Der Erbe: Roman. Zweiter Band.
Part 15
»Aber er ist es nicht,« winselte die Kleine; »das Fritzchen ist ja nur ein Mechanikuschen, und noch ein ganz junges, und wenn's auch nur ein Jude war, den es todtgeschlagen hat, jetzt hetzen sie Alle dahinter her, bis sie ihn unten haben. O, mein Männchen sollten Sie darüber reden hören, Frau Nachbarin, der kann's! Die Härchen stehen Einem zu Berge, wenn er davon spricht, daß alle die Kaiserchen und Fürstchen sterben müßten, und das Völkchen allein zu sagen hätte, was es will. Aber er thut es nur immer, wenn wir allein mit einander sind, denn sie haben ihn schon einmal deswegen eingesteckt. Ja wahrhaftig, 's ist wahr,« setzte sie hinzu, als die Frau sie mit ihrem stieren Blick wie fragend anschaute; »sechs Wöchelchen hat er brummen müssen bei Wasser und Rübensuppe. Ach, und wie er wieder herauskam, war er so dünn geworden, man hätte ihn durch ein Nadelöhrchen fädeln können!«
»Und wer hat Euch gesagt, Nachbarin, daß der Fritz am Freitag schon hingerichtet werden sollte?«
»Wer? das Fränzchen; expreß ist es zu uns herübergelaufen gekommen. Und der Herr Staatsanwalt Witte hat sich die größte Mühe gegeben, um ihn frei zu bekommen, und gleich von Anfang an versprochen, daß er seine Partei nehmen wollte; aber wenn das Fritzchen nun gestanden hat, da ist freilich Alles vorbei.«
»Der Staatsanwalt Witte hat seine Partei genommen?«
»Ja, gewiß; das Fränzchen war ja an dem Abend dabei in der Judengasse, wo sie das Salomonchen im Laden fanden, und hat's mit seinen eigenen Oehrchen gehört.«
»Der Staatsanwalt Witte?« wiederholte die Frau kopfschüttelnd.
»Das ist ein braver, rechtlicher Mann,« bestätigte die Schneidersfrau, »und wenn ein armes Teufelchen zu ihm kommt, dem Jemand Unrecht thun will, da springt er mit beiden Füßchen in die Sache hinein, und ruht nicht, bis er ihn frei gemacht, und nimmt nachher auch noch nicht einmal ein Gröschchen Geld dafür.«
»Der Staatsanwalt Witte?« murmelte die Schlossersfrau noch einmal.
»Ja, und wie hat er sich neulich der Frau Müller aus Vollmers angenommen,« fuhr die redselige kleine Schneidersfrau fort. »Sie war noch bei uns, ehe sie wieder nach Vollmers hinausfuhr, und hat uns das ganze Geschichtchen erzählt. Da war ein Majorchen und ein Räthchen zu ihr gekommen, lauter vornehme Leutchen mit großen Titelchen, und hatten sie in ihrem eigenen Hause schlecht gemacht und ihr einen Kindertausch bei Wendelsheims draußen und Gott weiß was Alles vorgehalten. Aber sie ging an die rechte Schmiede. Der Herr Staatsanwalt hat ihr gesagt, daß sie sich nicht vor den Leuten zu fürchten brauchte; Abbitte müßten sie thun vor den Gerichtchen oder Beweischen bringen; und nun will er sie vorkriegen, und das wird ein schöner Skandal im Städtchen werden, wenn so ein paar große Herrchen vorgefordert werden und Beweischen bringen sollen -- Herr Du mein Gottchen,« unterbrach sich aber die Frau plötzlich, als sie zufällig aus dem Fenster sah und den zurückkehrenden Baumann bemerkte, »da kommt das Schlossermeisterchen wieder, und wenn der mich hier findet, drückt er mich armes Weibsen todt. Er kann mich so nicht leiden, und hat mir verboten, daß ich wieder herüberkomme.«
»Ja,« nickte die Frau still vor sich hin, »sie werden die Beweise bringen -- aber zu spät, zu spät! Heute ist Mittwoch -- übermorgen, o mein Gott, mein Gott!«
»Nachbarin, ich rutsche durch die Küche auf das Höfchen,« sagte die Frau, die in dem Augenblick noch fast um sechs Zoll kleiner und schmächtiger schien; »wenn er mich findet, giebt's ein Unglück!«
Und ohne eine weitere Erlaubniß abzuwarten, fuhr sie durch die Hinterthür in die Küche hinein und verschwand dort in demselben Augenblick, als Baumann, seinen Hut noch auf dem Kopf und mit finster zusammengezogenen Brauen in's Zimmer trat. Sie hatte auch in der That recht gehabt, ihm in dieser Stimmung aus dem Weg zu gehen; freundlich wäre sie keinenfalls von ihm empfangen worden.
