Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 14
Was also hier der Buddho (einigermaßen uneuropäisch dunkel) von sich selber fordert und nicht nur von sich, sondern von jedem, der das Leiden an seinem Stumpfe auszurotten willens ist, das läßt sich doch wohl nicht ganz unpassend mit dem vergleichen, was der Genius Kant in unseren westlichen Bezirken die ‚intelligible Freiheit‘ nannte, wie sie das ‚Ich an sich‘ außerhalb der Welterscheinung als _causa noumenon_ wesentlich betätigt. Der Genius Kant, an dieser Stelle sorgfältiger als irgendwo sonst die Erbschaft alter deutscher Mystik betreuend, hat ja zu seinem Teil auf diese Tat der Taten keineswegs verzichten können, die weder bedingt oder bestimmt durch Anreize aus der Sinnenwelt wird wie etwa der instinktive Wille des natürlichen Menschen, noch bedingt oder bestimmt wird durch die Vorstellung einer gesetzgebenden ‚Form‘ aus reiner Vernunft wie etwa des ‚guten‘ Menschen moralischer Wille: sondern die ganz einfach frei, weder bestimmt noch bedingt getätigt wird im Sinne des scholastischen _liberum arbitrium indifferentiae_... Diese zwar vielerörterte, kaum aber vielverstandene, vielleicht zutiefst gar nicht zu verstehende intelligible Freiheit Kants, sage ich, wäre vielleicht mit der Freiheit Gotamos nicht unpassend zu vergleichen. Ja, sie wäre am Ende völlig einerlei mit dieser, wenn nicht doch der Genius Kant, (hierin viel eher wiederum der Erbe der großen europäischen Scholastik statt der Mystik!) -- wenn er nicht eben diese transzendentale und transzendierende Freiheit leider als einen moralischen Vorgang aufgefaßt und der Moral dienstbar gemacht hätte: will heißen als einen Vorgang, der sich auf die Wahl des empirischen Ich durch das intelligible Ich bezieht und dadurch genau auf das, was Gotamo das Karman und seine Ordnung nennt. Auf diese Weise biegt die intelligible Freiheit Kants doch wieder bedingend, verursachend, bestimmend, begründend in die Wirklichkeit der Dinge ein, statt endgültig von ihr abzubiegen, und diesen Umstand hat Kant selber in voller Naivität gekennzeichnet durch den scheinbar ungereimten, in Wahrheit jedoch durchaus zutreffenden Begriff der ‚Kausalität durch Freiheit‘... Ganz unbesehen gerinnt mithin die Freiheit dem westlichen Denker sogar in ihrer transzendierendsten Bedeutung als _liberum arbitrium indifferentiae_ doch wieder nur zu einer Ur-Sache, statt zu einer Ur-Tat, -- zu einer Ur-Sache, die andere Sachen verursachend nach sich zieht: die Folgen, Wirkungen, Wirklichkeiten nach sich zieht. Die intelligible Freiheit Kants, zu einem moralischen Mysterium gestempelt statt zu einem religiösen, wird zu einer bloßen Ursache, die sich von allen übrigen Ursachen in der Welt nur eigentlich dadurch unterscheidet, daß sie die unendliche Reihe der Wirkungen nicht sowohl fortsetzt, als von vorn beginnt. Kants intelligible Freiheit ist ein grundloser Einsatz, ein unbedingter Anfang, mit welchem eine begründete und bedingte Reihe in der Zeit und Wirklichkeit beginnt. Oder mit einem Wort gesagt, -- diese intelligible Freiheit des westlichen Denkers ist Freiheit des Willens, etwa dem Ausspruch des Bernhard von Clairvaux gemäß: _ubi voluntas, ibi libertas_; oder besser und richtiger der Umkehrung dieses Grundsatzes gemäß: _ubi libertas, ibi voluntas_! Wo Freiheit, da ist hier Wille; wo aber Wille, da wird etwas gewollt: das Gute oder das Böse, das Richtige oder das Verkehrte, das Zweckvolle oder das Zwecklose, -- das Vernünftige oder das Törichte, das Sinnentsprechende oder das Unsinnige, -- unter allen Umständen aber ein zu Verwirklichendes, das in die Reihe der Wirklichkeiten gleichsam neu eingerückt werden soll, wie etwa die Anzeige einer neuen Erfindung in die Spalten einer Zeitung neu eingerückt wird...
