Der Erbe: Roman. Zweiter Band.

Part 14

Chapter 143,768 wordsPublic domain

Das war wieder ein Strich durch Frühbach's Rechnung, denn er hatte erwartet, daß Heßberger jetzt einen ganz entfernten Ort, vielleicht sogar eine andere Stadt als Kaufplatz angeben würde, wonach er dann sicher gewesen wäre, seinen einmal gefaßten Verdacht bestätigt zu finden. Statt dessen gab er einen Ort an, der kaum fünfzig Schritt von ihnen entfernt lag, eine Entdeckung irgend eines Betrugs also in wenigen Minuten herbeigeführt werden konnte. Aber selbst das hielt den außerordentlich zähen Rath nicht ab, der Sache weiter nachzuforschen. »Hören Sie, lieber Herr Heßberger,« sagte er, »hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit, mit in den Laden zu gehen, nur damit ich den Leuten dort das Muster zeigen kann? Ich werde Sie nicht lange aufhalten, ich möchte mir nur gern ein ebensolches Paar bestellen.«

Der Rath erwartete jetzt selbstverständlich, daß der Schuhmacher irgend eine Ausflucht suchen würde, um diesem Dilemma zu entgehen. Er konnte ja Geschäfte oder sonst etwas Derartiges vorschützen. Aber Gott bewahre -- nichts dem Aehnliches geschah, sondern der kleine höfliche Mann sagte in der unbefangensten Weise:

»Mit dem größten Plesirvergnügen, Herr Geheimer Rath, wenn Sie sich nur gefälligst hier mit herbemühen wollen. Sehen Sie, dort drüben können Sie schon das Schild von Magnussen absolviren -- werden gleich dort sein -- kann Ihnen auch das Geschäft wirklich ehcommodiren, sehr curlante Leute. Gleich da drüben ist noch ein Laden von Peters und Emmermann, kaufe da aber nie etwas; der Peters ist ein Mowäh Schusseh, hat immer die schlechtesten Waaren und die höchsten Preise und dabei ein ganz constipirter Mensch, ein ordentlicher Fantist, der glaubt, man könne nur bei ihm kaufen. Sehen Sie, da sind wir schon -- bitte, seien Sie so frei und treten Sie näher -- sollen gleich bedient werden.«

Rath Frühbach war ganz wie ausgewechselt. Sonst, wenn er mit Jemandem ging, führte er immer allein das Wort; heute sprach er fast keine Silbe, und Heßberger mußte _ihn_ unterhalten. Etwas Aehnliches war noch gar nicht dagewesen. Das hatte freilich auch seinen Grund: früher zeigte die Magnetnadel seines Geistes und Erinnerungsvermögens nur immer ununterbrochen nach Schwerin, und er steuerte dabei unbesorgt seinen Cours; jetzt aber hatten sich die großcarrirten Hosen dazwischengeworfen, sein Pol war ihm für einen Moment vollkommen entschwunden; denn etwas Aehnliches hatte selbst er noch nicht erlebt, und seine Nadel zeigte keinen Cours mehr.

Heßberger dagegen benahm sich so unbefangen als möglich. »Der Herr Geheime Rath,« sagte er, »wünschen gern von dem Zeug zu ein Paar Bandellongs zu haben, wo ich vorige Woche von gekauft habe -- bitte, dieses Muster -- sehr geschmackvoller Stoff, so hammonische Farben. Bitte, Herr Geheimer Rath, werden gleich bekommen.«

