Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen

Part 16

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Auf zweierlei Arten kann dennoch auch das Bewußtsein verwunden werden, die beide unmittelbar durch die Beschaffenheit des Bewußtseins selber bestimmt sind. Das Bewußtsein nämlich kann unterschritten und kann überschritten werden. Es kann entweder soweit geschwächt, soweit getrübt, soweit verringert, soweit unterdrückt werden, daß es gewissermaßen unter seinen eigenen Schwellenwert hinabsinkt und sich ins Unbewußtsein allmählich verliert. Oder aber das Bewußtsein kann soweit gestärkt, soweit aufgehellt, soweit vermehrt, soweit gehoben werden, daß es gewissermaßen über sich selbst gesteigert erscheint und ins Überbewußtsein mündet. Denn um den entscheidenden Tatbestand mit einem einzigen Wort anzuführen: das Bewußtsein hat Grade! Das Bewußtsein hat Grade, und also verläuft es zwischen einem untersten und einem obersten Schwellenwert von der bestimmten Größe Null bis zu einer unbestimmbaren und vielleicht sogar unendlichen Größe. Das Bewußtsein hat Grade, wie schon einer der ersten Philosophen des Bewußtseins in Europa, Leibniz, mit großem Nachdruck behauptete; -- das Bewußtsein hat Grade, auch wenn sich im verflossenen Jahrhundert der Philosoph des Unbewußtseins für das Gegenteil dieser Behauptung hartnäckig eingesetzt hat. Zwischen der heftigsten, beinahe wütenden Gespanntheit auf ein erlebtes Vorkommnis und der vollkommenen Gleichgültigkeit gegen dasselbe, zwischen der angestrengtesten Überwachheit und der trägsten Dumpfheit, zwischen andauernder Aufmerksamkeit und andauernder Verschlafenheit, zwischen gleichmäßiger Geistes-Allgegenwart und gleichmäßiger Geistes-Abwesenheit, zwischen beherrschter Sammlung und zuchtloser Zerstreutheit durchmißt das Bewußtsein alle erdenklichen Grade: wie eine Klammer, die bald geschlossen, bald aber offen ist, umklammert das Bewußtsein erlebbare Gegenständlichkeiten mit eiserner Strenge oder entläßt sie in loser Ungebundenheit. So führt es entweder zu einem Zustand, der die Bezeichnung Bewußtsein noch kaum oder noch gar nicht verdient, oder zu einem anderen, für welchen die Bezeichnung Bewußtsein nicht mehr ausreichend ist. Im allgemeinen hält das Bewußtsein eine gewisse dämmerige Mitte ein zwischen Unbewußtsein und Überbewußtsein, wie etwa der Halbschlaf die dämmerige Mitte hält zwischen Wachheit und Vollschlaf. In der Tat, dem Halbschlaf gleicht das Bewußtsein in seinem gewöhnlichen Zustand: es ist eher eine Bereitschaftlage, in Bewußtsein überzugehen, als jederzeit selber Bewußtheit zu sein. Die zahllosen Vorstellungen die auch dem vorstellungärmsten Menschen noch durch den Kopf schwirren, beschäftigen das Bewußtsein gleichsam nur als Möglichkeiten. Damit sie als Vorstellungen ‚wirklich‘ werden, muß ihnen schon ein Zwang zur Aufmerksamkeit zu Hülfe kommen, sei es, daß von außen, sei es, daß von innen her ein Interesse geweckt werde, welches einzelne Vorstellungen aus der zudrängenden Menge auswählt und nun entwickelt. Wie beispielweis ein Landschafter eine lange Frist in einer Landschaft weilt, bis ihn in irgendeinem Augenblick ein ganz bestimmter Ausschnitt zum Bild anreizt und er zu sich spricht: alles andere wird nicht gemalt, aber dies wird gemalt, -- ebenso weilt der Mensch gewohnheithalber mitten und unter seinen Vorstellungen, bis ihn eine derselben aus erkennbaren oder unerkennbaren Gründen zur Entwicklung anreizt. Auf diese Vorstellung sammelt sich das Bewußtsein und führt sie mit Sorgfalt, Genauigkeit, Treue aus; bei dieser Vorstellung verweilt das Bewußtsein und umkreist sie in stätigem Flug; an dieser Vorstellung erwärmt sich das Bewußtsein und entzündet sich zu einer gleichmäßig hellen Flamme, indes alle übrigen Vorstellungen je und je ins Dunkel jenes Kraters zurückstürzen, dem sie rätselhaft entstiegen sind... Wer also das Bewußtsein verwinden will, dem steht die Wahl ins Unbewußtsein zurück ebenso offen wie die Wahl zum Überbewußtsein vor, und vielleicht ist es schwer zu sagen, ob die Verwindung durch Unbewußtsein oder die Verwindung durch Überbewußtsein leichter zu bewerkstelligen wäre, -- wie denn der eine zwar leicht einschläft, aber nur mühsam zu wecken ist, indes der andere schwer einschläft, aber leicht wieder aufwacht.