Hierzu im äußersten Widerspruch ist die intelligible Freiheit des Buddho nicht sowohl eine Freiheit des Willens, als vielmehr eine Freiheit vom Willen und jedenfalls eine Freiheit vom Wollen. Nicht mehr wollen, nicht mehr wünschen, nicht mehr heischen, nicht mehr gieren, nicht mehr schmachten, nicht mehr trachten, nicht mehr streben, nicht mehr verkörpern, nicht mehr verwirklichen, nicht mehr erscheinen, nicht mehr entstehen, nicht mehr vergehen, nicht mehr tun, nicht mehr leiden, -- das eben heißt gotamidisch ‚frei‘ sein. Kants unmittelbares Erlebnis der reinen Tat gilt einem Vor-Anfang und Ur-Anfang, womit eine unendliche Schöpfung in der Zeit sich einleitet. Die reine Tat setzt hier das (empirische) Ich und mit diesem alle Abhängigkeiten, Notwendigkeiten, Folgen dieser Setzung, -- und trotz aller verspäteten Einsprüche und Verwahrungen Kants war es doch nur im strengsten Geiste Kants weiter und weiter gedacht, wenn Fichte die reine Tat außer dem Ich das Nichtich und im Ich das Nichtich setzen ließ: mit dem Ich und Nichtich aber die ganze Welt abstufend, aufstufend zu der unendlichen Schöpfung in der Zeit. Das Ich gesetzt durch Freiheit, das Nichtich gesetzt durch Freiheit, das Nichtich im Ich gesetzt durch Freiheit und somit die ganze Welt gesetzt durch Freiheit, -- das ist von allen europäischen Konzeptionen vielleicht die europäischste gewesen, weil unentwegt forsch in die Unendlichkeit fort- und fortschreitend einen ‚unendlichen‘ Fortschritt ermöglichend und verwirklichend... Gotamos reine Tat indes ist nichts weniger als ein Vor-Anfang, Ur-Anfang unendlich fortschreitender Reihung oder Stufung. Vielmehr genau dort, wo Gotamo am engsten sich mit dem europäischen Gedanken, Ungedanken des _liberum arbitrium indifferentiae_ berührt, dort wird er auch (wie das stets so ist) am heftigsten von diesem abgestoßen. Des Buddho Tat ist Ende und Voll-Ende, ist Voll-Endung des Voll-Endenden: eben darum zwar, weil sie durch alle unendliche Satzung, Reihung, Stufung quer hindurchbricht und den Leitfaden des Karman, wenn nicht geradezu zerreißt, so sicherlich auch nicht mehr weiterspinnt, vielmehr ein für allemal verstätigt. Verneinenderweis ausgedrückt, gelangt diese Tat des gotamidisch Vollendenden also durch einen Austritt und Heraustritt zum Vollzug: durch einen Austritt und Heraustritt zwar, der den Täter zufall- und schicksallos macht (in der Sprache der Tragödie gesprochen); der den Täter willens- und tatfrei macht (in der Sprache der Moral gesprochen); der den Täter unbedingt und abgelöst, das heißt, ‚absolut‘ macht (in der Sprache der Metaphysik gesprochen); der den Täter unabhängig von den Gegenständen der Erfahrung und von der Erfahrung selber macht (in der Sprache der Transzendentalphilosophie gesprochen); der den Täter weltledig, arm und abgeschieden macht (in der Sprache der Mystik gesprochen); der den Täter wunschversiegt, wahnversiegt, daseinversiegt macht, zuletzt und endgültig in der Sprache des Buddho gesprochen... Bejahenderweis ausgedrückt ist aber diese selbe Tat der gotamidischen Vollendung doch zugleich ein Eintritt und Hereintritt, ein Eintritt und Hereintritt nämlich in das übersinnliche, überdingliche, überweltliche Bereich des An-und-für-sich-Seins der Welt: mithin in ein Bereich, für welches die Zunge weder des Tragöden, noch des Moralisten, Metaphysikers, Transzendentalphilosophen oder Mystikers, ja nicht einmal des Buddho selber Sprachzeichen und Lautgebärden hat, um es hinlänglich zu bezeichnen...
