Der Erbe: Roman. Zweiter Band.
Part 13
»Ich habe nicht übertrieben,« versetzte der Vater. »Sie war allerdings in der Angst und Aufregung des Moments todtenblaß, aber dennoch nehme ich mein Wort nicht zurück: ich habe noch nie in meinem Leben ein so vollkommen schönes und dabei in jeder Bewegung edles Wesen gesehen, als jenes Mädchen.«
»Und das wird es auch gewesen sein, was ihn dort hingeführt hat,« sagte die Mutter, aber doch unruhig auf ihrem Stuhl herumrückend; »das hübsche Gesicht hat ihn angelockt. Aber ein Baron kann doch wahrhaftig im Leben nicht daran denken, ein Judenmädchen zu heirathen.«
Witte warf ihr einen strengen Blick zu. »Liebe Frau,« sagte er mit scharfer Betonung, »sobald Du vermuthest, daß er überhaupt bewogen werden könnte, sein Ahnenschild zu vergessen, so wäre das immer nur ein Schritt weiter. Nach den Verpflichtungen aber, die er, allem Anschein nach, in jener Familie eingegangen ist, hoffe ich, daß er unser Haus nicht mehr betreten wird. Du hast mich doch verstanden, Mutter?«
»Du gehst zu weit, Dietrich,« sagte die Frau unruhig; »man muß doch Jemanden hören, ehe man ihn verurtheilen darf, und Dir brauch' ich das wohl nicht einmal zu sagen.«
»Nein, aber in manchen Dingen genügt es auch, wenn man Jemanden sieht, anstatt ihn zu hören,« sagte der Staatsanwalt, »und ich kann Dir versichern, daß ich nach dem, was ich heute Abend gesehen habe, vollkommen befriedigt bin. Uebrigens ist das Thema kein so angenehmes, um zu lange dabei zu verweilen; ich habe auch noch zu arbeiten. Gute Nacht, Kinder, schlaft wohl! Ihr könnt mir wohl noch eine Flasche frisches Wasser in meine Stube schicken.«
Damit ging er zur Thür hinaus und ließ, seine Frau wenigstens, in einem unsagbaren Zustand von Bestürzung zurück, da ihr in diesem Augenblick eine ganze Colonie von Luftschlössern und Phantasiebauten durch und über einander gepoltert waren.
Der Lieutenant von Wendelsheim -- _ihr_ Lieutenant, den sie sich selber, wie sie glaubte, sorgfältig herangezogen, den sie für ihre Tochter ausgesucht und bestimmt, und kein erlaubtes Mittel unversucht gelassen hatte, um ihn heranzuziehen, in der Judenfamilie! Und die Schmach und Schande, wenn sie an die Frau Appellationsgerichtsräthin dachte, die sie zu ihrer Vertrauten in allen Herzensangelegenheiten gemacht, und _die_ Frau konnte nicht schweigen, das wußte sie aus Erfahrung!
Ottilie war aufgestanden und zum Fenster getreten; das Herz schien ihr zum Zerspringen voll, aber sie wagte nicht, ein Wort zu äußern, und an dem Fenster klopfte sie in Gedanken eine Melodie und schlug dann leise mit der rechten Fußspitze den Tact, erschrak aber ordentlich und hörte auf, als ihr einfiel, daß das gerade die letzte Française sei, die sie mit dem Verräther getanzt hatte.
Aber war denn die Sache wirklich so schlimm? Die Frau Staatsanwalt konnte es sich noch nicht denken, aber darüber auch freilich mit der Tochter keine Rücksprache halten. Wer wußte denn, ob er nicht nur ganz flüchtig durch die Schönheit jenes Mädchens geblendet gewesen und gar nicht daran dachte, eine ernste Neigung für sie zu fühlen! Er hatte in der letzten Zeit viel Geld gebraucht -- die Erbschaft wurde erst in den nächsten Wochen ausgezahlt; der alte Salomon verlieh aber Geld auf Zinsen, und was war natürlicher, als daß er sich, um den guten Willen des Vaters zu erwerben, ein klein wenig hatte um die Tochter bemühen müssen. Wenn sie nur Jemanden gewußt hätte, der ihr darüber nähere Auskunft geben konnte!