»Wieder nichts!« sagte er, als er selbst ohne Gruß an seiner Frau vorüberging und an's Fenster trat. »Es ist rein um verrückt zu werden, daß sie Einem nicht einmal erlauben wollen, ihn nur zu sehen oder zu sprechen, und dabei erzählt sich das wahnsinnige Volk in der Stadt schon die tollsten und albernsten Geschichten!«
Seine Frau war im Zimmer; er hatte sie gesehen, als er an ihr vorüberging. Aber sie erwiederte kein Wort, richtete keine Frage an ihn, und mehr erstaunt als beunruhigt über dieses Schweigen, drehte er sich nach ihr um.
Seine Frau stand mitten im Zimmer; aber ihr Blick begegnete dem seinigen und hing mit unendlicher Liebe, aber auch einem unsagbaren Schmerz an ihm, so daß er sie ganz verwundert deshalb anstarrte.
»Nun,« sagte er endlich erstaunt, »was hast Du denn, Alte? Du siehst mich ja so merkwürdig an. Ist etwas vorgefallen?«
»Gottfried,« flüsterte die Frau mehr als sie sprach, ging auf ihn zu und lehnte langsam ihr Haupt an seine Brust, »Gottfried, mein braver, braver Gottfried, ich danke Dir für alles Liebe und Gute, das Du mir gethan, seit ich so glücklich wurde Dein Weib zu werden; ich danke Dir dafür viel tausend- und tausendmal, und möge Dich der Himmel dafür segnen!«
»Aber was hast Du nur?« sagte der Schlossermeister fast wie verlegen. »Was soll denn all' die Feierlichkeit? Und mit Bedanken? Ei, da glaub' ich, hat Einer von uns gerade so viel Ursache als der Andere.«
»Nein, Gottfried,« flüsterte die Frau wieder, »nein; Du weißt es nicht, und ich kann's Dir auch jetzt nicht sagen. Aber Du wirst's bald erfahren -- bald -- vielleicht heute noch, und dann -- dann sei mir ja nicht so böse -- denk' nicht, daß ich schlecht war, Gottfried, denk' es nicht -- ich bin's nie gewesen! Nur übergroße, thörichte Liebe hat mich dazu getrieben. Wenn es mich aber auch die langen, langen Jahre gepeinigt und gequält, und ich größere Strafe dadurch erlitten habe, als wenn sie mir die Glieder mit Ketten zusammengeschnürt hätten, an Dir hab' ich doch gesündigt, an Dir und an ihm, und Alles, was jetzt in meinen Kräften steht, ist, das zu sühnen.«
»Aber, Mutter,« rief Baumann erschreckt, denn er glaubte im ersten Augenblick nicht anders, als daß sie über die Angst um den Sohn den Verstand verloren habe, »so schlimm ist's ja noch gar nicht, es kann noch Alles besser werden; habe nur guten Muth.«
»Den hab' ich, Gottfried, recht aus vollem Herzen,« nickte die Frau, und ihr Auge glänzte dabei von einem unheimlichen Feuer; »recht guten Muth hab' ich, denn ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, und wollte Gott, o wollte Gott, ich wäre ihn früher gegangen, viel Unheil wäre dadurch Allen von uns erspart worden!«