Dies übrigens dahingestellt, bleibt dem Buddho jedenfalls die Wahl zwischen beiden Arten der Verwindung. Es bleibt ihm die Wahl zwischen Verringerung und Steigerung, zwischen der Annäherung ans Unbewußtsein und ans Überbewußtsein, zwischen der Bevorzugung des Schlafzustandes und des Zustands der Überwachheit. Wozu aber sich der Buddho entschließt, das geht unmißverständlich eben schon aus dem Namen hervor, den er trägt... „Der Erwachte, o Keniyo, sagst du? -- Der Erwachte, o Selo, sag’ ich“... Denn wie sollte der Erwachte anderes als die Wachheit und Überwachheit des Bewußtseins als des Bewußtseins eigentliche Überwindung werten? Diese Wahl ist es dann auch freilich, welche den Buddho in einen tief bedeutsamen Gegensatz bringt zu der Praxis der Yoga, zu der Praxis des Brahmanismus, die ihrerseit den Tiefschlaf als den göttlichen Urstand schlechthin zum erstrebenswürdigsten Ziel ihrer geistlichen Übungen erhebt. Wobei wir freilich zu bedenken hätten, daß dem Buddho doch auch dieser Weg der Minderung und Verringerung, den alle Mystik immer wieder gegangen ist, keineswegs fremd geblieben ist. Ich sagte es schon mehrmals, daß zwischen Ja und Nein dem Buddho noch ein drittes, diesseit der Gegensetzungen, ‚_nirdvandva, dvantvâtîta_‘, vorschwebt, das weder Ja noch Nein und doch wiederum Ja und Nein in einem ist... Wählt somit Gotamo die Steigerung, so heißt dies nur in unserer europäischen Zwiesal-Sprache, daß er die Verringerung durchaus verwerfe. Seine Entscheidung gilt folglich zwar ohne diesen Vorbehalt nicht eindeutig: wohl aber gilt sie mit ihm so. Das Bewußtsein ist zu verwinden durch die höchstmögliche Steigerung des Bewußtseins, und diese Praxis haben wir jetzt in ihrer Wichtigkeit darzustellen.

