Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 11
Nein, der Erhabene leidet, weil diese Gattung Mensch, in die Werdewelt hineingeflochten, an der Dauerwelt keinen Anteil hat. Des Buddho Schmerz an der Gattung ist im Kosmos gegründet und in dessen Nomos, dessen Dharma. Es wäre nur die Hälfte wohl der Wahrheit, zu sagen, daß Gotamo an der Gattung allein gelitten habe: aber wofern er wirklich an der Gattung litt, da litt er an ihrem kosmischen und nicht an ihrem ethischen Zustand. Und hier bedarf die bisherige Darlegung allerdings einer Erweiterung und Vervollständigung von höchster Wichtigkeit. Denn um es mit Einem Wort zu sagen: das Leiden der Gattung und an der Gattung umspannt zwar das eigentliche Urerleben Gotamos, wie es die Legende von Vipassîs Ausfahrt ein für allemal versinnbildlicht, -- aber dieses Urerleben füllt unter keinen Umständen den vollen Kreis des Leidens selber aus, wie es im Kosmos durchaus verwurzelt erscheint, um dann im Ethos freilich seine bittere Frucht zu tragen. Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit sind also wohl die Leiden des Geschöpfes, durch die es seine Gebundenheit an die Schöpfung, seine Bedingtheit in der Schöpfung unzweideutig zu erkennen gibt. Wohl erleidet jeder Einzelne zu seinem Teil das Urverhängnis der ganzen Art, ja der ganzen Wandel- und Werdewelt, und ein Einzelner vollends von der Würde des Buddho erleidet weit über seinen persönlichen Anteil hinaus kraft seiner Eigenschaft als ‚Engel‘ das Urerleben aller, als ob er selber in eigener Gestalt ‚alle‘ wäre! Aber daneben, man wolle es bemerken, sind jedem Einzelnen die ganz besonderen Leiden seiner Einzelnheit und Einmaligkeit einmalig auferlegt. Sie sind ihm auferlegt, und auch dies wolle man bemerken, nach altindischem Dafürhalten als die unabwendbare Wirkung und Folge aller Taten, die einer getan oder unterlassen hat zu Zeiten früherer Verkörperlichungen. Gotamo hätte kein rechter Inder sein müssen und noch weniger jener Herzenskündiger, der da „der anderen Wesen, der anderen Personen Herz im Herzen schaut und erkennt: das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das haßlose Herz als haßlos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt“; -- Gotamo, sage ich, hätte nicht jener unvergleichliche Herzenskündiger sein müssen, begabt mit dem ‚χάρισμα διακρίσεως πνευμάτων‘, wenn er an diesem Leiden von höchster persönlicher Bedeutsamkeit gleichmütig vorbeigegangen wäre. Möchte Gotamo der Erlebende immerhin an sich selber das Leiden als ein kosmisches Vorkommnis, als ein kosmisches Gesetz kosmisch erlebt und als eben solches kosmisch überwunden haben: unmöglich, ganz unmöglich konnte er sich gegen jenes anders geartete Leiden abstumpfen und verblenden, welches jeder Einzelne in einem wahrhaft abgründlichen Sinn und Hintersinn über sich selber verhängt. Über sich selber verhängt in seiner unumgänglichen Eigenschaft, in jeder zeitlichen Verkörperlichung als Täter seiner Taten, als Erbe seiner Werke das erleiden zu müssen, was er in früherer Verkörperlichung getätigt hatte. Um es mit Einem Wort auszusprechen, so hat ja auch dieser Gotamo die Lehre vom Karman angetreten, und das will heißen, die Lehre vom Leiden in seiner persönlichsten, verantwortlichsten, einmaligsten Form, dessen Maß, Beschaffenheit und Art bei jedem Einzelnen aufs genaueste vorherbestimmt