»Komm, Alte, sei gut, mach' Dir deshalb keine Sorgen,« sagte Baumann freundlich, denn er gedachte sie jetzt nur zu beruhigen, damit sie die quälenden Gedanken fahren ließe. »Ist denn die Else noch nicht aus der Schule zurück? Es muß doch schon lange zwölf Uhr vorbei sein. Du hast auch noch nicht einmal den Tisch gedeckt?«
»Es muß sein, Gottfried,« nickte die Frau, die auf die letzten Worte gar nicht gehört oder geachtet hatte; »aber ich allein werde die Strafe erleiden, weil ich sie verdient habe -- nicht Ihr -- nicht er -- es muß sein! Leb' denn wohl, Gottfried -- Gott segne Dich viel tausendmal, und wenn Du....«
Die Aufregung war zu viel für sie. Sie wurde todtenbleich, und Baumann konnte sie noch eben mit seinem Arm auffangen, sonst wäre sie zu Boden gesunken. Jetzt wurde der alte Schlossermeister aber wirklich besorgt um den Zustand der Frau. Ihr tiefsinniges, zerstreutes Wesen, das entschieden nicht in ihrer Art lag, war ihm schon die letzten Tage aufgefallen, und die Ursache dafür suchte er natürlich nur in der Verhaftung des Sohnes. Aber er hatte nie geglaubt, daß es bei der nervenstarken Frau so gefährlich überhand nehmen könne. Er selber wußte auch in dem Augenblick gar nichts mit ihr anzufangen, als sie eben auf das Sopha zu legen; aber ein Arzt mußte her, vielleicht half ein Aderlaß oder irgend etwas Anderes, das der verordnen würde. Rasch entschlossen drückte er sich auch den Hut in die Stirn, rief dem in der Werkstätte arbeitenden Karl nur zu, einmal nach seiner Mutter zu sehen, es sei ihr unwohl geworden, er selber käme gleich wieder, und eilte dann, was er konnte, auf die Straße hinaus, um nach dem Arzt zu laufen und diesem gleich selber unterwegs die Krankheits-Symptome anzugeben.
Den nächsten Arzt fand er nicht zu Hause; aber der Medicinalrath Bennigs wohnte nur ein paar Straßen weiter, und den traf er glücklich gerade beim Frühstück an. Er mußte auch hereinkommen und dem alten Herrn, während er aß, den Fall genau erzählen, und der Arzt beruhigte ihn dabei. Es sei, wie er sagte, eine Nervenüberreizung, die sich wohl bald wieder geben würde; er wolle aber gleich selber mit ihm hinübergehen und die Kranke untersuchen -- Sorge brauche er sich deshalb nicht zu machen.
Die beiden Männer waren auch bald wieder unterwegs, und Baumann beruhigte sich schon, als er, in der Nähe seiner Werkstätte angekommen, die Hämmer so lustig gehen hörte. Die Frau war jedenfalls wieder zu sich gekommen. Er hielt sich auch gar nicht da drinnen auf, sondern wollte gleich mit dem Medicinalrath durch die Werkstätte in die Stube gehen, als ihn Karl anrief.
»Vater, die Mutter ist nicht drin.«
»Nicht drin?« sagte Baumann erstaunt und sah sich nach ihm um.
