Der Erbe: Roman. Zweiter Band.

Part 12

Chapter 123,863 wordsPublic domain

»Er war ein Mensch, und wer Menschenblut vergießt, deß Blut soll wieder vergossen werden. Aber jetzt geht nach Hause -- Ihr seht, das Thor ist geschlossen, und Ihr könnt durch unnöthigen Lärm nur noch die Familie beunruhigen, die so schon Schmerz und Sorge genug hat.«

Das half. »Jawohl, jawohl!« riefen die Meisten, und wenig Minuten später war die Straße menschenleer.

10.

Verschiedene Eindrücke.

In Baumann's Haus, im Stübchen neben der Werkstatt, saß die Familie beim Abendbrot; aber der sonstige fröhliche Ton herrschte heute nicht in dem kleinen Kreise. Der Alte selber war ernst oder doch wenigstens nachdenkend und sprach nicht viel, und an wen er eigentlich die Zeit über gedacht hatte, verriethen die wenigen Worte, denen er endlich Laut gab.

»Jetzt kommt er nicht mehr,« sagte er, während er sein leergetrunkenes Glas wieder mit Bier füllte; »es muß schon lange neun Uhr vorbei sein. Er ist jedenfalls nach Hause gegangen und hat sich zu Bett gelegt.«

»Zu Hause ist er nicht, Vater,« meinte Karl; »ich war vorhin drüben bei ihm und wollte mir ein Stück Werkzeug borgen, aber der Schlüssel lag, wie gewöhnlich, wenn er ausgegangen ist, unter der Strohdecke.«

»Er sollte auch etwas Gescheidteres thun, als ihn dahin legen,« sagte die Mutter; »den Platz kennen die Diebe auch, und es ist schrecklich, was in letzterer Zeit wieder in Alburg gestohlen wird.«

»Das macht unsere gute Polizei, Mutter,« lachte der Schlosser; »denn wenn sich ein Dieb von der fangen läßt, so verdient er schon seiner Dummheit wegen Strafe.«

Die Frau seufzte, sagte aber nichts weiter, stand dann auf, nahm sich ein Gesangbuch von dem kleinen Bücherbrett und fing an, darin still vor sich hin zu lesen.

Der alte Schlossermeister war aufgestanden und ging eine Weile im Zimmer auf und ab. Er sah dabei manchmal die Frau an, als ob er sich mit ihr beschäftige -- schwieg aber noch immer. Er hatte beide Hände vorn in seinen Hosengurt geschoben und pfiff leise vor sich hin, wie er gewöhnlich that, wenn er in recht tiefen Gedanken war. Die Frau achtete nicht auf ihn -- sie las immer weiter, und endlich sah er, als er einmal hinter ihr vorüberging, daß ein im Lampenlichte blitzender Thränentropfen in das aufgeschlagene Buch fiel, ohne daß sie ihn wieder weggewischt hätte.

»Höre, Karl,« sagte er, indem er vor dem Sohn stehen blieb, »geh' jetzt zu Bett; ich habe mit Deiner Mutter noch 'was zu reden.«

»Ja, Vater,« sagte Karl, »mir ist's auch recht; ich bin müde, und bei Euch scheint's heute Abend langweilig zu sein. Die Mutter liest und Du pfeifst, da will ich lieber unter die Decke kriechen; morgen müssen wir doch wieder früh heraus -- Gute Nacht mitsammen!«

Karl hatte schon lange das Zimmer verlassen, aber der alte Baumann schwieg noch immer. Er war nur stehen geblieben, pfiff nicht mehr und sah seine Frau an, die noch über das Buch gebeugt saß. Aber sie las auch jetzt nicht; ihr Auge flog darüber hin, und es war fast, als ob sie die Anrede des Mannes mit Zagen erwarte.

