Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 15
Bei dieser Lehre von des Leidens Abkunft aus dem Bewußtsein etwas zu verweilen, wie sie vom Buddho entwickelt wird vornehmlich in der Fünfzehnten Rede aus der Längeren Sammlung Dîghanikâyo, entwickelt wird aber außerdem auch sonst nicht selten in den Reden der Längeren und Mittleren Sammlung, -- bei dieser befremdlich anmutenden Lehre hier noch etwas zu verweilen, dürfte mancherlei Anlaß für uns bestehn, ihr Christen. Das Erlebnis des Leidens, von der Person Gotamos als Schicksal empfangen, als Schicksal verwunden und insofern sicherlich auch das Urerlebnis Gotamos, ist mithin doch nicht Urerlebnis im Hinblick auf seine Entstandenheit oder Unentstandenheit. Vielmehr gilt das Leiden als solches, und so auch das Erlebnis des Leidens, schlechterdings für entstanden, für bedingt, für verursacht, für geworden. Das Leiden an der Welt ist durchaus ableitbar aus dem Bewußtsein von der Welt, und in Ansehung dieses unumstößlichen Tatbestandes ist das Leiden auch in seiner Eigenschaft als gotamidisches Urerlebnis weder ein Erstes noch ein Letztes, noch gar ein Unbedingtes. Wohl aber, -- und dies entscheidet über vieles! -- ist das Bewußtsein ein Erstes und ein Letztes und ein Unbedingtes. Das Bewußtsein ist gleichsam der Erfüllungort, wo die einzelnen Posten der unendlichen Summe ‚Wirklichkeit‘ in ihrem Lust- und Unlustwert gegeneinander verrechnet, gegeneinander ‚geklärt‘ werden. Das Bewußtsein ist gleichsam das Schiedsgericht, wo das rechtsgültige Urteil endlich ergeht in Sache des noch nie ausgetragenen Widerstreits zwischen Seele und Welt, Selbst und Wirklichkeit. Das Bewußtsein ist gleichsam die Walstatt, wo über Sieg und Niederlage nunmehr entschieden wird in dem Kampf der Freiheit gegen das Gesetz, der Willkür gegen den Zwang. Das Bewußtsein ist gleichsam der Schauplatz, wo die Welt sich selbst erscheint als die Einheit ihrer Mannigfaltigkeiten, als die Ganzheit ihrer Teile, als der Leib ihrer Glieder. Im Bewußtsein geschieht es, daß die Welt das Licht der Welt erblickt...
Dieser bemerkenswerten Auffassung und Neufassung des Begriffes ‚Welt‘ von seiten des Buddho entspricht ein Vorgang, der sich in unserer europäischen Vergangenheit nicht minder eindrucksvoll abgespielt hat als in der indischen: nicht nur einmal, sondern zweimal den menschheitlichen Zustand des jeweiligen _homo europaeus_ gründlich ändernd! Ich beziehe mich dabei, wie sich von selbst versteht, auf jene philosophische ‚Umbettung‘ der Ding-Welt, Ding-an-sich-Welt in eine Vorstellung- und Bild-Begriff-Welt, die wohl in unserem westlichen Bezirk für das erste Mal zum Vollzug bei den Hellenen kam, etwa in jenem merkwürdigen Zeitalter zwischen Demokritos und Sokrates einerseit, Platon und Aristoteles andererseit (unter der bestimmenden Mitwirkung der Sophisten); -- die aber später dann noch einmal zum Vollzug gelangte in dem weltgeschichtlich entsprechenden Zeitalter zwischen Descartes und Spinoza einerseit, Leibniz und Kant andererseit. Es ist dies