Dem Rath Frühbach war es nicht ganz recht, für sich in einem Laden, wo er noch dazu Geheimer Rath genannt wurde, ein Paar Beinkleider nach demselben Muster auszusuchen, wie es der Schuhmacher Heßberger trug, und was auch früher sein Geschmack gewesen sein mochte, er verleugnete ihn jetzt und wählte, da ihm verschiedene Stücke vorgelegt wurden, etwas Anderes. Er gab auch die Ordre, den Stoff, den er gleich bezahlte, in sein Haus zu schicken, ließ sich aber doch eine Probe von dem geben, was Heßberger anhatte, und steckte sie in die Tasche. -- Er war noch nicht recht mit sich im Klaren, was er thun solle. Heßberger wich ihm auch dabei nicht von der Seite, und da sich Frühbach nicht einmal von Schwerin her eines Beispiels erinnerte, daß _er_ von einem Menschen loszukommen gesucht hätte, so war er dadurch vollkommen aus seinem Fahrwasser gebracht, ja ertrug die Begleitung des kleinen geschwätzigen Burschen noch wenigstens drei oder vier Straßen lang, wo dann Heßberger selber glücklicher Weise Geschäfte hatte und in eine Nebengasse einbiegen mußte.

Der Rath blieb mitten in der Straße stehen und sah ihm nach. Dort ging der Bursche mit seinen Hosen so unverschämt wie möglich hin, und er hatte sich ein Paar andere kaufen müssen. Und waren es auch wirklich seine? In dem Laden benahm er sich genau so, als ob er sie dort gekauft hätte, und die Leute da drinnen widersprachen ihm auch nicht. Frühbach war ganz irre geworden, und doch hätte er darauf schwören mögen, daß der kleine verschmitzte Schuster, der sich gerade in der letzten Zeit häufig bei ihm zu thun gemacht, das Zeug aus seinem Vorsaal mitgenommen.

Jedenfalls beschloß er auf die Polizei zu gehen und die Anzeige zu machen; das war überhaupt seine Pflicht, denn wenn die Polizei gar nicht erfuhr, daß gestohlen wurde, so konnte sie auch nicht nachforschen, und hätte dann -- ein undenklicher Zustand -- nichts zu thun gehabt. Mit dem Entschlusse bog er deshalb direct in die nächste Straße ein, um seinen Vorsatz augenblicklich zur Ausführung zu bringen.

12.

Die Nachbarin.

Dies war der dritte Tag nach dem Ueberfall, und auf dem Judenkirchhof hatte der Todtengräber, obgleich ihm merkwürdiger Weise kein Auftrag dafür geworden, schon ein Grab für den alten Salomon ausgeworfen; denn selbst in der Judengasse wußte man nicht anders, als daß er dort drüben in seiner Stube, wo auch die Fenster den ganzen Tag über geöffnet standen, ausgestreckt als Leiche auf dem Bett liege.

Am ersten Tage waren einige seiner nächsten Bekannten hinauf gelassen worden, um ihn noch einmal zu sehen, und damals lag er auch in der That wie ein Todter da und rührte und regte sich nicht, und die Leute waren an der Thür, ihre Gebete murmelnd, stehen geblieben. Später aber ließ man Niemanden mehr ein; es hieß, die alte Frau sei selber so krank geworden und bedürfe der Ruhe, und etwas Natürlicheres gab es ja nicht. Daß sie es überhaupt so lange ertragen, war ein Wunder. Der Arzt ging denn auch noch häufig aus und ein, und wenn er herauskam, fragten ihn die Leute nur immer, wie es der alten Frau ginge -- nach Salomon erkundigte sich Niemand mehr.

Uebrigens schien die Vorsichtsmaßregel mit seinem fingirten Tode ganz unnöthiger Weise gebraucht zu sein, da Tag nach Tag verstrich, ohne daß die Polizei auch nur irgendwo den geringsten Anhaltspunkt für die That gefunden hätte, und selbst Salomon, als er wieder zur Besinnung kam, konnte ihr keine weitere Auskunft geben.

Am zweiten Tag schon schlug er die Augen auf und erkannte seine Frau und Tochter, und der stille Jubel im Hause läßt sich denken, als ihnen der Arzt erklärte, er hoffe ihn jetzt, wenn nicht etwas ganz Besonderes vorfiele, durchzubringen. Aber in den ersten Stunden durfte man ihn natürlich nicht mit Fragen quälen, ja selbst die Erinnerung an das Erlebte mußte, so viel als irgend möglich, ferngehalten werden. Der Actuar war allerdings noch an dem Abend da und wünschte ihn zu sprechen; aber der Doctor ließ ihn nicht hinein. Morgen vielleicht oder übermorgen, wenn er eine recht ruhige Nacht gehabt, möchte er wieder vorfragen, aber bis dahin nicht.