Gotamo aber, nachdem er an der schlechten Unendlichkeit eines nimmer stockenden Entstehens und Vergehens unaussprechlich heftig und tief gelitten hatte, -- Gotamo, nachdem er (vorübergehend im Irrtum der Freien Brüder befangen) in beispielloser Selbstquälerei, Selbstfolter, Selbstabtötung das Leiden nur zwecklos gemehrt hatte, um mittels des gemehrten Leidens das mindere zu übertäuben, -- Gotamo, nachdem er das arme Fleisch des Leibes in erfinderischen Büßungen gleichsam mürb gebeizt hatte, bis es ihm von den Knochen gefallen war, auf daß er endlich dem armen Fleisch nicht länger unterworfen bliebe und sich fortab des ‚reinen‘ Geistes freuen dürfe: dieser Gotamo der Erlebende des Leidens erlebt eines Tages an ihm selber, wie er, o Wunder, des Leidens wirklich genesen ist, wahrhaft bei Lebzeit schon genesen! Nicht durch Mißhandlung oder Peinigung oder Entehrung des Körpers: vielmehr ganz einfach durch eine innerliche Wendung oder Drehung von dieser Weltlichkeit weg nach einer anderen Weltlichkeit, nach einer Gegen-Weltlichkeit hin, -- denn dieser Buddho, ihr Christen, wußte es ja schon zu seiner Zeit, daß es viele selbstgeschaffene Wirklichkeiten gäbe und also zu einer jeglichen von ihnen auch die Gegen-Wirklichkeit... Er, der Erlebende des Leidens, erlebt in einer ungeheueren Stunde plötzlich kein Leiden mehr, und sogar heute noch ahnen wir fern, fern das unermeßliche Gefühl von Frieden und von Stillung, wie es schwer und hell wie flüssiges Gold in seine Seele träufelt: „Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ‚Wie, sollt’ ich etwa jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des Schlechten?‘“... Und nicht länger fürchtet sich jetzt der Buddho dieses Glückes, sondern erfüllt sich mit ihm, daß es aus allen seinen Poren strahlt und leuchtet: denn als ein Glück, eine Selbststeigerung ganz außerhalb jeder Vergleichbarkeit empfindet der Buddho diesen neuen und ungewohnten Urstand des Nicht-mehr-Leidens, des Ausgelittenhabens an der Werdewelt und ihrem ewigen Gesetz. Als eine Besäligung, ja als eine Säligkeit ganz außerhalb jeder Vergleichbarkeit empfindet der Buddho diesen neuen, ungewohnten Urstand, wo er sich endlich, endlich nicht länger eingeschmiedet findet in den Ring der Wiederkünfte und nicht länger aufgeflochten auf das Rad der Werke-Wesen: „...die aber da als Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntnis erlöst haben, denen taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu genießen, bei klarem Bewußtsein“...