Und der Lieutenant sollte das Haus nicht wieder betreten? Lächerlich! Wer hätte es ihm denn verbieten wollen? Sie gewiß nicht -- und ihr Mann? Ja, er gab manchmal, wenn ihn der »Hausherrndünkel« überlief, wie es die Frau Staatsanwalt nannte, solche Befehle; aber ob sie jedesmal ausgeführt wurden, war eine andere Sache. Sie selber erinnerte sich wenigstens zahlreicher Beispiele, wo ganz entschieden befohlene Anordnungen in das genaue Gegentheil umgeschlagen waren. Möglich, daß es auch diesmal der Fall sein konnte.
Anders traf Ottilie die Nachricht; sie war wirklich nicht allein im innersten Herzen, sondern auch in ihrem Stolz und Ehrgeiz verwundet, und selbst die Rückerinnerung an Vergangenes bot ihr keinen Trost. Sie hatte geglaubt, daß Bruno sie liebe; aber sie mußte sich jetzt selber gestehen, daß er ihr nie Gelegenheit geboten habe, es bestimmt zu wissen. Er war immer freundlich und artig gegen sie gewesen -- aber nie mehr. Er hatte ihr Schmeicheleien gesagt, ja -- aber nicht anders als all die gewöhnlichen schalen Redensarten lauten, mit denen junge Herren nur zu häufig eine Unterhaltung führen. Wenn sie denen aber eine andere Auslegung gegeben, war das nicht ihre Schuld gewesen? Und sie hätte jetzt weinen, bitterlich weinen mögen, wenn sie daran dachte, daß sie nur einen Augenblick den »Falschen« für werth gehalten, ihm mehr zu sein als eine flüchtige Ballbekanntschaft.
Das Thema eignete sich aber heute Abend für beide Theile nicht zur Unterhaltung, und wenn auch Ottilie mit ihrem Urtheil über den Baron von Wendelsheim viel mehr im Klaren war als ihre Mutter, die noch immer nach verschiedenen Seiten hin einen Anhalt suchte, so fühlte sich doch weder Mutter noch Tochter dazu aufgelegt, die Sache augenblicklich weiter zu erörtern.
Ottilie ging noch zum Flügel, phantasirte anfangs etwas schwermüthig, und ging dann wie zum Trotz in Strauß'sche Walzer über. Die Mutter dagegen saß still brütend in einer Ecke, hörte gar nicht auf das Spiel und fing langsam an, die eingestürzten Schlösser wieder aufzubauen.
11.
Rath Frühbach.
Am nächsten Morgen war der alte Schlossermeister schon vor Tagesanbruch auf den Füßen; er hatte keine Ruhe, und die Minuten wuchsen ihm zu Stunden, bis er hinaus und den »verlorenen Sohn« aufsuchen konnte. Mit fabelhafter Schnelle hatte sich aber indessen das Gerücht über den Raubanfall auf den alten Salomon und den vermeintlichen Mörder in der Stadt verbreitet, und schon als Baumann vorher noch einmal nach seines Sohnes Wohnung ging, in der kaum gewagten Hoffnung, ihn dort anzutreffen, begegnete er Leuten in der Straße, die ihn zu trösten versuchten und meinten, der alte Jude habe sich gewiß ungebührlich gegen den jungen, heißblütigen Mann gezeigt und dieser ihn nur im Jähzorn verwundet.
Er durfte nicht mehr an der Wahrheit des furchtbaren Gerüchts zweifeln, noch dazu, da er auch in dem Hause die Gewißheit bekam, daß Fritz gestern Abend nicht heimgekehrt sei und auswärts geschlafen haben müsse; dort wußten sie nämlich noch nichts von dem verübten Mord und dessen Folgen.