Diese Vorsicht erwies sich als ganz vortrefflich, denn der überhaupt zähe Körper des alten Mannes kräftigte sich durch die notwendige Ruhe so rasch, daß er schon am andern Morgen wieder in seinem Bett aufsaß und jetzt selber von dem Ueberfall jenes Abends zu sprechen begann.

Rebekka selbst schrieb jetzt ein paar Zeilen an den Actuar, der ihnen schon zu dem Zweck seine Adresse dagelassen hatte, und dieser kam ungesäumt, um einen so günstigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Aber wenig genug war es, was ihm Salomon über die Person des Räubers sagen konnte, denn so genau er ihn im Gesicht kannte und erklärte, ihn unter Tausenden herausfinden zu wollen, so wußte er doch seinen Namen nicht und konnte auch nicht sagen, ob er in Alburg selber oder in der Nachbarschaft wohne. Drei- oder viermal war er allerdings schon bei ihm gewesen; das erste Mal, um ihm eine Partie silberner Löffel zum Kauf anzubieten, den er aber verweigert habe, weil er die Sachen für gestohlen hielt und keine Unannehmlichkeiten haben wollte. Das zweite Mal war er unter dem Vorwand gekommen, selber ein silbernes Besteck zu kaufen, und hatte sich dann verschiedene Sachen zeigen lassen -- natürlich nur in der Absicht, wie sich jetzt herausstellte, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er kaufte auch damals nichts, versprach aber wiederzukommen, und erhandelte das dritte Mal wirklich einen silbernen Serviettenring, wofür er eine Zehnthaler-Note auf den Tisch legte. Das war an jenem Abend, kurz vor der Dämmerung. Wie aber Salomon leichtsinniger Weise an seinen Geldschrank ging und ihn öffnete, um die Note zu wechseln, sprang der Fremde plötzlich mit einem Satz über den Ladentisch und hatte ihn an der Gurgel. Er wollte schreien, aber er konnte nicht, der Schreck und die eiserne Faust des Räubers verhinderten ihn daran, und ehe er im Stande war, sich dem Griff zu entwinden, fühlte er einen schweren, dumpfen Schlag auf seinem Kopf, und was dann weiter mit ihm geschehen, vermochte er nicht mehr anzugeben.

Und wie sah der Mann aus?

Ja, genau konnte er das auch nicht sagen; er war die drei verschiedenen Male -- wenigstens die beiden letzten, denn das erste Mal erinnerte er sich nicht mehr deutlich -- nur in der Dämmerung zu ihm gekommen. Es sollte eine nicht große, aber ziemlich kräftige Gestalt sein, mit einem breiten Gesicht und kleinen verschmitzten Augen. Er trug -- ja genau konnte er das auch nicht angeben --, er glaubte, einen grauen oder schwarzen kurzen Rock; er wußte nicht einmal, ob er einen Hut oder eine Mütze aufgehabt, denn er versicherte, daß er ihm immer hätte in die kleinen tückischen Augen sehen müssen.

Und sonst war er ihm nie hier in der Stadt begegnet?

Lieber Himmel, der alte Mann kam ja fast nicht vor seine Thür! Seit nun zehn Jahren, wo er nach Alburg gezogen war und das Haus da kaufte, war er kaum irgendwo anders hin, als zur bestimmten Zeit auf die Börse und vielleicht einmal mit seiner Familie an einem schönen Tag hinaus in den Wald gekommen. Wirthshäuser besuchte er gar nicht. Geschäftswege hatte er ebenfalls nicht; wer Geschäfte mit ihm machen wollte, kam zu ihm, und bis dahin erinnerte er sich nicht, den Menschen je gesehen zu haben.