»Ach,« meinte Karl, »es war ihr vorhin ein bischen schlecht geworden, und als sie wieder zu sich kam, meinte sie, sie wolle ein wenig an die frische Luft gehen, sie käme bald wieder.«
»Was,« rief Baumann erschreckt, »allein ist sie fort?«
»Ja,« sagte Karl, »natürlich; aber sie war so sonderbar. Die Else, die gerade aus der Schule kam, hat sie geherzt und geküßt, als ob sie auf ewig von ihr Abschied nehmen wolle, und auf mich ist sie auch zugegangen und hat mich an sich gedrückt und mir einen Kuß gegeben trotz meinem schwarzen Gesicht.«
»Großer Gott,« rief Baumann, jetzt zu Tod erschreckt, »was ist da vorgegangen und wo hinaus ist sie?«
»Ja, sie bog links um und ging die Straße hinunter.«
»Dort hinzu liegt der Fluß!« stöhnte Baumann, während Leichenblässe seine Züge deckte. Aber er war kein Mann, der sich lange einer Schwäche hingegeben hätte. »Fort, Karl,« rief er rasch, »setz' Deine Mütze auf und lauf', was Du kannst, da hinaus zu und suche die Mutter, und wenn Du sie findest, gehst Du ihr nicht von der Seite!«
»Aber, Vater....«
»Lauf', sag' ich, was Du laufen kannst -- und Ihr Uebrigen alle auch -- die Meisterin ist krank -- sie war vorhin ohnmächtig geworden -- es kann ihr ein Unglück geschehen, wenn Niemand bei ihr ist! Wo ist die Else?«
»Drinnen in der Stube, Vater. Sie weint, weil die Mutter weinte, als sie fortging.«
»Ich werde Sorge für das Kind tragen, Meister, und es in der Nachbarschaft unterbringen,« sagte der Medicinalrath; »sorgen Sie sich nicht deshalb und eilen Sie, selber Ihre Frau aufzusuchen, denn in einem solchen exaltirten Zustand kann man allerdings für nichts einstehen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Doctor,« rief der Mann; »aber wir dürfen auch keinen Augenblick Zeit verlieren!« Und ohne weiter den Blick zu wenden, sprang er zur Thür hinaus und eilte, von Karl und den Uebrigen gefolgt, die sich bald nach verschiedenen Richtungen hin vertheilten, die Straße hinab und jetzt vor allen Dingen dem Ufer des Flusses zu, denn er fürchtete das Entsetzlichste.
13.
Das Geständniß.
Die Frau des Schlossermeisters Baumann hatte, wie Karl auch gesehen, das Haus verlassen und sich die Straße hinabgewandt; aber Baumann's Furcht, daß sie in Angst und Aufregung beabsichtigen könne, sich ein Leides anzuthun, war unbegründet. Sie folgte allerdings eine kurze Strecke der Straße, die sich dem Fluß und einer darüber führenden Brücke zuzog, drehte dann aber rechts ab in einen Seitenweg hinein, bis sie das Haus des Staatsanwalts Witte erreichte. Aber schon unterwegs zog sie die Blicke der Vorübergehenden auf sich, denn sie schien Niemanden zu sehen, sprach dabei mit sich selber und nickte dazu, während sie sich mit beiden Händen die Ellbogen hielt, als ob sie fröstele, ununterbrochen mit dem Kopfe.
Erst auch in dem Hause angelangt, kam sie ordentlich wieder zur Besinnung, denn bis dahin war sie wie in einem Traum fortgeschritten. Sie blieb auf dem Hausflur stehen, strich sich die Haare aus der Stirn, ordnete ihr Tuch etwas besser und sah nach ihrem Kleid, als ob sie irgendwo einen Besuch machen wolle, und stieg dann langsam, aber ohne irgend ein Zögern die Treppe hinauf.
Oben blieb sie stehen. Die eine Thür zeigte allerdings deutlich genug durch ein Schild das Büreau des Staatsanwalts an; aber sie wußte auch, daß dort viele Schreiber saßen, und sie wollte ihn allein sprechen. Ging sie lieber hinüber zu einer der in die Wohnung führenden Thüren? Aber nein, dort mußte sie fürchten, jenem Mädchen zu begegnen, das ihrem Fritz so weh gethan und ihn vielleicht gar zu der schwarzen That getrieben. Lieber zu den fremden Männern in die Stube -- dort wurde sie doch nicht verachtet und zurückgestoßen, und ohne sich länger zu besinnen, schritt sie auf die bezeichnete Thür zu und klopfte an.
»Herein!« rief die monotone Stimme des einen der Schreiber, und die Frau stand auf der Schwelle und warf den Blick scheu in dem engen Raum umher.
»Ist der Herr Staatsanwalt zu Hause?«
Der Schreiber deutete, ohne eine weitere Antwort für nöthig zu halten, mit der Feder nach der Stube desselben.
