Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription:
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.
Fremdsprachige Begriffe und Zitate wurden ohne Änderungen aus dem Originaltext übernommen; lediglich in einem Fall wurde der griechische Begriff ‚αὑτὸ καδ’ αὐτό‘ zu ‚αὑτὸ καθ’ἁυτό‘ harmonisiert.
Kursive Passagen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet, fett gedruckte Namen und Begriffe in den Buchanzeigen sind von +Pluszeichen+ umgeben.
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LEOPOLD ZIEGLER
DER EWIGE BUDDHO
EIN TEMPELSCHRIFTWERK IN VIER UNTERWEISUNGEN
DARMSTADT 1922 OTTO REICHL VERLAG
GEDRUCKT IN DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG
ALLE RECHTE VORBEHALTEN, BESONDERS DAS DER ÜBERSETZUNG COPYRIGHT 1922 BY OTTO REICHL VERLAG IN DARMSTADT
DEN ‚BÜRGERN DER VIER WELTGEGENDEN‘
INHALT
EINFÜHRUNG 11
DIE ERSTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER PROTESTANT 37
DIE ZWEITE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ERLEBENDE 123
DIE DRITTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER WISSENDE 223
DIE VIERTE UNTERWEISUNG: BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE 343
EINFÜHRUNG
Es jährt sich nun heuer rund das einhundertdreißigste Mal, daß die Sakontalâ des Kâlidâsa ihre erste deutsche Übersetzung fand, von Goethe wie von Herder sofort als geistige Begebenheit ersten Ranges mit Bewunderung, ja mit Ergriffenheit gewürdigt und begrüßt. Ein paar Jahrzehnte später, und die Kenntnisnahme der Bhagavad-Gîtâ, als θεσπέσιον μέλος erstmals lateinisch von August Wilhelm Schlegel ausgegeben, macht in Wilhelm von Humboldts Leben warm beglückende Epoche, die er uns mit unvergeßlichen Worten schildert. Schopenhauer zwar findet den Zugang zu den ‚Geheimen Lehren‘, das ist ‚Upanischaden‘, erst über den etwas krummen Umweg einer lateinischen Übersetzung des persischen Oupnek’ hat, -- auf ähnlich krummen und noch krümmeren Umwegen ist dereinst der Stagirit zum Schicksal der Theologie und Philosophie des späteren Mittelalters geworden! -- trotzdem aber werden jene wunderlich vermummten Urkunden ihm der Trost seines armen Lebens: indes er selber in vorgeschrittenerem Alter noch Scharfblick und Urteil genug aufbringt, Spence Hardys erste zuverlässige Darstellungen des zeilonischen Buddhismus in ihrer grundlegenden Wichtigkeit zu erkennen. Aus Köppens Religion des Buddha scheint sich Wagner ahnungweis ein erstaunlich zutreffendes und wesenhaftes Bild von Beschaffenheit und Art der Religion zu machen, die ihn in den unverfälschtesten und lautersten Jahren seines Daseins wie keine zweite tief und echt berührt. Was endlich Paul Deussens Lebenswerk angeht, so ist es in mehr wie einem Betracht dem Antrieb Nietzsches zu verdanken, der dauernd bemüht bleibt, eine zulängliche Kennerschaft seiner weltgeschichtlichen Gegenspieler im indischen Osten zu erwerben. _In summa_: der Einbruch Asiens, insonderheit der Einbruch Indiens in Europa erfolgt vor mindestens hundertunddreißig Jahren und wird bereits von allen Deutschen repräsentativer Geltung klar aufgenommen und sicher gedeutet als das, was er ist: der Aufgang eines funkelnd neuen Weltsterns an dämmernden Europahorizonten...