Mit flüchtigen Schritten eilte er jetzt zum Polizeigebäude, wo die in Untersuchungshaft befindlichen Verbrecher saßen. Er hörte hier allerdings die Bestätigung, daß Friedrich Baumann, Mechanikus aus Alburg, gestern Abend gefänglich eingebracht sei, wurde aber ganz kurz und bündig abgewiesen, als er nur die Bitte aussprach, den Sohn zu sehen und zu sprechen. Darüber hatte der Untersuchungsrichter zu bestimmen, der keinesfalls vor zehn Uhr kam; aber selbst dann, wie der Gefängnißwärter meinte, solle er sich keine Hoffnung machen, eine derartige Erlaubniß zu bekommen, bis nicht wenigstens der Angeklagte bekannt hätte. Nachher, jawohl, würde es keine weiteren Schwierigkeiten haben, und er möge sich dann wieder melden.
Der Schlossermeister lief jetzt in seiner Verzweiflung zu des alten Salomon Haus, um dort vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber auch dort wurde er nicht einmal eingelassen, denn die Thür war mit Polizei besetzt, da gerade eine besonders dazu gewählte Commission den gestern versiegelten Laden untersuchte, um vielleicht noch weitere Spuren aufzufinden. Ja, als er selbst seinen Namen nannte und sagte, er sei der Vater des jungen Mannes, gegen den ein so furchtbarer Verdacht vorliege, meinte der eine Polizeidiener, dann solle er nur ein klein wenig Geduld haben, denn in dem Falle könne er sich fest darauf verlassen, daß er schon selber vorgeladen würde, um über das frühere Leben des Verhafteten Aufklärung zu geben.
Ein letzter Versuch, den er machte, war beim Staatsanwalt Witte, denn er hatte zufällig gehört, daß dieser gestern Abend mit in der Wohnung des Ermordeten gewesen sei; aber er traf ihn nicht mehr zu Hause, er war selber früh aus- und seinen Geschäften nachgegangen.
Ganz gebrochen kehrte der alte Mann in seine eigene Heimath zurück, und wenig genug Trost fand er dort. Seine Frau fiel ihm, als er nur die Werkstätte betrat, um den Hals und schluchzte laut; die kleine Else weinte, weil sie die Mutter weinen sah, und Karl, sein zweiter Sohn, stand verdrossen bei der Arbeit. Drei, vier verschiedene Leute waren aber auch schon wieder dagewesen und hatten alle von der Schreckensgeschichte gesprochen und Näheres darüber natürlich in Baumann's eigenem Haus erfahren wollen, und wie das die Mutter aufregen mußte, ließ sich denken.
So verging der ganze Tag und die Nacht und der nächste Tag. Der Gefangene hatte indessen zwei Verhöre zu bestehen, war aber auf das bestimmteste bei seiner ersten Aussage, von welcher er durch keine Kreuzfragen abgebracht werden konnte, geblieben. Dann wurde auch sein Vater vorgefordert, aber nicht mit dem Sohn confrontirt. Man wollte nur hören, ob, was er über des jungen Mannes Weg zum alten Salomon aussagte, mit dem übereinstimme, was der Gefangene angegeben, und das war allerdings genau der Fall. Zeit wie Angabe trafen mit der Aussage überein, und daß mehrere Bewohner der Judengasse erklärten, ihn in der Dämmerung gesehen zu haben, wie er mehr gelaufen als gegangen sei und etwas unter dem Arm getragen habe, sprach eben so wenig gegen ihn, denn er leugnete das gar nicht ab und erklärte es einfach dadurch, daß er gefürchtet habe, den Laden des alten Mannes schon verschlossen zu finden.
Auch das Alarmiren der Hausbewohner durch Anklopfen und Hülferufen konnte auf keinen Andern zurückgeführt werden, als auf ihn selber, und hatte er das wirklich gethan, so war es natürlich nicht wahrscheinlich, daß er nach eben verübtem Verbrechen selber Lärm machen und die Verfolger auf seine Fährte hetzen würde.