Wunschversiegung, Wunschvernichtung, Wunschverwindung heißt aber in den Heiligen Schriften des Kanons jener Urstand der Leidensauflösung und Weltledigung, in welchem der Buddho zuletzt sich selbst vollendet. Wunschversiegung, Wunschvernichtung, Wunschverwindung heißt die ‚reine‘ Tat der Freiheit selber: das ist im Pâli entweder _nibbânam_, oder im Sanskrit _nirvânam_, aus der Wurzel _van_ = Wunsch. _Nibbânam_ oder auch _nirvânam_ oder auch _brahmanirvânam_ oder auch _paramanirvânam_ heißt in den beiden Mundarten der Überlieferung der Urstand der erlangten Heiligkeit, der bald das Schicksal aller erlesenen Dinge hatte, sowohl im Osten wie im Westen gleichermaßen gröblich mißverstanden zu werden. Denn nichtverstanden hat dieses Nibbânam zum Beispiel ein repräsentativer Chinese wie der sehr kluge und fein gebildete Ku Hung-Ming, wenn er sich etwa folgendermaßen ausläßt: „Auch die Methode des Buddhismus, die Welt zu erneuern, nimmt zum Boykott ihre Zuflucht. Wenn die Welt schlecht ist, so rasiert der Buddhist seinen Kopf, geht ins Kloster und boykottiert die Welt“... Nicht weniger mißverstanden hat ferner dies Nibbânam ein repräsentativer (gerade in seiner menschlichen Zweideutigkeit repräsentativer) Europäer wie der französische Poet Claudel, wenn dieser zwar etwas weniger platt, aber dafür um so orakelhafter zu sprechen wagt „vom Schweigen des Geschöpfes, das sich hinter eine völlige Verweigerung verschanzt hat“, oder gar von „der unreinen Ruhe der auf ihrem wesentlichen Anderssein beharrenden Seele“, oder wenn er sich vollends zu dem Satz versteigt, der sich angesichts der obigen Worte Gotamos freilich besonders unverständig ausnimmt: „Für mich hat das Nichts nur einen Sinn, wenn sich ihm die Säligkeit zugesellt“... Seltsamstes Spiel fürwahr, daß der Osten und der Westen des Planeten gleichermaßen den Urstand der Wunschverwindung nur als das große Nichts und Abernichts zu würdigen oder vielmehr nicht zu würdigen vermag! Seltsamstes Spiel, und doch nicht Laune bloß des Zufalls oder der Abgeschmacktheit, daß der Mensch sich vor dem Nichts zu fürchten beginnt, wo er nichts mehr zu fürchten, nichts mehr zu dulden, nichts mehr zu verlieren, aber freilich auch nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu wünschen, nichts mehr zu gewinnen hat! Wie tief, wie abschreckend irreligiös mußte der Mensch geworden sein, bis er jeden lebendigen Zusammenhang mit dem Walten einer reiferen Frömmigkeit so weit verloren hatte, daß er den Zustand ewiger Bedürftigkeit als den ihm zusagendsten und angemessensten bejaht, den Zustand der Gestilltheit aber als den schlechterdings unangemessenen und nichtseinsollenden verneint, will meinen: ihn als ‚Nichts‘ verleumdet! Denn brauch’ ich es nach allem Vorigen besonders noch zu beteuern, daß dies Nibbânam Gotamos sowenig etwas mit dem Boykott des chinesischen Reformers zu schaffen hat wie mit der völligen Verweigerung, mit der unreinen Ruhe oder gar mit dem ‚Nichts ohne Säligkeit‘ des französischen Mystizisten und Mystifikanten? Brauch’ ich zu sagen, daß vollends alle die eifrigen Gelehrten, fleißigen Professoren und scharfsinnigen Philosophen schier lächerlich, wenn nicht schon boshaft abwegig sind mit ihrer Mutmaßung, der Buddho habe das Nibbânam gleichsam als ‚Nichts-an-sich‘ ontologisch verdinglicht, vergegenständlicht oder verwesentlicht, um dies dinghafte Un-Ding der Welt gleichsam listig als ihren ‚Gott‘ zu unterstellen und derart den Brahman-Âtman des Brahmanismus als hoffnungloser Nihilist des Fühlens, Nihilist des Wollens, Nihilist des Denkens zu Ende zu denken: zu Tod zu denken? Brauch’ ich zu wiederholen, daß dies Nibbânam nichts weiter ist wie eine keusche Anspielung auf einen in unablässigen Seelenkämpfen errungenen Dauerstand des Selbstes, genau wie die Abgeschiedenheit, die nächste Armut, die weiselose Weise unserer westlichen Mystik eine solche keusche Anspielung gewesen ist? Brauch’ ich zu beweisen, daß dies Nibbânam das letzte Endziel zwar nicht aller Religionen, aber aller Religion ist, das Endziel aller auf Selbstvergöttlichung bedachten Selbstläuterungen, um wie Gott schließlich ganz weltunbedingt, ganz weltunabhängig, ganz weltunbedürftig zu sein? Brauch’ ich herauszuheben, daß dies Nibbânam als edelstes Ergebnis zwar alles Weltverzichts und aller Weltentsagung zugleich doch herrischste Forderung, unbeugsamster Anspruch ist auf Selbsterfüllung und Selbststillung? Brauch’ ich zu verraten, daß dies Nibbânam den Menschen mit einer beispiellosen Treue treu gegen sich selbst zu werden lehrt, damit er, treu gegen sich selbst, treu auch gegen das unendliche All, eben dieses unendliche All mit seiner unendlichen Dichtigkeit und Mächtigkeit in sich auszutragen vermöchte und also austragend, also ausgetragen in sich endige und vollende? Brauch’ ich zu begründen, daß es sich hier zuletzt um etwas ganz Einfaches und Selbstverständliches handelt, um das Ankern nämlich auf dem eigenen Grund, um das Ankern in der eigenen Tiefe, bis wohin kein Sturm mehr aus dem Luftraum blasen kann?... „Der ich also rede, also lehre, ihr Mönche, mich bezichtigen einige Asketen und Brâhmanen grundloser, nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ‚Ein Verneiner ist der Asket Gotamo, des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung verkündigt er.‘ Was ich nicht bin, ihr Mönche, nicht rede, dessen bezichtigen mich jene lieben Asketen und Brâhmanen, grundloser, nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ‚Ein Verneiner ist der Asket Gotamo, des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung verkündigt er.‘ Nur eines, ihr Mönche, verkündige ich, heute wie früher: das Leiden und des Leidens Ausrodung“...