Bald aber geschieht befremdlich Unerwartetes, Nie-Zu-Erwartendes! Das Jahr 1896 bringt den ersten Band einer Verdeutschung des sogenannten Majjhimanikâyo von Karl Eugen Neumann, und zwar gleich als Probestück, Gesellenstück, Meisterstück zu einer weitausgreifenden Lebensaufgabe. Diese setzt sich die womöglich lückenlose Übertragung des Suttapitakam, will heißen der ältesten und wertvollsten Urkunden der Reden Gotamo Buddhos zum Ziel, wie sie in den heiligen Schriften des Pâli-Kanons gesammelt und überliefert sind. Bis zu Neumanns Tod, der allzu früh an seinem fünfzigsten Geburtstag (am 18. Oktober 1915) in Wien erfolgt, ist denn auch wirklich diese Riesenaufgabe in der Hauptsache schier bezwungen: ist die Längere und Mittlere Sammlung vollständig, die Kürzere Sammlung wenigstens in ihren gewichtigsten Stücken übersetzt, wovon die kleine, ihres Alters wegen jedoch hochgeschätzte Spruchsammlung des Dhammapadam zu erwähnen wäre, indes aus anderen Bezirken der indischen Seele der Mythos von Krischnas Weltengang hinzutritt. Alles in allem bietet mithin Karl Eugen Neumann einer großen europäischen Nation zum erstenmal die ungeheuere Gelegenheit, aus tausend verflachenden, entstellenden, verzerrenden, umwuchernden Übermittelungen des Buddhismus heraus die Stimme des Buddho selber sprechen zu hören, -- und das ist fast, wie wenn wir Christen heute unverhofft ein fünftes Evangelium entdeckten, älter und urwüchsiger als die andern vier und an vielerlei Stellen geradezu die treu erinnerten Urworte des evangelischen Herrn enthaltend. Solche religiösen Urkunden werden jetzt jedem gebildeten Deutschen zugänglich gemacht, und dies obendrein in einer Fassung der Sprache, welche alleinig hätte genügen müssen, alle mit der Sachwalterschaft dieses höchsten irdischen Gutes Betrauten aufhorchen, wenn nicht aufjubeln zu machen. Hat doch an diesem indischen Idiom der Reden Buddhos sich die deutsche Sprache -- wer hört es nicht, der nur ein einziges dieser vollkommenen Kunstwerke mit den Ohren (und mehr noch mit dem Gehör) liest: wer hört es nicht? -- hat doch an diesem Pâli sich das deutsche Wort, der deutsche Satz noch einmal märchenhaft erneuert. Hier zeigt sich unsere Muttersprache plötzlich um eine ganze Anzahl von Möglichkeiten des Ausdrucks bereichert, die ihr vorher niemand so leicht zugestanden hätte. So, um an dieser Stelle nur das Auffälligste herauszuheben, zeigt sie sich im höchsten Grad des _Andante Maëstoso_ hieratisch fugenden Stiles fähig, bisher im religiösen Leben unseres Festlandes so gut wie ausschließlich dem Latein vorbehalten. Tempelfeierlich hört man dagegen hier die deutschen Laute in vollausatmenden Posaunenstößen pausenlos dahinorgeln und dann allmählich zart vertönen, -- dennoch wiederum höchst zwanglos zu vielen Kadenzen melodisch aufgelöst und von anmutigen Figuren reich umtrillert... Dieser Sprachgestalter Neumann aber und sein Buddho, diese ganz einmalige und ganz unvergleichbare indisch-deutsche Doppelschöpfung macht niemanden im weiten Vaterland aufhorchen und noch weniger jemanden aufjubeln. Wo vor hundert Jahren noch eine rauschende Bewegung durch den Geist, oder sag’ ich wirklichkeitentsprechender durch die Geister der Nation gefahren wäre, da spürest du keinen Hauch. Die Herren vom Fach, immer mit dem Wichtigeren ernst beschäftigt und darum geschworene Feinde alles Wichtigsten, schweigen sich mit ihrer altbewährten Zurückhaltung hinsichtlich ‚persönlicher Werturteile‘ auch über diese große Sache fast ganz aus; gebildete Laien, welche diese berufenen Hüter wissenschaftlicher Geheimnisse (oder Geheimniskrämerei?) zum Sprechen hätten zwingen wollen und hätten zwingen können, gibt es in jenen Jahren schauriger Verödung nirgends. Und dies bleibt die Lage, solange Neumann selber lebt. Bis kurz nach seinem unbemerkten Hingang der einzige Rudolf Pannwitz die Schmach dieses Schweigens bricht und endlich das befreiende Wort spricht über die weltgeschichtliche Tat eines Brückenschlages zwischen West und Ost...