erscheint durch Maß, Beschaffenheit und Art seiner vormaligen Taten. Hier hatte seinen härtesten Sieg zu erstreiten, wer des Leidens Sieger zu sein trachtete. Dieses Leiden hieß Schuld und Buße, Vergeltung und Sühne, Gericht und Strafe; dieses Leiden hieß Werk und Tat, Wirkung und Verursachung, Selbsturheberschaft und Selbstbestimmung. Wie nun ist dieses Leiden, welches aufs innigste mit dem Grundgesetz des Lebens, und diesmal zwar mit dem sittlichen Grundgesetz des Lebens zusammenhängt, wie ist es abzustellen oder zu verwinden, ohne dabei das sittliche Grundgesetz des Lebens zu gefährden? Die kosmische Ordnung der Welt konnte gewissermaßen außer Kraft gesetzt werden durch die Umgestaltung vergänglicher Leiblichkeiten in die Dauer: gut! Wie aber kann die ethische Ordnung der Welt durchbrochen werden, ohne daß das Ethos selber aufgehoben erscheint?
Vergegenwärtigen wir uns inzwischen, ihr Christen, diese so seltsam fremde und dennoch seltsam anheimelnde Lehre vom Karman, das ist die Lehre vom ‚Werk‘, etwas mehr von der Nähe, und suchen wir völlig zu begreifen, in welchem Grade eben die Absicht Gotamos auf Leidensabstellung, Leidensauflösung, Leidensverwindung notgedrungen durch diese Lehre aufs äußerste verschwierigt werden mußte. Gemäß dem kosmischen Grundgesetz des Leidens von vorhin ist jedes Einzelwesen ohne Dauer und somit dem Leiden an der Dauerlosigkeit verfallen. Besteht jedoch ein Verfahren, welches Dauer irgendwie zu ermöglichen, ja zu verwirklichen verspricht, dann ist dieses Leiden an der Dauerlosigkeit getilgt und in kosmischem Betracht ein Zustand der Leidlosigkeit erreicht und errungen. Gemäß dem ethischen Grundgesetz des Leidens ist aber daneben und außerdem jedes Einzelwesen in jedem einzelnen Fall durchgängig das, was zu sein es sich in früherer Verlebendigung höchsteigentätig und höchsteigenwillig selbst erschuf. Ein gewisses Etwas nämlich reicht von der früheren Verlebendigung und ihren Werken, ihren Taten bis zur jetzigen Verlebendigung herüber: und dieses Etwas bestimmt das Sein der jetzigen Verlebendigung in jedem Zug, in jeder Falte. Was diesen sogenannten Leib betrifft, so steht ja unumstößlich fest, daß er nicht dauert und seine Lebenszeit nicht übersteigt. Und was die sogenannte Seele betrifft, so steht es zwar nicht unumstößlich fest, ob sie dauert oder ob sie nicht dauert, weil der Streit der Schulen ja darüber noch nicht entschieden ist und auf irdische Sicht hin schwerlich so bald entschieden werden wird; -- immerhin dauert aber wenigstens nach altindischer Auffassung auch diese Seele eigentlich nicht oder fast nicht. Denn wo die Seele der alljährlich darzubringenden Totenopfer, Totenspenden der Söhne und Sohnessöhne entbehren muß, da entartet sie, da verelendet sie, da schrumpft sie gleichsam ein zu einem bloßen Wander- und Irrgespenst (_piçâca_), dessen wunderlicher Zwischenstand zwischen Sein und Nichtsein jede Wiederverleiblichung ausschließt, die sozusagen an der Reihe wäre, und derart die Seele um die ihr eigentümliche Auswirkungmöglichkeit, Auswirkungnotwendigkeit verhängnisvoll bringt. Was hingegen der dauerlose Leib und die grundsätzlich kaum dauernde Seele in der Zeit ihrer irdischen Gemeinschaft in gemeinsamer Urheberschaft wollen und vollbringen: das dauert, das beharrt, das stirbt nicht, das überlebt und übersteht. In der Brihadâranyaka-Upanischad, die