Unser Leben in Vorstellungen, wie wir’s uns selber überlassen führen, ist ein Spiel. Die Vorstellungen tauchen auf und sinken unter wie die Fische in einem Weiher. Jetzt schnellen und schnalzen sie sich, in der Sonne wie kleine Silberpfeile blitzend, über den Wasserspiegel des Weihers in munteren Sprüngen dahin; im nächsten Augenblick schwimmen sie in ihrem Element flink umeinander, -- und jetzt sind alle verschwunden. Gewiß hat auch dieses Spiel der Vorstellungen seine Regeln, sonst wär’ es doch wohl kaum ein Spiel. Denn einmal ist ihre Abfolge im Bewußtsein festgelegt durch die gleichsam physikalische Abfolge der Wirklichkeiten in Raum-Zeit, die sie im Bewußtsein zu vertreten haben. Zum anderenmal ist dieselbe Abfolge festgelegt durch die psychologischen Gesetze der Vergesellschaftung, durch welche sie bestimmt wird. Wer beispielweis durch die Straßenzüge einer großen Stadt schlendert, hat keine Freiheit, weite Täler, hohe Berge, einsame Wälder, bebaute Felder wahrzunehmen. Seine Vorstellungen bleiben wimmelnden Gassen verhaftet, rauchenden Schloten, zudringlichen Firmenschildern, lärmenden Plätzen. Und auch wenn er seine Vorstellungen von dieser Umwelt abzieht, und in sich selbst verloren, in sich selbst versonnen weiterschlendert, wechseln dieselben nach Regeln, auf welche er offenbar keinen Einfluß hat, solange er das Auf und Ab der Vorstellungen sich selber überläßt. Ein Spiel nach Regeln und Gesetzen ist also dieser Ablauf, wo die benachbarten Vorstellungen immer wieder die benachbarten, die verwandten Vorstellungen immer wieder die verwandten suchen. Sich selber überlassen, stellen sich die Vorstellungen niemals in einer Abfolge ein, die dem klaren Willen des Vorstellenden entsprechen würde, und niemals verschwinden sie diesem Willen entsprechend. Vielmehr schaut der Vorstellende selbst diesem Spiel nur wie ein müßiggängerischer Gaffer zu, der eine Szene auf dem Marktplatz oder im Theater als unbeteiligter Dritter anstaunt: wohl wechseln fortwährend seine Vorstellungen, aber nicht ist er es, der sie wechselt. Was unser Besitz sein sollte und richtig verstanden überhaupt unser einziger Besitz sein kann, das lassen wir als grobe Naturalisten, ja Anarchisten des Lebens einfach gewähren und geben uns willfährig seinem eigenen Sinn oder Unsinn gefangen. Diesem launischen Spiel, welches das verborgene ‚Es‘ mit uns allen spielt, ein sehr entschiedenes Ende zu setzen, und an Stelle des Naturalismus und der Anarchie gleichsam den ‚Stil‘, sogar den hieratischen Stil walten zu lassen und seine strengen Gesetze: das heißt in der Auffassung des Buddho den ersten Schritt tun zu der Verwindung des Bewußtseins durch Steigerung des Bewußtseins. Auf das Spiel, auf die Spielerei zu verzichten, die wir mit uns selber treiben, und endlich mit einem gewissen Ernste Ernst zu machen: das ist die erste Forderung, die an den Jünger des Erwachten ergeht. Er soll die Abfolge der Vorstellungen, die von Haus aus eigentlich in keinerlei Betracht die seine ist, zur seinigen machen; er soll der Abfolge der Vorstellungen die Regeln der Vergesellschaftung selber auferlegen, statt sie physikalisch-psychologischer Gesetzmäßigkeit anheim zu geben. Er soll den zuchtlosen Ablauf der Vorstellungen in die Zucht nehmen und ihm wie einem durchaus regulierten Fluß die rechte Richtung weisen, den rechten Wasserstand, die rechte Fahrtrinne, die rechte Stromstärke, das rechte Gefälle, -- dies ist das Unerläßlichste von allem.

