Der Erbe: Roman. Zweiter Band.

Part 9

Chapter 93,849 wordsPublic domain

»Die Frau Müller war bei mir und wollte Sie verklagen.«

»Mich?«

»Sie und den Major -- ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur unter Einer Bedingung.«

»Aber die Frau muß wahnsinnig sein!«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ihre Sinne vollkommen bei einander hat, und das Gericht würde sich der Meinung anschließen. Sie haben einen dummen Streich gemacht, lieber Rath -- Sie oder der Major, oder Beide zusammen.«

»Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das _meine_ Schuld?«

»Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten lassen, da draußen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen können, und die Madame Müller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges ruhig über sich ergehen zu lassen.«

»Aber was verlangt sie nur?«

»Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhängig zu machen, und was das für ein Gerede in der Stadt gegeben hätte, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufriedenstellen, wenn Sie ihr eine schriftliche Ehrenerklärung geben.«

»Ich?«

»Sie alle Beide -- Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt aufgesetzt, und das müssen Sie unterschreiben.«

»Aber ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Frühbach erschreckt, denn er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften -- »ich weiß ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe....«

»Desto schlimmer für Sie,« unterbrach ihn der Staatsanwalt, »daß Sie dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen, und glauben Sie um des Himmels willen nicht, daß ich Sie zu etwas überreden werde! Ich meine es gut mit Ihnen, und habe in der Sache weiter nichts zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fünf Uhr bin ich draußen bei dem Major und lege Ihnen das Schriftstück vor, das Sie dann unterschreiben können oder nicht -- wie Sie wollen.«

»Und wenn wir es nicht unterschreiben?«

»Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhängig, und Sie können nachher meinetwegen die Sache abschwören.«

»Aber, bester Staatsanwalt....«

»Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu überlegen. Ich werde mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.«

»Aber, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, »mir fällt da ein ganz ähnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages....«

»Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich muß hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus Schwerin mit der gegenwärtigen Situation und richten Sie es sich so ein, daß Sie bis um fünf Uhr zu einem Entschluß gekommen sind. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber....«

»Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag!« Und ohne dem verblüfft in der Straße stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten, nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war nicht in der Stimmung, längere Auseinandersetzungen der Schweriner Chronik mit anzuhören.

8.

Der Raubmord.

Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so schwer, daß er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch viel an Einem Tag verloren -- den jungen Freund und die Geliebte -- fast zu viel für Einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal ein Gewitter über ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal müde wird und seine Sonne wieder über den verödeten Platz scheinen läßt.

Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch trübem und nutzlosem Grübeln hingegeben hätte. Eine Stunde brauchte er, um Alles abzuschütteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drückte; wie er sich aber erst einmal auf seinem eigenen, kleinen Zimmer ordentlich ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem Vater meinte er, daß jetzt all' sein Mühen und Ringen, da er das Ziel verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das Leben, seine Zukunft lag schwarz und öde vor ihm da -- aber wahrlich nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Kräften wollte er seine Arbeit wieder aufnehmen -- jetzt erst recht Ottilien beweisen, daß er, wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre Verachtung verdient habe.

Mit dem Gedanken, dem Entschluß durchströmte ihn auch wieder ein neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gewöhnliches Wochenzeug.

Zum Arbeiten war es heute freilich zu spät geworden -- er fühlte sich dazu auch nicht besonders aufgelegt --, aber andere Sachen blieben noch zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Kräften.

In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Thätigkeit, das =perpetuum mobile=, welches er damals Benno bei seinem letzten Besuch gezeigt und noch immer nicht an den Eigenthümer abgeliefert hatte, obgleich dieser schon ein paarmal danach geschickt. Das konnte er heute selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber er mußte vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erzählt. Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es möglich sei, etwas herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe. Ueberdies schämte er sich jetzt der Schwäche, die er heute Mittag dem alten Schlossermeister gegenüber gezeigt; der Vater sollte wenigstens sehen, daß er nicht lange Zeit gebraucht, um darüber Herr zu werden, und das würde ihn, wie er recht gut wußte, freuen.