Brauch’ ich euch zu überreden endlich, ihr Christen, daß dies Nibbânam, taktlos mißhört, mißdeutet und mißechot im Osten der Erde wie im Westen und offenbar dazu in einem Spülicht hemmungloser Vielgeschwätzigkeit schwammig bis zum Unsinn, bis zum Irrsinn aufgeweicht und aufgedunsen, -- brauch’ ich euch zu überreden, daß dies Nibbânam künftighin zu ehren ist mit jenem siebenfältigen Schweigen der Ehrfurcht, welches das Siebente Wort am Kreuz der Welt, Siebente Wort am Rad der Welt gleichermaßen ehrt wie fürchtet: Τετέλεσται, es ist vollbracht! _Katam karanîyam_, gewirkt ist das Werk!...
DIE DRITTE UNTERWEISUNG:
BUDDHO DER WISSENDE
DAS HEILIGE NEIN LASST UNS BEKENNEN DENN NEIN UND JA SIND WIE DIE SCHENKEL DER NÄMLICHEN PARABEL, UND WO SICH DIESE SCHEITELT, DURCHDRINGEN BEIDE SICH IN EINEM PUNKT -- DENN NEIN UND JA SIND WIE DER ABSTEIGENDE UND ANSTEIGENDE KNOTEN DER WELT, UND WO SICH BEIDE SCHÜRZEN, SCHWEBT GIPFELND DAS GESTIRN DER WELT DURCH SEINEN MITTAGSKREIS -- DENN NEIN UND JA SIND WIE DAS AUSSENBLATT UND INNENBLATT DESSELBEN KEIMLINGS, IM SCHOSSE DER GEBÄRERIN STRENG GEFALTET -- GEFALTET ZUM AUSSEN-INNENBLATT REIFT ERST DER KEIMLING DER GEBURT ENTGEGEN: GEFALTET ZUM NEIN-JA REIFT ERST DIE SEELE IHRER WELT ENTGEGEN -- DAS NEIN ZERSPELLT DAS GOLDENE EI DER WELT, DAS MÜTTERLICH VOM PHÖNIX GEIST BEBRÜTETE -- JEDOCH DES JUNGEN ADLERS SCHNABELSCHÄRFE IST ES, DIE SICH MIT FRÜHFLÜGGER WEISHEIT LICHTBEGIERDE DAS DUNKLE EI ZERSPELLT -- O WELT, VON DEINER SONNE EMPFING ICH TRÄUMEND EINEN HIMMELSTRAHL IN MEINEM AUG, ALS ES NOCH SCHLIEF, ZUM PFAND, DASS ICH DEREINST MICH AN DIR SONNEN WÜRDE, WANN ICH DURCH DEINE BITTERSCHALE BRACH -- O AUGE ICH DER WELT, O HIMMELSAUGE ICH, ZU DIR, O WELT, ERWACHEND -- O ICH ERWACHTER DANN, VOLLKOMMEN ERWACHTER ICH ZU DIR, O WELT --
DIES IST DIE DRITTE UNTERWEISUNG
Es ward gesagt, ihr Christen, daß der Buddho die Geburt haftbar machte für die drei Kernübel dieser Welt, für Alter, Krankheit, Tod. Dreimal hat der Buddho in der Legende von Vipassîs Ausfahrt der Geburt geflucht: „O Schande sag’ ich über die Geburt, da am Geborenen das Alter zum Vorschein kommt, die Krankheit zum Vorschein kommt, der Tod zum Vorschein kommt...“ An die Geburt also knüpft sich das Leiden, an die Geburt knüpft sich Alter, Krankheit, Tod. Denn ohne Geburt, heißt es in den Reden schon fast mit einer wörtlichen Wendung Platons, ohne Geburt würde kein Mensch zur Menschheit, kein Vierfüßer zur Vierfüßerheit, kein Vogel zur Vogelheit geboren: ohne Geburt kein Wesen zu Krankheit, Alter, Tod. So findet Gotamo in der Geburt die Ursache aller drei grundsätzlichen Übel dieser Welt und in der Geburt die Ursache alles Leidens an der Welt. Die Geburt aber, dies bemerkten wir schon mit hinlänglicher Zuverlässigkeit, ist zwar Ursache, keineswegs jedoch etwas Letztes oder Unbedingtes, -- keineswegs