Ein Vorsatz von mehr als menschlicher Strenge gegen sich selbst, ihr Christen, wenn man’s recht bedenkt. Ein Vorsatz, der für die meisten christlichen Abendländer, wofern sie sich nicht zufällig mit den Geistlichen Übungen des heiligen Jgnatius vertraut gemacht haben, etwas Unheimliches, Unbegreifliches, Zermalmendes hat: für jene Abendländer, die es so sehr lieben, sich gehen und hängen zu lassen, wie es gerade kommt oder auch krumm kommt. Denn was will es heißen, alle die aufkeimenden und aufwuchernden Vorstellungen, die unser Selbst wie eine undurchdringliche Dornenhecke um sich zu ranken pflegt, nach der Zuständigkeit der heilstrebenden Absicht überall zu beschneiden und festzubinden? Es will heißen, daß jede Vorstellung, die nicht mit dieser bewußten Zwecksetzung übereinstimmt, ohne Gnade und Nachsicht zu unterdrücken ist, sei es auf die Gefahr hin jeglicher Vergewaltigung der eigenen Instinkte, Triebe und Neigungen. Es will heißen, daß jedes Gelüste, jede Anwandlung, jede Versuchung des Leibes und der Seele in des Wortes buchstäblicher Meinung schon von der Schwelle her abzuweisen ist, es sei nun, daß diese Vorstellung die Schwelle gar nicht überschreiten darf, es sei, daß sie sie nach erfolgtem Überschritt sofort wieder räumen muß. Es will heißen, daß alle Erlebnisinhalte und Bewußtseinsgegebenheiten, welche nicht unmittelbar oder mittelbar die Tat des Heils zu fördern geeignet erscheinen, als störend oder entbehrlich zu verabschieden sind. Es will heißen, daß alles, was bedrückt, was schmerzt, was umdunkelt, was hemmt, was niederzieht, was verderbt, was beschwert, was beeinträchtigt, was entwertet, was entwürdigt, was befleckt, was gefährdet, was erzürnt, was erschreckt, was verbittert, was verstockt, was kränkt, was aufwühlt, was entfesselt, was verstört, was verwildert, was verroht, was verkehrt, was versklavt, was umnebelt, was berauscht, was ausschweift, was ablenkt, was zerstreut, was verwirrt, was in Zweifel stürzt, was verzweifeln macht, was täuscht, was verblendet, was giert, was gärt, was verzehrt, was abstumpft, was versehrt, was entzweit, was zerreißt, was entfriedet, was entfremdet, was entkräftigt, was entnervt, -- daß alles dieses und was nicht noch alles sonst aus dem Bewußtsein zu verjagen und zu verbannen ist, nötigenfalls zu übermannen mit Einsatz aller Kräfte des Willens „mit aufeinandergepreßten Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge“... Es will heißen, daß alle Erwägungen aufzugeben und einzustellen sind, die mit dem heiligen Ziel nicht nachweisbar zusammenhängen, und mit diesen Erwägungen und Erörterungen dann alle Reden und Gespräche, alle Belehrungen, Bestrebungen, Zwecksetzungen. Es will heißen, daß mit dem Eifer eines Teufelaustreibers die urwüchsigsten Triebe auszutreiben sind wie die geistigsten Bildungen, sobald sie vom Ziel abführen oder auch nur nicht zu ihm hinführen. Es will heißen, daß alle Wahrnehmungen und Erinnerungen und Absichten, sobald das Bewußtsein ihrer ansichtig geworden ist, auf die goldene Wage zu legen sind, ob recht oder nicht recht, ob statthaft oder verboten, ob heilfördernd oder heilhemmend. Es will heißen, daß alle ‚rechten‘ Vorstellungen zum Gedeihen, alle ‚unrechten‘ aber zum Eingehen zu bringen sind, ja daß die rechten geradezu zum Kampfe aufgeboten werden, um diese zu verdrängen und ihre Stelle einzunehmen. „Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein geschickter Maurer oder Maurergeselle mit einem feinen Keil einen groben heraustreiben, herausschlagen, herausstoßen kann, ebenso nun auch, ihr Mönche, soll ein Mönch, wenn er eine Vorstellung faßt, eine Vorstellung sich vergegenwärtigt, und ihm dabei böse, unwürdige Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung, aus dieser Vorstellung eine andere gewinnen, ein würdiges Bild“... Denn daß die Triebe und Begehrungen, die Leidenschaften und Neigungen, die mit der Wesenheit der Person lebendig verwurzelten, aus dem Bewußtsein unter keinen Umständen verdrängt werden könnten, oder falls dennoch verdrängt, in unterschwelligen, unterschwürigen, unterbewußten Bezirken der Seele erst recht und viel unbezwinglicher noch ihr Unwesen fortsetzen müßten, -- dieses Ergebnis abendländischer Seelenerkundung hätte Gotamo vermutlich nicht anerkannt. Wofern auch der Trieb oder Hang als eine Vorstellung ins Bewußtsein tritt, da betritt er eben die Walstatt, wo gegen jede unerlaubte Vorstellung ihre Gegen-Vorstellung, Gegen-Stellung ins Gefecht geführt wird: betritt also der Trieb oder Hang die Stätte einer zum Austrag gelangenden Zucht-Wahl, wo die durch Zucht erwählte Gegen-Vorstellung die gleichsam wild und zuchtlos aufgeschossene Vorstellung aus dem Feld schlägt. Ein etwaiger Rückzug aber aus dem Bewußtsein in die Höhlen und Unterschlüpfe des Unterbewußtseins, wie ihn alsdann die moderne Seelenlehre des Westens für unvermeidlich erachtet, wird schlechterdings nicht geduldet, -- aus Gründen, die wir bald in den Umkreis der Betrachtung zu ziehen haben werden. Jedenfalls ereignet sich somit im Bewußtsein der seltsame Kampf, der über die Rechtmäßigkeit jeder einzelnen Vorstellung entscheidet und folglich auch über ihren weiteren Verbleib, ihre weitere Entfaltung, ihre weitere Begünstigung. Unmöglich aber ist’s, hier aller Anstalten besonders zu gedenken, die der Buddho namhaft zu machen gewußt hat zur Beförderung dieses seines Zieles. Besteht doch in der Sammlung und Sichtung, Darlegung und Erläuterung dieser Anstalten im Grund die ganze Lehre des Buddho, -- die ganze Lehre ein beispiellos abgerundetes und wohlgeordnetes Gefüge von erzieherischen, von seelsorgerischen Maßnahmen, das Spiel der Vorstellungen in die Gewalt des selbstherrlichen Willens zu bekommen und dort gebieten zu lernen, wo wir alle am meisten gehorchen müssen. Diese Schule der Zucht und Selbst-Zucht macht sich sorgfältige Erfahrungen von Jahrtausenden mit einem nirgends mehr erreichten Aufwand von Menschenkenntnis und -erkenntnis zu Nutz und ist darum auch für die Jahrtausende gültig, wahrhaft unsterblich und zeitlos. Sie durchaus in ihrem gesamten Aufbau und Ausbau zu überschauen, ist nur einem solchen möglich, der die Schriften des Kanons wieder und wieder durchforscht, indes unser abendländisches Wissen, unsere europäische Gelehrsamkeit vollkommen außerstand ist, im einzelnen zu billigen oder zu tadeln, hinzuzufügen oder fortzustreichen, zu urteilen oder zu entscheiden. Von dieser in der Tat ungemein schwierigen Praxis und Pragmatik des urwüchsigen Buddhismus einen Begriff zu geben erscheint desto schwieriger, je fortgeschrittener unsere eigene seelische Verwahrlosung ist. Ehe wir über sie annähernd würdig werden sprechen können, sprechen dürfen, werden Jahre und Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte einer neu erblühenden europäischen Religiosität vonnöten sein...