jene Umbettung der Wirklichkeit, die ihre berühmte Fassung einstweilen in der Formel Schopenhauers gefunden hatte: die Welt ist Meine Vorstellung... übrigens eine Formel, welche ein neuerer Schriftsteller nicht ohne Geist und Einsicht in die richtigere umzuprägen vorschlug: Meine Welt ist Vorstellung!... Wie also schon gesagt: seit Demokritos von Abdera mit dürren Worten eine Welt des Seienden an und für sich unterschieden hatte von einer Welt des Daseienden für uns, eine Welt gesetzmäßig bewegter Unteilbarkeiten (ἄτομοι) draußen im leeren Raum und eine Welt auftauchender und versinkender Vorstellungen drinnen im Bewußtsein, -- seit dieser gewaltige Denker den Schritt gewagt und den Schritt gemacht hatte von der ‚Physik‘ zur ‚Ethik‘ und den Begriff des Abbilds (εἴδωλον) und der Vorstellung (πρόληψις) in die griechische Philosophie einführte, seither lagerte sich das sogenannte Sein unaufhaltsam um in ein Bewußtsein. War es die eigentliche Leistung der Vorsokratiker bis auf Demokrit, den furchtbaren Urwirbel einer noch nirgends verwissenschaftlichten Weltwirklichkeit in eine gesetzdurchwaltete Ordnung von Himmelskörpern und Gestirnen zu verwandeln, so verwandelte Demokrit selbst (und der hierin durchaus ihm nacheifernde Platonismus) wiederum die geordnete Gestirn- und Himmelswelt der ionischen Kosmologen in eine geistverwandte, menschverwandte Vorstellung- und Bilderwelt. Denn zwar vom Urwirbel aus scheint der Mensch den gebahnten Himmel zu erobern, -- erst vom gebahnten Himmel aber aus sich selber: und Chaos, Uranos und Makranthropos heißen wohl die wichtigsten Stationen, welche der menschliche Gedanke zweimal in Europa und einmal in Indien zeitlich zurückgelegt hat, ehe er wirklich in ihm selber Fuß fassen konnte. Daß Gotamos Lehre von der Entstehung des Leidens aus dem Bewußtsein dem indischen Festland denselben Dienst geleistet hat, welchen der ‚transzendentale Idealismus‘ und ‚Phänomenalismus‘ in Altertum und Neuzeit dem europäischen Festland leistete, bedarf somit keiner besonderen Erläuterung, sondern ist ganz einfach so. Auch die gotamidische Lehre verlegt einen umspannenden Zusammenhang von Dingen an sich und ihren gesetzmäßigen Bewegungen aus der Lage des bloßen Seins in die Lage des Bewußtseins, um hier gewissermaßen eine Vermenschlichung, ja eine Vergeistigung zu vollziehen. Auch diese Lehre bettet eine ‚transzendente‘ Wirklichkeit außerhalb des Bereichs menschlicher Erkenntnismittel und Erkenntnismöglichkeiten in die sogenannte ‚Immanenz‘ der Vorstellungen, Bilder und Begriffe, wo sie dem Zugriff menschlicher Erkenntnismittel, menschlicher Erkenntnismöglichkeiten ausgesetzt erscheint. Auch diese Lehre bezeichnet innerhalb der Entwicklung des indischen Geistes genau die Stelle, wo eine Gestirn- und Himmelswelt des Kosmologen wesentlich durch eine Menschenwelt des Ethikers verdrängt wird: die ewige Stelle gleichsam auf der Kurve der Wissenschaftgeschichte, deren Scheitel einmal den Namen Platon, das andere Mal den Namen Kant bei uns im Westen trägt...