Nichtsdestoweniger zögerte man noch immer, ihn zu entlassen, denn die Polizei gesteht nur sehr ungern und im äußersten Nothfall zu, daß sie einen Mißgriff gemacht. Irgend Jemanden mußten sie ja doch auch einstecken, und er war der einzig Verdächtige, den sie finden konnten. Jedenfalls beschloß der die Untersuchung führende Assessor, den Angeklagten so lange in Haft zu halten, bis sich Salomon wieder so weit erholt habe, um selber eine Aussage zu machen -- möglich ja doch, daß er den kannte, der ihn angegriffen, und der alte Mann schien sich wirklich zu erholen, wenn man auch in der Stadt nichts davon erfuhr.
Witte's Rath war nämlich streng befolgt und das Gerücht absichtlich verbreitet und unterhalten worden, der Ueberfallene, der allerdings noch immer in Lebensgefahr schwebte und selbst noch in den ersten vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung blieb, sei seinen Wunden erlegen. In seiner eigenen Wohnung aber wurde er indessen mit der größten Liebe und Sorgfalt gepflegt; Rebekka besonders wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager.
Die Polizei hielt allerdings die strengsten und sorgfältigsten Nachforschungen nach allen Richtungen hin, um nur irgendwo eine andere Spur zu finden, der sie folgen könne -- freilich ohne das geringste Resultat. Wenn der Gefangene die That wirklich nicht vollbracht hatte -- und der Untersuchungsrichter zweifelte jetzt selber daran --, so schien sich der wirkliche Thäter dem strafenden Arm der Gerechtigkeit so schlau entzogen zu haben, daß sein Auffinden von Tag zu Tag schwerer und unwahrscheinlicher wurde; denn wie rasch konnte er bei der Leichtigkeit der Verbindungen Stadt und Land verlassen, und hatte das möglicher Weise auch vielleicht schon lange gethan. Was half es, daß fortwährend zwei Polizeibeamte am Bahnhofe stationirt blieben und alle Reisenden scharf musterten -- jeden ausgehenden Koffer konnte man doch nicht visitiren und am Gesichte auch nicht so leicht einem Menschen ansehen, ob er ein Verbrechen begangen habe oder nicht -- es liefen sonst nicht so viele Missethäter frei umher!
Auch Rath Frühbach entwickelte in dieser Zeit eine ganz besondere, wenn auch negative Art von Thätigkeit. Er lief nämlich von Morgens früh bis Abends spät auf der Straße herum und hielt Unglückliche, denen er begegnete, von ihren Geschäften ab, indem er ihnen Criminalgeschichten aus Schwerin erzählte, die mit der jetzigen in sofern Aehnlichkeit hatten, als sie sämmtlich ohne Resultat blieben. Leider aber kam er nur selten über die Einleitung hinaus, denn er war schon in der Stadt bekannt geworden, und wer irgend konnte, wich ihm aus. Ja, unter den Händen brachen sie ihm manchmal aus und ließen ihn mitten in einer Erzählung stehen, deren Pointe er gewöhnlich selbst nicht wußte, und deren Anfang er vergessen hatte.
Dadurch wurde seine Laune aber nicht gebessert; er fing an, die Menschen in seinem Herzen des Undanks zu beschuldigen und sich ähnlicher Fälle aus Schwerin zu erinnern, und war froh, als es endlich Mittag wurde, daß er nun doch nach Hause gehen, essen und sich darauf wie gewöhnlich schlafen legen konnte. Er versäumte auch nichts, wenn er schlief, und andere Menschen gewannen Zeit, also war es ein doppelter Vortheil, den er erzielte. Leider sollte er aber selbst in seiner Behausung heute keine Ruhe finden.