»Sag' einmal, Alte, was dir eigentlich ist,« begann der Schlossermeister, indem er sich mit beiden Händen auf ihre Stuhllehne stützte; »Du kommst mir ordentlich wie verwandelt vor. Du sitzest in Dich gekehrt, Du seufzest, liest in einem Gesangbuch, weinst sogar dabei. Hast Du 'was auf der Seele, wem besser könntest Du es wohl anvertrauen, als mir? Sorgt Dich aber 'was, ei, alle Wetter, dann bin ich auch gerade der Mann, um es Dir abzunehmen! Bist Du krank, Mutter?«

»Nein, Gottfried,« sagte die Frau leise, »ich bin nicht eigentlich krank; aber -- ich weiß nicht -- es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, wie eine Ahnung -- als ob uns etwas recht Schlimmes passiren müsse, und ich weiß doch eigentlich nicht, was.«

»Du lieber Gott, ja,« nickte Baumann, indem er sich jetzt neben sie niedersetzte und ihre Hand nahm, »man hat ja wohl solche Stunden, und die Doctoren sagen, es läge im Blut -- aber ist's das auch wirklich, Alte? Sieh', wir sind jetzt die langen, langen Jahre mit einander verheirathet -- unsere silberne Hochzeit liegt sogar hinter uns -- und so glücklich mit einander gewesen, haben so zufrieden mitsammen gelebt, und nie, nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen. Wenn Du 'was hattest, das Dich drückte, sagtest Du's mir -- wenn ich 'was hatte, that ich ein Gleiches und sagte es Dir -- soll das jetzt anders werden!«

»Nein, Gottfried, nein -- es wäre ja furchtbar!« seufzte die Frau und lehnte ihr Haupt an seine Brust; aber ihre Thränen fielen stärker.

»Na, also dann heraus mit der Sprache, Mutter,« lachte Baumann; »es drückt Dich 'was -- ich seh's Dir an, und wenn ich der Sache nur erst einmal auf den Grund komme, wollen wir auch schon Rath schaffen.«

»Ja, aber was soll ich Dir denn sagen?« klagte die Frau; »ich weiß es ja selber nicht. Nur so ein dumpfes Gefühl liegt mir auf dem Herzen.«

»Hm,« brummte der Schlossermeister, »das ist genau so wie damals, als wir noch nicht lange verheirathet waren und bald nach der Geburt des einen Jungen -- war's der Fritz oder Karl? -- da machtest Du dieselben Geschichten, und wie lange dauerte das, und wie hab' ich mich damals gesorgt, und nachher war's doch nichts. Nach und nach wurde es besser, und alle Deine Ahnungen, wie Du's damals auch nanntest, fielen in den Sand.«

Die Frau nickte leise mit dem Kopf, und Baumann fuhr nach einer Weile fort:

»Aber ich weiß schon, wo das herkommt. Deine Schwester, die Heßberger, hat die ganze Zeit den Kopf voll solcher Schrullen, und mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien bildet sie sich am Ende selber ein, daß sie 'was wüßte; und ein Wunder wär's nicht, wenn sie so viele Gänse findet, die's ihr glauben -- und die hat Dich angesteckt. Mit all' ihren überirdischen Ideen und Einbildungen macht sie die Leute rein verrückt, und wenn man die ganze Geschichte bei Lichte besieht, so ist's nichts als Schwindel und blauer Dunst. Mir ist die Verwandtschaft auch schon lange leid, und ich war froh, daß Ihr nicht mehr zusammenkamt; heute Nachmittag war sie aber wieder ein paar Stunden da, und von der hast Du Dich auch nur beschwatzen lassen.«

»Ach, Gottfried, Du magst einmal die Schwester nicht leiden, und sie hat's doch so gut mit mir gemeint!«

»Das ist möglich,« sagte der Schlossermeister kopfschüttelnd, »aber wenn's wirklich so ist, jedenfalls verkehrt angefangen. Mit ihren verdammten Schrullen sollte sie zu Hause bleiben, und der -- na, ich will Dir nicht weh thun, Alte, aber unser Schwager -- wenn ich den verfluchten Kerl mit seinem »Gelobt sei Jesus Christus« nur sehe, wird mir schon steinübel.«

»Es ist ein seelensguter Mensch,« sagte die Frau, »und er thut meiner Schwester, was er ihr an den Augen absehen kann; er hat freilich seine Eigenheiten, und mir wär's auch lieber, wenn er nicht so viel in die Kirche ginge und den lieben Gott immer im Munde hätte. Aber es ist einmal seine schwache Seite, und wenn er sonst brav und fleißig ist, so haben wir doch gewiß keine Ursache, uns über ihn zu beklagen.«