So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern hinüber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit.

»Holla, Fritz, was bringst Du da?«

»Das =perpetuum mobile=, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und ich muß es jetzt wieder dem Eigenthümer hintragen.«

»Hm,« sagte der Alte, der nur einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk warf, während die Uebrigen darum herdrängten. Sein Auge flog forschend über die Züge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort: »Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich von Herzen! Geh' nur damit in die Stube -- laß die Pfoten davon, Karl, Du mußt doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich komme gleich nach.«

»Ist die Mutter drin?«

»Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurück. Weiß der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl, aber es muß wohl wieder vorüber sein.«

Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und ab gehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und während sie ihn ansah, traten ihr die Thränen in die Augen.

»Guten Abend, Mutter!« sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den Tisch stellte. »Ich wollte Dir hier einmal die kleine Maschine zeigen, von der ich Euch neulich erzählt. Es ist wirklich eine Art von Kunstwerk.«

»Fritz, mein armer, armer Fritz!« sagte die Frau, ohne einen Blick darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden Hände ergriff und ihm voll und traurig in die Augen schaute.

»Hat Dir der Vater erzählt?« sagte der junge Mann scheu und leise.

»Alles, Alles,« nickte die Frau; »o, das stolze, hochmüthige Ding -- und wenn sie wüßte, was sie an Dir hätte!«

»Liebe Mutter,« lächelte Fritz verlegen, denn er hätte sich dieses neue Aufreißen der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, »ich glaube, sie hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernünftig gehandelt. Ich war ein wenig zu hastig -- ich bin noch nichts -- ich muß mir selber erst einen Namen, einen Wirkungskreis schaffen, -- und wenn die Jahre auch für den Mann nicht so rasch dahinfliegen -- ein junges Mädchen kann darauf nicht warten.«

»Und Du vertheidigst sie noch?« sagte die Mutter. »O, Fritz, daß ich das Herzeleid erleben mußte!« Und ihr Gesicht in die Schürze bergend, sank sie auf einen Stuhl und schluchzte laut.

»Mutter,« bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, »meine liebe, gute Mutter, aber so beruhige Dich doch; Du siehst ja, daß ich gefaßt und wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe eben einen Korb bekommen, was sich schon bessere Männer gefallen lassen mußten. Sieh', der Vater kommt jetzt herein -- Du weißt, daß er die Thränen nicht leiden kann.«

Die Frau stand auf, warf plötzlich ihre Arme um den Nacken des Sohnes, drückte einen Kuß auf seinen Mund und verließ dann durch die Küchenthür das Zimmer in demselben Augenblick, als es der alte Baumann von der Werkstätte aus betrat.

Fritz sah ihr erstaunt nach und konnte sich gar nicht denken, weshalb sich die Mutter gerade seine Abweisung so furchtbar zu Herzen nahm. War es vielleicht deshalb, weil _sie_ gerade ihm zugeredet und ihn in seiner Liebe und der Hoffnung, die er darauf baute, bestärkt hatte?

»Was hat nur die Mutter, Vater?« fragte er diesen. »Sie weint, als ob ihr Herz brechen müsse, daß mich Ottilie verschmäht.«

»Weiß der liebe Gott,« erwiederte kopfschüttelnd der Schlossermeister, »was ihr in die Krone gefahren ist! Aber sie war schon den ganzen Mittag so aufgeregt und unruhig, wie ich sie noch nie gesehen habe -- eigentlich seit die Müller zu uns kam, die allerdings genug schwatzt, um Einem den Kopf wirbelig zu machen. Aber laß sie nur: sie wird sich schon wieder zufrieden geben, ist ja sonst eine vernünftige, resolute Frau. Und nun laß einmal sehen, was Du mitgebracht hast -- ei, Du kleiner Schelm, willst Du Deine naseweisen Finger davon lassen!« -- Der Ausruf galt der kleinen Else, die sich, neugierig wie Kinder sind, an die Maschine gemacht hatte und mit ihren Fingerchen die Räder in Gang zu bringen suchte. -- »Du wirst dem Fritz die ganze Arbeit verderben; komm, Schatz, setz' Dich mit dem Vater her, und nun wollen wir uns die Sache einmal betrachten.«

Damit nahm er die Kleine auf den Schooß und ließ sich neben dem Tische nieder, wo ihm Fritz, der die Maschine in Bewegung setzte, den Mechanismus erklärte.