Was aber hat, ihr Christen, diese mehrmals wiederkehrende Bewegung der Erkenntnis von einer unbewußt-blinden Weltwirklichkeit weg zu einer bewußten, sehenden Weltwirklichkeit hin im tiefsten zu bedeuten? Was hat die Wendung zu bedeuten, welche Bergson neuerdings nicht unzutreffend als die Wendung von der bloßen _science_ zur _con-science_ hin bezeichnete? Was hat es zu bedeuten, daß die drei reifsten und sinnigsten Deutungen der Welt mit offenbar gleicher Notwendigkeit die Richtung vom Draußen nach dem Drinnen einschlugen? Was hat es zu bedeuten, daß jede schärfere Einstellung auf die Gegebenheiten der Sinne dazu führt, diese Gegebenheiten als Gegebenheiten ‚im Bewußtsein‘ aufzufassen? Was hat es zu bedeuten, daß mit steigender Genauigkeit der Beobachtung und Forschung das Rätsel des Seins gleichsam auf der Pfanne der Kritik eingedampft wird zum Rätsel des Bewußtseins? Was hat es zu bedeuten, daß auf einer gewissen Stufe philosophischer Besinnung plötzlich alle die Fäden und Leitfäden, an welchen die Erscheinungen aufgereiht sind, in einem einzigen Knoten zusammenschießen, der wundersam genug Ich und Nichtich aneinander knüpft und ineinander heddert? Was hat es zu bedeuten, daß die unsichtbare Linie, welche alle wissenschaftgeschichtlich eingenommenen Punkte und Stand-Punkte untereinander verbindet, jeweils so streng eindeutig gezogen ist, daß sie von einem irgendwie ‚naiv‘ sich gebenden Realismus bis zu einem kritisch geläuterten, ja kritizistisch überspitzten Idealismus verläuft? Was hat es zu bedeuten, daß im alten Griechenland jene ionischen Kosmologen und Physiker nicht weniger wie die eleatischen Ontologen und Metaphysiker auf ihrem rüstigen Wege eines Tags eingeholt, eines Tags sogar überholt wurden von den attischen Idealisten und Kritizisten? daß in Europa später die Dogmatik und Scholastik des christlichen Mittelalters nicht anders wie der Positivismus und Empirismus der nichtchristlichen Neuzeit ereilt ward und stets ereilt werden wird von der Transzendentalphilosophie, von der Phänomenologie, vom Apriorismus? daß in Indien die ungeheuern und wahrlich auch ungeheuerlichen Mythen brahmanischer Weltentstehungen und auch Welterschaffungen aus Brahmâs des Himmelsjünglings und der Mâyâ gemeinschaftlichen Traum- und Liebesspielen sanft aber unwiderstehlich verdrängt wurden durch die so nüchterne Entstehungkunde aus dem Bewußtsein, die hier der Buddho gibt? Was hat die immer gleiche Wandlung zu bedeuten von einer flutenden und wogenden Nebelwirbelwelt zu der Gestirn- und Himmelswelt der großen Physik Asiens und Europas, -- dann aber von deren glänzenden Umschwüngen und Sonnenbahnen weg zu einer trockenen Bilder- und Begriffswelt hin, wie sie der Gegenstand von mancherlei Ideenlehren, Transzendentalphilosophien und Phänomenologien geworden ist? Weshalb geschieht es, daß zu einer Zeit der Mensch mitten unter dem Uranos lebt, wie der jüngste, wie der schönste aller Sterne unter älteren Brüdersternen, -- zu einer anderen Zeit jedoch nur als der Kleine Mensch mit dem Großen Menschen, das ist wie ein empirisches Bewußtsein mit einem transzendentalen ‚Bewußtsein überhaupt‘? Was hat dieser über die Maßen befremdliche Standpunktwechsel zu bedeuten?
Eine beginnende Bemächtigung der Welt hat er zu bedeuten, eine beginnende Bemeisterung, eine beginnende Überwindung der Welt, antworte ich darauf, -- nichts Geringeres und nichts Größeres, ihr Christen, hat er zu bedeuten! Es ist der geheimste Sinn dieser entwicklunggeschichtlichen Umbettung des Seins in das Bewußtsein, daß man das Wirkliche dadurch gleichsam in die Hand bekommt, dieweil es vorher sich offenbar jeder Handhabung entzog. Der Schwerpunkt der Welt wird aus dem Sein in das Bewußtsein hinein verlegt, wofern er im Bewußtsein jederzeit nach Absicht und Bedarf seine Stelle wechseln kann: vergleichungweis wie ein gewandter Turner jederzeit den Schwerpunkt