»Ist er allein?«
»Ja, aber er wird nicht viel Zeit haben, er muß bald fort.«
»Ich _muß_ ihn sprechen.«
»Gut, versuchen Sie es -- da drinnen ist er« -- und wieder kritzelten die Federn über das Papier.
Die Frau schritt der Thür zu, und einer der Leute blickte über sein Heft nach ihr hin -- wie merkwürdig blaß sie aussah! Aber sie waren ja gewohnt, hier von allen Leidenschaften bewegten Menschen zu begegnen -- wer wußte denn, was sie hatte! Drinnen der Staatsanwalt würde die Sache schon in Ordnung bringen.
»War das nicht die Baumann?« flüsterte einer der jungen Leute über sein Stehpult hinüber, »deren Sohn wegen der Salomon'schen Geschichte sitzt?«
»Ich glaube, ja,« sagte ein Anderer. »Der alte Salomon soll ja wohl heute beerdigt werden -- so eine Judenleiche möchte ich gern einmal sehen....«
»Ja, aber sie lassen Einen nicht dazu,« meinte der Erste wieder; »in den Kirchhof darf man nicht hinein.«
»Und was machen sie mit dem Baumann?«
»Bah, sie haben ja gar keine Beweise gegen ihn und müssen ihn wieder laufen lassen! In der Zeit, wo er vorher gesehen ist, kann er die That gar nicht verübt haben, und ist auch sonst ein ganz anständiger Kerl!«
Die jungen Leute hatten weiter kein Interesse an der Sache und schrieben weiter, denn der Staatsanwalt konnte jeden Augenblick herauskommen, und es gab heute Morgen entsetzlich viel zu thun.
Drinnen im Zimmer des Staatsanwalts spielte indeß eine andere Scene.
»Frau Baumann?« sagte Witte, als er sie erkannte und sich wohl denken konnte, weshalb sie kam -- des gefangenen Sohnes wegen. »Ja, es thut mir leid, aber so schnell geht die Sache nun einmal nicht mit unseren Gerichten. Uebrigens....«
»Kann ich ein paar Worte allein, ganz allein mit Ihnen sprechen, Herr Staatsanwalt?« unterbrach ihn die Frau, indem sie ihn mit ihren großen Augen scharf und doch bittend ansah. »Ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen, aber es darf mich Niemand weiter hören, als Sie -- und Gott,« setzte sie leise und kaum hörbar hinzu.
»Etwas sehr Wichtiges?« sagte Witte erstaunt.
»Etwas _sehr_ Wichtiges,« wiederholte die Frau, »und Sie werden die Zeit nicht bereuen, die Sie darauf verwenden.«
»Hm« -- Witte sah nach der Uhr; er hatte allerdings nicht viel Zeit, weil er zu einer wichtigen Besprechung auf das Criminalamt mußte. Wäre es aber wirklich etwas Wichtiges gewesen, so konnte er auch einen seiner Schreiber hinaufschicken und die Sache um eine halbe Stunde aufschieben lassen. Frauen hielten nur zu gewöhnlich eine Menge von Dingen für wichtig, die an sich unbedeutend genug waren -- nun, er konnte wenigstens hören, was sie wollte.
Für solche Fälle, die auch gar nicht etwa so selten vorkamen, benutzte er gewöhnlich eine kleine, hinter seinem Arbeitszimmer befindliche Stube, in welcher nur eine Anzahl von Bücher-Regalen mit wenig gebrauchten Büchern und alten Acten und ein Tisch wie ein paar Stühle standen. Das Zimmer sah auf den Hof hinaus und lag so abgeschieden, daß kein darin gesprochenes Wort durch die Wände drang.