Der alte Mann begriff das auch leicht genug, schüttelte aber doch dazu mit dem Kopf und sagte: »Hübsch ist das Ding, das läßt sich nicht leugnen, auch sinnreich erfunden und einfach ausgeführt; aber mir thut's immer leid, wenn ich solche Arbeiten sehe und an die Zeit und Mühe denke, die darauf verschwendet wurde. Die Bewegung ist da, aber die Kraft fehlt, um die Bewegung nutzbringend zu machen und Wasser und Feuer bei unseren Gewerken ersetzen zu können; und so lange wir die Kraft nicht hineinzulegen vermögen, bleibt die ganze Geschichte doch immer weiter nichts als eine hübsche Spielerei.«

»Aber auf Weiteres macht sie ja auch keinen Anspruch, Vater.«

»Und wo willst Du jetzt damit hin?«

»Zum alten Salomon, dem das Werk gehört, oder gehörte, denn er hat es, wie er mir sagte, schon an einen Engländer, aber nur unter der Bedingung verkauft, daß es wieder vollkommen in Stand gesetzt würde. Das ist jetzt geschehen, und er möchte es gern so bald als möglich abliefern.«

»Wo warst Du heute den ganzen Nachmittag?«

»Draußen in Schloß Wendelsheim. Der junge Baron Benno ist heute Morgen gestorben; ich wollte ihn gern noch einmal sehen.«

»Wer ist gestorben?« fragte die Mutter, die in diesem Augenblick wieder in's Zimmer trat und die letzten Worte gehört hatte.

»Der junge Benno von Wendelsheim, Mutter.«

»Und Du warst draußen bei ihm? Was hattest Du dort zu thun?« fragte die Frau rasch.

»Ich bin oft bei ihm gewesen, Mutter, besonders in der letzten Zeit, weil er selber große Freude an mechanischen Arbeiten fand, und ich ihm da oft aushelfen und ihn unterstützen mußte. Es war ein herzensguter, junger Bursche, auch voll Geist und Leben, und ich hatte ihn recht lieb gewonnen. Jetzt ist er todt,« setzte er leise hinzu, »und ich kann Euch gar nicht sagen, wie weh mir sein Tod gethan hat. Aber willst Du Dir nicht einmal die Maschine betrachten, Mutter? Du wolltest sie ja gern sehen, ehe ich sie fortbrächte, und ich bin gerade damit unterwegs.«

Die Frau nickte still und schweigend vor sich hin und trat mit zum Tisch; aber ihre Augen flogen über das Kunstwerk hin und starrten wie in's Leere.

»Siehst Du, wie hübsch sie arbeitet?« sagte Fritz. »Und so geht sie, ohne je aufgezogen zu werden, ununterbrochen fort, Jahr aus, Jahr ein. Jedesmal, wenn die Kugel diesen Punkt erreicht hat -- aber Du achtest ja gar nicht darauf, Mutter -- fehlt Dir denn etwas?«

»Nein, mein Kind,« versetzte die Frau; »nur im Kopf summt es mir so sonderbar, und -- im Herzen thut mir etwas weh. Aber nimm es nur fort, ich verstehe ja doch nichts davon und sehe nur, daß es hin und her geht.«

Fritz mochte nicht weiter in sie dringen; er glaubte sicher, daß der heutige Vorfall bei Wittes sie so tief verletzt habe, und hütete sich deshalb wohl, noch einmal darauf zurückzukommen. Es wurde auch spät; im Zimmer fing es schon an zu dämmern, und der alte Salomon schloß immer, wie er recht gut wußte, sehr zeitig seinen Laden.