allerdings nach der Annahme ihres deutschen Übersetzers schon den buddhistischen Einfluß widerspiegelt, legt der Frager Ârtabhâga dem alleswissenden Brâhmanen Yâjñavalkya die Frage vor: „‚Wenn nach dem Tode dieses Menschen seine Rede in das Feuer eingeht, sein Odem in den Wind, sein Ohr in die Pole, sein Leib in die Erde, sein Âtman in den Akâra (Weltraum), seine Leibhaare in die Kräuter, seine Haupthaare in die Bäume, sein Blut und Samen in das Wasser, -- wo bleibt dann der Mensch?‘ Da sprach Yâjñavalkya: ‚Faß mich, Ârtabhâga, mein Teurer, an der Hand; darüber müssen wir beide uns allein verständigen, nicht hier in der Versammlung.‘ -- Da gingen die beiden hinaus und beredeten sich; und was sie sprachen, das war Werk, und was sie priesen, das war Werk. Fürwahr! Gut wird einer durch gutes Werk, böse durch böses...“ Das Werk des Menschen also, sein Werk, will heißen seine Tat und seine Handlung, sie reicht über das Dasein der einzelnen Verkörperlichungstufe unendlich hinaus, nicht anders ungefähr, wie nach der Ansicht der dynamischen Naturphilosophie des Westens die Wirkung einer Krafteinheit unendlich hinausreicht über den raumlosen Punkt, in welchem sie ihren Sitz und damit ihr eigentliches Dasein hat. Mit dem nicht unerheblichen Unterschied freilich, daß diese Wirkung in die Unendlichkeit bei der natürlichen Krafteinheit nach allen Lagen und Richtungen des Raumes sich zerstreut und in der Zerstreuung sich verliert, indes die unendliche Wirkung beim Karman auf geheimnisvolle und nicht zu enträtselnde Weise gesammelt und aufgestaut wird, bis sie sich in einer neuen Persönlichkeit gleichsam wiederverstofflicht und wiederverlebendigt hat. Diese neue Persönlichkeit ist dann, wie sich von selbst versteht, mit Leib und Seele die Erschaffenheit der Wirkungweisen, die von der vorigen Persönlichkeit als Taten oder Werke ins All hinausgestrahlt, hinausgestreut, hinausgeschleudert wurden. Wie die auseinanderlaufenden Strahlen einer Linse wohl vom Brennpunkt einer zweiten Linse wieder aufgefangen und vereinigt werden können, so werden die Werk-Ausgießungen eines beliebigen Wesens von einem zweiten Wesen wiederum aufgefangen und vereinigt, -- abermals mit dem Unterschied freilich, daß es nach der Lehre vom Karman die Werk-Ausgießungen selber sind, die sich zu der neuen Verstofflichung zusammenfinden und verfestigen. Das Werk wirkt also in seiner Eigenschaft, Sämling oder Keimling oder Schwängerling zu sein, in alle Zukunft fort und fort im All: es pflanzt sich selbst als Schößling des Wirkenden in irgend eine unbekannte Äther-Erde ein. Urzeugend bildet hier das Werk das ihm im innersten entsprechende Wesen hervor; ungeschlechtlich, übergeschlechtlich setzt sich das Wesen fort im Werk. Werk aber und Wesen, Wesen und Werk schließen sich als die Glieder der ewigen Kette ‚Zeit‘ in stätigem Wechsel stätig zusammen...
