ihnen bei, einen Überschlag zu machen und zu rechnen, und zu rechten...
Unversehens also ist der abendländischen Menschheit das Wissen um die Wahrheit an und für sich zum Ziel und Zweck des Wissens selbst geworden. Durchaus in einer erkennenden Bewegung begriffen nach dem An-und-für-sich-Sein der Wahrheit hin, gilt ihr deren Ergründung ohne weiteres als Selbstzweck. Was dem Wissen um die Wahrheit an und für sich dem menschlichen Leben und Dasein, dem Geist und der Seele etwa bedeuten könnte, wird nicht gefragt, -- nicht wird gefragt, was die Wahrheit als solche im Zusammenschluß menschheitlicher Wesensäußerungen und für diesen Zusammenschluß zu leisten vermöchte. Das Ideal dieser Wahrheit an und für sich, von allen asketischen Idealen der europäischen Menschheit unzweifelhaft das asketischste, -- aber freilich asketisch im Sinn Nietzsches und nicht im Sinn des Buddho! -- dieses Ideal heischt unbedingte Selbsthingabe, ja Selbstaufgabe dessen, der ihm dient: und so war man über seinen Wert beruhigt, weil Selbsthingabe, Selbstaufgabe unter allen Umständen für gut befunden worden. Es mußte eine tiefe Genugtuung sein für jeden, der am babylonischen Turm der Wahrheit bauen helfen durfte, daß er daran bauen helfen durfte, und sei’s auch nur, daß er Ziegel strich oder Mörtel mengte. Die Wahrheit aber wuchs und wuchs Sandkorn um Sandkorn wie eine Düne, wie eine Wüste, nach allen Erstreckungen des Geistes hin. Denn unendlich ist die Zahl dessen, was gewußt werden kann, was gewußt werden soll; unendlich sind auch die Verfeinerungmöglichkeiten des eingeschlagenen Verfahrens und Forschens, Wägens und Erwägens, Messens und Untersuchens, Zählens und Errechnens. Wer auch nur eine einzige Wahrheit, ein Wahrheitchen, zum erstenmal ausgesprochen, eine einzige kleine Beobachtung zum erstenmal gemacht, eine einzige kleine Regelmäßigkeit zum erstenmal entdeckt hat, der half das _summum bonum_ der Wahrheit an und für sich mehren und das unendliche Ganze der Wissenschaft fördern. „Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buch aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen: aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen nun wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schaudern empfindet“... Uneigennütziger und entsagungbereiter Fleiß des europäischen Gelehrten legt also hier wirklich Körnchen neben Körnchen, Stäubchen neben Stäubchen, bis die Masse der Wißbarkeiten und Gewißheiten zum Berg, ja zum Gebirg gestockt ward, dessen Gipfel zuletzt niemand mehr zu ersteigen vermag. Und wie die europäische Wirtschaft, seit sie nach dem Ausgang des Mittelalters ‚frei‘ betrieben ward, jeweils Ware um Ware auf Vorrat anzufertigen pflegt, ohne sich um ein wirklich bestehendes Bedürfnis nach Waren irgendwie zu kümmern, um dann fast in regelmäßigen Zeitabschnitten empfindliche Stockungen im Absatz und Umsatz zu erleiden, -- so erzeugt die europäische Wissenschaft auch ihre Wißbarkeiten und Gewißheiten gleichsam auf Vorrat, ohne darauf bedacht zu sein, ob die aufnehmenden und verarbeitenden Fähigkeiten des Menschen mit den hervorbringenden noch Schritt gehalten haben möchten. So hat sich die Wissenschaft bei uns daran gewöhnt, um der Wissenschaft willen zu forschen, und dieses _l’art pour l’art_, _science pour science_ ist eigentlich seit Platon und Aristoteles, will sagen seit den Anfängen des Hellenismus, in Europa auf lange Zeitstrecken hin immer wieder das große Verhängnis des Abendländers geworden. Ebenso planlos, ebenso frei, ebenso unverantwortlich wie die Wirtschaft in hochkapitalistischen Weltaltern hervorbringt, ebenso bringt in den hochintellektualistischen Weltaltern die Wissenschaft hervor, also daß beide von Krisis zu Krisis, von Katastrophe zu Katastrophe taumeln. Wo die Wissenschaft ausschließlich um der Wahrheit willen betrieben wird, da gibt es kein Ziel und kein Maß ihres sogenannten Fortschritts: da wälzt sie ihren unwiderstehlichen Schwall über alle Ufer und schwemmt alles An- und Eingewurzelte von seinem festen Platz, wo es würdig stand und fußte. In dem toten Meere der Wißbarkeiten und Gewißheiten muß der Einzelne rettunglos ertrinken, noch eh’ er an den eintönig-einsilbigen Horizonten ein Fahrzeug wahrnimmt, das ihn bergen könnte. Die unvermeidlichen Folgen dieser wissenschaftlichen Übererzeugung heißen Wissensmüdigkeit, Wissensmißachtung, Wissensüberdruß, genau wie die Folgen der wirtschaftlichen Übererzeugung Absatzstockung, Arbeiterentlassung, Zahlungeinstellung heißen. Und in vierfacher Beziehung erweist die Tatsache der europäischen Wissenschaft eine Fragwürdigkeit, welche geradezu ihre Daseinsberechtigung zweifelhaft erscheinen läßt:
Als Stoff betrachtet wird das Wissen formlos, weil es Form offenbar nur von der aufnehmenden Persönlichkeit her empfangen kann.