»Du willst fort, Fritz?«

»Ja, Vater, ich treffe den alten Mann sonst nicht mehr unten, und in seinem Hause weiß ich nicht Bescheid; auch sind die Wohnungen in der Judenstraße immer Abends fest verschlossen.«

»Dann komm aber auf dem Rückweg wieder vor und bleib' den Abend bei uns -- ich lasse nachher Bier holen. Was sitzest Du so allein zu Hause?«

»Ja, Vater, ich werde kommen,« sagte der junge Mann, indem er die kleine Maschine wieder sorgfältig aufnahm -- »also auf Wiedersehen, Mutter -- Adieu, Else!« Und seine Mütze nehmend, verließ er die Stube und schritt auf die Straße hinaus.

Die Sonne mußte längst untergegangen sein, denn hier und da wurden schon die Lichter in den Läden angezündet. Fritz schritt deshalb auch wacker aus, um nicht zu spät zu kommen und den ganzen Weg umsonst zu machen, schnitt durch ein paar kleine Seitenstraßen und erreichte endlich die Judengasse, durch welche er jetzt so rasch als irgend möglich vorwärts eilte. Ueber die kleine Maschine hatte er nur sein Tuch gedeckt, damit nichts daran geschehen konnte.

In der Erweiterung der Straße, die er jetzt betrat, sah er sich einen Officier entgegenkommen, der in seinem ganzen Gang und Wesen dem Lieutenant von Wendelsheim ähnelte; um sein Gesicht zu erkennen, war es aber noch zu weit und zu dunkel, und ehe er an ihn hinankommen konnte, bog derselbe plötzlich nach links ein und verschwand in dem Hof, der zu dem Hause des alten Salomon gehörte.

»Was, um Gottes willen, hat denn der Lieutenant noch so spät bei dem alten Mann zu thun,« dachte Fritz, »und warum geht er nicht in den Laden -- oder sollte der schon geschlossen sein? Dann seh' ich, daß ich den Eingang dort ebenfalls finde, mitnehmen möchte ich das schwere Ding doch nicht noch einmal.«

Er hatte indessen das Haus fast erreicht und sah, daß der Laden wirklich schon geschlossen sein mußte. Die Läden waren zu, ebenso die Thür; aber jedenfalls befand sich der alte Salomon noch im Innern, denn der Officier kam nicht wieder heraus.

War denn das wirklich Baron Wendelsheim gewesen, und schon so rasch vom Schloß zurückgekehrt -- und ging gleich zu dem Juden, wo er doch nichts Anderes suchen konnte, als Geld zu borgen? Fritz schüttelte vor sich hin mit dem Kopf und überlegte sich eben, daß der Lieutenant gerade nicht besonders erfreut sein würde, wenn er ihn bei seinem Geldgeschäft überraschte; aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Hätte er nicht das Werk bei sich gehabt, wäre er vielleicht wieder umgekehrt.

Das Hofthor war noch offen, und gleich links hinein mußte auch die Thür zum Laden führen; er erinnerte sich, daß Salomon einmal dort hinausgegangen war, als er sich im Laden befand, um irgend etwas aus seiner Wohnung herunter zu holen.

Im Hofe war es fast noch dunkler als auf der Straße, denn das hohe Nachbargebäude schloß selbst den matten Widerschein des westlichen Himmels ab; aber die Thür in dem helleren Gebäude ließ sich noch deutlich erkennen, und als Fritz näher darauf zutrat, bemerkte er, daß sie nicht nur halb angelehnt, sondern auch noch Licht im Innern war. Salomon war also noch drinnen, und ohne sich lange zu besinnen, griff der junge Baumann nach der Thür und wollte sie eben öffnen, als plötzlich eine dunkle Gestalt ihm dieselbe aus der Hand riß, ihn bei Seite warf, daß er fast gestürzt wäre, und dann, ehe Fritz nur recht zur Besinnung kommen konnte, mit wenigen Sätzen aus dem Hof verschwand.