Wie aber, wird der unbefangene Sinn hier fragen, war dies möglich? Wie war dies möglich zu einer Zeit, wo man diesseit wie jenseit des atlantischen Meeres wahrhaftig schon mehr Ursach’ hatte, wenn irgendwo die Rede ‚_de propaganda fide_‘ ging, an den Buddhismus und seine unwiderstehliche Werbearbeit in allen Kontinenten zu denken als hergebrachtermaßen an die Kirche Roms? Wie war dies möglich in den Jahrzehnten vor dem Krieg, wo bereits mit aller Stärke die theosophisch-anthroposophische Bewegung eingesetzt hatte, die ihrerseit absichtlich oder unabsichtlich, willig oder unwillig stets den Buddhismus mit verbreiten und mit fördern helfen muß? Wie war es möglich, wie war es überhaupt nur denkbar, daß zwar die Geheimlehren aller Religionen Asiens seit den Babyloniern durch ungezählte Rinnsale, sichtbare und unsichtbare, saubere und schmutzige, in die spiritistisch-okkultistischen Zirkel des Westens sickern konnten, aber daß das Wort des wirklichen Buddho in seiner oft immerhin ältesten und ehrwürdigsten Gestalt nirgends aufmerksameres Gehör, ja nicht einmal ein wenig -- Neugierde fand?
Werfe ich diese Frage auf diese Weise auf, so ist vielleicht aus ihr schon die eigentliche Antwort herauszuhorchen. Denn wie ich vermute, ist es eben diese vielsinnig buddhistische, neubuddhistische, afterbuddhistische Strömung gewesen, welche die voll ausgemeißelte Bildsäule des Buddho mit sich fortschwemmte und in der Masse mitgewälzten Gerölles und Geschlämmes unkenntlich ganz und gar begrub. Dieser Buddho ficht leibhaftig wider den Buddhismus, wie der synoptische Jesus leibhaft wider das Christentum ficht, -- oder vielmehr jener ficht wider den Buddhismus noch mit viel härterer Bestimmtheit wie dieser wider das Christentum, weil er mitsamt seiner religiösen Schöpfung sich in diesen Reden viel greifbarer und lebendiger erhalten zeigt wie der Christus in den Evangelien. Τἀλητὲς ἀεὶ πλεῖστον ἰσχύει λόγου, -- dies von den Schülern Hegels einst dem Werk ihres Meisters als Leitspruch wohlbedacht vorausgestellte Kernwort des Sophokles verdiente wie kein zweites den heiligen Texten des Pâli vorausgestellt zu werden. Denn hier wie kaum noch sonstwo dauert das Wahre allein durch die Gewalt des Wortes: nur daß man, ehe man das ‚Wahre‘ dieser Reden unbefangen auf sich wirken lassen will, zuvörderst alle die ungefügen und grobschlächtigen Schlagworte vergessen haben muß, mit welchen seit Jahrzehnten jeder Europäer dumm geprügelt wird, der in Gesellschaft den Begriff Buddhismus zu erwähnen sich getraut. Diese Schlagworte fahren hier alle ungeschickt daneben und treffen statt den Nagel auf den Kopf nur die Finger des Hämmernden, der auf den Nagel zielte. Hat man es zum Beispiel niemals anders läuten hören, als daß der Buddhismus eine Religion, ja sogar die Religion schlechtweg des Pessimismus sei, so wird man zum eigenen Erstaunen den Buddho ganz im Gegenteil von einem unerschütterlichen Optimismus tief beseelt und besäligt finden, wie ihn vielleicht bisher kein Mensch von dieser schonunglosen Welt- und Lebenskenntnis zu vertreten wagte, -- wenn ich dabei von Hartmanns immerhin vergröbernder Europäisierung dieses sinnreich verzahnten Pessimismus-Optimismus, Optimismus-Pessimismus absehen darf. Wirkt und lehrt doch dieser Buddho inmitten einer Welt, welche sogar ein Leibniz in Person als die ‚beste aller möglichen Welten‘ durchaus anerkennen müßte, und zwar eben darum, weil ein jedes ihrer Wesen und Geschöpfe grundsätzlich mit der Anlage zu einem Buddho ausgestattet ward und folglich zu der Hoffnung stets berechtigt ist, im Ablauf seiner Wiederverkörperlichungen stufenweis zu dieser übermenschlich-übergöttlichen Würde hinanzusteigen: wenn es nämlich dieses ernsthaft will! Und solch übermäßiger Optimismus gibt allerdings ein überraschend Gegenstück zu dem abgründlichen Pessimismus christlicher Gnadenwahl, die vor allem Anfang schon etliche Wenige für die Ewigkeit zur Säligkeit erkiest, eine unnennbare Mehrzahl jedoch gleichzeitig für die Ewigkeit verdammt.... Oder hat man fernerhin den Buddhismus jeweils als eine ausgemachte Praxis der Weltverneinung unserer europäisch vollbrachten Weltbejahung kurzerhand entgegengesetzt, so wird man nicht umhin können, selbst an dieser _cause jugée_ stark irr’ zu werden, wenn man etwa den Buddho des Pâli-Kanons von einer so mütterlichen Zärtlichkeit erfüllt findet für alle Kreatur, wie sie gleich innig und gleich ausnahmlos kaum im Herzen unseres lieblichen _poverello_ schlug: „O daß ich den kleinen verirrten Wesen ja nicht Schaden zufüge!