»Meinetwegen,« brummte der Schlossermeister, »ich habe nichts dagegen; wenn Deine Schwester mit ihm auskommt, mir kann's ja recht sein. Aber mein Mann wär's nicht, und ich weiß auch, daß er mich nicht leiden kann -- was ich ihm eben nicht besonders verdenke, denn viel freundliche Worte hat er von mir noch nicht gehört.«

»Du thust ihm gewiß Unrecht, Gottfried.«

»Ich will's ihm wünschen,« brummte der Mann -- »aber wir sind ganz von dem abgekommen, was ich Dich vorhin fragte. Also Du kannst mir nicht sagen, was Dir auf dem Herzen liegt, Mutter? Du hast zu mir kein Vertrauen?«

»Kein Vertrauen zu Dir, Gottfried?« sagte die Frau herzlich. »Weiß ich denn nicht in den langen, langen Jahren, wie gut und treu und ehrlich Du es mit mir meinst, und hab' ich je Ursache zu einer Klage gegen Dich gehabt? Ach, Gottfried, Du bist der beste Mann, den es auf der Welt nur geben kann, und Alles, was mich niederdrückt und manchmal so weh und traurig stimmt, ist nur das Gefühl -- nie solch ein Glück verdient zu haben.«

»Unsinn,« sagte der Schlossermeister halb verlegen; »Du redest gerade, Alte, als ob Du in mich verliebt wärst und mich zum Mann haben wolltest. Ein Glück, daß Niemand da ist, der uns hört; er müßte sonst Wunder glauben, was Du an mir hättest. Aber das weiß ich denn doch besser...«

Er horchte auf, denn draußen am Laden wurde gepocht. Die Werkstätte war schon verschlossen, und durch die in die Fensterläden eingeschnittenen herzförmigen Löcher konnte man von außen sehen, daß noch Licht im Zimmer war.

»Holla,« sagte der alte Baumann, »kommt da noch Besuch? Wer ist da?«

»Ich bin's, Meisterchen,« antwortete eine feine Stimme; »machen Sie nur einmal auf.«

»Ja, ich bin's, das kann ein Jeder sagen,« brummte der Schlosser.

»Das muß die Volkert, des Schneiders Frau, sein -- unsere Nachbarin,« sagte die Mutter.

»Sind Sie das, Frau Volkert?«

»Ja, Meisterchen; ich habe Ihnen eine wichtige Neuigkeit zu bringen.«

»Das wird 'was Gescheidtes sein, was die alte Schwatzliese noch zu nachtschlafender Zeit hinüber jagt,« brummte Baumann leise vor sich hin, und setzte dann lauter hinzu: »Na, gehen Sie nur herum an die Werkstätte; ich mache auf.«

Damit verließ er kopfschüttelnd das Zimmer und hob die Barre zurück, die als einziger Verschluß vor der Werkstätte lag. Kaum aber war die Thür weit genug geöffnet, um einem menschlichen Wesen Zutritt zu gestatten, als ein kleines, schmächtiges Frauchen, ohne Crinoline, ohne Hut oder Haube auf, ohne Ueberrock, ohne Schuhe und Strümpfe, nur einfach im Unterrocke, als ob sie eben aus dem Bette aufgesprungen wäre, und ein altes, grün und roth carrirtes Tuch umgebunden, in die Thür hereinschlüpfte und sagte: »Ach, Meisterchen, ist denn das Fritzchen wohl zu Hause?«

»Und deshalb klopfen Sie uns heraus, um das zu erfragen?« sagte Baumann eben nicht besonders freundlich. »Warum gehen Sie nicht hinüber, wo er wohnt?«

»Ach, Meisterchen,« sagte die kleine Frau, »ich bin ja nur so von Hause fortgelaufen! Eben wollten wir uns in's Bettchen legen, denken Sie, da kommt das Fränzchen von Homeiers an's Fensterchen und klopft und ruft: He, Meisterchen, wißt Ihr schon, daß sie das alte Salomonchen in der Judengasse todtgeschlagen und das ganze Lädchen ausgeräumt und das eiserne Geldkistchen weggeschleppt haben?«