Als Besitz betrachtet wird das Wissen herrenlos, weil es Eigentumswert offenbar nur bei der aneignenden Persönlichkeit erwerben kann.
Als Tätigkeit betrachtet wird das Wissen zwecklos, weil es Zweckmäßigkeit offenbar nur durch die zwecksetzende Persönlichkeit gewinnen kann.
Als Leistung betrachtet wird das Wissen stellenlos, weil es Stellenwert offenbar nur in der stellgewährenden Persönlichkeit erlangen kann...
Die tödliche Gefahr dieses entfesselten Wissens, wie ein gefräßig Element auf den unbeschützten Menschen losgelassen, hat indessen gerade der ewige Platon als der geschichtliche Urheber des αὐτὸ καθ’ἁυτό der Wahrheit (oder des ‚in Wahrheit Seienden, des ὄντως ὄν‘) am dringendsten schon gespürt. Denn eben er, dem wir Europäer die erste und wuchtigste Vision einer Wahrheit an und für sich zu danken und -- wer weiß? -- vielleicht auch zu fluchen haben: eben er ist gleichzeitig doch auch der Schöpfer gewesen der unvergänglichen Gestalt seines Sokrates. Diesen platonischen Sokrates, der einzige, der noch heute mitten unter uns lebt und mit welchem wir leben, ihn hat sich augenscheinlich Platon selber als Gegengift verordnet gegen das unmenschliche ὄντως ὄν, gegen das unmenschliche αὐτὸ καθ’ἁυτό und beider lauernde Gefahren. Diesen Sokrates hat sich Platon in eigener Person verordnet, will heißen er hat sich den klassischen ‚Weisen‘ des Abendlandes verordnet, der das bloße Wissen in sich selbst in Weisheit umzusetzen versteht. Der also das Wissen
als Stoff betrachtet formt, als Besitz betrachtet einer Herrschaft untertänigt, als Tätigkeit betrachtet einem Zweck unterwirft, als Leistung betrachtet einer Stelle verhaftet.