“ So spricht meines Bedünkens bedingunglose Weltverneinung nicht; so zärtlich mitwesend und mitwebend spricht sie wahrlich nicht; so oder ähnlich hat es eher aus der Seele eines Weltverklärers, Weltliebhabers, Weltumarmers wie Jean Paul engelhaft gefiedelt und geharft. Weltverneinend hingegen im unmenschlichsten und verstocktesten Wortverstand erscheint durchweg der Kalvinismus, der jeden Eigenwert irdischer Erschaffenheiten _ad majorem Dei, ad majorem Diaboli gloriam_ leugnet und in engster Übereinstimmung mit solch’ gehässigem Weltfühlen (wenn anders Max Webers vielbeachtete Untersuchungen über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus zu recht bestehen) den lieblosesten und darum auch weltvernichtendsten Typus Mensch in Gestalt des amerikanisch-europäischen Unternehmers heraufgezüchtet hat... Oder um ein letztes Beispiel anzuführen, man hat in dem Buddhismus schlecht und recht eine der geschichtlichen Spielarten des aus der Mystik aller Zeiten und Völker fließenden Quietismus zu erblicken sich gewöhnt, und wird jetzt, angesichts dieses Buddho, überraschend inne, daß Gotamo von der Person des dem Orden verpflichteten _bhikkhu_ eine unausgesetzte Höchstanspannung und Höchststeigerung sämtlicher Kräfte des Leibes und des Geistes und der Seele fordert; eine Höchstanspannung und -steigerung, die, wenn sie auch nicht geradezu Arbeit im Sinn des europäischen Berufsmenschen zu nennen ist, doch auch erst recht nicht als Ruhe oder gar als Müßiggang, am ehesten vielleicht noch als ‚tätige Muße‘ bezeichnet werden darf, und die zu ihrem Teil den Mönch, dem es bitter ernst ist, ausschließlich Tag und Nacht beansprucht, bis jeder Rest von Kraft für andere Lebensäußerungen aufgezehrt ist. „Wohlan denn, ihr Mönche: unermüdlich mögt ihr da kämpfen,“ -- das ist die Summe der Gebote, das ist das Gebot aller Gebote, in welches der Buddho selbst im Augenblick der Erlöschung die gesamte Lehre knapp und einprägsam zusammenfaßt. Und abermals untersteh’ ich mich zu behaupten, daß so kein Quietismus und nicht einmal die Mystik an und für sich sprechen würde!... Alle derartigen Formeln, die man sich bei uns zurechtgelegt hat zu einem bequem handlichen Verständnis des Buddhismus, versagen infolgedessen kläglich vor diesem Buddho, der zwar eine der größten, stolzesten, ewigsten Formen des Lebens, aber mit nichten eine Formel ist und am wenigsten eine bequem zu handhabende. Was vielmehr jede Rede des Kanons eindringlicher zu erkennen gibt, das ist eine Menschlichkeit schlechthin _sui generis_, die jeder Einordnung in eine _species_ oder _classis_ durchaus spottet: eine Menschlichkeit von einer wunderbaren Fähigkeit der Selbstbegütigung ganz ohne Vorgängerschaft und Nachfolgerschaft. Hier ist ein Mensch und nichts weiter als ein Mensch, der dennoch die unmenschliche Wirklichkeit der Welt vollkommen meistert. Meistert freilich um den notwendig zu entrichtenden Preis des Verzichtes, der Entsagung, -- aber eines Verzichtes, einer Entsagung, die ihn wiederum keine einzige seiner echt menschheitlichen Eigenschaften kostet und ihn keinesfalls jenen frommen Ungeheuern zugesellt, welche zu ihrem Teil die Heiligengeschichte anderer Religionen so zahlreich wie widerwärtig bevölkern. Der düster lohende und rußig schwälende Kienspan Mensch, hier glüht er sich himmlisch rein zum mildschimmernden Lichtgleichmaß einer Metallfadenlampe. Er selber schafft einen luftleeren Raum um sich, er selber gießt eine gläserne Glocke um sich, damit er fortab von Luftdruck, Zugwind, Nässe, Staub, Schmutz, Ungeziefer unbewegt und unbetrübt bleibe...