Witte stand auf und öffnete die Thür der Schreibstube. »Ich will jetzt nicht gestört werden,« sagte er hinaus; »wenn Jemand in der Zwischenzeit kommen und nach mir fragen sollte, so lassen Sie ihn nicht in mein Zimmer, sondern behalten ihn hier, bis ich selber herauskomme.«
»Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.«
»So, Frau Baumann,« sagte dann Witte, indem er die Thür wieder schloß, »haben Sie jetzt die Güte und kommen Sie hier mit herein. Da drinnen hört Niemand, was Sie mir zu sagen haben; aber seien Sie so gut und machen Sie es so kurz als möglich, denn meine Zeit ist gemessen, und wenn die Sache nicht wirklich _sehr_ wichtig ist, thäten Sie mir sogar einen Gefallen, wenn Sie lieber heute Nachmittag wieder vorkämen.«
»Es hängt Leben und Tod daran,« sagte die Frau ernst.
»Leben und Tod? Dann freilich geht das allem Andern vor -- bitte, treten Sie näher, und nun setzen Sie sich und sagen mir, was Sie zu sagen haben. Sie zittern ja an allen Gliedern -- ist etwas vorgefallen?«
»Lassen Sie mir nur einen Moment Zeit, Herr Staatsanwalt,« sagte die Frau, indem sie auf den nächsten Stuhl niedersank -- »nur um meine Gedanken zusammenzubringen -- es geht dann auch um so viel schneller. Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.«
Der Staatsanwalt sah nach der Uhr; es fehlte kaum noch eine Viertelstunde an der bestimmten Zeit, in der er fort mußte. Er wollte aber doch wenigstens erst wissen, um was es sich hier handle, und beobachtete deshalb ruhig die Frau, die aber seinem Blick noch auswich und nur einen Anfang zu suchen schien, mit dem sie beginnen könne. Endlich sagte sie:
»Es hilft doch nichts -- es ist doch Alles vorbei und ich kann's nicht mehr ändern, also brauche ich auch keine Vorrede mehr zu machen. Erfahren müssen Sie's doch, und der liebe Gott mag's mir vergeben.«
»Aber was, liebe Frau?« sagte der Staatsanwalt, der aus den unzusammenhängenden Sätzen nicht klug wurde.
»Sie wissen eigentlich schon Alles,« flüsterte die Frau, »aber nur noch nicht recht -- die Müller war schon bei Ihnen, und es ist jetzt vor den Gerichten.«
»Die Müller? Welche Müller?«
»Die Müller von Vollmers...«
»Aber was hat das mit Ihrem Sohn zu thun?«
»Es ist nicht mein Sohn!« stöhnte die Frau, indem sie sich krampfhaft an der Lehne ihres Stuhles festhielt. »Es ist -- der Sohn -- des -- Baron von Wendelsheim!«
»Alle Teufel!« rief Witte, fast unwillkürlich vor seinem Stuhl emporspringend. »Die Sache ist allerdings wichtig -- aber warten Sie einen Augenblick. Fassen Sie Muth, liebe Frau Baumann, gestehen Sie nur Alles aufrichtig, und was ich dann für Sie thun kann, das seien Sie versichert, daß ich es thun werde -- ich bin gleich wieder bei Ihnen --« und rasch schritt er durch sein Arbeitszimmer der Schreibstube zu.
»Gerber,« sagte er hier, »Sie mögen einmal hinauf auf das Stadtgericht gehen und dort in Nr. =II= den Justizrath Bertling bitten, mich auf eine halbe Stunde zu entschuldigen -- ich kann jetzt nicht fort. Ist frisches Wasser in der Flasche?«
»Jawohl, Herr Staatsanwalt -- eben geholt.«
»Geben Sie mir einmal die Flasche -- ich danke Ihnen -- ein Glas habe ich selber drüben -- ich bin für Niemanden zu sprechen.«
Der Staatsanwalt eilte mit der Flasche und einem Glase zu der Frau Baumann zurück, die sich aber in der Zwischenzeit vollständig erholt und jede Schwäche niedergekämpft hatte. Sie trank allerdings ein Glas Wasser, aber sie schien jetzt vollkommen ruhig und gefaßt. Das Schlimmste war auch eigentlich überstanden, das Geständniß selber abgelegt, das Geheimniß gebrochen, und jetzt blieb ihr nur noch übrig, die nöthige Aufklärung über das Einzelne zu geben, und das mußte ihr leicht werden, denn sie sprach ja nur die reine, lautere Wahrheit.