seines Leibes nach Absicht und Bedarf seine Stelle wechseln lassen kann. Die Welt als bloßes Sein unterliegt dem Gesetz des bloßen Seins und bleibt insofern jeder Zuständigkeit bewußten Wollens, bewußten Strebens, bewußten Zielens entrückt. Die Welt als Bewußtsein dagegen unterliegt zumindest ‚auch‘ dem Gesetz des Bewußtseins, will heißen dem Gesetze dessen, der für den Inhaber, Träger, Herrn des Bewußtseins gilt. Das abgezogene und reine Sein verharrt ausschließlich auch nach eigenem Sinn, Nicht-Sinn oder Wider-Sinn: verharrt als unendliche Erstreckung unendlicher Mannigfaltigkeiten, welche nirgends einen Ansatz für menschliches Eingreifen, Beeinflussen, Gegenwirken darbieten (es geschähe denn durch Zauberei...). In dieser streng sachhaften Wirklichkeit findet der Mensch im Grunde wenig oder nichts für sich zu tun. Sie überwältigt und unterjocht ihn völlig, wie es in den gesellschaftlichen Bildungen des Orients denn auch bis auf Gotamo der Fall gewesen ist. Eingefügt, ja eingewalzt in die unerschütterlichen Ordnungen der Gestirne und Gezeiten des allmächtigen Himmels betätigt der Mensch sich wesentlich als Vollstrecker dieser Ordnungen, die zwar nicht geradezu widermenschlich, aber doch auch noch nicht menschlich sind. Der Mensch betätigt sich als kosmisches Werkzeug hier, gleichsam als astrales Organon des großen Himmels, und seine Siege, die in manchem Betracht alle künftigen Siege übertreffen, feiert er in diesem Zeichen. In gar nicht abzuschätzenden Graden sind diese Ordnungen astronomisch-astrologischer, physikalisch-kalendarischer, mathematisch-mantischer Beschaffenheit wohltätig gewesen, -- die Ordnungen einer vorzugweis ‚katholischen‘ Gesellschaft, wie sie in China, Indien, Babylon-Assur und Ägypten entstand und dauerte. Rhythmisch durchpulst von den Flutungen und Ebbungen des Himmels wie von den Blutwellen des eigenen Herzens atmet der Mensch hier noch den Atem der Schöpfung. Aber wir sahen es schon: mit der Zeit trachtet der Mensch auch diesen Atem in seine Gewalt zu bringen, zum Zeichen, daß er nicht länger der Vollstrecker, sondern der Gebieter des All sei. Es ist eine Tatsache von unverkennbarer Symbolik, daß just mit den Übungen der Hatha-Yoga die gleichsam protestantische Loslösung und Verselbständigung des Menschen beginnt, -- schon lange vor Gotamo, aber vollends durch Gotamo besiegelt, wenn er den unwillkürlichen Vorgang des Lebens dadurch dem Willen unterwirft, daß er jenem ganz regelmäßig eine bestimmte Vorstellung zuerst begleitend zugesellt, dann aber gewissermaßen verdrängend unterstellt. Langsam, aber unaufhaltsam verschwindet derart der Kosmos der Dinge, um einem Kosmos der Vorstellungen das Feld zu räumen, -- übrigens in der Bhagavad-Gitâ ganz buchstäblich das ‚Feld‘ (_kshetra_) des Feld-Kenners (_kshetrajna_) genannt! -- langsam, aber unaufhaltsam, gelangt eine transzendentale, will heißen immanente, will heißen phänomenologische Wirklichkeit als Inhalt des Bewußtseins ins Machtbereich des erlebenden Menschen. Die Reihe der kosmischen Kräfte wird um eine neue Kraft vermehrt, welche bald alle übrigen an Wirksamkeit übertrifft: denn eben von den bewußt entwickelten Vorstellungen hängt es künftig ab, welche Gestalt diese Welt annimmt und welche nicht. Wenn schon Kant, der transzendentale Idealist, auf seine stille Weise darüber frohlockt, daß sich in seiner kopernikanisch gewendeten Lehre die Erkenntnisse der Vernunft fürderhin nicht mehr nach den äußeren Dingen, Gegenständen, Wirklichkeiten richteten, vielmehr umgekehrt die Dinge, Gegenstände, Wirklichkeiten nach den Erkenntnissen der Vernunft und deren Bedingungen _a priori_; wenn schon in diesem stillen Frohlocken Kants deutlich vernehmbar die Freude des echten Protestanten an der Bewältigung, Bemeisterung, Beherrschung der Natur durch den Geist, der Notwendigkeit durch die Freiheit, der Unwillkür durch die Willkür zum Ausdruck