»Männi,« sagte die Frau Räthin, als er in's Zimmer trat und sich, wie immer in Transspiration, die Stirn abwischte, »der Schneider war wieder da, um das Zeug abzuholen, wovon Du Dir die neuen Beinkleider machen lassen wolltest -- ich habe es aber nicht finden können; gieb es doch heraus.«
»Das Zeug?« sagte der Rath, indem er verwundert mitten in der Stube stehen blieb. »Aber, mein liebes Herz, das habe ich Dir ja schon vorgestern Morgen draußen in den Vorsaal gelegt und Dich dringend gebeten, es augenblicklich fortzuschaffen, da ich so abgerissen bin, daß ich mich kaum noch auf der Straße sehen lassen kann! Die Leute weichen mir überall aus.«
»Ja, ich erinnere mich wohl, Männi,« sagte seine Frau zärtlich, »daß Du mir das gesagt hast; aber wie Du fort warst, konnt' ich es nirgends finden, und nachher kam die schreckliche Geschichte mit dem alten Salomon dazwischen, und ich habe gar nicht wieder daran gedacht.«
»Dann liegt es am Ende jetzt noch draußen?«
»Nein, gewiß nicht; die Henriette und ich sind überall herumgekrochen, aber es ist nirgends zu finden. Du hast es gewiß wieder in Gedanken eingeschlossen, Männi -- Du bist manchmal so zerstreut.«
»Ja, lieber Schatz,« sagte der Rath, der sich doch nicht ganz sicher fühlte, »möglich wäre es allerdings, denn ich habe jetzt so viel zu denken, daß ich oft selber nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Die Leute hier in Alburg sind furchtbar weit in der Cultur zurück; es ist merkwürdig, sie wissen sich gar nicht zu helfen, und alle Augenblicke werde ich bald von der, bald von jener Seite um Rath gefragt.«
»So sieh' nur einmal nach, Männi, und nachher kann es die Henriette gleich hinübertragen, daß er es schnell macht.«
»Ja wohl, mein Täubchen,« erwiederte Frühbach, indem er den Schlüssel aus einer seiner Taschen herausarbeitete und erst die oberste, dann die zweite und dritte und vierte Schublade aufschloß, um das gesuchte Stück Zeug zu finden -- aber es war nicht da. Er war niedergekniet und hatte jetzt einige Mühe, sich wieder aufzurichten, schüttelte aber dabei ununterbrochen mit dem Kopf und ging, aber mit nicht besserem Erfolg, an seinen Kleiderschrank, an den Schreibtisch, an eine andere Commode, kurz überallhin, wo sich ein solches Stück Tuch möglicher Weise hätte aufbewahren lassen -- aber immer umsonst.
Die Henriette meldete, daß das Essen aufgetragen wäre und kalt und der unvermeidliche Aepfelwein warm würde -- umsonst. Der Rath Frühbach suchte an den unmöglichsten Plätzen, die man gar nicht einmal alle nennen kann, nach seinem Stück Hosenzeug und kam zuletzt, aber auch erst ganz zuletzt, zu der Schlußfolgerung, daß es entweder verschwunden oder gestohlen sein müsse.
Mit der Ueberzeugung setzte er sich zu Tisch, und daß ihm dabei kein Bissen und kein Trunk schmeckte, läßt sich denken. Auch von dem Nachmittagsschlaf sah er ab, denn das Hosenzeug, groß carrirt, mit rothen, blauen und grünen Streifen, hatte drei Thaler zwanzig Groschen gekostet und war nicht so leicht aufzugeben. Jedenfalls mußte augenblicklich die Anzeige auf der Polizei gemacht werden, um dem Dieb wo möglich auf die Spur zu kommen.
Bei Tisch stellte der Rath aber noch eine genaue Untersuchung an, um zu erfahren, wer in den letzten Tagen bei ihnen gewesen wäre, und ob vielleicht auf eine oder die andere Person ein Verdacht fallen konnte -- aber, Du lieber Gott, wie war es möglich, sich noch auf all' die Leute zu erinnern, die in solch einer Wirthschaft ein und aus gingen! Der Schneider war dagewesen und der Schuster, Leute, die Rechnungen brachten, der Briefträger, Bettler, die noch nicht wußten, daß in der ersten Etage nichts gegeben wurde, die Chorknaben, die Apfelsinen- und Bücklingsfrau und eine wahre Unzahl von Obst- und Gemüseweibern -- es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, zwischen denen nach einer Spur zu suchen. Aber das war auch, wie er mit Bestimmtheit erklärte, gar nicht seine Sache, sondern die der Polizei, und ihm blieb deshalb nichts übrig, als eben nur die einfache Anzeige zu machen. Sein Hosenzeug mußte ihm die Sicherheitsbehörde wiederschaffen, denn dafür zahlte er sein Schutzgeld und seine Steuern.