»Den alten Salomon?« rief Baumann, stutzig gemacht. »Den Henker auch, Fritz hat ihm ja noch heute Abend vor oder mit Dunkelwerden eine Arbeit hingetragen!«

»Na ja, Meisterchen, das Fritzchen soll ihn ja auch todtgeschlagen haben, und zwei Polizeidienerchen haben ihn fortgebracht. Ach, das Unglück!« schrie die kleine Frau und fing bitterlich an zu weinen.

»Was ist das?« rief Frau Baumann, erschreckt aus der Stube herausstürzend. »Was ist mit dem Fritz?«

»Ich weiß nicht,« sagte der alte Baumann, indem er sich mit der Hand an den Kopf faßte, »bin ich verrückt, oder ist die Meisterin verrückt -- der Fritz soll den alten Salomon erschlagen -- aber Unsinn -- es ist zu dumm, wie man auch nur einen Augenblick so 'was denken kann -- hahahaha, und da kommt die Meisterin im Unterrock und mit bloßen Füßen mitten in der Nacht herübergestürzt! Sie haben jedenfalls geträumt, Frau Volkert!«

»_Ach_ Du liebes Gottchen,« winselte die Frau, »ich wollte, es wäre so! Aber das Fränzchen hat selber gesehen, daß sie das Fritzchen, mit den Händchen auf den Rücken gebunden, in die Polizei gebracht haben, und das eine Polizeidienerchen sagte, er hätte das Salomonchen umgebracht.«

»Wo willst Du hin, Gottfried?« rief seine Frau erschreckt, als er in die Stube ging und dort seinen Rock vom Nagel nahm.

»Zum Fritz hinüber, Alte, und sehen, ob er zu Hause ist, und wenn er nicht da ist, auf die Polizei; ich werde sonst verrückt, wenn ich mich mit dem Unsinn im Kopf die Nacht schlafen legen soll.«

Die Frau erwiederte nichts; stumm und schweigend stand sie mit gefalteten Händen und starrte vor sich auf den Boden nieder. Baumann aber, der nicht mit Unrecht fürchtete, daß des Schneiders Frau, wenn sie allein hier blieb, noch ein Unheil mit ihrer Zunge anrichten könne, sagte, gegen diese gewandt: »Und Sie kommen mit, Meisterin; Sie können sich ja auch auf den Tod in Ihren dünnen Kleidern erkälten, denn die Nächte werden schon frisch. Das ist jedenfalls ein leeres Geschwätz von dem Franz, und wir wollen der Sache bald auf den Grund kommen.«

»Ach Gott, ja, Meisterchen,« sagte die Frau, »Sie haben recht; mein altes Rheumatismuschen plagt mich so immer. Na, gute Nacht, Frau Baumann! Machen Sie sich nur keine Sorge -- ach, Du liebes Himmelchen, mir ist der Schreck ordentlich in die Gliederchen gefahren!«

Und damit schlüpfte sie wieder wie ein Aal, und auch nicht viel breiter, zu der Thür hinaus, die der Meister für sie offenhielt.

Baumann verließ sie aber nicht, bis er sich erst fest überzeugt hatte, daß sie wirklich wieder nach Hause zurückgekehrt sei; dann erst wandte er sich und schritt zu der nicht fernen Wohnung seines Sohnes hinüber. Fritz war aber in der That noch nicht zu Hause, und jetzt wirklich beunruhigt, ging er direct auf die Polizei. Es fiel ihm allerdings nicht im Traum ein, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was das alte Weib geschwatzt, denn daß sein Fritz keinen Menschen -- noch dazu einen alten, schwachen Mann -- umbringen würde, wußte er gut genug; aber er wollte sich wenigstens die Gewißheit holen, daß es eine Lüge gewesen, und dann der Schneidersfrau morgen früh schon seine Meinung sagen. Das hatte auch noch gefehlt, daß sie der Kathrine heute Abend solch einen Schreck in die Glieder jagte!