Warum nämlich ist just Platon, der Erfinder der Wahrheit an und für sich und des Wissens um der Wahrheit willen, zum Dichter des platonischen Sokrates geworden? Weil er mit dieser noch immer atemversetzend nahen Gestalt des klassischen Weisen sich selber am erfolgreichsten zu begegnen vermochte: sich selber und dem schmerzlich gefühlten Schicksal, das er mit seinem asketischen Ideal des ‚in Wahrheit Seienden‘ über die abendländische Menschheit heraufbeschwor. Denn dieser platonische Sokrates will ja zwar die Wahrheit, wie sie an und für sich selbst ist, ohne Einschränkung und Abzug ‚wissen‘. Aber er will sie nicht wissen dieses Wahrseins wegen. Sondern er will sie wissen seiner selber wegen, seines Tuns und Handelns wegen, seiner Selbstgestaltung wegen, seiner ‚Wohlbeschiedenheit‘ (εὐδαιμονία) wegen... Das Wissen als solches gilt ihm für unerläßlich und unentbehrlich, und insofern verdient er selbst durchaus ein Platoniker genannt zu werden. Aber in keinem Augenblick seines Lebens ist ihm das Wissen ein unbedingter Selbstzweck, was es dem strengen Platoniker eigentlich sein müßte. Und in diesem Betracht ist er freilich durchaus Sokrates, durchaus _sui generis_, durchaus Anti-Platoniker, durchaus Gegenmine des Platonismus: wenn auch alles dies von Platons Gnaden. Alles in allem mithin das Gegenstück des Gelehrten, das Gegenstück des Wissenschafters. Der Weise soll wissen und muß wissen. Aber er soll und muß nicht wissen, damit er eben wisse: vielmehr damit er wisse, was zu tun und zu lassen, was zu wünschen und was zu verwerfen, was zu suchen und was zu meiden sei. (Denn Weisheit, hat man in diesen Tagen gesagt, ist Leben in der Form des Wissens, -- ist Wissen, wie ich noch lieber sagen würde, in der Form des Lebens...) Sokrates also will wissen, um Sokrates sein zu können, ein Mensch, der sein Leben zu seiner Zeit und an seinem Ort recht zu führen versteht. Derart bringt der Weise eine gewisse Versöhnung zustand zwischen den zwei einander gegenstrebenden Urgewalten oder Grundtätigkeiten alles Lebens, welche die Pythagoreer als Unbegrenztes und als Grenze zu bezeichnen wagten. Mitten im Unbegrenzten aller Wißbarkeiten und Gewißheiten setzt der Weise dem Unbegrenzten eine Grenze in ihm selber, indem er sein Menschenrecht auf die ihm allein zuträgliche, ihm allein bekömmliche Wahrheit geltend macht. Wohl zeltet der unendliche Himmel des ‚in Wahrheit Seienden‘ in seiner Unwandelbarkeit auch über der Gestalt des Weisen, wie er ob allen Wandelwesen zeltet. Aber gleichzeitig übt doch mit Nachdruck der Weise das Grundrecht aller Wandelwesen aus, sich aus dem unendlichen Himmel mit der ihm nützlichen Gewißheit zu versehen und sich unter allen Wahrheiten an und für sich diejenige auszuwählen und anzueignen, die ihm am passendsten für den Aufbau seiner Persönlichkeit zu sein scheint. Denn das Gestirn des ‚in Wahrheit Seienden‘ funkelt nicht in die Nacht der Welt, um rein ‚platonisch‘ angestaunt, verehrt, angebetet zu werden, vielmehr um dem sokratisch Wandernden zu Wasser und zu Land den dunkeln Weg zu hellen. Wegweisend ist die Wahrheit für den Weisen, wegweisend erzeugt sie Weisheit im Weisen. Aber weise sein heißt zuletzt nichts anderes, als daß womöglich jedermann Besitz ergreife von seiner Wahrheit und mit unwiderruflicher Entschlossenheit Hand auf seine Wahrheit lege, die keineswegs die Wahrheit jedermanns ist und sein kann. In Übereinstimmung mit diesem Zielgedanken der Weisheit nimmt der platonische Sokrates sich die Freiheit, eine Menge von Wahrheiten nicht zu wissen, welche nicht zu wissen seine Vorgänger in Milet, Elea, Ephesos, Klazomenai, Kolophon, Abdera für unverzeihlich, wenn nicht für unanständig gehalten hätten, -- so zum Beispiel das Wissen von der gesamten außermenschlichen, außersittlichen Natur mit seinen Tatsachen und Gesetzen. Nirgends mehr ist die Weisheit des Sokrates mit der längst üblich gewordenen Überschrift betitelt ‚Περὶ Φύσεως‘, sondern mit der neuen, aber einseitigen und ausschließenden ‚Περὶ Ἀνθρώπου‘. Die Gültigkeit der Wahrheit überhaupt steht dem Weisen außer allem Zweifel, weil sie die Voraussetzung darstellt für jede erkenntnismäßige Betätigung als solche. Aber neben dieser Wahrheit überhaupt und (was Wichtigkeit und Dringlichkeit anlangt) über ihr steht meine Wahrheit, deine Wahrheit; steht die Weisheit, mit welcher ich lebe, mit welcher du lebst: und damit bricht der platonische Sokrates dem Platonismus die gefährlichste Spitze ab, mit welcher er Fleisch und Geist der europäischen Menschheit hätte vergiften können, wenn es keine Weisen und keine Weisheit gab, -- mit welcher er Fleisch und Geist dieser Menschheit vergiftet hat, seit es weder Weise noch Weisheit mehr gibt... Dem Weisen jedoch ist nicht allein die Tugend ein Wissen, sondern umgekehrt das Wissen auch eine Tugend: will meinen eine innerliche Richtungnahme des ganzen Menschen auf jene Sachverhalte hin, die zwar ‚in Wahrheit sind‘, aber für ihn, den Einzelnen und Besonderen, nur je nach ihrer Eignung zur Führung eines rechten Wandels gelten. Und ist schon nicht der Mensch das Maß der Dinge, -- er ist es aber, trotzdem just der platonische Sokrates ingrimmig und verbissen den Urheber dieses Erkenntnis aushöhnt! -- so ist unmittelbar doch der Weise das Maß alles Wissens: Maß, Form, Herr, Ziel, Ort und Verlebendiger alles Wissens...