Und war der junge Baumann jemals mit dem Menschen zusammen bei ihm gewesen?

Der junge Baumann -- der Mechanikus? Nie.

Und er glaubte also nicht, daß jener Baumann bei dem Ueberfall betheiligt gewesen?

»Der junge Baumann? Gott der Gerechte,« rief der alte Mann aus, »würd' ich ihm anvertrauen meinen ganzen Laden mit Schlüssel und Schränken, als ich hab' die Beweise, daß er ist ein ehrlicher, braver Mensch, der junge Baumann!«

Der Actuar erzählte dem Alten jetzt, daß man gerade diesen in Verdacht gehabt habe, der Mörder zu sein, da er im Hofe unmittelbar nach der That und mit Blut bedeckt angetroffen worden sei; aber Salomon gerieth fast außer sich, als er hörte, daß man ihn noch auf den Verdacht hin gefangen halte.

»Der junge Baumann,« rief er, »wär' er dabeigewesen, der böse Mensch hätte nie wagen dürfen, Hand an einen alten Mann zu legen! Er kam immer allein, und wenn ich es hätte für möglich gehalten, daß etwas Derartiges könnte passiren mitten in einer großen Stadt und wo die Straßen sind noch belebt und die Häuser offen, ich würde gewesen sein vorsichtiger -- aber der junge Baumann -- Gott soll behüten -- wegen meiner im Gefängniß! Lassen Sie den Mann los, Herr Actuar, denn wer weiß, wenn er nicht wär' dazugekommen und den Räuber verjagt hätte, ob ich noch lebte und erzählen könnte!«

Das war nun Alles schon recht, aber dem Actuar nicht im mindesten damit gedient, denn wenn er den Baumann losließ, hatte er keinen Andern dafür und mußte zugleich dabei eingestehen, daß er sich geirrt. Und war der alte Mann überdies auch wirklich ein genügender Zeuge, um den Gefangenen von jeder Schuld loszusprechen? War es überhaupt denkbar, daß irgend Jemand allein einen solchen Ueberfall unternommen hätte, wo er jeden Augenblick von außen gestört werden konnte und jeden Weg zur Flucht dann abgeschnitten sah? Zwei Gehülfen wenigstens durfte man bei einer solchen, jedenfalls vorher reiflich überlegten That annehmen, und während der eine den Ueberfall ausführte, stand der andere natürlich indessen Wache und half nur vielleicht im entscheidenden Augenblick. Daß Salomon dann den Zweiten, der anfangs vor der Thür stand, nicht gesehen hatte, ließ sich leicht erklären. Unter jeder Bedingung mußte aber der Versuch gemacht werden, den Gehülfen zu einem Geständniß zu bringen und dadurch den wirklichen Mörder herauszubekommen. So leicht ließ die Polizei Niemanden wieder frei.

Morgens um zehn Uhr, an dem nämlichen Tag, wurde der Schlossermeister noch einmal vorgeladen. Man hatte vergessen, ihm das Tuch zu zeigen, welches im Laden gefunden worden; er sollte bestätigen, daß es seinem Sohn gehöre, und sagen, ob er es schon in seiner Werkstätte, als er an dem Abend von ihm fortging, über die kleine Maschine, die sich allerdings im Laden gefunden, gedeckt hätte.

Schlossermeister Baumann mußte außerdem, ehe er vorkam, eine volle Stunde draußen auf der Galerie warten und konnte nachher auch nichts Bestimmtes aussagen. Seiner schlichten Meinung nach blieb sich ja das auch vollkommen gleich, ob das Tuch in der Werkstätte oder auf der Straße übergedeckt gewesen wäre; er begriff sogar nicht, wie man ihn nur einer solchen Bagatelle wegen wieder vorfordern und noch dazu so lange warten lassen konnte. Aber auf den Gerichten hat das Alles seine bestimmte Zeit, und die jungen Actuare, während sie selber nur für die gesetzlichen Stunden an das Büreau gebannt sind, verfügen gewöhnlich auf das willkürlichste über ihre vorgeladenen Zeugen. Dürfen sich diese doch nicht einmal darüber beschweren, ohne sich gleich einer Mißachtung des ganzen Instituts schuldig zu machen.