Frühbach war wirklich in einer verzweifelten Stimmung; noch während des Essens tanzten ihm fortwährend die roth-blauen und grünen Carrés seines Hosenstoffes vor den Augen umher, und er konnte die Zeit kaum erwarten, wo er dem Actuar oben auf der Polizei erzählen durfte, daß er sich auf einen ganz ähnlichen Fall in Schwerin besinne, wo ihm ebenfalls noch ganz neues Leder zu einem Paar Stiefel, das er sich besonders zu diesem Zweck aus Rußland hatte kommen lassen, gestohlen worden sei. Er machte denn auch augenblicklich die Anzeige, und es wurden vier oder fünf Menschen, die nichts davon wußten, darüber vernommen. Nachher war er abgereist, aber sein Stiefelleder sollte er noch heute wiederbekommen.
Das Alles schadete aber nichts, die Anzeige mußte gemacht werden, das war er sich und seinen Mitmenschen schuldig. Die Unsicherheit in der Stadt nahm ja auch wirklich einen so bedenklichen Charakter an, daß man seines eigenen Lebens nicht mehr sicher war: Einbruch mit Todtschlag, Raub, Diebstahl in der eigenen, durch eine Vorsaalthür verschlossenen und mit einer Klingel versehenen Wohnung -- das streifte schon an die Grenze des Unerhörten, und er nahm sich deshalb auch wirklich kaum Zeit, nach dem Essen eine Tasse Kaffee zu trinken, als er schon wieder seufzend zu Hut und Stock griff und hinaus auf die Straße eilte.
Daß Einen auch die Menschen nicht in Ruhe ließen! Legte er wohl je irgend Jemandem etwas in den Weg? War er nicht freundlich und gutmüthig mit Allen, ja, opferte er ihnen nicht oft aus reiner Gefälligkeit seine Zeit? Und das war sein Dank -- Hosenzeug stehlen, was er noch nicht einmal bezahlt hatte!
In der Entrüstung dieses Bewußtseins beschleunigte er seine Schritte und schlug den geraden Weg nach dem Polizeigebäude ein, als er plötzlich einen kleinen, etwas corpulenten Mann vor sich hergehen sah, der -- er nahm schnell die Brille ab und wischte sie aus, denn er glaubte, daß er sich geirrt haben müsse; das Muster des Hosenzeuges war ihm die ganze Zeit so vor den Augen herumgeschwebt, daß er es jetzt wahrscheinlich an allen ihm begegnenden Menschen entdeckte -- aber nein, beim Himmel! der Mann da vor ihm trug, so wahr er lebte, _seine_ Hosen, und Glück oder Zufall -- es war ihm jetzt ganz gleichgültig -- hatten ihn auf die rechte Spur geführt, oder ihm vielmehr den Uebelthäter gleich in die Hände geliefert.
Einige Schwierigkeiten hatte es allerdings noch, bis er den »Räuber seines Eigenthums« einholen konnte, denn er schritt genau so rasch aus, wie er selber -- sollte er ihn vielleicht schon erkannt haben und jetzt absichtlich ihm aus dem Wege zu schlüpfen suchen? Aber das gelang ihm nicht: Frühbach war entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren; und wenn er noch mehr schwitzte, als er jetzt schon that, der kam ihm nicht mehr aus.