Dem sei im übrigen, wie ihm sei. Auf jeden Fall macht Indien durch diese Lehre, die ihren Grundzügen nach vielleicht doch schon vorgotamidisch gewesen ist, bitteren Ernst mit dem Gedanken des ‚_esse sequitur operari_, Sein erfolgt aus Wirken‘, -- mit einem Gedanken folglich, der zwar auch unserem alten Europa nicht fremd geblieben ist, aber mit welchem dieses nur hin und wieder etwas zu liebäugeln gewagt hat: im ganzen und großen immer wieder von dem thomistischen ‚_operari sequitur esse_, Wirken erfolgt aus Sein‘ in den Bann gezogen. Gerade weil der Aquinat mit diesem Grundsatz ohne weiteres recht hat und den Nagel auf den Kopf trifft, gerade darum muß auch die Umkehrung im Recht sein und den Nagel auf den Kopf treffen. Wirken erfolgt aus Sein, das lehrt die platteste Erfahrung stündlich. Aber nicht minder, wenn auch sicherlich mit minderer Sinnfälligkeit, erfolgt Sein aus Wirken: aus dieser meiner Tat wächst das ihr gemäße Sein wie umgekehrt die Tat aus ihr gemäßem Sein erwachsen ist. Die heutige Tat von mir erschafft mich selber als morgige Person; meine Tat von heute, mir heute noch selber fremd, unheimlich, unzugehörig und gleichsam in einem dunkeln Ungefähr von einem namenlosen Es getätigt, -- sie schafft sich zuverlässig morgen ihren Täter, in mir selber zu mir selber sprechend: das bist du... Das Werk der Tat, noch heute von mir selbst als meines Selbstes blindes Jenseit geleugnet und nur wie ein Erdblitz aus irgendeiner Falte, irgendeinem Spalt meiner Selbstheit tödlich zuckend, -- dies Werk meiner Tat wirbt bald um seinen Täter unablässig, bis sich mein Selbst als Täter morgen ihm vermählt. Wenn aber ein tragischer Dichter Europas sich zu dem immerhin bemerkenswerten Ausspruch hat bestimmen lassen, daß böse Tat fortzeugend stets Böses müsse gebären, so würde ein indischer Denker dies vielleicht sinngemäß dahin abzuändern wünschen: daß böse Tat fortzeugend stets Böse müsse gebären, wie gute Tat eben so fortzeugend Gute. Denn die Tat tätigt nicht allein die Tat, sondern tätigt je und je den Täter, wie dies der nicht ganz echte, aber doch um Echtheit eifrig bemühte Gotamide Schopenhauer wenigstens dem Willen an und für sich (ob auch leider nicht der Tat an und für sich) buchstäblich zuerkannte: du bist, wer du willst, _esse sequitur velle_, aber du tust, wer du bist, _operari sequitur esse_. Für den Inder jedoch ist es nicht der Wille, nicht eine geistig-seelische Wesenheit, nicht ein geistig-sinnlicher Eigenschaftträger, der das Dasein und Sosein der Person bestimmt, sondern die Tathandlung als solche, wie sie sich schlechterdings überhalb und außerhalb jeder physisch-metaphysischen Trägerschaft oder Täterschaft auswirkt. Es ist das Werk, das sich das Wesen baut, und zwar jegliches Werk das ihm gemäße Wesen. Es ist das Werk, das gleichsam erst in seinem ihm gemäßen Wesen ausruht, ungefähr wie eines jener emsig quabbelnden Einzellentierchen des Männersamens erst im Kern des weiblichen Eies ausruht. Das Werk rastet nicht und beharrt in dauernder Bewegung, bis es das Wesen, so ihm zugehört, mit aller Sorgfalt ausgeformt und ausgebosselt hat. Das Werk währt ewig und ewig wirkt es sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert; und ewig wirkt es sich Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert. Und fast schon könnte ein weiterdenkender Abendländer sagen: der Wert währt ewig und ewig erwirkt er sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, ewig Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen... Hier aber, wie sonstwo nirgends, sage ich, tötet der Buchstabe und macht der Geist lebendig. Der Buchstabe der Lehre vom Karman tötet vielleicht wie kein zweiter Buchstabe den Geist selber, -- den Geist selber aber hat Gotamo ein für allemal selber ehern in das Wort gehämmert: „Eigner der Werke sind die Wesen, Erben der Werke, Kinder der Werke, Geschöpfe der Werke, Knechte der Werke“. Das ist gotamidisch gefaßt das ethische, nicht mehr kosmische Grundgesetz und Urgesetz der Welt, das ist das Ethos selber als Grundgesetz und Urgesetz der Welt. Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter: das ist in drei Worten aufgefangen, aufgegangen die Lehre vom Karman, wie sie Gotamo vielleicht angetreten und anerkannt, sicherlich aber vertieft und gegründet, abgerundet und zum Glaubenssatz erhoben hat...
Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter, also lautet die erste und unverlierbare Überzeugung. Aber schon schließt diese eine zweite ein, die hier nur mehr besonders erwähnt, nicht mehr besonders abgeleitet und entwickelt zu werden braucht: Werk nämlich wirkt Leiden, und Tat tätigt Leiden! Denn Wesen und Täter als Erschaffenheit von Werk und Tat, das sind eben Leidende und Erleidende von Werk und Tat; -- Zug um Zug, Falte um Falte ihres Daseins, wie ich schon sagte, bedingt und bestimmt durch Karman, verhalten Täter und Wesen in bezug auf Tat und Werk sich leidend. Sie verhalten sich leidend, ihr Christen, in der allgemeineren Sprachbedeutung dieses Wortes, ohne Beziehung zunächst auf die Unlust des Gefühls, die wir in engerer Wortbedeutung Leiden nennen. Leidende sind vielmehr Wesen und Täter, wofern ihr Sein der Tat verdankt wird, durch Tat ihnen angetan wird, ohne daß sie selbst an dieser Tat beteiligt sind, -- Leidende mithin im Wortsinn des Getätigt-Seins und Angetan-Werdens, des Bedingt-Seins und Bestimmt-Werdens von einem Etwas, welches sie nicht selber sind. Als Eigner der Werke, ja Knechte der Werke, sind die Wesen recht eigentlich die Leidner und Erleidner der Werke. Ihre innerste Kernschaffenheit, Kernrüstigkeit ward ihnen vom Karman angetan, wie etwa nach der Auffassung Kants die Eindrücke der Sinnlichkeit uns angetan werden vom Ding an sich. In manchem Betracht selber Eindrücke, Fährten, Spuren, die das Karman in dem bildsamen Grundstoff das All hinterläßt, bleibt den Wesen und Tätern keine Wahl, als nach dem Gesetz sich auszuleben, das sie von Karmans Gnaden angetreten, und auf solche Weise unerbittlich streng die Wirkung der Werke in sich zu verkörpern. Werk und Wesen, Tat und Täter aber verhält sich darnach nicht allein wie sich ein Tun zu seinem genau entsprechenden Leiden verhält, sondern mehr noch wie sich eine Ursache zu ihrer genau abgestimmten Wirkung verhält. Das Werk ist geradezu Ursache, Bedingung, Bestimmunggrund des Wesens, wie umgekehrt das Wesen geradezu Folge, Wirkung, Erscheinung des Werkes ist. Die Welt als Ganzheit aber stellt sich dem indischen Genius nicht anders dar als die Summe aller dieser Werk-und-Wesen-, aller dieser Tun-und-Leiden-Knüpfungen, deren fest umschriebenes Wechselverhältnis dem All seine Ordnung und sein Gesetz, sein Maß und sein Sinn verbürgt. Wenn wir Europäer und Christen, ihr Christen, dem Geschehen dieser Welt die unzerreißliche Schürzung Ursache-Wirkung als weltsetzende und weltverfassende Unveränderliche aus- und eindeutend unterstellen, so unterstellt der Inder und Buddhist dem nämlichen Geschehen, -- schon ist es aber nicht mehr das nämliche Geschehen! -- die Schürzung Werk-Wesen, die Schürzung Tun-Leiden. Derart stellt das Karman durchaus dar, was der europäische Biologe bei dem Vergleich tierischer Organe miteinander