Auf der Polizei fand er nur die gerade die Wache habenden Diener der Gerechtigkeit, und er erschrak allerdings, als diese ihm bestätigten, daß der alte Jude Salomon heute Abend mit einbrechender Dunkelheit -- eigentlich noch in der Dämmerung -- überfallen und erschlagen sei; auch ein des Mordes verdächtiger Mann sei verhaftet worden; wie der aber hieß, konnten sie nicht sagen. Sie hatten seinen Namen nicht gehört und waren nicht da gewesen, als er eingebracht wurde.

Baumann verlangte jetzt ihn zu sehen; aber das ging natürlich nicht an. Erstlich durfte überhaupt Niemand zu ihm, bis es der Untersuchungsrichter erlaubte, und dann wäre es auch jetzt zu spät gewesen. Um zehn Uhr Nachts konnte man keinen Besuch mehr zu einem Gefangenen lassen.

Aber wenn sie sich nur wenigstens erkundigen wollten, wie er hieß und wer er sei.

Das ginge auch nicht -- sie dürften hier nicht von ihrem Posten, um gleich bei der Hand zu sein, wenn etwas vorfiele, und der Gefängnißwärter schliefe schon lange. Der revidire seine Zellen regelmäßig jeden Abend um neun Uhr und läge mit dem Schlage halb zehn Uhr im Bett. Er solle morgen früh wieder vorkommen, dann könne er den Namen erfahren.

Der arme Baumann ging wie in einem Traum nach Hause. Der alte Salomon war in der Dämmerung ermordet worden, wie die Leute bestätigten, und das genau um die Zeit, in welcher Fritz bei ihm gewesen sein mußte. Daß er die That nicht verübt, verstand sich von selbst -- aber welch unglückseliger Zufall hatte hier gewirkt!

Er ging noch einmal bei Fritzens Wohnung vor; doch das Haus war jetzt verschlossen, oben bei ihm aber auch kein Licht -- er konnte noch nicht zurück sein -- und jetzt daheim -- welche Sorge würde sich wieder die Frau machen, und war das am Ende die Ahnung, die sie den ganzen Tag gequält hatte? Jedenfalls würde sie es sich einreden. Das verdammte alte Weib, daß die auch noch in der Nacht mit ihrer Hiobspost herüberkommen mußte!

Er bekam auch in der That einen schweren Stand mit seiner Frau, denn diese war so außer sich, daß sie sich selber nur immer anklagte, als ob sie an dem Allen schuld sei. Sie war furchtbar aufgeregt, und Baumann dankte seinem Gott, als er sie endlich dazu brachte, zu Bett zu gehen. Der nächste Morgen fand sie dann ruhiger und mußte ihnen ja überdies auch Gewißheit des Geschehenen bringen. Das Uebrige fand sich Alles von selber.

Der Staatsanwalt Witte war, als er Salomon's Haus verließ, noch ein Stück Weges mit seinen beiden Begleitern zusammen gegangen; dann bog er ab, seiner eigenen Wohnung zu, und schritt sehr nachdenkend und in eben nicht besonders freudiger Stimmung weiter. Es war auch in der That Manches, was ihm durch den Kopf ging, und er überlegte sich dabei hauptsächlich, ob es wohl der Mühe verlohnt hätte, daß er sich mit solchem Eifer der Sache der Frau Müller angenommen. Was ging ihn der Major oder der Rath Frühbach an und die Familie Wendelsheim? Er nickte, während er ging, immer still und nachdenkend vor sich hin; aber nicht etwa als Bestätigung eines früher gefaßten Verdachtes, sondern nur im Geist die verschiedenen übereinstimmenden Punkte der neu gemachten Entdeckung constatirend.

So erreichte er sein Haus, wo ihn die Familie zum Thee erwartete, denn mit der heutigen Expedition von Briefen war es zu spät geworden, und die Schreiber hatten auch schon lange das Büreau geschlossen und den Schlüssel drüben bei der Frau Staatsanwalt abgeliefert.