Dieser Buddho des Pâli-Kanons _contra_ den landläufigen Buddhismus, aber auch: dieser Buddho der südlichen Überlieferung _contra_ die nördlich verherrlichten Scharen kosmischer und metakosmischer Mittlererscheinungen, die reihenweis geordnet und gestuft als Bodhisattvas, Dhyânibodhisattvas, Manushbuddhas, Dhyânibuddhas bis hinauf zu Mañdschuçri dem Demiurg, bis hinauf zu Avalokiteçvara dem Paraklet, bis hinauf zum Âdhibuddha dem schon wieder brahmanisch rückgedeuteten Âtman-Brahman einen katholischen Gnaden- und Errettunghimmel zwischen Mensch und Weltgrund göttlich füllen, -- in solch’ ausgeprägter Gegenstellung darf man wohl eine der Ursachen vermuten, warum man auch bei uns die Reden des Gotamo Buddho ein Vierteljahrhundert lang nicht für der Rede wert hielt. Aber kaum dürfte dies die einzige Ursache gewesen sein und sicherlich nicht die ausschlaggebende. Noch kommt anderes dazu, das ernstlich beachtet sein will. Abgesehen nämlich von dem etwas hanebüchenen und derben Interesse, welches Theo- und Anthroposophie, Spiritismus und Okkultismus am Buddhismus als solchem zu nehmen pflegen, ein Interesse, welches unverhohlen zur dunkleren Hälfte geradezu der Magie, zur helleren Hälfte jedoch dem Apathanatismos gewidmet ist, -- ich sage dies aber ohne jeden mißbilligenden Seitenblick oder Seitenhieb, weil es fürwahr eine Magie und erst recht einen Apathanatismos im Buddhismus gibt und beides sogar bei unserem Buddho! -- abgesehen also von diesem eher irreligiösen als religiösen Interesse ist es im Abendland doch fast ausnahmlos das wissenschaftliche, das gelehrte Interesse gewesen, welches sich mit wachsender Vorliebe den Religionen des Ostens zugewandt hat. Diese wissenschaftlichen, diese gelehrten Interessen nun sind es, die in diesen Reden, wie ich vermute, weniger als sonstwo auf ihre Rechnung kommen. Gewiß gibt es keine historische, keine philologische, keine archäologische, kurz und gut überhaupt keine kritische Frage, die in Ansehung dieser gotamidischen Reden nicht mit ebendemselben Aufwand an Forscherscharfsinn aufzuwerfen und zu erörtern wäre, wie dies in Ansehung des Alten und Neuen Testaments längst geschah und immer noch geschieht. Und Karl Eugen Neumann selbst betrachtet es als erwünschtes, ob freilich auch noch fernes Ideal der Wissenschaft, einstmals die Reden des Kanons mit einem fortlaufenden Glossarium und Kommentar historisch-philologisch-archäologischer Feststellungen zu versehen. Wer fühlt indes gerade bei der Erwähnung solch gelehrtenhafter Ideale nicht vollkommen deutlich, wie belanglos sich alles bloße Wissen eben dieser religiösen Schöpfung gegenüber ausnehmen muß, die ihrerseit alles Forschen und Untersuchen als unwesentlich von der Hand weist, wenn anders es nicht mittelbar oder unmittelbar dem ‚heiligen Ziel‘ dient. Wie kaum ein zweites religiöses Dokument der Vergangenheit werben diese Reden des Buddho um religiöse Wertung, religiöse Stellungnahme, religiöse Verarbeitung: mithin just um das, was ihnen der Westen bisher am hartnäckigsten geweigert hat! An alle Bedürfnisse unserer Art darf sich der Buddhismus wenden, seien es selbst unsere rückständigsten, unsere unrühmlichsten, unsere niedrigsten. Nur wolle uns kein Buddho mit dem unbescheidenen