Ein zur höchsten Meisterschaft gebrachtes Verfahren, das Ineinander und Durcheinander der bewußten Vorstellungen einer strengen Auslese zu unterziehen, dies, ihr Christen, ist also das eine, was dem Buddho die Verwindung des Bewußtseins bewirkt durch die Steigerung des Bewußtseins. Verdrängung aller wertwidrigen Bewußtseinsinhalte durch die wertentsprechenden, Entkräftung aller niedrigen Triebregungen durch Begünstigung und ‚unermeßliche Entwicklung‘ aller höheren, Vertauschung aller heilhemmenden Gegebenheiten gegen die heilförderlichen: das ist Ziel wie Weg, Zweck wie Mittel. Aber gleichzeitig erschöpft sich die angestrebte Steigerung des Bewußtseins doch keineswegs in dieser völligen Bemeisterung, Beherrschung, Regelung des Vorstellungablaufes in der Zeit. Die nicht zweckdienlichen und folglich verbotenen Bewußtseinsinhalte schon von der Schwelle fern zu halten, oder wo dieses mißlingt, von der Schwelle zu entfernen, ist eine unerläßliche Bedingung für die Entstehung jenes besseren, freieren, reineren Urstandes, der dem Buddho vorschwebt. Aber unter keinen Umständen ist das Bewußtsein schon verwunden wenn es gesäubert und entschlackt erscheint. Die starke Gefahr ward vorhin erwähnt, die nach heutiger Auffassung diesem Verfahren der Verdrängung eingewurzelter Triebe und Begierden verhängnisvoll zu werden droht. Die Gefahr nämlich, daß die verdrängten Regungen sämtlich in den unterschwelligen Bezirken der Seele sich festnisten und hier nach der Gepflogenheit aller Schmarotzer ein untilgbares und verwüstendes Unwesen führen möchten auf Kosten der wachen Bewußtheit, die sich ihrer entledigt hat. Denn wie es geschrieben steht, -- manche haben den Geist der Wollust aus sich herausgetrieben und sind hernach in die Säue gefahren, und häufig genug erwürgt ein verdrängter Hang nachträglich seinen eigenen Henker. In den dunkleren und dumpferen Lagen der Seele huldigt der Mensch auf eine ausschweifende und krasse Weise dem Dienst seiner Ahnen, deren Totem er zwar nicht nach Art der ehemaligen Indianer auf die Haut tätowiert, aber dennoch wie ein Mosaik in dem Kerngerüst seiner Keim-Zelle musivisch angelegt trägt: und wehe ihm selber, wenn er sie mit dem Blut der Opfer tränkt, die er auf dem Altar des Bewußtseins seinem edleren Trachten feierlich dargebracht und umgebracht hat! Was hier der Mensch im Menschen aus Ehrfurcht oder Scham vor sich selbst verwirft, das diente von jeher dem Tier im Menschen zu seiner am hitzigsten begehrten Kost. Und wenn sich die Hunde keineswegs ekeln, als die sonderlichsten aller Selbstverköster den eigenen Auswurf, ja den eigenen Kot gelegentlich wieder zu fressen, so heulen und bellen fürwahr diese selbigen Hunde in den Kellern der Seele bei Tag und bei Nacht und bei Nacht noch weiterhin vernehmlich wie am Tage. Die Gefahr mithin, in den oberen Geschossen, wo das Bewußtsein gleichsam seine Empfangräume hat, zwar eine peinliche Sauberkeit überall zu beobachten, aber den inwendigen Abfall und Kehricht in das Verlies hinunter zu fegen, wo Ratten und Schlangen in modrigen Löchern behaust sind, -- diese Gefahr ist in der Tat keine geringe. Aber sie besteht nicht, ohne daß Gotamo genau um sie wüßte, -- Gotamo, dessen Kennerschaft hier wirklich etwas von göttlicher Allwissenheit erworben zu haben scheint. Denn keineswegs bleibt diese tiefer geschichtete Zone der unterschwelligen Lebenskräfte sich selber überlassen. Vielmehr wird sie im Bewußtsein vom Bewußtsein unaufhörlich angeblinkt und belichtet, wie etwa des Nachts die Einfahrt eines Hafens unaufhörlich angeblinkt und belichtet wird. Und eben in dieser fortgesetzten Sammlung des Bewußtseins auf sonst unbewußte oder unterbewußte Vorgänge besteht das zweite gotamidische Verfahren, das Bewußtsein zu steigern und durch Steigerung zu verwinden. Die oben umschriebene Regelung des Vorstellungablaufs durch Auslese und Zuchtwahl der Vorstellungen untereinander