kommt, -- nun wohl! so weiß der Buddho dieselbe Genugtuung noch ganz anders auszudrücken: er, der dem entwickelten Vorstellungleben eine magische, ja eine okkulte Wirksamkeit im Umkreis der Verursachungen zuzuschreiben sich berechtigt fühlt. „Acht Gründe gibt es, Ânando, acht Ursachen, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt; und welche acht? Diese große Erde, Ânando, hat ihren Bestand im Wasser, das Wasser hat seinen Bestand im Winde, der Wind hat seinen Bestand im Raume. Zu einer Zeit nun, Ânando, wo gewaltige Winde wehen, lassen die gewaltigen Winde mit ihrem Wehen das Wasser erbeben: und erbebt das Wasser, erbebt die Erde. Das ist der erste Grund, die erste Ursache, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt. Ferner aber, Ânando, ist da ein Asket oder ein Priester, der ist machtvoll, hat die Herrschaft über seinen Geist, oder ein Gott, hochmächtig, hochgewaltig, -- der hat die Vorstellung ‚Erde‘ mäßig entwickelt, unermeßlich die Vorstellung ‚Wasser‘: so macht er diese Erde beben und erbeben, wanken und schwanken. Das ist der zweite Grund, die zweite Ursache, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt...“Diese erstaunlichen und doch auch wieder selbstverständlichen Worte des Dritten Berichtes aus dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam führen die Vorstellung ein als eine Kraft eigener Art, als eine Ursache eigener Art, als einen Antrieb eigener Art innerhalb der Gesamtheit aller Kräfte, Ursachen und Antriebe der Welt. Auf magische oder auf okkulte Weise beeinflussen Vorstellungen den Zustand der Wirklichkeit und verteilen die vorhandenen Grundstoffe anders, als es vorher und ohne ihre Beeinflussung der Fall war. Je nachdem eine Vorstellung vom Vorstellenden unterdrückt oder entwickelt, begünstigt oder vernachlässigt, gestärkt oder geschwächt wird, greift sie als eine wirkende Ursache in die Unendlichkeit der wirkenden Ursachen ein. Weit entfernt, eine wesenlose, untätige, unwirkliche Begleiterscheinung der Körperlichkeit oder des Lebens zu sein, -- wie dies europäische Psychologen, Physiker und Philosophen häufig vermuten zu dürfen glaubten im sinnfälligen Widerspruch zu bestehenden Tatsachenreihen, -- erweist sich die Vorstellung hier als eine der treibenden Kräfte der Welt, ja als die Hauptkraft der Welt, wo sie richtig gebildet, richtig geübt, richtig gehandhabt wird. Veränderte Vorstellungen bewirken veränderte Dinglichkeiten: diese endlich auch von der abendländischen Wissenschaft gemachte Entdeckung verrät das eigentliche Geheimnis, warum gerade der Buddho die Wendung vom Kosmos Uranios zum Kosmos Noetos vollziehen mußte, -- warum gerade er den transzendentalidealistischen und phänomenologischen Standpunkt mit soviel Ausschließlichkeit vertreten und wahren mußte. Gotamo der Protestant, der von Anfang an nichts so folgerichtig und planmäßig anstrebte als die vollendete Freiheit und Unabhängigkeit des Gemüts von allen naturhaften Bedingungen und Gebundenheiten, er fand in der Vorstellung die Möglichkeit, diese Freiheit und Unabhängigkeit zielbewußt zu erwirken. Die Vorstellung, die ihm eine Kraft, eine Wirksamkeit sondergleichen ist, gestattet den ungeheuern Eingriff in die gesetzmäßig bestimmte Ordnung der Welt, auf welchen es vor allem abgesehen ist. Im Besitz seiner Vorstellungwelt schaltet der Vorstellende in den Stromkreis der Kräfte eine neue Kraft von der Ordnung X ein, die im Unterschied zu allen anderen Kräften durchaus dem Bereich der eigenen Machtvollkommenheit und Zielstrebigkeit angehört. Von den Vorstellungen aus ergehen fortab die Befehle, Winke, Zeichen, nach welchen die Wirklichkeiten abgeändert werden; von den Vorstellungen aus beherrscht die Absicht des Vorstellenden die gesamte Schöpfung, sobald er sie nur zu beherrschen willens ist. Mittels der Vorstellung bringt der Vorstellende grundsätzlich die unendliche Weltwirklichkeit in