Auf das dringendste erneuerte er aber dabei seine Bitte, den gefangenen Sohn sprechen zu dürfen -- es ging nicht an; der Gefangene hatte noch nichts gestanden, und es war da sehr leicht möglich, daß er von außen her Warnungen oder Nachrichten bekam, die auf den Lauf der Untersuchung störend hätten einwirken können. Die Gefühle eines Vaters durften dabei nicht in Betracht kommen.

Indessen wurde in ganz Alburg fast von nichts als dem Raubmord und hauptsächlich von dem Raubmörder Fritz Baumann gesprochen, denn als solcher galt er den Leuten, wie sich das von selbst versteht. Den alten Salomon persönlich kannten auch fast nur solche, die ihn in seiner eigenen Wohnung aufgesucht, denn in der eigentlichen Stadt ließ er sich nie blicken. Alles, was man von ihm wußte, war, daß er ein sehr reicher Jude sei, der aus Geiz ganz entsetzlich ärmlich lebe -- zu welchem Gerücht vielleicht das unscheinbare Aeußere seines Hauses den Grund gegeben -- und mehr aus Liebhaberei, als irgend eines besondern Vortheiles wegen den Antiquitäten-Laden gehalten und fortgeführt habe. Der war jetzt todt, und man interessirte sich nicht mehr viel für ihn, desto mehr aber für den jungen Baumann; denn die Frau Appellationsgerichtsräthin, der es die Frau Staatsanwalt, natürlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, anvertraut, daß der junge Baumann gerade die Frechheit gehabt habe, um die Hand ihrer Ottilie anzuhalten, schien sich verpflichtet gefühlt zu haben, der Frau Präsident Beckhaus die wichtige Nachricht mitzutheilen, und da sich dort zufällig an dem nämlichen Nachmittag ein kleiner, aber gewählter Cirkel von Damen »aus den höheren Ständen« zusammenfand, so konnte die Folge davon nicht gut ausbleiben. An dem nämlichen Abend wußte die ganze Stadt, daß der junge Mechanikus Baumann von der Tochter des Staatsanwalts Witte einen Korb bekommen habe, da Fräulein Ottilie nächstens Baronin von Wendelsheim werden würde, und die Comtesse unterhielt sich über dieses höchst interessante Thema nicht eifriger beim Auskleiden mit ihrer Zofe, als die Mägde am Brunnen oder die Nachbarsfrauen an den verschiedenen Parterrefenstern das nämliche Thema besprachen.

Der kleinen Schneidersfrau neben Baumanns hatte es ebenfalls fast das Herz abgedrückt, sich mit der Mutter des Gefangenen über die Haupt- und Staatsangelegenheit zu unterhalten; der alte Schlossermeister schnitt ihr aber jedesmal die Möglichkeit dazu ab. Wie er ihrer nur ansichtig wurde, fuhr er schon auf sie ein und fragte sie, ob sie nicht wieder ein Unglück mit ihrem »Maul« anrichten wollte, und sie fürchtete ihn wie den Gottseibeiuns. Heute gegen Mittag sah sie ihn aber wieder in seinem guten Rock am Fenster vorbeigehen; er mußte sicher auf's Gericht, wo er nicht so bald mehr herunterkam, und die Zeit durfte sie nicht unbenutzt verstreichen lassen. Hatte sie doch auch in den letzten Tagen so viel Stoff in der Stadt angesammelt, daß sie eine volle Stunde davon erzählen konnte. Das mußte sie von sich abwälzen und wenn ihr »Meisterchen« auch ein wenig länger auf das Essen warten sollte.