»Sie haben mir da vorher, meine liebe Frau Baumann,« begann der Staatsanwalt jetzt -- denn er wollte vor allen Dingen die Thatsache constatirt haben -- »eine wunderbare Eröffnung gemacht, in der ich Sie noch einmal fragen muß, ob ich Sie auch richtig verstanden habe. Sie sagten nämlich, daß Ihr Sohn -- Sie meinten damit den Friedrich Baumann, nicht wahr?«
»Ja, Herr Staatsanwalt.«
»Nicht Ihr Sohn, sondern der des Barons von Wendelsheim wäre. Ist das richtig?«
»Ja, Herr Staatsanwalt.«
»Merkwürdig -- und weiß der Baron Wendelsheim davon?«
»Nein, Herr Staatsanwalt.«
»Er weiß es nicht?« rief der Mann erstaunt.
»Nein, Herr Staatsanwalt.«
»Aber wie ist das um des Himmels willen möglich? Wußte es denn seine verstorbene Frau?«
»Eben so wenig; sie würde sich eher das Herz aus dem Leibe, als ihr eigenes Kind haben nehmen lassen.«
»Dann muß ich Ihnen aber gestehen, daß ich Ihre ganze Angabe nicht begreife, beste Frau, denn wenn beide Eltern nichts davon wissen, sagen Sie mir, wie es dann irgend möglich ist, einen derartigen Tausch -- denn darauf hin läuft doch das Ganze hinaus -- vorzunehmen?«
»Und doch ist es wahr,« nickte ruhig die Frau. »Wenn Sie mich aber geduldig anhören wollen, so werde ich Ihnen Alles erklären -- Alles -- und dann -- möchte ich sterben, um die Schande nicht zu erleben, die mich betreffen muß.«
»Ich bin wirklich begierig,« sagte Witte, »denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht begreife.«
»Sie wissen, welche Clausel das Testament hat, das in den nächsten Tagen fällig sein muß,« sagte die Frau.
»Darüber beruhigen Sie sich; ich habe mich mit der verwünschten Geschichte so viel und bis jetzt so nutzlos beschäftigt, daß ich den Gegenstand durch und durch und bis in seine kleinsten Einzelheiten kenne.«
»Der Baron von Wendelsheim, wie mir meine Schwester, des Schuhmachers Heßberger Frau, sagte, hatte Angst, daß ihm kein Knabe, sondern ein Mädchen geboren würde, wonach die Erbschaft für ihn verloren gewesen wäre, und meine Schwester ist eine kluge, aber -- Gott vergebe es ihr! -- eine böse Frau. Der alte Baron zog sie zu Rathe, und sie wußte Rath. Mir sollte damals das erste Kind geboren werden, und sie war täglich um mich. Es ging uns noch knapp -- wir mußten uns mühsam durchhelfen, um nur das tägliche Brot zu gewinnen. Baumann war ein junger Mensch, der damals erst anfing selbstständig zu werden; es reichte hier und da nicht aus, und ich sah für das Kind, das ich erwartete, nur bittere Noth und Sorge. Und doch war ich ehrgeizig. Ich wußte, was Baumann für ein geschickter, braver Mann sei, wie er getrost den Ersten an die Seite treten konnte, und wie doch Andere immer wieder durch Protection oder andere Vergünstigung die Arbeit bekamen, die er hätte eben so billig, und viel, viel besser und tüchtiger liefern können. Das fraß mir in's Herz -- aber das nicht allein, auch eine Sünde, die sich meiner bemächtigt hatte: ich war eitel -- ich ärgerte mich, wenn andere Handwerkerfrauen besser und vornehmer gekleidet gingen, als ich, und der böse Feind gewann seine Macht über mich.«
Witte hatte ihr aufmerksam zugehört, und hütete sich wohl, sie auch nur mit einem Wort zu unterbrechen. Die Frau, wie sie da vor ihm saß, sprach jetzt die Wahrheit, und wenn er der Sache je auf den Grund kommen wollte, so konnte er nichts Besseres thun, als sie eben ausreden lassen.