War das Salomon selber gewesen -- oder vielleicht ein Dieb? Wie ihn nur der Gedanke durchzuckte, sprang er der Gestalt nach an das Hofthor und schrie in die menschenleere Straße hinaus: Hülfe! Diebe! Haltet ihn! Er wäre auch selber nachgesprungen, aber er sah jetzt nicht einmal, ob sich der Flüchtige nach links oder rechts gewandt hatte -- und war es wirklich ein Dieb gewesen? Er mußte sich selber überzeugen und lief deshalb in den Laden zurück.

Dort stellte er sein Werk rasch auf einen Tisch und wollte die Lampe aufgreifen, um selber nachzusehen, als er vor sich auf dem Boden einen leblosen Körper lang ausgestreckt erkannte. Er hob ihn auf und hielt sein Gesicht gegen das Licht der Lampe -- großer Gott, es war der alte Mann selber, mit Blut bedeckt -- ermordet vielleicht von Räuberhänden! Aber hier konnte er nicht bleiben -- er mußte Hülfe herbeirufen, nicht allein für den Ueberfallenen, sondern auch um dem Mörder so rasch als möglich nachzusetzen.

Er legte den unglücklichen alten Mann so sanft als möglich wieder auf den Boden zurück und eilte dann auf das Haus zu, das er aber verschlossen fand. Salomon trug den Drücker dazu immer in seiner Tasche. Aber dort hielt er sich nicht lange auf, klopfte nur heftig an, um die Bewohner aufmerksam zu machen, und sprang dann der Straße zu, um dort die Nachbarn zu alarmiren und Polizei herbeizurufen. Er war von Schreck und Entsetzen so verwirrt, daß er kaum selber wußte, was er that.

Mit flüchtigen Sätzen erreichte er auch das Hofthor und wollte eben hinaus auf die Straße springen, als er sich plötzlich von vier nervigen Fäusten gefaßt und gehalten fühlte.

»Um Gottes willen,« rief er, »der Mörder ist entflohen -- ruft Leute, die ihm nachsetzen!«

»Heda, mein Bursche, ich glaube nicht, daß er so weit fort ist,« schrie ihn da ein derber Bursche an. -- »Haltet ihn fest -- gebt ihm Eins auf den Kopf, wenn er nicht still ist! Was ist hier vorgefallen?« riefen die Anderen.

Fritz Baumann rang aus Leibeskräften, um sich frei zu machen, denn durch den Irrthum entkam der wirkliche Thäter.

»Setzt nur nach!« rief er, als er sah, daß das nicht möglich war, denn immer mehr Leute kamen herbeigestürmt und warfen sich auf ihn. »Schickt Leute nach rechts und links die Straße hinunter -- ein Mann ist dort hinaus geflohen -- er kann nicht groß sein!«

»Na, Du wirst ihn schon später noch genauer beschreiben können!« rief ein corpulenter Bursche, ein Bierbrauer, der in der Nahe wohnte und mit herbeigesprungen war, als er den Lärm hörte.

In dem Hause selber wurden unruhig hin und her fahrende Lichter sichtbar. Baumann war in Verzweiflung.

»Aber Ihr könnt mich ja meinetwegen hier festhalten, seht nur, daß Ihr den weggelaufenen Mörder fangt!«

»Mörder?« schrie eine Frau aus dem Fenster in Todesangst.

»Mörder?« wiederholten auch die Leute unten im Hof erschreckt, und Einer schrie: »Mit der Laterne hieher -- kommt einmal her, Freund, leuchtet einmal hieher!«

Der Zuruf galt einem der schüchternen Nachbarn, der mit einer Laterne herausgekommen war, um zu sehen, was vorgehe, und eben damit in dem Hofthor erschien. Der Mann kam auch, wenngleich ein wenig scheu, in demselben Augenblick mit der Laterne heran, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Officier heraussprang.