Daß dieser Typus des Weisen trotz Kyniker und Kyrenaiker, trotz Stoiker und Epikureer im Fortgang der Zeit immer sicherer vom Typus des Gelehrten und Wissenschafters verdrängt ward, mußte freilich die schleichende Krisis des platonischen Ideals das Wissen um der Wahrheit willen wieder von neuem zum Ausbruch bringen. Oder sage ich vorsichtiger und richtiger: dieser Umstand hätte die Krisis wieder zum Ausbruch bringen müssen, wenn nicht alles bald durch den Sieg des Christentums eine völlig neue und von niemandem zu erwartende Wendung genommen hätte. Vorher bietet allerdings das alexandrinische Zeitalter gewissermaßen das Schauspiel eines späten Wettkampfes zwischen dem Typus des Weisen und des Wissenschafters. Und wenn auch jener erstere herauf bis zu dem ehrwürdigen Demonax des Lukian nie völlig aus der Öffentlichkeit des antiken Lebens verschwand, wo er Pflichten der Seelsorge vielmals rühmlich bis zuletzt erfüllte, -- die entscheidenden Bewegungantriebe gehen doch nicht von der Weisheit des Weisen, sondern von der Forschung des Wissenschafters aus: denn dieser und nicht jener bereicherte die Zeit um eine neue Geistesäußerung. Bis dann eben in den ersten Jahrhunderten der werdenden Kirche sowohl der Weise wie der Wissenschafter für die Dauer von rund tausend Jahren kalt gestellt werden und damit die Krisis im Platonismus behoben ist. Der geschichtliche Stifter des Christentums bekämpft den Weisen bekanntlich mit der ihm eigenen heißblütigen Leidenschaftlichkeit, trotzdem er selbst in starkem Maß vom Ideal der Stoa miterzogen und mitgebildet erscheint. Genug! Die Weisheit vor den Menschen wird als Torheit vor Gott verlästert, verlästert insonderheit darum, weil sie sich in heidnischem Dünkel vermißt, aus eigener Menschenkraft zu bewirken, was bestenfalls der Gnade Gottes vorbehalten wäre. In der Hauptsache aus diesem, aber auch aus manch anderem Grunde sonst kann die neue Religion den Weisen nicht mehr gebrauchen, und noch weniger freilich dessen geschichtlichen Gegenspieler, den Wissenschafter und Gelehrten. Die menschliche Weisheit war Torheit vor Gott, aber die menschliche Wissenschaft war gegenstandslos schlechthin; -- einer sich selbst rechtfertigenden Wissenschaft aber, welche platonisierend die Wahrheit um der Wahrheit willen zu erforschen behauptete, ihr hätte man wohl mit dürren Worten die abspeisende Antwort gegeben: die Wahrheit, o Mensch, ist Gott und Gott ist die Wahrheit! Wer Gott hat, der hat die Wahrheit. Wer aber Gott nicht hat, -- was soll ihm die Wissenschaft? Daß Gott die Wahrheit sei und die Wahrheit Gott, dies war der grundsätzliche Ertrag, den das junge Christentum von der gesamten Wissenschaft und Wissenschaftlehre der Griechen übernahm. Dies war gewissermaßen der Saldo, den es als zu überschreibenden Rechnungbetrag auf das neue Blatt der Weltgeschichte eintrug...