Er legte draußen Hut und Stock ab und betrat das Zimmer; aber die Frau Staatsanwalt konnte ihr Erstaunen über sein spätes Kommen nicht unterdrücken, denn es gab eigentlich kaum einen pünktlicheren Mann auf der ganzen Welt, als ihren Gatten.

»Liebes Herz,« sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, »ich wäre pünktlich gekommen, wenn mich nicht ein ganz außergewöhnlicher Fall abgehalten hätte. Ich passirte ein Haus, in dem unmittelbar vorher ein Raubmord verübt worden, und mußte der Untersuchung mit beiwohnen.«

»Ein Raubmord -- bei wem?« riefen beide Damen zugleich aus.

»Ihr kennt die Leute nicht, Kinder; in der Judengasse beim alten Salomon. Der Mann ist erschlagen und jedenfalls beraubt worden.«

»Das ist ja entsetzlich! Und hat man die Mörder gefaßt?«

»Man hat allerdings Jemanden gefaßt und abgeführt, aber vor der Hand nur auf einen Verdacht hin -- einen Bekannten von uns, den jungen Fritz Baumann.«

»Den Fritz Baumann? _Das_ habe ich mir gedacht,« rief die Frau Staatsanwalt, mit der rechten Hand in ihre Linke schlagend, »daß der noch einmal zu solch einem Ende kommen würde. Das war vorauszusehen, denn die Unverschämtheit, die der Mensch hat....«

»O Du großer Gott,« sagte Ottilie, »das wäre ja schrecklich -- die armen Eltern!«

»Hm,« brummte der Staatsanwalt, »ich hatte mir vorgenommen, bei dem alten Baumann einzusprechen, habe es aber unterwegs schändlich vergessen. Nun, eine unangenehme Nachricht erfährt man nie zu spät.«

»Also der hat ihn todtgeschlagen?« fragte die Frau weiter, die eine grimme Genugthuung darin fühlte, den Menschen gedemüthigt und bestraft zu sehen, der es gewagt hatte, zu ihrer Tochter den Blick zu erheben.

»Liebe Therese, Du urtheilst viel zu rasch,« entgegnete Witte; »ich habe Dir gesagt, daß er nur auf einen Verdacht hin eingezogen ist, weil er dort betroffen wurde und Blut an den Kleidern hatte. Das Alles erklärt sich aber vielleicht sehr natürlich, und ich persönlich glaube auch nicht einmal an seine Schuld.«

»Der hat's gethan,« rief die Frau Staatsanwalt pathetisch, »der hat es heilig gethan, denn nun er bei uns abgefallen ist -- und das wär' ihm gerade ein warmes Nest gewesen, wo er sich hätte hineinsetzen können --, trieb ihn der Ehrgeiz, rasch ein reicher Mann zu werden, um uns zu zeigen, was er könnte, und dazu war ihm kein Mittel zu schlecht; lehr' _Du_ mich Menschen kennen!«

Ottilie schwieg. Was die Mutter sagte, hatte eine Wahrscheinlichkeit für sich, aber widerstrebte doch ihren Gefühlen, es zu glauben. Sie konnte sich nicht die Möglichkeit denken, daß der immer so schüchterne Mensch ein solches Verbrechen begehen mochte; aber im Herzen war sie jetzt doppelt froh, seine Bewerbung zurückgewiesen zu haben, und schon der Gedanke daran ihr entsetzlich.

»Höre, Therese,« sagte der Staatsanwalt mit großer Ruhe, indem er sich am Tisch niederließ und den für ihn eingeschenkten Thee nahm, »auf Deine Menschenkenntniß möchte ich doch nicht zu viel bauen. Was hältst Du zum Beispiel vom Lieutenant von Wendelsheim?«

»Das ist ein durchaus braver, solider Mensch,« sagte die Frau mit Würde, »ehrlich und rechtschaffen, und wenn der einmal käme, statt des hergelaufenen Vagabunden, und um Ottiliens Hand anhielte, mit Freuden gäbe ich meinen Segen -- ein solches Vertrauen setze ich in ihn.«

»Hm -- so?« sagte der Staatsanwalt, seinen Thee langsam umrührend und in die Tasse sehend.