»Was geht hier vor?« rief er, und Fritz erkannte zu seinem Erstaunen den Lieutenant Wendelsheim, den er indessen ganz vergessen hatte. Ehe er ihn aber anreden konnte, rief Einer von denen, die ihn noch immer wie in einem Schraubstock hielten, indem er die Laterne aufgriff und gegen Fritz Baumann anleuchtete:

»Mord! Bei Gott, seht, wie blutig der Kerl aussieht!«

»Herr Baumann!« rief auch jetzt der Lieutenant erschreckt. »Was ist vorgefallen? Wie kommen Sie hieher?«

»Der alte Salomon liegt da drinnen ermordet,« rief Fritz, »und mich haben die Menschen gefaßt, während sie den wirklichen Mörder entkommen ließen!«

»Salomon ermordet? Um Gottes willen, ein Licht!«

Oben an dem einen Fenster wurde der Aufschrei einer weiblichen Stimme gehört, und gleich darauf stürzte des alten Mannes Frau, an allen Gliedern zitternd, aus der Thür und dem Laden zu, aus dem ihr gellender Hülferuf gleich darauf ertönte.

Der Hof hatte sich indessen mehr und mehr mit Menschen gefüllt, und Alles drängte nach dem Laden. Wendelsheim aber fühlte, daß er hier, so lange noch keine Polizei eingetroffen war, die Leitung des Ganzen übernehmen müsse, und deshalb der Thür zuspringend, wies er die Masse zurück.

»Nur drei oder vier von Euch mögen eintreten,« sagte er, »Ihr Anderen wartet hier draußen. Ist schon Jemand auf die Polizei gelaufen? Noch nicht? Schickt augenblicklich einen Boten dorthin ab; ich werde so lange hier bleiben. Sie, Freund,« wandte er sich dann an einen ordentlich aussehenden Mann, der auch mit von der Straße hereingekommen war, »seien Sie so gut und fassen Sie an der Thür Posto, daß Niemand weiter eindrängt. Den jungen Mann da könnt Ihr ruhig loslassen; ich glaube nicht, daß er den Mord begangen hat.«

»Abwarten,« sagte der Bierbrauer, der nicht die geringste Lust hatte, sich die eingefangene Beute entgehen zu lassen. »Wovon ist denn der Bursche so blutig geworden? Wenn wir ihn jetzt loslassen, ist er in einer Viertelstunde über alle Berge. Gebt einmal einen Strick her, daß wir ihm die Hände ein bischen zusammenschnüren können.«

Wendelsheim hörte schon nicht mehr, was er sprach, denn er war jetzt ebenfalls in den Laden gesprungen, um dort zu sehen, was geschehen sei, und die alte Frau zu unterstützen. -- --

Den Nachmittag um fünf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pünktlich wie in allen Dingen, draußen bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem Rath die Sache der Frau Müller in Ordnung zu bringen. Er that das auch nicht etwa, wie Madame Müller selber vielleicht glauben mochte, allein in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath Frühbach eine Unannehmlichkeit zu ersparen, sondern einzig und allein seiner selbst wegen. Was er nämlich schon seit einiger Zeit, eben nicht zu seiner Freude, vermuthet hatte, daß Ottilie eine stille Neigung zu dem jungen Wendelsheim hege, hatte er in der Unterredung mit seiner Frau nur zu sehr bestätigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel bleiben, und hing die Frau Müller ihre Klage an die große Glocke, dann war des Geredes über die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende mehr.

Außerdem fühlte er sich fest davon überzeugt, daß die Frau an dem ihr von dem Major, nach Gott weiß welchen Combinationen, untergeschobenen Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun einmal zur fixen Idee geworden, jenem früher aufgetauchten Gerücht, das er fest und bestimmt für eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen, und je näher der Zeitpunkt rückte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in nichts zerfließen sehen, desto eifriger wurde er darauf.