ergänzt sich sinngemäß durch eine andauernde Beaufsichtigung der niedereren Körper- und Seelenbewegungen. Wo daher unstatthafte und unzweckmäßige Vorstellungreihen aus dem Bewußtsein verdrängt werden und aus dem Bewußtsein in tiefere Seelenlagen abwärts gleiten, da wird unverzüglich eine Gegenwirkung aufgerufen, welche die unterschwelligen Vorgänge ihrerseit wieder in den Lichtkegel der Bewußtheit rückt, ehe sie sich in den Falten einer Dämmerwelt schmarotzerisch festzunisten vermögen. Wohl werden also im Bewußtsein keine Vorstellungen geduldet, welche dem heiligen Ziel der Leidensüberwindung nicht irgendwie förderlich zu sein verheißen. Aber ebensowenig werden im Unterbewußtsein, Unbewußtsein Vorstellungen geduldet, welche um eben jenes heiligen Zieles willen aus dem Bewußtsein mit Anstrengung verdrängt wurden und sich darum der Aufsicht des Bewußtseins zu entziehen drohen. Um solchen oder ähnlichen Gefahren zu begegnen, hat der Mönch ein Maß von Selbstüberwachung zu bewähren, welches dem Wachstum unterschwelliger Seelenkräfte nicht nur so ungünstig wie möglich ist, sondern dasselbe vielleicht geradezu ausschließt. Von der allmächtigen und allgegenwärtigen Polizei des Bewußtseins werden alle unterschwürigen Lebensäußerungen und Willensantriebe wie eine Verbrechergesellschaft von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel aufgescheucht und zuletzt nach und nach vollständig aufgerieben. Das Gemüt des Asketen liegt faltenlos geglättet an der gleichmäßigen Helligkeit des Bewußtseins da; unbeaufsichtigte, ungewußte, unbemerkte Wallungen oder Begierden gibt es grundsätzlich in ihm nicht mehr. Dies ist der Grund, warum der Buddho die Verdrängung eingewurzelter Lebenstriebe durchaus und ohne Vorbehalt gebietet, und dennoch offenbar keines der Übel fürchtet, die nach dem Ergebnis europäischer Seelenkunde jeder derartigen Triebverdrängung, Triebunterdrückung auf dem Fuße folgen müßte. Und auch hier ist wiederum vorbildlich jene mehrfach schon berührte Zucht der Atemführung geworden. Wie diese Zucht in der Absicht geübt wird, die unwillkürlichen Bewegungen des Leibes in willkürliche zu verwandeln, so will eine letzte Zielsetzung überhaupt alle Lebensvorgänge aus dem Reich der Physis in das Reich der Psyche pflanzen. Stets von neuem wird der Mönch daher vom Buddho angehalten, die ‚vier Pfeiler der Einsicht‘ fest zu gründen und beim Körper über den Körper, bei den Gefühlen über die Gefühle, beim Gemüt über das Gemüt, bei der Erscheinung über die Erscheinung zu wachen. ‚Klar bewußt‘, dies wird zu einer der dringendsten Ermahnungen an die Jünger, und die evangelische Wachsamkeit bei Tag und bei Nacht, besonders aber bei Nacht, gilt im urwüchsigen Buddhismus noch viel mehr (wenn freilich auch in einem anderen Sinne) als in den evangelischen Schriften für die vornehmste aller religiösen Pflichten: „Den Arm über das Haupt gelegt, so sollte der Held ausruhn, so sollte er auch noch sein Ausruhn überwinden“ ... Nicht ziemte es dem vorgeschrittenen Asketen, auch nur eine einzige Verrichtung des Leibes mit schläfrigem Bewußtsein oder ‚aus Instinkt‘ zu verrichten. Ein ständig arbeitendes Bewußtsein läßt vielmehr gar keine Instinkte aufkommen und unterbricht daher auch den Zusammenhang der Lebewesen fast gänzlich, der sonst zwischen dem Menschen und den übrigen Tieren der Schöpfung nur allzu deutlich wahrzunehmen ist. „Mit klarem Bewußtsein wollen wir uns wappnen. Klar bewußt beim Kommen und Gehn, klar bewußt beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewußt beim Steigen und Erheben, klar bewußt beim Tragen der Gewänder und der Almosenschale des Ordens, klar bewußt beim Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewußt beim Entleeren von Kot und Harn, klar bewußt beim Gehn und Stehn und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und Schweigen, also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben“...