eine ‚Analogie‘ zu nennen pflegt: das Karman ist die Analogie der Kausalität, deren erkenntnismäßige Leistung es haarscharf vertritt (und wie wir gewahren werden: übertrifft!), obschon es von ihrer erkenntnismäßigen Gestalt und Art unverkennbar abweicht. Das Karman, sag’ ich, sei die indische Analogie der europäischen Kausalität, wenn anders dieser naturwissenschaftliche Begriff auf geistige Verhältnisse übertragen und angewendet werden darf. Gleichsam in ihrer Anatomie verschiedenartig, sind Karman und Kausalität sozusagen in ihrer Physiologie gleichwertig, und wie dem Fisch die Kieme Lunge ist, so ist dem Inder das Karman Ursächlichkeit und ursächliche Schürzung. Das Karman ist die Kausalität, wie sie der Inder auffaßt: das Karman ist die erste und letzte sinnspendende, ordnungstiftende Eindeutung, welche aus wüsten Urmassenwirbeln eine Welt herausklärt. Die Knüpfung des Karman leistet dem indischen Geist das, was dem europäischen die Knüpfung der Kausalität leistet oder vielleicht auch nicht leistet, aber leisten soll und will. Die Knüpfung des Karman vertritt dem Inder die Knüpfung der Kausalität, nicht anders wie dereinst die Schürzung des Tun-Leidens, ποεῖν-πάσχειν dem Griechen die Schürzung der Kausalität vertreten hat und insonderheit auf der Tafel der zehn Kategorien des Aristoteles auch vertritt, -- was denen zur Beruhigung gesagt sei, die sich immer noch den Kopf zerbrechen, wieso ein streng wissenschaftliches Weltbild wie das der Griechen ohne den Urgedanken der Ursächlichkeit habe überhaupt bestehen können. In Wahrheit hat es eben gar nicht ohne diesen Urgedanken bestanden, auch wenn das Wort Ursächlichkeit wirklich zu fehlen scheint. Die Ursächlichkeit der Griechen heißt ποεῖν-πάσχειν, heißt Tun-Leiden, heißt Antun-Angetanwerden: und wenn je in ihrer vielschichtigen geistigen Geschichte schlagen sie hier die Brücke zum großen Osten, wo der unverbrüchliche Knoten ποεῖν-πάσχειν eben -- Karman heißt. Noch haftet ja dieser Ursprung sogar unserem heutigen Gedanken der Ursächlichkeit und Verursachung unabstreiflich an. Noch immer ist ja die Ur-Sache zuguterletzt Ur-Tat und Ur-Tun, noch immer ist die Wirkung ein Angetan-Werden und Erleiden-Müssen. Noch hat sich jede europäische Erkenntnislehre auseinanderzusetzen, wenn nicht abzufinden mit der seltsamen Auffassung, daß die sogenannte Empfindung, will heißen der Stoff und Inhalt des Erlebens, auf irgendeine unerforschliche Weise die Angetanheit, die Erlittenheit sei, die der bewußten Persönlichkeit aus unbekannten und unnennbaren Fernen aufgedrungen wird. Noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder minder stark die Überzeugung, daß der persönliche Träger und Inhaber des Bewußtseins die Welt von außen her erleide und erdulde; noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder minder stark die Auffassung, daß die ‚Sinnlichkeit‘ ein Vermögen des Aufnehmens, Empfangens, Über-sich-ergehen-Lassens sei. Auch jetzt noch ‚erleidet‘ der einzelne Mensch die Wirklichkeit, auch jetzt noch erliegt er der Wirklichkeit. Weltduldend, weltleidend wird selbst dieser europäisch starke und eigenwillige Mensch von der Wirklichkeit und ihrer Zeichenflut überschwemmt und überwallt, also daß sogar uns verhärteten Christenseelen, ihr Christen, der Tat-Bestand Leiden und der Tat-Bestand Leben in der Wurzel fest zusammenwachsen...