seine Gewalt: in der Form der Vorstellung wird sie ihm botmäßig, wenn nicht sogar dienstwillig. Schopenhauers etwas dürre Formel ‚die Welt ist Meine Vorstellung‘ heißt in die Sprache Gotamos übersetzt fruchtbarer und sinngemäßer: die Welt ist abhängig veränderlich von Meiner Vorstellung der Welt... Und wenn dies auch nicht buchstäblich so zu denken ist, wie es Gotamo selbst dem aufhorchenden Ânando im Dritten Bericht aus dem Großen Verhör der Erlöschung Mahâparinibbânasuttam so eindringlich darlegt; wenn in Wahrheit auch nicht schon jede unermeßlich entwickelte Vorstellung ausreichend sein mag, diese Erde zum Zittern zu bringen wie die Vorstellung ‚Wasser‘ eines hochmögenden Asketen, -- daß eine ‚unermeßlich‘ entwickelte Vorstellung zum mindesten die empfindenden und bewegenden Nerven, die Zellen und Gewebe und Muskeln eigener und fremder Leiblichkeit beeinflussen und bestimmen können, dies steht auch für unser europäisches Wissen nachgerade auch dann fest, wenn eine ausreichende Erklärung dieses Sachverhalts nicht gegeben werden kann. Mittels Vorstellungen auf lebendiges Plasma einzuwirken und es von diesem inneren Licht aus geradezu einer Art von Bestrahlung zu unterziehen, das ist möglich, denn es ist wirklich. Der Herr der Vorstellungen aber ist der Vorstellende, und so ist der Vorstellende der Herr über alles, was von der Vorstellung her beeinflußbar erscheint, -- grundsätzlich der Herr also über alles, was lebt und infolge seines Lebens selbst an einer Vorstellungwelt teil hat: sie sei dumpf oder besonnen, unbewußt oder bewußt. Als vorstellendes Wesen verfährt der Mensch mit seinen Vorstellungen, wie es ihm gefällt, und so verfährt er auch mit dem, was seiner Vorstellungkraft nah oder fern zugänglich ist, wie es ihm beliebt. Die Welt als Vorstellung restlos dem bewußten Wollen, der bewußten Absicht, dem bewußten Zweck gehorsam zu machen, gehört somit ganz einfach zum Ziel des gotamidischen Protestantismus, wie es (in etwas anderer Weise) zum Ziel des kantischen Protestantismus gehört: in dieser Hinsicht geschieht Gotamos Einstellung auf den ‚transzendentalen Idealismus‘ aus dem stärksten Instinkt des großen Protestanten heraus, der über die Welt Herr sein und nicht der Welt Knecht sein will. Sei nun die Welt wahrheitgemäß Meine Vorstellung, oder sei Meine Welt Vorstellung oder sei weder Meine noch Deine Welt weder Meine noch Deine Vorstellung, sondern die ‚Welt überhaupt Vorstellung überhaupt‘, -- unter allen Umständen ist es erst diese Auffassung, die eine brauchbare Möglichkeit schafft, der Welt von innen her, vom Bewußtsein her, vom ‚Geiste‘ her habhaft zu werden. Erst als Bewußt-Sein von der Welt ist das Sein der Welt zu überwältigen, zu überweltlichen. Und umgekehrt: wo diese Überwältigung und Überweltlichung vornehmstes Ziel des Lebens ist, muß folgerichtig alles Sein in das Bewußtsein eingesenkt und eingeschichtet werden...
Wie aber nun, ihr Christen? Heißet das Leiden verwinden recht eigentlich die Welt verwinden, die Welt verwinden aber die Vorstellung der Welt verwinden, -- heißet alsdann nicht das Leiden verwinden die Vorstellung der Welt, ja die Vorstellung-Welt selbst verwinden? Heißet das Leiden verwinden recht eigentlich das Sein verwinden, das Sein verwinden aber das Bewußtsein verwinden, -- heißet alsdann das Leiden verwinden nicht das Bewußtsein selbst verwinden? Und falls sich dieses wirklich so verhält, -- und es verhält sich so! -- was heißt in diesem zutreffenden Fall die Vorstellung verwinden, das Bewußtsein verwinden? Wie kann die Vorstellung als solche, wie kann das Bewußtsein als solches verwunden werden, wenn Vorstellung und Bewußtsein das Erste und Letzte, das Unbedingte und Unentstandene ist? Wie kann das Erste und Letzte, das Unbedingte und Unentstandene selbst verwunden werden, da doch Nichts mehr hinter und Nichts mehr über ihm ist, welches zur Verwindung berufen wäre?