Anspruch lästig fallen, daß er innerhalb dieser geographisch und kulturell abgegrenzten Zone, die gewohntermaßen dem Christentum und seinen erlöserischen Kräften allein vorbehalten ward, etwa seinerseit ein religiöses Werk zu vollbringen habe... Europa den Europäern! -- dies ungeschriebene Gesetz, welches bei uns verhängnisvollerweise seinen Monroe noch immer nicht gefunden hat, tritt zwar gerade dann mit allzugroßer Leichtigkeit außer Kraft, wenn Europas Söhne blindwütig und menschenfresserisch im gegenseitigen Vernichtungkrieg begriffen sind und zu diesem frommen Ende die Völkerschaften aller dunkeln und dunkelsten Erdteile aufbieten. Aber Europa den Europäern, -- das ist ein unbedingtes, unverbrüchliches Gesetz, wo sich’s um das uralt-unantastbare Grundvorrecht des Christentums handelt, dem europäischen Menschen ausschließlich von sich aus die ihm zukömmlichen religiösen Antriebe mitzuteilen: ist doch dies Christentum, wer weiß es nicht, von seinen ersten Anfängen Jesus, Paulus, Augustinus an das heimische Erzeugnis unvermischten Europäertums... Wie schändlich, ja wie hochverräterisch wär’ es da, auf solch ein streng umhegtes Leben sorgfältigster Inzucht den heidnischen Asiaten loszulassen!...
Inzwischen ist bei allem grimmigen Hohn über die abstoßende Heuchelei einer derart gehandhabten Monroe-Doktrin dennoch das Eingeständnis geboten, daß in dieser Abwehr gegen asiatische Einflüsse in unserer gegenwärtigen Lage ein gesunder Instinkt wachsam zu werden scheint. Aus hunderterlei Gründen dürften wir selbst dann keine Buddhisten werden oder auch nur zu werden wünschen, wenn dies überhaupt im Bereich unserer seelischen Möglichkeiten läge: das versteht sich für jeden Einsichtigen von selbst und bedarf keiner besonderen Beweise. Und auch das andere versteht sich gleichermaßen von selbst, daß nämlich auch der Buddho in den herrlichen Texten des Pâli-Kanons keine der furchtbar drängenden Aufgaben löst oder lösen hilft, die uns heute auf den Nägeln brennen und zu deren Bewältigung uns leider einstweilen noch alle Kräfte fehlen. Stumm bleibt uns auch dieser Buddho auf die Fragen,
wie wir den Staat abbauen und die Gesellschaft aufbauen sollen,
wie Staat und Gesellschaft wieder auf religiöse Grundlagen zu stellen wären,
wie der Staatenbund (oder Bundesstaat) europäischer Völker gegen die Dummheit und Bosheit dieser Völker selbst und mehr noch gegen die Ruchlosigkeit ihrer Führer zu erzwingen sein möchte,
wie neue Zellen späterer Vergemeinschaftung nach innerlichen Wachstumgesetzen in ihrem Entstehn begünstigt werden könnten,
wie die Wirtschaft zum Dienen und der Geist zum Herrschen zu bringen sei,
wie wir wieder zu einem beispielgebenden Adel (nicht der Geburt und nicht des Besitzes) kommen möchten,
wie wir Erzieher erziehen lernten,
wie den Henkern der europäischen Gesittung die Maske des Richters vom Gesicht zu reißen sei,
wie die lebenswichtigen Sachgüter am zweckmäßigsten erzeugt und am gerechtesten verteilt würden,
wie aus dem Gegeneinanderleben aller gegen alle wieder ein Miteinanderleben, Füreinanderleben zu entwickeln wäre, oder mit andern Worten
wie das losgelassene Mensch-Vieh wieder zu bändigen und die weltverheerende Masse zu ent-massen wäre, und so weiter, und so weiter...