Kaum sah sie also die Luft rein, als sie wie ein Schatten hinaus aus ihrem Haus und hinüber in die Werkstätte huschte, wo sie erst die Gesellen fragte, ob sie es auch schon gehört hätten, daß das »Fritzchen« Alles eingestanden hätte und am Freitag geköpft werden sollte; und als ihr dort Karl drohte, er würde ihr das »Hämmerchen«, ein Stück Eisen von etwa drei Pfund Schwere, an den Kopf werfen, wenn sie den Mund noch einmal aufthäte, fuhr sie in die Stube selber hinein, wo die Meisterin an ihrem Spinnrad saß.

Es ist eine traurige Thatsache in der Welt, daß eine einzige Zunge oft so viel Unheil anrichten kann. Wenn wir armen, kurzsichtigen Menschenkinder nur überhaupt immer wüßten, was uns zum Unheil oder zum Heil gereicht. Manches halten wir für ein Glück, was sich in späterer Zeit als unsern größten Fluch herausstellt, und dann wieder sehen wir den Himmel nur mit schwarzen, drohenden Wolken umzogen, wenn dahinter schon die helle, freundliche Sonne lacht und nur auf den Moment wartet, wo sie das düstere Gewölk durchbrechen und unsern Pfad mit ihren lieben Strahlen erhellen soll. Nur der Augenblick liegt uns erschlossen, alles Uebrige aber in Gottes Hand.

»Ach, liebe Frau Meisterin,« sagte die kleine, förmlich eingetrocknete Frau, indem sie wie ein Wiesel zur Thür hineinschlüpfte, das Schloß eindrückte und sich dann gleich auf eine dort stehende Fußbank niederkauerte, »erschrecken Sie nur nicht; aber erfahren müssen Sie es ja doch einmal, und das Unglück, ach Du liebes Gottchen, das Unglück!« Und die Schneidersfrau zog ihre Schürze über's Gesicht und schluchzte laut.

»Hören Sie einmal, Frau Volkert,« sagte die Frau Baumann, »wenn Sie mir etwas Bestimmtes mitzutheilen haben, so thun Sie es; aber schneiden Sie mir das Herz nicht nach einander in kleinen Stücken ab. Mir ist so angst und weh genug zu Sinn, machen Sie's nicht noch ärger, und was ich erfahren muß, je eher, desto besser, denn die Ungewißheit nimmt Einem sonst noch das bischen Verstand ganz mit fort.«

»Ach, das Fritzchen, das Fritzchen,« klagte die arme kleine Frau, »nein, daß er auch so 'was nur thun konnte, daß er auch so 'was nur thun konnte -- und so braver Leutchen Kind, so braver Leutchen Kind!«

»Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß mein Fritz die furchtbare That begangen haben kann, Meisterin?« rief die Frau Baumann wirklich halb außer sich.

»Aber es hat's ja schon gestanden,« klagte die kleine Frau wieder, »es hat's ja schon gestanden; die ganze Stadt weiß es ja, und das Fränzchen kam vorhin noch ganz besonders zu uns herüber, um uns das schreckliche Geschichtchen zu erzählen. Ach Du lieber Gott, Du lieber Gott, und übermorgen, noch dazu an einem Freitag, soll ihm das Köpfchen heruntergeschlagen werden.«

»Volkert,« stöhnte die Meisterin, indem sie von ihrem Stuhl aufsprang und ihr Herz mit beiden Händen faßte, »treibt Ihr auch noch Euren Spott mit mir?« Aber der Verdacht war gewiß unbegründet, denn die kleine Frau weinte selber so bitterlich, als ob ihr das eigene Herz darüber brechen sollte.