Aber Ottilie war aufmerksam geworden: der Vater hatte noch etwas auf dem Herzen, das sah sie ihm an -- hing es mit Bruno von Wendelsheim zusammen? Er ließ sie indeß nicht lange in Zweifel.

»Der Herr Lieutenant von Wendelsheim,« sagte er, »war heute Abend ebenfalls zugegen und befand sich merkwürdiger Weise, gerade während der Raubmord im Hause des alten Salomon verübt wurde, oben bei den Damen.«

»Bei welchen Damen?« sagte die Frau Staatsanwalt, hoch aufhorchend.

»Nun, bei den Damen vom Hause, der Frau und Tochter des alten Juden, und ich muß gestehen, daß ich in meinem ganzen Leben kein wirklich schöneres Mädchen gesehen habe, als diese moderne Rebekka ist.«

»Das ist nicht wahr,« sagte die Frau Staatsanwalt mit großer Bestimmtheit »und nur wieder eine von Deinen Erfindungen, um mich zu ärgern.«

»Wenn Du das so bestimmt weißt,« erwiederte Witte, »so brauchen wir auch nichts weiter darüber zu reden. Bitte, Ottilie, reiche mir doch einmal das Brot herüber.«

Der Staatsanwalt machte eine Kunstpause, denn er wußte recht gut, daß es seine Ehehälfte jetzt nicht dabei bewenden ließ; aber das so sehr bestimmt ausgesprochene »Das ist nicht wahr« hatte ihn geärgert, und er wollte sie dafür wenigstens dem Zwang einer neuen Anrede unterwerfen.

Die Frau Staatsanwalt ließ es aber ebenfalls an sich kommen, und da Ottilie natürlich keine Frage in dieser delicaten Angelegenheit wagte, so wurde eine ganze Weile nichts gehört, als das Klappern der Messer und Gabeln und das Klirren der Löffel in den Tassen. Endlich aber hielt es die Frau nicht länger aus -- ihr Mann war mit seiner Schweigsamkeit in einer so wichtigen Angelegenheit gerade zum Verzweifeln. Mußte sie denn als Mutter nicht darum wissen?

»Was hatte denn aber der Herr Baron von Wendelsheim in dem Hause des Juden zu thun?« brach sie endlich das Schweigen. »Das ist doch nicht Sache des Militärs, sondern nur der Polizei.«

»Ich glaube auch nicht, daß er in militärischen Angelegenheiten dort vorgesprochen ist,« sagte Witte trocken.

»Und was wollte er sonst da? Witte, Du bist heute in einer Laune, um eine Heilige die Geduld verlieren zu machen!«

»Dann sei so gut und unterbrich mich künftig nicht, wenn ich Dir etwas erzähle, mit Deinem kategorischen »Das ist nicht wahr.« Wenn ich einmal eine Behauptung aufstelle, so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen, daß sie wahr ist, und so sage ich Dir denn noch einmal: der Lieutenant von Wendelsheim war während der Katastrophe oben bei den Damen vom Hause, bei der Frau und Tochter des alten Salomon.«

»Aber was, um Gottes willen, hatte er dort zu thun? War er vielleicht aus Versehen in ein falsches Haus gekommen?«

»In der Judengasse? Sehr wahrscheinlich,« nickte ihr Gatte. »Uebrigens kann das nicht das erste Mal gewesen sein, daß er dort »aus Versehen« hinaufgerathen ist, denn er wußte außerordentlich gut Bescheid im Hause und leuchtete den Leuten, die sich dort nicht zurecht zu finden wußten, voran.«

»Der Baron von Wendelsheim?«

»Ist sehr intim in der Familie, die Versicherung kann ich Dir geben, Therese,« sagte der Staatsanwalt ernst, indem er ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, »und Deine Menschenkenntniß hat Dich dieses Mal, was etwa andere Voraussetzungen betreffen sollte, wie mir scheint, im Stich gelassen.«

»Und ist die Tochter wirklich so schön?« fragte Ottilie, die einen recht wehen Stich im Herzen fühlte, obgleich sie sich die größte Mühe gab, gleichgültig bei der Frage auszusehen.