Ur-Sache aller Sachen oder Ur-Grund aller Gründe. Vielmehr ist ja die Geburt jeglichen Wesens an und für sich schon Wieder-Geburt, verursacht und bedingt durch frühere Tat, wie umgekehrt frühere Tat ihrerseit die Frucht früherer Geburt gewesen ist. Und dies in unendlicher Schürzung und Neuschürzung in unendlichem Kreislauf, bis irgendwann einmal die reine Tat getätigt und irgendwann einmal der Kreis durchbrochen ward. Ins Werden eingeflochten ist mithin die Tatsache der Geburt, ins Werden eingeflochten bleibt sie. Und so versteht sich’s eigentlich von selbst, daß auf die Frage: was Geburt bedinge, der Buddho keine andere Antwort in Bereitschaft haben kann als eben: das Werden! Das Werden bedingt die Geburt; denn wenn es kein Werden gäbe, kein geschlechtliches Werden, kein formhaftes Werden, kein formloses Werden, dann gäbe es keine Geburt. Was aber bedingt das Werden, gesetzt den Fall, auch dieses Werden sei nichts Letztes, sei nichts Unbedingtes? Das Anhangen bedingt das Werden, antwortet der Buddho selber sich auf diese neue Frage. Denn wenn es keinen Hang gäbe, keinen Hang nämlich zur Lust, keinen Hang zur Selbstbehauptung (und dies heißt gotamidisch gedacht keinen Hang zum ‚Ich-Sagen‘!) -- wenn es keinen Hang gäbe ferner zur Ansicht, keinen Hang zu Tugendwerk, dann gäbe es auch kein Werden. Was aber bedingt das Anhangen, gesetzt den Fall, auch dieses Anhangen sei nichts Letztes, sei nichts Unbedingtes? Der Durst bedingt das Anhangen, der ungelöschte und unversiegte, antwortet der Buddho selber sich auf diese neue Frage. Denn wenn es keinen Durst gäbe, Durst nach Gestalten, Durst nach Tönen, Durst nach Düften, Durst nach Säften, Durst nach Tastungen, Durst nach Gedanken, dann gäbe es auch kein Anhangen. Was aber bedingt den Durst, gesetzt den Fall, auch dieser Durst sei nichts Letztes, sei nichts Unbedingtes? Das Gefühl bedingt den Durst, antwortet der Buddho selber sich auf diese neue Frage. Denn wenn es kein Sehgefühl, kein Hörgefühl, kein Tastgefühl, kein Riechgefühl, kein Schmeckgefühl, kein Denkgefühl gäbe, dann gäbe es auch keinen Durst. Was aber bedingt das Gefühl, gesetzt den Fall, auch dieses Gefühl sei nichts Letztes, sei nichts Unbedingtes? Die Berührung bedingt das Gefühl, antwortet der Buddho selber sich auf diese neue Frage. Denn wenn es keine Sehberührung, Hörberührung, Tastberührung, Riechberührung, Schmeckberührung, Denkberührung gäbe, gäbe es auch kein Gefühl. Was aber bedingt die Berührung, gesetzt den Fall, auch diese Berührung sei nichts Letztes, sei nichts Unbedingtes? Die erkenntnismäßige Doppeltheit Bild-und-Begriff, Begriff-und-Bild bedingt die Berührung, antwortet der Buddho selber sich auf diese neue Frage. Denn wenn es keine Wahrnehmungen und keine Vorstellungen, keine sinnlichen Eindrücke und keine begrifflichen Kennzeichen, Wahrzeichen, Bedeutungzeichen