Des Schlossers Frau stand starr und unbeweglich neben ihr; das Antlitz war ihr todtenfahl geworden, ihre Glieder zitterten, ihr Auge haftete stier und gläsern an der Unglücksbotin. Endlich sagte sie mit leiser, heiserer Stimme: »Aber es kann ja gar nicht sein, Volkert; wenn der Fritz wirklich die schreckliche That verübt hat -- und es müßte das in der Verzweiflung geschehen sein, denn an dem Tage war er seiner Sinne kaum mächtig --, wenn er den Juden wirklich erschlagen hat, so ist es im Zorn, in der furchtbaren Aufregung geschehen. Wer weiß auch, wie ihn der Mann gereizt, ob er ihn nicht gar vielleicht seines Unglücks wegen verspottet hat, daß der Fritz gegen ihn die Hand erhoben, und dann -- dann können und dürfen sie ihn doch nicht am Leben strafen. Es ist nicht möglich! Denken Sie nur, Volkert, wie vor noch gar nicht so langer Zeit jener Officier den Mann erstochen hatte, und der war nur vom Wein aufgeregt gewesen, da bekam er zwei Jahre Festungsstrafe, wurde aber nach dem ersten Jahre schon begnadigt und kam wieder frei. Sie können und werden doch meinen Fritz nicht ärger strafen als Jemanden, der eine solche That im Trunk verübt?«

»Ja, aber liebe, beste Frau Baumannchen,« winselte die kleine Frau hinter ihrer naßgeweinten Schürze vor, »das war doch auch ganz 'was Anderes; das war ja doch auch ein Gräfchen, das den armen Menschen erstochen hatte, ein ganz vornehmes Gräfchen, und sein Vater war Ministerchen oder sonst so 'was. Ja, wenn das Fritzchen ein vornehmes Gräfchen oder ein Barönchen wäre und sein Vater kein Schlosserchen, dann könnten Sie recht haben, und er käme vielleicht ein Jährchen oder so in die Festung, und nachher wäre das Geschichtchen aus und würde kein Wörtchen mehr darum gesprochen. Aber so, ach Du mein liebes Himmelchen, wenn sie dem Herzen von einem Menschen das Köpfchen herunterschlagen!«

Die Frau Baumann hörte gar nicht mehr, was sie zuletzt sagte, und wie von einem neuen und plötzlichen Gedanken ergriffen, starrte sie die Schneidersfrau mit einem Blick an, daß diese jedenfalls darüber zu Tode erschrocken wäre, wenn sie nur hätte vor lauter Schluchzen aus den Augen sehen können.

»Und Ihr glaubt, Volkert, daß er frei käme, wenn es ein Baron oder Graf wäre?« sagte sie mit heiserer, fast tonloser Stimme.

»Ach, gewiß glaub' ich's,« wimmerte die kleine Frau; »und die Homeier war auch heute Morgen bei mir, und wir haben darüber gesprochen, und der ihr Männchen hatte dasselbe gesagt, und der versteht es, denn er ist Bote bei den Gerichtchen und hat immer die Actenstückchen von einem der Herren zum andern zu tragen. Aber ein Handwerkerchen, ach Du liebes Gottchen, das ist ja gar nichts! Deren giebt's die Hülle und die Fülle, und so ein armes Schlosserchen oder Schneiderchen, oder was es auch sonst ist, mit dem machen sie keine Umstände und lassen dem Gesetzchen seinen Lauf.«

»Ja, ja,« nickte die Schlossersfrau, »es ist wahr; wir sollen Alle vor den Gesetzen gleich sein, so steht's in den Büchern und so sagen's die Leute. Aber es ist nicht so: den Vornehmen lassen sie eine Hinterthür offen, und die schlüpfen durch, und mit den Armen und Gedrückten füllen sie ihre Zuchthäuser und Gefängnisse -- und wer verdient mehr Strafe, wenn er ein Verbrechen begeht, der Reiche und Vornehme, der Alles, was er braucht, im Ueberfluß hat und im Uebermuth braucht, oder der Arme und Gedrückte, den oft Noth und Verzweiflung dazu treiben?«

»Aber wir machen's nicht besser, Frau Baumännchen,« klagte die Kleine; »wir ändern die Welt nicht, und dürfen noch nicht einmal ein Muckschen thun, sonst werden wir ebenfalls eingesteckt.«

»Ja, wenn es ein Graf oder Baron wäre,« sagte die Schlossersfrau, noch immer vor sich hinstierend.