So waren sie etwa zwei Straßen in einem gelinden Sturmschritt hinabgelaufen, Frühbach immer etwa zwanzig Schritt hinter seiner Beute, ohne im Stand zu sein, etwas an ihm zu gewinnen, als der vor ihm Gehende plötzlich vor einem Schuhladen stehen blieb und das ausgestellte Schuhwerk im Fenster betrachtete. In wenigen Secunden war der Rath an seiner Seite und erkannte jetzt ebenfalls zu seinem unbegrenzten Erstaunen in dem Träger seiner Hosen, wie er meinte, den Schuhmacher Heßberger, der auch für ihn arbeitete und gerade in der letzten Zeit öfter in seinem Hause gewesen war.
»Hallo, Meister,« sagte der Rath, wirklich auf's äußerste überrascht, indem er neben ihm stehen blieb und ihn betrachtete, als ob er eben aus dem Mond heruntergestiegen wäre, »wo kommen Sie denn her?«
»Ich? -- Ach, schönsten guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Hätte Sie beinah' nicht erkannt! Herr Du meine Güte, schwitzen Sie -- tragen aber auch noch so einen dicken, warmen Sirtut bis obenhin zugeknöpft -- wo ich herkomme? Von zu Haus. Ich bin ja nicht verreist gewesen. Hatte ja noch gestern die Ehre, Frau Geheime Räthin ein Paar Negluschehschuhe zu bringen -- passen doch hoffentlich, wenn ich fragen darf?«
Der Rath wußte nicht gleich, wie er die Sache anfangen solle, um den nichtswürdigen Schuhmacher zu einem Geständniß zu bringen. Er hatte allerdings im ersten Moment Lust, es ihm auf den Kopf zuzusagen; aber die bittere Erfahrung, die er damit in Vollmers gemacht, schien ihn doch ein wenig eingeschüchtert zu haben. Er getraute sich nicht damit heraus und begann nun hintenherum die Sache auf eine schlaue Weise anzufangen, was allerdings seine schwache Seite war.
»Ja wohl, Herr Heßberger,« sagte er deshalb vor der Hand auf die Frage, die er nicht einmal recht verstanden hatte, »von Herzen gern -- aber -- wenn Sie mir erlauben -- Sie tragen da ein Paar famose Beinkleider, prächtiges Muster -- so ein Paar habe ich mir eigentlich längst gewünscht. Sind die hier gekauft?«
»Sehr schmeichelbar, Herr Geheimer Rath, wenn sie Ihnen gefallen,« sagte Heßberger mit selbstgefälliger Miene -- »eigener Guh -- selber ausgesucht. Wissen Sie, Unsereiner, der nur für die Mode arbeitet, muß doch auch ein bischen =passé= darin bleiben.«
»Ja wohl, Herr Heßberger, gewiß,« sagte Frühbach, der aber geglaubt hatte, den Schuhmacher durch diese Frage in Verlegenheit zu bringen, und sich darin vollkommen getäuscht sah. Heßberger war unbefangen wie ein neugeborenes Kind, der Rath aber nicht der Mann, sich so leicht abschütteln zu lassen, und er inquirirte deshalb unverdrossen weiter, wenn auch wieder auf einem Umweg.
»Möchte mir wohl auch so ein Paar Hosen kaufen -- ganz famoser Stoff -- erlauben Sie, wohl Wolle, wie?«
»Halb und halb, denk' ich,« sagte Heßberger, durch das seinem Kleidungsstück gespendete Lob ordentlich geschmeichelt -- »etwas Baumwolle mank. Eigentlich trage ich nicht so theure Kleider, aber man kann doch nicht gut wie Preti und Kleti herumlaufen.«
»Und wo haben Sie dieselben gekauft, wenn ich fragen darf?« sagte Frühbach, denn er merkte wohl, daß er auf Umwegen nicht in einer Stunde zum Ziel gekommen wäre.
»Das Zeug? Hier gleich um die Ecke, Herr Geheimer Rath, beim Kaufmann Magnus -- hat immer die besten Stoffe, und ich kaufe Alles dort, was ich für Damenschuhe brauche.«