für solche Eindrücke gäbe, also platonisch gesprochen keine εἰκόνες und keine εἴδη, dann gäbe es keine Berührung. Was aber bedingt diese erkenntnismäßige Doppeltheit von Bild-und-Begriff und von Begriff-und-Bild, gesetzt den Fall, auch diese Doppeltheit sei nichts Letztes, sei nichts Unbedingtes? Das Bewußtsein bedingt Bild-und-Begriff, Begriff-und-Bild, antwortet der Buddho selber sich auf diese neue und nun doch schon beinahe ‚letzte‘ Frage, wofern er jetzt offenbar die Reihe der Verursachungen und Bedingungen der Geburt bis zur Ur-Sache und bis zum Un-Bedingten rückwärts verfolgt hat. Denn gäbe es kein Bewußtsein, gäbe es keine Setzung von Nichtich-Welten für das Ich, von Erlebnis-Mannigfaltigkeiten für die erlebende Einheit, von Objektivationen für das Subjekt, dann gäbe es eben auch keine Bilder und Bildesbilder, dann gäbe es auch keine Gegenständlichkeiten und Gedankenzeichen für Gegenständlichkeiten, dann gäbe es auch keine Wahrnehmungen und keine Vorstellungen, welche Wahrnehmungen vorstellen sollen und wirklich auch vor-stellen. Wer aber jetzt noch weiter forschen und weiter erklären wollte, der stieße bei der nächsten Frage: Was bedingt Bewußtsein? schon unfehlbar wieder auf die bereits erteilte Antwort: Bild-und-Begriff, Begriff-und-Bild bedingen das Bewußtsein, wofern sie in zweifacher Erscheinung als Nichtich-Welt bezogen auf ein Ich auftauchen, als Gegenstands-Vielheit bezogen auf eine Zustands-Einheit auftauchen. Denn dieses gerade nennen wir ja das Bewußtsein, daß für das unbegreiflich-unbegriffliche Selbst Begriffe und Bilder aus irgendwelchen Latenzen her _in actu_ auftreten und einem solchen Selbst erscheinen, wahrnehmbar werden, vorstellbar werden. In dieser Rücksicht heißt Bewußtsein offenbar Sich-Bewußt-Sein; sich einem Sein auf irgendeine Weise entgegengesetzt und widerstemmt finden; sich etwelcher Wahrnehmbarkeiten irgendwie inne werden, innerlich und erinnerlich werden. Bewußtsein und Bild-Begriff erweisen sich dem Buddho kurz gesagt als wechselbezüglich und wechselbezogen, als wechselbedingend und wechselbedingt: eine sowohl in philosophischem wie religiösem Betracht bedeutsame Lehre, die (wie man weiß) auch unserem westlichen Klima keineswegs fremd geblieben ist. Vor dem Bewußtsein als der Stätte entstehender Geburten steht schließlich der Frager still und still steht davor auch des Fragers unablässig bohrender und schraubender Verstand. Im Bewußtsein ist das Weh der Welt, das dreigestaltige, verwurzelt; im Bewußtsein sind Vergänglichkeit, Leidbehaftetheit, Wesenlosigkeit, _aniccam_, _dukkham_, _anattam_ verwurzelt; im Bewußtsein ist die Werdewelt, Wandelwelt, Wehewelt verwurzelt. Gäbe es kein Bewußtsein, dann gäbe es ‚diese‘ Welt nicht; denn ‚diese‘ Welt gibt es nur dort, wo sie sich eben einstellt und vorstellt und nirgends sonst, ihr Christen...